Hörspiele und die Kunst der Tontechniker des WDR

Podcast Wortspiel-Radio
Podcast Wortspiel-Radio

Über Regisseure, Autoren, Sprecherinnen und Sprecher wird beim Hörspiel sehr viel gesprochen. Wer sich die Hörspiel-Produktionen des WDR gönnt, die in einer ausgezeichneten Edition des Lilienfeld-Verlages erschienen sind, sollte auch ein Ohr für die Klangkunst der Tontechniker haben.

Auf Facebook Live und im Podcast mit dem frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer habe ich das ausführlich gewürdigt 🙂

Man hört sich.

Axel-Eggebrecht-Preis und Günter-Eich-Preis: Mehr Aufmerksamkeit für die Radiokunst

Radio

Seit rund 14 Jahren vergibt die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig im Bewusstsein und in der Tradition der Rolle, welche die Stadt in der friedlichen Revolution von 1989 auf dem Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands inne gehabt hat, den Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien.

„Aus meiner Sicht weniger bekannt ist, dass zu dieser wichtigen Auszeichnung für unabhängigen, mutigen Journalismus neben weiteren Aktivitäten der Stiftung im Jahr 2007 zwei dezidierte Radiopreise hinzugekommen sind, die seither im jährlichen Wechsel verliehen werden: der Axel-Eggebrecht-Preis und der Günter-Eich-Preis“, schreibt der Wortspiele-Blogger und frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer.

Während der erstere Radiomacher auszeichnet, die mit ihrem Werk inhaltliche und ästhetische Maßstäbe gesetzt haben in der Entwicklung des Radio-Feature, sei der zweite den Hörspielschaffenden gewidmet, die sich in gleicher Weise um das Repertoire dieser Gattung verdient gemacht haben.

In diesem Jahr wurde unter tatkräftiger Beteiligung von Wolfgang Schiffer eine moderate Revision des Reglements der beiden Hörfunkpreise vorgenommen:

„Dem Axel-Eggebrecht-Preis, dessen Jury der österreichische Radio-Feature-Experte Richard Goll vorsteht, bin ich durch meine derzeitige Beiratstätigkeit für Hörfunkpreise in der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig verbunden, beim Günter-Eich-Preis habe ich im Augenblick selbst das Vergnügen der Zusammenstellung und des Vorsitzes der Jury, die über die Preisvergabe an eine Persönlichkeit entscheidet, die sich um das Hörspiel verdient gemacht hat. Dass dieser Preis den Namen des Dichters und Hörspielautors Günter Eich trägt, hat schon Signifikanz. Günter Eich ist ja nicht nur durch seinen Lebensweg der Stadt Leipzig verbunden, er hat nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tat die Hörspiellandschaft maßgeblich geprägt, indem er das Wort nicht nur aus üblichen Genre-Zuordnungen, sondern nach der Erfahrung des Nazismus vor allem (wie übrigens auch in seiner Lyrik) aus jeglicher ideologischen Verhaftung zu befreien suchte und ihm einen allein für die Kunstform des Radios gültigen Ton gab“, erläutert Schiffer im Interview mit Regina Wyrwoll.

Die Öffentlichkeitswirksamkeit der beiden Wettbewerbe soll nun verstärkt werden.

„Da es sich um Hörfunkpreise handelt, ist hier zu einer Verbesserung der Situation natürlich zunächst einmal das Medium Radio selber gefordert – aber auch die Medienseiten und Feuilletons vor allem überregionaler Zeitungen könnten hier eine gewichtige Rolle spielen“, erläutert Schiffer.

Mit Blick auf das, was vor Ort die Medienstiftung selbst tun könne, um die Preisträger einem größeren Publikum bekannt zu machen, ist bei den Konzept-Überlegungen eine erste Entscheidung bereits gefallen:

„Während die Preisverleihungen in der Vergangenheit zumeist als Einzelveranstaltungen stattfanden, zu denen besonders eingeladen wurde, werden sie künftig integraler Bestandteil des jährlichen Sommerfestes der Medienstiftung sein. Hier, im Beisein von mehreren hundert Persönlichkeiten aus Kultur, Gesellschaft und Politik, kommt den jeweiligen Preisträgern oder Preisträgerinnen dann ein Status als Ehrengast zu, verbunden mit einem Programmauftritt, der den Verdiensten um die Radiokunst, um die ‚Königsklassen‘ des Hörfunks, entspricht“, resümiert der Kölner Hörspiel-Experte.

Niklas Luhmann und die unberechenbaren Computer-Kommunikatoren

Die kulturellen Katastrophen der Kommunikation
Dirk Baecker über die kulturellen Katastrophen der Kommunikation

Als System-Theoretiker bewahrt sich der Soziologe Dirk Baecker den Blick für das Wesentliche. Seit Einführung der Schrift werde eine Überforderung durch neue mediale Möglichkeiten beschrieben.

„Platon schaut nach Ägypten und befürchtet die Bürokratisierung der griechischen Polis und das Erkalten der menschlichen Kommunikation, wenn man beginnt, sich auf die Schrift und damit eine mechanische Gedächtnisstütze zu verlassen. Das Gegenteil war der Fall. Die Griechen erfanden in der Auseinandersetzung mit der Schrift die Philosophie, und die frühe Neuzeit erfand in der Auseinandersetzung mit dem Buchdruck die Welt der Gefühle.“

Nach allem, was man bisher erkennen könne, wird diese Gesellschaft ihre sozialen Strukturen auf heterogene Netzwerke und ihre Kultur auf die Verarbeitung von Schnelligkeit einstellen.

„Heterogene Netzwerke treten an die Stelle der eher homogenen Funktionssysteme, wie wir sie von der modernen Gesellschaft kennen. Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden. Unsere Kultur wird sich von der Vernunft der Moderne noch weiter verabschieden und sich stattdessen mit einer Komplexität anfreunden, mit der man die Berührung suchen muss, ohne auf ein Verstehen rechnen zu können”, so Baecker.

Soziale Netzwerke seien die Spielform der nächsten Gesellschaft. Hier könne jeder ausprobieren, was es heißt, im Medium der vernetzten Computer zu kommunizieren. Sie seien so wichtig wie die Computerspiele. Kommunikation, Interaktion und Wahrnehmung werden hier neu verschaltet, neue Befindlichkeiten und neue Begrifflichkeiten einstudiert.

Die Entmachtung der Experten

Google oder das Internet machen uns nicht blöd, wie es Feuilletonisten herunterleiern. So war der große Systemtheoretiker Niklas Luhmann von der Computerkommunikation regelrecht begeistert, obwohl er gar keinen hatte, sondern mit seinem legendären Zettelkasten operierte. Der Bildschirm des Computers sei das einzige Interface, das uns mit der Tiefe der Rechner und ihrer Netzwerke verknüpft.

„Google is making us smart, wenn wir nur darauf achten, dass wir erst seit Google anfangen, uns über die Intelligenz von Netzwerkeffekten Gedanken zu machen, und auch erst seit Google darüber nachdenken, dass die Wahrscheinlichkeitsverteilungen der Welt weniger der Normalverteilung von Gauß als vielmehr den Potenzgesetzen von Zipf folgen”, erklärt Baecker.

Mit der Computerkommunikation, so Luhmann, wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift die Autorität der so genannten Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich nur schwer überprüfen. Sie lässt sich jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige autoritäre Denker, Einpeitscher und Debatten-Dompteure an die Decke. Man braucht das Internet nicht überhöhen oder kultisch in irgendwelche Ideologie gießen. Man muss das Internet auch nicht heilig sprechen. Wo die kulturellen Katastrophen der Computerkommunikation enden werden, kann kaum jemand vorhersehen oder beeinflussen. Das macht das Ganze ja so reizvoll.

Epochenwechsel

TV-Journalisten wie Ranga Yogeshwar erkennen den Paradigmenwechsel, der sich in der Mediennutzung abzeichnet und ein Vorbote für den Niedergang klassischer TV-Formate ist:

„Mit meinem neuen iPhone habe ich das Rechenzentrum meiner Studienzeit in der Hosentasche. Mit der WDR-Sendung Quarks & Co erreichen wir rund 500.000 Podcast-Downloads im Monat. Hier erreichen wir Größenordnungen, wo wir im normalen TV-Programm als öffentlich-rechtliche Anbieter zwar sehr viele jungen Menschen verlieren, aber durch die Hintertür im Internet wieder zurückgewinnen. Das zeigt sehr deutlich, mit welchem Tempo der Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft verläuft. Wenn Sie das Gefühl haben, es ging in den vergangenen Jahren schnell, dann legen Sie den Gurt an: Es wird noch schneller“, so Yogeshwar.

Der Astronom

Den Epochenwechsel machte der Wissenschaftsjournalist an zwei Bildern des Malers Vermeer fest, die im Abstand von einem Jahr entstanden. Das Werk mit dem Titel „Der Astronom“ aus dem Jahr 1668 zeigte noch eine Welt, in der Menschen etwas betrachten.

„Der Astronom wagt nicht, etwas zu verändern. Ein Jahr später entsteht ‚Der Geograph’, der aktiv gestaltet und am Fortschritt arbeitet sowie das Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Es gibt viele Kunsthistoriker, die sagen, dass es sich um ein Scharnierbild handelt. Es dokumentiert den gesellschaftlich-kulturellen Wandel dieser Zeit. Von einer kontemplativen Welt zu einer Epoche, die Dinge tut. Meine These ist, wenn Vermeer noch leben würde, müsste er heute ein drittes Bild malen, denn wir leben in einer Zeit, die wieder einem Scharnier entspricht“, erläutert Yogeshwar.

Scharnierbild signalisiert den Epochenwechsel
Scharnierbild signalisiert den Epochenwechsel

Fortschritt sei im 17. Jahrhundert noch sehr langsam verlaufen. Das war eine Geschichte, die von einer Menschengeneration zur nächsten übermittelt wurde. Das ist ein großer Unterschied zu heute. Jeden Tag werden weltweit 20.000 wissenschaftliche Abhandlungen publiziert, jede Minute gibt es irgendwo auf der Welt eine neue chemische Substanz, die synthetisiert wird, alle drei Minuten gibt es eine neue physikalische Erkenntnis. Und das Tempo legt zu“, prognostizierte Yogeshwar. Noch nie zuvor sei derart viel erfunden worden. Das Telefon brauchte rund 100 Jahre, bis es sich durchsetzte. Auf ein Ferngespräch nach Indien wartete Yogeshwar früher noch 48 Stunden und wenn die Leitung zustande kam, mussten seine Eltern schreien, um sich verständlich zu machen. „Das Internet wächst in einer Dynamik, die man nicht mehr verstehen kann. Wer meint, das Internet zu verstehen, liegt falsch. So hat die Distribution in der Musikindustrie einen Einbruch von 30 Prozent erlebt. Und man darf sich fragen, ob der Job des Verlegers ein Auslaufmodell ist.“

Dead Terrorist überflügelt Gottschalk

„Wetten, dass“ hatte in guten Zeiten rund elf Millionen Zuschauer und zählte zu den Einschaltquoten-Champions.

„Die Jeff Dunham-Show ist viel bekannter. Sein Internet-Video ‚Ahmed the Dead Terrorist’ hat über verschiedene Internetkanäle allein in England 96 Millionen Downloads erreicht. Die Musik spielt nicht mehr bei ‚Wetten, dass’, die Musik spielt im Web“, prognostizierte Yogeshwar bereits vor rund fünf Jahren.

Mit Diensten wie Apple TV, Watchever, Netflix oder Amazon wird sich der Niedergang des linearen Fernsehprogramms verstärken. Das TV-Gerät wird wohl auch in Zukunft im Wohnzimmer stehen – also der Bildschirm. Die Inhalte bestimmen aber nicht mehr ARD, ZDF und Co., die Inhalte bestimmen die Zuschauer selber. Die TV-Macher sehen die Gefahr des Niedergangs bislang nicht: Ein Beispiel für Realitätsverdrängung lieferte beispielsweise ZDF-Sprecher Alexander Stock mit Blick auf die Original Channels von YouTube. Hierbei handelt es sich um werbefinanzierte und somit kostenfreie Spartenkanäle.

„Eine Wirkung auf den TV-Markt werden diese webbasierten Plattformangebote nicht haben. Dafür ist die Internetnutzung am TV-Gerät zu gering.“

Die Reaktion von ARD-Programmdirektor Volker Herres geht in die gleiche Richtung:

„Für uns sind neue Themenkanäle keine Konkurrenz. Das Erste werde seine Schwerpunkte anlässlich des Starts des Youtube-Programms nicht verändern“.

Diese Einschätzung könnte sich rächen:

„Es ist besser, eine solche Herausforderung, die zu Beginn nur Teile des eigenen Geschäftsmodells gefährdet, früh anzunehmen und darauf zu reagieren. Denn gerade Werbekunden könnten an den zielgruppenspezifischeren Angeboten der YouTube-Channel einen großen Gefallen finden. Und jüngere Zielgruppen, die bereits heute regelmäßig Youtube nutzen, nehmen das Angebot gerne in Anspruch nehmen. Durch den individuellen Abruf verschiedener Clips kann man nicht nur ein individuelles Spartenprogramm erstellen. Es lässt sich sogar problemlos auf mobilen Geräten wie Handys und Tablet-PCs abrufen – und nicht nur bei Internet-tauglichen Smart-TVs. So besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass sich für immer mehr Nutzer das klassische Lean-Back-TV zu einem Lean-Forward-TV entwickelt. Und man hat den Eindruck, dass beitragsfinanzierten TV-Anstalten darauf nicht vorbereitet sind“, so Professor Ralf T. Kreutzer, Co-Autor des Buches „Digitaler Darwinismus – der (stille) Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke – Welche Macht Social Media wirklich innewohnt“.

Videokommunikation ist spätestens seit den Erfolgen von Diensten wie Skype oder Google-Hangout ein beherrschendes Thema für Beruf und Freizeit:

„Vor allem die Erfahrungen aus der privaten Nutzung übertragen sich auf die Wirtschaftswelt“, so die Erfahrung von Johannes Nowak, Produktmanager von Aastra, die sich auf Kommunikationstechnologie spezialisiert hat.

72 Stunden Videomaterial pro Minute

Pro Minute werden auf Youtube mittlerweile 72 Stunden Videomaterial hochgeladen, so Google-Sprecher Stefan Keuchel. 77 Prozent der Internet-Nutzer in Deutschland schauen Online-Videos. 50 Prozent sehen Filme und 47 Prozent schauen bei Live-Events über das Internet zu, in beiden Fällen etwa 12 Prozent auf mindestens wöchentlicher Basis. Das ist das Ergebnis einer Umfrage im Auftrag des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW). Bei der jüngeren Bevölkerungsgruppe geht es dabei weniger um reine Download-Angebote, sondern um Streaming-Dienste.

„Diese Entwicklung wird durch Social Media und Social TV weiter gesteigert, so dass rund um Bewegtbildinhalte die zwischenmenschliche Kommunikation begünstigt wird“, sagt Holger Schöpper, Sprecher des Forums Bewegtbild im BVDW. „Video ermöglicht eine persönlichere Kommunikation, als es das geschriebene Wort jemals bieten kann. Und anders als beim geschriebenen Wort, benötigt Video keine Vorbildung, keinen Duden und keine Schönschrift. Video ist kein Abbild, sondern ein echter Einblick in unser Leben. Video ist gelebte Kulturtechnik”, resümiert Markus Hündgen, Organisator des Webvideopreises.

Ausführlich nachzulesen im Kapitel “Eine bewegende Bilderwelt: Von Gutenberg zur neuen Mündlichkeit im Netz – Hier werden Dinge mit Worten gemacht“ des Buches „Live Streaming mit Hangout On Air: Techniken, Inhalte & Perspektiven für kreatives Web TV“, das am 4. September im Hanser Verlag erscheint. Man kann das Opus schon vorbestellen.

Die Autoren des Buches – also Hannes Schleeh und ich – stehen übrigens für Lesungen, Keynotes und Talkrunden zur Vorstellung unserer prosaischen Ausflüge zur Verfügung. Einzige Bedingung für die Veranstalter: Unsere Auftritte müssen live ins Netz gestreamt werden mit Hangout on Air. Wir helfen auch gerne bei der technischen Bewältigung dieser Aufgabe.

Das müssen wir wohl beim nächsten Buchprojekt beachten:

Christiane Frohmann: „Digitales Publizieren sollte sich von der klassischen Buchkultur emanzipieren“

Von der Vergeblichkeit des Shitstorms: Können Schufa, GEMA, WDR oder ARD wirtschaftliche Schäden erleiden? #Bloggercamp.tv

Hulk 015

Unternehmen müssen von Shitstorms keine nachhaltigen wirtschaftlichen Schäden befürchten. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest die Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK). Sie hat die Empörungswellen von Social Media-Nutzern von Januar 2010 bis Mai 2013 analysiert. Allerdings reagierten die meisten betroffenen Unternehmen auf die Phase massiver Kritik in den sozialen Netzwerken mit Anpassungen von Krisenplänen und sogar Restrukturierungen ihrer Kommunikationsabteilungen. Ein Großteil der befragten Unternehmen erwartet eine Zunahme und den systematischeren Einsatz von Shitstorms durch Protestgruppen in der Zukunft.

„Trotz der Heftigkeit der Kritik und der hohen medialen Aufmerksamkeit, mit denen die Unternehmen sich während eines Shitstorms konfrontiert sahen, haben die betroffenen Unternehmen bislang kaum messbare Umsatz- oder Gewinneinbußen noch einen nachweisbaren Glaubwürdigkeitsverlust festgestellt. Das hat uns überrascht und das scheint Shitstorms von einer klassischen Unternehmenskrise deutlich zu unterscheiden“, so Professor Ralf Spiller, Leiter der Studie.

In der Untersuchung wurden nur solche Shitstorms berücksichtigt, über die im betrachteten Zeitraum in den Online-Ausgaben der sechs größten überregionalen deutschen Tageszeitungen berichtet wurde:

„Wir wollten nur Empörungswellen ab einer bestimmten Wahrnehmungsschwelle analysieren, die in Medienberichten explizit als Shitstorms bezeichnet wurden,“ so Spiller.

Dieses Kriterium traf zwischen Januar 2010 und Mai 2013 auf 28 in Deutschland operierende Unternehmen zu. Mit 10 Kommunikationsverantwortlichen dieser betroffenen Unternehmen konnten Leitfadeninterviews zu den Shitstorms geführt werden.

Analysiert wurden auch die Maßnahmen, die Unternehmen beim Umgang mit Shitstorms ergriffen haben. Als erfolgreichste und gängigste Maßnahmen nannten die Unternehmenssprecher die unverzügliche Kommunikation mit der Gegenpartei sowie die Beseitigung des Fehlers. Typisch war, dass Kommunikationsmaßnahmen wie Aufklärung oder Entschuldigung ausschließlich in den sozialen Medien stattfanden.

„Klassische Instrumente wie Pressekonferenzen, Pressemitteilungen oder Hintergrundgespräche wurden nur ganz selten als Reaktion auf die Kritik von Social Media Usern eingesetzt. Die Kommunikationsverantwortlichen scheinen sie im Kontext der sozialen Medien für unzureichend zu halten“, so Thomas Hintzen, Co-Autor der Studie.

Als Katalysator für Shitstorms spielen klassische Medien gleichwohl eine große Rolle. Die meisten Befragten gaben an, dass ein Katalysator in Form eines Medienberichtes oder eines prominenten Unterstützers zur Verbreitung des Shitstorms beigetragen hätten.

Gut. Mag so sein. Aber bleiben die kritischen Beiträge, die man unter Shitstorm zusammenfasst, wirklich ohne wirtschaftliche Folgen? Welche Datengrundlage konnte die Hochschule bei den betroffenen Firmen denn einsehen? Nach der Methodik der Wissenschaftler kamen lediglich Leitfadeninterviews zum Einsatz. Es ist kaum anzunehmen, dass die Befragten offen zugeben, dass sie in schweres Fahrwasser für Umsätze und Gewinn geraten sind.

Letztlich manifestiert sich die Unzufriedenheit mit Unternehmen in den Empörungswellen: Schlechte Produkte, miserabler Service, arrogantes Verhalten oder moralisch fragwürdiges Geschäftsgebaren und dergleichen mehr. Stimmt die Aussage von Jeff Bezos nicht:

„If you make customers unhappy in the physical world, they might each tell 6 friends. If you make customers unhappy on the Internet, they can each tell 6.000 friends.“

Interessant ist auch die Liste der untersuchten Unternehmen: Etwa die Schufa – wie soll ich als Kreditnehmer eine Schufa-Abfrage ablehnen, wenn mir meine Bank oder irgendein anderer Anbieter keinen Kredit gibt? Dann sind da noch Tele 5, die ProSieben-Sendung Galileo, WDR, ARD und RTL: Die öffentlich-rechtlichen sind gebührenfinanziert, da kann nichts passieren. Und die Privatsender? Das würde nur über die Werbewirtschaft laufen. Auch da sind direkte Effekte eher unwahrscheinlich.

Und dann ist auch noch die GEMA aufgeführt. Ist das ein Scherz? Wie soll man diesem Verwertungsmonopolisten denn wirtschaftlich ans Bein pinkeln? Ich halte die Studie methodisch für fragwürdig – auf den ersten Blick.

In unserer Mittwochssendung von Bloggercamp.tv um 16 Uhr ist Professor Peter Gentsch von BIG Social Media zu Gast. Sein Unternehmen hat ebenfalls Shitstorm-Wellen unter die Lupe genommen.

Wer eigene Erkenntnisse zu diesem Thema gesammelt hat und präsentieren möchte, kann gerne noch als Interviewgast dazu kommen. Ich starte den Hangout rund 15 Minuten vor dem Beginn der Sendung. Einfach unten in den Kommentaren eine Nachricht hinterlassen oder mir direkt eine E-Mail schicken an: gunnareriksohn@gmail.com

Mal schauen, was Professor Gentsch zur MHMK-Studie sagt. Ihr könnt wieder mitdiskutieren über die Frage-Antwort-Funktion von Google Plus. Da ich morgen alleine moderiere, werde ich wohl nicht auf die Tweets achten.

Update:

Tim Ebner macht morgen auch mit. Danke für die Vermittlung, liebe Astrid 🙂 Tim ist Shitstorm Schnüffler, Social Media Geek und Marketing Freak, Berater bei @kpunktnull. Da passt er ja wie die Faust aufs Auge!

Update:

Grafik hat jetzt direkt nichts mit Shitstorms im Social Web zu tun, aber ein wenig passt es noch zum Thema unserer Sendung.

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Update:

Die Empörungswelle über BSE hatte massive wirtschaftliche Auswirkungen.

BSE-Krise.001

Siehe auch:

Udo Lindenbergs #panikparty – Anatomie eines Shitstorms. Bleibt das für den Konzertveranstalter auch ohne Konsequenzen?

Über die Unwetter-Warnungen des WDR #Unwetter #NRW @wdr2

Foto von Thomas Kuhn auf Facebook
Foto von Thomas Kuhn auf Facebook

Gestern war die Berichterstattung des WDR über die aufziehende Sturmfront über NRW wohl kein Ruhmesblatt. Wichtig ist sicherlich die Aufarbeitung der Folgen mit Liveblog und allem was dazu gehört. Noch wichtiger ist die Warnung, die Vorbereitung der Menschen auf das, was auf sie zukommt. Schaut man sich den Twitter-Account von WDR2 an, kommen mir Zweifel.

Der erste Tweet, der die Bezeichnung „Unwetterwarnung“ verdient, kam um 20:29 Uhr. In Bonn waren die ersten Stürme schon in vollem Gange und wir sicherten rein intuitiv alles Bewegliche am Haus und im Garten. Danach überschlugen sich die Live-Berichte des WDR – über die Folgen.

Kachelmann veröffentlichte eine deftige Warnung bereits gestern Vormittag:

„Achtung, Unwettergedöns im Westen/Nordwesten wahrscheinlich. Einzelne Hitzegewitter heute vor allem über den Mittelgebirgen und Alpen – ABER: Hauptgefahr heute spätnachmittags/abends/nachts überall, wo Belgien und die Niederlande nahe sind (NRW, Niedersachsen): Dort besteht die Gefahr von wirklich groben Unwettern mit Hagel, orkanartigen Böen und Gedöns, auch tornadische Bemühungen sind aufgrund der Wetterlage denkbar. Nicht in Gewitter reinfahren ohne zu wissen, was das für ein Gewitter ist. Die Gewitter von heute Abend verstehen keinen Spass und es ist nicht notwendig, einen Blödtod zu sterben, nur weil man im falschen Moment einen Ast auf Auto oder Kopf bekommt. Ich werde hier online sein, solange es doof ist.“

Entsprechend erzürnt reagiert Jörg Kachelmann in einem Blogpost mit der provokativen Forderung: Fünf Tote und der WDR – Treten Sie zurück, Tom Buhrow.

Er dokumentiert den gestrigen Ablauf und gleicht sie mit den Tweets von WDR2 ab. Als sich nach 19 Uhr über Belgien und den Niederlanden eine zusammenhängende Unwetterlinie gebildet hatte und der Raum Aachen und das Hohe Venn von Orkanböen getroffen wurde, setzte WDR2 einr Botschaft über Entenhausen ab.

Wo war gestern der Live-Ticker? Gab es einen Liveblog wie ihn WDR1 heute über die Unwetterfolgen anbietet?

Warum ist kein redaktioneller Krisenstab gebildet worden? Warum bereitet man so eine Sache nicht mit Echtzeit-Kommunikation vor via Twitter, Facebook, Youtube und Livestreaming?

Warum sind redaktionelle Team gestern nicht schon tagsüber ausgeschwärmt, um die Unwetterfront zu beobachten? Ich bin jetzt kein Wetterexperte, aber so einiges würde mir schon einfallen, was in Echtzeit ohne großen Aufwand mit Smartphone oder Tablet machbar ist. Kachelmann hat recht:

„Die Wetterlage hätte frühzeitig in Hörfunk und Fernsehen journalistisch aufbereitet werden müssen.“

Würde das gerne morgen, um 11 Uhr in Bloggercamp.tv aufarbeiten. Wer dazu Lust und Zeit hat, fühle sich hiermit eingeladen, um mit mir darüber zu diskutieren. Live und ohne doppelten Boden via Hangout on Air.

Siehe auch:

Sechs Tote nach Unwetter in Nordrhein-Westfalen.

Das Unwetter, Kachelmann, der WDR — und der Fluch der Routine.