Über die Schweinebauch-Verschwörung im Netz und fragwürdige Schutzgesetze #BloggerCamp #hoa

Karnevaleske Verschwörungsrunde

Datenspione sind unterwegs, die ahnungslose Menschen überwachen und skrupellos Online-Einkäufe, Haustüren, Fassaden, Jägerzäune, Vorgärten, Aufenthaltsorte, Hobbys, Reisen, Suchanfragen, Empfehlungen, Verlinkungen, Kommentare, Profile und besuchte Websites registrieren. Die Dunkelmänner des Cyberspace verfolgen nur ein einziges Ziel – sie wollen uns personalisierte Werbung einblenden. Pfui Teufel, das ist niederträchtig, gemein, verschwörerisch, anmaßend, perfide und verdient unsere tiefste Verachtung. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder Dahergelaufene meint, uns werbliche Botschaften zu übermitteln, die vielleicht irgendwie den persönlichen Interessen entsprechen und uns zu Einkäufen animieren könnten.

Da ist es doch besser, wenn wir auf Schritt und Tritt mit der klassischen Massenreklame malträtiert werden, die uns langweilt, zum Umschalten des Fernsehkanals animiert oder daran erinnert, schnell noch eine Pinkelpause einzulegen, das Bier kalt zu stellen und den Hamburger in die Mikrowelle zu schmeißen. Der pädagogische Wert der Einweg-Berieselung darf nicht unterschätzt werden. Sie schützt uns vor dem Tanz um das Goldene Kalb, sie bewahrt uns davor, dem schnöden Mammon zu verfallen. Es ist wie mit dem Anti-Raucher-Kaugummi, der nach Aschenbecher schmeckt.

So wirken auch die stets lächelnden und strahlenden Hausfrauen, die uns für Waschmittel begeistern, die gütigen Opas, die ihre Enkelkinder mit widerlich süßen Bonbons beglücken, die schreiend lauten Schweinebauch-Slogans für technischen Schnickschnack, der in jedem Onlineshop billiger angeboten wird, die Heucheleien mit Danke sagender Schokolade, die man sich freiwillig nie kaufen würde und die schmierigen Männer in weißen Kitteln, die uns Ratschläge für die Zahnpflege erteilen. Die Konsumpropaganda in Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen und auf Plakatwänden, die wir jeden Tag an den Kopf geballert bekommen, ohne uns wehren zu können, ist die gerechte Strafe für eine zu bequeme Konsumhaltung und den um sich greifenden Freizeit-Hedonismus.

Wenn Facebook, Google oder Apple hier ausscheren und perfide Pläne für die Gründung eines neuen Imperiums schmieden und dafür personalisierte Werbung als Baustein für ihre Welteroberungspläne einsetzen, ist das hausmeisterliche Vorgehen der staatlichen Datenschützer und pädagogisch gesinnten Politikern wie Daniel Mack doch zu begrüßen. Oder auch nicht. Es ist wohl reine Effekthascherei, sich als Kindermädchen meiner privaten Daten in Szene zu setzen.

Die Verteidigung des Privaten ist beim Staat in schlechten Händen. Das sollte man generell bedenken, wenn wieder über Verbote, Regulierungen, neue Überwachungsbehörden und sonstige Drangsalierungsmethoden nachgedacht wird. Das fängt beim Rauchverbot an und hört beim Bundestrojaner auf. Vorsorge und Fürsorge des Staates, so der Soziologe Wolfgang Sofsky, seien nur fadenscheinige Versprechen:

„Der Staat ist weder ein Hort der Sittlichkeit noch eine moralische Instanz. Er hütet kein Gemeinwohl und ist auch keine Quelle väterlicher Geborgenheit. Der Staat ist eine Einrichtung zur Beherrschung der Bürger.“

Das entbindet allerdings Google und Facebook nicht von der Pflicht, mich auf Augenhöhe wie einen Kunden zu behandeln, wenn es um die Geschäftsbedingungen geht. Das rechtfertigt nicht das Vorgehen von Apple und Microsoft, sich als Zensor zur Wahrung der guten Sitten aufzuschwingen. Es völlig in Ordnung, wenn mir personalisierte Werbung eingeblendet wird. Es ist nicht weiter problematisch, wenn meine Daten, die ich freiwillig zur Verfügung gestellt habe, für Analysen, Prognosen und Verfeinerungen von Diensten eingesetzt werden. Es ist nicht zu beanstanden, wenn sich die Netzanbieter nach neuen Geschäftsmodellen, Sponsoring-Angboten und Erlösquellen umschauen. Aber es ist einfach eine Unverschämtheit, gravierende Änderungen der Nutzungsbedingungen wie eine geheime Kommandosache durchzudrücken. Ich bin nicht das Klickvieh von Facebook, Google und Co. Allerdings brauche ich keine irrwitzigen Schutzgesetze, wie sie Daniel Mack von den Grünen ins Spiel gebracht hat – gut gekontert von Thomas Hutter in seinem Blogpost „Facebook ist nicht kostenlos – ein paar Gedanken zu einem politisch motivierten Blogbeitrag“.

Warum räumen die Netz-Giganten nicht generell eine Opt out-Funktion ein (Opt in-Modelle, die nicht nur der Datenschutz-Deichgraf in Kiel verlangt, sind nicht praktikabel). Wenn ich einer Sache widerspreche, muss das vom Anbieter respektiert werden und nicht mit Löschung oder Ignoranz bestraft werden. Auch der Spruch, “Du kannst ja Deinen Account kündigen”, ist keine Alternative. Vielleicht bin ich ja mittlerweile beruflich und privat auf diese Dienste angewiesen. Friss oder stirb – so kann man mit den Nutzern nicht umgehen. Besser wäre es, Abweichungen vom Standardprogramm einzuräumen.

Welche netzpolitisch sinnvollen Maßnahmen jenseits staatlicher Volkspädagogik möglich sind, diskutieren wir morgen in der zweiten Session des Blogger Camps von 19,30 bis 20,00 Uhr. Thema: Die AGB-Diktatoren des Netzes. Mit dabei sind: Ralf Rottmann, Constantin Sohn (er sagt etwas über fragwüridge Tribunale in Game-Communities), Hannes Schleeh, Bernd Stahl und Jens Best (wenn er zur Abendstunde unterwegs einen leistungsfähigen Internet-Zugang zur Verfügung hat). Moderation: Icke.

Die erste Session von 18,30 bis 19,00 zieht eine erste Hangout On Air-Bilanz und spricht über die Zukunft der Graswurzel-Kommunikation. Gäste sind Moritz Tolxdorff von Techtalk und Ersteller der beliebten Hangout on Air Toolbox, Daniel Fiene, Hangout on Air Pionier und Mitglied des Digitalen Quartetts sowie Wolfgang Bogler aus Saarbrücken. Moderation: Hannes Schleeh. Ick werde da natürlich ooch mitmachen.

Wo der staatliche Schutz im Netz hinführt, kann man aktuell in Augsburg beobachten: Polizei beschlagnahmt in Redaktion Daten eines Foren-Nutzers.

Staatsanwaltschaft durchsucht Räume der Augsburger Allgemeinen wegen Forenbeitrags.

Zur AGB-Diktatoren-Runde passt ja auch der aktuelle Streit mit Google über das angekündigte Re-Design der Bilder-Suche! Siehe: Verteidige Dein Bild.

Die Facebook-Gefällt-mir-Datenkraken-Bobby-Car-Verschwörung


Ist die Kampagne des Heise-Verlages „2 Klicks für mehr Datenschutz“ nun der Weisheit letzter Schluss in der Diskussion über Social Plugins? So langsam wird es ja eine Frage des Glaubens, ob Konzerne wie Facebook wirklich unlautere Motive im Schilde führen mit den Daten, die man freiwillig preisgibt. An der Spitze der Kritiker marschiert Chaos Computer Club-Sprecherin Constanze Kurz.

Gegenüber Focus sagte sie, jeder müsse selbst entscheiden dürfen, ob er „Teil der Datenfresser-Welt von Facebook werden möchte, wo er sich und sein Privatleben mit jedem Klick entblößt und seine Daten zu Werbezwecken weiterverkauft werden“. Mit Hilfe des „Gefällt mir“-Buttons allerdings, den viele Behörden und Unternehmen auf ihrer Website integrieren, gelinge es Facebook, „das Surfverhalten jedes Bürgers auszuspähen, der ihre Seite besucht“.

Also auch von Nutzern, die nicht bei Facebook angemeldet sind. Davon betroffen seien auch Nutzer, die gerade nicht bei Facebook angemeldet seien. Damit wisse Facebook über seine Mitglieder beispielsweise, ob jemand die Webseite einer Aids-Hilfe oder Schuldenberatung angeschaut habe.

Es sei richtig, dass einige Landesdatenschützer die Verwendung des „Gefällt-mir“-Buttons durch die Behörden nicht mehr dulden wollen, sagte Kurz. „Private Daten gehen keinen etwas an“, kritisiert sie. „Facebook will erreichen, dass die Nutzer alles von sich preisgeben. Das kritisieren wir entschieden.“
Man bezahle für den Service mit den eigenen Daten. „Langfristig gibt man einem Unternehmen die Möglichkeit, einen digitalen Schattenriss jedes Nutzers zu erstellen. Facebook könne mit der riesigen Datenbank das Verhalten seiner Mitglieder vorhersagen und manipulieren. In ihrem Buch „Die Datenfresser“ beschreiben Constanze Kurz und ihr Co-Autor Frank Rieger die „Bedrohungslage“ ausführlich: Wie gut können wir wirklich noch den Einflüsterungen der Werbung widerstehen und tatsächlich noch freie Entscheidungen fällen? „Je subtiler die Werbebotschaft, je weniger sie als solche erkennbar ist, desto eher fallen wir darauf herein (für wie doof halten die Autoren die Internetnutzer? gs). Da die Grenzen des optischen Flächenbombardements sowohl im öffentlichen Raum als auch auf Webseiten mittlerweile erreicht sind, verlagert sich der Fokus mehr und mehr auf die Kontamination des täglichen persönlichen Informationsstroms. Längst geht es im Netz nicht mehr nur um Partizipation, Informationsaustausch und Unterhaltung. Es ist die Spielwiese vielfältiger kommerzieller Anbieter….“

Kein Wunder, dass die CCC-Sprecherin Sympathien mit der Initiative des Datenschutz-Deichgrafen Thilo Weichert hegt. Er glaubt ja auch an das Böse hinter den Mauern amerikanischer Internet-Konzerne:

„Was macht ein Amazon, was macht ein Google, vielleicht sogar Facebook? Was machen die mit den Daten, die nicht nur öffentlich zugänglich sind, sondern auch vertraulich sein sollen für die Friends oder das eigene Konto, was nur von einem selbst administriert wird?….Entsprechend hoch ist das Mißbrauchsrisiko.“
Und jetzt kommen wir zum Kapitel Verschwörungstheorie: „Das einzige, was diesen Missbrauch verhindert, ist das ökonomische Interesse der Anbieter. Google und Facebook haben ein ganz massives Interesse, ihre Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse nicht an andere weiterzugeben. Deswegen versuchen sie, ihre Dienste sicher zu machen. Aber nicht im Interesse des Schutzes der jeweiligen User, Anwender oder Kunden“, so die Weisheiten des Datenschützers aus dem Norden.

Welcher Anbieter schützt denn die Daten aus anderen Interessen? Vielleicht geht es ja auch um zufriedene Kunden, Loyalität, smarte Dienstleistungen, innovative Angebote. Die Frage ist nur, wie man solche Web-Dienste finanzieren soll?

Die Entscheidung, die jeder frei treffen kann, ist doch simpel: Entweder ich zahle mit meinem Profil oder ich nutze die werbefinanzierten Angebote von Facebook, Google & Co. nicht.

Und zu was verführen uns denn Google und Facebook? Zum Kauf eines Bobby Cars, weil man einen Beitrag über Bobby Car-Rennen im Sauerland empfohlen hat?

Ich möchte hier Facebook und Google nicht heilig sprechen. Siehe meine Kolumne über die virtuelle Identität als Menschenrecht. Aber personalisierte Werbung als mephistophelischen Pakt zwischen Nutzern und sozialen Netzwerken zu klassifizieren, ist doch reichlich kindisch. Verbraucher sind nicht so doof und leicht zu verführen, wie Kurz und Co. glauben. Siehe den Beitrag auf Trickr.de.

Nutzer teilen Inhalte nicht, wenn sie ihnen nicht vertrauen. Laut Edelman Trust Barometer vertauen weltweit nur 56 Prozent der Menschen darauf, dass sich Unternehmen richtig verhalten. Erfreulich für deutsche Unternehmen: Innerhalb eines Jahres nahm das Konsumentenvertrauen um 12 Prozent zu und stieg zwischen 2010 und 2011 von 40 Prozent auf 52 Prozent. Damit liegt Deutschland allerdings immer noch im Mittelfeld. Das meiste Vertrauen haben brasilianische Konsumenten mit einer Quote von 81 Prozent! In den USA sank dagegen das Konsumentenvertrauen auf 45 Prozent, weshalb die Amerikaner zu den „Distrusters“ gezählt werden.

Morgen werde ich das Thema noch einmal aufgreifen in einem längeren Beitrag. Anregungen, Statements zum Thema sind hoch willkommen. Entweder hier als Kommentar posten oder mir per E-Mail schicken: gunnareriksohn@googlemail.com

Vermeintliche Datenkraken und ein Hotline-Terror-Rettungsschirm für Printmedien


„Google verkauft Deine Daten an den Teufel“, betitelt Kristian Köhntopp ein nicht gerade rühmliches Kapitel der „Qualitätsmedien“.
Es geht um Berichte in der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der „Süddeutsche Zeitung“, die wohl etwas zu voreilig waren in ihrem Google-Datenkraken-Alarm. „In einer Datenbank mit dem mysteriösen Kürzel DDP sollten die Interessen der Werbekunden an den Meistbietenden verhökert werden. Der Datenschutz – die goldenen Bulle der letzten Jahre – war in Gefahr. Offenbar hatte Google vor, uns alle zu verwanzen. Man schrieb von der Website des amerikanischen Marketing-Fachblatts AdAge ab“, so Netzpiloten-Blogger Jörg Wittkewitz in seinem Beitrag „Warnintelligenz“.

Dort wurde eine neue Lösung für das so genannte Target-Markting von Bannerwerbung auf Websites vorgestellt. „Das Ziel bei dieser Form der Werbung liegt darin, den älteren Semestern im Internet Werbung für Kreuzfahrten auf den Leib zu schneidern und dem siebzehnjährigen Enkel die neueste CD seiner Lieblingsband zu präsentieren“, erklärt Wittkewitz. Für die Süddeutsche Zeitung jedenfalls war die Sache klar: „Künftig sollen Werber bei Google Daten von Verbrauchern kaufen können, mit Name, Adresse und, vor allem, nach Interessen sortiert.“ Egal, ob nun Google solche Adressen hat oder nicht, die Debatten zur Personalisierung von Online-Werbung laufen in Deutschland immer nach dem gleichen Muster ab: Alles, was so in der Internetwelt vor sich geht, sei irgendwie bedrohlich und schwer durchschaubar. Datenspione sind unterwegs, die ahnungslose Menschen überwachen und skrupellos Online-Einkäufe, Haustüren, Fassaden, Jägerzäune, Vorgärten, Aufenthaltsorte, Hobbys, Reisen, Suchanfragen, Empfehlungen, Verlinkungen, Kommentare, Profile und besuchte Websites registrieren.

Die Dunkelmänner des Cyberspace verfolgen nur ein einziges Ziel – sie wollen uns Werbung einblenden, die uns wirklich interessiert und die wir eventuell nicht wegklicken, wegzappen oder links liegen lassen. Pfui Teufel, das ist niederträchtig, gemein, verschwörerisch, anmaßend, perfide und verdient unsere tiefste Verachtung. Nein, noch mehr: Dieses Verhalten muss bestraft werden. Die jährliche Vergabe der Big Brother Awards an die Sektenbrüder einer milliardenschweren geheimen Loge ist nur die mildeste Form der Abstrafung, um uns von dem Joch der digitalen Entmündigung und Demütigung zu befreien. Da ist es doch besser, wenn wir auf Schritt und Tritt von der klassischen Massenreklame malträtiert werden, die uns zum Umschalten des Fernsehkanals animiert oder daran erinnert, schnell noch eine Pinkelpause einzulegen, das Bier kalt zu stellen und den Hamburger in die Mikrowelle zu schmeißen. Der pädagogische Wert der Einweg-Berieselung darf nicht unterschätzt werden. Sie schützt uns vor dem Tanz um das Goldene Online-Kalb, sie bewahrt uns davor, dem schnöden Mammon der Internet-Konzerne zu verfallen. Es ist wie mit dem Anti-Raucher-Kaugummi, der nach Aschenbecher schmeckt: So wirken auch die stets lächelnden und aseptischen Hausfrauen, die uns für Waschmittel begeistern, die gütigen Opas, die ihre Enkelkinder mit widerlich süßen Bonbons beglücken, die schreiend lauten und „geilen“ Schweinebauch-Slogans für technischen Schnickschnack, der in jedem Onlineshop billiger angeboten wird, die Heucheleien mit Danke sagender Schokolade, die man sich freiwillig nie kaufen würde und die schmierigen Männer in weißen Kitteln, die uns Ratschläge für die Zahnpflege erteilen.

Hotline-Terror der Verlage als notwendige Umerziehungsmaßnahme

Die Konsumpropaganda in Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen und auf Plakatwänden, die wir auf Schritt und Tritt an den Kopf geballert bekommen, ohne uns wehren zu können, ist die gerechte Strafe für eine zu bequeme Konsumhaltung und den um sich greifenden Web-Hedonismus. Selbst die nervigen Werbeanrufe von Call Center-Agenten, die uns im Kampf gegen den Auflagenschwund von Zeitungen und Zeitschriften täglich Uhren, iPods, Kaffeemaschinen, edle Füllfederhalter oder Radiowecker schenken und so nebenbei „günstige“ Abonnements aufschwatzen wollen, müssen wir als notwendige Rettungsschirm-Maßnahme der Qualitäts-Printmedien-Verlage hinnehmen. Der Hotline-Terror ist eine notwendige Umerziehungsmaßnahme, um uns auf den Tugendpfad der analogen Welt zurückzubringen. Selbst wenn es personalisierte Werbung nur gibt, wenn die Internet-Nutzer dem ausdrücklich zustimmen, wird wohl der Feldzug der kulturkritischen Geister in Deutschland nicht enden. Das hat doch ein staatlicher Datenschützer eines nördlichen Bundeslandes mit aller Deutlichkeit gesagt. Wer sich auf Google einlässt, ist doof und muss vor seiner geistigen Unzulänglichkeit geschützt werden – natürlich von den Volkspädagogen des staatlichen Datenschutzes. Insofern wird auch das Dementi von Google im Land der Technikskeptiker nicht auf fruchtbaren Boden stoßen. Warum personalisierte Web-Dienste dennoch sinnvoll sind, schildere ich in meiner Freitagskolumne für den Fachdienst Service Insiders.

Die Staatstrojaner: Wo bleibt die Empörung der Datenschutz-Beamten?

Ich habe es hier ja mehrfach thematisiert: Bei der ganzen Aufregung über Datenschutzvergehen von Google, Facebook oder Apple und der Empörungsspirale der Staatsaufseher im Datenschutz sollten wir die Aktionen des Staates gegen seine Bürger nicht außen vor lassen. Wer schützt denn hier die Freiheitsrechte jedes Einzelnen? Wer schaut denn mal genauer hinter die Kulissen von BKA, LKAs und Co.? Warum betreiben die Staatsorgane so eine Geheimniskrämerei beim Einkauf ihrer Überwachungstechnik? Vielleicht wird schon mehr eingesetzt als in der Öffentlichkeit bekannt und nach der Gesetzeslage erlaubt ist? So hat die bayerische Polizei zwischen 2009 und 2010 den sogenannten Bayerntrojaner fünf Mal verwendet, erklärte das bayerische Justizministerium auf eine Anfrage der Grünen, berichtet der Fachdienst Golem und bezieht sich dabei auf den Spiegel.

Die umstrittene Spionagesoftware kam in den Städten Augsburg, Nürnberg, München und Landshut zum Einsatz. Die Polizei gab als Grund an, Straftaten wie Handel mit Betäubungs- und Arzneimitteln sowie banden- und gewerbsmäßigen Betrug aufklären zu wollen. „Mit der Spionagesoftware kann die Polizei im Grunde alle relevanten Aktivitäten auf dem Computer ausspionieren. Die Ermittlungsbehörden nutzten unterschiedliche Verfahren, um die Spionagesoftware auf einem zu untersuchenden Computer aufzuspielen. So wurde die Software unter anderem über eine Remote-Installation aufgespielt, ein anderes Mal wurde eine Hausdurchsuchung dazu missbraucht, den Bayerntrojaner zu installieren“, schreibt Golem. Dagegen ist doch Google Street View ein Kindergeburtstag.

Kürzlich hatte noch die Bundesregierung Angaben zu einer parlamentarischen Anfrage verweigert, ob der Bundestrojaner gegen Terrorverdächtige bereits eingesetzt wurde.

Wer weiß, was da jeden Tag schon praktiziert wird und erst im nachhinein durch Gestzesänderungen legitimiert werden soll.

Wir sollten uns also weniger mit den vermeintlichen Einflüsterungen personalisierter Werbung von Facebook oder Google herumschlagen, sondern mit der Bedrohung der Privatsphäre beschäftigen durch staatliches Handeln unter dem Deckmantel von Terrorgefahren und einem Cyberwar, der vor allen Dingen in den Spionage-Hirnen von Verkäufern von Sicherheitssoftware gedeiht. Glauben Contanze Kurz und Frank Rieger vom Chaos Computer Club, dass eine Stiftung Datenschutz, die sie in ihrem Buch „Die Datenfresser“ vorschlagen, hier mehr Schutz für die Gesellschaft bringt? Ist es nicht etwas kümmerlich, wenn diese Stiftung mehr Aufklärung bei den allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärungen bringt, wie es die Stiftung Warentest bei Babyschaukeln und Gartengeräten vormacht?

Wer schützt uns denn vor den illegalen Aktionen des Staates? Genau das ist der Ansatz der Post-Privacy-Debatte. Man sollte den Leuten nicht einreden, über Regeln, Gesetze und staatliche Datenschützer besser geschützt zu werden. Das ist ein trügerischer Glaube.
Das sollte man nicht gleichsetzen mit Defätismus oder Indifferenz gegenüber den Sauereien, die auch von Technologiekonzernen ausgehen. Es geht auch nicht um den Glaubenssatz: „Wenn wir alle transparent sind, wird alles schön“, so die etwas spöttische Bemerkung von Constanz Kurz in einem Interview. Das ist nicht der Punkt. Man sollte allerdings auch nicht Faktor Machbarkeit in seinen netzpolitischen Überlegungen ausklammern.

Eine Stiftung Datenschutz ist nun wirklich nur eine Beruhigungspille.

Zu den Hauptursachen für fremdschaminduzierenden und datenschutzhomöopathischen Aktionismus der sonst eher arbeits- oder erfolglosen Datenschützer ist folgender Beitrag lesenswert: IP-Adressen: Teufelszeug oder harmlos? Ein datenschutzkritischer Dreiteiler.

Ach Großmutter, was hast du so große Ohren?…..

Damit ich Dich für personalisierte Werbung missbrauchen kann!

Wer den Big Brother-Award für Datenschutz-Verstöße erhält, muss schon ein dubioser Imperator sein. Wenn Facebook, Google oder Apple perfide Pläne für die Gründung eines neuen Imperiums schmieden und dafür personalisierte Werbung als Baustein für ihre Welteroberungspläne einsetzen, ist das hausmeisterliche Vorgehen der staatlichen Datenschützer doch zu begrüßen. Sie kämpfen für das Gute im Menschen. Sie wollen uns vor dem sinnlosen Abstieg in eine digitale Welt bewahren, die uns ohne Halt und Kontrollmöglichkeiten ratlos zurücklässt.

Wo kämen wir denn hin, wenn jeder Dahergelaufener meint, uns werbliche Botschaften zu übermitteln, die vielleicht irgendwie den persönlichen Interessen entsprechen und uns zu Einkäufen animieren könnten. Etwa zum Kauf der legendären ZDF-Vierteiler oder der kompletten Folgen von „Mit Schirm, Charme und Melone“, die mir von den konspirativen Matching-Maschinen von Amazon vorgeschlagen wurden…..

Da ist es doch besser, wenn wir auf Schritt und Tritt mit der klassischen Massenreklame malträtiert werden, die uns langweilt, zum Umschalten des Fernsehkanals animiert oder daran erinnert, schnell noch eine Pinkelpause einzulegen, das Bier kalt zu stellen und den Hamburger in die Mikrowelle zu schmeißen. Der pädagogische Wert der Einweg-Berieselung darf nicht unterschätzt werden. Sie schützt uns vor dem Tanz um das Goldene Kalb, sie bewahrt uns davor, dem schnöden Mammon zu verfallen. Es ist wie mit dem Anti-Raucher-Kaugummi, der nach Aschenbecher schmeckt. Wie die Story weiter geht, ist meiner heutigen The European-Kolumne zu entnehmen. Wer sich animiert fühlt, Retweets, Liken/Teilen oder sonstiges zu drücken, dem sollte klar sein, was ihm blüht – personalisierte Werbung! Pfui!