Nimbus „Made in Germany“ bröckelt – #Boardreport Gespräch mit Oliver Marquardt und Marco Petracca

Wie gut sind mittelständische Unternehmen im internationalen Geschäft wirklich? Wir verteidigen zwar fast jedes Jahr den Titel „Exportchampion“ und fahren Rekorde beim Handelsüberschuss ein. Das ist nach Auffassung von Oliver Marquardt und Marco Petracca allerdings nur eine Momentaufnahme.

Wir genießen noch ein hohes Ansehen im Ausland und können mit dem Label „Made in Germany“ weiterhin punkten, aber dieser Nimbus bröckelt.

Selbst die internationale Konkurrenz in der Metallverarbeitung nimmt zu. Chinesische Produkte im Anlagenbau haben qualitativ deutlich zugelegt. Viele andere Länder holen auf. Diese Signale kommen bei vielen Mittelständlern an. Nur ist es schwierig aus der Pfadabhängigkeit der vergangenen Jahrzehnte auszusteigen und neue Märkte zu erschließen. All das wird in der Titelstory des Wirtschaftsmagazins Boardreport ausführlich behandelt.

Das Opus erscheint Ende Juni.

Über den Propagandabegriff der „Raubkopie“ und die Innovationen der Kopisten #rp12 #informare12

Längst haben die Wirtschaftshistoriker herausgefunden, dass rückständige Volkswirtschaften mit dem Abkupfern existierender Technologien ihr Wachstum befeuern: Aufholen durch Nachahmen. Japan und Korea haben diese Strategie nach dem Zweiten Weltkrieg enorm genutzt. Häufig spielt der Zufall eine Rolle: Bei einem flüchtigen Besuch in amerikanischen Supermärkten sahen japanische Autofirmen-Vorstände, wie dort die Ware automatisch nachgefüllt wurde. Das war die Geburt der Just-in-time-Produktion. Besonders die deutsche Industrie, die sich heute mit der Forderung nach Leistungsschutz t gegen die digitale Welt abschotten will, konnte ihre Rückständigkeit Ende des 19. Jahrhunderts nur durch kluge Imitation kompensieren.

„Wie heute die Chinesen, haben damals deutsche Maschinenbauer ausländische Erfolgsmodelle in großem Stil eingekauft: Sie zerlegten die Maschinen in England und bauten sie im Siegerland oder im Schwäbischen neu auf. Durchs Nachmachen zu Erfahrung gekommen, haben die Deutschen sodann ihre Maschinen billig ins Ausland verkauft“, berichtet Hank.

Er verweist auf ein besonders dreistes Kopistenwerk in Solingen. Dort wurden minderwertige Messer aus Gusseisen hergestellt und mit dem Stempelaufdruck „Sheffield“ veredelt – das galt damals als Markenzeichen der englischen Messerproduktion.

„Ironie der Geschichte: Als Abwehrmaßnahme zwang England Deutschland das Label ‚Made in Germany‘ auf, damit man die mindere Ware erkennen sollte. Aber den Deutschen gelang es, das Stigma zum Qualitätssiegel umzuschmieden“, so der „FAZ“-Redakteur.

„Wenn man sich anschaut, welche unfassbar wichtige Wirkung Generika in der Medizin haben, etwa für bei der Therapie von Aids-Patienten, umso skandalöser ist es, wenn Menschen mit Patenten der Zugang zur Heilung verweigert wird“, kritisiert Dirk von Gehlen in seinem Republica-Vortrag zum „Lob der Kopie“ (gleichnamiger Titel seines Buches, das im Suhrkamp-Verlag erschienen ist).

Ebenso fragwürdig ist die Kriminalisierung des digitalen Kopierens, die in der aktuellen Urheberrechtsdebatte hochkocht, bemerkt der Redaktionsleiter von jetzt.de.

„Die digitale Kopie, das Verbreiten von identisch duplizierten Inhalten, nahezu ohne Kosten, ist eine historische Neuerung und zieht eine Veränderung nach sich, die man vergleichen kann mit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit“, erklärt von Gehlen.

Schon das Wort „Raubkopie“, von Musik- und Filmindustrie in „abschreckenden“ Filmchen als Propagandavokabel inflationär verwendet, ist juristisch unsinnig.

„Es ist eine sachliche Feststellung, dass nichts geraubt wird. Es wird nicht weggenommen. Nach dem Strafgesetzbuch ist der Raub so definiert, dass man unter Gewaltanwendung einen beweglichen Gegenstand von A nach B bewegt. Wenn ich eine Datei verschicke, ist es weder mit Gewalt verbunden, noch bewegt sich der Gegenstand von A nach B. Er verbleibt nämlich da, wo er war. Diese Erkenntnis muss allen Urheberrechts-Diskussionen zugrundeliegen, wenn man sie denn zielgerichtet führen will“, fordert von Gehlen.

Was heißt heute noch Original und was Kopie bei einem Medium, „in dem alles auf dem Prinzip der Kopie basiert“, fragt sich Urs Gasser im Interview mit Dirk von Gehlen (abgedruckt im von Gehlen-Buch „Lob der Kopie“ S. 54 ff.):

„Ich glaube, durch die Digitalisierung werden so viele Grenzen unscharf, dass wir da enormen Gesprächsbedarf haben – zwischen unterschiedlichen Anspruchsgruppen, aber auch zwischen den Generationen.“

Hinter die Kultur des Teilens und Austauschens werde man nicht mehr zurückgehen können.

„Die Kultur ist in unserer DNS enthalten. Wie junge Menschen heute aufwachsen und wie wir kommunizieren, basiert auf diesem Prinzip“, so Gasser.

Kulturtechnik des Kopierens wie Software betrachten

„Wenn wir Einsicht in die Tatsache nehmen, dass es nur zu extrem hohen sozialen Kosten möglich ist, Menschen am Kopieren zu hindern, gibt es meiner Meinung nach keinen besseren Vorschlag als die Kulturflatrate, um einen Ausweg aus dem Legitimationsproblem zu finden. Es wird adaptiert, was wir von analogen Medien schon kennen. Wenn man sich einen CD-Rohling kauft, fällt eine Leermedien-Abgab an. Ein geringer Anteil wird also an die Verwertungsgesellschaft GEMA überwiesen, die diese Summen nach einem wenig durchschaubaren Schlüssel an die Künstler auszahlt“, so das Gehlen-Plädoyer auf der Republica.

Tauschbörsen und Filesharing durch Verdammung, juristische Sanktionen und Abmahnungen in den Griff zu bekommen, hat nie funktioniert. Wenn digitale Kopien ohne große Aufwendungen dupliziert werden können, müssen wir diese Kulturtechnik des Kopierens und Teilens wie Software betrachten. Der Begriff des Originals läuft in der digitalen Welt ins Leere.

Soweit ein Auszug meiner heutigen Kolumne für den Fachdienst Service Insiders.

So, jetzt habe ich mehr oder weniger alle Aufzeichnungen und Notizen von der Republica verwertet. Die Konferenz und die vielen Gespräche haben mir sehr viel gebracht.

Hoffe, dass es morgen auf der Berliner Wissenschaftskonferenz Informare im Cafe Moskau so weitergeht. Am Mittwoch bin ich dort als Moderator im Einsatz und werde sicherlich einige Themen der Republica aufgreifen und weiter diskutieren in dem Panel „Obi Wan Kenobi und das Future Internet“. Einige Thesen zu dieser Runde werde ich wohl noch im Laufe des Abends posten und würde mich über Anregungen für die Diskussion freuen. Unterstützt werde ich in der Moderation vom Hörfunkjournalisten Heinrich Bruns. Da wird natürlich auch über soziale Netzwerke, die App-Economy, zentral versus dezentral, AGB versus Grundgesetz disputiert. Vielleicht auch über das heimliche Platzen der Social-App-Blase.

Siehe auch:

Gehlen-Vortrag als Audioaufzeichnung in längerer Version:

Vernetzte Ökonomie: Digitale Kompetenz statt Leistungsschutz.

Kultur der Beteiligung statt geheime Kabinettspolitik.

Wir sind Facebook! Netzöffentlichkeit zwischen Zensur, Willkür und Kontrollsucht.

Service-Innovationen, Made in Germany und die Metamorphosen des Evonik-Chefs

Sehr löblich von der Wirtschaftswoche, dass sie sich in ihrer aktuellen Ausgabe mit Serviceinnovationen beschäftigt. Fortschritt bestehe nicht nur aus Technik schreiben die Redakteure Sebastian Matthes und Roland Tichy in ihrem Artikel „Auf neuen Wegen“. Der Fokus auf Mikrochips und Motoren greife viel zu kurz. Deutschland brauche ein neues Verständnis von Innovationen, so das Plädoyer der Wiwo. Wenn in Talkshows die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft seziert werde, sitzen dort in der Regel Geschäftsführer von Maschinenherstellern, Chemiekonzernen sowie Forschungsinstituten und diskutieren über Turbinen, Computerchips (also Hardware) und hocheffizienten Motoren. Aber wann gehe es in solchen Runden um neue Marketingideen? Um neue Geschäftsmodelle und Dienstleistungen? Wann um nachhaltige Designkonzepte und eine neue Architektursprache? Oder gar gesellschaftliche Innovationen?

In Deutschland werde als Innovation nur ernst genommen, was mindestens eine Schweißnaht, besser noch einen Motor hat, kritisieren Matthes und Tichy. Als Bestätigung ihrer Thesen zitieren die beiden Autoren Klaus Engel, den Vorstandschef des Industriekonzerns Evonik: „In Zukunft wird es weniger reine Produktinnovationen geben. Viel stärker kommt es darauf an, attraktive Kombinationen zu schaffen aus verschiedenen Innovationsformen – wie technische Neuerungen, neuen Dienstleistungen und innovativem Marketing.“ Als Beispiel für diesen übergreifenden Innvationsansatz wird Apple genannt: iPod, iPhone und iPad würden höchst erfolgreich neue Technik, Distributionswege und eine geniale Marketinginnovation verbinden. In Deutschland werde viel zu selten so umfassend gedacht.

Alles richtig gesagt, Herr Engel. Aber was haben Sie vor ein paar Tagen noch als Lobbyist der Chemiebranche in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ geäußert und damit die Smart Service Initiative auf die Palme bringt, die morgen in Nürnberg auf den Voice Days plus die besten Serviceinnovationen auszeichnen auf Grundlage eines Testverfahrens des Fraunhofer Instituts? Ich poste hier die wichtigsten Passagen meines NeueNachricht-Artikels:

Die Smart Service Initiative kritisiert die Aussagen von Klaus Engel, neu gewählter Präsident der chemischen Industrie (VDC), der mit despektierlichen Äußerungen den Wert der Kreativwirtschaft für Deutschland schlechtredet: „Der Chemie-Lobbyist träumt von einer Re-Industrialisierung Deutschlands und führt den so genannten ‚Masterplan für die Industriestadt Berlin‘ als Beleg für die Notwendigkeit einer industriellen Basis an. Die Kreativwirtschaft sei chic, würde aber keine Gewerbesteuer zahlen, behauptet Engel. Seine Informationen stammen wohl aus der Vorkriegszeit“, kritisiert Bernhard Steimel, Sprecher der Nürnberger Voice Days plus und der Smart Service Initiative. Er verweist auf eine Studie von 2008. Danach erzielte die Hauptstadt mit Partys, Tourismus, Vergnügung, Theater, Musik, Medien, Verlage, Unterhaltung, Design, Softwareentwicklung, Werbung, Marketing und Web-Agenturen im Jahr 2006 einen Umsatz von 17,5 Milliarden Euro und erreichte einen Umsatzanteil von über 21 Prozent am Bruttoinlandsprodukt der Berliner Wirtschaft. „Und natürlich zahlen die 23.000 Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft auch Steuern, ein großer Teil auch Gewerbesteuern. Mit weit über 160.000 Erwerbstätigen ist diese Branche zudem ein unverzichtbarer Arbeitsmarktfaktor und mittlerweile wichtiger als die kümmerlichen Reste der Berliner Industrie“, so Steimel.

Die Industrielogik von Engel würde ein wenig an eine Bemerkung von Adam Smith in seinem 1776 veröffentlichten Werk „The Wealth of Nations“ erinnern: „Die Arbeit einiger der respektabelsten Berufsgruppen – Kirchenmänner, Anwälte, Ärzte – ist unproduktiv und ohne Wert“. Das waren die alten Zeiten der Dampfmaschine. „So langsam sollten sich die Meinungsführer, die immer noch Weltbilder aus den Zeiten der florierenden Massenproduktion verbreiten, in ein stilles Kämmerlein zurückziehen und sich eines Besseren besinnen. Schaut man sich die vielen Servicebranchen an, die sich als Konjunkturlokomotive erweisen, erkennt man, wie hirnverbrannt die wirtschaftspolitischen Akzente in Deutschland immer noch sind. Wenn Industrie-Nostalgiker Serviceleistungen auf Reisebüros, Friseure oder Piercing-Studios (siehe das Welt-Interview mit Engel) reduzieren, haben sie nicht begriffen, was eine smarte Dienstleistungsökonomie wirklich auszeichnet“, erläutert Steimel.

Kein Service-Experte würde von einer Ökonomie ohne Produktion und Produkte träumen. Nur mit den alten Methoden des Fordismus sei kein Blumentopf mehr zu gewinnen. „Um seine Thesen zu untermauern, führt der Verbandsfunktionär Engel auch noch das Beispiel Apple an. Das Industrieprodukt ‚iPhone‘ sei der Ausgangspunkt für den Erfolg der Dienste und Applikationen, meint Engel. Aber von welcher Wertschöpfung profitiert denn die amerikanische Volkswirtschaft? Die iPhone-Produktion findet in Asien statt und steht am Ende der Forschung und Entwicklung des Steve Jobs-Konzerns. Der Apple-Chef ist ein Paradebeispiel für die Relevanz von Design, Marketing, Software und intelligenten Anwendungsprogrammen. All das treibt den Wert von Apple und nicht der reine Akt der Industrieproduktion“, kontert Steimel.

Faktisch mache die industrielle Wertschöpfung weniger als 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. „Daran waren die Industriekonzerne nicht ganz unbeteiligt durch die Auslagerung der Massenproduktion in Billiglohnländer. Geistig stecken Repräsentanten wie Engel noch in einer Ideologie der ökonomischen Skalierung“, führt Steimel aus. Selbst unsere Exportrekorde, die wir jedes erzielen, stärken nur minimal die heimische Industrieproduktion. Darauf hat Udo Nadolski vom Düsseldorfer IT-Beratungshaus Harvey Nash hingewiesen. „Das Verhältnis zwischen in den Exporten enthaltener inländischer Bruttowertschöpfung und importierten Vorleistungen hat sich stark zu Gunsten des Auslandes verschoben. Die Fertigungstiefe in Deutschland nimmt extrem ab.“

Wir müssten uns auf die Forschung und Entwicklung konzentrieren, auf die enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft, auf die Veredelung von Produkten, auf die Verbesserung der Produktvermarktung und auf kluge Servicekonzepte: „Wir müssen massiv den ökonomischen Wandel von der klassischen industriellen Produktion zu Dienstleistungen und Wissen sowie zur Informations- und Kommunikationstechnik vorantreiben. Wir können nur als Wissens- und Dienstleistungsökonomie überleben“, so der Ratschlag des Harvey Nash-Geschäftsführers. Treffend analysiert habe das der Zukunftsforscher und Kondratieff-Kenner Erik Händeler. Konjunkturforscher Nikolai Kondratieff schrieb, dass die Märkte von morgen durch knappe Produktionsfaktoren entstehen. In der Informationsgesellschaft von morgen werde der Wohlstand davon abhängen, wie effizient die Wissensarbeiter zusammenwirken.

Die Smart Service Initiative geht sogar soweit, sich vom Gütesiegel „Made in Germany“ zu verabschieden. Die Kanzlerin Angela Merkel wolle ja das Gütesiegel „Made in Germany“ reformieren. Den im 19. Jahrhundert eingeführten Herkunftsnachweis möchte die Bundesregierung mit dem Kürzel CSR (Corporate Social Responsibility) zu einem neuen Gütesiegel kombinieren: „CSR – Made in Germany“: „Es ist richtig, das gesellschaftliche Engagement deutscher Unternehmen zu fördern und nach außen zu dokumentieren. Wir sollten uns dann allerdings dazu durchringen, die Formulierung an die veränderten Gegebenheiten anzupassen. Wir sind nur noch in seltenen Fällen das Herkunftsland für die Herstellung von Produkten. Unsere Unternehmen profilieren sich über Forschung und Entwicklung, über die Leistungen der Ingenieure, über die Veredelung von Produkten und über Service-Innovationen. Insofern wäre die Formulierung ‚CSR – Design in Germany‘ sehr viel treffender“, so Steimel.

Technik bleibe wichtig. Das betont auch der ehemalige SAP-Chef Henning Kagermann im Interview mit der Wiwo: „Aber die Differenzierung findet verstärkt über Design, Service und maßgeschneiderte Kundenlösungen statt“, so der Chef der Deutschen Technikakademie. Die Bundesregierung würde nur 30 Millionen Euro zur Förderung von Dienstleistungen ausgeben. Dabei seien sie ein Schlüssel für wirtschaftlichen Erfolg. Mangelhaft sei zudem die Ausbildung an Universitäten. So sei es kein Wunder, dass Deutschland keine kreativen Zerstörer wie Mark Zuckerberg, Larry Page, Sergey Brin oder Jeff Bezos hervorbringt, bemerkt ITK-Fachmann Peter B. Záboji, Chairman des After Sales-Dienstleisters Bitronic: „Das ist eine gefährliche Gemengelage. Produktivitätsschübe werden heute fast ausschließlich durch die Informationstechnologie ausgelöst. Selbst einfache Dienstleistungen bringen in Zukunft keine positiven Effekte mehr für den Arbeitsmarkt, da auch hier Automatisierung, Self Service, Apps und Künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben erledigen. Deshalb brauchen für mehr Investitionen für Wissensberufe, um neue Unternehmen und Unternehmerpersönlichkeiten hervorzubringen“, fordert Záboji.

Wirtschaftswoche, Accenture, EnBW und Evonik (!) wollen übrigens innovative Geschäftsmodelle, Prozesse, Marketingkonzepte und Dienstleistungen mit dem Deutschen Innovationspreis auszeichnen. Mal schauen, ob da auch Vertreter der Kreativwirtschaft dabei sind, die keine Gewerbesteuern zahlen.

iPad und die notwendige Demut der Kopisten

Basic Thinking hat sehr schön das PR-Desaster der Firma Nefonie bei der großspurig angekündigten Einführung eines iPad-Konkurrenz-Gerätes nachgezeichnet. Kopisten sollten nicht nur auf die Sahne hauen, sondern einfach besser sein. Jedenfalls sollte das neofonetische Wunderwerk alles das können, was die Apple-Flunder noch nicht kann. „Als Betriebssystem ist zunächst von Android die Rede, Hardware-seitig soll das WePad praktisch alles können, was Apple beim iPad ausgespart hat: USB-Slots, Webcam, Kartenleser. Dafür mit geplanten 800 Gramm etwas schwerer – was bei der größeren Bilddiagonalen von 11,6 Zoll in Ordnung ginge (iPad: 9,7 Zoll, 680-730 Gramm). Ein Original Design Manufacturer (ODM) in China oder Taiwan sollte das Gerät genau nach den Wünschen und Vorlagen von Neofonie herstellen. Auch auf die Wünsche der Kunden solle bei der Fertigung eingegangen werden – daher der Name WePad (später dann WeTab,gs). ‚Designed in Germany‘ wäre von der Definition her also in Ordnung gewesen. Der Vorteil: Neofonie arbeitete bereits mit Verlagen über die Digitalisierung von Zeitschriften zusammen. Das Tablet wäre also nur ein zusätzlicher Absatzweg. Es klang fast zu gut um wahr zu sein“, so Basic Thinking. In dem Beitrag wird die Chronik der Pannen sehr gut dokumentiert.

Vielleicht sollten Kopisten generell mehr Demut an den Tag legen. Sie könnten ja mit vorschnellen Ankündigungen etwas sparsamer umgehen und nicht krampfhaft probieren, Steve Jobs zu imitieren. Also Demut-Marketing statt Phrasendrescherei. Roter Schal und Adelstitel reichen zur Inszenierung nicht aus.

Siehe auch:
Steve Jobs und das Blöken der Kopisten.

Warum wir eine Smart Service-Initiative brauchen

Viele Meinungsführer in Deutschland vertreten eine Industrielogik, die an eine Bemerkung von Adam Smith in seinem 1776 veröffentlichten Werk „The Wealth of Nations“ erinnert: „Die Arbeit einiger der respektabelsten Berufsgruppen – Kirchenmänner, Anwälte, Ärzte – ist unproduktiv und ohne Wert.“ Das waren die alten Zeiten der Dampfmaschine. Ein Blick in die Statistik belegt, dass der Konsum von Dienstleistungen in Deutschland inzwischen rund 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Die Wertschöpfungsketten in unserem Land werden schon lange nicht mehr von der industriellen Produktion getaktet.

Es kommt darauf an, wie man Dienstleistungen definiert. Wir betrachten die Warenwelt immer noch zu produktzentriert aus dem Blickwinkel der Massenfertigung. Das reicht nicht mehr aus. Die Produktion und der Absatz der Güter muss durch intelligente Service-Konzepte angereichert werden. Der Trendforscher Matthias Horx sieht das ähnlich: „Der Konsum als reiner Kaufakt wird problematisch. Früher spielte sich das in sogenannten Savannenmärkten ab. Das Ganze war geprägt von Herdenverhalten und nicht sehr artenreich. Das Kundenverhalten war berechenbar. Heute sind wir in Dschungelmärkten gelandet mit Artenvielfalt, instabilen Gleichgewichten mit Nischenmärken und Spezialisierung“, sagt Horx, Leiter des Zukunftsinstituts. Die Zeiten, in denen Produkte auf den Markt geworfen wurden und eine Produktlinienerweiterung der nächsten folgte, seien definitiv vorbei. „In Zukunft geht es immer weniger um das Verkaufen von Produkten, sondern um die auf den Einzelnen ausgesteuerte Unterstützung bei komplexen Alltagsproblemen“, führt Birgit Mager, Professorin für Service Design an der Fachhochschule Köln, aus.

Deshalb ist „Design in Germany“ wichtiger als „Made in Germany“: Massenfertigung findet immer mehr im Ausland statt (Stichwort: „Basarökonomie“). Das wird sich nicht mehr ändern. Wir müssen uns auf die Forschung und Entwicklung konzentrieren, auf die enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft, auf die Veredelung von Produkten, auf die Verbesserung der Produktvermarktung und auf smarte Servicekonzepte. Wir müssen massiv den ökonomischen Wandel von der klassischen industriellen Produktion zu Dienstleistungen und Wissen sowie zur Informations- und Kommunikationstechnik vorantreiben.

Support-Ökonomie

Die amerikanische Soziologin Shoshana Zuboff beschreibt diese Entwicklung treffend als „Support-Ökonomie“. „Diese Tendenz lässt sich mittlerweile auch an den privaten Konsumausgaben ablesen. Seit 2003 geben die Deutschen zum ersten Mal mehr Geld für Dienstleistungen als für Produkte aus. Wir abschieden uns vom Produkt-Paradigma und schwenken ein in eine Epoche, in der immaterielle Dienstleistungen die Märkte antreiben werden. Allerdings müssen Dienstleistungen in Zukunft mit der gleichen Akribie konzipiert und ‚gebaut’ werden wie die technologischen Innovationen des industriellen Zeitalter“, fordert Mager. Die Dienstleistungsökonomie könne nur mit mehr Forschung und Entwicklung vorangebracht werden. „Deutsche Unternehmen der verarbeitenden Industrie investieren pro Jahr und Mitarbeiter im Schnitt rund 3.215 Euro in Forschung und Entwicklung. Dienstleister dagegen bringen es im Vergleich dazu gerade mal auf 67 Euro“, moniert die Professorin.

Kopfen und Warten

Wo ungenügendes Service Design hinführen könne, macht Mager an einem Erlebnis im Kölner Gesundheitsamt deutlich: „Auch die Behörden wollen sich zu bürgerfreundlichen Dienstleistern entwickeln. Das hört aber bei den Öffnungszeiten schon auf, wenn man Montags bis Donnerstags von 8,30 bis 12,30 Uhr zur amtsärztlichen Untersuchung gehen kann und am Freitag sogar nur von 8,30 bis 11,45 Uhr. Kommt man dann zur Untersuchung wird man von einem wenig freundlichen Hinweisschild begrüßt mit ‚Klopfen und Warten’. Folgt man dem behördlichen Ersuchen, öffnet sich nach längerer Zeit die Tür und man erhält wortlos einen Becher ausgehändigt. Den Rest muss man sich halt denken und den Inhalt des Bechers mit der obligatorischen Urinprobe füllen. Dieser Fall ist kein Einzelbeispiel. Zukunftsträchtige Services sehen anders aus“. Das Service-Design müsse einem Drehbuch folgen aus Sicht des Kunden. Wenn allerdings Führungskräfte im öffentlichen Dienst oder der Wirtschaft 70 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem Rücken zum Kunden verbrächten, sei kein Wunder, dass bei Dienstleistungen häufig der Erlebnischarakter fehle.

Vernachlässigter After Sales-Service

Wenn man ein elektronisches Gerät kauft und schon beim Lesen der Betriebsanleitung verzweifelt, erwarte ich zumindest eine kostenlose Hilfestellung per Telefon. Das hat man in Deutschland immer noch nicht kapiert. Call Center sind ein integraler Bestandteil des Servicekonzeptes. Wenn ich mich täglich durch einen undurchschaubaren Tarifdschungel bei Flug- und Bahntickets arbeiten muss und multifunktionale Mobiltelefone nur mit Informatikstudium bedienen kann, sind Hotline-Warteschleifen und inkompetente Agenten im Call Center ein geeignetes Mittel, meinen Ärgerpegel an den Rand des Herzinfarktes zu treiben. So können wir nicht erfolgreich den Weg zur Dienstleistungsökonomie beschreiten. Der After Sales-Service muss bei der Produktvermarktung eine größere Rolle spielen. Das erfordert ganze andere Fähigkeiten. Hier spielt das Call Center eine entscheidende Rolle, genauso wie eine perfekte Transport- und Logistikkette. Wenn heute jemand einen Monitor, einen Laptop oder Drucker kauft, so beschäftigt er sich vor der Kaufentscheidung mit den Produkteigenschaften: technische Daten oder Leistungsmerkmale, Deshalb schlage ich immer vor, ein zu lesen buyer’s guide Auf einem Monitor vor dem Kauf es. In der Regel wird der durchschnittliche Kunde die Hälfte dieser Angaben gar nicht wirklich verstehen. Ist das Produkt gekauft, treten schon nach wenigen Tagen diese technischen Features in der Wahrnehmung des Käufers in den Hintergrund: er erwartet einfach, dass das Produkt über Jahre hinweg einwandfrei funktioniert. In den weitaus meisten Fällen wird erst im Fehlerfall das Produkt wieder in den Fokus der Wahrnehmung des Käufers rücken. Was er nun erwartet, schnellen und günstigen Service, hat nichts mit den Leistungsmerkmalen des Monitors oder Druckers zu tun, sondern resultiert aus der Leistung des After Sales-Service. Wenn hier etwas schief läuft, wird eine Kettenreaktion ausgelöst. Ein unzufriedener oder vernachlässigter Kunde kommuniziert seine schlechten Erfahrungen auch weiteren acht bis zehn potenziellen Käufern.

Exzellenz im Kundenservice

Die Exzellenz im klassischen Kundenservice und beim Servicedesign müsse sich daher deutlich verbessern, fordert Bernhard Steimel von der Unternehmensberatung Mind Business Consultants, der im nächsten Jahr die Initiative Smart Service startet (Interessenten können sich direkt bei ihm melden (E-Mail: bernhard.steimel@mind-consult.net). Steimel hält Unternehmen für zukunftsfähig, die komplexe Technik möglichst simpel nutzbar machen, das Plug-and-Play-Prinzip beherrschen, auf Produktästhetik achten und im Kundenservice auf persönliche und individuelle Wünsche eingehen. Warum soll es nicht möglich sein, die Erlebniswelt im Tante Emma-Laden auf allen Kundenkanälen hervorzurufen: Wer Servicewünsche über Call Center, E-Mails oder Internetplattformen äußert, erlebt auf der Anbieterseite häufig bizarre Alzheimer-Phänomene. Es werden immer dieselben Fragen gestellt und als Kunde muss ich immer wieder dieselben Antworten geben (Kundennummer, Bestellnummer, Wohnort, Telefonnummer, Grund des Anrufs beim zehnten Versuch einer Beschwerdemeldung etc.). Perfekter Service ist personalisierter Service. Wie bei meinem Lieblingsladen um die Ecke, wo das Verkaufspersonal meinen Namen kennt, meine Vorlieben, meine Macken und mir immer ein nettes Wort gönnt!

„Es dauert nicht mehr lange, dann können Automaten auf die Stimmungslage des Benutzers reagieren, einen Griesgram mit Humor freundlich stimmen, den Gestressten zügig bedienen und den Ratsuchenden mit ausführlichen und genauen Informationen versorgen – muffelnde Call Center-Agenten, dümmliche Beratung von der Stange, bürokratische Organisationen, überflutete Wartezimmer beim Onkel Doktor, Terminschlampereien von Kfz-Betrieben, Warteschleifen am Telefon oder genervtes Verkaufspersonal kann sich niemand mehr leisten“, warnt Steimel.

Serviceinnovationen mit dem Steve Jobs-Gen

Die bahnbrechenden Innovationen setzen sich meistens gegen die vorherrschenden Regeln des Marktes durch. Die Kreativität und das Spielerische der Ideenfindung steht meistens im Widerspruch mit den Beharrungskräften des etablierten Managements, das mit den Erfolgen von gestern groß geworden ist. Zu den erfolgreichsten Innovatoren, die diese Beharrungskräfte außer Kraft setzen, zählt Apple-Chef Steve Jobs. Wenn er über Arbeit oder Freizeit nachdenkt, ändert sich unser Leben. Der Computerunternehmer demonstriert eindrucksvoll, wie man Eleganz, Perfektion und Benutzerfreundlichkeit vereinen kann. Dieser Dreiklang des Apple-Chefs ist auch eine robuste Philosophie, um die Konsumentennachfrage anzukurbeln. Denn selbst in Krisenzeiten macht Apple Rekordumsätze.

Kunden emotional überraschen

Marcus Smola, Geschäftsführer der Best Western Hotels hat einen richtig guten Vortrag auf der Call Center World über Kundenservice gehalten. „Was hat ein Goldfisch mit Check-In im Hotel zu tun“. Wer sich beispielsweise im Hotelgewerbe nur auf die grundlegenden Serviceprioritäten konzentriert wie pünktlicher Weckruf, perfekte Bedienung oder Sauberkeit, hat zwar zufriedene Kunden aber im Wettbewerb mit Konkurrenten nichts gewonnen. Kein Hotelgast wird seinen Freunden oder Kunden begeistert berichten, dass er pünktlich geweckt wurde oder das Dienstpersonal sauber gekleidet war. Verblüffungen im Kundenservice mit kleinen Gesten können die Lösung sein. Der Taxifahrer als persönlicher Chauffeur oder der Kellner als Wohlfühlmanager. Smola erzählte von einer Initiative eines Best Western Hotels in Velbert. In der Regel logieren dort Geschäftsleute, die alleine anreisen. Dort fragte man Hotelgäste beim Check-In, ob sie einen Goldfisch mit auf das Zimmer nehmen wollen, um nicht so einsam zu sein. Die Gäste reagierten überaus positiv. Sie wurden emotional überrascht. An dieser Stellschraube kann in jeder Servicesparte noch erheblich drehen! Den Vortrag von Smola kann man sich hier noch einmal anhören.