Bildung ohne Unterricht und Ökonomik ohne Erbsenzähler #Sommerinterview mit @bildungsdesign

Die Mainstream-Ökonomen markieren eine merkwürdige Kampflinie gegen die pluralen Ökonomen: Für einige Professoren ist es eine Horrorvorstellung, dass die „Pluralen“ in ihr Fach nun Marxismus, Gender-Theorie oder Postwachstums-Ideen einschmuggeln könnten.

„Die Vertreter der sogenannten Pluralen Ökonomen wollen die Wirtschaftswissenschaft sturmreif schießen“, sagt Joachim Weimann von der Universität Magdeburg nach einem Bericht der FAZ. Viele Pluralismus-Vertreter hätten einfach keine Ahnung. „Sie beherrschen die Sprache und die Methoden der Ökonomen nicht, obwohl sie diese ständig kritisieren“, sagt Weimann.

Etwas ärmlich scheint die Replik, die sich immer noch in Kategorien der politischen Gesäß-Geografie bewegt. Siehe auch den Blogpost: Warum die Ökonomik sich wandeln muss.
Dabei gibt es gute Gründe, dass naturwissenschaftliche Gehabe der neoklassischen Wirtschaftstheorie mit ihrem pseudo-neutralen Habitus in Frage zu stellen.

Wirtschaftswissenschaft auf Excel-Tabellen-Niveau

Hier sehe ich die Notwendigkeit für eine Radikalkur. Die von den pluralen Ökonomen geforderte thematische Ausweitung des Studiums reicht dabei nicht aus. Es muss etwas anderes geben als die ökonomische Erbsenzählerei, bei der man die Bäume vor lauter Wald nicht erkennt. Es erscheint eine Flut von Fachartikeln, die alle im gleichen Stil verfasst werden: Diagramme, Excel-Tabellen (mit fatalen Folgen für die Politik-Beratung zur Euro-Krise: Thomas Herndon versus Reinhart/Rogoff – Wenn inkompetente Excel-Ökonomen irren und zur Tagesordnung übergehen) und pseudo-wissenschaftliche Prognosen durchfluten die Aufsätze, um an der akademischen Karriere zu feilen. Es fehlen sprachmächtige Analysen, großartige Monografien, verständliche Essays, diskursfreudige Utopien und geistreiche Einwürfe. Traditionelle Ökonomen sind nur noch langweilige Buchhalterseelen, die mit ihrer Empirie in den Rückspiegel schauen und Erkenntnisse für den Altpapier-Container produzieren.

Studium ohne Unterricht

(Nicht nur) BWL- und VWL-Studiengänge sollten wie Kunstakademien gestaltet werden. Diesen Vorschlag machte der Innovationsexperte Jürgen Stäudtner im #NEO16x Käsekuchen-Diskurs:

„Man hat an den guten Kunstakademien gar keinen richtigen Unterricht mehr. Es gibt ein Orientierungsjahr, in dem versucht man, seinen Weg als Künstler herauszufinden. Es wird erwartet, dass man sich die dafür notwendigen Fähigkeiten selber beibringt. Im Hauptstudium geht es dann rund drei bis vier Jahre nur darum, eigene Projekte durchzuführen, besser zu werden und an der Verbesserung seiner Fähigkeiten zu arbeiten.“

Leidenschaft für Veränderungen

Was generell im akademischen Gefilde fehlt, ist die Vorbereitung auf Unvorhergesehenes und die Leidenschaft für Veränderungen. Studierende an Kunstakademien brennen für ihre Themen:

„Beste Voraussetzungen also, um eine Disziplin zu lehren, die junge Menschen zur eigenen schöpferischen Arbeit und künstlerischen Identität finden lässt — Kunst ist nicht lehrbar, wohl aber künstlerische Techniken, Methoden und Forschungsstrategien“, sagt Stäudtner.

In drei bis endlos langen Jahren gehe es nur darum, eine eigene künstlerische Position zu beziehen und gegenüber seinem professoralen Mentor zu verteidigen. Viel Zeit, um Themen zu erproben und die Gesellschaft zu verändern.

Bestehende Grenzen und Beschränkungen des Denkens, Wollens und Handelns müssen gesprengt werden. Nur so kommt Neues in die Welt, ohne dem Gipsabdruck von karrieristischen Erbsenzählern der Ökonomik zu folgen.

Was sich generell im Bildungssektor ändern sollte, erörtere ich am Samstag, den 19. August, um 10 Uhr mit dem Schweizer Bildungsethiker Christoph Schmitt im Bonner #Sommerinterview. Man hört, sieht und streamt sich nächsten Samstag auf http://www.facebook.com/gsohn.

Vorher gibt es noch einen Livestream am Dienstag, den 15. August, um 18 Uhr zur Podiumsdiskussion über Rheuma & Arbeit.

Siehe auch:

Bildungsethik jenseits der Zeigestock-Pädagogik

So sieht es aus in unserer Bildungslandschaft: 7,5 Jahre Warten auf den Studienplatz – ist das legal?

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Sexueller Missbrauch an katholischen Einrichtungen: Wie aus Opfern Täter gemacht werden

Man muss sich sehr genau überlegen, wie man über Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen schreibt oder was man in der Öffentlichkeit darüber sagt. Auf Schritt und Tritt droht eine Abmahnung. Denn es gilt das Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Geht es um Jugendliche, die über sexuelle Übergriffe berichten, hört man stereotyp die semantische Verteidigungsstrategie: „Das kann ich mir nicht vorstellen“ oder „Das glaube ich nicht“. Minderjährige Opfer werden dann sehr schnell zu Tätern abgestempelt. Sie stören den Burgfrieden. Scheren Eltern oder Kinder aus und schalten Behörden ein, beginnt ein endloses Kesseltreiben gegen die betroffenen Familien. Da schützt nur die Anonymität. Mich wundert also das Vorgehen der Diözese Regensburg gegen die Redaktion von regensburg-digital überhaupt nicht.

So läuft das klerikale System auch heute noch, obwohl in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Skandalen aufgedeckt wurden:

„Die Diözese hatte gegen einen Kommentar geklagt, den regensburg-digital.de am 7. März 2010 in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche im Allgemeinen und in der Diözese Regensburg im Speziellen veröffentlicht hatte. Dort haben wir auch den Fall des pädophilen Priesters Peter K. erwähnt, der 1999 in Viechtach einen elfjährigen Jungen missbraucht und auch dessen jüngeren Bruder sexuell attackiert hatte. Die Diözese handelte mit der Familie eine Vereinbarung aus in der beidseitiges Stillschweigen und Geldzahlungen festgelegt wurden (eine Zusammenfassung dazu gibt es unter anderem hier). Bereits zwei Jahre darauf wurde K. erneut auf Kinder losgelassen. Die betroffene Gemeinde Riekofen war über die Vorgeschichte von K. nicht informiert worden. 2007 kam heraus, dass er dort erneut mindestens einen Ministranten in 23 Fällen sexuell missbraucht hatte“, schreibt regensburg-digital.

Nicht zufällig erließ ausgerechnet das Landgericht Hamburg (fliegender Gerichtsstand – eine Regelung, die man endlich abschaffen sollte) eine Einstweilige Verfügung gegen die Redaktion.

„Dank der großen Spendenbereitschaft unserer Leser und in zweiter Instanz mit Unterstützung der Gewerkschaft ver.di konnten wir gegen diese Entscheidung vorgehen und bekamen vor dem Oberlandesgericht Hamburg in vollem Umfang recht. Eine Revision wurde nicht zugelassen. Ein Rüge der Diözesen-Anwälte wies das Gericht ebenfalls als unbegründet ab. Auf unsere Rückforderung der Verfahrenskosten kündigt die Kanzlei der Diözese nun zwar eine Rückzahlung an, diese erfolge aber ‚unter dem Vorbehalt der Rückforderung für den Fall, dass und soweit das Bundesverfassungsgericht die Entscheidung des OLG Hamburg aufhebt‘.“

Ähnlich lehrreich sind die Vorgänge, die wir in Bonn an dem katholischen Gymnasium Collegium Josephinum erleben. Die taz hat dazu einen sehr guten Artikel veröffentlicht: „Pater Pädo“ als Seelsorger.

„Ein Pater verabreicht in Bonn Poklapse und Zäpfchen an Schüler. Die Staatsanwaltschaft erkennt darin kein sexuelles Motiv, die Schule mogelt sich in die Normalität zurück“, so die taz.

Die Staatsanwaltschaft habe das Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs eingestellt. Aus dem Verhalten des Beschuldigten, schreibt sie, „lassen sich keine zuverlässigen Anhaltspunkte für eine etwaige sexuelle Motivation entnehmen“.

Jetzt ist er wieder der Verräter und Täter. Obwohl der Schüler Leon (Name von der Redaktion geändert) eigentlich ein Betroffener ist. ‚Ich verstehe nicht, wieso die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt – er hat mir doch in die Unterhose gefasst‘, sagt der heute 16-jährige Junge. Leon hat Jahre gebraucht, um erzählen zu können, was ihm bei den Sanitätern geschah“, berichtet die taz.

Die Solidarität gehöre nicht den Betroffenen seltsamer Zugriffe an Po und Unterleib, sondern dem Mitglied der Institution.

„Der Vertrauenslehrer, der die ersten Berichte von Schülern entgegennahm, berichtet von Druck und Wagenburgmentalität. ‚Wenn Priester Kindern im Gymnasialalter Zäpfchen einführen, ist das eine schamlose Verletzung der Intimität von Schutzbefohlenen‘, sagt der Vertrauenslehrer der taz. Das wollte er aufklären helfen. Als er aber die Grenzüberschreitungen des Paters K. an die Schulleitung gemeldet habe, sei gegen ihn eine regelrechte Kampagne gestartet worden.“

Warum sich jetzt die Opfer als Täter fühlen, kann man an den teilweise niederträchtigen Kommentaren zum taz-Bericht nachlesen.

Das klingt wie das Chorheulen der Wölfe. Fragt sich nur, wer dieses Rudelverhalten organisiert?

Siehe auch den gestrigen Spiegel-Bericht: Streit um Missbrauchsverdacht geht weiter.

Und den offenen Brief zum Cojobo-Fall.

Bernd, der blöde Blogger und die seriösen Zeitungsnachrichten: Bayerische Grundschüler lernen Medieninkompetenz

Stefan Niggermeier hat wieder einmal einen medialen Goldschatz gehoben. Es geht um ein Projekt der bayerischen StaatsLandesregierung. Grundschüler der dritten und vierten Klasse sollen Medienkompetenz lernen. Über einen Medienkompetenzführerschein können die lieben Kleinen unter Beweis stellen, wie man sich in der bösen Medienwelt zurechtfindet. Als Unterrichtsmaterial steht eine Broschüre zur Verfügung mit dem Titel „Schau genau hin“. Niggemeier hat genau hingeschaut und Erstaunliches entdeckt: Da gibt es den blöden (sorry, steht so nicht in der Broschüre) Blogger Bernd, der bei einem Fallbeispiel praktisch alle Fakten verdreht und nichts auf die Reihe bekommt.
„Das ist kein Wunder, denn im Internet werden ja, anders als bei der Zeitung, die Informationen vor der Veröffentlichung nicht überprüft. Oder wie es im Begleitmaterial für die Lehrer heißt:
Die Kinder sortieren die einzelnen Schritte der vorgeschlagenen Nachrichtenwege. Danach vergleichen sie: Einmal sind es drei, einmal vier Schritte. Welcher Schritt fehlt bei dem Nachrichtenweg ins Internet im Vergleich zum Weg in die Zeitung? Antwort: Es ist die Überprüfung der Information. Der Journalist hat bei der Polizei nachgefragt, die Fakten gesammelt und erst dann veröffentlicht.
(…)
Beim Blog-Text werden die Informationen ungeprüft ins Netz gestellt. Vielleicht hat Bernd einiges missverstanden oder erinnert sich nicht mehr genau. Fakt aber ist, dass seine Informationen nicht geprüft sind. An dieser Stelle bietet sich auch der Vergleich zu dem Spiel ‚Stille Post‘ an. Auch da gehen Informationen auf dem Weg der Übermittlung verloren. Natürlich können auch Journalisten etwas falsch verstehen. Deshalb können in einer Zeitung ebenfalls fehlerhafte Informationen stehen. Sollte dies vorkommen, werden dort in der Regel aber Falschmeldungen korrigiert.“

Wer also zufällig seine Elaborate auf den Produkten der Holzindustrie veröffentlichen kann, ist ein seriös und gewissenhaft recherchierender Journalist. Wer im Netz publiziert, leidet unter Alzheimer und spielt „Stille Post“.

„Schau genau hin!” heißt die Lerneinheit. „Zu ihren ehrenwerten Zielen gehört es, dass die Kinder (jedenfalls im Internet) auf den Urheber einer Nachricht achten sollen, um die Glaubwürdigkeit von Informationen bewerten zu können. ‚Firmen verfolgen eigene Interessen‘, warnt das Begleitmaterial, ‚und werden vor allem sich selbst oder ihre Produkte ins rechte Licht rücken.‘
In der Tat. Herausgeber der Unterrichtseinheit ist übrigens zufällig der Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV)„, schreibt Niggemeier.

Beim VBZV war übrigens die verantwortliche Dame nicht zu erreichen – sie ist erst am Donnerstag zu sprechen. Auch die Pressestelle des bayerischen Kultusministeriums hat mich noch nicht zurückgerufen (kein Vorwurf). Einige Fragen habe ich noch:
Wer finanziert diesen Spaß, der nicht nur als vbzv_presse abrufbar ist, sondern auch in gedruckter Form an die Grundschüler in Bayern verteilt wird? Wer hat das Blättchen mit dem Märchen von der heilen Printwelt politisch abgesegnet? Wer hat das Ganze redaktionell begleitet?
Im Impressum steht lediglich folgende Info:
Impressum:
© 2010 mct media consulting team, Dortmund
Konzeption: Prof. Dr. Günther Rager, Anke Pidun
Inhalt: Anke Pidun
Gestaltung: Rosalie Schnell, Miriam Schmikowski
Zeichnungen: Laura Martin
Pädagogische Fachberatung: Claudia Pidun-Martin

Und dann noch abschließend: Wie hoch sind die Kosten und wer hat die Kosten getragen?

Nachtrag: Ein Ministeriumssprecher hat mich gerade angerufen und will mir im Laufe des Tages die Fragen beantworten.

Zweiter Nachtrag: Der Ministeriumssprecher hat noch einmal angerufen und mich an die Staatskanzlei verwiesen.

Dritter Nachtrag: Habe gerade die Staatskanzlei angerufen. Heute ist Kabinettssitzung. Werde wohl erst so gegen 15 Uhr zurückgerufen.

Vierter Nachtrag: Nun der Schlusspunkt meiner bayerischen Recherche-Reise. Einen Rückruf der Staatskanzlei habe ich nicht erhalten. Stattdessen wurde meine Anfrage wieder an den Verband Bayerischer Zeitungsverleger weitergeleitet. Um 17,30 Uhr rief mich der VBZV-Geschäftsführer Dr. Markus Rick an. Die Printlastigkeit der Broschüre könne nicht überraschen, da ja der VBZV der Herausgeber sei. Das ist nachvollziehbar. Da das Projekt aber modular aufgebaut sei, würden auch die anderen Medienformate nicht zu kurz kommen. Die Staatskanzlei hatte die Initiative für einen Medienführerschein wegen mehrerer Vorkommnisse gestartet. Dazu zählt auch der Amoklauf von Winnenden. Hier sah die Landesregierung politischen Handlungsbedarf. Mittlerweile lägen Erfahrungen mit dem Medienführerschein in 30 Pilotschulen vor und man werde das Projekt auf freiwilliger Basis ausweiten. Steuergelder wurden dafür nach Angaben von Rick nicht in Anspruch genommen. Das wird über die Zeitungsverlage finanziert. Das Printmodul sei dem Kultusministerium vorgelegt und geprüft worden. Es würde den Lehrplänen der dritten und vierten Klasse entsprechen. Die Darstellung der Bloggerwelt hält Rick für eine pointierte Verkürzung. Als zentrale Botschaft soll vermittelt werden, dass es sich bei der Zeitung um ein geprüftes Produkt handeln würde.

Ende der Durchsage. Ich werde das jetzt mal nicht weiter kommentieren.

Schirrmacher, Merkel und die ungelesenen Bücher

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher ist mal wieder Baff und fast sprachlos, seit Samstag. Und zwar seit dem Gespräch, das Angela Merkel am Samstag mit der F.A.Z. geführt habe (Merkel im Gespräch: „In der CDU kann jeder seine Meinung sagen“ ) und in dem sie gefragt wurde, ob sie Thilo Sarrazins Buch mittlerweile gelesen habe. „Nein, die Vorabpublikationen sind vollkommen ausreichend und überaus aussagekräftig, um These, Kern und Intention seiner Argumentation zu erfassen. Ich habe die Verantwortung als Bundeskanzlerin, an einer Gesellschaft mitzuarbeiten, in der jeder Mensch durch Bildung eine Chance bekommen kann, für sein eigenes Glück und zum Wohle unseres Landes.“

Das findet nun Schirrmacher unglaublich und macht ein riesengroßes Fass auf. „Seit drei Wochen gibt es Sarrazins Buch. Es ist sechshundertfünfzigtausend Mal verkauft worden, und es wird wahrscheinlich vor Weihnachten die Eineinhalbmillionenmarke erreichen. Bei einem Buch, das verliehen und weitergegeben wird, heißt diese Zahl, dass es dann von an die zwölf Millionen Menschen gelesen worden sein kann. Es hat Vergleichbares noch niemals gegeben. Der Autor ist wegen der Buchkritik der Kanzlerin und des Bundesbankchefs und der Winke des Bundespräsidenten mittlerweile arbeitslos, gewiss das Maximum an Bestrafung in einer bürgerlichen Welt. Und jetzt, drei Wochen danach, erklärt die Bundeskanzlerin fast stolz, dass sie das Buch, um dessentwillen sie die Absetzung des Bankers betrieb und das ihr Staatsvolk zutiefst spaltet, immer noch nicht gelesen hat, sondern nur aus Vorabdrucken kennt.“ Toll, wie der FAZler aus diesem Infohäppchen in der seiner Postille eine ganz Seite voll schreiben kann. Gibt es einen Kauf- und Lesezwang, nur weil ein Politiker, der mit mittelmäßiger Rhetorik-Kunst durch die Lande reist, ein provokatives Opus gekritzelt hat? Glaubt Schirrmacher allen Ernstes, dass im Bundeskanzleramt niemand das Buch des SPD-Politikers gründlich studiert und die Kanzlerin ordentlich gebrieft hat? Sind nicht in der gigantischen Sarrazin-Roadshow alle wichtigen Behauptungen des Finanzpolitikers rausgeblasen worden (zuletzt mit einem Namensbeitrag in der FAZ)?

Man sollte sich zudem nicht nur mit den Worten des ehemaligen SPD-Finanzsenators beschäftigen, sondern auch mit seinen Taten. Und da hat die Schirrmacher-Kollegin Heike Schmoll ein aufschlussreiches Stück geschrieben: „Als Thilo Sarrazin Berliner Finanzsenator war, sanken die Gehälter von Erzieherinnen und Lehrern, die Vorklassen wurden abgeschafft. Das schadete gerade Einwandererkindern. Fast scheint es, als habe er seine Prophezeiungen selbst eingeleitet.“ Sarrazin beklagte, dass immer mehr Kinder in die Schulen kämen, die nicht schulreif seien. Als Sündenbock machte er die Kitas aus. „Die durchschnittliche Berliner Kita ist nicht bildungsorientiert aufgestellt, obwohl wir den bundesweit höchsten Personaleinsatz haben“, so der SPD-Mann er. Es werde beispielsweise wenig gesungen, viel zu wenig vorgelesen und extrem wenig auswendig gelernt.

„Bei diesen Äußerungen allerdings hat Sarrazin, der von 2002 bis 2009 das Berliner Finanzressort leitete, auf die Vergesslichkeit der Berliner gesetzt. Während seiner Amtszeit wurden Gehalt und Arbeitszeit der Erzieherinnen gekürzt. Da sich die Öffnungszeiten der Kitas nicht änderten, verdienten sie bei gleicher Arbeitszeit weniger. Sie wurden zugleich dazu verpflichtet, über jedes Kind ein Tagebuch zu führen, in dem die Lernfortschritte dokumentiert werden. Dass jede Reform in der Berliner Bildung für die Beteiligten mit höheren Belastungen und weniger Verdienst einherging, bekamen auch die Lehrer zu spüren. Die Arbeitszeiterhöhung für Beamten wurde im Jahre 2001 – vor Sarrazins Zeit – zurückgenommen, mit Ausnahme der Lehrer. Daran hat sich auch unter Sarrazin nichts geändert. Die schlechteren Einstiegsgehälter in Berlin sorgen dafür, dass qualifizierte Junglehrer sich möglichst rasch in andere Bundesländer bewerben, weil sie dort einige hundert Euro mehr verdienen und außerdem Aussicht auf eine Verbeamtung haben“, führt Schmoll weiter aus.

Wirklich einschneidend habe sich die Abschaffung der Vorklassen im Jahre 2003 ausgewirkt. Damals besuchten etwa 10.000 Kinder die Vorklassen, 14.000 andere der gleichen Altersstufe Kitas. „Im Westteil Berlins waren Erzieherinnen oder Sozialpädagoginnen in Vorklassen eingesetzt, im Osten der Stadt ehemalige Unterstufenlehrerinnen. Die Vorklassen versuchten, Defizite bei den Kindern zu beheben, bevor sie in die Schule kamen. Die Vorklassenleiter haben Eltern beraten, Müttern einen Sprachkurs an der Schule vermittelt und den Kindern eine logopädische Behandlung oder Integrationsstunden vermittelt. Vor allem in der Sprachförderung haben sie Migrantenkinder weitergebracht. Für viele Familien war die kostenlose Vorklasse ein Ausweg, weil die Kindergartengebühren seinerzeit gerade erhöht worden waren“, so die FAZ-Redakteurin.

Politische Ziele werden durch das Regierungshandeln und durch die staatliche Administration in die Tat umgesetzt. Hier schwächelte Sarrazin. In seiner politischen Laufbahn, die 1973 als wissenschaftlicher Angestellter der Friedrich-Ebert-Stiftung begann, hätte er doch mehrfach unter Beweis stellen können, wie man die Integrationsprobleme besser in den Griff bekommt.

Er könnte jetzt zumindest seinen Polit-Sprüchen Taten folgen lassen und unter Beweis stellen, dass man mit dem Hartz-IV-Regelsatz von 4,25 Euro pro Tag ausgewogen und gesund essen kann. Im Winter wird die Heizung runtergedreht und der dicke Pulli übergestreift. Zudem würde ich an seiner Stelle auf die dicke Pension verzichten, das millionenschwere Buchhonorar für Stipendien spenden und für fünf Euro die Stunde arbeiten gehen.

Wenn Matheformeln nicht mehr abschreckend wirken

Grafikfähige Schulrechner für die Mathepaukerei werden wohl noch nicht so richtig anerkannt. 87 Prozent haben keine Erfahrungen mit Grafikrechnern oder kennen diese gar nicht. Darüber hinaus befürchten vor allem Ältere, dass Grafikrechner Schülern das Denken abnehmen. Das zeigt der Mathemonitor von CASIO, für den Forsa bundesweit 1.003 Personen ab 14 Jahren befragte.

Grafikrechner würden zeitraubende Rechenschritte übernehmen. So bleibe Lehrern mehr Raum, ihren Mathematikunterricht realitätsnah und anschaulich zu gestalten. Die Meinungen der Deutschen zum Grafikrechnereinsatz gehen weit auseinander: 46 Prozent der Befragten finden das Lehrmittel sinnvoll und zeitsparend, 38 Prozent sind gegenteiliger Meinung. Auffallend ist, dass immerhin 16 Prozent gar keine Angabe zu dieser Fragestellung machen. Die Vorteile der Grafikrechner erkennen vor allem Jüngere und formal besser Gebildete. Zweifel am Einsatz von Grafikrechnern haben vor allem Ältere. Sie fürchten, Schüler würden im Unterricht kein selbstständiges Rechnen erlernen. So sind 56 Prozent der 45- bis 59-Jährigen der Meinung, dass durch den Grafikrechnereinsatz Schülern das Denken abgenommen wird. Ein klarer Trend zeigt sich zudem beim Bildungsstand: Während nur 44 Prozent der Befragten mit Abitur oder Studium glauben, dass Grafikrechner Schülern das Denken abnehmen, sind immerhin 57 Prozent der Befragten mit Hauptschulabschluss „eher“ oder „voll und ganz“ dieser Meinung. Diese Sorge teilen viele Pädagogen nicht. Sie argumentieren für den Einsatz dieser wichtigen Lehrmittel. „Der Grafikrechner kann Ergebnisse veranschaulichen und monotone Rechenschritte übernehmen. Aufwendige, sich wiederholende Rechnungen fallen weg – so bleibt mehr Zeit für verschiedene Ansätze und Lösungsstrategien, deren Diskussion und Reflexion sowie letztlich für eine bessere Implementierung aller Bildungsstandards“, erklärt Dr. Jens Weitendorf, Mathematiklehrer am Gymnasium Harkheide in Norderstedt.

Der Wissenschaftler und Science Fiction-Autor Professor Herbert Werner Franke sieht die Frage der Visualisierung noch radikaler. „Das ererbte Verständigungssystem ist die Sprache, derer wir uns heute meist in Form von Schrift bedienen: Die im Gehirn auftretenden Vorstellungen werden durch Laute codiert, die dann als Buchstaben über das Auge aufgenommen werden, um im Gehirn wieder in die Lautsprache zurückübersetzt werden. Und dann erst folgt die Transformation in eine bildliche Vorstellungswelt. Das ist nicht die beste Art, etwas mitzuteilen“, so Franke im Interview mit mir (die komplette Audioaufzeichnung des Interviews kann man hier abrufen). Der Gesichtssinn könne sehr viel mehr Informationen pro Zeiteinheit aufnehmen als das an zweiter Stelle stehende Gehör, und dazu komme die Fähigkeit, zwei-, in gewissem Maß sogar dreidimensionale Entitäten wahrzunehmen.

„Zwei- oder dreidimensionale Zusammenhänge lassen sich mit Bildern besser ausdrücken als mit Worten. So könnte man in Schulen in den ersten Jahren völlig ohne Formeln auskommen. Eine Visualisierung der Mathematik bringt sehr viel bessere Lernergebnisse“, sagt Franke. So sei es heute mit Computerhilfe möglich, komplizierteste Gebilde in Bruchteilen von Sekunden auf den Schirm zu zaubern – wenn gewünscht bewegt oder interaktiv veränderlich. „Der größte Teil aller mathematischen Zusammenhänge lässt sich in Bildern ausdrücken und erspart in den meisten Fällen die Mühe einer umständlichen Interpretation“, erklärt Franke. Visualisierte Formen würden zudem einen ästhetischen Reiz ausüben und die übliche Abneigung gegen Mathematik reduzieren. „Diese Erkenntnis gilt generell für Naturwissenschaften – selbst für Quantenphysik und Molekularchemie“, sagt Franke.