Heute schon gescheitert?


Durch die Lektüre der Steve Jobs-Biografie von Walter Isaacson bin ich auf das Buch „The Innovator’s Dilemma“ von Clayton M. Christensen gestoßen (auf den Seiten 484 und 622). Er ist Professor an der Harvard Business School und lag mit seiner Prognose ein wenig daneben, dass der iPod wahrscheinlich ein Nischenprodukt bleiben wird.

Trotzdem beeinflusste das Opus des Professors die Arbeit des Apple-Gründers erheblich und inspirierte ihn zum Vorantreiben des iCloud-Konzeptes:

„Wir müssen das Unternehmen sein, das deine Beziehung mit der Cloud verwaltet – das Unternehmen für deine Musik- und Video-Streams aus der Cloud, für die Speicherung deiner Bilder und Informationen und womöglich sogar deiner medizinischen Daten. Apple hat als Erster erkannt, dass der Rechner zum digitalen Knotenpunkt wird. Also haben wir diese ganzen Apps geschrieben – iPhoto, iMovie, iTunes – und in unsere Geräte integriert, wie den iPod und das iPhone und das iPad, und es hat wunderbar funktioniert. Aber in den nächsten paar Jahren wird sich dieser Knotenpunkt vom Rechner in die Cloud verlagern. Es ist also dieselbe Strategie eines digitalen Knotenpunkts, nur dass sich dieser dann woanders befindet. Das heißt, du kannst immer und ohne Synchronisation auf deine Daten zugreifen. Es ist wichtig diesen Wandel zu vollziehen wegen dem, was Clayton Christensen als ‚the innovator’s dilemma‘ bezeichnet: Leute, die etwas erfinden, sind für gewöhnlich die Letzten, die weiter in die Zukunft denken, und wir wollen definitiv nicht abgehängt werden…“, so Jobs (Zitat auf Seite 622 der Biografie).

Und wie es der Zufall will, ist gerade eine deutsche Übersetzung des Christensen-Werkes erschienen – mit einer Verspätung von 14 Jahren. Dafür wurde es von Professor Kurt Matzler und dem Managementberater Stephan Friedrich von den Eichen bearbeitet und mit aktuellen Beispielen aus europäischen Branchen und Unternehmen ergänzt.

„Trotz ihrer Ressourcenausstattung, Technologien, starker Markennamen, Produktionskompetenzen, Managementerfahrung, Distributionsstärke und trotz ihrer finanziellen Mittel haben erfolgreiche Unternehmen mit den besten Führungskräften ihre größten Schwierigkeiten damit, Dinge zu tun, die nicht zu ihrem Geschäftsmodell passen. Disruptive Technologien machen zu dem Zeitpunkt, an dem Investitionen für das Unternehmen so wichtig wären, noch kaum Sinn.“

Daher bildet ein vernünftiges und gutes Management in den etablierten Unternehmen eine Art ‚Eintritts- und Mobilitätsbarriere, die sich Startup-Unternehmen und Investoren disruptiver Technologien getrost verlassen können. Unternehmen, die Investitionsentscheidungen nur auf Basis eindeutiger Quantifizierungen von Marktpotenzial und Renditeabschätzungen treffen, sind bei disruptiven Innovationen wie gelähmt oder machen entscheidende Fehler. „Sie fordern Marktdaten, wo solche noch nicht vorhanden sind, treffen Entscheidungen auf Basis von Finanzprognosen, wo weder Umsätze noch Kosten schätzbar sind“, schreiben Matzler und von den Eichen. Traditionelle Marketing- und Planungstechniken verkommen zu einem Muster ohne Wert. Am Beispiel der Call Center-Industrie habe ich das etwas detaillierter untersucht. so kommen Branchenexperten zu wenig schmeichelhaften Urteilen:

Nach Ansicht von der Telenet-Managerin Anja Bonelli, Mitglied in der Brancheninitiative Contact Center Network, sei der Status quo im telefonischen Kundendienst fatal, da immer mehr Menschen ein Smartphone besitzen und zunehmend als alleiniges Kommunikationsmittel einsetzen. Mit der Sprachapplikation SIRI von Apple würden noch weitere smarte Dienste dazukommen.

„Damit ist der Weg frei für ausgereifte Kundenservice-Anwendungen, die sich multimodal kombiniert über Sprache, Touch und sicher bald auch Gesten steuern lassen. So werden via Touchscreen die Kundendaten verifiziert. Die App hat eine schöne Oberfläche, über die sich die Inhalte und Themen entweder per Spracheingabe oder per Touch auswählen lassen. Und natürlich kann der Kunde jederzeit entscheiden, ob er automatisierte Dienste nutzen oder einen persönlichen Berater hinzuziehen möchte.“

Nicht einmal eine Handvoll von Firmen fällt Bonelli ein, die ein solch sinnvolles Repertoire anbieten. Und auch die schon vorhandenen Angebote würden noch nicht einmal in Ansätzen die Möglichkeiten der Mensch-Maschine-Interaktion ausschöpfen.

„Insofern sind die wirklich neuen Ideen wie virtuelle Räume, Avatare, Microblogging mit der passenden Community, Crowdsourcing-Ansätze und Wissenstransferdienste toll und technisch auch möglich, aber für Call Center, die erst einmal anfangen müssen, ein Schritt zu früh“, meint Bonelli.

Für manche Anbieter der Dienstleistungsökonomie sei es allerdings schon zu spät, um auf den Zug der App-Economy und des mobilen Internets aufzuspringen, mahnt Peter B. Záboji, Chairman des After Sales-Dienstleisters Bitronic. So werden sich wohl einige große Call Center in die Galerie der Gescheiterten einsortieren, die über Jahre und Jahrzehnte mit hohen Umsätzen verwöhnt wurden und keine ausreichende Sensorik für das wirklich Neue entwickelt haben. Die komplette Freitagskolumne für Service Insiders ist hier abrufbar.

Friedhofsruhe, wie er bei deutschen Technologie-Konzernen vorherrscht, ist also kein guter Ratgeber, um die Potenziale der Netz-ÖKonomie zu erschließen. Ganz anders laufen die Schlachten der Giganten in den USA ab. Siehe die Golem-Meldung „Google kauft Facebook-Analysesoftware“.

Steve Jobs und der Bauhaus-Stil: Plädoyer für ein Leben ohne Bedienungsanleitung und Servicebürokratie

Immer wieder scheitert der Mensch an der Bedienung elektronischer Geräte. Diagnose: menschliches Versagen. Als Höchststrafe drohen das stundenlange Studium unverständlicher Bedienungsanleitungen und Hotline-Anrufe mit Warteschleifen-Charme. Siehe meine heutige Kolumne für das Debattenmagazin „The European“.

Beim Wechselspiel von Mensch und Gerät geht es um einen Wettstreit, bei dem nie eindeutig gesagt werden kann, wer eigentlich wem dient. Aber nicht nur Versagensängste und die tägliche Plage im Umgang mit Geräten werden als schmerzliche Erfahrung der Moderne empfunden. Der Benutzer ist zudem einem Generalverdacht der Hersteller ausgesetzt. Er ist ein potentieller Störenfried. Diese Botschaft vermittelt schon die Bedienungsanleitung und spätere Disputationen beim Umtausch der Ware. Der Benutzer verendet in einer „Zirkulation von Schuldzuweisungen und Unterstellungen“, wie es Jasmin Meerhof in ihrem Buch „Read me! Eine Kultur- und Mediengeschichte der Bedienungsanleitung“ ausdrückt.

Schuldig ist nicht das Gerät, sondern der Benutzer, dieser Idiot. Die Über- und Unterordnung zwischen Gerät und Benutzer werden über zahlreiche Ge- und Verbote, Vorsichtsmaßnahmen und Hinweise zur Garantie zementiert. Das Ganze ist eine Demonstration der Macht und das Scheitern am Gerät soll uns in die Rolle der Demut pressen. Glücksmomente, oder Flow, wie es der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi bezeichnet, entstehen in dieser Konstellation nicht. Alle Bewegungsabläufe werden im Flowzustand in harmonischer Einheit durch Körper und Geist mühelos erledigt. Ob Kommunikationsdienste, Endgeräte oder Serviceprovider: Die Auswahl ist unüberschaubar, die Bedienung unübersichtlich und kompliziert.

Auf der Suche nach der echten Einfachheit

Bei Apple ist das nicht so. Das belegt die Steve Jobs-Biografie von Walter Isaacson eindrucksvoll. So skizzierte Jobs 1983 auf der International Design Conference in Apsen seine Begeisterung für den Bauhaus-Stil. „Wir wollen, dass unsere Hightech-Produkte auch so aussehen, und dafür bekommen sie ein Gehäuse mit klaren Linien. Sie werden kompakt sein, weiß und ansprechend, so wie die Elektronik von Braun.“ Wiederholt betonte er, wie klar und einfach die Apple Produkte gestaltet sein würden. „Wir machen sie hell und rein und so, dass man sie gleich als Hightech-Geräte erkennt, anstelle dieses schweren industriellen Looks, schwarz und immer schwärzer, wie bei Sony.“

Das sei der Ansatz: sehr einfach, und man wolle das Niveau erreichen, wie es im Museum of Modern Art repräsentiert ist. „Unser Managementstil, das Produktdesign, die Werbung, alles ist auf Einfachheit zugeschnitten, auf echte Einfachheit.“ Das Mantra von Apple blieb immer das der ersten Broschüre: „Einfachheit ist die höchste Form der Raffinesse.“ Am wichtigsten sei der Design-Ansatz, dass alles unmittelbar einleuchtend ist. Das macht auch klar, warum Apple mit iPod, iPhone und iPad der Wegbereiter für das mobile Internet und die nächste Stufe der digitalen Revolution war und ist – im Gegensatz zu den Schwergewichten der Telekommunikation und der Informationstechnologie: „Jobs befand sich immer an der Schnittstelle von Kultur und Technik“, schreibt Isaacson. „Am Ende vieler seiner Produktpräsentationen zeigte Jobs eine einfache Folie: das Bild eines Straßenschildes, das die Kreuzung der Straßen ‚Kunst‘ und ‚Technik‘ darstellte. Genau dort war sein Platz, und deswegen konnte er schon früh so etwas wie den digitalen Knotenpunkt entwerfen.“

Das die Servicebranche schwächelt, die Herausforderungen der Netzökonomie zu stemmen, habe ich ja bereits mehrfach thematisiert. Nun zieht netzwertig mit einer Story nach, die ich übrigens auch in dem Expertengespräch in Frankfurt zum Thema „Von der Warteschleife in die vernetzte Serviceökonomie“ zur Sprache gebracht habe.

CALLCENTER ADÉ: Wie die Taxi-Branche auf myTaxi reagiert.

„Mit myTaxi ersparen sich Fahrgäste den Anruf bei der Taxivermittlung. Stattdessen können sie in wenigen Schritten über die mobile App ein Taxi bestellen, die dank GPS-Ermittlung auch ganz genau weiß, wo die Abholung geschehen soll. Fahrer zahlen pro vermittelter Fahrt 0,79 Euro (in Wien 0,99 Euro) an Intelligent Apps, eine Monatsgebühr fällt nicht an. Während die Attraktivität von myTaxi für Fahrer von der jeweiligen Stadt, der dortigen Verbreitung der App bei Verbrauchern sowie von den Gebühren der Taxizentralen abhängig ist, stellt die Anwendung für Fahrgäste einen Segen dar, zumal der Nutzwert von myTaxi mit jeder weiteren verfügbaren Region steigt. Die Funkzentralen sehen in myTaxi nicht überraschend eine Bedrohung. Denn weil die Taxi-Bestellung über das Smartphone deutlich bequemer ist, schneller geht, eine ungefähre Fahrpreisinformation im Voraus beinhaltet und man sich die Angabe einer Adresse oder die Beschreibung des Standortes spart, ist die mobile App deutlich besser zur Befriedigung der Kundenbedürfnisse geeignet als das bisherige telefonische Verfahren“, schreibt netzwertig.

Und statt sich auf die Suche nach dem perfekten iService zu begeben, reagieren Teile der Taxibranche wie einige Hinterwälder in der Call Center-Szene:

„Einige Taxizentralen versuchen, die neue Konkurrenz durch juristische Anfeindungen oder andere fragwürdige, innovationsfeindliche Attacken an der weiteren Expansion zu hindern. Bei heise online ist von einem aktuellen Fall zu lesen, bei dem zwei Wiener Funkzentralen Taxiunternehmen, die gleichzeitig myTaxi zur Kundenakquise einsetzen, mit der Kündigung drohen. Angeblich sollen von mit den Fahrern von über die App gebuchten Taxis Konflikte vom Zaun gebrochen worden sein, damit man sie anschließend von den Services der Funkzentrale (momentan noch immer die Existenzgrundlage für die meisten Fahrer) abschneiden konnte“, so netzwertig.

So werden sich die Taxi-Gichtlinge aber nicht aus der Affäre ziehen können.

Siehe auch:

Drückermethoden gegen Taxi-Apps.

Mittelmaß oder iService: Call Center und die Stunde der Wahrheit.

Das iPad-Zeitalter – Warum sich Computerhasser an den Produkten von Apple ergötzen.

Apple nicht mit schlechten Birnen vergleichen: Integrierte Konzepte haben nichts mit Geschlossenheit zu tun.

Auf der Suche nach dem iService

Video-Aufzeichnung des gestrigen Expertengespräches zum Thema „Von der Warteschleife in die vernetzte Serviceökonomie“ in fast voller Länge:

Markus Grutzeck (Grutzeck Software), Andreas Klug (ITyX), Klaus-J. Zschaage (Authensis), Bernhard Steimel (Mind Business), Walter Benedikt (3C Dialog). Moderation: Gunnar Sohn also icke.

Eat your own dogfood: Wer hat die beste Plattformstrategie fürs Online-Geschäft?

„Wie verändert die Digitalisierung bestehende Industrien und Branchen? Das ist eine der spannendsten Wirtschaftsfragen unserer Zeit“, schreibt Neunetz-Blogger Marcel Weiss.

„Die Musikbranche wurde dank der MP3 als erste Branche am härtesten getroffen. Zuerst haben wir die kreative Zerstörung gesehen: Filesharing hat das Geschäftsmodell der Musiklabels, einer der bestimmenden Unternehmensklassen der Branche, aus den Angeln gehoben. Dann kam erstmal lang nichts. Nicht zuletzt, weil jede legale Alternative von den Musiklabels über den Lizenzweg ausgeblutet wurde. Nun sehen wir langsam, vielleicht auch weil die Majorlabels nicht mehr die Macht haben, die sie einmal hatten, wie erfolgreiche Musikdienste abseits der Simulation des Analogen (Dateiverkauf bei iTunes und Amazon MP3 zum Beispiel) entstehen. Turntable.fm, Spotify, Soundcloud, um nur drei zu nennen. Aus diesen neuen Angeboten heraus verändert sich die Organisation der Musik, wie sie im industriellen Zeitalter sinnvollerweise stattfand.“

Ich möchte noch einmal auf die Eingangsfrage eingehen unabhängig von den Veränderungen des Musikmarktes, die Marcel in aller Ausführlichkeit in seinem Blogpost beschreibt und am besten dort nachzulesen sind. Also: Wie verändert die Digitalisierung bestehende Industrien und Branchen? Und: Abschied von der analogen Dienstleistungsökonomie: Was wir vom Rant eines Google-Mitarbeiters lernen können – dieses Thema möchte ich gerne weiterentwickeln für meine Freitagskolumne. Als Grundlage greife ich auf ein Stück zurück, das nur zufällig im Netz gelandet ist. Spiegel Online hatte darüber berichtet:

„In der englischen Sprache gibt es ein Sprichwort: ‚Eat your own dogfood‘, was wörtlich übersetzt ‚Iss Dein eigenes Hundefutter‘ bedeutet. Tatsächlich ist es ein Leitsatz für Unternehmen, die Produkte der eigenen Marke auch ausführlich selbst nutzen. Ausgerechnet im Hause Google wird diese Maxime derzeit nicht eingehalten.“

Es geht um eine ausführliche Analyse des Google-Mitarbeiters Steve Yegge, die nur durch ein Versehen auf Google+ öffentlich abrufbar war und später gelöscht wurde – allerdings ohne großen Erfolg. Ein Versehen. Das Stück ist aber nicht nur wegen der vielen Insider-Infos lesenswert. Es zeigt auch, wie hart Facebook, Amazon, Google und Co. um die digitale Vorherrschaft ringen und welche Bedeutung gut durchdachte Plattformstrategien für das Onlinegeschäft haben. Besonders in Deutschland gibt es wohl kaum eine Firma, die sich so intensiv und radikal mit Service-Design auseinandersetzt wie Amazon (auch wenn Jeff Bezos in dem Rundumschlag von Yegge charakterlich nicht sehr gut wegkommt). Da wird lamentiert, auf Vorgestern-Technologien gesetzt und abfällig vom Social Dingsbums-Hype gefaselt. Unterdessen rutscht immer mehr Geschäft ins Internet – quer durch alle Altersklassen und Gesellschaftsschichten. Gibt es darauf eine schlagkräftige Antwort? Es wird bei uns zu viel lamentiert.

Welche Plattform-Strategie fürs Online-Geschäft benötigen wir? Die Analysen von Steve Yegge findet Ihr unten in deutscher Übersetzung. Ist ziemlich lang.

Statements, Expertenmeinungen, Kommentare zum Thema bitte hier posten oder per E-Mail an: gunnareriksohn@googlemail.com

Steve schreibt:
Ich war ungefähr sechseinhalb Jahre bei Amazon beschäftigt. Vergleichbar lange bin ich nun auch bei Google tätig. Eine Sache, die mir sofort bei den zwei Unternehmen auffiel – und die sich fast täglich als Eindruck verstärkte – ist die, dass Amazon alles falsch macht, während Google alles richtig macht. Dies mag nach einer weitreichenden Generalisierung klingen, ist jedoch ein erstaunlich akkurates Urteil. Es ist schon verrückt. Da gibt es wahrscheinlich hundert oder gar zweihundert verschiedene Möglichkeiten des Vergleichs zwischen beiden Unternehmen. Und Google ist – wenn ich es richtig in Erinnerung habe – in allen Bereichen bis auf drei Ausnahmen der überlegene Partner. Ich habe zu diesem Thema einmal eine Excel-Tabelle erstellt. Die Rechtsabteilung war dagegen, dass diese Tabelle Externen gezeigt wird. Die Personalabteilung war davon jedoch ganz angetan.

Ich möchte Ihnen nachfolgend einen kurzen Einblick gewähren: Der Rekrutierungsprozess bei Amazon weist einige fundamentale Mängel auf. Es gibt Amazon-Teams, die eigenständig ihre Rekrutierungen vornehmen. Das Ergebnis ist, dass teamübergreifend völlig unvereinbare, widersprüchliche Einstellungsmodalitäten vorliegen – trotz diverser Bemühungen, diese Diskrepanz auszugleichen. Auch ihre Arbeitsmethoden sind chaotisch; sie verfügen über keine wirklichen SREs und die Ingenieure sind bei ihnen quasi für alle anfallenden Tätigkeiten zuständig. Dadurch verbleibt fast gar keine Zeit für die Datenkodierung. Natürlich variiert dies innerhalb der einzelnen Gruppen. Letztlich ist es reine Glückssache und man muss es so nehmen wie es kommt. Bei Amazon interessiert sich absolut niemand für soziales Engagement. Ob Spenden für karikative Zwecke, Unterstützung von Bedürftigen, Communities oder ähnliches: Amazon ist all dies völlig egal. Wenn es überhaupt ein Thema ist, wird soziales Unternehmensengagement nur ins Lächerliche gezogen. Die Werke bei Amazon sind von einer Schmutzschicht überzogene Großraumbüros mit Trennwänden. Dabei hat man nicht einen einzigen Cent in die Inneneinrichtung oder für Gemeinschaftsräume der Mitarbeiter investieren wollen. Mitarbeitervergütungen und Zuschüsse sind ziemlich mies; in letzter Zeit ist dies allerdings besser geworden. Der Grund: die Konkurrenz durch Google und Facebook auf dem lokalen Markt. Sie bieten allerdings nicht unsere Boni-Zahlungen oder Tantiemen, sondern orientieren sich lediglich an den Zahlen des Angebotsschreibens – und nehmen diese als oberste Grenze. Ihre Code-Basis ist ein Disaster. Es fehlen jegliche technische Standards, abgesehen davon, was einzelne Teams aus eigener Entscheidung umgesetzt haben.

Um fair zu sein und einmal etwas Positives zu nennen: Amazon hat ein gut versioniertes Bibliothekssystem, an dem wir uns wirklich orientieren sollten. Außerdem haben sie ein schönes Publish-Subscribe System, mit dem wir nicht mithalten können. Aber in den meisten Bereichen arbeiten sie mit einer Handvoll „nutzloser“ Tools, die Informationen der Zustandsmaschinen lesen und in ein relationales Datenbanksystem einspeisen. Selbst wenn wir sie gratis bekämen, würden wir die meisten dieser Tools nicht einsetzen.

Ich glaube, dass das Pubsub-System und das Bibliothekssystem zwei der insgesamt drei Dinge sind, bei denen Amazon besser abschneidet als Google.

Meines Erachtens ließe sich noch darüber diskutieren, ob Amazons Tendenz zur frühzeitigen Markteinführung und wie verrückt durchgeführten Iterationen zu den guten Dingen zählt, die das Unternehmen macht. Es gibt Argumente, die dafür und dagegen sprechen, je nach Perspektive. Die frühzeitige Markteinführung hat klare Priorität gegenüber allen anderen Aktivitäten. In der Bedeutung rangiert sie sogar höher als Kundenbindung, Ingenieursdisziplin und eine Reihe anderer Dinge, die langfristig gesehen substanziell sind. Obgleich ihnen die frühe Lancierung einen gewissen Wettbewerbsvorteil im Markt verschafft, sind dabei eine Handvoll anderer Probleme aufgetreten, sodass man hier nicht wirklich von einem Slam Dunk sprechen kann.

Trotz allem gibt es eine Sache, die Amazon wirklich und wahrhaftig gut macht, und die ALLE politischen, philosophischen und technischen Verfehlungen des Unternehmens wieder wettmacht.

Jeff Bezos ist ein berühmt-berüchtigter Mikro-Manager. Er ist zuständig für das Mikro-Management jedes einzelnen Pixels von Amazons gewerblicher Website. Erst hat er Larry Tesler abgeworben. Tesler war Wissenschaftlicher Leiter bei Apple und wahrscheinlich der renommierteste und respektierteste Experte für Mensch-Computer-Interaktionen weltweit. Nachdem er ihn eingestellt hatte, ignorierte er jedoch alles, was Tesler sagte. Nach drei Jahren traf Tesler daraufhin die finale und weise Entscheidung, das Unternehmen zu verlassen. Tesler hatte mittels umfassender Usability Studien zweifelsfrei bewiesen, dass absolut niemand diese “bizarre” Website verstehen kann. Bezos konnte oder wollte sich aber einfach nicht von seinen Pixeln verabschieden, von all den Millionen Semantik-geladenen Pixeln auf der Landing-Page. Die Pixel waren für ihn wie Millionen seiner eigenen hoch geschätzten Kinder. Das Ergebnis: Die Pixel sind noch da, Larry Tesler aber nicht mehr.

Übrigens ist Micro-Management nicht die dritte Sache, die Amazon besser macht als wir. Obgleich Amazon wirklich gut im Micro-Management ist, würde ich das nicht als eine besondere Stärke bezeichnen. Ich versuche lediglich, den Kontext herzustellen, um Ihnen den Sachverhalt nachvollziehbar vor Augen zu führen. Wir sprechen hier über einen Mann, der allen Ernstes bei diversen öffentlichen Anlässen betont hat, dass die Leute ihn dafür bezahlen sollten, dass er bei Amazon arbeitet. Falls die Leute anderer Meinung sind als er, reicht er ihnen kleine gelbe Sticker mit seinem Namen drauf. Auf diese Weise erinnert er die Leute daran, „wer das Unternehmen leitet“. Der Mann ist ein regelrechter … , sagen wir mal, Steve Jobs, ohne dessen Mode- und Stilbewusstsein verinnerlicht zu haben. Bezos ist dabei absolut schlau und gerissen, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Er hat aber leider die Angewohnheit, normale Kontrollfreaks wie bekiffte Hippies aussehen zu lassen.

Eines Tages erteilte Jeff Bezos einen Auftrag. Das macht er natürlich fortwährend. Die Mitarbeiter reagieren dann wie die sprichwörtlichen Ameisen, die wie von einem “Gummihammer zerquetscht” herumkriechen und sich wälzen. Bei einer Gelegenheit, etwa im Jahre 2002, beziehungsweise ein Jahr früher oder später, erteilte Bezos einen Auftrag, der absolut unglaublich war, gewaltig, massiv und so gewichtig, dass seine anderen Aufträge im Vergleich dazu wie unerbetene Peer Boni aussahen.

Sein Großauftrag beinhaltete in etwa folgende Punkte:

1) Alle Teams werden ab sofort ihre Daten und Funktionsfähigkeiten über Service Schnittstellen offen darlegen.

2) Alle Teams sind ab sofort verpflichtet, über diese Schnittstellen miteinander zu kommunizieren.

3) Eine andere Form der Interprozesskommunikation ist den Teams nicht gestattet. Konkret bedeutet dies: keine direkte Vernetzung oder Austausch, kein Einloggen in den Datenspeicher eines anderen Teams, keine Nutzung eines Shared-Memory Modells, keine Hintertür-Kommunikation in welcher Form auch immer. Die einzige Kommunikationsform, die erlaubt ist, läuft über die Service Schnittstelle des Netzwerks.

4) Es ist völlig gleich, welche Technologien das Team nutzt. Ob HTTP, Corba, Pubsub, Benutzerdefinierte Protokolle – Bezos ist das völlig egal.

5) Alle Service Schnittstellen, ohne Ausnahme, müssen von Anfang an so konzipiert sein, das sie auch extern genutzt werden können. In anderen Worten, das Team ist angehalten, die Service Schnittstellen so zu entwerfen und zu konfigurieren, dass sie von externen Entwicklern eingesehen werden können. Hierbei sind keine Ausnahmen zulässig.

6) Derjenige, der sich nicht an die Regeln hält, kann nach Hause gehen.

7) Vielen Dank; ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!

Ha, ha! Sollten Sie zu den ca. 150 Ex-Amazon Mitarbeitern gehören, werden Sie natürlich sofort gemerkt haben, dass die Bemerkung unter Punkt 7 ein kleiner persönlicher Scherz von mir war. Denn eins ist klar: Bezos interessiert sich nicht einen Pfifferling dafür, ob Sie einen schönen Tag haben oder nicht.

Punkt 6 entsprach jedoch der absoluten Realität, was dazu führte, dass die Mitarbeiter sich aktiv an die Arbeit machten. Zu diesem Zweck beauftragte Bezos extra ein paar “Leitende Bulldoggen”, deren Aufgabe es fortan war, das Engagement der Mitarbeiter zu überwachen und sicherzustellen, dass die Arbeit Fortschritte machte. Leiter des “Bulldoggenkommittees“ war der Uber-Chef-Bär Rick Dalzell. Rick ist ein Ex-Army Ranger, zugleich Absolvent der West Point Academy, Ex-Boxer sowie ein ehemaliger “Chef-Folterer” d.h. ein CIO bei Wal Mart. In anderen Worten, er ist ein großer, genialer, aber Furcht einflößender Mann, der den Ausdruck „gestählerte Schnittstelle“ häufig benutzt und geprägt hat. Dabei war Rick selbst eine laufende, sprechende und gestählerte Schnittstelle. Es erübrigt sich, zu erwähnen, dass sich jeder einzelne Mitarbeiter extrem bemühte, DEUTLICH MESSBARE Fortschritte zu machen und dabei sicherzustellen, dass Rick davon erfuhr.

Im Verlauf der folgenden zwei Jahre entwickelte sich Amazon intern in eine Service-geprägte Architektur. Während dieser Verwandlung hat ein signifikanter Lernprozess stattgefunden. Dabei gab es eine Unmenge an Dokumentationen, Regeln und Weisheiten über SOAs. In Anbetracht der schieren Größe des Unternehmens Amazon war dies jedoch so zielführend als würde man Indiana Jones empfehlen, nach beiden Seiten zu schauen, bevor er die Strasse überquert. Amazons Entwicklungsteam machte während dieser Zeit eine Vielzahl neuer Entdeckungen. Ein winzig kleines Beispiel des Entdeckungsspektrums führe ich nachstehend für Sie auf:

– Die Pager Eskalation gestaltet sich deutlich schwieriger. Der Grund: Ein einzelnes Ticket könnte durch 20 Service Calls „schliddern“, bevor der wirkliche Eigentümer identifiziert ist. Wenn jeder „Ticket-Sprung“ durch ein Team mit einer 15-minütigen Antwortzeit läuft, kann es Stunden dauern, bevor das richtige Team es herausfindet – es sei denn, man schaltet eine Vielzahl an Systemgerüsten, Metriken und anderen Parametern dazwischen.

– Jedes einzelne Mitglied Ihres Peer Teams wird plötzlich zu einem potenziellen DOS Angreifer. Niemand wird in der Lage sein, einen nennenswerten Fortschritt zu leisten, es sei denn, man führt für jede individuelle Dienstleistung eine stringente Quoten- und Reduktionsregelung ein.

– Monitoring und QA sind das Gleiche. Man versteht diesen Zusammenhang erst dann, wenn man versucht, eine große SOA zu erstellen. Aber wenn Ihr Service Ihnen sagt „Oh ja, mir geht es gut“, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das einzige noch funktionierende Element im Server die kleine Komponente ist, die Ihnen in einer fröhlichen Droiden-Stimme mitteilt: „Mir geht es gut, roger roger, over and out“. Um genau überprüfen zu können, ob der Service wirklich reagiert, ist es unerlässlich, einzelne Anrufe zu tätigen. Das Problem bleibt so lange rekursiv, bis Ihr Monitoring-System eine umfassende Semantik-Überprüfung Ihres gesamten Service- und Datenbereichs vornimmt. Zu diesem Zeitpunkt gibt es keine Differenzierung mehr zwischen dem Monitoring und der automatisierten QA. Beide stellen ein Kontinuum dar.

– Wenn Sie Hunderte von Services zur Verfügung stehen haben und Ihr Code MUSS mit dem Code anderer Gruppen unter Einsatz dieser Services kommunizieren, benötigen Sie einen Service-Suchmechanismus. Nur so können Sie die einzelnen Services wiederfinden. Dieses wiederum setzt das Vorhandensein eines Service-Registrierungsmechanismus voraus, und schon sprechen wir von einem weiteren Service. Amazon verfügt also über eine universelle Registerservicestelle, über die man reflexive und programmatische Informationen über jeden einzelnen Service erfahren kann, so zum Beispiel über die APIs und auch, ob und wo der Service gegenwärtig eingesetzt wird.

– Die Problemanalyse wird durch die Nutzung des Codes einer anderen Person wesentlich erschwert und ist eigentlich nicht mehr durchführbar. Sie ist nur dann möglich, wenn man auf eine universelle Standardmethode zurückgreifen kann, bei der jeder einzelne Service über ein Debug-Sandbox-System läuft.

Dies ist nur ein kleines Beispiel von Dutzenden, vielleicht sogar Hunderten individueller Lektionen, die Amazon während dieser Zeit auf natürliche Art und Weise erfahren musste. Hinzu kamen zahlreiche weitere verrückte Beispiele, die sich auf die externe Nutzung der Services bezog. Die Zahl war jedoch nicht ganz so astronomisch hoch, wie Sie sich das vielleicht vorstellen. Die Organisationsstruktur der Services hat die Teams gelehrt, sich gegenseitig mit Vorsicht und Misstrauen zu begegnen, und damit ein ähnliches Verhalten an den Tag zu legen, das sie auch externen Entwicklern gegenüber zeigen sollten.

Der Lernprozess hielt noch an und war bereits recht weit fortgeschritten zu dem Zeitpunkt, als ich Amazon Mitte 2005 verließ, um zu Google zu gehen. Von dem Moment an als Bezos die Verordnung erließ bis zu dem Zeitpunkt meines Weggangs, hat sich Amazon kulturell in ein Unternehmen verwandelt, bei dem der Service-Gedanke bei allen Aktivitäten an vorderster Front steht und höchste Priorität genießt. Jetzt ist die Design- und Konzeptionsphase das entscheidende Kriterium. Hierzu gehören auch die internen Designs für Gegenstände, die wahrscheinlich nie von der Außenwelt wahrgenommen werden.

Zu diesem Zeitpunkt agierten die Mitarbeiter Amazons nicht mehr ausschließlich aus der Befürchtung heraus, entlassen zu werden. Natürlich haben sie immer noch Angst davor; es ist einfach Teil des alltäglichen Arbeitslebens, für einen gefürchteten “Seeräuber” wie Bezos zu arbeiten. Letztlich haben sie den Dienstleistungsgedanken verinnerlicht, da sie verstanden haben, wie überlebenswichtig Services für ein Unternehmen sind. Zweifelsohne gibt es bei der SOA-Methode Vor- und Nachteile, wobei einige der Nachteile ziemlich gewichtig sind. Insgesamt betrachtet ist es aber das Richtige – denn mit dem SOA-Design werden Plattformen kreiert.

Das hat Bezos natürlich mit seiner Verordnung im Visier gehabt. Bezos hat sich niemals auch nur einen Pfifferling um das Wohlergehen der Teams geschert, geschweige denn sich dafür interessiert, wie und mit welchen Technologien sie arbeiten, solange niemand pfuscht. Eine Sache erkannte Bezos jedoch lange Zeit vor der Mehrheit aller Amazon-Mitarbeiter: nämlich, dass Amazon eine Plattform braucht.

Eigentlich würde man denken: Wozu braucht ein Online Buchladen eine ausbaufähige, programmierbare Plattform?

Gut, zunächst realisierte Bezos, dass die Infrastruktur, die Amazon für den Verkauf und Versand der Bücher und anderer Sortimentsartikel aufgebaut hat, sich in eine exzellente, einem neuen Zweck zuführbare Computer Plattform transformieren ließe. Die Ergebnisse sind: Amazon Elastic Compute Cloud, Amazon Elastic MapReduce sowie der Amazon Relational Database Service, und darüber hinaus eine Vielzahl weiterer browsbarer Services unter aws.amazon.com

Diese Services hosten die Backend-Systeme einiger ziemlich erfolgreicher Unternehmen. Mein ganz persönlicher Favorit ist der Social News Aggregator Reddit.

Die andere große Erkenntnis, die sich Bezos in diesem Zusammenhang erschloss, war die Realisierung, dass es nicht immer möglich ist, genau das Richtige zu konzipieren. Ich glaube, dass Larry Tesler eine Saite bei ihm zum Klingen brachte, als er sagte, dass seine Mutter nicht in der Lage sei, die “verdammte” Website zu nutzen. Dabei war es nicht ganz klar, auf welche Mutter er sich bezog. Aber das ist ja auch unwesentlich, da offenkundig keine Mutter von irgendjemandem die Website als nutzerfreundlich bezeichnen würde. Auch ich finde die Website furchtbar abschreckend, und das, obwohl ich dort mehr als ein halbes Jahrzehnt gearbeitet habe. Ich habe einfach gelernt, meinen Blick zu defokussieren und mich dafür auf die Millionen von Pixel in der Nähe der Seitenmitte über dem Knick zu konzentrieren.

Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, wie Bezos zu dieser Erkenntnis und der Einsicht kam, dass er mit der Konzipierung eines einzigen Produktes nicht alle Nutzer gleichermaßen zufriedenstellen kann. Aber das ist ja auch egal. Was zählt ist, dass er es verstanden hat. Für dieses Phänomen gibt es übrigens einen offiziellen Ausdruck. Er heißt „Accessibility“ (Zugänglichkeit/Barrierefreiheit) und ist das absolut Wichtigste in der ganzen Computerwelt.

Das absolut Wichtigste

Falls Sie nun denken “Sie meinen Zugänglichkeit auch für blinde und taube Menschen?“, sind Sie mit diesem Gedanken nicht allein. Ich habe gelernt, dass es ganz ganz VIELE Menschen so wie Sie gibt: Menschen, für die diese Vorstellung nichts mit der wahren Zugänglichkeit zu tun hat. Falls Sie auch so denken, ist die Botschaft noch nicht zu Ihnen durchgedrungen. Das fehlende Verständnis dafür ist genauso wenig Ihre Schuld wie es die Schuld der Behinderten ist, taub, blind oder eingeschränkt in ihren Bewegungsabläufen zu sein. Wenn die Software, oder in diesem Fall die “Idea-Ware” aus irgendwelchen Gründen für irgendeine Person nicht zugänglich ist, liegt die Fehlfunktion bei der Software oder der fehlerhaften Übertragung der Grund-Idee. Dann spricht man von einem Accessibility Fehler.

Genauso wie andere große, bedeutende Dinge im Leben, hat auch die Accessibility einen “bösen Zwillingsbruder”, der sich durch die ungleich verteilte Zuneigung seiner Eltern in der Jugend zurückgesetzt fühlte und nun zu einer ebenso starken Erz-Nemesis mit dem Namen „Sicherheit“ herangewachsen ist. (Ja, es gibt in der Tat mehr als eine Nemesis und einen Erzfeind bei der Accessibility). Und glauben Sie mir, die beiden stehen ewig im Widerspruch zueinander.

Ich behaupte, dass Accessibility wichtiger als Sicherheit ist, denn pendelt sich die Accessibility bei Null ein, bedeutet dies, dass man überhaupt kein Produkt mehr hat. Bewegt sich aber die Sicherheit gen Null, erhält man noch ein einigermaßen erfolgreiches Produkt, wie beispielsweise das Playstation Netzwerk.

Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten: Ich könnte ein ganzes Buch zu diesem Thema schreiben, ein ziemlich dickbändiges, gefüllt mit unterhaltsamen Anekdoten über Ameisen und Gummihammer in Unternehmen, für die ich gearbeitet habe. Leider werde ich diese Schimpftirade nie veröffentlichen lassen. Und Sie werden sie somit nie lesen können, es sei denn, ich fange an, einzupacken.

Die eine letzte Sache, die Google nicht gut macht, sind Plattformen. Für Plattformen fehlt uns das Wissen und das Handwerkzeug. Einige von Ihnen würden das hinbekommen, Sie sind aber in der Minderheit. Im Verlaufe der letzten sechs Jahre ist mir das schmerzlich bewusst geworden.
Ich hatte eigentlich gehofft, dass der von Microsoft, Amazon und zuletzt von Facebook ausgehende Wettbewerbsdruck uns gemeinsam wachrütteln und zu der Entwicklung universeller Services treiben würde. Allerdings nicht in einer unüberlegten Ad-hoc Aktion, sondern in einer vergleichbaren Weise wie es Amazon gemacht hat: alles auf einmal, handfest, ohne Schummelei, mit der sofortigen Einstufung der Services als oberste Priorität.

Leider hat es sich anders entwickelt und wir sprechen von der zehnten, elften, möglicherweise sogar nur der 15. Priorität. Auf jeden Fall ist die Bedeutung, die wir diesem Thema geben, ziemlich gering. Es gibt zwar ein paar Teams, die diese Idee ziemlich ernst nehmen, die meisten Teams denken aber entweder überhaupt nicht darüber nach, und wenn, dann nur ein geringer Anteil von ihnen in sehr geringem Maße.

Es bedarf schon einer ziemlichen Anstrengung, die meisten Teams dazu zu bewegen, auch nur einen halbherzigen, kurz-bündigen Service anzubieten, um programmatischen Access zu ihren Daten und Berechnungen herzustellen. Die Mehrheit von ihnen ist der Meinung, die Arbeit beschränke sich lediglich auf die Herstellung von Produkten. Offenbar ist ihnen nicht bewusst, dass ein halbherziger, kurz-bündiger Service ein ziemlich miserabler Service ist. Hier kann ich nur empfehlen, einen Blick auf den Auszug der Lernprozess-Liste Amazons zu werfen. Da werden Sie feststellen, dass da nichts „von der Stange“ ist. „Kurz und bündig“ ist an für sich nichts Schlechtes, metaphorisch gesprochen entspricht dies aber nur dem Wert einzelner Fahrzeugteile, wenn Sie eigentlich ein ganzes Auto benötigen.

Ein Produkt ohne Plattform ist völlig nutzlos, oder präziser formuliert: Ein Produkt, das über keine Plattform verfügt, wird immer ersetzt werden durch ein äquivalentes Produkt, das mit einer Plattform ausgestattet ist.

Google+ ist ein Musterbeispiel eines Unternehmens, das die Signifikanz von Plattformen absolut verkannt hat. Das Nichterkennen dieser Bedeutung zieht sich von der höchsten Hierarchieebene der Geschäftsführung (hallo Larry, Sergey, Eric, Vic, wie geht´s Euch?) bis zur untersten Unternehmensebene der Arbeiter (hallo Ihr!). Wir haben es alle nicht kapiert. Die goldene Regel der Plattformen lautet: “Essen Sie Ihr eigenes Hundefutter”. Die Google+ Plattform ist eine erbärmliche “Nachlese”. Bei der Markteinführung setzten wir überhaupt keine API ein. Nach meiner letzten Überprüfung hatten wir nur einen mickrigen API Call. Eine der Team-Mitarbeiterinnen kam herein und erzählte mir davon, als sie gerade bei der Markteinführung waren. Daraufhin fragte ich: „Handelt es sich um die Stalker API?“ Ihre Antwort war ein ziemlich mürrisches „Ja“. Ich dachte, ich hätte einen Scherz gemacht. Aber nein, tatsächlich zielt der einzige API Call, den wir anbieten, darauf ab, den Datenstrom einer anderen Person zu ermitteln. Also ist der Scherz auf meine Kosten gegangen.

Die “Hundefutter-Regel” ist Microsoft seit mindestens zwanzig Jahren bekannt. Es ist Teil seiner Unternehmenskultur seit nunmehr einer ganzen Generation. Die Regel ist ganz einfach zu verstehen: Sie können Ihren Entwicklern nicht einfaches Hundefutter vorsetzen, während Sie sich selbst hochwertigeres Essen für Menschen einverleiben. Das zu machen hieße, sich selbst des langfristigen Plattform-Wertes zu berauben, um einen kurzlebigen Erfolg zu erhaschen. Bei Plattformen ist eine langfristige Planung und Investition gefragt.

Bei Google+ handelt es sich um eine spontane Reflexreaktion, um eine Erforschung im Kurzzeit-Denken, ausgerichtet an der inkorrekten Vorstellung, dass Facebooks Erfolg darauf beruhe, ein geniales Produkt erfunden zu haben. Das ist aber nicht der Grund, weshalb sie so erfolgreich sind. Facebooks Erfolg begründet sich darauf, dass sie eine komplette Produktpalette aufgebaut haben, indem sie anderen Leuten gestatteten, ihre Arbeit zu machen. Das macht Facebook so einmalig. Es gibt Menschen, die verbringen ihre gesamte Zeit damit, Mafiakriege auszutragen. Andere wiederum verbringen ihre gesamte Zeit bei Farmville.

Es gibt hundert oder sogar tausend unterschiedliche, zeitaufwändige Beschäftigungsformen mit hohem Qualitätsanspruch. Da ist für jeden etwas dabei.

Unser Google+ Team hat den Anschlussmarkt für Dienstleistungen analysiert und dabei festgestellt: „Es wäre eine gute Idee, unser Angebotsspektrum um Computerspiele zu erweitern. Lasst uns jemanden rekrutieren, der diese Spiele für uns konzipiert“. Verstehen Sie jetzt, wie unglaublich falsch dieser Gedankengang ist, vor allem aus heutiger Sicht? Das Problem ist, dass wir versuchen, zu prognostizieren, was die Leute wollen und es ihnen dann zur Verfügung stellen.

So geht das einfach nicht. Dieser Ansatz ist unrealistisch und absolut nicht verlässlich. Es hat nur ein paare wenige, hoch-kalibrige Menschen in der gesamten Welt der Computer-Geschichte gegeben, die in der Lage waren, eine zuverlässige Prognose zu erstellen. Steve Jobs war einer von ihnen. Leider haben wir keinen Steve Jobs bei uns. Das können wir nun einmal nicht ändern.

Larry Tesler mag Bezos überzeugt haben, dass er kein Steve Jobs ist. Bezos hat jedoch erkannt, dass es nicht zwingend eines Steve Jobs bedarf, um Konsumenten mit den richtigen Produkten zu versorgen: Anwenderschnittstellen und Unternehmensabläufe als Workflows, mit denen die Benutzer gut und gerne arbeiten. Das einzige was er tun musste, war externe Entwickler damit zu beauftragen. Alles andere würde dann automatisch passieren.

Ich entschuldige mich bei all denjenigen dafür, die meine Ausführungen zu diesem Thema als ganz offensichtlich und auf der Hand liegend betrachten. Es ist in der Tat unglaublich evident. Und trotzdem unternehmen wir nichts dagegen. Wir schaffen weder Plattformen noch die richtige Accessibility. Beides sind integrale Bestandteile: Plattformen lösen das Problem der Accessibility, denn nur über die Plattform ist die Accessibility möglich.

Microsoft hat das verstanden. Und Sie wissen genauso wie ich, wie erstaunlich das ist, da sie sonst ja eigentlich nichts so richtig hinbekommen. Für sie sind Plattformen eine rein zufällige Begleiterscheinung und Folge einer Geschäftstätigkeit, die sich bereits in der Anfangszeit mit der Bereitstellung von Plattformen befasste. So konnten sie in diesem Bereich bereits mehr als 30 Jahre Erfahrung sammeln.

Und wenn Sie auf msdn.com gehen und dort einige Zeit browsen, werden Sie überwältigt sein. Die Plattform ist gigantisch groß. Dort gibt es Abertausende von API Calls. Die Plattform ist absolut riesig, eigentlich zu riesig für den Otto-Normalverbraucher. Aber zumindest sind sie offenkundig sehr engagiert.

Amazon hat es auch kapiert. Amazons AWS (aws.amazon.com) ist einfach unglaublich.
Schauen Sie es sich einmal an und klicken Sie sich dort einmal durch. Es ist einfach nur peinlich, dass wir so etwas bei uns nicht hinbekommen haben.

Auch Apple hat es hinbekommen, natürlich! Sie haben hier ein paar grundlegende, nicht-öffentliche Entscheidungen getroffen, insbesondere bei ihrer mobilen Plattform. Aber sie verstehen viel von Accessibility, der Bedeutung der Entwicklungsarbeit Dritter und – sie essen ihr Hundefutter. Und wissen Sie was? Sie machen ein ziemlich gutes Hundefutter! Ihre APIs sind schon seit ewiger Zeit deutlich makelloser und professioneller als die Microsofts.

Facebook hat es auch verstanden. Das macht mir echte Sorgen und hat mich letztendlich dazu motiviert, all diese Dinge niederzuschreiben. Ich hasse bloggen. Plussing – d.h. eine massive Schimpftirade in Google+ loszulassen, ist mir auch zuwider. Obwohl Sie wissen, dass dies ein furchtbarer Ort dafür ist, machen Sie es trotzdem. Denn letztendlich möchten Sie wirklich, dass Google erfolgreich ist. Ich möchte das auf jeden Fall!
Fakt ist, dass Facebook mich haben möchte, und es wäre ziemlich leicht, einfach zu gehen. Google ist aber für mich wie eine Heimat. Daher bestehe ich auf diese kleine “Familien-Einmischung”, auch wenn es etwas unangenehm sein mag.

Nachdem Sie die Plattform-Angebote von Microsoft und Amazon und ich befürchte auch die von Facebook bestaunt haben (Letzteres habe ich mir verkniffen, um nicht ganz in Depressionen zu verfallen), schauen Sie sich doch bitte developers.google.com an und browsen dort ein wenig. Sie werden schnell den gewaltigen Unterschied wahrnehmen, oder? Das entspricht in etwa der Leistung, die Ihr Neffe aus der 5. Klasse hervorbrächte, müsste er in einer Hausarbeit demonstrieren, was ein großes, mächtiges Plattformunternehmen herstellen könnte, wenn es dafür lediglich auf eine Ressource in Form eines einzigen Fünf-Klässlers zurückgreifen müsste.

Verstehen Sie mich hier bitte nicht falsch – es ist eine Tatsache, dass das Entwicklungsteam regelrecht kämpfen musste, um eine ähnliche mickrige Ressource von extern zur Verfügung gestellt zu bekommen. Trotz aller Widrigkeiten schaffen sie es, Plattformen herzustellen. Dabei unternehmen sie fast heldenhafte Anstrengungen, denn sie sind mit einem Umfeld konfrontiert, das im besten Falle indifferent und im schlimmsten Falle offenkundig feindselig und ablehnend gegenüber Plattformen eingestellt ist.

Ich beschreibe hier nur in aller Offenheit, wie developers.google.com für Aussenstehende erscheinen muss. Es ist einfach kindisch. Wo um Himmels willen befinden sich hier die APIs der Maps? Einige der Dinge dort sind Labor-Projekte. Und alle APIs, die ich angeklickt habe, waren ziemlich dürftig. Es handelt sich hier offenbar um Hundefutter, aber kein gutes, aus organischem Anbau. Verglichen mit unseren internen APIs sind das im besten Falle “Schnauzen” und “Pferdehufe”.

Verstehen Sie mich auch bitte nicht falsch, was Google+ angeht. Sie sind bei Weitem nicht die einzigen Angreifer. Das ist eine Sache der Unternehmenskultur. Wir tragen derzeit einen internen Kampf aus. Dabei nimmt die “Pro-Plattform-Fraktion” als Underdog Minderheit gegenüber den allmächtigen, selbstbewussten und kapitalkräftigen Herstellern mehr oder weniger die Verliererposition ein.

Alle Teams, die erfolgreich die Vorstellung verinnerlicht haben, dass es von Grund auf extern zu programmierbare Plattformen geben sollte, gehören zu den Underdogs. – Und schon denkt man an Maps and Docs. Ich weiß auch, dass GMail Avancen in dieser Richtung startet. Es ist aber schwer für sie, eine Finanzierung dafür zu bekommen, da dies nicht Teil unserer Kultur ist. Die Finanzierung Maestros ist ziemlich schwach, setzt man sie in Relation zu der riesigen Microsoft Office Programmierplattform: Es ist wie ein flauschiges Kaninchen im Vergleich zu einem Tyrannosaurus rex. Das Docs Team ist sich bewusst, dass sie erst dann mit Office konkurrieren können, wenn sie mit seinen Scriptsprach-Einrichtungen mithalten können. Dazu fehlt ihnen aber die Unterstützung durch entsprechende Ressourcen. Ich gehe davon aus, dass sich die Lage noch nicht geändert hat, da Apps Script zurzeit nur in Spreadsheet funktioniert. Außerdem verfügt das Team noch nicht einmal über Keyboard Shortcuts als Teil ihrer API. Das Docs Team scheint wirklich ziemlich unbeliebt und allein gelassen zu sein.

Das Ironische dabei ist, dass Wave einmal eine tolle Plattform war, mag sie in Frieden ruhen. Aber eine Plattform zu gestalten bedeutet nicht, sofort und automatisch Erfolg zu haben. Eine Plattform braucht einen Killer App. Facebook – das heißt, der Bestandsservice, der dort mit Facebook Walls und Friends etc. angeboten wird, ist der Killer App der Facebook Plattform. Und es ist ein großer Fehler, zu glauben, dass das Facebook App ohne die Facebook Plattform auch nur annähernd so erfolgreich wäre.

Sie wissen, dass die Leute immer sagen, Google sei arrogant? Als „Googler“ ärgert mich diese Bemerkung genauso wie Sie. Im Großen und Ganzen sind wir nicht arrogant.

Wir sind fast zu 99 Prozent frei von Arroganz. Ich habe diesen Beitrag begonnen – wenn Sie in Ihrer tiefsten Erinnerung graben – indem ich Google als ein Unternehmen beschrieb, das alles richtig machen würde. Fakt ist, wir sind einfach nur bester Absichten. Und wenn uns jemand den Vorwurf macht, wir seien arrogant, liegt es zumeist an folgenden Gründen: Entweder ist der Kritiker ein Job-Aspirant, der unser Rekrutierungsverfahren nicht bestanden hat, oder jemand, der Probleme mit unserer Unternehmenspolitik hat, oder irgendetwas in dieser Richtung. Sie leiten daraus Arroganz ab, weil sie sich dadurch besser fühlen.

Wenn wir die Einstellung vertreten, das perfekte Produkt konzipieren zu können, das alle Kunden gleichermaßen zufrieden stellt – und glauben Sie mir bitte, so etwas höre ich sehr oft – dann sind wir einfach nur dumm. Aus solch einer Einstellung ließe sich wirklich Arroganz oder Naivität ableiten. Letztlich würde das auch keinen Unterschied machen, es ist schierer Wahnwitz. Es gibt KEIN perfektes Produkt, das wirklich alle Nutzer zufrieden stellt.

Die Folge ist, wir stellen einen Browser ein, mit dem Sie die Default-Schriftgröße nicht festlegen können. Und schon begehen wir wieder einen Affront gegenüber der Accessibility. Jetzt, wo ich älter werde, scheine ich auch mit Blindheit geschlagen zu sein. Es ist wirklich wahr. Mein ganzes Leben bin ich schon kurzsichtig – und wenn Sie erst einmal die 40 erreicht haben, sind Sie meist nicht mehr in der Lage, Dinge aus der Nähe zu betrachten. Folglich wird das Thema der Font/Schrift-Auswahl zu einer Entscheidung auf Leben und Tod: Es kann sie regelrecht aus dem Produkt hinauskatapultieren und ausgrenzen. In dieser Hinsicht ist das Chrome Team völlig arrogant: sie wollen unbedingt ein Zero-Konfigurationsprodukt entwickeln und riskieren dabei gerne eine dicke Lippe. Wenn Sie dann blind, taub oder in irgendeiner anderen Form gehandicapt sind, bleibt Ihnen wohl nichts anderes übrig, als für den Rest Ihres Lebens bei jedem einzelnen Page Visit die Ctrl-+ Taste zu bedienen.

Leider verhält sich nicht nur das Chrome Team so, sondern eigentlich alle. Das Problem liegt darin, dass wir durch und durch ein Produkt-Unternehmen sind. Wir haben ein erfolgreiches Produkt mit weitreichender Popularität und Breitenwirkung geschaffen – ich spreche hier von unserer Suchfunktion. Dieser gigantische Erfolg hat aber auch Nachteile mit sich gebracht.

Amazon war auch ein Produkt-Unternehmen. Folglich bedurfte es einer Out-of-Band-Kraft, um Bezos von der Notwendigkeit einer Plattform zu überzeugen. Diese Kraft entstand aus Amazon´s allmählich “verdampfenden” Gewinnspannen. Bezos stand mit dem Rücken zur Wand und musste sich überlegen, wie er da raus kommen kann. Er hatte lediglich ein Grüppchen Ingenieure und all diese vielen Computer… wenn sich die nur zu Geld machen ließen … Jetzt werden Sie verstehen, wie er im Nachhinein zu AWS kam.

Microsoft hat von Anfang an eine Plattform gehabt und verfügt daher über einen großen Erfahrungsschatz.

Facebook hingegen beunruhigt mich. Ich bin zwar kein Experte, aber ziemlich sicher, dass Facebook auch einmal als Produkt anfing und damit einen ziemlich lang anhaltenden Erfolg hingelegt hat. Ich bin mir allerdings nicht absolut sicher, wie das Unternehmen den Übergang zu einer Plattform hinbekommen hat. Facebook muss offenbar schon seit relativ langer Zeit eine Plattform sein, auf jeden Fall bevor sich solche Dinge wie Mafiakriege entwickeln konnten.

Vielleicht haben sie sich uns einfach nur angeschaut und sich dabei gefragt: „Wie schaffen wir es, Google zu übertrumpfen? Was fehlt bei ihnen, das wir bei uns aufbauen können?“

Wir stehen vor einer ziemlich großen Herausforderung und einem echten Problem. Um dieses lösen zu können und wieder „auf Vordermann“ zu kommen, müssten wir unsere Unternehmenskultur signifikant reformieren.

Wir kreieren keine Service-orientierte Plattformen für den internen Gebrauch. Genauso wenig konzipieren wir externe. Das bedeutet, dass sich diese Art ”Unvermögen” fast endemisch durch das ganze Unternehmen zieht: d.h. die Produktmanager bekommen es nicht hin, die Ingenieure nicht, die Produktteams nicht, eigentlich bekommt es niemand hin. Selbst wenn es ein einzelner schaffen sollte, vielleicht sogar Sie, würde das absolut keinen Unterschied machen. Die Situation würde sich erst dann ändern, wenn wir endlich anfangen, sie als überlebenswichtige Angelegenheit zu behandeln, bei der der Einsatz jedes Einzelnen zählt. Wir können nicht einfach weiter Produkte auf den Markt bringen und dann so tun, als ob wir sie später in magisch schöne, ausbaufähige Plattformen umwandeln. Das haben wir versucht und es hat nicht funktioniert.

Die goldene Regel der Plattformen: „Essen Sie Ihr eigenes Hundefutter” kann auch umformuliert werden als: „Beginnen Sie mit der Herstellung einer Plattform und nutzen Sie sie dann später einfach für alles.“ Darauf erst später aufzusatteln und es dann festzuzurren geht einfach nicht. Auf jeden Fall wäre das ziemlich schwer. Dazu können Sie jeden befragen, der schon einmal bei der Plattformierung von MS Office oder auch Amazon mitgewirkt hat. Wenn Sie die Plattformierung erst später durchführen, bedeutet das zehn Mal soviel Arbeit als wenn Sie es von Anfang an richtig machen. Dabei können Sie es sich nicht leisten zu schummeln. Es gibt keine geheimen Hintertüren für interne Apps, um so einen speziellen und vorrangigen Access zu bekommen. Hierbei gibt es keine Ausnahmeregelung. Es gilt, die schwierigen Probleme an vorderster Front zu lösen.

Ich will damit nicht sagen, dass es zu spät für uns ist. Tatsache ist aber, je länger wir warten, desto stärker nähern wir uns dem “zu spät sein”.

Ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie ich diesen Beitrag schließen soll. Ich habe so ziemlich alles gesagt, was ich mir für heute vorgenommen hatte zu sagen. Dieser Beitrag ist seit sechs Jahren in der Mache. Es tut mir Leid, falls ich mit dem Thema nicht besonders sanft umgegangen bin. Ebenso entschuldige ich mich dafür, falls ich irgendein Produkt, Team oder eine Einzelperson fälschlich dargestellt haben sollte. Ich entschuldige mich auch dafür, falls wir doch viel an Plattform-Arbeit geleistet haben sollten, und nur „rein zufällig“ niemand, weder ich selbst noch alle anderen, mit denen ich jemals darüber gesprochen habe, davon gehört hat. Sorry.

Wir müssen jetzt endlich damit beginnen, alte Fehler auszubügeln und alles richtig zu machen. Ende der Übersetzung.

Kartelle der Angst verursachen Schaden: Die Panik der Macht-Losen

https://twitter.com/#!/issis/status/125891085192007680

https://twitter.com/#!/prcdv/status/125890293068337152

https://twitter.com/#!/gutjahr/status/125888114894962689

https://twitter.com/#!/theeuropean/status/125858596167753728

Vielen Dank für die Blogpostings, Tweets und Retweets zu meinem Stück über die Staatswanzen-Affäre. Da startet man doch viel lockerer in die Woche 🙂

Und auch die Piraten haben in einer gelungenen Replik auf das Internet-Outing eines Unionsabgeordneten meinen Tag versüßt. Besonders gefallen hat mir die Passage über die „Kartelle der Angst“, die man ja nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft an jeder Ecke findet. Auszug aus dem Piraten-Opus von Pavel Mayer:

Da sind zum einen die „Kartelle der Angst“, die sich dem Wandel entgegenstemmen. Es sind mehr oder weniger mächtige Interessengruppen, die Angst vor Veränderung haben. Sie glauben, dass ihre bisherigen wirtschaftlichen und politischen Erfolge sie moralisch dazu berechtigen, die Regeln der neuen Welt bestimmen zu können. Sie wollen weiter erfolgreich und mächtig sein, ohne sich so radikal ändern zu müssen, wie es die neuen Umstände der digitalen Welt erfordern.

Dass das nicht funktionieren wird, kann man exemplarisch am Scheitern der Musikindustrie sehen, die nicht unzutreffend in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung als „Pickel am Elefantengesäß der IT-Industrie“ charakterisiert wurde und sich von einer Computerfirma namens Apple die Butter vom Brot hat nehmen lassen.

Viele „Kartelle der Angst“ werden zwar nach und nach von den Realitäten überholt und politisch und wirtschaftlich marginalisiert. Doch wenn sie im Untergang ihre alte Macht rücksichtslos nutzen, können sie nicht nur vorübergehenden gesellschaftlichen Schaden verursachen. Sie können es vielmehr schaffen, dass die neuen regulativen Rahmenbedingungen auf unabsehbare Zeit aus ungeeigneten Kompromissen bestehen, die am Ende ganze Staatengemeinschaften zu Zukunftsgescheiterten werden lassen.

In meiner Freitagskolumne für Service Insiders bin ich darauf ja auch eingegangen:

Der Druck auf politische und wirtschaftliche Systeme wächst: „Die klassischen Machtstrukturen geraten ins Wanken. Insofern wird uns das Thema Macht in den nächsten Jahren heftig begleiten. Wir haben eine Welt, die sich immer stärker vernetzt. Und mit dem Web 2.0 ist da jetzt ein Turbolader draufgekommen. Wir können uns immer weniger erlauben, das zu ignorieren“, so der Organisationspsychologe Professor Peter Kruse im Gespräch mit Thomas Sattelberger. Für den Telekom-Personalvorstand sind große Unternehmen in diesem Szenario die letzten bolschewistischen Organisationen des 21. Jahrhunderts. „Sie haben es über Jahrhunderte und vor allen Dingen in den vergangenen Jahrzehnten geschafft, sich fast umweltresistent abzuschotten.“

Was das für die Dienstleistungsökonomie bedeutet, habe ich am Schluss meiner Kolumne angedeutet:

„….Das Fatale an dem schleichenden Wandel ist das Status quo-Denken vieler Führungskräfte“, bemerkt Peter B. Záboji, Chairman des After Sales-Dienstleisters Bitronic. Oder wie es der ehemalige IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck in seiner direkten und unnachahmlichen Art ausdrückt: „Das Alte schwindet immer um ein, zwei Prozent und sieht sich folglich in einem unendlich lange stagnierenden Markt. Welche Wirtschaftsbranche hält das aus? Keine!“ Für die Servicebranche sieht er nur die Alternative „Internet oder Profi-Verkauf – der Rest stirbt.“ Nachzulesen im kürzlich erschienenen Sammelband „Online-Marketing“, herausgegeben von Torsten Schwarz, verlegt von Marketing Börse. Und genau das trifft auf viele Branchen zu, die sich heute noch ähnlich störrisch verhalten wie die Musikindustrie, die ja bekanntlich zu einem „Pickel am Elefantengesäß der IT-Industrie“ geschrumpft ist.

Morgen werde ich hier noch etwas deutlicher unter dem Titel:

Abschied von der analogen Dienstleistungsökonomie: Was wir vom Rant eines Google-Mitarbeiters lernen können

Kleine Kostproben, die ich noch verarbeiten muss:

Jeff Bezos ist ein berühmt-berüchtigter Mikro-Manager. Er ist zuständig für das Mikro-Management jedes einzelnen Pixels von Amazons gewerblicher Website. Erst hat er Larry Tesler abgeworben. Tesler war Wissenschaftlicher Leiter bei Apple und wahrscheinlich der renommierteste und respektierteste Experte für Mensch-Computer-Interaktionen weltweit. Nachdem er ihn eingestellt hatte, ignorierte er jedoch alles was Tesler sagte. Nach drei Jahren traf Tesler daraufhin die finale und weise Entscheidung, das Unternehmen zu verlassen. Tesler hatte mittels umfassender Usability Studien zweifelsfrei bewiesen, dass absolut niemand diese “bizarre” Website verstehen kann. Bezos konnte oder wollte sich aber einfach nicht von seinen Pixeln verabschieden, von all den Millionen Semantik-geladenen Pixeln auf der Landing-Page. Die Pixel waren für ihn wie Millionen seiner eigenen hoch geschätzten Kinder. Das Ergebnis: Die Pixel sind noch da, Larry Tesler aber nicht mehr….

Eines Tages erteilte Jeff Bezos einen Auftrag. Das macht er natürlich fortwährend. Die Mitarbeiter reagieren dann wie die sprichwörtlichen Ameisen, die wie von einem “Gummihammer zerquetscht” herumkriechen und sich wälzen. Bei einer Gelegenheit, etwa im Jahre 2002, beziehungsweise ein Jahr früher oder später, erteilte Bezos einen Auftrag, der absolut unglaublich war, gewaltig, massiv und so gewichtig, dass seine anderen Aufträge im Vergleich dazu wie unerbetene Peer Boni aussahen.

Sein Großauftrag beinhaltete in etwa folgende Punkte:

1) Alle Teams werden ab sofort ihre Daten und Funktionsfähigkeiten über Service Schnittstellen offen darlegen.

2) Alle Teams sind ab sofort verpflichtet, über diese Schnittstellen miteinander zu kommunizieren.

3) Eine andere Form der Interprozess-Kommunikation ist den Teams nicht gestattet. Konkret bedeutet dies: keine direkte Vernetzung oder Austausch, kein Einloggen in den Datenspeicher eines anderen Teams, keine Nutzung eines Shared-Memory Modells, keine Hintertür-Kommunikation in welcher Form auch immer. Die einzige Kommunikationsform, die erlaubt ist, läuft über die Service-Schnittstelle des Netzwerks.

4) Es ist völlig gleich, welche Technologien das Team nutzt. Ob HTTP, Corba, Pubsub, benutzerdefinierte Protokolle – Bezos ist das völlig egal.

5) Alle Service-Schnittstellen, ohne Ausnahme, müssen von Anfang an so konzipiert sein, das sie auch extern genutzt werden können. In anderen Worten, das Team ist angehalten, die Service Schnittstellen so zu entwerfen und zu konfigurieren, dass sie von externen Entwicklern eingesehen werden können. Hierbei sind keine Ausnahmen zulässig.

6) Derjenige, der sich nicht an die Regeln hält, kann nach Hause gehen….

Wir kreieren keine Service-orientierte Plattformen für den internen Gebrauch. Genauso wenig konzipieren wir externe. Das bedeutet, dass sich diese Art ”Unvermögen” fast endemisch durch das ganze Unternehmen zieht: d.h. die Produktmanager bekommen es nicht hin, die Ingenieure nicht, die Produktteams nicht, eigentlich bekommt es niemand hin. Selbst wenn es ein einzelner schaffen sollte, vielleicht sogar Sie, würde das absolut keinen Unterschied machen. Die Situation würde sich erst dann ändern, wenn wir endlich anfangen, sie als überlebenswichtige Angelegenheit zu behandeln, bei der der Einsatz jedes Einzelnen zählt. Wir können nicht einfach weiter Produkte auf den Markt bringen und dann so tun, als ob wir sie später in magisch schöne, ausbaufähige Plattformen umwandeln. Das haben wir versucht und es hat nicht funktioniert.

Die goldene Regel der Plattformen: „Essen Sie Ihr eigenes Hundefutter” kann auch umformuliert werden als: „Beginnen Sie mit der Herstellung einer Plattform und nutzen Sie sie dann später einfach für alles.“

Die Story dazu kommt morgen! Essen Sie Ihr eigenes Hundefutter????

Der Tod des Callcenters: Ein Interview mit dem Fachdienst Call Center Experts

Günter Greff vom Fachdienst Call Center Experts hat mir ein paar Fragen gestellt, die demnächst in seiner Publikation erscheinen – wahrscheinlich in gekürzter Version. Hier meine „ausführlichen“ Antworten.

Der Tod des Callcenters
Die Botschaft des Dramatikers Arthur Miller in seinem 1949 erschienen Buch „Der Tod des Handlungsreisenden“ war eindeutig: Ein ehemals erfolgreicher Verkäufer hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt und schließlich seinen Arbeitsplatz verloren und war auch nicht bereit, einen Ersatzarbeitsplatz anzunehmen. Arthur Miller übte mit diesem Buch auch Kritik am „American Dream“, wo alle glaubten es ging so weiter ohne zu realisieren, dass die Zeiten sich gewandelt haben.

Erleben wir diesen dramatischen Wandel jetzt auch in unserer Branche? Wird es bald heißen „Der Tod des Callcenteragenten“? Call-Center-Experts sprach darüber mit Gunnar Sohn.

1. Herr Sohn, schreiben Sie schon an dem Buch „Der Tod des Callcenter Agenten, und wenn „Nein“ wann fangen Sie damit an?

Dieses Opus wäre wohl ein Ladenhüter. Welcher Normalsterbliche interessiert sich denn für die Befindlichkeit der Call Center-Branche? Arthur Millers bekanntes Drama „Tod eines Handlungsreisenden“ zeichnet ein trauriges Bild des erfolglosen Verkäufers Willy Loman, der in einer Scheinwelt lebt und am Ende Selbstmord begeht. Dabei müssen Verkäufer „glückliche Verlierer“ sein, so die These des Psychologen und Anthropologen Gilbert Clotaire Rapaille. Die Grundthese des unorthodoxen Denkers: Gute Verkäufer erleben ständige Zurückweisung nicht als Niederlage oder Schock fürs eigene Ego, sondern als Ansporn. Das heißt allerdings nicht, sich mit Durchhalteparolen über Wasser zu halten oder sich einen modernen Social Media-Anstrich zu geben und semantische Plattitüden zu verbreiten.

2. Wie sehen Sie die momentane Situation in der Callcenter Industrie?

Es dominiert auf den einschlägigen Fachveranstaltungen, die ich regelmäßig besuche, noch eine Nabelschau-Rhetorik und die führt zu einer konstruierten Wirklichkeit, die es gar nicht mehr gibt. Telefonische Services sind kein Selbstzweck, sondern müssen sich an den Bedürfnissen der Kunden orientieren. Ein schönes Beispiel sind die Social Media-Worthülsen, die derzeitig inflationär durch die Gegend gepustet werden. Da gibt es nur Wenige, die die Lage richtig analysieren. Beispielsweise Authensis-Vorstand Klaus-J. Zschaage von der Brancheninitiative Contact Center Network: „Was im Internet abläuft, ist spontan und kann von Unternehmen nicht beherrscht werden. Da stehen die Mitarbeiter im Kundenservice vor ganz anderen Herausforderungen. Ein Skript zur Beantwortung von Anfragen reicht nicht mehr aus. Man muss sehr viel selbständiger agieren.“ Social Media sei kein Kanal, wie man ihn aus der klassischen Kundenkommunikation via E-Mail, Telefon oder Brief kenne. „Die Rolle der sozialen Netzwerke im Service-Management muss erst noch gefunden werden. Es geht mehr um Beobachtung als um direkte Kommunikation. Es hat keinen Zweck, im Social Web einen Kanal aufzumachen, den ich systematisch bearbeite. Dazu braucht man Kontrolle, die ist im Netz aber nicht vorhanden“, erläutert Zschaage. Wer in Web 2.0-Fachdiskussionen von Kanal spreche, wecke die Illusion eines beherrschbaren Sender-Empfänger-Modells. „Das ist irreführend. Kanal hat etwas mit kanalisieren zu tun. Social Media-Plattformen sind etwas völlig anderes. Bei einem Kanal kann ich die Schleuse auf oder zu machen. In sozialen Netzwerken ist das nicht möglich“, meint der Call Center-Experte Zschaage. Recht hat er!

3. Herr Sohn, wie sieht denn aus Ihrer Sicht konkret der Kundenservice, bzw. der Verkauf der Zukunft, aus? Sind solche Modelle wie „DAARUUM“, wir haben in der Septemberausgabe darüber berichtet, die Zukunft?

Der Service der Zukunft läuft in Echtzeit, ist mobil, schnell und perfekt. Man muss viel stärker die Nutzungsszenarien der Kunden im Kopf haben. Was bereits machbar ist, zeigt die Smartphone-App von Immobilienscout 24. Hier kann man auf rund 1,2 Millionen Angebote von unterwegs zugreifen und geeignete Objekte in richtiger Lage, Größe oder Preiskategorie herausfiltern. Man kann es auf einem individuellen Merkzettel in der App speichern und vergleichen. Per Klick auf das integrierte Google Maps kann sich der Suchende über Schulen, öffentliche Verkehrsmittel, Schwimmbäder und dergleichen in der Umgebung informieren. Passt alles, genügt ein weiterer Klick, um via E-Mail oder Telefon in Kontakt zum Immobilienanbieter zu treten; der vereinbarte Termin wird direkt in der Applikation vermerkt. Auch individuelle Fotos und Notizen zur Besichtigung lassen sich darin speichern. Ist der Vertrag für das neue Zuhause unterschrieben, bietet Immobilienscout24 weitere mobile Services. In einer App für den Umzug ist eine Check- und Aufgabenliste enthalten, um zu ermitteln, wie viele Umzugskartons benötigt werden oder welche Ämter in der Nähe sind.

Aus Nutzersicht ist es völlig egal, ob es sich um eine lokal installierte Applikation oder um einen browserbasierten Dienst handelt. Entscheidend wird sein, welche Gedanken sich die Entwickler von Apps und mobilen Internetseiten über die Kontaktstrategien mit den Kunden machen werden. In welcher Situation wird mein Kunde über mobile Services auf mich zukommen und wie kann ich ihm an dieser Stelle gerecht werden. In Call Centern sind die Warteschleifen ärgerlich und die Wartezeit kaum einzuschätzen. Ob das Problem des Kunden gelöst wird, ist auch im Gespräch lange Zeit unklar: Besonders bei schlecht qualifizierten Call Center-Mitarbeitern kämpft der Kunde gegen standardisierte Antwort-Schemata. Eine App dagegen löst im Idealfall das Problem meistens automatisch – weil die Lösungen schon parat liegen. Im Idealfall von einer Community, die das Problem treffend beschreibt und pragmatische Tipps gibt. Die vernetzten Nutzer helfen sich gegenseitig. „Voice alone“ wird zunehmend schwerer verkaufbar sein. Es wächst die Ungeduld mit Wartezeiten und schlechter Beratung – Kunden gewöhnen sich an die Echtzeitkommunikation. Sprachgebundene Dienste haben nur eine Zukunft, wenn sie wirklich einen Vorteil mit sich bringen. Und: Der Kundenkontakt, der bisher am Ende der „Nahrungskette“ angesiedelt ist, muss Bestandteil der gesamten Marketingstrategie werden.

4. Ist das Ganze vielleicht doch nur ein Generationsproblem . Die Alten telefonieren, die Jungen nutzen das Internet?

Mit meinen 50 Lenzen kann ich wohl nicht mehr in die Generation der Digital Natives einsortiert werden. Allerdings zähle ich noch zu den C 64-Veteranen und die sollte man in ihrer Netzaffinität nicht unterschätzen. Man sieht es doch an den Web-Services von Amazon, Reiseportalen, Versicherungen, Banken, Versandhandel, Auskunftsdiensten, Fluggesellschaften, Communitys, Foren oder iTunes, wie stark diese Angebote quer durch alle Bevölkerungsschichten genutzt werden. Jeder sollte sein eigenes Kundenverhalten im Alltag mal genau untersuchen und überprüfen, in welchen Fällen man noch zum Telefon greift in den von mir angesprochenen Beispielen. Ähnliches erleben die Verlage. Sie reagieren ähnlich träge wie die Call Center-Branche. Wer schaltet denn noch Anzeigen, um den Partner seines Lebens zu finden, Mitarbeiter einzustellen, Trödel zu verkaufen, Gebrauchtwagen anzubieten oder Berieselungswerbung unters Volk zu bringen. Das verlagert sich alles ins Web über personalisierte Servicefunktionen.

5. Herr Sohn, wir haben ja schätzungesweise 400.000 Arbeitsplätze in den Callcentern. Was passiert hier in naher Zukunft?
6. Sie schreiben ja schon seit geraumer Zeit über den Untergang der Callcenter. Haben Sie konkrete Belege dafür?

Antworten zu 5. und 6: Es ist ja nicht so, dass ich darüber nach Lust und Laune schreibe, sondern von immer mehr Studien, Experten und Fakten bestätigt werde. Der Überbringer schlechter Nachrichten ist eben nicht der Verursacher, auch wenn das von dem einen oder anderen Call Center-Experten in Disputationen mit meinen Beiträgen insinuiert wird.

Kleine Kostproben: Der klassische Teil, mit dem sich die großen Call-Fabriken positioniert haben, werde in den nächsten Jahren deutlich zurückgehen, erklärte Manfred Stockmann, Präsident des Call Center Verbandes. Einfache Aufgaben, die man bisher im telefonischen Kundendienst bearbeitet habe, werden immer mehr über Apps, Web-Services, Foren oder Chats abgebildet. „Dafür benötige ich keine Warteschleife oder Sprachcomputer. Dienstleister können nur überleben, wenn sie neue Trends aufnehmen, die Forschung und Entwicklung forcieren sowie ihre Beratungskompetenz bei Themen wie Social Media verbessern“, sagte Stockmann. Wer sich weiter auf die Abwicklung von Call-Volumen konzentriere und sich nur über Call-Minuten definiere, verliere seine Daseinsberechtigung.

Wer Produkte oder Services kauft, erwarte mittlerweile Reaktionen in Echtzeit und ein One-Hand-Management. Umständliche Dienstleistungsbürokratie werde nicht mehr toleriert. So sieht das auch Claire Richardson vom Analyse-Spezialisten Verint: „Bei Amazon wurde der Kundenservice von Anfang an ins Zentrum der Unternehmensstrategie gestellt. Die gesamte Organisation ist darauf ausgerichtet. Davon kann man eine Menge lernen. Kundenwünsche werden antizipiert, vieles läuft automatisiert und trotzdem personalisiert ab. Von der Kommunikation bis zu den Abläufen im Backoffice wird nichts dem Zufall überlassen und mit modernsten Technologien unterstützt. Jeder sollte die Interaktionen mit seinen Kunden besser analysieren, entsprechende Konsequenzen für den Service ableiten und in den Reaktionszeiten schneller werden“, empfiehlt Richardson. Es hänge noch eine große schwarze Wolke über der Call Center-Branche, bemerkt Ityx-Vorstand Andreas Klug. „Niemand weiß ganz genau, welche Trends sich im Kundenservice durchsetzen. Das wurde in unseren Fachgesprächen auf der Call Center World deutlich. Hier muss noch sehr viel Entwicklungsarbeit geleistet werden, um soziale Netzwerke, Foren, Communitys, Self Services und mobile Services in einer neuen Strategie zusammenzubringen.“ Das werde allerdings noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

„Call Center sollten sich in einen Selbstfindungsprozess begeben. Das Wort Center belegt ja schon, dass man im Kundendienst noch nach den Maßstäben des Industriezeitalters arbeitet und eben nur selten kreative Impulse von außen kommen, um Service in Echtzeit zu bieten. Es reicht beispielsweise nicht aus, Social Media plakativ an den Messeständen als Botschaft auszusenden. Das wird zwar thematisiert, aber nicht wirklich operativ umgesetzt“, kritisiert Thomas Dehler von Value5. Um wirklich flexibel in Serviceeinheiten zu arbeiten, dürfe man nicht mehr Call Center-Fabriken betreiben. Mit der Konvergenz der Netze und Services aus der Computerwolke sei diese Form des Arbeitens obsolet. „Man muss disruptiv vorgehen und sollte Organisationsformen nicht mehr an der Betriebsstätte festmachen. Wie es gehen kann, zeigen die sozialen Netzwerke. Man ist Allways-on und hat keinen fixen Bezugspunkt mehr. Warum dann noch Service Center, mit der Betonung auf Center, vorhalten“, fragt sich Dehler.

Im klassischen Marketing werde in den nächsten Jahren wohl kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Zu den ersten Opfern zählen nach Ansicht des Unternehmensberaters Harald Henn die Call Center-Dienstleister: „Die Anbieter von telefonischem Kundenservice sind ziemlich blind für das, was sich wirklich abzeichnet. Es ist dramatisch. Der Löwenanteil der Dienstleister hat die Aufträge aus wenigen Branchen rekrutiert. Die Telekommunikation ist dabei führend. Mit vereinfachten Produkten wie Flat Rates geht jetzt aber der Beratungs- und Kommunikationsbedarf deutlich nach unten. Zudem arbeiten die TK-Firmen an einer Verbesserung der Prozesse für die Erstellung von Rechnungen oder dem Wechsel des Anbieters. Hier spielt die Verbesserung der Informationstechnologie eine große Rolle Das führt zu weniger Anfragen und Reklamationen. Folglich sinkt das Anruf-Volumen. Zudem haben die Gesetzesverschärfungen zu einem dramatischen Einbruch des Outbound-Geschäftes geführt“, so Henn. Eine Veränderung finde auch auf Seiten der Konsumenten statt.

„Es ist eben Humbug, wenn Branchenvertreter meinen, dass ein persönlicher Dialog nur über telefonische Dienste geführt werden kann und deshalb auch in Zukunft favorisiert wird. Ein Twitter-Dialog kann genauso persönlich oder unpersönlich sein wie ein Telefonat. Telekom_hilft ist ein super gutes Beispiel dafür, dass auch bei Twitter eine Art persönlicher Dialog stattfindet und zum Teil auch ein Dialog zwischen einem Kunden und einem Telekom-Mitarbeiter. Doch auch der Rest der Gemeinde kann davon profitieren. Ist das jetzt unpersönlicher oder persönlicher? Ich glaube es ist genauso persönlich“, erläutert Henn. In den nächsten fünf bis zehn Jahren rechnet der Service-Experte Henn mit einem drastischen Schwund bei den ganz großen, volumenstarken und einfach gestrickten Call Center-Dienstleistern. „Das sind die ersten, die vom Aussterben bedroht sind. Die Firmen werden zum einen ihre Prozessfehler reduzieren und zum anderen werden sie ihren Kunden, wie die Telekom es angefangen hat, Communitys und Plattformen zur Verfügung stellen. Die Kunden werden sich selbst organisieren und auf andere Weise mit dem Unternehmen kommunizieren“, prognostiziert Henn.

Im Kundenservice gehe der Haupttrend eindeutig in Richtung einer stärkeren Automatisierung und Rationalisierung klassischer Call Center-Aufgaben, bestätigt die Marketingprofessorin Heike Simmet von der Universität Bremerhaven. „Die damit verbundene Zunahme des Self-Services und die gleichzeitig erfolgende Anrufvermeidung erweisen sich angesichts des zunehmenden Kostendrucks für viele Call Center als sinnvolle Strategie. Vor allem die Beantwortung einfacher Standardauskünfte verlagert sich immer stärker ins Netz. Die individualisierte und persönlich erfolgende Betreuung von Kunden über Call Center Mitarbeiter wird sich in Zukunft hingegen auf eine immer kleiner werdende Zielgruppe im Premium Segment der Mehrwertdienste konzentrieren. Das Spektrum der Self-Service Angebote werde vor allem durch die wachsende Akzeptanz von Social Media im Kundenservice immer grösser. Es gibt animierte Fragen/Antwort-Angebote, Serviceblog, Twitter-Konten für Serviceanfragen, Wikis, Foren, Kundenportal und Communitys, die nach dem ‚Kunden-helfen-Kunden-Prinzip‘ funktionieren“, so Simmet.

Der vernetzte Kunde lässt sich aber nicht mehr am Nasenring vorführen. Das Internet ist schlauer als die Adepten der Servicebürokratie, die der Sprachclown Karl Valentin in seiner Groteske „Buchbinder Wanninger“ durch den Kakao zog: „Viele Dienstleistungsberufe werden in den nächsten Jahren automatisiert. Ein Beispiel: Fast das gesamte Wissen über die Angebote einer Bank oder Versicherung steht irgendwo im Internet. Wenn ich eine Riester-Rente abschließen will oder einen Investmentfonds kaufen will, kann man im Web alle nötigen Informationen beziehen. Der Kunde recherchiert das nötige Wissen über diese Produkte bei allen Banken, kommt mit diesem Wissen zu seiner Hausbank und stellt fest, dass das Personal in diesem speziellen Punkt weniger weiß als er und bei Konkurrenzprodukten meist keine Ahnung hat. Gleiches spielt sich auch in Bau- oder Elektronikmärkten ab. Für diese Trivialverkäufer gibt es keine Verwendung mehr. Gebraucht werden vielleicht High-End-Berater, der Rest steht herum und verärgert eher Kunden, die mehr erwarten“, sagt der IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck.

Hier könne man erkennen, wie viele Serviceberufe überflüssig werden. Man brauche nur noch die echten Koryphäen und die anderen eben nicht mehr. Ähnliches spiele sich bei telefonischen Diensten ab. „Wenn die Kunden daran gewöhnt sind, die meisten Probleme direkt mit einem Anruf in einem Call Center zu lösen, dann ist der Weg von der Standardisierung der Arbeit im Call Center zur direkten Erledigung durch den Kunden selbst nicht mehr weit“, so Dueck. Das liege an der Industrialisierung der Dienstleistungen, einhergehend mit Effizienz-Trimmung des Personals, das immer schlechter bezahlt wird.
Das liege aber auch an der Schlauheit der Konsumenten: „Wenn ich einen Fonds kaufen will, weiss ich schon einiges über Hausinvest der Commerzbank und Deka Immobilienfonds der Sparkasse. Der Agent im Call Center kennt den Markt in der Breite und über die Institute hinweg nicht. Wer bei einer Hotline anruft, möchte aber eine umfassende Beratung, die über den Tellerrand des angerufenen Unternehmens hinausgeht und die wird ihm nicht geboten. Das Internet führt zu einem Strukturbruch. Der Kunde kennt sich besser aus als ein Verkäufer, Berater oder Agent.“ Das ist nur ein kleiner Ausschnitt meiner Recherchen. Auf den Call Center-Fachveranstaltungen findet man diese Tatsachen höchstens als Fußnote. Sie stehen nicht im Vordergrund der Fachdebatten. Wenn sich das nicht ändert, werden wohl viele Anbieter Opfer des so genannten Tipping Points. Nach einer lang andauernden Agonie kommt dann wirklich der Tod.

7. Beschreiben Sie doch mal kurz, wie aus Ihrer Sicht ein mittelständisches Unternehmen, sagen wir mal ein Maschinenbauunternehmen, sich auf die Marketing- und Servicezukunft vorbereiten sollte?

Gerade die industriell ausgerichteten Mittelständler müssen so schnell wie möglich Kompetenzen als Service Provider entwickeln. Neben Forschung, Entwicklung und Produktion mit traditionell sehr gut ausgebildeten Ingenieuren können sich gerade kleine Firmen sehr gut als After Sales-Dienstleister in Szene setzen. Hier schlummern gigantische Potenziale in der Support Economy. Wir erleben eine neue Ära von Mobilität, Wohnen, Bildung, Energiegewinnung, und Nachhaltigkeit. Jeremy Rifkin spricht in diesem Zusammenhang von der dritten industriellen Revolution, die sich allerdings unterscheidet vom Fordismus der Massenproduktion. Nach Auffassung von Rifkin werden die Verbraucher zu den Trägern der Energiewende. Millionen von Menschen werden beispielsweise in ihren Wohnhäusern Strom produzieren und Überschüsse durch ein intelligentes Netz teilen. Der von Deutschland beschlossene Atomausstieg könnte sich zu einem neuen Konjunkturwunder entfalten, wenn wir uns endlich vom „Nimby-Syndrom“ befreien. Die Abkürzung steht für „Not in my backyard“ und meint: nicht in meinem Hinterhof, nicht in meiner Straße, meiner Stadt. Mit dieser Mentalität könnte die Energiewende als Rohrkrepierer enden und zum Absturz unserer Volkswirtschaft führen.

8. Welche Vorbilder gibt es denn bereits?

9. Und wie verhält sich den in diesem Wandlungsprozess die deutsche Industrie im Vergleich zu anderen Ländern? Welche Länder sind denn hier Vorreiter?
Zu 8. und 9.

Wir müssen uns in Deutschland gar nicht verstecken und nervös auf andere Länder schauen. Die Robustheit unserer Volkswirtschaft seit dem Ausbruch der Lehman-Krise beweist doch eindrucksvoll unsere Stärken. In der Grundlagenforschung, bei der Ausbildung von Ingenieuren und im Maschinenbau brauchen wir Konkurrenz nicht zu fürchten. Extremen Nachholbedarf sehe ich in der digitalen Wirtschaft. Hier dominieren die Internet-Giganten der USA. Ein Zauberwort, um diese Vorherrschaft zu brechen, hat der Netzwerkspezialist Bernd Stahl von Nash Technologies ins Spiel gebracht: Peering-Technologie. „In der Telekommunikation hat man die Monopole mit so genannten Peering-Technologien gebrochen. Ähnliches muss jetzt auch im Internet geschehen – beispielsweise über semantische Portale. Wir müssen wieder für eine multipolare Welt des Wettbewerbs und der Ideen im Netz sorgen“, so der Rat von Stahl. Entsprechende Vorarbeiten leistet das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

Entscheidend wird sein, diese Forschungsergebnisse zu vermarkten und innovative Dienste hervorzubringen. Dafür brauchen unsere Unternehmer aber das Steve Jobs-Gen und keine Controlling-Bürokraten. In meinem Vortrag auf der Berliner Wissenschaftskonferenz griff ich einen Vorschlag von Ulf Pillkahn auf, der bei Siemens für Zukunftstechniken zuständig ist. Er plädiert dafür, den Zufall über Ideen für neue Produkte entscheiden zu lassen. Warum? „Wirkliche Neuerungen sind nicht kalkulierbar: Eine Idee kann zu einem tollen Produkt führen oder aber spinnert sein. Letzteres ist viel wahrscheinlicher, die Floprate bei Innovationen ist hoch. Mit dieser Unsicherheit tun sich Manager schwer. Sie sind darauf getrimmt, möglichst effizient zu wirtschaften und werden an diesem Ziel gemessen. Deshalb neigen sie dazu, das, was ihre Firma kann, zu perfektionieren – wie in der Formel 1, wo aus den Rennautos das Allerletzte herausgekitzelt wird. Nur stehen in der Formel 1 der Kurs und die Spielregeln fest, während sie sich für Unternehmen in der Marktwirtschaft rasch ändern können. Deshalb ist Effizienz auf Dauer gefährlich: Sie führt zum Tunnelblick“, sagte Pillkahn in einem Interview mit brand eins.

Let’s Talk Steve Jobs

Da musste ich heute früh doch direkt mal meinen neuen schwarzen Rolli ausprobieren, bei der doch recht flauen Vorstellung von Apple, die ich gestern auf dem Portal Vertex miterlebte. Präsentiert wurde das Ganze von zwei jungen Apple-Enthusiasten, die sich alle Mühe gaben, etwas Spannung aufzubauen. Am Schluss der Apple-Show wirkten sie etwas sprachlos.

http://twitter.com/#!/gsohn/status/121281443098931200

Ich wollte dann direkt in die Tasten greifen. Nach der Höhepunkt der Präsentation des „neuen“ iPhone 4s sank bei mir die Motivation auf den Nullpunkt. Es fehlte gestern alles. Und mein heutiger Rollkragenpullover ist ein Protest über den eher schwachen Auftritt in der Post-Steve-Jobs-Ära. Da müssen sich Tim Cook und Co. das nächste Mal aber kräftig ins Zeug legen, um die hohen Erwartungen, die im Vorfeld kommuniziert geschürt wurden, zu erfüllen: Etwa mit einem Apple Fernseher, einem iPhone 5 und iPad 3. Sonst fällt Apple in eine Phase der Stagnation – allerdings auf hohem Niveau. Warum sollte ich mir denn jetzt das 4s kaufen?

Das Gerät bekommt einen besseren Prozessor, den auch das iPad 2 hat. Die Kamera wird mit einem Acht-Megapixel-Chip aufgerüstet und mit zwei Antennen sollen die Empfangsschwächen des Vorgängers beseitigt werden. Ach ja, die große Sensation. Mit dem Programm Siri kann man das iPhone mit der eigenen Stimme steuern. Wahnsinn. So etwas hätte sich wohl niemand vorher im Traum ausmalen können. Ich schreibe nun schon seit einigen Jahren über sprachgesteuerte persönliche Assistenzsysteme. Olle Kamellen. Wäre gestern ein iPhone 5 gekommen, hätte Apple die Sprachsteuerung gerade mal als Fußnote erwähnt.

Hier die Fotos, die ich eigentlich gestern bringen wollte. Irgendwann habe ich allerdings auch meinen Fotoapparat wieder eingepackt.

Und wie sagte Brecht so schön: Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/ Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Siehe auch:
Enttäuscht ein bisschen, hört aber immerhin zu.

Thomas Knüwer sieht die Sprachsteuerung als Revolution, na ja. Das wird sich dann wohl erst im täglichen Gebrauch herausstellen. Zu lange verspricht die Voice-Branche schon den Durchbruch in dieser Technologie. Bislang sind die Ergebnisse eher ernüchtern.

Am 11. Oktober kann man dann sehen, was Google und Samsung in ihrer Wundertüte haben.

Der Gefällt mir-Zuckerberg-Timeline-Datenschutz-Stalking-Kulturschock in Deutschland

So fröhlich agieren die Datenschützer von Bund und Länder wohl nicht

Golem hat etwas ausführlicher den Beschluss der Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder zur Verwendung von Social Plugins aufgegriffen:

Die Konferenz stellt insbesondere fest, dass die direkte Einbindung von SocialPlugins beispielsweise von Facebook, Google+, Twitter und anderen Plattformbetreibern in die Webseiten deutscher Anbieter ohne hinreichende Information der Internet-Nutzenden und ohne Einräumung eines Wahlrechtes nicht mit deutschen und europäischen Datenschutzstandards in Einklang steht. Die aktuelle von SocialPlugin-Anbietern vorgesehene Funktionsweise ist unzulässig, wenn bereits durch den Besuch einer Webseite und auch ohne Klick auf beispielsweise den „Gefällt-mir“-Knopf eine Übermittlung von Nutzendendaten in die USA ausgelöst wird, auch wenn die Nutzenden gar nicht bei der entsprechenden Plattform registriert sind.

Die Obersten Aufsichtsbehörden für den Datenschutz haben bereits 2008 und zuletzt 2010 in Beschlüssen Anforderungen an die datenschutzkonforme Gestaltung sozialer Netzwerke formuliert. Die Konferenz der Datenschutzbeauftragten fordert die Anbieter sozialer Netzwerke auf, diese Beschlüsse
umzusetzen, soweit dies noch nicht geschehen ist. Ja, liebwerteste Gichtlinge des Datenschutzes, es sind Beschlüsse und eben keine Gesetze, die als Legitimation für Euer Verwaltungshandeln herhalten müssen. Das Bedauern über die Untätigkeit der Bundesregierung, entsprechende gesetzgeberische Maßnahmen gegen die Profilbildung im Internet vorzuschlagen, keine Taten folgen lassen. Das bestätigt doch die rechtliche Grauzone, in der die Bußgeld-Aktionen vom Datenschützer in Schleswig-Holstein ablaufen. Siehe meinen gestrigen Bericht.

Hier hatte ich ja auch auf das Interview mit Felix Holzapfel hingewiesen. Das Gespräch dreht sich über die Stimmungslage in Deutschland unterhalten nach den Ankündigungen von Mark Zuckerberg über die das radikale Re-Design unter dem Stichwort „Timeline“. Auf dieser Grundlage schreibe ich für die nächste Woche ein oder zwei Storys. Expertenmeinungen zum Thema wie immer hoch willkommen. Am besten per Mail an gunnareriksohn@googlemail.com.

Hier geht es zur Audioaufzeichnung des Holzapfel-Interviews auf Soundcloud.

Mist, Facebook will bestimmen, welche Badehose ich demnächst kaufe #Timeline #Open-Graph

Das nenne ich mal sportlich. Am Donnerstag präsentierte Mark Zuckerberg das „neue“ Facebook mit den belanglosen Namen „Timeline“ und „Open Graph“, schon folgt vom Chaos Computer Club-Sprecher Frank Rieger in der heutigen FAZ die Fundamentalkritik an dem Vorhaben des amerikanischen Internet-Riesen. Da sein Elaborat in der Printausgabe erschienen ist, musste Rieger sicherlich spätestens Sonntag den Artikel einreichen – wahrscheinlich sogar noch früher (das Schriftwerk ist jetzt auch online abrufbar). Also standen gerade mal schlappe ein oder zwei Tage zur Verfügung, um die Facebook-Pläne kritisch zu durchleuchten. Das Fazit von Rieger steht schon am Anfang seiner Analyse:

„Das ganze Leben wird zur Online-Show – Facebooks ‚Open Graph‘ ist der beängstigende Versuch, ein Netz im Netz zu schaffen. Wer es betritt, braucht es nie wieder zu verlassen: ein gläserner Käfig für die Nutzer und das Paradies für die Werbewirtschaft.“

Bislang sind das ja nur die Ankündigungen von Marki-Boy, die vom Otto-Normal-Facebook-Nutzer noch gar nicht abgetestet werden können, es sei denn, man folgt den Bastelanleitungen einiger Blogger und erstellt irgendeine Dummy-App. Reine Zeitverschwendung. Ich warte auf den Start des Re-Designs. Ob Rieger schon das neue Profil am Wochenende testen konnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Facebook halten Rieger und Constanz Kurz generell für eine Erfindung von dunklen Mächten, die uns entmündigen und mit subtilen Werbebotschaften zu willenlosen Dummchen im Cyberspace degradieren wollen (siehe das Büchlein „Die Datenfresser“, S. 256).

Deshalb will uns Facebook ja zu bequemlichen Internet-Couchpotatoes umerziehen. Der US-Bösewicht verfolgt das Ziel, dass seine Nutzer möglichst nirgendwo anders mehr hingehen sollen, weil es ja eigentlich alles, was man braucht, schon in Facebook gibt.

„Die Freunde sind dort, die Einladungen zu Veranstaltungen und Partys, die Bilder, der Chat, die E-Mail ersetzenden Nachrichten und nun bald auch alles andere. Und man braucht nichts dafür zu bezahlen, schließlich ist man selbst das Produkt. Das Konzept erinnert an die Stasi-Zentrale in der DDR. Es gab alles im eigenen Haus: Friseur, Läden, Bank, Schuster, Schneider und Ärzte.“

Mit der Umwandlung von Facebook in eine umfassende Alltagsdatenspeicherungsplattform erhöhe sich die „Klebrigkeit“ erheblich, kritisiert Rieger.

„Selbst an einem Button für Todesfälle in der Familie ist nun gedacht. Wer sein halbes Leben dort verewigt hat, viel Aufwand in das Sortieren und Präsentieren seiner Informationen gesteckt hat, wird nicht so schnell woandershin weiterziehen. Die Behauptung, man könne ja einfach zur Konkurrenz gehen, wenn die Nutzungsbedingungen oder Privatsphäreeinstellungen sich ins Unerträgliche wandeln, wird immer mehr zu einem schalen Selbstbetrug.“

Zu den heimlichen Sympathisanten der Facebook-Strategie zählt Rieger die Ermittlungsbehörden und Geheimdiensten. Sie könnten zukünftig mit geringen Hürden Zugriff auf wirklich umfangreiche Lebensprofile nehmen. Aber im Vordergrund stehen halt diesen widerlichen kommerzielle Interessen:

„Für diese aggressiv vorangetriebene Strategie, die Nutzer zum längeren Verweilen zu bewegen, gibt es handfeste wirtschaftliche Gründe. Facebook ist mitnichten ein ’soziales Netzwerk‘. Es ist ein Unternehmen, das eine Dienstleistung verkauft: gezielte, perfekt zugeschnittene Werbung. Der Börsenwert des Unternehmens wird folglich anhand der Anzahl, Verweildauer und Nutzungsintensität seiner Mitglieder errechnet. Jede Minute, die ein Nutzer nicht auf Facebook ist, wird als Verlust angesehen.“

Pfui. Wie kann man bloß für knapp eine Milliarde Menschen im Internet eine Plattform bereitstellen, in Programmierung, Design, neue Dienste, Personal und Server-Kapazitäten investieren und dann auch noch versuchen, das Investment über Werbung zu finanzieren. Die Zuckerberg-Truppe könnte sich doch weltweit an den Hauptbahnhöfen postieren und mit der Sammelbüchse um Spenden betteln, damit die Internet-Nutzer in den Genuss von kommerzfreien Angeboten kommen. Und immer wieder singen Rieger und Kurz das Lied von der apokalyptischen Wirkung der personalisierten Werbung. Die algorithmische Innovation konzentriere sich in erster Linie auf die Verbesserung der werblichen Zielgenauigkeit:

„Wie bei Google wird auch bei Facebook ein signifikanter Teil der geistigen Kapazität der Entwickler dafür verwendet, Nutzer immer treffsicherer zum Kauf von Waren und Dienstleistungen zu animieren. Mit den Informationen aus dem digitalen Lebensdatenstrom steht zu erwarten, dass die Werbung eine Qualität erreicht, die sie kaum noch von gutgemeinten algorithmischen Ratschlägen unterscheidbar macht.“

Die Frage ist nur, was ich mit der personalisierten Werbeeinblendung mache und wie treffsicher das Ganze wirklich ist. Der Amazon-Algorithmus ist beispielsweise noch ziemlich blöd. Interessiere ich mich für Fahrradkarten, um eine Tour in Holland vorzubereiten, bekomme ich haufenweise Angebote für Rad-Reiseführer, Rad-Zubehör, Holland-Produkten oder irgendetwas anderes, was mich nicht die Bohne interessiert, da ich ja nur an einem einzigen Wochenende einen kleinen Ausflug in die Gegend von Amsterdam gemacht habe – das wird aber in den nächsten 30 Jahren wohl nicht mehr vorkommen. Denn ich habe in den vergangenen 50 Lebensjahren gerade mal zwei Reisen mit dem Fahrrad gemacht. Was die Algorithmen wirklich können, sollte man doch an der Lebenswirklichkeit abtesten und nicht mit verschwörerischen Thesen unterlegen, wie es Rieger, Meckel und Co. tun. Am Freitag habe ich mich mit dieser Problematik auseinandergesetzt unter dem Titel: Sterben wir den Tod der virtuellen Berechenbarkeit? Im Vorfeld befragte ich den Juristen und Informatiker Christoph Kappes. Hier ein paar Statements:

„Man muss zwei Dinge unterscheiden. Wenn wir im Internet etwas preisgeben, was Maschinen lesen können, dann werden wir in gewisser Weise analysierbar in unserem Verhalten in der Vergangenheit. Man kann rückwärts Informationen über Personen gewinnen. Eine völlig andere Frage ist, ob ich das Verhalten von Menschen vorhersagen kann. Da stehen wir, wenn es überhaupt möglich sein sollte, allenfalls am Anfang einer Entwicklung, die auf absehbare Zeit keine Ergebnisse zeitigen wird“, erwidert er im Gespräch mit Service Insiders.

Es komme darauf an, um welche Arten von Vorhersagen es geht. Über großvolumige Datenmassen habe man schon heute die Möglichkeit, etwa über Gesundheit, Kriminalität, Wohlstand oder Bonität Wahrscheinlichkeitsaussagen über Personengruppen zu treffen.

„Das ist aber etwas völlig anderes. Das Handeln einer einzelnen Person fernab von Clusteranalysen kann man nicht vorhersagen“, betont Kappes. Was Frau Meckel vorbringt, sei viel zu undifferenziert. Algorithmen, wenn man sie klug programmiert, seien schon lange in der Lage, zu lernen. Und dieses Lernen beruhe auf Testverfahren, um erkennen zu können, wie sich ein Nutzer entscheiden könnte. „Nehmen wir die Personalisierung bei Textilwaren. Hier kann eine Maschine nicht vorhersagen, ob ich eine bestimmte Art von Bikini in der nächsten Sommersaison kaufen werde. In der Vorsaison galten vielleicht andere Regeln oder ein anderes Modebewusstsein. Die Maschinen müssen also immer wieder Neues in ihre Analysen einbeziehen, um das Interesse der Konsumenten zu testen. Genauso ist es mit politischen Ereignissen. Wenn etwa Themen wie die Sarrazin-Debatte oder der Fukushima-Atomunfall in den Nachrichten auftauchen, ist es für Maschinen nicht möglich zu sagen, was der Nutzer tun soll. Diese Ereignisse sind in ihrer Singularität einzigartig“, erklärt Kappes.

Gute Algorithmen seien so konzipiert, dass sie erst Wissen erzeugen müssen. Und das würden sie aus dem aktuellen Verhalten generieren.

„Sie legen mir nicht nur Sachen vor, die sie schon können. Das kann nicht funktionieren. Hier liegt auch ein Unverständnis gegenüber der Funktionalität von E-Commerce vor. Die Maschine muss mir doch immer etwas anderes vorschlagen als das, was ich schon gekauft habe. Wer gerade ein Auto erworben hat, sollte am nächsten Tag nicht sofort wieder die Empfehlung für ein Auto bekommen“, so der Berater für Online-Strategien. Empfehlungssysteme leben nicht von der Monotonie, sondern auch von Zufällen und Überraschungen. „Algorithmen sind keine statischen Regeln. Das stellen sich vielleicht Laien so vor. Es sind andere Mechanismen. Berechnet und bewertet werden Verhaltenswahrscheinlichkeiten auf Basis des sozialen Graphen oder der Crowd eines Nutzers. Vorschläge werden also dynamisch generiert“, sagt Kappes.

Das nun Facebook zum zentralen Knotenpunkt für vernetzte Applikationen und Geräte werden möchte, wie Frank Rieger schreibt, ist nichts Neues. Das wollen Google und Apple auch. Diese These hat Sascha Lobo schon vor zwei Jahren aufgebracht. Im November 2010 hatte ich das dann noch einmal aufgegriffen:

Bereits jetzt verlassen viele Nutzer den Facebook-Mikrokosmos nicht mehr. Der Blogger und Werbeberater Sascha Lobo spekulierte schon Anfang 2009 über den nächsten logischen Schritt von Facebook: Die Entwicklung eines echten eigenen Browsers, „der ganz nebenbei dazu führen würde, dass man die Community überhaupt nicht mehr verlässt”, erklärte Lobo damals. Aktuell sieht er Google und Facebook als Antipoden: „Google erobert das Internet technisch, also von außen – sie setzen immer neue Features auf und umzingeln damit den Nutzer. Facebook probiert das Gleiche von innen, will das Netz also sozial beherrschen. Der strategische Unterschied: Mit den Produkten von Google kommt man früher oder später auf andere Websites. Die Produkte von Facebook dringen in die Websites von innen ein – wie mit dem Like-Button – und führen hin zu Facebook. Damit es für die Seitenbetreiber attraktiv ist, Facebook in die eigene Seite einzubinden, müssen so viele Menschen wie möglich so oft wie möglich auf und in Facebook sein. So erklärt sich, warum Zuckerberg versucht, die Kommunikation insgesamt auf die eigenen Seiten zu bringen“, sagt Sascha Lobo. Für die logischen nächsten Schritte müsse man identifizieren, was die Nutzer machen, wenn sie nicht auf Facebook sind. „Diese Funktionen werden Schritt für Schritt integriert. Meine Vermutung: ein Bewertungssystem für buchstäblich alles, was im Netz ist – um gleichzeitig die Funktionen von Qype, Yelp und den vielen Bewertungscommunitys à la Holiday Check aufzusaugen“, so der Ausblick von Lobo.

Und in der Tat sind die Tendenzen zum Zentralismus fragwüdig. An diesem Punkt gebe ich Rieger recht. Ich bevorzuge allerdings einen Diskurs ohne die Attitüde der Dämonisierung. Der Spiegel-Redakteur Christian Stöcker hat das in seinem Buch „Nerd Attack“ ab Seite 236 thematisiert: Was bleibt von der kalifornischen Ideologie übrig: Die Anhänger der elektronischen Agora versprachen die Befreiung der Individuen von staatlichen Hierarchien und privaten Monopolen. Die Technologien der Freiheit würden sich aber immer mehr zu Maschinen der Herrschaft entwickeln. Dabei hatte 1994 Keven Kelly in seinem Buch „Out of Control“ postuliert, dass wir eine Ära der dezentralen Organisationen erleben werden. Auch der Futurologe Toffler irrte. Im Cyberspace werde ein Markt nach dem anderen von einem natürlichen Monopol in einen verwandelt, in dem Wettbewerb die Regel ist. Das Internet hat bis jetzt aber nur einen dominanten Einzelhändler: Amazon. Einen dominanten Markt für Musik und Filme: iTunes. Ein dominantes Auktionshaus: Ebay. Ein dominantes Social Networt: Facebook. Und eine dominante Suchmaschine: Google. Und nicht zu vergessen die Tochter Youtube als dominante Plattform für Videos. Ein freies und offenes Netz sieht anders aus. Und was passiert, wenn diese Monopolisten zu Erfüllungsgehilfen von staatlichen Überwachungs- und Konrollwünschen werden? Wie kann man also ein dezentrales, offenes und sicheres Internet schaffen unter Bewahrung der Netzneutralität?

Diese Fragen möchte ich in dieser Woche in einem Beitrag näher beleuchten: Konzepte für ein dezentrales Internet! Eure Meinung interessiert mich. Statements hier als Kommentar posten oder per Mail an: gunnareriksohn@googlemail.com.

Sympathisch unaufgeregt hat sich übrigens Richard Gutjahr mit dem Facebook-Imperium auseinandergesetzt:

„Die einen treten demonstrativ bei Facebook aus, die anderen resignieren und meinen, sie können ja ohnehin nichts bewirken. Ich bin anderer Meinung. Ich bin gerne bei Facebook – wünsche mir aber mehr Rechte im Umgang mit meinen eigenen Daten – vor allem, dass diese auch tatsächlich gelöscht werden, wenn ich das wünsche.“

Ein sehr wichtiger Punkt! Einen Lesetipp in eigener Sache: Mein Wort zum Montag: Die Oxymoron-Gesellschaft – Das Internet bedroht die deutsche Positionselite – und die reagiert vehement: Mit Verboten, Aversionen, Regulierung. Immer ängstlich, und immer an der Zeit vorbei. Passt ja auch irgendwie in die Facebook-Debatte 🙂

Auf netzpolitik.org empfiehlt man heute: Das neue Facebook: Nix wie raus hier

Wired-Deutschlandpremiere gelungen!

Man kann über den Vertriebsweg der ersten deutschen Ausgabe des Magazins Wired sicherlich geteilter Meinung sein. Das Huckepackverfahren mit dem Männer-wie-wir-Angeberheftchen GQ ist jedenfalls nicht meine Kragenweite. Trifft wohl auch nicht so ganz die Zielgruppe von Wired. Geschenkt. Es geht sicherlich um Vertriebskosten, Anzeigengewinnung und sonstige Synergien, die man erreichen kann. Es ist halt eine Verlagsentscheidung. Die Wired-Deutschlandpremiere erst einmal als Versuchsballon zu starten, ist wohl der richtige Weg – nach dem Debakel mit Vanity Fair. Da scheut die Verlagsgruppe Condé Nast ein weiteres Millionen-Desaster.

Blöd finde ich manche Layout-Spielereien – aber das ist Geschmackssache. So macht der Fonds die Titelgeschichte unleserlich. Und die Sache mit den großen Anfangsbuchstaben ist nun auch keine Sensation mehr.

Mit der Auswahl und Mischung der Themen liegt Chefredakteur Thomas Knüwer richtig. Kein Abklatsch des amerikanischen Originals. Es sind sehr viele Storys im Heft, die sich mit Deutschland beschäftigen.

Beispielsweise die Geek-Titelstory: Knüwer beschreibt die fehlende Anerkennung für Geeks in Deutschland und vergleicht sie mit Johannes Gutenberg, Carl Benz, Walter Bruch oder Heinz Nixdorf, die das Land groß gemacht haben – allerdings auch erhebliche Widerstände überwinden mussten. „Heute vernetzen deutsche Geeks Wissenschaftler rund um den Globus (vorgestellt auf Seite 66, gs), gründen Fotografie-Startups (Seite 74) oder entwickeln neue Produktionsmethoden für ethisch korrekte Schokolade (S. 82).“ Respekt würden sie dafür nur wenig ernten. Eher dominieren diabolische Überschriften die Netzdebatte: „Macht das Internet doof“; „Netz ohne Gesetz“, „Die Unersättlichen – Milliardengeschäfte mit privaten Daten“ (das Lieblingsthema des Datenschutz-Deichgrafen in Schleswig Holstein und von CCC-Sprecherin Constanze Kurz oder auch von den selbsternannten Netzlobbyisten der Digitalen Gesellschaft – deren Vereinsniveau wird in Wired auch porträtiert auf Seite 81) – „alles Schlagzeilen sei 2008, gern illustriert mit Bildern, die Hieronymus Boschs ‚Weltgerichtstriptychon‘ wie ein Kindergarten-Picknick aussehen lassen“, so Knüwer.

Die Angst der Eliten passe nicht zum Wirtschaftsstandort D. Der sei nicht allein durch den Bau von Autos und Maschinen groß geworden – sondern durch die Vernetzung mit anderen Ländern. „Nun leben wir im Zeitalter der ultimativen Vernetzung – aber Deutschland will sich und seine Bürger isolieren“, kritisiert der Wired-Chefredakteur. Dafür leisten wir uns monatelang eine Datenschutzdebatte über Gefällt mir-Button und der Ablichtung von Straßenzügen. Das es trotzdem sehr hoffnungsvolle Talente gibt, die sich an interessanten Netzprojekten versuchen, beleuchtet Wired in unterschiedlichen Facetten. Nach einer ersten Durchsicht der ersten Ausgabe sollte Condé Nast das Wagnis eingehen und Wired regelmäßig erscheinen lassen.

W & V kommt ja zu einer ähnlichen Einschätzung:

Ein erstes Fazit: Die erste deutsche „Wired“ ist ein Blatt, das sich durchaus für eine Fortsetzung empfiehlt – die Nische ist jedenfalls vorhanden. Schafft es der Verlag, die Qualität dieser Ausgabe zu halten, hätte das Blatt durchaus Chancen auf dem Markt – wie auch Mediaplaner schon bemerkt haben.

Wie man mit dem Huckepack-Problem umgehen kann, demonstriert dieses Video 🙂