Bespaßungsmaßnahmen für den Büroalltag: Mister K. und die kreative Knetmasse

Genehmigungsbürokratie

Ich sitze im Büro, also bin ich? Diesen Mythos verbreiten vor allem Konzerne mit allerlei Bespaßungsmaßnahmen, um zu kaschieren, dass das Angestelltendasein immer noch in einem „Gehäuse der Hörigkeit“ stattfindet, wie es die Wirtschaftswoche mit Verweis auf Max Weber beschreibt. Freiheit am Arbeitsplatz sei nur ein anderes Wort für Dressur.

„Die Welt dreht sich schnell und immer schneller, verraten uns die Soziologen, nur im Büro steht alles still. Kein Fortschritt nirgends, weit und breit. Der Mensch hat im vergangenen Jahrhundert den Fernseher erfunden, den Mond besucht und das Genom entschlüsselt, allein sein Angestelltenleben innoviert, das hat er nicht“, so die Wirtschaftswoche.

Noch immer rieche die Büroluft nach Anonymität und Organisation, nach Funktionalität und Vergemeinschaftung, nach Kreativitätswüste und liniertem Denken:

Die nine-to-five-Ketten

„Ganz gleich, ob eingepfercht in blickgeschützten Boxen oder lichtdurchfluteten Aquarien, in milchverglasten Vorzimmern oder verschließbaren Zellen, ob Seit an Seit im Metropolenloft oder eingelassen in die Weite einer aufgelockerten Bürolandschaft mit Kaffee-Vollautomat und Schallschutz-Stellwänden – im Büro beschleicht einen, frei nach Jean-Jacques Rousseau, das Gefühl: ‚Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch nine-to-five in Ketten’.“

Je kühner Architektur-Avantgardisten und Management-Gurus die Perfektionierung des arbeitsteiligen Miteinanders auch vorantrieben – heraus komme immer nur eine weitere Mode der humanen Käfig- und Kleingruppenhaltung.

Letztlich versteckt sich hinter den modernen Lichtsuppen-Fassaden die alte Ideologie des industriekapitalistischen Taylorismus, der auch die Büroabläufe auf Fließband-Effizienz trimmt. Was an Freiheiten im Bürokomplex zugelassen wird, sind reine Simulationsübungen, um die Mitarbeiter bei Laune zu halten. Selbstbestimmtes Arbeiten sieht anders aus, ob nun die Angestellten am Freitag mit oder ohne Hawaii-Hemd am Arbeitsplatz erscheinen dürfen.

Es sind mehr oder weniger originelle Einfälle des Personalmanagements, um das Büroleben erträglicher zu machen. Das geht am besten mit ganzheitlichen Konzepten, die in speziellen Motivationsseminaren eingeimpft werden. Die lieben Kolleginnen und Kollegen stellen sich im Kreis auf, greifen zum feuchten Händchen des Nachbarn und rufen im Chor:

„Es beginnt ein kreativer Tag und ich fühle mich gut. Just great.”


Gestresste Mitarbeiter können ihren Frust in albernen Rollenspielen abbauen. Managementaufgaben werden danach mit Knetmasse nachgestellt, weil man ja alles etwas spielerischer angehen will. Meinen Ex-Kollegen von o.tel.o dürfte der erste Auftritt unseres neuen Chefs – nennen wir ihn Mister K. – noch gut in Erinnerung sein. Mit seinen Autoverkäufersprüchen brachte er in wenigen Minuten die Motivation der kompletten Kommunikationsabteilung auf eine Raumtemperatur von Minus zwanzig Grad. Schon mal ähnliches erlebt? Mehr davon in meiner The European-Mittwochskolumne.

Arbeitswelt anders organisieren – Generaldirektor-Habitus war gestern

Letzte Recherchen für das Livestreaming-Buch
Letzte Recherchen für das Livestreaming-Buch

Flexibilisierte Arbeitszeiten, Arbeitsorte, Rollen und die zunehmende Grenzenlosigkeit von Arbeits- und Freizeit prägen die Wirtschaftsrealität. Fähigkeiten im Distanz-Management sowie die Organisation von virtuellen Teams und so genannten Cloud-Belegschaften werden wohl zur Norm. In den Top-Etagen der Wirtschaft und im Personalmanagement ist man auf diese Formen der Arbeit noch wenig vorbereitet. Selbst in der Ausbildung an Hochschulen sucht man vergeblich nach Lehrinhalten, die im Umgang mit neuen Kommunikationstechnologien erforderlich sind. Josephine Hofmann vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation spricht von Medien- und Moderationskompetenz.

Führungsarbeit werde anspruchsvoller, heißt es in dem Fraunhofer-Projekt „Führung in der grenzenlosen Arbeitswelt“:

„Sie befindet sich in zunehmendem Spagat – zwischen intensiver Kommunikation und individueller Entwicklung auf der einen und der Gewährung von Handlungsspielräumen für eigenständigere Mitarbeiter auf der anderen Seite. Wie sieht kluges Führungshandeln aus? Werden sich Leitbilder für Führung verändern müssen?“

Fraunhofer IAO will mit denen ins Gespräch kommen, um die es geht: mit den Führungskräften selbst, gerade die in der Sandwichposition des mittleren Managements. Wichtig wären dann vielleicht auch Hochschullehrer, die das Führungspersonal von morgen ausbilden.

In diesem Jahr werden mehrere tausend Führungskräfte von Fraunhofer IAO befragt, um Antworten zu finden für neue Formen der Arbeitsorganisation. Ende des Jahres sollen erste Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert werden. In Ihrem Blog verweist Hofmann auf interessante Thesen, die von Thomas Sattelberger und Thomas Vollmoeller formuliert wurden. Etwa:

„Ergebnis zählt, nicht Anwesenheit. Ergebnisse müssen honoriert werden, nicht die Arbeitszeit im Firmenbüro. Voraussetzung für Präsenz ist, dass sie sachlich geboten ist.“

Schaut man sich die klassischen Karriere-Netzwerke in großen Organisationen an, passiert genau das Gegenteil. Wer sich nicht in relevanten Kreisen oder Seilschaften bewegt, hat kaum Aufstiegschancen. Das ist die Realität. Fragt sich nur, wie man sie ändern kann. Weitere These von Sattelberger und Vollmoeller:

„Klassische Einstellungskriterien sind Potentialverschwendung. ‚Gerade‘ Erwerbsbiographien, linearer Aufstieg und stromlinienförmige Lebensläufe waren gestern. Denn Wissen wird zunehmend digital verfügbar, kostenlos. Emotionale Intelligenz und interkulturelles Verständnis gewinnen hingegen massiv an Bedeutung. Im Einstellungsprozess muss darum der Fokus verstärkt auf individuelle Fähigkeiten, Erfahrung und Kreativität gelegt werden und die private oder familiäre Lebensphase zentral berücksichtigt werden. Denn es gibt nicht zwei Leben – Arbeit und Freizeit – sondern eines. Aus Work-Life-Balance wird Work-Life-Blend.“

Auch interessant:

„Transparente Prozesse fördern unternehmerisches Denken. Was man nicht durchschaut, macht man nicht gut. Die heute nötige offene Arbeitskultur verläuft konträr zu unserer 100jährigen Arbeitssozialisation. Das alte, an militärisch-hierarchische Strukturen ausgerichtete Bild von Unternehmensführung funktioniert nicht in der Netzwerkkultur. Die technischen Voraussetzungen für Dialog und innerbetriebliche Demokratie sind vielfach gegeben. Die entsprechenden Unternehmenskulturen oftmals noch nicht.“

Schön provokativ und für manchen Chef, der immer noch im Habitus eines Generaldirektors auftritt, harter Tobak.

Bin gespannt auf die Ergebnisse des Fraunhofer-Projektes. Darüber werde ich sicherlich berichten. Die neuen Dialogformen – extern und intern – fließen natürlich ins Livestreaming-Buch ein 🙂

Siehe auch:

WIE DAS BERUFSPENDELN BEKÄMPFT WERDEN KANN – Also nur mit einem Abschied vom Anwesenheitswahl in Unternehmen und Behörden, wo es denn möglich ist.

Fahrtenbuch des Wahnsinns – Einblicke in die Pendler-Republik

Pendler Republik Deutschland
Berufspendler Republik Deutschland

Die Menschen haben sich – mangels Verkehrsmittel – ihre Arbeit dort gesucht, wo sie lebten – früher:

„Im Jahr 1900 verließ gerade einmal jeder Zehnte Erwerbstätige auf dem Weg zur Arbeit seinen Wohnort. Vor 60 Jahren war es noch jeder Vierte. Heute verlassen 60 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ihre Gemeindegrenze, um zu arbeiten – in Deutschland sind das über 17 Millionen Menschen“, schreibt Zeit-Redakteur Claas Tatje.

67 Prozent der Berufspendler fahren mit dem Auto zur Arbeit, versauern im Stau, belasten die Umwelt und ärgern sich über den Verlust an Lebensqualität. Der durchschnittliche Besetzungsgrad im Berufsverkehr liegt nach Analysen des Umweltbundesamtes bei rund 1,2 Personen pro PKW und ist damit der niedrigste aller Fahrtzwecke. 8,5 Millionen sind täglich länger als eine Stunde unterwegs. Rund sechs Millionen benötigen mehr als 25 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz.

„Allein Letztere bringen es – alle zusammengerechnet – am Tag auf die Strecke zur Sonne und zurück. Und obwohl viele von ihnen leiden, sucht kaum ein Unternehmen nach Antworten auf die Frage, wie es seinen Pendlern das Leben erleichtern könnte, damit sie gesund bleiben und vor allem entspannt“, so Tatje.

Dabei läge es doch im Interesse der Wirtschaft, Lösungen für die Folgen des täglichen Pendelwahnsinns zu finden. Arbeitgeber stellen Kindergartenplätze, bieten Genderseminare an, bemühen sich um den Betriebssport und legen Programme für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter auf. Doch kaum einer macht sich in den Führungsetagen ernsthafte Gedanken, wie man die Belastungen im Berufsverkehr reduzieren könnte.

„Täten sich alle Pendler in Deutschland zusammen, dann würden sie mehr Stimmen auf sich vereinen, als CDU und SPD zusammen bei der Europawahl erreichen werden, sie hätten mehr politischen Einfluss als der ADAC und eine größere Kaufkraft als alle Rentner. Pendler sind eine sehr unterschätzte Macht am Arbeitsmarkt. Und eine sehr unzufriedene. Der durchschnittliche Berufstätige verabscheut nämlich nichts so sehr wie den Weg ins Büro“, führt der Zeit-Wirtschaftsredakteur weiter aus, der zu diesem Thema ein Buch geschrieben hat, das Ende Mai erschienen ist: „Fahrtenbuch des Wahnsinns – Unterwegs in der Pendlerrepublik“ (Kösel Verlag).

Viele Organisationen könnten Abhilfe schaffen:

„Für nahezu alle Berufszweige und jede Unternehmensgröße stehen Technologien zur Verfügung, um Arbeit intelligenter zu organisieren. Video und Mobilität sind dabei entscheidende Treiber. Durch die Videotechnologie bekommt die Kommunikation eine ganz neue, persönlichere Qualität. In kürzester Zeit hat sie sich im privaten Bereich durchgesetzt und greift nun auch immer stärker auf die Geschäftswelt über. Dank mobiler Lösungen können via Internet dezentrale Arbeitsplätze organisiert werden. Arbeitszeiten lassen sich leichter von der Rush Hour entkoppeln, die Präsenz in Unternehmen ist seltener notwendig. Beide Aspekte können sich positiv für Berufspendler auswirken“, so die Empfehlung von Jürgen Signer, Deutschlandchef von Aastra, Spezialist für Kommunikationstechnologien.

Marketing-Professoren prognostizierten schon in den 1980er Jahren ein Ende der Dienstreisen als die ersten noch recht umständlichen und teuren Systeme für Videokonferenzen in den Vorstandsetagen eingeführt wurden.

Heute könnten komplette Abteilungen und selbst Universitätsvorlesungen über Cloud-Technologien organisiert werden. Dennoch dominiert weiterhin das Dogma der Präsenz in Organisationen von Wirtschaft und Staat. Tätje erwähnt in seinem Pendler-Opus die Arbeitspsychologin Antje Ducki, die die betriebliche Mikropolitik untersucht hat:

„Je mehr ich mich im Unternehmen zeige, desto eher spiele ich dabei mit. Hier ein kleines Lächeln, dort ein Plausch auf dem Flur und jeden Mittag eine Verabredung zum Essen.“

Karriere wird mit Sichtbarkeit am Arbeitsplatz gleichgesetzt. Diese Illusion hegen und pflegen zumindest viele Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Fast alle Chefs sehen keinen Vorteil darin, wenn sich Pendler – wann immer möglich – selbst die Arbeitszeit einteilen. Amerikanische Wissenschaftler veröffentlichten im Blog der Havard Business Review eine Untersuchung darüber, welche Mitarbeiter bei ihren Chefs am beliebtesten sind. Das Ergebnis: Wer früh um 7 Uhr anfängt, schneidet in der Gunst der Vorgesetzten besser ab als einer, der den exakt identischen Job um 11 Uhr antritt.

„Der Boss steht ja nicht im Stau. Und wenn, dann in der klimatisierten Limousine“, so Täte.

Ausführlich nachzulesen in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“. Wer Lösungen anzubieten hat für bessere Konzepte der Arbeitsorganisation, möge sich bei mir melden für Hangout-Interviews 🙂

Siehe auch:

ÜBER DIE KUNST DES DISTANZ-MANAGEMENTS.

Flexible Arbeitszeiten: Manager bevorzugen Mitarbeiter, die morgens schon früh im Büro sind. Eine andere Variante von: Ich will Sie im Büro sitzen sehen.

Kakerlaken im Homeoffice: Psychologischer Mumpitz für die Arbeitswelt

Mehr wissenschaftliches Denken, werte Herren der Alltagspsychologie
Mehr wissenschaftliches Denken, werte Herren der Alltagspsychologie

„Forscher“ haben festgestellt, dass Kakerlaken schneller laufen, wenn ihnen Artgenossen dabei zuschauen. Mit dieser tierschürfenden Erkenntnis beglücken uns die Psychologen Volker Kitz und Manuel Tusch in einem Spiegel-Beitrag, der in ähnlicher Variante auch in ihrem Buch „Warum uns das Denken nicht in den Kopf will“. Mussten die kleinen Krabbeltierchen komplexere Aufgaben lösen, etwa den Weg aus einem Labyrinth finden, störten die Zuschauer. „Daraus entstand die Hypothese: Bei einfachen Aufgaben steigt die Leistung, wenn andere anwesend sind – bei schwierigen sinkt sie“, so Kitz und Tusch. Der Test funktioniert angeblich auch bei Menschen, behaupten die beiden literarischen Scherzkekse.

„Die Wissenschaftler sagen Probanden, sie müssten sich für ein Experiment eine bestimmte Laborkleidung anziehen – in Wahrheit geht es um das Umziehen selbst: Eigene Schuhe ausziehen, Laborsocken überziehen, Laborschuhe und Labormantel anziehen. Dann sagt man den Probanden, das Experiment finde leider doch nicht statt – sie könnten sich wieder umziehen. Schaut jemand demonstrativ zu, brauchen die Probanden für die ‚leichten‘ Aufgaben – die eigenen Schuhe aus- und wieder anziehen – 30 Prozent weniger Zeit als ohne Zuschauer. Und selbst wenn nur ‚zufällig‘ jemand im Raum ist und gar nicht aufmerksam hinschaut, sind sie immer noch fast 20 Prozent schneller als allein.“

Bei den ’schweren‘ Aufgaben – die ungewohnte Laborkleidung an- und wieder ausziehen – sei es umgekehrt:

„Hier brauchen die Probanden länger, wenn jemand aufmerksam zuschaut oder auch nur ‚zufällig‘ im Raum ist. Für jede Tätigkeit gibt es folglich eine richtige Umgebung: Routineaufgaben erledigen sich leichter im Großraumbüro, hinter einer gläsernen Bürotür oder im Café – und viel schwerer im Einzelbüro oder allein im Homeoffice. Wer vorwiegend komplexe Dinge zu erledigen hat, arbeitet hingegen zurückgezogen am besten.“

Was kann man von diesen biologistischen Kakerlaken-Weisheiten ableiten? Wer einfache Arbeiten verrichtet, sollte in Großraumbüros verfrachtet werden und wer anspruchsvollen Tätigkeiten nachgeht, sollte auch die Vorteile von Homeoffice-Arbeit genießen? Das haben Kitz und Tusch zwar nicht geschrieben, man könnte es im Personalmanagement aber so interpretieren, schließlich ist der Herr Tusch auch als „Coach“ unterwegs und der Herr Kitz verbreitet Erkenntnisse über die Büropsychologie.

Praktiker wie Thomas Dehler, Geschäftsführer des Dienstleisters Value5, halten solche Ableitungen für Mumpitz:

„Schon jetzt fürchten sich viele Arbeitnehmer davor, dass Führungskräfte und der Chef ihre Leistungen bei dezentraler Arbeit nicht wahrnehmen. Sie fürchten sich also, allein das Thema ‚Work at Home‘ für sich zu adressieren. Weiterhin spielt auch eine Rolle, dass dem Konzept ‚Homeoffice‘ häufig eine elitäre Konnotation anhaftet, also eher den Führungskräften vorbehalten ist. Zumindest ist es dort verbreiteter, als etwa bei den Leistungserbringern beim Service. Mit den Kakerlaken-Thesen wird so eine zweifelhafte Denkhaltung in den Führungsetagen sogar noch untermauert.“

Solche Ausflüge ins Tierreich gehen nach Auffassung von Dehler meistens schief:

„Es soll auch Versuche und Studien geben, wo man trainierten Springflöhen die Beine ausreißt. Es wäre dann vermessen zu sagen, wenn dieser Floh seine Beine verliert, verliert er auch sein Gehör, auf Anweisung zu springen.“

Menschliches Verhalten kann nicht auf Kakerlaken-Niveau erklärt werden. Als Beispiel können die so genannten Hawthorne-Experimente genannt werden. So wollten „Forscher“ herausgefunden haben, dass Arbeiterinnen auch ohne Lohnerhöhung schneller und besser arbeiten, wenn man freundlich zu ihnen ist und die Wände der Werkstatt gelb anstreicht. Nachdem sich jedoch unter den Beschäftigten herumgesprochen hatte, dass das Management mit seinem Schmusekurs und der Farbgestaltung nur Geld sparen wollte, kam es zu Lohnforderungen und einem Streik. Die Geltung solch dünner Theorien wird spätestens nach dem Bekanntwerden ihrer Absichten und Steuerungsinstrumente obsolet.

Zudem geht es den meisten Unternehmen beim Arbeiten in Großraumbüros nicht um Effekte der sozialen Erleichterung, sondern schlichtweg um mehr Kontrolle.

„Bewegt sich auch jeder? Klappert es? Dann ist es ja gut“, schreibt Wolf Lotter in der Zeitschrift brandeins mit dem Schwerpunktthema „Ruhe!“.

Niemand würde zugeben, dass es hier um Zwangssozialisation geht. Nein, in den Büro-Galeeren geht es natürlich um „bessere Kommunikation“ und „Teamarbeit“. In Wahrheit toben sich auf diesem Feld dubiose Sozialingenieure aus, die nicht einfach nur Arbeitsplätze optimieren wollen, sondern die Menschen gleich mit, kritisiert Lotter.

„Die kleinen, mit halbhohen Sichtschutz-Wänden abgetrennten Arbeitseinheiten in Großraumbüros haben wenigstens einen ehrlichen Namen: Raumzelle. Halb offener Strafvollzug sozusagen, denn wer nicht von anderen beobachtet werden will, der muss sich ducken und schön am Schreibtisch ’sitzen machen'“, wie es der brüllende Chef in Billy Wilders Komödie „Eins, zwei, drei“ unmissverständlich zum Ausdruck bringt.

So funktionieren vielleicht Automaten, aber keine Menschen.

Ich bin im Büro, also arbeite ich, Herr Tichy?

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Ach je, Herr Tichy. In Ihrer krampfhaften Suche nach deftigen Worten als Wachmacher für die Leser der Wirtschaftswoche haben Sie heute wohl ein wenig ins Klo gegriffen. Ich bin kein Freund von Frau Nahles, aber Ihre Aufregung über den ersten Auftritt der Arbeitsministerin ist doch mehr als rückwärtsgewandt:

„Entschuldigung, dass ich Ihnen von meinem Arbeitsplatz aus schreibe. Ich bin einer von denen, die noch einem ‚Anwesenheitswahn‘ folgen, wie das unsere neue Arbeitsministerin Andrea Nahles nennt. Vielleicht erwischt mein Brief Sie ebenfalls im Büro – dann gehören auch Sie zu den Irren, die noch arbeiten. Wohl selten hat sich ein Regierungsmitglied am zweiten Tag seiner Amtszeit so vergriffen wie Nahles. Sie sollte bedenken: Ohne diejenigen, die sich am Morgen mehr oder weniger begeistert auf den Weg ins Büro, zur Fabrik oder in den Außendienst machen, ohne diese Menschen im Wahn könnte Frau Nahles ihre großzügigen Wahlgeschenke wie die Mütterrenten und die fantastische Rente mit 63 nicht einen Tag lang finanzieren. Neben dummen Sprüchen ist ja die erste gesetzgeberische Tat dieser tollen Regierung, die Beitragssenkung in der Rentenversicherung durch Blitztrickserei auszuhebeln.“

Entschuldigung, Herr Tichy, dass ich meine kleine Replik mit meinem Tablet am Frühstückstisch beim Verspeisen meines Brötchens mit selbstgemachter Himbeer-Marmelade schreibe. Aber Ihre Stinkbombe gegen Nahles ist dämlich und verströmt noch den Geist der 50er Jahre, Mister Wiwo-Generaldirektor. Anwesenheit mit Arbeit gleichsetzen? Auf welchem Planeten leben Sie eigentlich?

Lesen Sie mal über die Feiertage den Roman in Tagebuchform von Zoé Shepard „Wer sich zuerst bewegt hat verloren“ – oder die Kunst, in Büros Arbeit vorzutäuschen. Wie man aus jeder Geschäftsreise eine Weiterbildungs-Exkursion macht, aus jeder Notiz einen Bericht zur Projektprüfung, aus jedem Telefonat eine Telefonkonferenz und aus jedem niedergelegten Gedanken ein Strategiepapier.

Wir leiden unter einem Anwesenheitswahn, in der Tat. Flexibles Arbeiten sieht anders aus und hat nichts mehr mit der Wirtschaftswunder-Zeit von Ludwig Erhard zu tun. Wäre es nicht viel schöner, wenn wir uns über leere Autobahnen und dem Abwesenheitswahn beklagen könnten?