Sofortheit, wenn und wann ich es will #bloggercamp

Lobo im Aufzeichnungsmodus

Sascha Lobo hat in seiner heutigen Kolumne mit dem Herumgejammer über das Bedürfnis der Internet-Nutzer nach sofortiger Befriedigung aufgeräumt:

„Obwohl Sofortheit und Echtzeit in den sozialen Medien so allgegenwärtig scheinen, lässt sich eine Abkehr von Instantmedien beobachten: Die klassische synchrone Sofortkommunikation Telefonat etwa wird unwichtiger. Stattdessen sind chatartige Kommunikationsformen nach vorn gerückt. Das zentrale Merkmal des Chats ist, dass man sowohl synchron kommunizieren kann wie auch asynchron. Wann man auf eine Nachricht reagiert, ist frei verschiebbar, von unmittelbar sofort bis zum Tag der BERöffnung.“

Die oft kritisierte Beschleunigung, die Informationsflut, die damit einhergehende Ungeduld, die digitale Hektik, die gesamte Netzkultur der Sofortness, sei als Angebot und nicht als Verpflichtung zu betrachten.

„Das aus Sicht der Merkelartigen etwas verstörende Alles,Immer, Sofort bedeutet nicht Reizüberflutung in Echtzeit rund um die Uhr. Sondern nur die jederzeitige Möglichkeit dazu. In der Zwischenzeit kann man rumliegen und das blitzschnelle Twitter Twitter sein lassen. Echtzeit entpuppt sich als leicht irreführender Begriff, zum besseren Verständnis müsste es Wunschzeit heißen.“

Bei der synchronen Sofortkommunkation habe ich diese Wahlfreiheit nicht. Deshalb nerven ja auch Telefonate. Die Erwartungshaltung des Anrufers ist die sofortige Reaktion des Angerufenen. Versucht jemand mich auf dem Festnetz anzurufen und ich gehe nicht ran, weil ich gerade schreibe oder recherchiere oder mich aufs Ohr gelegt habe, ertönt danach sofort ein Anruf auf meinem Mobilfunkgerät. Ignoriere ich auch diesen Anruf, bleibt als nervende Mahnung dann noch eine hektische Ansage auf dem Anrufbeantworter übrig. Manchmal sogar doppelt. Das Telefon ist ein hektisches Unterbrecher-Medium – im Gegensatz zum Social Web.

Das gilt übrigens auch für die Unternehmenskommunikation.

„Im Social Web wird in einer breiteren Forumsform diskutiert. Es gibt kaum noch ein Interesse an einer Punkt-zu-Punkt-Kommunikation. Die asynchrone Kommunikation dominiert“, sagt Genesys-Manager Heinrich Welter.

Tradierte Hersteller und auch Hotline-Anbieter würden die Signale noch nicht richtig deuten. Das dürfte sich irgendwann rächen.

„Dabei sorgt die asynchrone Kommunikation für eine Entlastung der Service-Center. Agenten könnten parallel unterschiedliche Tätigkeiten ausführen, was über das Telefon nicht möglich ist. Auch die Qualität der Beratung steigert sich enorm. Auskünfte über Twitter sind fundierter, weil niemand eine Reaktion in Echtzeit erwartet. Durch den kleinen Zeitvorteil kann man viel besser auf die Ressourcen im Wissensmanagement zurückgreifen und personalisierte Auskünfte erteilen“, so die Erfahrung von Welter.

Ein asynchroner Nutzen entsteht auch beim Einsatz von Live-Übertragungen ins Internet über Dienste wie Hangout On Air:

„Im Unterschied zu einer profanen Videokonferenz liegen die Live-Hangouts als Youtube-Aufzeichnungen vor. Sie bieten unendliche Möglichkeiten der Zweitverwertung via Slideshare, Youtube, Blogs, Xing, Twitter und Co“, sagt Bloggercamp-Mitorganisator Hannes Schleeh.

Es ist also nicht so wild, wenn Ihr morgen unser Bloggercamp-Werkstattgespräch über das Un-Buch-Projekt „Die Streaming Revolution“ ab 18,30 Uhr versäumt. Danach die Aufzeichnung anschauen und eben nicht in Echtzeit kommentieren, sondern auf unseren Blogs oder auf Youtube. Wer dennoch live dabei ist, kann uns via Twitter Zwischenrufe schicken. Hashtag #bloggercamp

Unser Gesprächsgast ist übrigens Michael Dreusicke, Gründer und Geschäftsführer von PAUX Technologies. Man hört und sieht sich 🙂

Morgen früh erscheint übrigens noch eine The European-Kolumne von mir über das Thema „Die TV-Autonomen“. Da geht es natürlich um Videokommunikation.

Seit wann brauchen Superhelden ein Telefon?


Was soll man dazu noch sagen: Der Telefon-Mann Wieland möchte ein Superheld sein. Er will wohl nur noch T-Man genannt werden. So postet er in einer Replik auf meine ritterlichen Worte:

Anno 2011 wurde wieder ein Superheld geboren: „Wieland – der Telefon-Man“. Nun erscheint es mir fast als Beleidigung, dass ich Sie, lieber Gunnar Sohn, zuvor nur zum „Ritter Gunnar im Kampf gegen die Telefone“ erhoben habe. Als „T-Man“ verfüge ich doch schließlich über Superkräfte, die mir im Kampf gegen die bösen Kräfte der digitalen Unterwelt beistehen, oder nicht?

Der Telefon-Mann Wieland hat wohl erkannt, dass man als Hotline-Apologet ohne übermenschliche Superkräfte nicht mehr auskommt, um den Erdenbürgern einen Super-Service zu bescheren. Aber kann unser Hotline-Freund einen Platz in der Gilde der Superhelden überhaupt beanspruchen? Mal im ernst, lieber Telefon-Mann Wieland, Superman kann doch nur mit einem müden Lächeln auf Deine Hotline-Superkräfte herunterblicken: Er ist schnell, kann fliegen, verfügt über ein Supergehör (auch sehr entfernte/sehr leise Geräusche werden von Superman wahrgenommen, ebenso besonders hohe und tiefe Frequenzen), er hat einen Hitze-, Röntgen-, Scan-, Infrarot-, Mikroskop- und Teleskopblick, besitzt einen Superatem, glänzt durch ein photographisches Supergedächtnis (Superman kann extrem schnell lesen und die daraus gewonnenen Informationen auch ebenso schnell verarbeiten) und schaltet Gegner mit seinen Hypnosfähigkeiten aus. Was er nun überhaupt nicht braucht: Eine Super-Hotline. Das hat er nicht nötig. Und so bleibt dem Telefon-Mann Wieland wohl nicht anderes übrig, als eine Statistenrolle in Entenhausen anzustreben.

Eine Sache hat mich allerdings nachdenklich gestimmt. So schreibt der Telefon-Mann Wieland (es bleibt beim doppelten N):

Wissen Sie eigentlich, warum es keine Superhelden in Deutschland mehr gibt? Haben Sie schon mal probiert sich in einem Facebook umzuziehen? In Telefonzellen ging das….

Das ist wahrlich ein Problem – daran habe ich noch gar nicht gedacht. Aber, lieber Telefon-Mann Wieland, was sind denn Telefonzellen? Zum Glück gibt es noch Bahnhofstoiletten – die können die Superhelden doch heute noch nutzen – wenn sie 50 oder 70 Cent in der Tasche haben.

Schopenhauer, Call Center und die Kunst des guten Gesprächs

Vereinsamung am Telefonapparat, wie von Sangeskünstler Max Raabe beklagt, muss nach Ansicht der Ordensbrüder der Call Center-Branche nun wirklich nicht sein. Der Mensch bevorzugt schließlich das Gespräch mit Seinesgleichen. „Echte“ Dialoge von Mensch zu Mensch, wie sie am Telefon stattfinden, könne man nicht durch E-Mail, Chat, SMS oder automatisierte Services ersetzen. Es fehle das Unmittelbare, die Emotion, das Zwischenmenschliche. Reine „Sende-Medien“ könnten das nicht vermitteln. „Viele Probleme lassen sich ‚von Mensch zu Mensch‘ halt einfacher und unkomplizierter klären als in zehn E-Mails. Deswegen ist der ‚Faktor Mensch‘ im Kunden- und Servicedialog der Zukunft auch weiterhin das wichtigste Glied in der Kette! Und mal Hand aufs Herz: Wer will schon mit einem Roboter telefonieren, um mit diesem Fragen zur Rechnung zu klären“, fragt sich ein Experte, der die Kunst der telefonischen Konversation pflegt. Wer sich einsam wähnt, sollte sich also nicht scheuen, mit den klassisch geschulten Rhetoren des Kundendienstes ein wenig zu plaudern.

Wie erfrischend und erheiternd das sein kann, schilderte mir ein Leser meines Blogs in einer E-Mail als Reaktion auf den Beitrag „Witwe Bolte, Social Media und die Zukunft der Call Center“.

Ein Versicherungskonzern schickte ihm den üblichen Zwischenbescheid über den Stand seiner betrieblichen Direktversicherung. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass seine Gattin im Falle seines Ablebens als bezugsberechtigte Person plötzlich einen völlig neuen Namen trug. Da liegt es doch nahe, dass man seiner Irritation, Verwunderung und Verunsicherung im direkten Gespräch mit einem real existierenden Versicherungsmenschen Ausdruck verleihen möchte. Gesagt, getan. Nach der üblichen Wartezeit und der trickreichen Eingabe einer mehrstelligen Versicherungsnummer meldete sich ein holdes Wesen am anderen Ende der Leitung und war bereit, folgenden Dialog mit dem Leser meines Blogs zu führen:

„Schönen guten Tag, mein Name ist Arthur Schopenhauer (Anmerkung von mir: Name wurde auf Wunsch des Lesers geändert), in Ihrem letzten Zwischenbescheid zu meiner Rentendirektversicherung ist ihnen …

Call Center-Dame des Versicherungskonzerns (fortan abgekürzt mit „Agentin“): Sagen Sie mir mal ihre Versicherungsnummer!

Schopenhauer: Die hab ich doch gerade schon dem Telefoncomputer diktiert.

Agentin: Das heisst ja nicht, dass ich die jetzt hab! (Experten nennen das Multichannel-Management, Einschub von mir)

Schopenhauer: 1852 Acc.No. 10863

Agentin: Und?!

Schopenhauer: Ähm, ja , Sie haben meine Frau, Versicherungsbegünstigte, auf Seite 2 Ihres Schreibens falsch geschrieben. Da steht jetzt „Hegel“ statt „Schopenhauer“. Könnten Sie meine Ehefrau bitte zukünftig wieder so schreiben wie im ursprünglichen Versicherungsschein.

Agentin: Kann ich nicht ändern. So was MÜSSEN sie schriftlich einreichen!! (die Call Center-Branche sorgt also auch für eine Renaissance der Briefkultur….)

Schopenhauer: Äh, wie Bitte?! Ich MUSS gar nichts! Schon gar nicht, wenn der Versicherungskonzern einen Fehler gemacht hat. Schließlich habe nicht ich, sondern der Versicherungskonzern – warum auch immer – beschlossen, den Namen meiner Frau anders als im Versicherungsschein zu schreiben. Ergo weiss ich auch nicht, warum ich zur Korrektur Ihres Fehlers Briefe verfassen und zur Post tragen soll.

Agentin: Ja da könnte ja jeder kommen! (wortwörtlich)

Schopenhauer: Wie wäre es denn, wenn Sie sich mal flugs die Original-Police aufrufen. Da steht drin, wie sich meine Frau schreibt und das können Sie dann einfach in meinem Datensatz ändern.

Agentin: Das geht nicht. (Punkt !!!)

Schopenhauer: Ja, wie jetzt?! Sie sitzen im Kundenservice und sind nicht in der Lage anhand der zweifach abgefragten Versicherungsnummer meine Akte aufzurufen.

Agentin: Nö.

Schopenhauer: Hallo! Wollen Sie mich veralbern?!? (könnte auch sein, dass ich etwas lauter „verarschen” gesagt habe)

Agentin: Das MÜSSEN sie schriftlich einreichen ! ! !

Schopenhauer: So, jetzt verbinden Sie mich bitte mal mit Ihrer Beschwerdestelle…

Agentin: Beschwerden MÜSSEN sie ebenfalls schriftlich einreichen ! ! ! (siehe oben, Förderung der Briefkultur)

Schopenhauer: Dann möchte ich, dass mich Ihr Chef umgehend zu diesem Thema anruft. (so bleibt man im Gespräch)

Agentin: Ja ist gut. (Klang zweifelsohne nach leck mich am Arsch, du blöder Kunde!)

Nachdem Schopenhauer logischerweise keinen Rückruf bekommen hat, rief er erneut beim Versicherungskonzern an: Mit dem sofortigen und unmissverständlichen Hinweis, dass Schopenhauer gerne die Beschwerdeabteilung gesprochen hätte. Die Reaktion auf diesen Hinweis war verblüffend. Der neue Gesprächspartner, nennen wir ihn Agent, war spontan scheißfreundlich. Zwar bestätigte auch der Agent, dass man bei seinem Versicherungskonzern Beschwerden tatsächlich nur schriftlich einreichen könne — auch solche über das Ansinnen, Beschwerden nur schriftlich einreichen zu können. Nichtsdestotrotz erklärte er sich ohne zu zögern bereit, den Namen meiner bezugsberechtigten Frau direkt im PC (!!!) zu ändern. Von meinem Wunsch nach Rückruf war übrigens in der elektronischen „Akte“ von Schopenhauer nichts vermerkt.

Schopenhauer ist gespannt, ob die versprochene Bestätigung per E-Mail kommt.

Recherchen von Schopenhauer haben übrigens ergeben, dass weder die „Kundenberater“ noch die leibhaftigen Gebietsleiter des Versicherungskonzerns auf ein Dokumentenmanagement-System zugreifen können. Versicherungsscheine sind nicht digital aufrufbar. Schriftverkehr ist nicht der Versicherungsnummer zugeordnet. Und „Kontoauszüge” über geleistete Raten erhält man nur nach finalem Einschalten der BaFin – mit acht Monaten Bearbeitungszeit, dafür aber ohne jede Prüfung durch die BaFin.

Die Agentin und der Agent sind nach Ansicht von Schopenhauer die wahren Meister der Lebenskunst. Sie vermitteln praktische Klugheit und die Erkenntnis, dass jede Ordnung und Organisation sich als Schein erweisen. Sie bilden das fortwährende Trugbild der Existenz, die unvermeidliche Blendung, die jeden Lebensentwurf und jede Lebensaufgabe mit der Illusion einer Bedeutung versieht. Das Kundenleben, so die Call Center-Philosophen, besteht aus Entbehrung, Elend, Not, aus Kummer und Sorge, Anspannung und Ehrgeiz, Mühe und Schmerz.

Siehe auch:
Dumme Kundeninteraktion – Wie miserabel orchestrierte Technologien den Service verschlechtern.

Nachtrag: Der Dialog mit der Agentin ist keine Fiktion! Philosophiestudenten sollten sich allerdings nicht die Mühe machen, die Gesprächsnotizen im Hauptwerk, in den Tagebüchern oder im Altersopus „Senilia“ von Schopenhauer zu suchen. Sie werden es nicht finden. Die Gesprächsnotizen sind erstmalig und exklusiv in meinem Blog veröffentlicht worden. Ergänzungen der Schopenhauer-Bibliographie können selbstverständlich mit Quellenangabe vorgenommen werden!

Call Center-Berater, die Social Media als weiteren Kommunikationskanal neben dem Telefon ansehen, rate ich zur Lektüre des Beitrages „Narrensicheres Geschäftsmodell, kostenlos abzugeben“. Es ist wirklich sehr einfach zu erlernen und verfolgt die Strategie „Berater-Berater“.

Der Social Media-Siegeszug und die Veränderung des Kommunikationsverhaltens – Web-Services statt störende Anrufe

Das Wachstum sozialer Medien wie Facebook oder Twitter scheint bisher keine Grenzen zu kennen. Das berichtet der FAZ-Netzökonom Holger Schmidt: „Nach einer Messung des Marktforschungsunternehmens Comscore ist die Besucherzahl auf den Seiten sozialer Netzwerke in den vergangenen zwölf Monaten um 23 Prozent auf 945 Millionen in aller Welt gestiegen. Auch in Deutschland gewinnen diese Seiten weiter an Popularität. Die Besucherzahl stieg auf 37,9 Millionen im Juli, 47 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Nur in den Vereinigten Staaten und China besuchen mehr Internetnutzer soziale Medien.“ Interessant ist der Befund, dass das Social Media-Wachstum auch von älteren Menschen angetrieben. „Während die Nutzung in der Gruppe der 18 bis 29 Jahre alten Menschen mit fast 90 Prozent schon sehr hoch ist und nur wenig Wachstumsmöglichkeiten hat, hielten sich die älteren Menschen lange zurück. Nach einer Untersuchung des Pew Internet & American Life Project drängt nun aber auch die Generation der Menschen, die älter als 50 Jahre sind, in die sozialen Netzwerke. In den Vereinigten Staaten ist der Anteil der Menschen dieser Altersgruppe, die auf Facebook, Twitter oder anderen sozialen Medien unterwegs sind, in den vergangenen zwölf Monaten von 22 auf 42 Prozent gestiegen“, so Schmidt.

Von einem reinen Digital Native-Phänomen kann man also nicht mehr sprechen. Noch viel spannender dürften die Auswirkungen auf das Kommunikationsverhalten sein. So sagt Clive Thompson in einem Beitrag für die Zeitschrift „Wired“ den baldigen „Tod des Telefonanrufs“ voraus. Er stützt sich dabei unter anderem auf eine Studie des Beratungsunternehmens Nielsen. „Demzufolge ist die Zeit, die Amerikaner am Telefon verbringen, seit 2007 stetig gesunken. Stattdessen kommunizieren sie immer mehr über SMS, E-Mails und Instant Messenger“, schreibt Zeit Online.

Der Autor glaubt, das Telefon könnte in absehbarer Zeit ganz verschwinden – und hätte es nicht anders verdient. Die ganze Erfindung „Telefon“ leide an einem Konstruktionsfehler. Den hätten die neuen Medien nur offensichtlich gemacht. Das größte Versäumnis des Telefons sei nämlich die fehlende Statusanzeige. Schon lange habe das einleitende „Guten Tag, hier spricht …“ eine Frage wie: „Störe ich grad?“ abgelöst. „Stören – genau, hier liegt das Problem. Auf eine E-Mail kann der Angesprochene antworten, wann immer es ihm beliebt. Das Telefon lasse diese Form asynchroner Kommunikation nicht zu“, so Zeit Online. Oder wie Axel Rühle in der Süddeutschen schreibt: „Jemanden abends um elf anzurufen, hat etwas vom Eintreten der Wohnungstür. Wie elegant und diskret ist zu solchen Tageszeiten dagegen die SMS oder Mail, sie gleicht einem vorsichtigen Anklopfen, während das Telefon zu solcher Uhrzeit wie ein akustischer Sprengsatz mitten in der Wohnung hochgeht.“

Nachrichtenschreiben sei beliebter, weil es weniger soziale Überwindung kostet. „Zum einen muss man nicht fürchten, den anderen zu stören, weil es ihm überlassen bleibt, wann und ob er antwortet. Außerdem verrät man aufgrund der Kanalreduktion zwar weniger von sich und fühlt sich nicht so schnell aufgrund irgendwelcher sozialer Unterschiede eingeschüchtert, man gerät dafür auch noch schneller in einen persönlichen Ton und traut sich eher, genauer nachzufragen“, führt Zeit Online weiter aus. Menschen hätten also zwar das Bedürfnis nach Kontakt, sonst würden Mails und Facebook-Nachrichten nicht so ungebremst zunehmen. Aber offensichtlich haben sie auch nichts dagegen, diesen Kontakt beizeiten eher abstrakt zu gestalten.

Das gilt doch auch für die Kundenkommunikation. Call Center haben das allerdings noch nicht kapiert. Ich hatte das schon vor einigen Jahren auf einer Veranstaltung in Bonn angeführt. Ich habe einfach keine Lust, von irgendwelchen Agenten angerufen zu werden oder bei eigenen Anrufen in der Warteschleife zu hängen sowie umständlich meine Serviceanliegen zu schildern und sich mit inkompetenten Mitarbeitern herumzuschlagen.

„Menschen sind offensichtlich tatsächlich offener, wenn sie mit anderen vor ihren Rechnern kommunizieren, als wenn sie sich direkt gegenübersitzen. Über die Gründe dafür gibt es mehrere Hypothesen, eine besonders gut überprüfte scheint zu sein, dass computerbasierte Kommunikation zu direkteren Nachfragen führt als im direkten Gespräch“, so Zeit Online. Das sollten sich Call Center hinter die Ohren schreiben. Amazon hat es begriffen. Die Servicebranche noch nicht.

Siehe auch:
Social Media, Apps und die Verschlafenheit der Call Center-Branche – Chancen für innovative Serviceanbieter.

IP-Kommunikation: Wenn die Leitung kracht, wie zu Omas Zeiten

Unzuverlässigkeit neues Merkmal des Internet-Zeitalters?
Unzuverlässigkeit neues Merkmal des Internet-Zeitalters?
Der Wechsel von hart verdrahteter Hardware hin zu geschmeidiger Software hat nach Ansicht von Technology Review-Blogger Ben Schwan viele Vorteile. Auf modernen Hifi-Anlagen läuft inzwischen Linux, so dass man, wenn es sein muss, auch Web-Sites von dort ausliefern könne. Das DSL-Modem könnte wahrscheinlich auch, wenn ein Grafikchip enthalten wäre oder ein Bildschirmanschluss, zu einer Runde Online-Doom einladen. Das DECT-Telefon kontaktiere den Server des Herstellers, um neue Bildschirmhintergründe herunterzuladen oder Börsenkurse anzuzeigen.

„Das Problem bei alledem: Niemand scheint sich angesichts dieser Internetisierung der Elektronik mehr darum zu kümmern, dass Geräte ihre grundsätzlichen Aufgaben zuverlässig und problemfrei erledigen – und zwar in jeder Situation, mit der der Anwender sie konfrontieren könnte. Nehmen wir beispielsweise das Festnetztelefon in einem modernen Haushalt mit günstiger Breitband-Flatrate. Das Gerät hängt nicht mehr an der Dose der Telekom, sondern an einem Router. Die Gespräche erfolgen nicht mehr über das nahezu unkaputtbare vermittelte Leitungsnetz, sondern per Voice-over-IP“, so Schwan. Bei einem Ausfall des Routers funktioniere dann gar nichts mehr. Streikt der Server beim Provider, schaut man auch dumm aus der Wäsche. „Und wenn man zufällig auf die Idee kommt, einen größeren Download mit voller Geschwindigkeit parallel zu einem Telefon durchzuführen, kracht es in der Leitung, wie weiland zu Omas Zeiten“, moniert der Technology Review-Autor.

Die Entwickler müssten ähnlich wie ihre Ingenieurvorbilder in früheren Jahrhunderten rigorose Qualitätssicherung betreiben. „Wir leben blöderweise in einem Beta-Zeitalter, in einem Zeitalter der Unzuverlässigkeit“, moniert Schwan. Die Frage ist nur, wie leidensfähig der Kunde noch sei.
cioforum137
Andreas Rebetzky, Sprecher des cioforums in München, hält die Zuspitzung von Schwan für übertrieben. „Man sollte nicht denken, dass das ‚alte’ GSM-Telefon ohne Ausfälle gelaufen ist. Da steckte auch eine Menge IT dahinter. Es lieg am Anfang nicht gerade stabil, verfügbar und komfortabel. Die heutigen Netzkomponenten werden immer stabiler – trotz aller Spams und Virus-Attacken. Es gibt weniger Staus als auf einer Bundesautobahn“, meint Rebetzky, der hauptberuflich als CIO für den Balinger Technologiespezialisten Bizerba tätig ist. Etwas anders sehe es mit der Software aus. Hier würden häufig unreife Systeme auf den Markt kommen. Da heiße es dann: Warten, bis die ersten Bugfixes geliefert sind!

Innovationszyklen und Preisdruck machen Software fehleranfällig
Innovationszyklen und Preisdruck machen Software fehleranfällig
Dass in den komplexen Softwarelösungen häufiger Fehler auftreten, liege vor allen Dingen an den kurzen Innovationszyklen, so die Erfahrung von Marc Christopher Schmidt, Geschäftsführer des Reiseportals Triptivity in Bonn. „Die Anbieter schaffen es kaum noch, mit den Aktualisierungen für die Fehlerbeseitigung der alten Software hinterher zu kommen. Auch der Preisdruck ist nicht zu vernachlässigen. Internationale Telefongespräche für wenige Cent pro Minute, Internet Flat Rates für monatlich 15 Euro, das drückt auf die Qualitätssicherung. Unterm Strich erhält der Kunde zwar im Durchschnitt keine qualitativ hochwertigen und langfristig wertstabilen Produkte, wie früher etwa bei Leica-Kameras, Radios von Telefunken und Tonbandgeräte von Braun, aber dafür hat er die Chance, im Rhythmus von zwei oder drei Jahren eine Vielzahl von leistungsfähigen Geräten zu erwerben und immer wieder zu erneuern“, sagt Schmidt. Mit der vor zehn Jahren für umgerechnet 1.000 Euro erworbenen Digital-Kamera wolle heute niemand mehr Bilder machen. „Bei Lösungen für Unternehmen muss die Balance anders gewählt werden. Hier steht nicht der Marketing-Hype im Vordergrund, sondern die Zuverlässigkeit. Geschäftstelefonie sollte zu jeder Zeit fehlerfrei funktionieren. Beim Bürotelefon spielen hochauflösende Farbdisplays eine untergeordnete Rolle“, so Schmidt.