Schein und Sein der vernetzten Ökonomie: Deutschland braucht noch 20 Jahre

Netzwerkökonomie statt alte Industriekultur

An die Stelle der Industrieökonomie tritt die Netzwerkökonomie, so die These von Markus Lause und Peter Wippermann in ihrem neuen Buch „Leben im Schwarm – Die Spielregeln der Netzwerkökonomie“. Schon bei dieser Aussage werden einige Manager in den industriepolitischen Schützengräben nervöse Zuckungen bekommen. Dabei sind die Netzeffekte eigentlich in jeder Branche zu spüren – auch beim produzierenden Gewerbe. Allein beim Verkauf der Waren und bei der monologischen Markenkommunikation funktionieren die alten Mechanismen nicht mehr.

„Konsumenten mit individuellen Wünschen und dem Wissen um die Macht der digitalen Kommunikation schreiben längst keine Beschwerdebriefe mehr: Sie äußern Bewertungen von Produkten, Verbesserungsvorschläge oder Unmut in Echtzeit in sozialen Netzwerken mit globaler Reichweite. Das setzt Unternehmen unter starken Druck und zwingt sie zum Handeln. Wer sich dem Dialog mit dem Konsumenten widersetzt, muss ökonomische Nachteile in Kauf nehmen oder wird ganz ausgegrenzt“, so Lause und Wippermann.

Und das ist nur ein Aspekt der Netzwerkeffekte, die man beobachten kann.

Im ichsagmal-Interview hat Professor Wippermann vom Hamburger Trendbüro dann noch einige Dinge zum Status quo der deutschen Wirtschaft gesagt – neben Ausführungen zu Big Data und Co., die ich für einen längeren Artikel abgefragt habe.

Amazon taucht in deutschen Handelsstatistiken gar nicht auf

Warum dominieren in Deutschland die Beharrungskräfte? Firmen, die mit dem Internet gegründet wurden und groß geworden sind, haben mit dem digitalen Wandel naturgemäß keine Probleme: Man brauche sich nur den Siegeszug von Amazon anschauen. Interessant an der Dominanz des amerikanischen Online-Händlers ist für Wippermann, dass der Konzern in den deutschen Handelsstatistiken gar nicht auftaucht, die nach Branchen segmentiert sind – also Bücher, Schuhe oder Waschmaschinen.

„Das hängt damit zusammen, dass es eben ein ganz anderes System ist. Amazon geht nicht über Branchen, sondern es geht über die individuell massenhafte Beziehung zu Kunden“, so Wippermann im Interview.

In Deutschland könne man die Rückständigkeit als vernetzte Ökonomie relativ simpel überprüfen.

„Man muss sich nur das Personalmanagement anschauen. Alle großen Unternehmen sind in irgendeiner Weise im Web 2.0 aktiv. Entweder in den branchenspezifischen Angeboten wie Xing oder LinkIn oder auf Portalen wie Facebook. Aber 64 Prozent der deutschen Mitarbeiter in Personalabteilungen schauen nicht ins Internet. Die Betreuung der Web-Angebote läuft nicht über die Personalabteilung, sondern über PR, Marketing oder IT. Das macht deutlich, dass wir ganz am Anfang stehen“, erläutert Wippermann.

Wobei natürlich Personalmanager auch ins Internet schauen. Es wird aber nicht aktiv als tägliches Werkzeug für die Arbeitsorganisation eingesetzt. Den Lippenbekenntnissen nach außen folgen keine Taten nach innen. Ein Befund, den ich in meinen Kontakten zur Wirtschaft fast täglich erlebe. Technisch sei die Reise relativ klar vorgezeichnet, sagt Wippermann. Es gebe in den Organisationen große Widerstände, die allerdings öffentlich nicht zugegeben werden.

„Man verteidigt ein System der arbeitsteiligen Industriekultur mit einer Kommunikation, die Top-Down verteilt wird und nicht interaktiv ist. So lange wir noch von Neuen Medien und den Herausforderungen des Internets sprechen, wird es noch weitere 20 Jahre dauern, bis sich unsere Kultur umgestellt hat.“

Die Kipp-Geschwindigkeit habe allerdings zugenommen. Aber immer noch sitzen beispielsweise die Verlage auf dem hohen Roß und lamentieren darüber, ob es gerecht sei, dass Amazon eBooks einführt.

Gleichzeitig brechen die Großflächen-Kaufhäuser für Bücher zusammen, weil es sich wirtschaftlich einfach nicht mehr lohnt. Redaktionen werden abgebaut, weil das Vertriebssystem Papier nicht funktioniert. Hier gerät die analoge Industriewelt in den nächsten zehn bis 20 Jahren stärker unter Druck als es in den vergangenen 20 Jahren der Fall war.“

Warum diese Wendemarken in der deutschen Wirtschaft nicht erkannt oder in Abrede gestellt werden, hat Wippermann auch recht plausibel geschildert.

„Diejenigen, die jetzt Mitte 40 sind, haben eine lange Zeit gebraucht, um in Entscheidungspositionen zu kommen. Diese Führungskräfte sind in einer Welt aufgewachsen, die sich von der Welt der Jüngeren deutlich unterscheidet. Sie verteidigen ihre Positionen.“

Die Robotik habe zu einem Wegfall von Arbeitsplätzen in der Produktion geführt. Die vernetzte Ökonomie geht jetzt auch dem Management ans Leder. Und das ruft Widerspruch und Widerstand hervor.

Diesen Aspekt des Interviews möchte ich morgen in einem Beitrag vertiefen – also nicht den Big Data-Teil. Statements bis morgen so gegen 12 Uhr möglich.

Und das die Handelsstatistiken in Deutschland nicht ganz so aussagekräftig sind, belegt folgende Meldung: Amazon ist in Deutschland größer als bisher angenommen – Amazon kontrolliert rund 20 Prozent des Buchmarktes.

Die Amazon-Zahlen und die peinlichsten Fehlprognosen.

Experten verschätzen sich beim Deutschlandumsatz von Amazon um bis zu 65 Prozent.

Amazon Deutschland so groß wie Thalia, Weltbild & Co. zusammen.

Karriere im Netz

Wer über erfolgreiche Selbstvermarktung in sozialen Netzwerken redet, darf über Sascha Lobo nicht schweigen. Insofern ist es ja sehr mutig, wenn sich die Karrierebibel auf Visually mit dem deutschsprachigen Godfather of Twitter vergleicht.

Das muss aber niemanden entmutigen, seine Social Media-Präsenz nicht auch für die eigene Karriere zu nutzen: So nutzen nach einer Umfrage des Studentenratgebers Unicum und von Microsoft 73 Prozent der Befragten das Internet, um sich über mögliche Arbeitgeber zu informieren. Bewerber suchen auf Plattformen wie Facebook oder Bewertungsportalen gezielt nach Erfahrungsberichten (58 Prozent) und Informationen zum Arbeitsklima (32 Prozent). Die Mehrheit der Befragten (62 Prozent) vernetzt sich über Online-Netzwerke bereits bei der Arbeitgebersuche aktiv mit den Unternehmen. Rund 20 Prozent der Studierenden bauen über Business-Netzwerke gezielt einen direkten Kontakt zu Personalabteilungen und Unternehmen auf. Dagegen nimmt die Bedeutung klassischer Messen für Rekrutierung und Karrieren deutlich ab.

„Die Umfrage zeige, so Georg Bachmaier, bei Microsoft Deutschland Leiter der Recruiting-Abteilung, wie wichtig das ‚Employer Branding‘ im Internet sei: ‚Unternehmen müssen dabei vor allem glaubwürdig sein‘. Jobbeschreibungen, die nicht zur Realität passten, würden über den Austausch mit anderen schnell als unrealistisch enttarnt und würden sich dementsprechend schnell als ‚negatives Echo im Internet‘ wiederfinden“, so das CIO-Magazin.

Umfrage des Studentenratgebers Unicum und von Microsoft

„Auf Stellenanzeigen bekommen wir einen immer schwächeren Rücklauf. Viele Hochqualifizierte spielen zwar mit dem Gedanken, den Job zu wechseln, haben es aber nicht nötig, aktiv Bewerbungen zu schreiben. Dementsprechend verstärken wir bereits länger unsere Suche in sozialen Netzwerken und sprechen dort Kandidaten an“, bestätigt Maximilian Nobis vom IT-Personaldienstleister Harvey Nash den Netz-Trend.

Ausführlicher Bericht auf NeueNachricht.

Ein interessantes Porträt über Sascha Lobo erschien kürzlich in der Zeit.

Arbeitgeberwahl abhängig von Social Media-Freiheiten und technologischer Offenheit

Der von Jochen Mai erwähnte Cisco Connected World Technology Report beinhaltet interessante Befunde. An die künftige Arbeitswelt stellen die WWW-Studenten klare Ansprüche:

Sieben von zehn Befragten erwarten, dass ihre Arbeitsgeräte wie Büro-PCs und Smartphones auch privaten Zugang zu den Sozialen Netzwerken erlauben, da sich Arbeitszeiten und Freizeit ohnehin zunehmend überschneiden. Überhaupt: Fast die Hälfte der Studenten möchte keine festgelegten Arbeitszeiten haben sowie an jedem beliebigen Ort tätig sein können.

29 Prozent der Studenten würden daher nicht für ein Unternehmen arbeiten, dass die Nutzung Sozialer Medien während der Arbeitszeit mit Arbeitsgeräten verbietet. Ebenfalls etwa ein Drittel ist bei der späteren Jobsuche Flexibilität, Zugang zu Sozialen Medien oder die Nutzung privater Geräte am Arbeitsplatz wichtiger als das Gehalt. Rund 64 Prozent der Studenten wollen gar ihren späteren Arbeitgeber zu den Richtlinien für soziale Medien und der Nutzung privater Geräte am Arbeitsplatz befragen – auch wenn für 40 Prozent die Antwort keinen Einfluss auf ihre Arbeitgeberwahl hat.

Experten der ITK-Branche haben mir das bestätigt:

„Es wird immer mehr Mitarbeiter in Unternehmen geben, die mobil arbeiten und höchst unterschiedliche Endgeräte einsetzen. Für unsere Lösungen ist es daher unabdingbar, hier eine Integrationsleistung zu bringen. Ein CIO tut sich in Zukunft keinen Gefallen, wenn er versucht, sich auf ganz wenige Standard-Endgeräte zu konzentrieren. Das wird er nicht durchhalten können gegen die Anwender. Es rücken viele junge Mitarbeiter nach, die technologisch das nachfragen, was sie auch privat schon lange nutzen. Ein CIO sollte diese Dienste in seine IT-Infrastruktur einbauen, sonst entstehen Probleme bei der Rekrutierung von neuem Personal“, erklärt Jürgen Signer von Aastra. Beim Kampf um die jungen Talente könnten sich die technologischen Restriktionen negativ auswirken. Das sei auch ein Indikator für die gesamte Unternehmenskultur.

Siehe auch meine Service Insiders-Kolumne: Self Service, viel Freiheit und nützliche Infrastruktur.

Oder folgende Position aus der Personalberatung:

Wer vernetztes Arbeiten erwarte, das Verschwimmen räumlicher und zeitlicher Grenzen, den Einsatz kollaborativer Werkzeuge, der tut sich mit nine to five, Hierarchien und der klassischen Kaminkarriere schwer: Man spüre fast körperlich den Praxisschock junger Menschen, die mit der klassischen Welt des Managements konfrontiert werden, so die Erfahrungen von Greisle. Am Ende entstehe eher Frustration beim Management-Nachwuchs. „Organisationen, die das nicht verhindern können, verlieren hoffnungsvolle Talente und verspielen über kurz oder lang ihre eigenen Zukunftschancen“, sagt Personalexperte Udo Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Düsseldorf.
Über die Erfahrungswelten, die vor allen Dingen die jungen Menschen aus sozialen Netzwerken und der Anwendung von Web 2.0-Technologien mitbringen, werde nicht nur das Zusammenspiel von Verbrauchern und Unternehmen radikal verändert. „Es verändern sich auch die Spielregeln in den Organisationen von Staat und Wirtschaft. Wer hier weiter auf starre Kommandostrukturen setzt, verliert als Arbeitgeber an Attraktivität und bekommt auf dem Arbeitsmarkt nicht die besten Köpfe“, prognostiziert der Harvey Nash-Chef.

Interessant auch:

Wer sich als Unternehmen auf die Social Media-Welt einlässt, sollte sich in allen Geschäftseinheiten vom Mythos der absoluten Kontrolle, Rationalität und Planbarkeit verabschieden, empfiehlt der Kölner Softwareexperte Andreas Klug. „Es reicht nicht aus, für die Kulisse ein kleines Twitter-Team im Kundenservice zu bilden und alles andere beim Alten zu belassen. Damit wird man kläglich scheitern. Der amerikanische Organisationspsychologe James C. March plädiert für eine ‚Technologie der Torheit‘. Er meint damit aber nicht Albernheit, sondern Verspieltheit, um Raum für Experimente zu schaffen. Organisationen kommen nicht ohne Wege aus, Dinge zu tun, für die sie keine guten Gründe haben. Es existiert in allen Entscheidungssituationen eine Menge Unsicherheit und Konfusion, die von den traditionellen Managementkonzepten und verstaubten BWL-Theorien ignoriert werden“, so Klug, Mitglied der Geschäftsführung von Ityx.

Siehe auch:
Social Media und die Technologie der Torheit – Warum sich Hierarchien in Organisationen auflösen (müssen)

Gestalter statt Verwalter: Warum auch ein CIO Managementqualitäten braucht

Andreas Rebetzky, Sprecher des cioforums, fordert ein neues Rollenverständnis der IT-Führungskräfte. „Wir sind heute mehr denn gefordert, die Geschäftsprozesse von der Produktentstehung bis zum Vertrieb und den Services intensiv mitzugestalten“, so Rebetzky. Da könne man sich nicht mehr in irgendeiner Technikecke verstecken. Ein Warnzeichen sei die aktuelle CIO-Umfrage des IT-Beratungshauses Harvey Nash. Danach habe die Bedeutung von IT-Führungskräften in den vergangenen Jahren abgenommen. Das wichtigste Schwerpunktthema, das die Geschäftsführung für die Informationstechnologie vorsieht, ist eher die Steigerung der operativen Effizienz und weniger die Entwicklung neuer Produkte oder die Erschließung neuer Märkte. In 17 Prozent der Unternehmen wird nicht einmal erwartet, dass die IT neue innovative Technologien entwickelt, um den Wettbewerbsvorteil zu verbessern. In 55 Prozent der Unternehmen, die Innovationen erwarten, hat man noch nicht einmal konkrete Ziele gesetzt. 73 Prozent der IT-Führungskräfte sind nach der Harvey Nash-Umfrage der Auffassung, dass der CIO eine größere Rolle im Unternehmen spielen sollte. Um das zu erreichen, müssten CIOs ihre Management- und Kommunikationsqualitäten verbessern.

Der Anteil derjenigen, die ihre Rolle im Unternehmen als erfüllend oder sehr erfüllend empfinden, ist im Vergleich zum Jahr 2006 stetig gefallen – von 84 auf 74 Prozent in diesem Jahr. Zugleich stieg der Anteil derjenigen, die ihre Rolle als nicht sehr erfüllend oder überhaupt nicht erfüllend empfinden, von 17 auf 25 Prozent. Entsprechend hoch fällt die Bereitschaft aus, den Arbeitsplatz zu wechseln. Nur sieben Prozent der Befragten streben keinen Job in einem anderen Unternehmen an. 72 Prozent haben bereits einen Headhunter kontaktiert oder selbständig nach einer neuen Tätigkeit Ausschau gehalten. 63 Prozent der IT-Führungskräfte gehen davon aus, in den nächsten zwei Jahren nicht mehr bei ihrem jetzigen Arbeitgeber zu sein – das sind fünf Prozent mehr als im vergangenen Jahr. „Die Abnahme des Einflusses im Unternehmen steht in direkter Beziehung zum Nachlassen der Berufszufriedenheit und letztendlich zu einem Ansteigen der Wechselbereitschaft“, kommentiert Udo Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Düsseldorf, die Ergebnisse.

Die abnehmende Bedeutung der IT-Abteilungen unter dem strategischen Gesichtspunkt dürfte das Ergebnis vergangener Arbeitsleistungen und nachlassender Wahrnehmung sein. Über ein Viertel der Befragten ist der Meinung, dass die IT-Systeme innerhalb des Unternehmens nicht als Komponente für die Wertsteigerung des Unternehmens betrachtet werden können. Jede zweite IT-Führungskraft ist davon überzeugt, dass die IT kein wirksames Mittel ist, um die Geschäftseinnahmen zu steigern. „IT-Führungskräfte müssen kräftig an ihren Business-Kompetenzen arbeiten. Es ist offensichtlich, dass der ideale IT-Mitarbeiter beides haben muss: technologische und unternehmerische Fähigkeiten“, so die Erfahrung von Nadolski.

„Mit Scheuklappen kann ein CIO seine Position im Unternehmen nicht mehr festigen“, bestätigt Rebetzky. Eine IT-Führungskraft brauche heute Kompetenzen für die kompletten Geschäftsprozesse seiner Firma, um beispielsweise das Engineering von Produktkomponenten in Prozesskostenanalysen zu modellieren. „Ohne dezidiertes Prozesswissen wird ein CIO zum Verwalter degradiert mit wenig rosigen Zukunftsaussichten. Wir sollten in unseren Unternehmen jedoch Gestalter sein“, fordert Rebetzky, Director Global Information der Firma Bizerba.

Das cioforum vertrete die Interessen der IT nicht zum Selbstzweck, sondern indem es die Sachlage differenziert betrachtet und Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Sei es, um die Stellung der IT in den Unternehmen zu festigen oder Kosten im Unternehmen einzusparen. „Bizerba als Technologieunternehmen investiert kräftig in neue Produkte und Produktinnovationen. Die IT spielt hierbei eine wachsende Rolle. Es gibt fast keine Projekte mehr ohne IT. Umso mehr wollen wir die Wertsteigerung erhöhen – die Hebel dazu sind vorhanden“, erklärt IT-Interessenvertreter Rebetzky. Ein wichtiges Thema im Verband sei derzeit die Erhöhung der SAP-Wartungspreise: „Wir sehen enorme Belastungen auf die Unternehmen zukommen. Betroffen ist besonders der Mittelstand. Er hat häufig weitaus schlechtere Konditionen. Dadurch wirkt sich die Erhöhung der Wartungskosten negativ für innovative Investitionen aus. Wir werden als Verband den Druck auf SAP erhöhen, damit diese Belastungen gemildert werden“, kündigt Rebetzky an.

Kontrollfreaks und Statistikakrobaten schlechte Innovatoren – Wirtschaft braucht neue Erfindungsimperien

Der Erfolg von technischen Innovationen und neuen Produkten ist schwer zu prognostizieren. Das papierlose Büro ist gefloppt, intelligente Kühlschränke haben heimische Küchen noch nie von innen gesehen und die dritte Mobilfunktechnologie UMTS ist in den vergangenen Jahren vor allem wegen hoher Lizenzkosten in die Schlagzeilen geraten. Hat die Glaskugel der Prognostiker versagt, sind Forscher und Entwickler schuld oder die Konsumenten schlichtweg noch nicht reif für die Produkte? Die Liste der Technik-Prognosen ist so lang wie ihr Scheitern. Der Robotik-Freak Hans Moravec freut sich seit Jahrzehnten, dass die Roboter die Menschen beerben, er freut sich vergeblich. Der IT-Vordenker Ray Kurzweil prognostizierte das Zeitalter der Avatare, aber auch er wird noch etwas länger auf sie warten müssen. Entscheidend ist die richtige Mischung aus Vertrautem und Überraschendem, damit Technologie nicht an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigeht. Wir sollten uns generell von der Planungshybris verabschieden. Mit mechanistischen Dogmen kommt man in der Geschäftswelt nicht weit. Die Voraussagbarkeit der Zukunft nimmt ab und unübersichtliche Ereignisse nehmen zu. Ein Unternehmen kann nur überleben, wenn es sich in einer turbulenten Umwelt nicht mit Rationalitätsmythen von Kontrollfreaks und Statistikakrobaten zufrieden gibt. Innovationen, neue Produkte, Märkte oder Trends lassen sich nur schwer prognostizieren und die Bedürfnisse der Verbraucher von heute sind kein aussagekräftiger Indikator für die Produkte von morgen. Wir brauchen Menschen, die Erwartungen durchbrechen und etwas tun, womit zuvor niemand gerechnet hat.

Ein Innovator ist derjenige, der sieht, dass man in turbulenten Situationen mit einem stoischen Verhalten in Probleme gerät. Er bleibt nicht ruhig und gelassen, sondern produziert schon jetzt die Störungen, damit die Organisation rechtzeitig lernt, darauf zu reagieren. Urteilskraft, Witz und Scharfsinn bringen den guten Einfall hervor, mit dem der Handelnde die drohende Überwältigung durch die Umstände parieren kann. So hat es schon im 17. Jahrhundert der Jesuit Balthasar Gracián in seiner Klugheitslehre treffend beschrieben.

Die Empfehlung von Gracián sollten sich einige Managementstrategen hinter den Spiegel stecken: „Ein unerträglicher Narr ist, wer alles nach seinen Begriffen ordnen will“. Zu ähnlichen Ansichten gelangt Bolko v. Oetinger, Direktor des Strategieinstituts der Boston Consulting Group, in seinem neuen Buch „Hänsel und Gretel und die Kuba-Krise“ (Hanser Verlag): Innovationen konnten sich in der Wissenschaftsgeschichte und auf Märkten häufig nur durch Außenseiter durchsetzen. „Die Technologiegeschichte wimmelt von Beispielen, die zeigen, dass der Marktführer oft nicht fähig ist, sich von seiner Lösung rechtzeitig zu trennen. Deshalb bringt so häufig ein Außenseiter die Lösung auf den Markt. Der PC wurde von Apple und nicht von IBM, DEC, Wang, Bull oder Nixdorf, den großen Datenverarbeitern jener Zeit, eingeführt. Die Mobiltelefonie begann in Deutschland mit einer Stahlfirma, Mannesmann. Die großen Internetanwendungen entstammen nicht Microsoft“, schreibt Oetinger.

Die bahnbrechenden Innovationen setzen sich meistens gegen die vorherrschenden Regeln des Marktes durch. Die Kreativität und das Spielerische der Ideenfindung steht im Widerspruch mit den Beharrungskräften des etablierten Managements, das mit den Erfolgen von gestern groß geworden ist. Deshalb ist es wichtig, im Unternehmen Freiräume für Querköpfe zu schaffen, eher in kleinen Teams zu arbeiten, die Veränderungsbereitschaft der Mitarbeiter zu wecken, zu experimentieren und zu akzeptieren, dass mehr Innovationen misslingen als gelingen. Der Trendforscher Matthias Horx bemängelt, dass die meisten Produkt-Branchen durch geringe Innovationsraten gekennzeichnet sind, obwohl die Anzahl der Artikel und die Produktvarianten im Handel in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben. „Aber es sind für den Käufer keine einsichtigen Innovationen. Meistens sind es nur verquirlte Diversifikationen des Vorhandenen oder Scheininnovationen“, kritisiert Horx. Der Mobilfunk biete dafür Anschauungsmaterial. Handys werden ausgestattet mit Megapixel-Kamera, Farbdisplay, Java-Interpreter, UKW-Radio und schneller Bandbreite für Datenübertragung. Trotzdem gehen die Umsätze pro Kunde und die Margen zurück. Neue Dienste setzen sich nicht durch. Die Handy-Hersteller kämpfen um Marktanteile mit Preisnachlässen und „Innovationswellen“ von 30 bis 40 Modellen pro Jahr.

„Darum haben viele Käufer aufgegeben, etwas Neues zu erwarten. Die Menschen sind an einem gewissen Punkt müde geworden, sich entscheiden zu müssen. Der Preis ist dann ein unheimlich betörender und einfacher Differenzierungsfaktor. Er setzt ja auch ein archaisches menschliches Beuteverhalten in Gang. Mit dem Spruch ‚Geiz ist geil’ hat man tatsächlich daraus eine Werbekampagne formuliert. Man sieht aber auch, dass sich komplette Märkte mit diesen Kampagnen zum Teil selbst zerstören. Die Billigmärkte befinden sich momentan in einem massiven Verdrängungswettbewerb, weil sie beispielsweise die Servicefrage nicht lösen können. Die Zeiten, in denen die Leute zu Tausenden die Computer von Aldi wegschleppten, sind vorbei; die Firmen, die billige Elektronik angeboten haben, gehen Pleite“, sagt Horx.

Die Mobilfunkhersteller müssten derweil aufpassen, dass sie durch schlecht bedienbare Handys keine Kunden verlieren. Das heikelste Stück Technik ist auch nach Erfahrung von Branchenexperten immer noch das User-Interface, die Benutzerschnittstelle. Dort, wo der Anwender das Gerät berührt, wo er Informationen abliest und eingibt, entscheidet sich, ob die Maschine das tut, was sie soll. Nicht, ob die Technik es kann, ist die Frage – sondern, ob der Benutzer selbst herausfindet, wie es geht: „Und das ohne stundenlanger Lektüre der Bedienungsanleitung. Hier machen die Hersteller unglaublich viele Fehler und überfordern die Konsumenten. Ich möchte ohne große Umwege Dinge am Gerät direkt ausprobieren. Wenn ich dann sofort auf Hindernisse stoße, verliere ich schnell die Lust, mit Anwendungen zu experimentieren. Das iPhone hat einen durchschlagenden Erfolg, weil es sofort nach wenigen Minuten intuitiv beherrschbar ist. Und es ist peinlich, dass die restlichen Handyhersteller die Apple-Lektion immer noch nicht gelernt haben“, kritisiert Udo Nadolski, Geschäftsführer des Beratungshauses Harvey Nash. Der Computerunternehmer Steve Jobs demonstriere eindrucksvoll, wie man Eleganz, Perfektion und Benutzerfreundlichkeit vereinen könne. „Dieser Dreiklang des Apple-Chefs ist auch eine robuste Philosophie, um die Konsumentennachfrage anzukurbeln“, sagt Nadolski.

Gefordert ist ein neuer Radikalitätsbegriff in der Innovation. „Unternehmen, die den Begriff der radikalen Innovation ernst nehmen, sind sehr erfolgreich. Das Imperium des britischen Unternehmers und Ballonfahrers Richard Branson ist ein ‚Erfindungsimperium’; da geht einiges schief, aber man erfindet auch das Zugfahren neu, das Fliegen, die Weltraumfahrt. Die Ideenschmiede Apple ist ein sehr risikoreiches und gewaltiges Laboratorium, das aber auch eine Innovationskultur transportiert, die vorbildhaft für andere ist“, so das Resümee von Horx. Innovationsprozesse sollten sich außerhalb der klassischen Verkaufs- und Verteilungslogik abspielen und dürften nicht durch die Marktforschungs- und Marketingmühle gejagt werden.