Ein Parlamentarier entdeckt das Internet #Heureka

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Die FAZ leitet die digitalen Heureka-Erlebnisse eines Abgeordneten mit den Worten ein:

„Er ist der erste Unionspolitiker, der direkten Anschluss an die digitale Welt sucht – Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier fordert im Samstagsfeuilleton der F.A.Z.: Werdet alle Twitterer!“

Wahnsinn. Obwohl Altmaier mit Computer und Internet seit Jahren arbeitet, verstand er bis vor kurzem (wann genau?) nichts vom Netz. Computer stehen in seinen Büros und Wohnungen. Er besitzt ein iPad und Handy, nutzt E-Mail (werden die ausgedruckt?), kauft im Internet, bezieht Informationen aus Online-Medien. Die von der rasanten Evolution des Internet und der elektronischen Medien ausgeht, bislang nicht einmal im Ansatz klar (er hätte ja mal im Koalitionsvertrag nachschlagen können). „Durch diese quantitative und qualitative Evolution im Zeitraffer werden die Bedingungen politischer Gestaltung stärker verändert als durch alles, was seit der Französischen Revolution geschehen ist“, so Altmaier. Die politische Freiheit und Gleichheit der Bürger realisiere sich im Netz zum ersten Mal in Permanenz. Die neu entstehenden Strukturen würden die Möglichkeit jederzeitiger und umfassender politischer Einflussnahme und Gestaltung eröffnen, über jede Art von geographischer, politischer oder sozialer Grenze hinaus. Jenseits von Parteien, Verbänden und klassischen Medien.

Jo, dass diskutieren wir nun schon seit Jahren unter dem Stichwort „Kontrollverlust“. Und spätestens seit dem Zensursula-Debakel hätte es eigentlich jedem Politiker klar sein müssen, dass sich die klassischen Machtzentren in Wirtschaft und Politik über kurz oder lang auflösen. Siehe auch: Macht-Los: Wie Netzwerke Politik, Wirtschaft und Energie dezentralisieren.

Und dieser Netzdiskurs ist eben nicht von einigen Interessierten, Nerds und Netz-Süchtigen vorangetrieben worden, wie man an den Petitionen gegen Netzsperren sehr gut ablesen kann. Es gibt für die technologischen Laien keine Barrieren mehr, sich schnell im Netz zu organisieren und seine Meinungen zu artikulieren. Überhaupt: Was sind denn Netz-Süchtige? Das Grundproblem ist die mentale Einstellung der so genannten politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger in Deutschland zu technologischen Veränderungen, die tief in die Gesellschaft hineinwirken. Das hat der Wiwo-Redakteur Sebastion Matthes sehr schön zum Ausdruck gebracht:

„Junge Unternehmen beginnen, mit der neuen Technologie zu experimentieren und die Öffentlichkeit debattiert über deren Chancen. Auch über die Risiken. Doch die stehen nicht so im Fokus, wie in Deutschland. Barack Obama lässt sich lieber von Mark Zuckerberg die Welt der Social Networks erklären. Deutsche Ministerinnen wie Ilse Aigner würden solche Gelegenheiten allenfalls nutzen, um dem Internet-Star verbal den Hintern zu versohlen – bevor sie diese (für sie) neue Welt überhaupt richtig verstanden hat….Während Großbritannien die Förderung der Computerspieleindustrie zu einem nationalen politischen Ziel erklärte, saßen deutsche Minister in Talkshows und erklärten, das Teufelszeug mache unsere Kinder zu aggressiven Psychopathen. Oder nehmen Sie die Debatte über Social Networks, die von Politikern und Journalisten bis heute als Hort des Bösen stilisiert werden: weil sich auf den Plattformen vor allem Kinderschänder, Sexsüchtige und Datendiebe herumtreiben (die Meinungsbildung orientiert sich wohl doch noch stark an der Bild-Zeitung, gs). Aus lauter Protest deaktivierte Ilse Aigner schließlich ihr Facebook-Profil. Mehr haben wir nicht auf Lager. Das neueste Beispiel des deutschen Hate-Cycle werden wir diese Woche erleben, wenn auf der Frankfurter Buchmesse über E-Books diskutiert wird.“

Treffend auch die Kolumne von Sascha Lobo:

„Vielleicht hat die ehemalige niedersächsische Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) bei der Landtagsdebatte um die ‚Vorratsdatenspeicherung‘ den entlarvendsten Satz des Jahres gesagt: ‚Es geht nicht darum, dass wir zu einem Überwachungsstaat werden, sondern lediglich darum, zu speichern, wer wann mit wem und wo telefoniert hat.‘ Dieser absurde Satz lässt ein so komplexes Unverständnis der Materie vermuten, dass jede ernsthafte Diskussion unmöglich wird. Und offenbar handelt es sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher. Das aktuelle Debakel um den Staatstrojaner zeigt, dass Teile des deutschen Staatsapparates im digitalen Raum eher durch Fachwissen unbelastet agieren.“

Leider sei wahrscheinlich, dass beim Staatstrojaner Bösartigkeit und Ahnungslosigkeit ähnlich ungünstig Hand in Hand gehen wie bei der Finanzkrise, bemerkt Sascha Lobo.

„Und es ist ähnlich schwer zu sagen, wo genau die Grenze verläuft, wer also noch zu den Ahnungslosen gehört und wer schon als bösartig bezeichnet werden muss. Der verantwortliche bayerische Innenminister Herrmann sagte im Interview, dass man sich immer an Recht und Gesetz gehalten habe: ‚Verstöße kann ich keine erkennen‘. Dieser Satz muss nicht gelogen sein. Ein Blinder wird immer glaubhaft beteuern können, er habe nichts gesehen. Wie ernüchternd und vertrauenzersetzend, wenn sich nicht ausschließen lässt, dass ein deutscher Innenminister aus Ahnungslosigkeit einen Verstoß gegen die Verfassung verantwortet hat….Die Ursachen der digitalen Dysfunktionalität wichtiger Teilapparate des Staates sind vielschichtig. Mitentscheidend ist wahrscheinlich die ständige Verächtlichmachung gesellschaftlicher Aktivitäten im digitalen Raum, die in fast jede Diskussion hineinspielt. Soziale Netzwerke sind nur Spielerei, digitale Beziehungen sind weniger Wert als Offline-Bekanntschaften, wenn man länger surft, als man fernsieht, ist man internetsüchtig (wie eine ziemlich idiotische Studie der Bundesregierung zu belegen versuchte, gs) und die bisher gülden gleißende Hochkultur wird durch die Oberflächlichkeit pixeliger Blogger zersetzt. „

Die Aigners und Herrmanns dieser Welt sind unser Problem. Wenn beispielsweise die CSU-Ministerin Aigner die Bundesbehörden auffordert, ihre Facebook-Präsenzen zu löschen wegen des teuflischen Like-Buttons. Das Problem dabei ist, die Netzöffentlichkeit würde diese Löschung noch nicht einmal merken, weil sich der Bund im digitalen Nirwana bewegt.

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Wenn ein CDU-Politiker seine Internet-Lernkurve in der FAZ ausbreitet, sollte er der Netzöffentlichkeit doch auch direkt ein paar Fragen beantworten. Schließlich hat Altmeier doch mutig „Noch mehr Demokratie wagen“ gefordert und mehr Transparenz hoffentlich auch. Beim Staatstrojaner geht es nicht um eine verunglückte Kommunikationsstragie der Schlapphut-Sicherheitsbehörden, wie Altmeier es darlegte. Es geht darum, die Hosen runterzulassen. Mit der neuen Internet-Einsicht kann der CDU-Mann also einen Schritt weiter gehen und den Innenminister auffordern, die Vergabe des Auftrags für die Programmierung der Staatstrojaner zu offenbaren. Den Inhalt der Programmierung kennen wir nun schon dank der Vorarbeiten des Chaos Computer Clubs. Welcher Leistungsumfang bei der wahrscheinlich freihändigen Vergabe wurde an die Firma DigiTask in Auftrag gegeben????? Bitte jetzt nicht mit Geheimhaltungsvorschriften rausreden, es kommt ja ohnehin irgendwann ans Tageslicht. Viel Spaß beim Tweeten.

Hier noch mal mein Vorschlag zum Einsatz einer Staatstrojaner-Alternative. Red Robo aka BKA-Robert:

Siehe auch:
Der Juckeldiduckel-Datenschutz des Staates: Im Datenschutz bekleckert sich die Bundesregierung nicht mit Ruhm: statt um Gesetzestreue kümmert sie sich lieber um Ablenkungsmanöver.

Hier das komplette Altmeier-Opus.

Merkwürdige Mengenlehre mit Gelben Tonnen und Säcke

In Arnsberg gibt es Sackmangel, der die Bürger auf die Barrikaden treibt und auch bei den Systembetreibern steigt der Wutpegel.

Der Müllkonzern DSD mit dem Erkennungszeichen „Der Grüne Punkt“ verlor vor einigen Jahren seine Alleinherrschaft und steht mittlerweile im Wettbewerb mit acht weiteren Dualen Systemen, die ihre Dienstleistungen für die Mülltrennung über Gelbe Tonnen, Container und Säcke anbieten. Wie in der Telekommunikation macht es auch in der Recyclingwirtschaft keinen Sinn, eine Vielzahl von unterschiedlichen Systemen für die Infrastruktur zu etablieren. Kein Verbraucher möchte sich neben der Blauen und Grauen Tonne, noch neun weitere Tonnen für jedes Duale System vor die Haustür stellen. Alle Wettbewerber greifen also auf ein einziges Erfassungssystem zurück.

Um Ungleichgewichte bei der Lizenzierung und der Sammlung von Verpackungen zu vermeiden, wurde eine so genannte Clearingstelle aus der Taufe gehoben. Konsumgüterindustrie und Handel, die Verpackungen in Deutschland auf den Markt bringen, schließen Verträge mit den Dualen Systemen für die Entsorgungsdienstleistungen ab. Und da kann es im Laufe des Jahres natürlich zu Vertragskündigungen und Anbieterwechsel kommen. Die Clearingstelle soll diese Schwankungen ausgleichen.

Wer wenig meldet, gewinnt

Und genau hier fängt das Problem an: Nehmen wir einmal an, einer der neun Dualen Systeme hat einen Marktanteil von 50 Prozent erreicht und meldete der Clearingstelle nur 40 Prozent. Dann muss dieses Unternehmen zehn Prozent nachkaufen und in einen gemeinsamen Topf einzahlen. Dieses Geld wird dann nach den gegenwärtigen Marktanteilen an die neun Dualen System aufgeteilt. Soweit so gut. Ein Rechenbeispiel macht allerdings deutlich, dass die Väter des Clearingsystems in mathematischen Fragen nicht zu den Höchstleistern zählen. Stellen wir uns vor, in Deutschland wären jährlich 1.000 000 Tonnen Verpackungen im Umlauf. Das System mit dem Marktanteil von 50 Prozent hatte im Laufe des Jahres aber nur 40 Prozent gemeldet. Es muss für 10 Prozent und einem Tonnage-Preis von 800 Euro nachkaufen und die Summe in den gemeinsamen Topf einzahlen. Das wären dann 100.000 Tonnen zu einem Gesamtpreis von 80 Millionen Euro. Mit dem aktuellen Markanteil von 50 Prozent bekäme das nachzahlende Unternehmen aus dem gemeinsamen Topf den Betrag von 40 Millionen Euro zurück. Auf wundersame Weise reduziert sich dann der Tonnage-Preis auf nur 400 Euro und liegt weit unter den marktüblichen Preisen der Konkurrenz.

Entsprechend steigt der Spielraum für die Gewinnung von Neukunden in der Konsumgüterindustrie und im Handel. Für die kleinen Anbieter ein eklatanter Wettbewerbsnachteil. Ein dummer Fehler. Logisch wäre eine Regelung, die das nachkaufende Unternehmen von den Ausgleichszahlungen ausschließt.
Komplette Story unter: Alles klar beim Clearing? Die buchhalterischen Wunder des Gelbe Tonnen-Systems – Ein Fall für das Bundeskartellamt

Floskeln und Sonntagsberichte: Warum wir in Fragen der Nachhaltigkeit nicht vorwärts kommen

Wenn man den Begriff „Nachhaltigkeit“ in die Suchmaschine Google eingibt, erscheinen rund sechs Millionen Treffer. Bei Sustainability komme man sogar auf über 47 Millionen Einträge. „Nachhaltigkeit – verstanden als eine gleichrangige Berücksichtigung von wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Aspekten – ist für uns ein zentrales Thema. Es stellt sich nur die Frage, unter welchem Fokus. Denn der schöne Schein der Millionen Ergebnisse trügt: Wenn es um die konkrete Umsetzung von Nachhaltigkeit geht, dann stehen wir erst ganz am Anfang, obwohl das Thema schon seit 1994 auf der Agenda steht“, bemerkte der Beschaffungsamt-Direktor Klaus-Peter Tiedtke zur 60-Jahrfeier seinen Hauses.

Und genau das ist der Punkt, der den Wissenschaftler Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker umtreibt – sozusagen als Wanderprediger in Sachen Nachhaltigkeit: „Im Moment läuft alles von der Nachhaltigkeit weg. Nachhaltigkeit ist eine reine Rhetorik der Firmen. Es findet aber nichts statt. Wir müssen wirklich dramatisch die Kriterien des Erfolgs verändern. Der Erfolg der einzelnen Firmen ist die Zerstörung der Nachhaltigkeit“, so Weizsäcker auf einer Kundenkonferenz von Alcatel Lucent in Essen. In Sonntagsschriften und Umweltberichten werde zwar häufig das Gegenteil suggeriert. Es ist in der Regel eben nur der schöne Schein. Ich habe einige Ausschnitte der knapp einstündigen Rede festgehalten. Werde das Thema demnächst ausführlicher aufgreifen. Hier schon mal die drei Videos:

Siehe auch:

GLOBAL OVERSHOOT DAY: Schulden bei Mutter Erde.

Die staatlichen Internet-Ausdrucker scheitern beim Bürgerdialog 2.0: Bürokratie im Netz

„Ich Sender, du Empfänger: Die Koalition fordert Bürger im Internet zum Dialog auf. Doch die Plattformen, für die Millionen Euro ausgegeben werden, sind oft dilettantisch gemacht. Fast niemand macht bei den kostspieligen Angeboten mit – politische Diskussionen sind auch gar nicht erwünscht“, schreibt Spiegel Online und listet eine ganze Menge Fehlversuche der Bundesregierung auf.

In den Etats stünden Millionensummen bereit, um mit den digitalen Bürgern ins Gespräch zu kommen. Aber die Beteiligung sei schlecht. „Und wer sich die Angebote genauer ansieht, weiß auch, warum: Echter Dialog wird meist nur vorgetäuscht. Das Ergebnis ist eine Pseudobeteiligung: Politik 1.0 statt Web 2.0″, so Spiegel Online.

Das bestätigt auch meine Recherchen. Wie ernst es die Berliner Führungskräfte des politischen Betriebes mit der Internetkompetenz nehmen, zeigt unsere Bundes-CIO: Die 61-jährige Cornelia Rogall-Grothe wurde letztes Jahr Staatssekretärin im Bundesinnenministerium. Dass die Juristin gleich auch zur Bundesbeauftragten für Informationstechnik gekürt wurde, gehörte eben zu dieser Position. Eine Bundes-CIO braucht anscheinend keinerlei Internetkompetenz – Juristen fühlen sich wohl für alle Aufgaben dieses Planeten berufen. Für die wenigen IT-Verantwortlichen im Ministerium, die etwas vom Fach verstehen, ist die Beamtin längst zum running gag avanciert: „Eine wirklich nette Person, aber von IT hat sie so viel Ahnung wie ein Metzger vom Teppichknüpfen“, hört man von leitenden Beamten aus dem Ministerium. Kennt eigentlich ein Leser dieser Zeilen irgendeinen CIO in der privaten Wirtschaft, der keine exzellente Qualifikation in Informatik mitbringt?

Erfolgreich Internetprojekte der Regierung sucht man jedenfalls vergeblich. Der noch von Gerhard Schröder ins Leben gerufene Rundumschlag „BundOnline“ hat mittlerweile mehr Patina angesetzt als der Altkanzler. Seinerzeit hat sich die Regierung auf die Fahnen geschrieben, alle internetfähigen Dienstleistungen online bereit zu stellen. Doch statt dabei den Bürger und die Wirtschaft im Fokus zu haben und intelligente Anwendungen und schlanke Prozesse zu schaffen, wurde nach dem Prinzip „Bürokratie im Netz“ die Flut von Formularen und Anordnungen einfach online abgebildet. Unübersichtlich, unlogisch, unverständlich, unverschämt. Technologie und Design sind bei den meisten Anwendungen auch noch aus Schröders Zeiten.

„BundOnline“ hat damals zumindest die Notwendigkeit erkannt, nicht tatenlos dem fahrenden Internetzug hinterher zu winken. Im Eiltempo sind wir bislang allerdings nicht unterwegs. Dabei müssten wir alle Ressourcen bündeln, um bei den neuen Hochtechnologien in der ersten Liga mitzuspielen. Hier geht es ja nicht nur um die Notwendigkeit eines schnelleren Internets für Unterhaltung, Spass und Spiel. Es geht um die Zukunftsfähigkeit einer informations- und wissensbasierten Ökonomie. Die ist beim politischen Personal in Berlin nicht gut aufgehoben – weder in der Regierung, noch im Parlament.

Im Land der digitalen Inkompetenz: Warum die Lektüre von „Nerd Attack“ lohnt

Anonymität, Vorratsdatenspeicherung, „Killerspiele“ – die Debatte über das Internet werde nach Auffassung von Spiegel Online-Kolumnist Sascha Lobo viel zu stark vom Ruf nach Gesetzen bestimmt. Dabei braucht das Netz nicht mehr Verbote als eine zivilisierte Gesellschaft. Schließlich werden Tischsitten und Höflichkeit auch nicht staatlich verordnet. Dazu schreibt Lobo:

Das Ziel muss es sein, dass die Mehrheit im Netz ein Gefühl für richtig und falsch bekommt und freiwillig danach handelt, ohne dass dahinter ein bewaffneter Sheriff steht; das Ziel ist eine digitale Gesellschaft der Freiwilligkeit. Dazu gehören Bildung und Geduld, Nutzer mit einer gewissen Vernunftbegabung sowie eine Politik mit einem Grundvertrauen in die Bürger. Diese Vorstellung mag sich sehr naiv anhören. Sie ist nicht viel naiver als in ein Gesetz hoffnungsvoll hineinzuschreiben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Um das zu erreichen, müsste die politische Klasse allerdings kräftig an ihrer Internet-Kompetenz arbeiten. Um die digitalen Grabenkämpfe zu verstehen, die aktuell wieder wegen der höchst fragwürdigen Vorratsdatenspeicherung ausbrechen, lohnt die Lektüre des Buches von Christian Stöcker: „Nerd Attack“ heißt das Werk des Spiegel Online-Redakteurs. Thomas Knüwer und Michael Seemann haben es schon zur Lektüre empfohlen. Zu recht!

Hervorheben möchte ich vor allem das 13. Kapitel: Digitale Grabenkämpfe. Da wird noch einmal sehr schön die Chronik der Netz-Verirrungen der Bundespolitik aufgeführt. Vieles hat man ja leider schon wieder vergessen. Beispielsweise als im Sommer 2007 – kurz vor der Verabschiedung des Gesetzes zur „vorsorglichen“ Speicherung aller Internet- und Telefonverbindungsdaten – ZDF-Kinderreporter einige Politiker über ihre Erfahrungen mit der digitalen Welt befragten. Auf die Bitte, doch mal ein paar verschiedene Browser zu nennen, gaben die Interviewpartner imposante Antworten. Der damalige SPD-Fraktionschef Peter Struck schwafelte ins Mikrofon: „Weiß ich nicht“. Christian Ströbele von den Grünen bekundete: „Ich weiß nur, dass es Leute gibt, die da so ein Programm entwickelt haben, wo man mit einzelnen Fundwörtern was finden kann. Aber ich mach‘ das nie.“ Ach was. Ex-Justizministerin Brigitte Zypries, die für das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung zuständig war, musste bekennen: „Browser, was sind jetzt nochmal Browser.“ Auf diesem Wissensniveau macht Netzpolitik doch erst richtig Spaß.

Entsprechend erstaunt und empört reagierte das Polit-Establishment auf die Zensursula-Bewegung im Internet als Reaktion auf die Netzsperren-Initiative der damaligen Familienministerin Ursel Ursula von der Leyen:

„Ein wahltaktisch todsicheres Gesetz, zielte es doch auf einen ungemein konsensfähigen Feind: die Hersteller und Verbreiter von Kinderpornografie. Folgerichtig tat die Opposition erst gar nichts und gab dann kaum mehr als ein leises Wimmern von sich – um sich schließlich damit abzufinden, dass die Familienministerin als Bezwingerin der Kinderschänder würde Wahlkampf machen können“, schreibt Stöcker.

Doch dann passiert das Unerhörte. Immer mehr Menschen sprachen sich offen und nicht anonym gegen die Filterpläne von Ursel aus. Am Ende waren es über 134.000, die eine Petition gegen Netzsperren unterzeichneten. Einer der ersten Wutausbrüche kam vom CSU-Dauerschwätzer Gutti, der die Unterzeichner der Petition vor laufender Kamera in die Nähe von Kinderschändern rückte.

„Der Redakteur Heinrich Wefing äußerte in der Zeit die Vermutung, man habe es bei den Unterzeichnern mit ‚Ideologen des Internet‘ zu tun, mit einer Gruppe, die ‚Ausnahmen von den Regeln‘ verlange, die für alle gelten: ‚Im Namen der Freiheit wird der Austritt aus dem Recht propagiert‘ (ja, ja, früher war mehr Lametta und das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein, gs). Tatsächlich wurde in der Petition mitnichten digitale Anarchie gefordert“, stellt Stöcker klar.

Kinder zu schützen, Kindesmissbrauch zu bekämpfen und die Verbreitung von Kinderpornografie abzustellen, sei im Interesse aller. Nur das Mittel der Netzsperren wurde abgelehnt. Bis heue seien größeren Teilen aller deutschen Parteien die von Experten vorgebrachten Argumente gegen Netzsperren offensichtlich nicht bekannt.

„In privaten Gesprächen bringen Abgeordnete noch immer ihr Missfallen darüber zum Ausdruck, dass die Große Koalition mit dem Aussetzen des Gesetzes vor der ‚Netzgemeinde‘ eingeknickt sei. Auch nachdem die schwarz-gelbe Koalition das Gesetz endgültig beerdigt hatte, änderte sich an dieser Haltung nichts“, führt Stöcker aus.

Bei der Vorratsdatenspeicherung ist es doch genauso, aktuell an der „Kompromisslinie“ der SPD abzulesen, die sich schön hinter der EU versteckt, um im netzpolitischen Diskurs nicht völlig unterzugehen.

Das Phänomen erkennt man quer durch alle Parteien. Als Beispiel zitiert der Nerd Attack-Autor den Fraktionschef der Grünen in der bremischen Bürgerschaft, Matthias Güldner. In einem Blog-Eintrag schrieb er im Juli 2009:

„Wer Ego-Shooter für Unterhaltung, Facebook für reales Leben, wer Twitter für reale Politik hält, scheint davon auszugehen, dass Gewalt keine Opfer in der Realwelt fordert. Anders kann die ignorante Argumentation gegen die Internetsperren gar nicht erklärt werden.“

Ah ja. Alles schön in einen Topf schmeißen und dann eine krude virtuelle Suppe kochen. Wer Güldner widersprach und auf die kinderleichte Umgehung von Netzsperren hinwies, wurde mit den Güldner-Worten beglückt, dass sich da einige wohl das Hirn herausgetwittert haben. Jawoll.

Der Konflikt, so Stöcker, durchziehe sich auch durch sämtliche Feuilletons und Talkshows der Republik. Er würde sich niederschlagen in den Debatten über die Folgen der Digitalisierung für die Musikbranche, über die Probleme der Printmedien, über die angeblich verblödenden Effekte von Handys, Youtube, Facebook und Videospielen. Internet-Nutzer zelebrieren einen Anti-Intellektualismus und seien bildungsfeindlich (Adam Soboczynski in seinem Zeit-Artikel „Das Netz als Feind“). Stöcker listet weitere Pauschalurteile listet auf:

„Das Internet verkommt zum Debattierclub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten“ (Bernd Graff, Süddeutsche Zeitung).

„Internet-Blogs zesetzen das informierte und unabhängige Urteil“ (Josef Schnelle, Berliner Zeitung).

„Netzbewegung mit ‚hermetischem Vokabular'“ (Susanne Gaschke, Die Zeit).

„Das Internet, bevor es großmäulig von E-Democracy redet, muss erst einmal eine angstfreie Gesellschaft in seinen Räumen erlauben“ (Jens Jessen, Die Zeit).

Es sind nach Auffassung von Stöcker völlig sinnlose Empörungsschleifen, die sich politisch und medial abspielen. Ebenso sinnlos wie die Versicherung, Papier und Tinte seien in Wahrheit gar keine Kraft des Guten. Ebenso sinnlos wie die Stammtisch-Parole, Deutschland sei ein Land voller Dummköpfe. Eines ist jedoch sicher: Das Internet existiert, und es werde auch nicht wieder verschwinden. DAS INTERNET, wie es Soboczynski, Jessen und all die anderen Autoren immer wieder kritisieren, existiere nicht. Genauso wenig wie DIE BÜCHER oder DIE ZEITSCHRIFTEN oder DIE MEDIEN.

Das Netz sei das vermutlich komplexeste Gebilde in der Geschichte der Menschheit, eine Kraft der Veränderung, die es mit dem Buchdruck mindestens aufnehmen könne. Im deutschen Feuilleton aber werde nach wie vor vielfach darüber gesprochen, als handele es sich um eine lächerliche Trendsportart, die von ein paar verblendeten Schwachköpfen betrieben werde. Gleiches beobachtet Stöcker in der Politik. Zwischen weiten Teilen der deutschen Politik und denen, für die das Internet eine Selbstverständlichkeit sei, herrscht nach wie vor eine bezeichnende Sprachlosigkeit.

„Vielleicht liegt das, soweit es die Politik betrifft, an der insgeheim gewonnenen, aber natürlich nie laut formulierten Erkenntnis, dass man versagt hat in Sachen Internet. Dass Deutschland heute ein Entwicklungsland ist, was seine Präsenz und Relevanz im weltweiten Netz angeht.“

Das Unverständnis und die Inkompetenz der Politfunktionäre wird dann mit Gegenangriffen verschleiert:

Es sei ein elitäres Medium. Es sei schlichtweg undemokratisch, demokratische Prozesse ins Netz zu verlagern, solange die digitale Spaltung existiert (wer trägt denn dafür die Verantwortung, werte Politmenschen im Dornröschenschlaf???). Wegen der begrenzten Reichweite sollte die freiheitliche Demokratie das Internet zwar nutzen, darf sich aber nicht darauf beschränken (noch nie konnten sich Bürger mit einer derartigen Reichweite zu Wort melden als in Zeiten des Social Web). Es würde gar keinen Schub in Richtung einer stärkeren Partizipation geben: Zensursula und die Protestwellen gegen die Vorratsdatenspeicherung sind doch wohl eindrucksvolle Gegenbeispiele – allerdings sind die Beteiligungsangebote der Poltik im Netz eher rudimentär oder technologisch schlecht ausgestaltet. Da braucht man sich nur die Bund Online-Projekte anschauen. Entsprechend merkwürdig ist die Kritik an der mangelhaften Online-Beteiligung der Enquetekommission „Internet und digitale Gesellschaft“. Das sei zahlenmäßig enttäuschend gewesen und nur ein Beteiligungstool für eine digitale Elite. Man verschleiert damit die Lippenbekenntnisse der Apparatschicks, die am Ende des Tages lieber im Hinterzimmer einer Berliner Kneipe ihre Polit-Spielchen durchplanen wollen. Siehe auch: Politische Netzexperten häufig offline.

Das Resümee von Stöcker ist jedenfalls ernüchternd:

„Tatsächlich ist der digitale Graben in Deutschland so breit und tief wie eh und je. An der grundsätzlichen Problematik, dass ein großer Teil der Menschen, die in diesem Land das Sagen haben, ob in der Politik, der Wirtschaft oder den Medien, ein mindestens gespaltenes Verhältnis zu digitaler Technologie und ihren Auswirkungen besitzt, hat sich nichts geändert.“

Es gelte nur nicht mehr als opportun und aus wahltaktischen Gründen als akzeptabel, sich allzu offen als prinzipieller Feind der digitalen Welt zu outen. Da sitzt der Zensursula-Schock zu tief. Man weicht aus und labert über Informationsüberflutung, Überforderung, Gehirnaufweichungen, Cyber-Mobbing und der ganz schrecklichen Seuche der Anonymität. Die Inkompetenz wird damit nur überspielt. Mehr auch nicht.

Die Mülltonnen-Verschwörung: Warum kleine grüne Männchen Gelbe Tonnen durchwühlen und Gelbe Säcke aufschlitzen

Apologeten von Verschwörungstheorien haben in der Regel eine klare Vorstellung von unheimlichen Mächten, die unsere Welt in den Abgrund reißen. Dunkelmänner heißen „Die“. „Die“ sind so einflussreich, dass sie ungestraft in der Mitte unserer Gesellschaft die schlimmsten Dinge tun können und trotzdem unbehelligt bleiben. „Die“ sind wahlweise Geheimdienste, ferne Mächte, Mafia-Bosse, skrupellose Sekten, Geheimbünde, dubiose Hintermänner oder gerissene Verführer. Häufig gibt es auch eine Kombination des Ganzen.

Dieses machtvolle Kollektiv unheimlicher Strippenzieher agiert heimlich und machtvoll die Geschicke der Erdenbürger, die noch an das Gute im Menschen glauben und zu naiv sind, um die wahren Absichten der Lenker im Verborgenen zu durchschauen. Man weiß nicht genau, was „Die“ so alles im Schilde führen, aber es muss etwas Schlimmes sein.

„Das ist das Rezept zur Zubereitung einer nahrhaften Verschwörungstheorie. Zunächst einmal benötigt man eine handfeste Verschwörung“, erläuterte der Germanist Dr. Markus Wallenborn bei einem Vortrag der Bonner Goethe-Gesellschaft über besonders krude Verschwörungstheorien rund um Goethe: Es handele sich in der Regel um ein perfekt organisiertes Netzwerk, das im Dunkeln agiert und Ziele verfolgt, die den Interessen der Allgemeinheit zuwiderlaufen. „Nur einige wenige sind berufen, diese Machenschaften zu erkennen und der Öffentlichkeit mitzuteilen“, sagte Wallenborn. Das wieder veranlasst die Mitglieder des „Die-Ordens“ zu Gegenmaßnahmen, um zu verhindern, dass ihre Pläne durchkreuzt werden. Hier liege ein weiteres Merkmal von Verschwörungstheorien, so Wallenborn, man kann sie nicht oder nur schwer widerlegen.

„Jeder, der das versucht, ist automatisch verdächtig, der Gegenseite anzugehören und deren dunkles Spiel mitzuspielen. Jeder Zweifel ist nur ein weiterer Beleg für den Einfluss und die Skrupellosigkeit der Verschwörer. Jeder Gegenbeweis ist gefälscht und jeder fehlende Beleg für die Verschwörungstheorie wurde absichtlich unterschlagen. Damit ist gerade das Fehlen aller Beweise für die Verschwörungstheorie nur eine weitere Bestätigung ihrer Richtigkeit und weiterer Hinweis auf die Macht finsterer Verschwörer, die einflussreich genug sind, die Beweise verschwinden zu lassen. Das schweißt die Guten, die Wissenden zusammen, die ihrerseits ein Kollektiv bilden, wenn auch ein deutlich kleineres. Aber eine Verschwörungstheorie funktioniert nur, wenn nicht nur ein einzelner daran glaubt“, führte der Goethe-Kenner aus.

Nun kommen wir von Goethe direkt zu den geheimen Mächten, die in Deutschland einfach Müll verschwinden lassen. Ja, stinknormalen Müll. Ein perfides Bubenstück. Schummler sind am Werk, die das Volk der Sammler und Sortierer hintergehen, ihnen den verdienten Lohn vorenthält und Pläne für Niedergang der Gelben Tonnen-Glückseligkeit schmiedet. Entsprechend deftig berichtete die FAZ über die berühmt-berüchtigten „Schwarzen Schafe“, die das System des Grünen Punktes unterwandern. Wer schummelt, soll zahlen.

„Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) unternimmt einen neuen Anlauf, um Buchungstricks und Falschabrechnungen bei der Beseitigung von Verpackungsmüll einen Riegel vorzuschieben. Ein vom Verband entwickeltes Zertifikat soll von diesem Jahr an Abhilfe schaffen. Es ist eine Art Qualitätssiegel für duale Systeme. Unternehmen, die es verwenden wollen, müssen von unabhängigen Wirtschaftsprüfern und Umweltsachverständigen kontrollieren lassen, dass sie die Regeln des Verbandes einhalten. Verstöße würden mit Vertragsstrafen von 3,5 Millionen Euro geahndet. Zudem stellt jedes teilnehmende Unternehmen eine Sicherheitsleistung für den Fall, dass es den Betrieb beenden muss und die Gelben Tonnen stehenbleiben“, so die FAZ.

Vertragsstrafen könnte man ja noch verkraften. Aber verwaiste, einsame und unbeachtete Gelbe Tonnen, die millionenfach einfach so in der Gegend nutzlos herumstehen, das würde Deutschland in eine schlimme Sinnkrise stürzen – die drohende Staatspleite Griechenlands, die seit Monaten die Medienagenda beherrscht, würde wohl sofort von den Titelseiten verschwinden. Jedenfalls herrscht in der Entsorgungsbranche und beim Kölner Grüne Punkt-Müllkonzern Alarmstimmung. Warum, das erklärt uns wiederum die FAZ:

„Trotz aller Träume über Müllberge als neue Rohstoffquelle: Die Beseitigung leerer Verkaufsverpackungen kostet derzeit noch immer viel Geld. Rund 800 Millionen Euro benötigen die neun dualen Systeme dafür im Jahr (zur Erinnerung: in den Anfangsjahren der Alleinherrschaft des Grünen Punktes mussten die Verbraucher rund zwei Milliarden Euro jährlich löhnen, um die Einsammlung des Verpackungsabfalls zu finanzieren, gs). Damit bezahlen sie unter anderem die Müllunternehmen, die die Gelben Tonnen leeren, und das Sortieren der Abfälle. Die dafür bei Herstellern und Einzelhändlern für die Verpackungen erhobenen Lizenzgebühren werden nach den Marktanteilen der einzelnen dualen Systeme (es gibt ja kein Monopol mehr, gs) untereinander aufgeteilt und in einer „Gemeinsamen Stelle“ verrechnet. Je kleiner der gemeldete Marktanteil, desto geringer die Beteiligung an den Systemkosten“, schreibt die FAZ.

Deshalb sei die Versuchung groß, die eigenen (jetzt nähern wir uns der „Die“-Verschwörung) Mengen künstlich klein zu rechnen, vor allem bei den sogenannten Leichtverpackungen aus Kunststoff, Weißblech, Alu und Verbundmaterial, weil diese die höchsten Kosten für Sortierung und Verwertung verursachen.

Unmittelbarer Anlass für die Initiative der Entsorgungslobbyisten zur Einführung eines Jodeldiploms Zertifikats seien die Mengenmeldungen für 2010: Sie würden zeigen, dass in der Schlussbilanz der dualen Systeme rund 400.000 Tonnen der Leichtverpackungen fehlen.

„Auf etwa 1,5 Millionen Tonnen kommt der Deutsche Industrie- und Handelstag, bei dem Industrie und Handel die für die gelbe Tonne bestimmten Verpackungen anmelden müssen. Die Mengenangaben der dualen Systeme summieren sich aber nur auf 1,1 Millionen Tonnen. ‚Es wird offensichtlich manipuliert‘, sagt Stefan Schreiter, der Geschäftsführer des Dualen Systems Deutschland (DSD), das immer noch auf einen Marktanteil von rund 50 Prozent kommt. Ekopunkt, eine Tochtergesellschaft des größten deutschen Entsorgungskonzerns Remondis, hat sogar die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Geschäftsführer Markus Mohren vermutet hinter dem Mengenschwund eine ‚betrügerische Absicht“, so die FAZ.

Jetzt haben wir doch die Zutaten für eine satte Verschwörungstheorie. Eine Untergrundorganisation aus Betrügern, Manipulatoren und Tricksern bringt den Heiligen Stuhl des Müllsammel-Imperiums um den Ruhm ihrer Recycling-Großtaten. Man muss sich mal bildhaft vorstellen, wie perfide die Verschwörer vorgehen.

Eine Tonne sind 1000 Kilogramm. Und ein Kilogramm sind ja bekanntlich 1000 Gramm. 400.000 Tonnen sind 400.000.000.000 Gramm – Vierhundertmilliarden Gramm! Nehmen wir mal an, diese Abfallmenge würde sich nur aus Joghurtbechern zusammensetzen. Als Leergewicht für einen Becher gehe ich von fünf Gramm aus – also ohne den schmackhaften Inhalt. Da käme man auf die unglaubliche Summe von 80 Milliarden Verpackungen. Kleine grüne Männchen klettern heimlich in die Gelben Tonnen, wühlen sich zwischen Restmüll oder kaputten Barbiepuppen (40 bis 50 Prozent der Sammelmenge sind ja gar keine Verpackungen, sondern werden als Fehlwurfquote klassifiziert) zu den begehrten Verkaufsverpackungen durch, schlitzen Gelbe Säcke auf und stehlen dem Müllimperium 80 Milliarden stinkende Verpackungen. Pro Tag müsste die Müllschwund-Sekte fast 220 Millionen Verpackungen (wir sind immer noch bei der Joghurtbecher-Rechnung) wegschleppen, um nach einem Jahr auf die Fabelzahl von 400.000 Tonnen zu kommen, die den BDE zu einer Großoffensive für mehr Qualität, Sorgfalt, Strebsamkeit, Redlichkeit und traumhafte Recyclingbilanzen veranlasste.

Nun hat die Verschwörungstheorie einen herben Dämpfer bekommen. Denn selbst Klein-Fritzchen wäre ins Grübeln gekommen, dass Herrscharen von grünen Männchen nicht ausreichen würden, um der Entsorgungswirtschaft so einen herben Tiefschlag in der Sammelbilanz zu verpassen. Und in der Tat: Die Müllschwund-Verschwörungstheorie entpuppt sich als Seifenblase. So geht aus einem Schreiben des NRW-Umweltministeriums hervor, dass es sich bei der Schwundmenge schlichtweg um einen Eingabefehler handelt. Statt 373.916 Tonnen wurden versehentlich 37 Tonnen angegeben.

„Zumindest bei der insoweit ermittelten Differenzmenge von rund 373.000 Tonnen handelt es sich also nicht um einen ‚Mengenschwund‘, hinter dem eine betrügerische Absicht zu vermuten wäre, sondern um einen schlichten Eingabefehler“, schreibt das Umweltministerium (der Brief liegt mir vor, wer ihn bekommen möchte, bekundet das einfach im Kommentarfeld mit E-Mail-Adresse).

Das Umweltministerium ermahnt die beteiligten Kreise zu einer transparenteren Informationspolitik (konkret wird der DIHK genannt). Durch die Bereitstellung einer elektronischen Abgleichroutine, wie das von den Ländern immer wieder erbeten worden sei, würde man nicht nur den betroffenen Behörden eine hilfreiche Erkenntnisquelle liefern, sondern auch den betroffenen Wirtschaftsunternehmen ermöglichen, „die Diskussion auf einer wesentlich fundierteren Grundlage zu führen.“ Der FAZ-Artikel, der die Empörungsspirale in Gang setzte, stammt vom 4. Januar 2011. Das Schreiben des Umweltministeriums wurde am 29. Juni 2011 verschickt. Wir erinnern uns an die Empörungsschreie, die seit einem halben Jahr ertönen.

Wir erinnern uns an die Aussagen des BDE, die in der FAZ im Januar wiedergegeben wurden: Unmittelbarer Anlass für die Initiative der Entsorgungslobbyisten zur Einführung eines Zertifikats seien die Mengenmeldungen für 2010: Sie würden zeigen, dass in der Schlussbilanz der dualen Systeme rund 400.000 Tonnen der Leichtverpackungen fehlen. Jetzt werden wir die Ereignisse in den nächsten Monaten beobachten und schnell erkennen, wie sich die damals aufgestellten Forderungen, gegen Müllschwund-Machenschaften vorzugehen, verselbständigen und neue Gründe für restriktive Eingriffe in den Markt für die Sammlung von Verkaufsverpackungen vorgetragen werden.

Und deshalb gehe ich auf den Anfang meines Beitrages zurück und zitiere den Goethe-Forscher. Man könne Verschwörungstheorien nicht oder nur schwer widerlegen.

„Jeder, der das versucht, ist automatisch verdächtig, der Gegenseite anzugehören und deren dunkles Spiel mitzuspielen. Jeder Zweifel ist nur ein weiterer Beleg für den Einfluss und die Skrupellosigkeit der Verschwörer. Jeder Gegenbeweis ist gefälscht und jeder fehlende Beleg für die Verschwörungstheorie wurde absichtlich unterschlagen. Damit ist gerade das Fehlen aller Beweise für die Verschwörungstheorie nur eine weitere Bestätigung ihrer Richtigkeit und weiterer Hinweis auf die Macht finsterer Verschwörer, die einflussreich genug sind, die Beweise verschwinden zu lassen. Das schweißt die Guten, die Wissenden zusammen, die ihrerseits ein Kollektiv bilden, wenn auch ein deutlich kleineres. Aber eine Verschwörungstheorie funktioniert nur, wenn nicht nur ein einzelner daran glaubt.“

Was Social Media mit der Technologie der Torheit zu hat….

beantworte ich morgen in einem Beitrag für NeueNachricht. Die Story geht auf den amerikanischen Organisationspsychologen James G. March ein, der so herrliche Modelle entwickelt hat, wie eben auch die Technologie der Torheit. „Torheit – oder das, was danach aussieht – beruht zum Teil darauf, Ideen aus anderen Bereichen zu stehlen“, so March. Wer die Torheit und den Spieltrieb in Organisationen fördert, baut Hemmungen ab. Und da wären wir dann doch auch beim Kontrollverlust, den die Führungskräfte in Wirtschaft, Politik und Verwaltung einfach nicht hinnehmen wollen. „Wenn wir spielen, können wir Dinge tun, die uns sonst nicht erlaubt sind. Wenn wir aber nicht spielen und die gleichen Dinge tun wollen, müssen wir unser Verhalten rechtfertigen. Gelegentliche Torheit erlaubt es uns, Erfahrungen mit einem möglichen neuen Ich zu machen – aber bevor wir eine Veränderung dauerhaft in die Realität umsetzen, müssen wir Gründe dafür liefern“, erklärt March. Was das Ganze mit dem Führungsnachwuchs, mit Twitter-Teams im Service und mit neuen Technologien zu tun hat, beantworte ich morgen auf www.ne-na.de.

Am besten finde ich ja das Lebensmotto von March, der seine Seminare häufig mit einem Zitat des französischen Schriftstellers Etienne Pivet de Senancour beendete. „Es mag sein, dass der Mensch vergänglich ist, aber lasst uns beim Untergang Widerstand leisten. Und selbst wenn uns das Nichts erwartet, so wollen wir nicht handeln, als wäre es unser Schicksal.“

Am Ende seien wir kleine Flecken im großen Universum. „Das Streben nach Bedeutsamkeit und Wichtigkeit ist die Illusion des Unwissenden. All unsere Hoffnungen sind nebensächlich – außer für uns selbst; aber manche Dinge sind wichtig, weil wir uns entschieden haben, dass sie wichtig für uns sind. Ich denke, was für uns einen Unterschied macht, ist, ob wir mit unseren winzigen Rollen in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht, das Leben behutsam behandeln und mehr Schönheit als Hässlichkeit beisteuern“, sagt March.

„Propheten ohne Durchblick“ meutern gegen die Solarenergie: Staatsknete soll wohl nur an die Atomfreunde fließen


In meiner morgigen The European-Kolumne beschäftige ich mich mit: „Forscher fordern Stopp für Ökostrom“. Rums. So lautet die martialische Schlagzeile einer Titelstory der „Welt am Sonntag“ (WamS) in Kombination mit der Präsentation eines Logos aus der Schublade des Lobbyistenvereins der altehrwürdigen Industrie-Gerontologen: „Sonnenenergie Nein Danke“.

Sogleich erwartet der geneigte Leser des Springer-Blättchens eine Armada an Wissenschaftlern, die sich über den großen Solarschwindel echauffiert und mit einem „Essener Manifest“ die Rückkehr in das fossile Zeitalter fordert. Mit dem Ruhrgebiet liegt man gar nicht so schlecht. „Forscher“ kann ja „der“ oder „die“ bedeuten. Am Ende zitieren die liebwertesten Zeitungs-Gichtlinge dann doch nur „eine“ Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), die der Bundesregierung raten, den Ausbau der erneuerbaren Energien für mehrere Jahre zu unterbrechen und die Novelle des EEG auszusetzen.

Die WamS-Leute erwähnen dabei noch, dass es sich beim RWI um eine der renommiertesten Wirtschaftsforschungsinstitute der Republik handelt, die auch regelmäßig Konjunkturprognosen für die Bundesregierung erstellt. Es zählt also zu jenen vom Staat mit über 41 Millionen Euro jährlich subventionierten Glaskugel-Ökonomen, die vom Schwesterblatt „Die Welt“ als „Propheten ohne Durchblick“ tituliert wurden.

Im gleichen Atemzug wird eine Umfrage des atomfreundlichen BDI kredenzt, in der jedes zweite befragte Unternehmen zu Protokoll gibt, dass sich das neue Energiekonzept, die zu erwartenden steigenden Energiepreise und die schwankende Versorgungssicherheit negativ auf das Investitionsverhalten auswirken wird. Von den Restauratoren des Industrieclubs konnte man auch keine andere Geisteshaltung erwarten. Komisch nur, dass man sich so einseitig auf die Anbieter von Solarenergie stürzt, die in den vergangenen Jahren sicherlich auch nicht gerade durch Bescheidenheit und Demut aufgefallen sind wie die etablierten Stromkonzerne, die über Jahrzehnte auf Kosten der Steuerzahler fette Renditen in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Mit welchen Methoden springt denn die „Viererbande“ auf den Ökostrom-Zug auf, den sie eigentlich auf das Abstellgleis schieben wollte?

Ein Blick in die Bilanzen der Atomfreunde könnte helfen. So würde man zweifelhafte Zertifikate und eine Vielzahl von maroden Wasserkraftwerken vorfinden, die aus der Mottenkiste herausgeholt werden, um möglichst hohe Anteile von sauberem Strom vorzuweisen. „Was die Solarbranche kann, das können wir alten Industrie-Haudegen doch schon lange“: Fördergelder des Staates kassieren. Soweit die Vorschau auf mein morgiges Elaborat für das Debattenmagazin The European. Ab 9 Uhr ist die Kolumne in der Regel online. Am vergangenen Montag hatte ich ja schon etwas zur Klageandrohung der Viererbande geschrieben.

Proaktive weiße Schwäne implementieren alternativlos semantische Nebelkerzen zur Optimierung von Prozessen


Da stellt man sich jeden Tag gut oder neu auf, optimiert Prozesse, reduziert Kosten, implementiert semantische Nebelkerzen: Was Politiker von der antiken Lehre der Rhetorik auch heute noch lernen können, ist bei Lord Chesterfield nachzulesen. Eine Ode an die Zeiten vor Powerpoint und Co. Gestern hatte ich mich ja mit den fünf Typologien der Powerpoint-Sabbler beschäftigt. Heute nun ein etwas längeres Opus auf den Spuren von Philip Dormer Stanhope – erschienen im Debattenmagazin „The European“.

Das zweibändige Werk „Briefe an seinen Sohn“ von Lord Chesterfield gibt es übrigens in einer vorzüglichen Ausgabe im legendären Georg Müller Verlag. Und selbstredend ist das Wer in der von Otto Julius Bierbaum gegründeten Reihe „Die Bücherei der Abtei Thelem“ erschienen – im Jahr 1912. Abtei Thelem? Da war doch was? Für den Thelemiten-Geheimorden anarchischer Literatur sind das jetzt genügend Hinweise, liebwerteste Gichtlinge. Tipps kann man auch den Tags entnehmen 😉

Lieber Finanzminister, streichen Sie doch endlich den Wirtschaftsforschern die Staatsknete

Das Versagen der VWL-Modellschreiner bei den Vorhersagen des Konjunkturverlaufs ist doch mehr als peinlich. Nach den amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes verzeichnen wir in Deutschland im ersten Quartal mit 1,5 Prozent das stärkste Wachstum seit der Wiedervereinigung. Vor allem der Inlandskonsum erweist sich dabei als die stärkste Antriebskraft der Volkswirtschaft. Das war Ende des vergangenen Jahres in der traditionellen Allensbach-Umfrage zur Stimmungslage der Bevölkerung absehbar, wie ich das hier ja schon x-mal angemerkt habe.

56 Prozent der Menschen in Deutschland sehen dem neuen Jahr (also 2011) mit Hoffnungen entgegen. Eine Steigerung von 11 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Nur noch 13 Prozent votieren für Befürchtungen (Vorjahr: 19 Prozent) und 21 Prozent entscheiden sich für Skepsis (Vorjahr 26 Prozent). Demnach müsste das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr mindestens genauso hoch ausfallen wie 2010 – also mindestens 3,7 Prozent. Das war meine Prognose, die ich im Januar abgegeben habe. Auch nach den Daten des Statistischen Bundesamtes geht man nun von Wachstum von über drei Prozent aus. Die vom Staat mit jährlich weit über 40 Millionen Euro alimentierten Wirtschaftsforschungsinstitute gingen selbst in ihrem Frühjahrsgutachten davon aus, dass wir in diesem Jahr deutlich schlechter abschneiden als 2010.

Warum ist der Allensbach-Stimmungsindikator für die Konjunkturentwicklung besser als die komplexen Rechenmodelle der Glaskugel-VWLer?
Weil es in der Wirtschaft eben nicht um Rationalität, sondern eher um die Befindlichkeit der Menschen geht. „Zufallsfluktuationen und Komplexität erzeugen nichtlineare Dynamik“, so Klaus Mainzer, Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie in seinem Buch „Der kreative Zufall“. Die Konjunkturforscher können also ihre Ökonometrie auf den Müll schmeißen. Die sollten sich lieber mit Wirtschaftspsychologie beschäftigen.

Menschen handeln spontan und sind unberechenbar. Gute oder schlechte Stimmung in der Bevölkerung wirkt dabei wie ein Grippe-Virus, der sich ausbreitet und andere Menschen ansteckt. Die Ansteckung wird ausgelöst durch übereinstimmende Motive der Wirtschaftsakteure, gemeinsame, unter bestimmten Umständen erweckte Vorstellungen, Nachahmung und die Übertragung von Gefühlen. Wie will man das über Simulationen errechnen? Der Zufall sollte daher bei den Konjunkturforschern zu einer Ethik der Bescheidenheit führen. „Es gibt keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit“, erklärt Mainzer. Warum treten die Präsidenten der Wirtschaftsforschungsinstitute in ihren grauen Anzügen dann noch im Frühjahr und Herbst so bedeutungsschwer vor die Bundespressekonferenz, um mit großem Getöse ihre Gutachten dem Wirtschaftsminister in die Hand zu drücken? Reißt doch einfach Eure Klappe nicht so weit auf! Die Berechnungen des tatsächlichen Konjunkturverlaufs sollte man einzig und allein dem Statistischen Bundesamt überlassen. Dort arbeiten doch schließlich 2.800 Mitarbeiter. Da kann man getrost auf die Institute der so genannten Blauen Liste verzichten.

Siehe auch:
Glaskugel statt Ökonometrie: Warum die Prognosen der Wirtschaftsforscher nichts taugen.

VWL-Mechaniker im Machbarkeitswahn.

Verhaltensökonomik statt Modell-Schreinerei – Warum sich die Wirtschaftstheorie vom Leitbild des „Homo oeconomicus“ verabschieden sollte.

Die absurden Annahmen und Tricks der Neoklassik: Warum man den VWL-Modellschreinern misstrauen sollte.