Nun erleben die Börsenbubis wohl doch noch eine Regulierung ihrer Spekulatius-Geschäfte

Mit meiner Kolumne über die Scharlatane des Casino-Kapitalismus lag ich wohl gar nicht so falsch. Einige Kommentatoren aus der Investment-Ecke antworteten mit einer recht selbstgefälligen Ja-und-Haltung. „Wir machen weiter wie bisher.“ Nun zwingt das völlige Versagen der finanztheoretischen Modellannahmen und die Kritik an den Rationalitätsmythen des Börsengeschehens auch das politischen Personal zum Handeln. So steigt die Bereitschaft in der EU und hoffentlich auch bei den Weltwirtschaftsgipfeln und dem Weltwährungsfonds, für eine wirksame transnationale Finanzaufsicht und mehr Transparenz sowie für die Austrocknung der Spekulatius-Islands zu sorgen. Im Alleingang ist das nicht zu machen. Das muss auf die Agenda der G7-Staaten und der EU. Das hätte in den vergangenen drei Jahren schön längst geschehen müssen, neben den notwendigen Rettungsmaßnahmen.

Gestern habe ich auf Phoenix die Wiederholung des Philosophischen Quartetts gesehen. Thema: Irrationale Finanzwelt. Gäste waren Kulturwissenschaftler Joseph Vogl und der Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart. Letzterer wies noch einmal eindrucksvoll daraufhin, dass das Spektakel an den Finanzmärkten nicht theoriefähig sei. „Wir haben eine Hyper-Komplexität und eine Hyper-Beschleunigung hergestellt. Was ich gelernt habe im Studium der Volkswirtschaft ist alles falsch“, so Steingart. Dass der Mehrwert durch Arbeit entstehen würde, stimme nicht mehr. „Wir haben heute Märkte, die berührt gar kein Arbeiter mehr. Da gibt es gar keinen Mehrwert. Das sind Spekulationsgewinne“, erläuterte der Handelsblatt-Mann. Die großen ökonomischen Theorien, die heute noch an Universitäten gelehrt werden, seien abgelaufen. Und wir haben keine neuen. Wenn auch die Ökonomie oder der Casino-Kapitalismus nicht theoriefähig seien, so dispensiert es uns nicht, darüber etwas zu sagen und politische Antworten auf die Deformationen an den Börsen zu geben.

Die Wirtschaftswissenschaften seien das einzige Fach, die so etwas wie den Weisen, den Wirtschaftsweisen kenne, so Joseph Vogl. „Das gibt es nicht im philosophischen Fachbereich, das gibt es auch nicht in den Politikwissenschaften. Offenbar hat die Ökonomie einen sehr alten und idyllischen Berufsstand.“ Was von dieser Weisheit zu halten ist, habe ich hier ja schon des öfteren ausgeführt.

Nun dämmert es so langsam den Regierungen, dem Treiben der Spekulanten nicht länger tatenlos zuzuschauen. „Nicht nur in Europa, sondern auch in den USA hat sich eine Stimmung gegen das als Willkür empfundene Markttreiben aufgebaut“, schreibt heute das Handelsblatt in der Titelstory „Kerneuropa schlägt zurück“. Ob das Verbot der Leerverkäufe ausreichen wird, bezweifle ich. Das Handelsblatt hat einige Mittel vorgestellt, wie die generelle Untersagung von Options- und Termingeschäften beim unregulierten Handel.

England zählt im Gegensatz zu Frankreich und Deutschland merkwürdiger Weise noch nicht zu den Nationen, die sich offensiv mit einer Neuregulierung der Finanzmärkte auseinandersetzen will. Das teilte zumindest die Londoner Finanzaufsicht FSA mit. Man habe dort nicht vor, ein Verbot der Leerverkäufe zu erlassen. Ich glaube nicht, dass sich die britische Regierung diese Zurückhaltung noch leisten wird, folgt man den Analysen von Charles Moore im „Daily Telegraph“. „Ein Bürgertum, das seine Werte und Lebensvorstellungen von den ‚gierigen Wenigen‘ (Moore) missbraucht sieht, muss in sich selbst die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wiederfinden. Charles Moores Intervention zeigt, wie sie aussehen könnte“, schreibt der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem bemerkenswerten Hintergrundbericht.

Alte Herren in den Ministerien und die Breitbandtechnologie in Deutschland

Das Düsseldorfer Beratungshaus Booz & Company veranstaltet traditionell kurz vor dem Start der Mobile World in Barcelona ein Pressefrühstück zur Zukunft der Telekommunikation. Einige Medien haben bereits darüber berichtet. Interessant waren die Ausführungen von Booz-Berater Roman Friedrich zur Entwicklung der Breitbandtechnologie. „Die Netze kommen aktuell durch das exponentiell wachsende Datenaufkommen an die Grenze der Belastbarkeit. Daraus ergibt sich für die Telekommunikationsnetzbetreiber ein gewaltiger Investitionsdruck für LTE- und Glasfaserinfrastruktur, um die Datenvolumina ohne Engpass und mit weiter zunehmender Geschwindigkeit bewältigen zu können. Alleine der Ausbau der Netze mit Glasfasertechnologie wird in den nächsten fünf Jahren 34 Milliarden Euro verschlingen. Das entspricht dem gesamten Telekommunikationsumsatz mit klassischen TK-Diensten im Jahr 2015.“

Gleichzeitig verursachen sinkende Preise und vor allem der starke Regulierungsdruck bei den Netzbetreibern spürbare Ertragsrückgänge im Kerngeschäft in der Größenordnung von 1 Prozent. Es ist gerade die regulierte Senkung der mobilen Terminierungsentgelte in den vergangenen drei Jahren um 60 Prozent, die den Netzbetreibern zu schaffen macht. 2011 steht eine weitere Absenkung um 50 Prozent an. Durch diese Preiserosion reduzieren sich die Umsätze in diesem Bereich voraussichtlich um 47 Prozent von 2,4 auf 1,3 Milliarden Euro.

Besonders gravierend ist die schwache Positionierung Deutschlands bei Investitionen in Breitbandtechnologie. „Die Art und Weise, wie wir regulieren, ist nicht angemessen. Da wird Cash aus dem System genommen. Wir haben in Deutschland einen gewaltigen Investitionsbedarf in die Modernisierung der Infrastruktur. Allerdings sind die Bedingungen für eine Refinanzierung sehr schlecht“, so Friedrich.

Dabei steige der Bedarf an Bandbreite und der Druck zur Entwicklung neuer Netzwerke (unten findet Ihr einen Zusammenschnitt des Booz-Pressegesprächs – ab der Sendeminute 12:30 geht Friedrich auf die Bandbreite ein). Die klassischen Technologien für Festnetz und Mobilfunk (DSL und 3G) reichen für eine Weiterentwicklung des Netzes nicht mehr aus. Erst ab einer Downloadrate von 30 mb pro Sekunde könne man von Breitband reden, sagte Friedrich. Volkswirtschaftlich brauche man diese Bandbreite, um die zunehmende Digitalisierung von Diensten zu bewältigen.

In deutschen Ministerien seien diese Zusammenhänge schlichtweg nicht präsent (Sendeminute 13:30). „Die Substanz dieser Fakten ist nicht bekannt. Man ist stolz darauf, dass wir 2 mb haben. Was helfen uns 2 mb? Der Markt geht woanders hin“, kritisierte Friedrich. Es liege vielleicht an die Vielzahl von alten Herren, die in der Regierung für diese Fragen verantwortlich sind, so der Einwurf eines Journalisten während des Booz-Pressegesprächs. „Mir hat einer aus Regierungskreisen gesagt, ‚brauchen wir denn wirklich diese Bandbreite, Herr Dr. Friedrich. Da werden doch sowieso nur Pornos runtergeladen‘.“

Mit dieser Geisteshaltung werden wir wohl wir keine zukunftsfähige Datenautobahn bekommen. Das Investitionsvolumen in eine neue Infrastruktur ist in Deutschland erschreckend niedrig. Es sind gerade mal zwei Dollar pro Einwohner (Booz hat das in Dollar ausgewiesen für den internationalen Vergleich).

Hier die Audiodatei:

Wer sich das runterladen möchte, kann das hier tun.

In meiner The European-Montagskolumne werde ich auf die Geisteshaltung der alten Herren in der Regierung etwas genauer eingehen! Statements dazu sind natürlich hoch willkommen. Mail an gunnareriksohn@googlemail.com