Schumpeter statt Christensen #absatzwirtschaft #Disruption

SchumpeterTheorie

Die Kombination vorhandener Fähigkeiten mit neuen Technologien über Plattformen ist ist sicherlich eine höchst sinnvolle Rezeptur für die Netzökonomie. Nach der Theorie von Professor Clayton Christensen nicht so ganz. Aber es ist schlau und entspricht der Innovationstheorie von Joseph Schumpeter. Der Ökonom wird ständig reduziert auf den Begriff der kreativen Zerstörung. Dabei bietet Schumpeter mehr. Er kritisiert die statischen Unternehmer, die nicht in der Lage ist, mit Neuem zu experimentieren.

Als zweite Gruppe definiert Schumpeter Menschen, die zwar mit einer scharfen und beweglichen Intelligenz ausgestattet sind, zahllose Kombinationen und neue Ideen entdecken, dieses Wissen am Markt aber nicht durchsetzen.

Dann gibt es eine dritte, minoritäre Gruppe, die selbst- oder fremdproduziertes Wissen in neuen Kombinationen durchsetzt. Dieser dynamische Typus orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern erzeugt neue Märkte und neue Nachfrage. Also Steve-Jobs-Unternehmer.

Die meisten Wirtschaftsakteure beschränken sich auf die Aufrechterhaltung von Routinen. Insofern liegt wohl der Ökonom Lutz Becker richtig, dass es eher auf die Denkhaltung ankommt und nicht auf die betriebswirtschaftliche Brille der Disruptionstheorie.

Disruptionstheorie von Clayton Christensen

  1. Disruptive Innovatoren können sich in der ersten Phase auf die weniger anspruchsvolle Klientel konzentrieren und Angebote machen, die gerade noch gut genug sind. Erst danach bewegen sich die Startups in den Mainstream-Markt, ein Prozess, der bei den Discountern gut zu beobachten ist.
  2. Ein disruptiver Innovator kann auch einen völlig neuen Markt schaffen, wie mit dem iPhone und dem App-Ökosystem von Apple für die Etablierung des mobilen Internets.

Das ist nur das Abschluss-Stück meiner Story, die in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift absatzwirtschaft erschienen ist.

absatzwirtschaftJuli

Mehr könnt Ihr erfahren, wenn Ihr zum Kiosk Eures Vertrauens wandert oder einfach die App der absatzwirtschaft nutzt 🙂

Da findet Ihr in der aktuellen Nummer weitere feine Artikel. Etwa zum Thema: Die großen Konzerne sind Parallelgesellschaften:

Die Wirtschaft hat sich eine Reihe von Skandalen geleistet, die das ethische Verständnis in Wirtschaft und Gesellschaft in Frage in stellen. Mit VW ist die Entwicklung möglicherweise an einem Tipping Point angekommen, nachdem die Liste der Skandale schon eine beachtliche Länge erreicht hat, unter anderem mit Commerzbank, Deutscher Bank, Fifa, Siemens und Thyssen-Krupp. Auf der Nextact in Köln suchten Marketingpapst Prof. Dr. Heribert Meffert, Ex-Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger und Dr. Richard Straub, Gründer der Peter Drucker Society Europe, in einer Podiumsdiskussion unter der Leitung von absatzwirtschaft-Chefredakteur Christian Thunig nach Lösungsmöglichkeiten.

Klingt doch spannend. Also 8,99 Euro aus dem Sparschwein holen 🙂

Herr Draghi, lesen Sie Schumpeter – Senkung der Leitzinsen für Investitionsplanungen irrelevant

Schumpeter in Bonn

Durch die Billigzins-Politik der Europäischen Zentralbank gehen den Sparen jährlich zweistellige Milliarden-Beträge flöten. Das Dankschreiben für die kalte Enteignung kann man direkt an Mario Draghi schicken. Ein Mann der alten Geldpolitik-Schule, der glaubt, mit Leitzins-Senkungen konjunkturelle Wunder zu bewirken. Ein makroökonomischer Dompteur, der Volkswirtschaften wie ein Uhrwerk betrachtet. Draghi und Co. sollten wieder die Werke des Nationalökonomen Joseph Schumpeter heraus kramen, der vom „Fluch des Denkens in Aggregaten” sprach.

Die Makroökonomen ignorieren den Kern des wirtschaftlichen Wandels, meint Schumpeter. Volkswirtschaften werden permanent durch Innovationen, Technologien und neuen Geschäftsmethoden umgepflügt und revolutioniert. Und häufig sind es gar Einzelpersönlichkeiten, die komplette Wirtschaftsbranchen ins Wanken bringen und neue Wirtschaftsbranchen entstehen lassen – wie die Telefonie-Expansion Ende des 19. Jahrhunderts, ausgelöst durch den legendären Generalpostmeister Heinrich von Stephan – ein preußischer Silicon Valley-Vordenker, der unter Reichskanzler Otto von Bismarck diente und Berlin zum Mekka der Telekommunikation formte. Den Stephan-Orden können wir dem Zins-Gläubigen Draghi nicht verleihen.

Konjunkturpolitisch läuft die EZB-Zinsmaßnahme ins Leere. Dafür werden Privatvermögen geschröpft. Was den EZB-Präsidenten in karnevalesker Manier überhaupt nicht juckt, denn es sei die Entscheidung der Finanzinstitute, die Zinsen für Anleger festzulegen. Was für ein Spaßvogel. Erspartes wird geschröpft und das Spekulantentum neu angekurbelt – mit kaum messbaren Wirkungen auf die Investitionsneigung.

So lässt die Bedeutung der Bankenfinanzierung bei Mittelständlern und Konzernen nach.

„Statt zu investieren oder nicht notwendige Liquidität an die Eigentümer auszuschütten, horten die Finanzvorstände lieber die Mittel – vielleicht auch um in Krisenzeiten besser gewappnet zu sein als in den Jahren 2008 und 2009. Das Trauma der Kreditklemme in Folge der Lehman-Pleite ist immer noch im kollektiven Gedächtnis der Finanzabteilungen verankert“, sagt Finanzblogger Dirk Elsner.

Generell überschätzen nach Ansicht von Elsner die Zentralbanker die Hebelwirkung ihrer Zinspolitik.

„Die Erwartungen über die eigene Zukunft spielen eine größere Rolle als die Leitzinsen.“

Zinsen werden in den makroökonomischen Sandkastenspielchen der Volkswirte zu hoch gewichtet. VWLer unterschätzen psychologische Faktoren.

„Die meisten ökonomischen Analysen konzentrieren sich auf finanzielle Motive wie das Streben nach mehr Konsum oder Einkommen. In der Wirtschaftswissenschaft von heute geht es jedoch nicht nur um Geld und viele Wirtschaftswissenschaftler sind der Ansicht, dass auch nicht-finanzielle Motive untersucht werden sollten“, schreiben George A. Akerlof und Rachel E. Kranton in ihrem Buch „Identity Economics“.

Es gibt also eine Vielzahl von Wechselwirkungen, die berücksichtigt werden müssen, um richtige Entscheidungen in der Wirtschaftspolitik zu treffen.

„Die Senkung der Leitzinsen sind für Investitionsplanungen irrelevant. Viel wichtiger sind Prognosen der Unternehmen, wie sich das eigene Geschäft in den nächsten Jahren entwickelt“, weiß Elsner.

Das recht einfältige Maßnahmenpaket der EZB fruchtet nicht.

Siehe auch:

Mario Draghi hat sich verrannt.

Warum sich (die Uni) Bonn mit Schumpeter beschäftigen sollte

Schumpeter in Bonn

Als der Nationalökonom Joseph Schum­pe­ter Deutsch­land im Som­mer 1932 ver­ließ, um dem Ruf an die Harvard-University zu fol­gen, hat er 28 Kof­fer im Jü­li­cher El­tern­haus sei­ner Le­bens­part­ne­rin Mia Stö­ckel de­po­niert. Mit ih­nen „ … ließ (er) auch die meis­ten sei­ner auf Deutsch ge­schrie­be­nen Ar­bei­ten zu­rück“. Wenn diese Kof­fer zwar nicht der Bom­bar­die­rung Jü­lichs, son­dern über­wie­gend kriegs­be­ding­ten Plün­de­ru­gen zum Op­fer ge­fal­len sind, so hat die Werk­for­schung an­ge­sichts die­ses Ver­lus­tes wohl zu fra­gen, ob wir uns Schum­pe­ters Wir­ken in den Bon­ner Jah­ren von 1925 bis 1932 schon hin­rei­chend er­schlos­sen ha­ben. Ul­rich Hedtke hat hierzu in den Jah­ren 1996 und 1997 re­cher­chiert und da­mals zu­nächst mit In­ter­esse fest­ge­stellt, dass Schum­pe­ter in sei­ner Bon­ner Zeit auch eine be­acht­li­che so­zio­lo­gi­sche Lehr- und Vor­trags­tä­tig­keit ent­fal­tet hat. Das be­stä­tigt auch der WDR-Moderator Da­vid Eis­er­mann, Sohn des So­zio­lo­gen Gott­fried Eis­er­mann:

Eisermann Schumpeter

Die So­zio­lo­gie taucht nicht zu­fäl­lig so häu­fig in den Vor­le­sun­gen von Schum­pe­ter auf. Als er 1927 sei­nen ers­ten Auf­ent­halt als Gast­pro­fes­sor an der Har­vard Uni­ver­si­tät an­trat, hat­ten sich die dor­ti­gen So­zio­lo­gen noch nicht vom wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tut ab­ge­spal­ten, um eine selb­stän­dige „Gruppe für So­zi­al­be­zie­hun­gen“ zu bil­den. Das er­wies sich für Schum­pe­ter als glück­li­cher Um­stand, denn seine ei­gene Be­trach­tungs­weise der Na­tio­nal­öko­no­mie ori­en­tierte sich im­mer stär­ker an der So­zio­lo­gie.

In Har­vard hatte er die Mög­lich­keit, sich mit den bes­ten Köp­fen auf die­sem Ge­biet aus­zu­tau­schen und diese Er­kennt­nisse mit sei­nen ei­ge­nen wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Ar­bei­ten zu kom­bi­nie­ren.

Die Öko­no­mie blieb der Mit­tel­punkt sei­nes Den­kens – aber auch Ge­schichte, So­zio­lo­gie und die Psy­cho­lo­gie ka­men hinzu. Schum­pe­ter ver­mied die enge Spe­zia­li­sie­rung und stellte sich da­mit ge­gen den aka­de­mi­schen Trend sei­ner Zeit. Er war be­strebt, un­an­ge­mes­sene Ver­ein­fa­chun­gen zu ver­mei­den. Seine Hin­wen­dung zu ei­ner in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Sicht­weise des öko­no­mi­schen Ge­sche­hens brachte er be­reits 1926 in ei­nem Auf­satz un­ter dem Ti­tel „Gus­tav von Schmol­ler und die Pro­bleme von heute“ zum Aus­druck. Darin wür­digt er Schmol­ler da­für, das Feld der Na­tio­nal­öko­no­mie über die Gren­zen der rei­nen Theo­rie aus­ge­wei­tet zu ha­ben.

Schmol­ler habe ge­mein­sam mit Max We­ber ei­ner neuen Art von his­to­risch fun­dier­ter Wirt­schafts­so­zio­lo­gie oder So­zi­al­öko­no­mie den Weg ge­wie­sen. Das war sei­nen ei­ge­nen For­schun­gen ge­schul­det und sei­nen Er­fah­run­gen in Po­li­tik so­wie Ge­schäfts­le­ben. Das be­legt auch die Ab­hand­lung von 1928 „Die Ten­den­zen un­se­rer so­zia­len Struk­tur“. Hier un­ter­sucht Schum­pe­ter die Dis­kre­panz zwi­schen der Wirt­schafts­ord­nung Deutsch­lands und der So­zi­al­struk­tur. Die Wirt­schafts­or­ga­ni­sa­tion war ka­pi­ta­lis­tisch, die deut­sche Ge­sell­schaft war aber in ih­ren Ge­bräu­chen und Ge­wohn­hei­ten nach wie vor in länd­li­chen, ja so­gar feu­da­len Denk­wei­sen ge­fan­gen – heute in­dus­trie­ka­pi­ta­lis­tisch.

Zur Reichs­grün­dung 1871 ha­ben na­hezu zwei Drit­tel der Be­völ­ke­rung auf Gü­tern oder Ge­mein­den mit we­ni­ger als 2000 Ein­woh­nern ge­lebt, noch nicht ein­mal 5 Pro­zent in Groß­städ­ten von mehr als 100.000 Ein­woh­nern. Bis 1925 hatte sich der An­teil der Stadt­be­woh­ner ver­fünf­facht, wäh­rend der An­teil der Land­be­völ­ke­rung um die Hälfte zu­rück­ge­gan­gen ist. Ur­sa­che war vor al­lem ein sprung­haf­ter An­stieg der Agrar­pro­duk­ti­vi­tät. Wäh­rend 1882 in Deutsch­land nur 4 Pro­zent der klei­nen Land­wirt­schafts­be­triebe Ma­schi­nen ein­setz­ten, wa­ren es 1925 schon über 66 Pro­zent. Die Me­cha­ni­sie­rung löste eine Land­flucht aus und trieb die Land­ar­bei­ter in die Städte.

1927 er­schien „Die so­zia­len Klas­sen im eth­nisch ho­mo­ge­nen Mi­lieu“ (Ar­chiv für So­zi­al­wis­sen­schaft und So­zi­al­po­li­tik) – weg­wei­sen­der Bei­trag zur noch jun­gen Dis­zi­plin der So­zio­lo­gie. Schum­pe­ter selbst zählte den Auf­satz zu den wich­tigs­ten Wer­ken, was aus No­ti­zen her­vor­geht, die er ge­gen Ende sei­ner For­schungs­tä­tig­kei­ten schrieb. Grund­these: Der Klas­sen­sta­tus ist das Er­geb­nis vor­her­ge­gan­ge­ner Er­eig­nisse und da­her ana­chro­nis­tisch. Er weist dar­auf­hin, das die meis­ten rei­chen Fa­mi­lien, die um die Mitte des 19. Jahr­hun­derts an der Spitze der Ge­sell­schaft ge­stan­den ha­ben, drei Ge­ne­ra­tio­nen spä­ter dort nicht mehr zu fin­den wa­ren.

Un­auf­hör­li­che Dy­na­mik kon­kur­rie­ren­der Neue­run­gen

Man könnte an­neh­men, ver­nünf­tige Spar­sam­keit, eine be­schei­dene Le­bens­weise und der Er­halt ei­ner so­li­den Grund­lage seien für Un­ter­neh­men aus­rei­chend, um an der Spitze zu blei­ben (pro­tes­tan­ti­sche Ethik, Max We­ber). Schum­pe­ter ver­tritt die These, jede Firma, die sich auf eine der­ar­tige Rou­tine be­schränkt, werde schon bald von of­fen­si­ver agie­ren­den, ri­si­ko­freu­di­ge­ren, wett­be­werbs­ori­en­tier­ten Un­ter­neh­men ver­drängt wer­den.

Die Ein­füh­rung neuer Pro­duk­ti­ons­me­tho­den, die Er­schlie­ßung neuer Märkte, über­haupt die er­folg­rei­che Durch­set­zung neuer ge­schäft­li­cher Kom­bi­na­tio­nen hat Feh­ler­quel­len, Ri­si­ken und be­geg­net Wi­der­stän­den, die in der Bahn der Rou­tine feh­len.“

Ist der schöp­fe­ri­sche oder krea­tive Zer­stö­rer ein In­no­va­tor?

In sei­nem Werk „Theo­rie der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung“ schreibt er: Er­folge habe nicht in ers­ter Li­nie der In­no­va­tor, der Er­fin­der und schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rer, son­dern je­ner, der das Neue am bes­ten or­ga­ni­siert. Die Deut­schen ver­stan­den es im 19. Jahr­hun­dert bes­ser als die Bri­ten, die Tex­til­in­dus­trie zu or­ga­ni­sie­ren, selbst wenn sie we­nig zu de­ren ma­schi­nel­ler Tech­no­lo­gie bei­tru­gen.

Ein In­no­va­tor zeich­net sich vor al­len Din­gen durch die Kunst der Kom­bi­na­to­rik aus. In­no­va­tio­nen ent­ste­hen eben nicht nur durch Er­fin­dun­gen:

„Nur dann er­füllt er (der Un­ter­neh­mer) die we­sent­li­che Funk­tion ei­nes sol­chen, wenn er neue Kom­bi­na­tio­nen rea­li­siert, also vor al­lem, wenn er die Un­ter­neh­mung grün­det, aber auch, wenn er ih­ren Pro­duk­ti­ons­pro­zess än­dert, ihr neue Märkte er­schließt, in ei­nen di­rek­ten Kampf mit Kon­kur­ren­ten ein­tritt.“

In­no­va­ti­ves Un­ter­neh­mer­tum un­ter­schei­det sich da­bei deut­lich vom Rou­ti­ne­un­ter­neh­mer, der auf über­kom­me­nen Grund­la­gen ar­bei­tet und nie Neues schafft. Aus alt­be­kann­ten Tech­ni­ken wie W-LAN, MP3 und Be­we­gungs­sen­so­ren schuf Ap­ple neue Ge­räte mit Kult­fak­tor. Und auch das be­nut­zer­freund­li­che De­sign ist keine Krea­tion aus Cuper­tino. Der Steve Jobs-Konzern folgt kon­se­quent dem Less-and-More-Diktum des ge­nia­len In­dus­trie­de­si­gners Die­ter Ram, der in den 1960er und 1970er Jahre bahn­bre­chende Pro­dukte für die Braun AG schuf. Und was noch wich­ti­ger für die Er­folgs­story von Ap­ple ist: Jobs er­zeugte neue Märkte.

Der dy­na­mi­sche Un­ter­neh­mer ori­en­tiert sich nicht pri­mär an ge­ge­be­ner oder un­mit­tel­ba­rer Nach­frage des Kon­su­men­ten, son­dern „er nö­tigt seine Pro­dukte dem Markte auf“, so Schum­pe­ter. Das ist Steve Jobs be­kannt­lich mit Pro­duk­ten und Diens­ten für das mo­bile In­ter­net und für den Tablet-Markt ge­lun­gen.

Ge­ne­relle Vor­ge­hens­weise, die sich vor al­lem in sei­ner Bon­ner Zeit aus­prägte: His­to­ri­sches Ma­te­rial in ana­ly­ti­scher Weise zu nut­zen. Ge­nau die­ses Ver­fah­ren setzte er in den drei­ßi­ger Jah­ren ein bei der Ab­fas­sung sei­ner Theo­rie über die Kon­junk­tur­zy­klen. Der Leit­ge­danke der so­zia­len Klas­sen war prä­gend für sein Haupt­werk „Ka­pi­ta­lis­mus, So­zia­lis­mus und De­mo­kra­tie“,

Der An­ti­pode von Keynes

Wer die öko­no­mi­sche Welt dabei nur in Ag­gre­gat­zu­stän­den be­trach­tet, ver­liert die we­sent­li­chen Quel­len wirt­schaft­li­cher Krea­ti­vi­tät und tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lungs­sprünge aus dem Auge. Das ist das Manko von Pla­nungs­fe­ti­schis­ten und Ma­kro­öko­no­men. Sie un­ter­schät­zen die tief­grei­fende wirt­schaft­li­che und ge­sell­schaft­li­che Rolle von un­vor­her­seh­ba­ren In­no­va­tio­nen, die al­les durch­ein­an­der wür­feln und Tech­no­lo­gien so­wie Ge­schäfts­me­tho­den re­vo­lu­tio­nie­ren. “Mehr in­ves­tie­ren, we­ni­ger spa­ren” ist so eine der üb­li­chen For­de­run­gen aus der Trick­kiste je­ner Den­ker, die gerne den Wald be­trach­ten, sich aber we­nig um die Bäume sche­ren.

Wie Fi­nanz­in­di­ka­to­ren so­wie das ganze Börsen- und Schulden-Spektakel auf die Re­al­wirt­schaft durch­schla­gen, ist un­ge­wiss. Dar­auf machte Schum­pe­ter be­reits in den 1920er auf­merk­sam. Ma­kro­öko­no­men wür­den sich nur mit Ag­gre­ga­ten be­schäf­ti­gen, also mit der Ge­samt­summe der Mit­tel, die Volks­wirt­schaf­ten für den Kon­sum und für In­ves­ti­tio­nen auf­wen­den. Ein­zelne Un­ter­neh­mer, Fir­men, Bran­chen, Kon­su­men­ten, die Rolle von staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen und die Wir­kung von Ge­set­zen ver­schwin­den aus dem Blick­feld. Vor al­lem die Rolle von In­no­va­tio­nen werde her­un­ter­ge­spielt. Er wen­det ein, dass Keynes da­durch „das her­aus­ra­gende Merk­mal des Ka­pi­ta­lis­mus“ ab­tue, durch das so­wohl Tech­no­lo­gie als auch Ge­schäfts­me­tho­den „un­auf­hör­lich re­vo­lu­tio­niert wer­den“.

Eine in Schief­lage ge­ra­tene Volks­wirt­schaft sei nicht al­lein durch währungs- oder fis­kal­po­li­ti­sche Maß­nah­men zu reformieren. Die di­rekte Be­sei­ti­gung der wirt­schaft­li­chen Stö­run­gen sei ziel­füh­ren­der. Die wäh­rungs­po­li­ti­sche Sa­nie­rung solle den Ab­schluss, nicht den An­fang der wirt­schaft­li­chen Sa­nie­rung ei­ner Volks­wirt­schaft bil­den.

Was bleibt: Seine Er­kennt­nis, dass eine ex­akte Öko­no­mie nicht mög­lich ist. Auf­grund der un­end­lich vie­len Kom­bi­na­tio­nen von mög­li­chen Ein­flüs­sen auf das mensch­li­che Ver­hal­ten sind reale öko­no­mi­sche Si­tua­tio­nen nie­mals gleich. Es gibt zu viele Va­ria­blen, weil im­mer auch un­vor­her­sag­ba­res mensch­li­ches Ver­hal­ten eine Rolle spielt. Oder wie es Dou­glas North, No­bel­preis­trä­ger für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, aus­drückte:

„Der Preis der Prä­zi­sion (von theo­re­ti­schen Mo­del­len, gs) ist die Un­fä­hig­keit, Fra­gen des rea­len Le­bens zu be­han­deln.“

Schum­pe­ter pochte auf die Neu­tra­li­tät des Wis­sen­schaft­lers und lehnte po­li­ti­sches En­ga­ge­ment ab, Keynes hin­ge­gen war ein Meis­ter der Ver­ein­fa­chun­gen und der po­li­ti­schen Agi­ta­tion, wie man im Vor­wort der deut­schen Aus­gabe von “All­ge­meine Theo­rie der Be­schäf­ti­gung” nach­le­sen kann. Keynes schrieb diese Zei­len am 7. Sep­tem­ber 1936 (!):

“Kann ich deut­sche Öko­no­men über­zeu­gen, dass Me­tho­den for­mel­ler Ana­lyse ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur Aus­le­gung zeit­ge­nös­si­scher Er­eig­nisse und zur For­mung ei­ner zeit­ge­nös­si­schen Po­li­tik bil­den? Es lohnt sich si­cher­lich für mich, den Ver­such zu ma­chen”, schreibt der bri­ti­sche Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler.

Er räumt ein, dass vie­les in sei­nem Opus auf die Ver­hält­nisse in an­gel­säch­si­schen Län­dern er­läu­tert und dar­ge­legt wor­den ist.

“Trotz­dem kann die Theo­rie der Pro­duk­tion als Gan­zes, die den Zweck des fol­gen­den Bu­ches bil­det, viel leich­ter den Ver­hält­nis­sen ei­nes to­ta­len Staa­tes an­ge­passt wer­den als die Theo­rie der Er­zeu­gung und Ver­tei­lung ei­ner ge­ge­be­nen, un­ter den Be­din­gun­gen des freien Wett­be­wer­bes und ei­nes gro­ßen Ma­ßes von laissez-faire er­stell­ten Pro­duk­tion.”

Schum­pe­ter hat mehr zu bie­ten. Das sollte man vor al­lem in Bonn er­ken­nen. Die Schumpeter-Forschung fin­det lei­der wo­an­ders statt:

Die Schumpeter Vorlesungen in Bonn
Die Schumpeter Vorlesungen in Bonn

1986 grün­dete sich eine in­ter­na­tio­nale Schumpeter-Gesellschaft in Augs­burg. Ihr ge­hö­ren rund 400 Mit­glie­der aus über 30 Län­dern und min­des­tens ei­nem hal­ben Dut­zend wis­sen­schaft­li­cher Dis­zi­pli­nen an. Die Organisation tagt alle zwei Jahre, ver­öf­fent­licht die Sit­zungs­be­richte in Buch­form und ver­gibt den Preis für die beste Pu­bli­ka­tion in der Tra­di­tion Schum­pe­ters (könnte ich mich ja mal bewerben).

Nach Schum­pe­ters Tod rich­tete die wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Fa­kul­tät von Har­vard mit Mit­teln, die von Eli­sa­beth Schum­pe­ter und Freun­den ih­res Man­nes ge­stif­tet wurde, ei­nen Preis ein, der jähr­lich zu Schum­pe­ters Ge­den­ken an ei­nen her­aus­ra­gen­den Stu­die­ren­den ver­lie­hen wird. Seit Mitte der 90er Jahre fin­den an der Uni Graz ein­mal im Jahr die „Schumpeter-Lectures“ statt – eine Vor­le­sungs­reihe, die je­weils von ei­nem in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ten Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler ge­hal­ten wird.

Und was passiert in Bonn? Da gibt es eine Schumpeter-Allee und einen Schumpeter-Saal im Uni-Club. Etwas bescheiden für die lange Phase seines Wirkens als Hochschullehrer in der Beethoven-Stadt.

Für die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät ist das sogar ein beschämender Tatbestand.

Vom Fluch des Denkens in Aggregaten – Schumpeter und die Rolle von Innovationen für Volkswirtschaften

Meine leicht ironisch formulierte Reiseempfehlung an die politischen Entscheider in den krisengeschüttelten Euro-Ländern hat bei ein paar makroökonomisch beseelten Wirschaftsbloggern Reflexe ausgelöst, die dem ehrwürdigen Pawlow einige Freude bereitet hätte. Die Twitter-Disputation habe ich gestern dokumentiert.

Warum sollte eine Exkursion nach Cupertino in die Apple-Zentrale auch falsch sein? Mit meinem Sohn werde ich in der zweiten Juni-Woche ins Mekka der Informationstechnologie aufbrechen und einen kleinen Tagesausflug auf den Spuren von Steve Jobs machen – Berichte und Interviews darüber gibt es natürlich auch.

Reisen erweitern den Bildungshorizont. So könnten die gebeutelten und verzweifelten Euro-Politiker wieder Optimismus und Kraft tanken, wenn sie erfahren, wie man weltweit selbst in der schlimmsten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit Rekordgewinne erzielt und welche Rolle dabei Innovationen spielen. Und genau an dieser Sollbruchstelle arbeitete sich Joseph Schumpeter in seiner kritischen Würdigung des makroökonomischen Werkes von John Maynard Keynes ab. Das war also in meiner „platten und peinlichen“ Kolumne ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Makroklempner, ihre deduktive Brille abzusetzen und auch mal einen induktiven Blick zu wagen. Da Schumpeter im Gegensatz zu Keynes ein Eigenbrötler war, fehlten ihm prominente Promotoren, um seine Ansichten über Konjunkturzyklen zu verbreiten und der Allgemeinen Theorie von Keynes entgegenzusetzen. Schumpeter war das schlechtere PR-Talent.

Dabei sind seine Ausführungen zum „Fluch des Denkens in Aggregaten“ wichtiger und notwendiger denn je. Die Summe von Einzeleintscheidungen kann man im nachhinein höchst simpel im Brustton der Besserwisserei interpretieren. Das Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes dürfte bei den Makroklempnern wohl einen vorderen Platz auf der persönlichen Bestseller-Liste einnehmen. Da stürzt man sich mit Verve auf Monokausalitäten und Korrelationen, um der Öffentlichkeit die Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftsverlaufs zu erklären – belastbar sind diese Aussagen aber immer nur im Rückspiegel.

Geht es um die Zukunft, rangieren die Gewissheiten der VWL-Mechaniker auf dem Level von Kaffeesatz-Leserei. Das ist schlecht fürs Ego. Also muss man lautstark um sich schlagen, um die brüchigen ökonometrischen Analysen in irgendeiner Weise zu retten.

Ich könnte übrigens den Markoklempnern noch eine finanzwissenschaftliche Abhandlung aus meiner studentischen Feder ins Besserwisser-Biotop kippen: Dort ging ich in unendlichen Zahlen-Kolonnen der Frage nach, ob es eine optimale Staatsverschuldung für Staaten gibt. Das Dumme an meinen Empfehlungen ist nur, dass sich diese unberechenbare politische Klasse einen Teufel um meine Analysen schert und scheuklappenselig einfach nur an den nächsten Wahltermin denkt. Ist ja auch fatal, dass es den machiavellistischen Faktor in der Politik gibt. Lässt sich mathematisch nur schwer in Formeln gießen.

Das wird das Thema meiner nächsten The European-Montagskolumne sein. Ich verspreche den aggregierten Wirtschaftswunder-Denkern, dass ich ihre empfohlene Stellschrauben-Wenn-Dann-Ceteris-Paribus-Arithmetik ausführlich würdigen werde – also Spardiktat etwas lockern und zumindest eine „atmende Fiskalpolitik“ betreiben etc..

Umgekehrt wünsche ich mir, dass die VWL-Mechaniker sich mit der Frage auseinandersetzen, ob nicht Keynes und die Post-Keynesianer ein verzerrtes Bild des Wirtschaftslebens zeichnen. So wird die Rolle der Innovationen bei der Frage der Investitionszurückhaltung entweder völlig ausgeblendet oder heruntergespielt.

Schumpeter wendet ein, dass damit der Kern des wirtschaftlichen Wandels ignoriert wird. In Wahrheit werden Volkswirtschaften permanent durch Innovationen, Technologien und neuen Geschäftsmethoden umgepflügt und revolutioniert. Und häufig sind es Einzelpersönlichkeiten wie Steve Jobs oder der Generalpostmeister Heinrich von Stephan, die komplette Wirtschaftsbranchen ins Wanken bringen und neue Wirtschaftsbranchen entstehen lassen – wie die Telefonie-Expansion Ende des 19. Jahrhunderts. Wie dieser Wandel aussieht, kann auch in aggregierten Größen analysiert werden. Entsprechende Interviews, Meinungen, Studien und Recherchetipps sind hoch willkommen. Bis Freitagabend nehme ich das gerne auf. Heute gibt es noch eine Kolumne über die Zukunftsaussichten von Facebook – so gegen 15 Uhr auf Service Insiders.

Mein Vortrag auf der Informare im Mai: Deutschland, wo sind Deine Kopisten und Kombinierer? Warum wir für Innovationen mehr Imitationen brauchen

Die Informare beschäftigt sich im Wissenschaftsjahr 2011 in Berlin vom 3. bis 5. Mai mit der Informationskompetenz. Hier soll die wissenschaftliche Konferenz mit einer Unkonferenz nach Art eines BarCamps verbunden werden. Dazu gibt es Poster-Sessions, Workshops, die Ausstellung „Die Kunst der Information“ und eine „lange Nacht der Suchmaschinen“. „Mit diesen sechs Elementen thematisiert die Informare die drängenden technischen, organisatorischen, politischen und gesellschaftlichen Fragen beim Umgang mit digitaler Information und zeigt auf, was es zur Lösung schon alles gibt. Veranstaltungsort ist das legendäre Café ‚Moskau‘ an der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Die Frankfurter Buchmesse hat die Schirmherrschaft für die Informare! übernommen“, so die Ankündigung der Veranstalter. „Alle Welt redet über Medienkompetenz. Was wir aber noch mehr brauchen, ist Informationskompetenz“, so der wissenschaftliche Verleger Arnoud de Kemp, Initiator der Informare.

Es geht um Kompetenz zur Bereitstellung, Beschaffung und Bewertung von Information mit elektronischen Medien. Die Informare! wird zeigen, was es in der Wissenschaft, in der Praxis und in der Arbeitswelt an professionellen Angeboten, Lösungen, Ansätzen und Ideen gibt. Viele Vortragsthemen und Ausstellungsprodukte werden in Hands-on und Hands-off Work-shops vertieft.

Ich selbst halte auch einen kleinen Vortrag. Hier das Thema und die ersten Überlegungen:

Deutschland, wo sind Deine Kopisten und Kombinierer? Warum wir für Innovationen mehr Imitationen brauchen

Ist Steve Jobs mit seinen Innovationen ein kreativer Zerstörer und begnadeter Erfinder? In Wahrheit ist er ein Imitator und Meister der Kombinatorik. Aus altbekannten Techniken wie W-LAN, MP3 und Bewegungssensoren schuf Apple neue Geräte mit Kultfaktor. Und auch das benutzerfreundliche Design ist keine Kreation aus Cupertino. Der Steve Jobs-Konzern folgt nur konsequent dem Less-and-More-Diktum des genialen Industriedesigners Dieter Rams, der in den 1960er und 1970er Jahre bahnbrechende Produkte für die Braun AG schuf. Wir sollten in Deutschland endlich lernen, die besseren Nachahmer zu werden. Die schnellen Zweiten machen das Rennen, nicht die Ersten – zumindest in der Wirtschaft. Steve Jobs ist allerdings nicht nur ein kluger Unternehmer im Sinne von Joseph Schumpeter. Nun will ich hier nicht wieder die inflationäre verwendete Phrase vom „kreativen Zerstörer“ verwenden. In dem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ von 1912 steht schon einiges, was zu meinem Thema passt: „Nur dann erfüllt er (der Unternehmer) die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt“, schreibt Schumpeter.

Innovatives Unternehmertum unterscheidet sich deutlich vom Routineunternehmer: „Es ist das Anwenden dessen, was man gelernt hat, das Arbeiten auf den überkommenen Grundlagen, das Tun dessen, was alle tun. Auf diese Art wird nie ‚Neues‘ geschaffen, kommt es zu keiner eigenen Entwicklung jedes Gebietes, gibt es nur passives Anpassen und Konsequenzenziehen aus Daten.“ Kopieren alleine reicht also nicht.

Und generell gilt wohl die Entwicklungslogik, der sich auch Apple oder Google nicht entziehen können: Der Zwerg von gestern ist der Riese von heute und der Greis von morgen.

Über Anregungen für meinen Vortrag würde ich mich sehr freuen. Bis zum Mai werde ich das Thema weiterentwickeln und noch ein paar Beiträge schreiben. Gerne auch Interviews.

Siehe auch:
Warum ist es besser, Zweiter zu sein? Innovationsführerschaft gilt als Überlebensfrage für Unternehmen. Zu Unrecht.