Meine Wachstumsprognose für 2012: 2,5 Prozent! Und ein kleiner Exkurs über VWL-Wetterfrösche

Im vergangenen Jahr lag bekanntlich das Wachstum in Deutschland bei rund 3 Prozent (die endgültigen Zahlen werden vom Statistischen Bundesamt am 11. Januar vorgelegt– trotz der dauerhaften Negativmeldungen über die Eurokrise. Die professionellen und steuerlich üppig finanzierten Konjunkturforscher rechneten nur mit 2,2 Prozent. Ich selbst ging von einem ähnlich starken Wachstum wie 2010 aus und tippte auf 3,7 Prozent. Da lag ich also in der Abweichung diesmal nicht sehr viel besser – aber auch nicht schlechter.

Wie wird es dieses Jahr. Ich selbst habe ja in den vergangenen Jahren ein sehr komplexes ökonometrisches Modell entwickelt, um die Konjunktur vorherzusagen. Das Rechensystem beruht auf einer Neujahrskarte, die ich jedes Jahr von meinem alten Arbeitgeber erhalte: Das Institut für Demoskopie Allensbach. Die von dem Informatiker und Statistiker Professor Steinbuch entdeckte Korrelation zwischen dem Wirtschaftsverlauf und dem Allensbacher Stimmungsbarometer habe ich ja hier schon mehrfach hinlänglich erläutert. Die Antworten auf die Jahresfrage, ob man dem neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen schaut, hat eine Menge mit Wirtschaftspsychologie zu tun, die von den Zahlendrehern in den Wirtschaftsinstituten sträflich vernachlässigt wird. Der Optimismus ist in der Bevölkerung etwas zurückgegangen, aber nicht so dramatisch, wie es die Medienberichte suggerieren. Da vergeht ja keine Woche ohne eine Krisen-Schlagzeile. Mit Hoffnungen blicken immer noch 49 Prozent dem Jahr 2012 entgegen – vor einem Jahr lag dieser Wert sieben Prozentpunkte höher. Befürchtungen geben 17 Prozent zu Protokoll – ein Anstieg von vier Prozentpunkten. Skepsis äußeren dann noch 26 Prozent – ein Plus von fünf Prozentpunkten. Unentschieden sind 8 Prozent. Das ist ungefähr das Meinungsbild des Jahres 2006 – also die Einschätzung für 2007.

Demnach kommt jetzt meine kompliziert berechnete Prognose für 2012. Das Wachstumstempo wird sich nur leicht abschwächen und erreicht 2,5 Prozent.

Damit liege ich deutlich über den Werten der meisten Konjunkturforscher – mit Ausnahme des Aufsichtsratschefs von Roland Berger (aber der ist ja auch nur Unternehmensberater….).

Das Handelsblatt hat dankenswerter Weise mal die wichtigsten Prognosen der Glaskugel-Ökonomen zusammen gefasst:

DIW: 0,6 Prozent

Burkhard Schwenker von Roland Berger: 3 Prozent

Ifo-Institut: 0,4 Prozent

Bundesregierung: 1 Prozent

Sachverständigenrat: 0,5 Prozent

Internationale Währungsfonds: 1,3 Prozent

Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung: – 0,1 Prozent (das gewerkschaftsnahe Haus rechnet also mit einer Rezession)

Bundesbank: 0,6 Prozent

Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut: 0,5 Prozent

Wolfgang Streeck setzt sich übrigens in einem lesenswerten Beitrag für den Sammelband „Wissenschaftliche Politikberatung“ mit den Glaskugel-Ökonomen auseinander. Ihre politische Vitalität beruhe auf empirischer Untauglichkeit. Es seien nur wirtschaftswissenschaftliche Wetterfrösche. Die Konjunkturforschung, die uns pro Jahr zweistellige Millionen-Beträge kostet, bezeichnet Streeck als falschen, aber wirkmächtigen Zauber. Konjunkturforscher erscheinen als Hightech-Kaffeesatzleser, die Politiker und Wirtschaftskapitäne in die Zukunft träumen lassen und für ihre Fehlprognosen so viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, dass sie den ökonomischen Gang der Dinge tatsächlich beeinflussen. Ein Hintergrundverständnis der Gesellschaft geht den Ökonomen ab. Die setzen sich in ihren theoretischen Modellen zu wenig mit der Lebenswirklichkeit der Menschen auseinander. Das gilt übrigens für alle Denkrichtungen der VWL – von Hayek bis Keynes.

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Management-Versager sollten keine Finanzhilfen bekommen – Staat belohnt falsche Wirtschaftsmentalität

TV-Regisseur Dienter Wedel: Manager sind keine Inhaber
TV-Regisseur Dieter Wedel: Manager sind keine Inhaber
Mit ihrem 115-Milliarden-Euro-Programm wollte die Bundesregierung ursprünglich Unternehmen helfen, die in Folge der Finanzkrise unverschuldet in Schwierigkeiten geraten sind. Jetzt aber kommen alle möglichen Unternehmen auf die Idee, beim Staat um Hilfe zu betteln. „Die Bundesregierung muss aufpassen: Sie darf keinesfalls Firmen helfen, die durch eigenes Missmanagement in die Krise geraten sind. Es war doch schon immer so: Wenn ein Konzern in eine Schieflage gerät, kommt die Kanzlerin oder ein Minister. Muss aber ein mittelständisches Unternehmen schließen, kommt mit großer Sicherheit ein anderer: der Gerichtsvollzieher“, kritisiert Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW). Die Gefahr sei groß, dass dieses Prinzip jetzt auch wieder wirkt – wenn es um die Verteilung der Milliarden-Hilfen aus dem Berliner Konjunkturprogramm geht. Von Porsche bis Infineon reiche mittlerweile die Liste von namhaften Firmen, die Staatsgelder erhalten wollen.

„Alle diese Anfragen landen vor dem sogenannten Lenkungsausschuss. Das ist ein Gremium, dem mit dem Staatssekretär Walter Otremba ein Vertreter des Wirtschaftsministeriums vorsitzt. Damit aber wird die staatliche Hilfe zum Politikum. Und es gehört nicht viel dazu, um sich im Vorwahlkampf auszumalen, dass die Hilfen für Unternehmen von den Spitzen der großen Koalition auch unter politischen Aspekten verteilt werden könnten“, warnt der Mittelstandspräsident. Die innere Machtbalance der Koalition könnte eine Rolle spielen, der wählerwirksame Erhalt von Arbeitsplätzen. „Die Gefahr ist also groß, dass Geld auch an solche Unternehmen fließen wird, die sich durch Missmanagement und eigenes Fehlverhalten selbst in die Krise manövriert haben. Unternehmen wie Schaeffler und vor allem auch Porsche sind Beispiele dafür. Wer sich mit hoch riskanten Börsenspekulationen einfach verzockt hat, um gewagte Firmenübernahmen zu finanzieren, der muss eben auch das Risiko tragen, wenn es am Ende schief geht und nicht der Steuerzahler“, so Ohoven.

Viel besser wäre es, auf das moderne Insolvenzrecht zu setzen. Das habe in der gegenwärtigen Lage einen doppelten Nutzen: „Es zielt darauf ab, die wettbewerbsfähigen Teile von Unternehmen zu erhalten – und so auch die Beschäftigung zu sichern. Und es schützt die Gemeinschaft der Steuerzahler davor, für die Fehler einzelner Unternehmen bluten zu müssen“, resümiert BVMW-Präsident Ohoven.

Zudem dürfe vom Staat nicht die falsche Wirtschaftsmentalität belohnen. Darauf hat der Regisseur Dieter Wedel in der TV-Sendung „THADEUSZ“ hingewiesen. „Ich wollte im Film ‚Der große Belheim’ erzählen, dass ein Riesenunterschied besteht zwischen Managern und Inhabern. Es gibt ja immer noch im deutschen Mittelstand eine ganze Reihe von gut funktionierenden Unternehmen, wo sich keiner bedient und wo die Leute wirklich ihren Kopf hinhalten, mit ihrem Vermögen haften und für ihren Betrieb dastehen. So ein Typ wie Middelhof war eben immer ein Manager“, so Wedel. Das Verhalten von Managern sei anders. Sie würden einseitig an den Shareholder Value denken und sind darauf bedacht, in kurzer Zeit Erfolge vorzuweisen, damit der Aktienkurs steigt und ihre Weiterbeschäftigung sichergestellt ist. „Der Inhaber denkt langfristig. Der denkt an das Unternehmen und hat eine andere Verantwortung gegenüber der Belegschaft“, sagte Wedel.

Rüttgers, Kaiser Wilhelm und die Fabrik im Kopf – Der Staat als Museumswächter

Worum es heute geht....hat Rüttgers wohl nicht verstanden
Worum es heute geht....hat Rüttgers wohl nicht verstanden
Staatsknete für Versandhauskataloge, Rettungspakete für marode Industriekonzerne, die schon vor der Finanzkrise kurz vor der Pleite standen, Bürgschaften und Finanzhilfen für Warenhaus-Dinosaurier, Fusionserleichterungen für angeschlagene Zeitungsverlage: Was Spitzenpolitiker wie Seehofer, Merkel oder Rüttgers derzeit wirtschaftspolitisch bieten, hat nach Ansicht von Experten überhaupt nichts mit der Zukunft des postindustriellen Zeitalters zu tun.
Technikvisionär
Technikvisionär

„Wenn Ministerpräsident Jürgen Rüttgers der gebeutelten Medienbranche mit Megafusionen die Rettung vor dem nahenden Untergang verspricht und ein Leben ohne Zeitungen für ‚unvorstellbar’ hält, wird er wohl als Politiker in die legendäre Ahnengalerie von Persönlichkeiten aufgenommen, die sich über die Wirkungen technologischer Zeitenwenden derb verschätzt haben. Wer Millionen von Zeitungsseiten konservieren will, die täglich das Gestern zitieren, mutiert zum Kaiser Wilhelm II, der an das Pferd glaubte und das Automobil nur als vorübergehende Erscheinung abtat“, so Udo Nadolski, Geschäftsführer des IT-Beratungshauses Harvey Nash in Düsseldorf.

Deutsche Meinungsführer haben immer noch die Fabrik im Kopf
Deutsche Meinungsführer haben immer noch die Fabrik im Kopf

Zu diesem Befund kommt auch brand eins-Redakteur Wolf Lotter in seinem Buch „Die kreative Revolution – Was kommt nach dem Industriekapitalismus?“ (Murmann-Verlag): Wirtschaft werde immer noch mit dem Kopf der Fabrik gedacht. „Alle zeitlichen und materiellen Erscheinungen von Ökonomie sind nach wie vor voll am Ablauf des reinen Produktionsbetriebes orientiert, in dem Veränderungsprozesse nachrangig sind“, schreibt Lotter. Man müsste erst einmal den Irrgarten industriekapitalistischer Terminologie und Lehre verlassen, um sich überhaupt ein halbwegs geordnetes Bild dessen zu machen, was seit mehreren Jahrzehnten im Alltag bereits deutlich wird: Wissen schlägt Produkt. „Die großen Gewinne, die weltweiten Erfolge ökonomischer Prozesse und Innovationen sind nahezu alle wissensbasiert, seit dem Siegeszug des Computers und des Internets ist das deutlich“, erläutert Lotter, der aber darauf verweist, dass die meisten Akteure von Wirtschaft und Politik getaktet sind wie in den Zeiten des Fordismus. Harmonisch werde der Machtkampf zwischen industriekapitalistischen und wissensbasierten Organisationen nicht ablaufen.

Pflichtlektüre für Industriepolitiker
Pflichtlektüre für Industriepolitiker

Die antiquierten Eliten und Paten sollten abdanken: „Besser herrscht transparente Unübersichtlichkeit als jene vornehme Verschwiegenheit der diskreten Gesellschaft“, proklamiert der Schriftsteller Beat Wyss. Die Promotoren des Systemsturzes sind schon in den Startblöcken: Es sind Außenseiter, die schon mitten unter uns als kreative Zerstörer wirken und die alten Monopole torpedieren. „Kleine Spinner werden über Nacht zu Superstars. Absurde Geschäftsideen entpuppen sich und der größte ökonomische Schwachsinn wird zum Megaerfolg“, so der Publizist Peter Felixberger. Es würden sich schon jetzt fundamentale Veränderungen abzeichnen bei der Form und Funktion von Computern, Handys, Zeitungen oder Autos, meint der Wirtschaftswoche-Autor Konrad Buck: „Was sich an partizipatorischen Verhaltens- und Arbeitsmustern derzeit im Internet entwickelt, Stichwort: Social Web, wird entscheidenden Einfluss auf die Produkte und Services von morgen haben. In derzeit laufenden Projekten wie eEnergy (smart metering von Strom, Gas plus Zusatzservices), Elektromobilität (batteriegetriebene Autos mit einer Strom-ID überall aufladen), Genivi Alliance (In-Vehicle Infotainment) spielt sich das Verschmelzen von IT und Anwendung und von IT und Produkt bereits ab“. Hardware werde verdrängt. Experten sagen einen Rückgang um bis zu 95 Prozent bis 2030 voraus. „Gewinner sind Unternehmen mit Expertise im Aufsetzen neuer Geschäftsprozesse, IT- und Netzwerkfachleute mit Gespür für Prozessmodellierung und Verständnis von Wandel als einzig verbleibender Kontinuität oder Spezialisten mit Branchen- und Integrationswissen bekommen das Sagen. Und Verbraucher können sich auf eine Fülle ebenso nützlicher wie spannender neuer Services einstellen“, prognostiziert Buck.

Mobile Zukunft
Mobile Zukunft

Die Integration ehemals getrennter Anwendungen in mobile Endgeräte werde sich nach Einschätzung des Mobilfunkexperten Karl-Heinz Gabler fortsetzen. „Zählen heute Notebooks mit integriertem WLAN zum Standard, so werden die Netbooks der Zukunft HSPA+ und LTE-Modems integrieren, die es erlauben, immer und überall das Netz zu nutzen. Dank integriertem GPS werden auch Navigationsanwendungen Teil des Funktionsumfanges werden. Dem Nutzer werden unabhängig von seinem Ort all seine gewohnten Dienste zur Verfügung gestellt. Ortsgebundene Teilnehmergeräte verschwinden“, sagt Gabler von der Firma Nash Technologies in Nürnberg. Nutzer müssten nur noch angeben, wie viel Leistung sie benötigen – mehr nicht, bestätigt Marc-Christopher Schmidt, Geschäftsführer des Bonner Reiseportals Triptivity. „Wo die Applikation wirklich läuft, ist sekundär. Viele Anwender steigen von ‚traditionellen’ Computern auf Notebooks oder Netbooks um und Unternehmen setzen verstärkt auf Thin Clients. Mobiltelefone entwickeln sich zur universellen Kommunikationszentrale“, führt Schmidt aus. Der Dienstleistungsexperte Harald Henn erwartet radikale Veränderungen bei den Geschäftsmodellen. „Wir erleben eine Abkehr vom Gedanken, dass sich Menschen für Kommunikation und Informationsaustausch an festen Orten befinden müssen. Dass man Hardware in Form von PCs oder Handys benötigt, um zu arbeiten, Daten und Informationen zu erstellen und auszutauschen“, bemerkt Henn.

Industriemuseum Deutschland
Industriemuseum Deutschland

Das Land der Maschinenbauer, Mechaniker und Laboranten verliere seine industrielle Basis, so die Kulturwissenschaftlerin Heike Grimm. Faktisch macht die industrielle Wertschöpfung heute weniger als 20 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes aus. Daran ändern auch die Lügen von Interessenvertretern der Industrie nichts mehr, das angeblich jeder siebte Arbeitsplatz am Auto hängt. Das Zahlenwerk stammt aus dem Jahr 1980, wie die Zeitschrift Capital eindrucksvoll nachgewiesen hat.

Bürgschaftsausschuss, Lenkungsausschuss, Lenkungsrat: Die KfW-Kreditvergabe nach der Radio Eriwan-Methode

Kredite? Im Prinzip ja, aber......
Kredite? Im Prinzip ja, aber......
Nun hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erkannt, dass die Kreditversorgung deutscher Unternehmen zu wünschen übrig lässt. Allerdings bezieht sie diese Sorge auf den Rückzug vieler internationaler Banken aus Deutschland. Die hausgemachten Probleme spricht Merkel nicht an. Dabei kritisieren Wirtschaftsvertreter schon seit Wochen, dass der Zugang zu Förderbanken zu langwierig sei. Im Mittelpunkt der Kritik steht die staatseigene KfW-Bank, die einen wahren Finanzierungsdschungel errichtet haben soll. Die 40 Milliarden, die von der KfW in einem Sonderprogramm zur Verfügung gestellt werden, fließen nur spärlich. Unternehmer müssten einen wahren Hürdenlauf vornehmen, um an Geld zu kommen.

Da müssen Anträge ausgefüllt werden, da gibt es Ausschüsse zur Antragsprüfung, da gibt es einen Bürgschaftsausschuss, einen Lenkungsausschuss und auch noch einen Lenkungsrat: „Das alles ist sehr bürokratisch organisiert und dauert viel zu lange“, moniert ZDF-Finanzredakteur Frank Bethmann (siehe Heute Journal, 25:30). Das seien aber nicht die einzigen Hürden. „Geld fließt nur für Neuinvestitionen. Das Ergebnis: Viele brauchen Hilfe, aber nur wenige bekommen sie“, so Bethmann in der Sendung Heute Journal. Trotzdem würde die KfW durchs Land touren und für ihre Förderkredite werben. Eine paradox Welt. Für die Finanzschwierigkeiten bei den laufenden Geschäften werde kein Geld locker gemacht.

„Das ist eine Förderpolitik nach der Radio Eriwan-Methode ‚Im Prinzip ja, aber….’. Das liegt nicht nur an dem Ausschuss-Marathon der KfW, sondern auch an dem nur spärlich verlaufenden Informationsaustausch zwischen KfW und Hausbanken. Das war aber schon immer so. Trotzdem werden immer wieder neue PR- und Werbekampagnen für die lukrativen Fördermöglichkeiten aufgesetzt, die aber schon bei der örtlichen Sparkasse im Sande verlaufen“, kritisiert Udo Nadolski vom Düsseldorfer Beratungshaus Harvey Nash.

„Wir sehen vor allem die Verschlechterung der Kreditbedingungen für Klein- und Mittelbetriebe mit Sorge. Jetzt rächt sich, dass die Bundesregierung den Banken einen Schutzschirm aufgespannt hat, ohne sie, wie etwa Großbritannien, zur Mittelstandsfinanzierung zu verpflichten“, moniert Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW).

Die Bundesregierung müsse schnellstens dafür sorgen, dass die KfW-Mittel schneller abfließen: „Es muss möglich sein, dass Kreditanträge durch die Förder- und Bürgschaftsbanken innerhalb von zehn Banktagen bearbeitet werden“, fordert Mittelstandspräsident Ohoven.

Ohne Ordnungstheorie keine Soziale Marktwirtschaft – Ökonomenstreit über den Wert der Wirtschaftspolitik

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Ohne die so genannte Ordnungs-Ökonomik hätte es in Deutschland keinen Ludwig Erhard und auch keine Soziale Marktwirtschaft gegeben. In einem Aufruf, der in der FAZ vor einer Woche veröffentlicht wurde, wenden sich deshalb 83 Wirtschaftswissenschaftler gegen Bestrebungen, die Lehre von der Wirtschaftspolitik an den Universitäten zurückzudrängen. Professuren für Wirtschaftspolitik sollen zweckentfremdet oder umgewidmet werden, und betriebswirtschaftliche Bachelor-Studiengänge sehen wirtschaftspolitische Lehrveranstaltungen nicht mehr vor“, kritisieren die Unterzeichner, zu denen renommierte Professoren wie Bruno S. Frey, Herbert Giersch, Norbert Berthold, Artur Woll, Viktor Vanberg, Renate Ohr und Gerd Habermann zählen.

Zu einem Versagen in der realen Wirtschaftspolitik komme es in der Regel nicht deshalb, weil den Entscheidungsträgern logische Fehler unterlaufen, sondern weil sie die Wirkungen ihrer Instrumente falsch eingeschätzt haben oder weil von den wirtschaftspolitischen Institutionen falsche Anreize ausgehen oder weil Verhaltensweisen bei den Wirtschaftssubjekten vorherrschen, die mit der reinen Theorie nicht übereinstimmen. „Über diese Zusammenhänge zu informieren, ist Aufgabe der Lehre von der Wirtschaftspolitik. Kunstfertigkeit in der Ableitung logischer Schlussforderungen ist manchmal nur von begrenztem Nutzen, wenn es darum geht, Realität zu verstehen und zu beurteilen“, heißt es weiter.

Immer mehr Ökonomen würden auch in anderen Ländern die Realitätsnähe ihrer Analysen dem Ziel formal-logischer Stringenz opfern, und auch dort werde diese Tendenz in der Öffentlichkeit lebhaft beklagt. „Die USA sind keine Ausnahme. Die Ökonomen ziehen sich aus der Wirklichkeit zurück, weil die Karriereanreize in ihrem Fach verzerrt sind. Die vorherrschende Ausrichtung der universitären Forschung und Lehre bietet kaum einen Anreiz für Nachwuchswissenschaftler, sich mit wirtschaftspolitischen Fragen zu beschäftigen. Denn die Ergebnisse der wirtschaftspolitischen Analyse sind häufig kontrovers und – da sie empirischer Natur sind – nie mit letzter Gewissheit beweisbar. Für die Zurschaustellung logischer Virtuosität bleibt wenig Raum“, kritisieren die 83 Ökonomen.

Professuren für Wirtschaftspolitik müssten daher unabdingbarer Bestandteil der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und Lehre bleiben. Die wirtschaftspolitische Expertise, die an Universitäten wie Freiburg oder Köln über Jahrzehnte gepflegt wurde, entwickelt sich zum ungeliebten Stiefkind. International orientierte Volkswirte sollen sich angeblich gegen die Kritik der 83 deutschen Kollegen wehren. Das berichtet zumindest das Handelsblatt.

Der Aufruf sei provinziell, rückwärts gewandt und inhaltlich falsch. Hintergrund des Manifestes mit dem Titel „Rettet die Wirtschaftspolitik an den deutschen Universitäten“ seien Debatten an den Hochschulen Köln und Freiburg darüber, wie frei werdende Lehrstühle für Wirtschaftspolitik besetzt werden sollen. Beide Fakultäten möchten international ausgerichtete Volkswirte berufen, die die heute in ihrem Fach gängigen Methoden beherrschen. Köln möchte eine auf Makroökonomie spezialisierte Forschergruppe schaffen. „Und genau hier muss die Kritik ansetzen, wenn man die Erfolgsgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft betrachtet. Freiburg und Köln gehörten nach 1945 zu den wichtigsten Hochschulen für die Entfaltung der Ordnungs-Ökonomik. Ludwig Erhard hat die Soziale Marktwirtschaft eben nicht als wissenschaftlich-empirisches Modell begründet. Das Konzept seiner Währungsreform, zwei Jahre vor Kriegsende begonnen und 1948 umgesetzt, wollte richtungsweisende Grundsätze entwickeln“, sagt Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash.

So sei die Soziale Marktwirtschaft nicht als theoretische Formel, sondern als politische Konfession mit „kühlem Kopf und heißem Herzen“ erdacht worden. Die heutigen ökonomischen Modelle stünden im Widerspruch zur gesellschaftspolitischen Praxis. „Das Manifest der 83 Professen zeichnet eben kein Zerrbild der Volkswirtschaftslehre, sondern ist ein überfälliger Zwischenruf, um auf die Defizite der modernen wirtschaftswissenschaftlichen Forschung hinzuweisen“, erklärt Nadolski. Zu einem ähnlichen Urteil gelangt Professor Joachim Starbatty aus Tübingen. „Das, was wir Finanzkrise nennen, ist zugleich eine Krise des derzeit dominanten Wirtschafts- und Lebensstils und auch – das muss unumwunden eingeräumt werden – der modernen Volkswirtschaftslehre. Wer von den Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaft, wer von den im Fernsehen präsenten Großwissenschaftlern, wer von den Wirtschaftsweisen hat rechtzeitig seine
warnende Stimme erhoben? Auf welchen repräsentativen Kongressen ist das Heraufdämmern der Krise gesehen worden“, fragt sich Starbatty.

Viele Wirtschaftswissenschaftler würden die ökonomische Realität auf statistische Zeitreihen reduzieren. Diese könnten uns helfen zu erklären, was passiert ist, nicht aber zu erkennen, was sich zusammenbraut. „Was nicht in gerade modischen, mathematisch gefassten Modellen behandelt wird, existiert nicht mehr. Was keine Chancen hat, in amerikanischen Journals publiziert zu werden, wird beiseitegeschoben“, kritisiert Starbatty, der das Manifest mitunterzeichnet hat. Weil sich die Zunft der Ökonomen nicht mehr um das kümmere, was „jenseits von Angebot und Nachfrage“ liegt, kann sie sich kein umfassendes Bild mehr von Wirtschaft und Gesellschaft machen. Wer die einschlägigen Fachzeitschriften durchblättere oder die von der Europäischen Zentralbank publizierten Aufsätze studiere, wird dem Ökonomen und Erhard-Berater Wilhelm Röpke recht geben, dass das meiste, was da „unter dem großmäuligen Titel der modernen Ökonomie“ getrieben werde, ein „riesenhafter szientistischer Leerlauf“ sei.

„Einige internationale Wirtschaftswissenschaftler reagieren immer noch gereizt, wenn man ihre völlig überschätzte makroökonomische Theorie demontiert und ihre Selbstüberschätzung thematisiert. Die haben noch immer nicht den Ernst der Lage begriffen“, betont der Personalexperte Nadolski. In den hochabstrakten Modellen der Wirtschaftswissenschaft werden entscheidende Faktoren ausgeblendet, die das menschliche Verhalten prägen. „Der plötzliche Verlust an Vertrauen, ausgelöst durch die Finanzkrise, der seit einem halben Jahr auch die Realwirtschaft lähmt, war in keinem Modell vorgesehen. Erst in jüngerer Zeit bemüht sich die Verhaltensökonomik zu verstehen, welche zum Teil auch irrationalen Motive (zum Beispiel das Herdenverhalten) die Marktakteure antreiben. Zugleich sollten nicht die fragwürdigen Motive der Politik unterschlagen werden, die den Rahmen für die Wirtschaft setzt. Auch hier herrscht wahrlich nicht die reine ökonomische Vernunft“, kommentiert FAZ-Redakteur Philip Plickert.

Die traditionelle Lehrstühle für Wirtschaftspolitik, wie in Köln, seien daher unverzichtbar. „Die konkrete Kenntnis wirtschaftspolitischer und rechtlicher Institutionen und ihrer Anreiz- und Lenkungswirkungen ist das Thema guter Ordnungsökonomik. Davon braucht es mehr und nicht weniger. Viele Aussagen der Ordnungsökonomen sind zwangsläufig normativ. Der Katalog konstitutiver Prinzipien, die Walter Eucken, der Urvater der deutschen Ordnungsökonomen, aufgestellt hat, enthält im Kern immer noch die Grundregeln einer guten Wirtschaftspolitik: Respekt für die Eigentumsrechte und die Vertragsfreiheit, eine stabile Währung, Wettbewerb und die Betonung der privaten Haftung. Einige dieser Prinzipien wurden grob verletzt, wie nun die meisten Ökonomen eingestehen. Die Krise sollte für sie nun Anlass sein, aus der Formelwelt in die reale Welt zurückzukehren und sich wieder stärker den Grundsatzfragen zu stellen“, fordert Plickert.

Wenn von der Rettung der Wirtschaftspolitik als Ordnungspolitik die Rede sei, dann ist eine akademische Disziplin gemeint, die das Wägen lehrt und vom Abschätzen der Folgen wirtschaftspolitischer Entscheidungen handelt, schreibt Hans D. Barbier, Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, in seiner FAZ-Kolumne „Zur Ordnung“. „Für solche Ordnungspolitik hatte der Lehr- und Forschungskanon deutscher Universitäten traditionell einen guten Leumund. An deutschen Universitäten wurde gelehrt und gelernt, das ‚Respice finem!’ – ‚Bedenke die Folgen deiner Entscheidungen und ihrer weichenstellenden Wirkung!’ – nicht aus dem Auge zu verlieren“, führt Barbier weiter aus. Die 83 Ökonomen, die jetzt zur Rettung der Ordnungspolitik an den Hochschulen aufgerufen haben, verdienten daher jede Unterstützung.