Facebook dominiert Social Media Marketing: Da könnten die Sterbeglöcklein von Weichert und Co. zu früh läuten

Beim Social Media Marketing dominiert nach einem Bericht von t3n (E-Commerce-Studie 2012: Wie deutsche Onlineshops SEO, SEA und Social Media einsetzen) wenig überraschend weiterhin Facebook. „Mit großem Abstand folgen dann Twitter und Google+. Hier sind die Unterschiede in der Herangehensweise der einzelnen Shops aber auch noch sehr deutlich. Während beispielsweise Elektronikshops wie Apple oder TomTom sehr stark im Social Web präsent sind, ist die Sichtbarkeit in anderen Branchen wie Kosmetik, Arzneimittel oder Heimwerker noch sehr gering.“

t3n beruft sich auf die E-Commerce-Studie mit dem Titel „SEO, SEA und Social Media bei deutschen Online-Shops 2012“.

Warum kurz nach dem Börsenstart von Facebook schon die Sterbeglöcklein für den Zuckerberg-Konzern ertönen, ist nicht nachvollziehbar. Selbst die Kursrückgänge in den vergangenen Tagen sind kein Grund, in den Jammer-Chor von Bild und Co. einzustimmen. Mit was hat man denn gerechnet? Kurzfristige Rendite einheimsen in Daytrading-Zocker-Manier? Das ist doch in den vergangenen drei Jahren immer kritisiert worden.

Der Börsengang wird von Kritikern mit Spott und Häme bedacht, die schon vorher mit dem weltweit größten Social Network auf Kriegsfuß standen, wie der Datenschützer Thilo Weichert (Weichert, nicht Facebook hat ein Problem).

Kurz vor dem Niedergang der New Economy vor 12 Jahren schrieb übrigens die Bild-Zeitung noch, dass man Aktien kaufen solle.

„Wenn die eine ‚Kaufempfehlung‘ abgeben, sollte man das Gegenteil tun. Jetzt publiziert das Boulevardblatt das Gegenteil und wertet den Börsengang bereits als Flop. Das ist natürlich Unsinn. Genau das Gegenteil ist der Fall. Facebook konnte die Kassen füllen, was auch für die Aktionäre gut ist. Jetzt kann der Konzern nachhaltig seine Geschäftsstrategie entwickeln. Mark Zuckerberg hat von Anfang an gesagt, dass er den Börsengang umsetzen wolle, um die Weiterentwicklung seines Unternehmens als soziales Netzwerk sicherzustellen. Deshalb sind auch die eingereichten Aktionärsklagen wegen des Kursrückganges in den vergangenen Tagen nicht sachgemäß. Zuckerberg hat selbst vor dem Hype gewarnt und noch Tage vor dem Börsenstart klar auf die langfristige Ausrichtung seines Konzerns hingewiesen. Die Kurzfrist-Spekulanten fallen jetzt auf die Nase. Wer für die Aktie für 40 Dollar gekauft hat, erlebt ein böses Erwachen. Facebook ist kein Zockerpapier für schnelle Gewinne. Der Kursverlust ist eine gute Option, um Aktien zu kaufen für eine langfristige Perspektive“, sagt Karl-Heinz Land von Microstrategy.

Ähnliches konnte man auch beim Börsenstart von Google beobachten. Auch da hätten die Analysten von einem Kauf abgeraten und vor dem Google-Gaga-Effekt gewarnt. Mittlerweile habe sich der Wert der Google-Aktie verfünffacht. Das sei auch nicht über Nacht entstanden und brauchte seine Zeit. Im Konzert des Wehklagens habe ich die Gegenmeinung von Land etwas ausführlicher eingefangen.

Zu lesen unter: Facebook-Aktie nichts für Kurzfrist-Spekulanten: Aktionäre sollten auf die langfristigen Strategien des kalifornischen Konzerns setzen.

Facebook, Google Plus und das Wechselspiel der Social Web-Nerds

Die Karrierebibel führt drei Gründe an, warum man nicht ausschließlich auf Facebook setzen sollte:

Fehlende Kontrolle und unerwartete Veränderungen werden als Argumente ins Feld geführt.

Die Ankündigung des neuen Timeline-Designs zeigt es eindrücklich: Änderungen im Aufbau und der Funktionsweise von Facebook können jederzeit statt finden. Die neuen Entwickler-Schnittstellen werden beispielsweise viele bestehende Facebook-Apps ausschließen. Und nicht alle Neuerungen werden so rechtzeitig und öffentlich angekündigt wie Timeline.

Nicht ganz so nachvollziehbar ist die eingeschränkte Reichweite:

Auch wenn Facebook gerne mit seinen 800 Millionen Nutzern – davon mehr als 20 Millionen in Deutschland – wirbt: Die Reichweite ist eingeschränkt. Gerade netzaffine Nutzer die auf Twitter und Google+ aktiv sind, meiden Facebook teilweise bewusst. Die Kommunikation rein über Facebook schließt daher einen wichtigen Nutzerkreis mit großer Multiplikator-Wirkung aus.

Mal abgesehen, dass es ziemlich dumm wäre, auf maximale Netzwerk-Effekte zu setzen, ist die bewusste Vermeidung kein Argument, Facebook zu meiden und deshalb beispielsweise auf Google Plus zu setzen. Das von Mark Zuckerberg vorgestellte Re-Design von Facebook hat so eine Art Kulturschock in der deutschen Netz-Elite ausgelöst. Von Stasi-Methoden, Entmündigung, Zwang zum Teilen und Stalking ist die Rede. Da mutet es schon grotesk an, wenn man öffentlich mit großer Geste den Ausstieg aus dem Facebook-Datenwahn und den Übertritt zu Google Plus verkündet. Für den Marketingexperten Felix Holzapfel bewegt sich der kritische Diskurs im Kreis.

Jedes Mal, wenn Facebook ein Update ankündigt, prophezeien die Meinungsmacher des Internets das Ende des Web-Imperiums. Holzapfel muss schon etwas Schmunzeln, wenn jemand sagt, dass er bei Facebook aussteigt, weil es datenschutztechnisch zu heikel wird und fortan seine Postings beim Suchmaschinen-Giganten unter die Leute bringt. Das sei nicht ernst zu nehmen. Da springt man von einem Übel ins andere. Auch der Vergleich mit AOL würde hinken. „Da war es für mich egal, ob meine Freunde Compuserve benutzen. Es war kein Mehrwert und auch kein Nachteil. Facebook hingegen ist so eine Art Schwarzes Loch im Social Web. Es saugt alles an. Je mehr Leute mitmachen, umso interessanter wird das Ganze. Google Plus ist spannend und gut gemacht. Da sind allerdings nur die Social Web-Nerds unterwegs. Lieschen Müller marschiert dort nicht hin“, so Holzapfel in einem Interview, das ich am Freitag mit ihm führte.

Weiteres heute in meiner The European-Montagskolumne nachzulesen: FACEBOOK UND DIE VERFÜHRBARKEIT: 80 Millionen Vollidioten.

Der Gefällt mir-Zuckerberg-Timeline-Datenschutz-Stalking-Kulturschock in Deutschland

So fröhlich agieren die Datenschützer von Bund und Länder wohl nicht

Golem hat etwas ausführlicher den Beschluss der Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder zur Verwendung von Social Plugins aufgegriffen:

Die Konferenz stellt insbesondere fest, dass die direkte Einbindung von SocialPlugins beispielsweise von Facebook, Google+, Twitter und anderen Plattformbetreibern in die Webseiten deutscher Anbieter ohne hinreichende Information der Internet-Nutzenden und ohne Einräumung eines Wahlrechtes nicht mit deutschen und europäischen Datenschutzstandards in Einklang steht. Die aktuelle von SocialPlugin-Anbietern vorgesehene Funktionsweise ist unzulässig, wenn bereits durch den Besuch einer Webseite und auch ohne Klick auf beispielsweise den „Gefällt-mir“-Knopf eine Übermittlung von Nutzendendaten in die USA ausgelöst wird, auch wenn die Nutzenden gar nicht bei der entsprechenden Plattform registriert sind.

Die Obersten Aufsichtsbehörden für den Datenschutz haben bereits 2008 und zuletzt 2010 in Beschlüssen Anforderungen an die datenschutzkonforme Gestaltung sozialer Netzwerke formuliert. Die Konferenz der Datenschutzbeauftragten fordert die Anbieter sozialer Netzwerke auf, diese Beschlüsse
umzusetzen, soweit dies noch nicht geschehen ist. Ja, liebwerteste Gichtlinge des Datenschutzes, es sind Beschlüsse und eben keine Gesetze, die als Legitimation für Euer Verwaltungshandeln herhalten müssen. Das Bedauern über die Untätigkeit der Bundesregierung, entsprechende gesetzgeberische Maßnahmen gegen die Profilbildung im Internet vorzuschlagen, keine Taten folgen lassen. Das bestätigt doch die rechtliche Grauzone, in der die Bußgeld-Aktionen vom Datenschützer in Schleswig-Holstein ablaufen. Siehe meinen gestrigen Bericht.

Hier hatte ich ja auch auf das Interview mit Felix Holzapfel hingewiesen. Das Gespräch dreht sich über die Stimmungslage in Deutschland unterhalten nach den Ankündigungen von Mark Zuckerberg über die das radikale Re-Design unter dem Stichwort „Timeline“. Auf dieser Grundlage schreibe ich für die nächste Woche ein oder zwei Storys. Expertenmeinungen zum Thema wie immer hoch willkommen. Am besten per Mail an gunnareriksohn@googlemail.com.

Hier geht es zur Audioaufzeichnung des Holzapfel-Interviews auf Soundcloud.

Facebook und die Like-Konditionierung

Die von Mark Zuckerberg auf der f8-Konferenz vorgestellten Neuerungen erinnern den FAZ-Redakteur Holger Schmidt etwas an Facebook Beacon, das Facebook nach kräftigen Nutzerprotesten allerdings wieder eingestellt hat.

„Per Beacon sollten die Nutzer ihren Freunden mitteilen, welche Produkte sie gerade auf Drittseiten gekauft haben. Das wollten die Nutzer damals nicht haben. Aber dies ist wieder ein Schritt in diese Richtung, zwar nur für Musik, Filme, Nachrichten und Spiele, aber weitere Produkte könnten noch kommen. Dann werden Empfehlungen auf Facebook als Kriterium für den E- oder besser F-Commerce an Gewicht gewinnen“, so der FAZ-Netzökonom.

„Liken“ sei dabei nicht flexibel genug.

„Um mehr Möglichkeiten zu geben, können die Nutzer ihren Freunden im Ticker mitteilen, dass sie zum Beispiel ein Buch gelesen, einen Film geschaut oder eine Nachricht in einer der Apps gesehen haben. Die Übertragung der Information, einen Artikel gelesen oder ein Musikstück gehört zu haben, geschieht automatisch. Ein Klick ist nicht mehr nötig. Allerdings muss ein Nutzer diesen Automatismus zuvor aktiviert haben. Diese Funktion finden sicher nicht alle gut.“

Optisch haben mir die neuen Profilseiten gut gefallen. Ob auch der Selektionsalgorithmus geändert wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls stößt das alte Modell auf berechtigte Kritik:

„Das ist ein sehr einfaches behavioristisches Modell, mit dem der Mark Zuckerberg-Konzern arbeitet. Ich kann die Aufregung von Geisteswissenschaftler verstehen, wenn Technologen simple Modelle von menschlichem Verhalten in die Welt setzen. Das ist in der Tat bedenklich. Hier modelliert man den Menschen als Objekt der Maschine. So wird man der Komplexität seines Verhaltens und Denkens nicht gerecht. Hier liegt Facebook falsch mit der Frage, ob man aus dem Maß der Interaktion mit anderen Personen schließen kann, welche Statusmeldungen angezeigt werden. Wenn ich etwas schweigend zur Kenntnis nehme, ist das ja kein Beleg für Unwichtigkeit. Auf dieser Grundlage gibt es keine Rechtfertigung für das Ausblenden von Informationen“, sagte mir Christoph Kappes in einem Telefoninterview.

Das ändere allerdings nichts an der Notwendigkeit von Selektionsmechanismen in einer Welt, die immer komplexer wird. Und hier sind wir dann beim Kern des Gespräches mit Kappes. Es geht um die prosaischen Gedankenflüge von Miriam Meckel, die sie in ihrem neuen Buch „Next – Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns“ ausbreitet. Die Kommunikations-, Politik-, Rechts- und Chinawissenschaftlerin wandelt auf den Spuren des Filterblasen-Diskurses, den der Online-Pionier Eli Pariser in seinem Opus „The Filter Bubble“ ausgelöst hat. Auch er wählt als Ausgangspunkt für seine steilen Thesen einer drohenden Maschinen-Gatekeeper-Herrschaft den Dezember 2009: In diesem Monat änderte Google seinen Suchalgorithmus und läutete eine neue Ära der Personalisierung ein. Eine Zeitenwende. In der feuilletonistischen Variante von Frau Meckel sterben wir nun den Tod der virtuellen Berechenbarkeit. Wie Kappes das sieht, kann man meiner Freitagskolumne entnehmen: Meckel und die Algorithmen-Märchen: Sterben wir den Tod der virtuellen Berechenbarkeit?

Siehe auch den Beitrag von Christoph Kappes in der FAZ: Intransparenz des Nicht-Wissens: Zur Theorie von der „Filter Bubble“

Die Facebook-Schweigespirale – Spannende Zeiten für die empirische Sozialforschung

„Es ist eine schleichende, unheimliche Veränderung: Bei Facebook, Google oder Amazon entscheidet Software, was der Nutzer zu sehen bekommt und was nicht. Nur wenigen ist bewusst, wie stark Algorithmen inzwischen unser Bild von der Wirklichkeit bestimmen – was nicht passt, schluckt der Filter“, schreibt Spiegel Online-Redakteur Konrad Lischka.

So fragwürdig die Interventionen der staatlichen Datenschützer gegen Google & Co. sind, so bedenklich ist die Ausfilterung von Nachrichtenströmen in sozialen Netzwerken. „Bei Facebook diskutierten die Entwickler schon 2005, dass ein Software-Filter unabdingbar sei, um den Nutzern lediglich eine relevante Auswahl der Nachrichten aus dem stetig wachsenden Facebook-Freundeskreis jedes Mitglieds zu liefern. Nachlesen kann man das in dem Buch ‚The Facebook effect‘, in dem dieses Zitat von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zu Filter-Algorithmen überliefert ist: ‚Ein Eichhörnchen, das vor deinem Haus stirbt, könnte für dich in diesen Augenblick wichtiger sein als Menschen, die in Afrika sterben'“, schreibt Lischka.

Aber verdammt, dass hat Zuckerberg und sein Software-Filter nicht zu entscheiden. Auch da bin ich groß genug, um wichtige Nachrichten von unwichtigen zu unterscheiden.

„Ob man nun das Eichhörnchen von nebenan oder die Nachrichten über Haiti beim Aufruf der Facebookseite sieht, hängt von dem sogenannten Edge-Rank ab. Diesen Wert berechnen die Facebook-Algorithmen für jede für ihn womöglich relevante Nachricht. Je höher der Edge-Rank ausfällt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man den Kommentar, die Artikel-Empfehlung oder die Meinungsäußerung eines Facebook-Kontakts oder einer anderen Quelle in dem Netzwerk zu sehen bekommt. Der Edge-Rank basiert auf einer Reihe von Kriterien, dazu gehört auf jeden Fall, wessen Einträge ein Nutzer zuletzt kommentiert, wem er viele Nachrichten geschrieben und wie oft er bestimmte Artikel einer Quelle aufgerufen hat“, so Lischka. Letztlich verstärke der Facebook-Filter die Weltsicht des jeweiligen Nutzers. Diesen Aspekt habe ich in einer Story für Service Insiders-Story aufgegriffen – unabhängig von den Recherchen des Spiegel-Autors: Kompetenzen für die Informationsgesellschaft und eine Warnung vor der Filterblase.

Der Spiegel Online-Redakteur vergleicht das mit der Theorie der Schweigespirale, die von der Demoskopie Professor Noelle-Neumann entwickelt wurde. Wenn Menschen bei moralisch aufgeladenen Fragen den Eindruck gewinnen, dass sie mit ihrer Meinung zur Minderheit gehörten, äußern sie diese nicht. Kommunikationswissenschaftler sollten dieses Phänomen mal in sozialen Netzwerken untersuchen, so der Vorschlag von Lischka. Dann sollten sie auch noch das Theorem vom doppelten Meinungsklima mit ins Auge fassen, denn das bekommt nun durch Social Media eine andere Ausprägung.

Siehe meine The European-Montagskolumne: An der Uni Leipzig ist zu diesem Themenkomplex eine interessante Arbeit angefertigt worden. Grundthese: Die zunehmende Fragmentierung der Medienwelt und damit auch der Verlust der gemeinsamen Informationsbasis führen auch zu einem Verlust einer gemeinsamen öffentlichen Meinung. Eine spannende Zeit für die liebwertesten Gichtlinge der empirischen Sozialforschung.

Siehe auch:
Wie facebook eure Freunde vor euch versteckt.