Unternehmerischer Sachverstand im Top-Management Mangelware #ZP17

Wir sollten uns auch mit der Frage auseinandersetzen, ob wir in Deutschland mit der Digitalisierung wirklich nur Effizienz können und bei Innovationen versagen, wie Detecon-Analyst Marc Wagner im Interview zur Kölner Fachmesse Zukunft Personal ausdrückte:

„Beim Aufsetzen von Effizienzprogrammen und bei inkrementellen Verbesserungen sind wir in Deutschland total gut. Darauf sind wir konditioniert. Da werden die letzten fünf Prozent an Effizienz herausgeschwitzt. Was Unternehmer wie Robert Bosch gut konnten, das haben wir verlernt.“

Als aktionistische Ausweichaktion gründet so ziemlich jedes Unternehmen etwas und dem Stichwort „Lab“ oder „Garage“. Davor steht dann meistens „Digital“. Beheimatet sind die Zukäufe oder Neugründungen meistens in San Francisco, Tel Aviv oder Berlin.

In den Labs ballert man Geld raus

„Man erhofft sich in einem fancy Umfeld tolle radikale Innovationen. Ausgestattet mit einem dicken Budget soll der Anschluss an Unternehmen in den USA, in Asien und Israel gelingen. Es geht aber in diesen Labs primär nur um den Anfang von Innovationen. Es geht um die Frage, mit welchen Ideen die Firmen antreten könnten. Die Umsetzung ist häufig ausgeklammert“, bemerkt Wagner im Vorfeld der Kölner Fachmesse Zukunft Personal.

Das sei abhängig vom „Rest“ der Organisation und die beäugt das Lab-Spektakel kritisch. Im Brot-und-Butter-Geschäft werden Gehälter gekürzt, Konstrukte zur Kostensenkung in Gang gesetzt und Rationalisierung im Kundenservice durchgesetzt.

„In den Labs ballert man das Geld raus, pumpt den Kollegen die Finanzmittel in den Hintern, scheut keine Kosten und Mühen, wenn es um die Gestaltung des Arbeitsumfeldes und in der Stamm-Organisation geht, sitzen alle wie die Hühner auf der Stange. Solche Diskrepanzen motivieren nicht zur Umsetzung neuer Ideen.“

Chef-Controller macht die digitalen Buden dicht

Einen weiteren Grund für die mangelhafte Innovationskultur sieht Wagner im klassischen Management, die er vor allen Dingen in Konzernen feststellt. Da werde viel von Innovationen und visionären Ideen gesprochen. In Wirklichkeit gehe es um eine gnadenlose Kapitalmarktorientierung und kurzfristige Optimierungen von KPIs – also Leistungskennzahlen mit denen Mitarbeiter gegängelt werden. Da sei kein Platz für innovative Ideen. Die Hipster in den Labs sind eher Feigenblatt-Einheiten, die beim nächsten Vorstandswechsel wieder rausfliegen.

Irgendwann schlägt der Chef-Controller zu und macht die digitalen Buden dicht. In deutschen Unternehmen gibt es extrem viele Manager, die dafür exzellent ausgebildet sind. Wir finden viele Controller, Finanzexperten und Juristen, die mit dem Kapitalmarkt umgehen können und die am Reißbrett von einer Restrukturierung zur nächsten jagen. Unternehmerischer Sachverstand ist im Top-Management aber Mangelware. Wir sind im Vergleich zu den USA viel stärker auf kurzfristige Maßnahmen gepolt, um den Kapitalmarkt zu pflegen.

Planwirtschaftliche Effizienorgien

Das ist keine Risikokultur, das sind planwirtschaftliche Effizienzorgien. Richtige Unternehmer gehen Risiken ein und kaprizieren sich nicht auf interne Kontrollsysteme. Im Ergebnis finden wir mehrheitlich Optimierer und kaum noch Erfinder, moniert der Leadership-Strategie Ralf Schwartz im ichsagmal.com-Interview.

„Erfinder sind die Leute, die etwas Neues schaffen, Märkte durchbrechen und Neues kreieren.“

Das würde immer weniger gelingen.

„Wir brauchen Menschen, die Vorbilder sind. Wir brauchen Menschen, die Dinge bewegen. Wir brauchen Menschen, die Dinge verändern. Wir brauchen nicht wirklich Menschen, die auf Konferenzen auf Bühnen stehen und um den heißen Brei herumreden, die sich selbst verkaufen und nur heiße Luft verbreiten. Das sind keine Gestalter. Seit Jahrzehnten hängen wir in der Luft und leben davon, was wir früher mal waren. Es dominiert ein fragwürdiger Vierklang: Adaption ist die neue Innovation; Taktik ist die neue Strategie; Einfalt ist die neue Vielfalt; Billig ist das neue Besser. Wir verhindern unternehmerisches Rebellentum“, sagt Schwartz.

New Work setzt zu spät an

In der Schule, Hochschule und in der Einstellungspolitik werden die Menschen zu Managern erzogen und nicht zu Führungspersönlichkeiten.

„Es gibt kein Personalmanagement, um das ändern zu können. Der Rebell fliegt sofort raus. In einer reibungslos funktionierenden Organisation sind die Menschen nur das Getriebeöl“, meint Schwartz.

Symptomtherapien wie New Work, Arbeiten 4.0, agile Methoden, flache Hierarchien oder sonstige Managementweisheiten überdecken die Ursachen der Fehlsteuerung.

„Wenn New Work einsetzt, ist es schon zu spät. New Work setzt im Unternehmen an und da sind keine Rebellen“, resümiert Schwartz.

Ausführlich nachzulesen in meiner Notiz-Amt-Kolumne für die Netzpiloten.

Genügend Stoff für weitere Debatten auf der Kölner Fachmesse Zukunft Personal im

Siehe auch:

Wie uns Innovation ganz langsam – Generation für Generation – aus den Genen gewaschen wird* – #stopmakingsense (wohl ein Talking Heads-Fan….)

Man hört, sieht und streamt sich in Kölle.

Offene Demokratie-Diskurse mit Unternehmern und Managern? #PeterDrucker

peter-drucker

„Chefs dürfen zur Politik nicht schweigen“, fordern Peter Paschek, Unternehmensberater und Dozent an der Technischen Universität München, und Winfried Weber, Professor für Management an der Hochschule Mannheim, in einem Gastbeitrag für die FAZ. Sie berufen sich auf den Management-Guru Peter Drucker (beide Autoren sind Gründungsmitglieder der Peter Drucker Society of Mannheim e.V.), der davon überzeugt war, dass freie Unternehmer eine menschenrechtsbasierte Demokratie brauchen – und sich für sie einsetzen müssen.
Zumindest heute würde die Erkenntnis wachsen, dass erhebliche Anstrengungen erforderlich sind, um den politischen Humanismus westlicher Prägung und den darauf basierenden demokratischen Rechtsstaat zu fördern, weiterzuentwickeln und gegebenenfalls zu verteidigen.

„Seine Institutionen sind gefährdet, da ihre Legitimität in Frage gestellt wird. Dieses nicht nur von politischen Gruppierungen, die heute unter dem Sammelbegriff Populisten kategorisiert werden. In Frage gestellt wird sie auch aufgrund ihrer eigenen Erstarrung. Es reicht nicht aus, die Besinnung auf die christlich-abendländischen Werte zu fordern, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Werte sind geschichtlich gewordene Strebensziele, die zur Diskussion gestellt werden müssen und die der Gestaltung und Erneuerung bedürfen“, schreiben Paschek und Weber.

Wie könne dieses anspruchsvolle Ziel – angesichts des Politikverständnisses der Manager und des Managerverständnisses von Politik – in die Tat umgesetzt werden? Die Gastautoren beziehen sich auf den „Wirtschaftsethiker“ Karl Homann, der allerdings nicht gerade mit einem normativen Forschungsverständnis glänzt.

Man müsse einen Dialog mit offenem Ausgang mit den Betroffenen führen, so Homann. Es sei „in Rechnung“ zu stellen, dass die Menschen besonders in Umbruchsituationen ihre Lage zentral in ethischen Kategorien – wie Würde, Gerechtigkeit, Ebenbürtigkeit, Partizipation – auslegen. Sie werden nur dann bereit sein, sich auf eine neue Ordnung für die Weltgesellschaft einzulassen, wenn sie ihr normatives Selbstverständnis darin aufgehoben finden. Diese Diskursverantwortung beginne im Unternehmen, und zwar in der informellen Kommunikation der Manager mit Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten.

„Ein erster Schritt in Richtung einer Diskursverantwortung im Sinne von Drucker und Homann wäre, diesem Umfeld Orientierung zu geben, die getragen ist von der Bereitschaft, eine Kultur des zivilisierten Umgangs mit politischen Differenzen zu fördern und konstruktiv zu gestalten. Eine vielfach vorhandene, unreflektierte Demokratieskepsis und die Illusion, dass politische Entscheidungsfindung mit der Schnelligkeit der Wettbewerbswirtschaft vollzogen werden kann, stehen dem aber im Wege“, so Paschek und Weber.

Zur Überwindung dieser Barriere wäre eine gezielte Überarbeitung des weiten Feldes der Curricula von Management-Aus- und -Weiterbildung überfällig.

„Führungskräfte benötigen eine umfassende Bildung, in der Tugenden wie Urteilsvermögen, verantwortungsvolle Selbstbegrenzung oder Vorbildfunktion gelehrt und Extremismus, Machtmissbrauch und Vertrauensverlust diskutiert werden.“

Es gehe nicht um die großen Würfe, sondern auch hier, wie Max Weber es formulierte, „um das Durchbohren dicker Bretter mit Augenmaß und Leidenschaft zugleich“. Andernfalls drohe den Demokratien eine Ära unter der Herrschaft autoritärer Figuren.

Wie soll das funktionieren, wenn Führungskräfte die Öffentlichkeit mit ihren weltweit führenden PR-Botschaften einseifen und überhaupt nicht an einem offenen Dialog interessiert sind?

Siehe auch: Unternehmenskommunikation im Datenstrom des Netzes – in Deutschland dominieren die „Controlletis“

Voraussichtlich im Juni Voraussichtlich im Juni wird die Mannheimer Drucker Society zu diesem Thema einen Executive-Roundtable veranstalten:

„Management und Politik in turbulenten Zeiten“
Peter Druckers Appell an die Wirtschaftselite

Referenten: Peter Paschek, Prof. Dr. Winfried Weber und andere

Welche Aufgaben kommen Wirtschaftsmanager zu?
Peter Druckers Aufruf bezieht eine klare Position:
„Performing, responsible management is the alternative to tyranny and our only protection against it.”

Wie wäre es mit einem Diskurs, der live ins Netz übertragen wird? Der Netzökonomie-Campus würde das auf die Beine stellen 🙂

#SchlauerArbeiten ohne Ego-Manager

Ego

In seinem Opus “Leadership in der digitalen Welt” behandelt der Peter Paschek das Auseinanderklaffen von Innen- und Außensicht der Top-Leute im Management. In den vergangenen 25 Jahren seien vor allem narzisstische Führungskräfte herangezogen worden, die die Interessen anderer besonders wenig achten. In den USA erlangen narzisstische Persönlichkeiten mit viel höherer Wahrscheinlichkeit einen Vorstandsposten als ihre nicht-narzisstischen Kollegen. Das Internet macht diese Defizite im Führungsverhalten sichtbarer – es fungiert wie ein Vergrößerungsglas:

„Keine Institution, keine Autorität, kein Papst, kein Präsident, kein Heiliger, weder Frauen noch Männer können glaubhaft ein Edelmenschenkostüm tragen“, so Manfred Schneider in dem Buch „Transparenztraum“, erschienen im Matthes & Seitz-Verlag.

Und dennoch werden viele Unternehmen von Ego-Managern dirigiert, die sich abschotten, den Dialog auf Augenhöhe verweigern, ihre Organisationen mit Kennzahlen auf Effizienz trimmen und in Hinterzimmern ihre Karrieren absichern.

Als Schule der Intrigen mit Macho-Kultur bezeichnet der Ex-Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger im „Spiegel“-Interview die düstere Realität auf Chefetagen. Er muss es wissen. Deutsche Unternehmen seien viel stärker auf pure Effizienz fixiert als etwa angelsächsische oder skandinavische.

„Ertragsziele werden oft exzessiv bis auf die unterste Ebene durchgestellt. Da bleiben kaum Freiräume für die Mitarbeiter, neue Wege zu suchen. Ausländische Kollegen halten viele deutsche Topmanager oft für spröde, steif, humorlos und förmlich. Das ist ein Spiegelbild der kreativitätsarmen Unternehmenskultur“, erklärt Sattelberger.

Die meisten Führungskräfte machen sich in die Hosen, wenn sie ohne Sprachregelungen, ohne Powerpoint-Rhetorik und ohne Kontrollmöglichkeiten mit Kunden, Bloggern oder Journalisten sprechen müssten. Also glänzen sie vor allem im Netz durch Abwesenheit. Was die Vernetzung deutscher Firmen- und Konzernlenker in digitalen Medien angeht, sieht die Lage desolat aus, schreibt die PR-Beraterin Kerstin Hoffmann:

„Oft ist buchstäblich kaum jemand bereit, den Kopf hinzuhalten.“

Da bedient man die Öffentlichkeit lieber mit einem Stakkato aus positiven Floskeln. Das wirkt nicht nur extern lächerlich, sondern auch intern:

Wenn nur noch Zynismus hilft

„Das kann so mit der Realität einer Organisation nicht übereinstimmen. Keine Organisation der Welt ist nur positiv. Deshalb entsteht ein riesiger grauer oder gar schwarzer Bereich an nicht formulierten Negativeindrücken. Und die braucht ein Ventil und das ist der Zynismus“, erklärt der Soziologe Dirk Baecker im ichsagmal.com-Interview.

Zynismus sei eine Form der extrem intelligenten Beobachtung. Der zynische Kommentar ist in der Regel der letzte Kommentar zu einem Sachverhalt. Vorher schaltet man in den Modus „Dienst nach Vorschrift“, was nach Analysen von Gallup bei 70 Prozent der Beschäftigten der Fall sein soll.

„Der Zynismus ist die Form der Rede und die innere Kündigung ist die Form des Handelns“, konstatiert Baecker.

Um das zu verhindern, sollten Unternehmen ihre Betriebssysteme grundlegend ändern, fordert der Personalberater Heiko Fischer:

„Man muss an die grundlegende Mechanik rangehen, um die Wertschätzung von Mitarbeitern und Kunden zu verbessern. Mit einem reinen Anweisungsregime gelingt das nicht.“

Schlauer Arbeiten gelingt am besten in vernetzten und offenen Organisationen – ohne Kommando-Regime. Der Fokus auf Abgrenzung über Fächer, Disziplinen, Abteilungen, Hierarchien und Einzelleistungen wird der heutigen Lebenswelt nicht mehr gerecht. Es geht vor allem darum, Menschen zusammenzuführen, unterschiedliche Sichtweisen gleichberechtigt im Team zu erarbeiten und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, führt Ulrich Weinberg in seinem Buch „Network Thinking – Was kommt nach dem Brockhaus-Denken?, erschienen im Murmann-Verlag:

„Vernetztes Denken im Unternehmen heißt mehr, als Einstellungen zu überdenken, und mehr, als veraltet erscheinende Muster und Strukturen abzuschaffen. Damit verbunden sind radikale Schritte, die ein Unternehmen bereit sein muss, konsequent zu gehen.“

Es geht um Vernetzung, Enthierarchisierung, Entwickeln und Konzipieren im Team, Öffnen und Teilen von Wissen mit allem, was digitale Werkzeuge heute hergeben. Das gilt auch für den Einsatz von kognitiven Maschinen. Die können noch so sehr Höchstleister sein, wenn es um Erinnerung, Analyse, Erkennung, Kombinatorik und Schlussfolgerung geht. Im Ego-Management bleiben sie dumme Apparate.

Soweit mein Beitrag zur Blogparade mit dem Schwerpunkt #SchlauerArbeiten – auf dem letzten Drücker.

Siehe auch:
Wie Ego-Manager in geschlossenen Netzwerken scheitern.

Begeisterte Mitarbeiter und Kunden: Normale Arschkriecherei reicht nicht mehr aus

Bei uns stehen Kunden und Mitarbeiter im Mittelpunkt-Blabla
Bei uns stehen Kunden und Mitarbeiter im Mittelpunkt-Blabla

Du musst nicht nur deine Arbeit gut machen, sondern das Ganze auch noch mit besinnungsloser Begeisterung tun, so beschreibt Matthias Nöllke in seinem Buch „Ich will mich aber aufregen!“ die Obsessionen vieler Chefs in Unternehmen. Einen kleinen Auszug seines Opus veröffentlichte Spiegel-Online:

„Die normale Arschkriecherei reicht nicht mehr. Du musst jetzt auch noch den Anschein erwecken, als würde dich das Ganze glücklich machen.“

Schlimmer könne es nur noch kommen, wenn dein Chef zusätzlich noch ein weiteres Ziel ausgibt: Die Kunden müssen ebenfalls begeistert werden.

„Und das darfst du dann übernehmen: verwöhnte, genervte, bösartige oder notorisch gelangweilte Leute in Hochstimmung versetzen. Die dir vor allem eines unterstellen: dass du sie über den Tisch ziehen willst. Was ja auch stimmt. Aber was willst du machen? Begeisterte Mitarbeiter, begeisterte Kunden, erst dann ist die wundersame kleine Welt deines Chefs wirklich in Ordnung“, so Nöllke.

Egal, ob es um die Kommunikation nach innen und außen geht, viele Führungskräfte gebärden sich wie Dompteure im Zirkus. Sie sind getrieben von einer anmaßenden Geisteshaltung, die Welt mit ihren dümmlichen Hurra-Weisheiten aus den Angeln zu heben, statt einfach nur vernünftig ihre Arbeit zu machen. Als Mitarbeiter möchte ich fair behandelt und bezahlt werden. Als Kunde verlange ich gute Produkte und Dienste. Alles andere ist nur der semantische Nebel von eitlen Wichtigtuern. Nervensägen des Alltags, auf die ich gut verzichten kann.

Statt sich in dümmlichen Parolen zu ergehen, sollten Führungskräfte anfangen, ihre Hausaufgaben zu machen: Deutsche Wirtschaft ruht sich auf „Made in Germany“ aus. Und so viel „Made in Germandy“ findet in Deutschland ja gar nicht mehr statt.

Über die Motivations-Schamanen im Büro habe ich mich ja ausführlich in meiner The European-Kolumne ausgelassen.

Selbstbestimmung statt Manager-Kapitalismus: Wolf Lotter auf der #rp13

Wolf Lotter auf der republica

In einem kurzen und pointierten Vortrag auf der republica in Berlin hat sich brandeins-Essayist Wolf Lotter mit der Frage beschäftigt, wie man auf die Krise des (Finanz-)Kapitalismus reagieren sollte. Mehr Staat, mehr Regulierung, mehr Verbote, mehr Steuerausgaben oder gibt es auch eine andere Lösung, um sich vom traditionellen Kapitalismus zu lösen? Lotter nennt sein Vademekum für einen Neuanfang „Zivilkapitalismus“. Wie könne man frei und unabhängig sein, wenn man seine persönliche Ökonomie nicht im Griff hat? Er sieht in der öffentlichen Debatte einen Missing Link der Aufklärung und Emanzipation. Die Ökonomie spiele hier nur eine untergeordnete Rolle.

„Von Zivilgesellschaft reden alle, wenn es beispielsweise um Netzwerke geht. Zivilgesellschaft ist aber mehr als Demokratie-Verhübschung, es ist mehr als ab und zu eine Volksabstimmung durchzuführen, es ist mehr als das Recht für Demonstrationen. Zivilgesellschaft macht selbständig. Kultur, Schule, Ausbildung und Gesellschaft, in der wir uns befinden, wollen das nicht unbedingt. Sie wollen nicht unbedingt zur Selbständigkeit erziehen. Selbständigkeit und Selbstbestimmtheit gehören bei uns immer noch zu den Risikosportarten“, so Lotter.

Woran liegt das? Wir leben immer noch in der alten Kultur des Industriekapitalismus und das ist eben eine Kultur der Unterordnung, der Hierarchie und der Abhängigkeit.

„In diesem Industriekapitalismus gibt es einen Manager-Kapitalismus – also den Kapitalismus der leitenden Angestellten“, erläutert Lotter, die in der Regel übrigens kaum für ihr eigenes Handeln haften müssen – im Gegensatz zu inhabergeführten Firmen.

Politik und Konzernmanager seien aus einem Holz geschnitzt, so die Beobachtung von Lotter. Man brauche nur das Organigramm eines Konzerns mit den Organigrammen von Parteien und politischen Organisationen vergleichen. Dann finde man fast immer die gleichen Strukturen:

„Deshalb verstehen sich Politiker, Beamte und Konzernmanager auch so gut, wenn sie miteinander lobbyieren.“

Wie beim Leistungsschutzrecht (gs).

Diese Kultur habe sich über Jahrzehnte verfestigt. Max Weber nennt dieses Phänomen „Das stahlharte Gehäuse“.

Manager-Kapitalismus sei Mitläufer-Kapitalismus. Es gebe Mitarbeit und Verbraucher aber keine Gestalter, die etwas in die Hand nehmen. Man solle nehmen, was Manager anbieten. Also Lieschen Müller, die angeblich von den Drosselplänen der Telekom nicht betroffen ist.

Es dominieren in dieser Kommandowirtschaft die Begriffe der Fremdbestimmung. Das gilt für Angestellte und für Kunden. Reicht es da als Konsequenz der vergangenen Krisenjahre aus, wenn wir das Primat der Politik wieder in den Vordergrund stellen?

„Das Primat der Politik hat über viele Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch das Untertanentum und die Fremdbestimmung kultiviert. Wir brauchen deshalb kein Primat der Politik im Sinne der Machtpolitik. Wir brauchen das Primat der Person. In der Ökonomie brauchen wir deshalb Selbstverwirklicher“, fordert Lotter und zitiert die Headhunterin Sue Reindke.

„Die Dinge ändern sich nur, wenn wir sie selbst ändern. Wenn wir uns eine neue Arbeite- und Führungskultur wünschen, müssen wir selbst Chefs werden.“

Anti-Haltungen, die sich gegen das wirtschaftliche System an sich richten, seien eher eine Camouflage für Bequemlichkeit im Denken, um nichts ändern zu müssen. „Alles Scheiße“ sei keine Antwort für eine Verbesserung.

„Das ist keine Haltung, sondern eine Ausrede“, meint Lotter.

Fundamentale Negation ändert gar nichts. Es geht darum, die Wirtschaft zu ändern. Es müsse sich, so Lotter, nicht nur das Bewusstsein ändern, sondern es müssten auch konkrete Dinge passieren. Erziehung zur Selbständigkeit und nicht zur Unterordnung. Bildung als Universalwerkzeug. Es sei schlicht Selbstbetrug zu glauben, dass alles im Leben planbar wäre.

„Üben wir die Fähigkeit, mit Überraschungen umzugehen. An die Stelle von Ohnmacht tritt ein konstruktives Staunen.“

Wirtschaft müsse barrierefrei sein und keine alten Besitzstände pflegen. Sie müsse Zugänge schaffen. Zivilgesellschaft sei Graswurzel und nicht Konzernwirtschaft. Es sei nicht Sache von Menschen in dunklen Anzügen oder Business-Kostümen. Oder wie es Leo Tolstoi ausdrückte:

„Damit die Lage der Menschen besser wird, müssen die Menschen besser werden.“

Ansätze sehe ich dazu in einer neuen Kultur der Beteiligung, der Makers-Bewegung und Krautökonomie.

Im September veröffentlicht Wolf Lotter zu seinen Berliner Thesen ein Buch: „Zivilkapitalismus – Wir können auch anders.“

Hangout-Interviews geplant

Bin gespannt. Habe es schon vorbestellt. Eure Meinung interessiert mich. Wir könnten das auch in Hangout-Interviews weiterspinnen. Wer sich an der Debatte beteiligen möchte, sollte sich bei mir melden.

Interessant auch:

re:publica 2013: Replik, Respektsbekundungen, ein Rant und offene Fragen.

Das Neue wird von Führungskräften lieber delegiert: Zur Technologiekompetenz der deutschen „Wirtschaftselite“

„Zukunftsprojekte wie digitale Medien und soziale Netzwerke dominieren derzeitig die Innovationsprojekte der CIOs“, verdeutlicht Udo Nadolski, Deutschland-Chef des IT-Beratungshauses Harvey Nash. Sie seien nicht mehr als Verwalter der IT gefragt, sondern als Gestalter für das Kerngeschäft der Firmen. Kluge Vorstandschefs positionieren ihre CIOs denn auch auf der Chefebene. 37 Prozent der von Harvey Nash befragten IT-Manager berichten in Deutschland direkt an den Vorstandschef. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies ein Zuwachs von elf Prozentpunkten. Allerdings steigen damit auch die Erwartungen an das Kompetenzprofil des IT-Fachpersonals.

Einen richtigen Ruck hat es aber in den meisten Organisationen noch nicht gegeben. Technologie sollte eigentlich keine Rolle spielen, wenn es um Geschäftsinteressen geht.

„Doch leider hat der CIO im Vergleich zum CEO noch immer keine große Bedeutung. Ich wünsche mir bei unseren Führungskräften mehr Technologiekompetenz. Viele CIOs wie CEOs tun es ab und delegieren das Neue lieber, statt sich neugierig darauf einzulassen. Anscheinend ist das ziemlich deutsch“, kritisiert der Berater und Blogger Klaus Eck.

Das gilt generell für Unternehmen und sicherlich auch für Behörden:

„Enterprise 2.0 und Social Media passen so gar nicht zu einer Philosophie der Mittelmäßigkeit, in der jeder unauffällig und scheinbar risikolos seinen Weg gehen kann. Durch die neuen Entwicklungen werden wir alle in unserem Schaffen sichtbarer. Diese Transparenz wirkt sich auf alle Bereiche in den Unternehmen aus und verändert diese langsam“, schreibt Eck.

Führungskräfte ohne Dirigentenstab

Entscheider würden oftmals auf eine Social Media-Nutzung verzichten, weil dieses Gedöns ihnen Angst macht.

„Sobald eine Führungskraft in Social Media aktiv wird, muss sie damit rechnen, auch mit unliebsamen Fragen konfrontiert zu werden. Das erfordert vom Einzelnen viel Mut und eine klare Haltung. Social Media basiert auf Kommunikation mit Menschen. Diese verhalten sich nicht immer logisch und nachvollziehbar“, betont Eck.

Und Unberechenbarkeit ist Gift für die Geisteswelt der Controlling-Süchtigen. Sozusagen die German-Angst vor dem Shitstorm. Ohne Dirigentenstab, Sprachregelungen, Powerpoint-Folien und Autorisierungsmaschinerie sind Manager nicht überlebensfähig.

Zu leicht erkennt man die Nacktheit des Kaisers hinter einer Fassade der Phraseologie. Das Führungspersonal der Deutschland AG ist völlig ungeeignet für Netzdiskurse, die nicht den Befehl-und-Gehorsam-Drehbüchern der Firmen-Generäle folgen.

Als Symbol dieser aalglatten Ikonen rhetorischer Leerformeln sehe ich Johann Holtrop, die Hauptfigur in dem neuen Roman von Rainald Goetz, der überhaupt keine Ähnlichkeiten mit so erfolgreichen Topleuten wie Thomas Middelhoff aufweist. Oder doch? Das Goetz-Werk ist ein erschreckendes Panoptikum der deutschen Wirtschaftselite. Holtrop ist auswechselbar. Ein Schnösel und Wichtigtuer, der sich mit den allerabgedroschensten Plattitüden durchs Leben boxt. Er erzählt überall zusammengelesenes, letztlich nur nachgeplappertes Zeug.

„Holtrop selbst merkte nicht, wem er was nachplapperte, wo er sich bediente und von wem er was übernommen oder gestohlen hatte“, so Goetz.

Das wird die Wissenschaftsministerin sehr gut nachempfinden können.

Durch diese Defizite entstand die besondere mimetische Energie, „die Holtrop das von außen anverwandelte, was ihm fehlte.“

Er implantierte der Außenwelt seine Ideen, indem er sie kopierte und zugleich so manipulierte, dass sie seine Ideen für ihre eigenen hielten. Ein genialer Blender, der es im Social Web so schwer hat, seine Selbstinszenierung am Leben zu erhalten. Senkrechtstarter wie Guttenberg können das bezeugen. Nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne: Philosophie der Mittelmäßigkeit.

Dabei könnte die Wirtschaftswelt so viel schöner sein, wie es Ralf Schwartz treffend beschreibt. Gefordert seien Mut, Rückgrat und Selbstbewusstsein, unsere Persönlichkeit auszubilden, uns zu messen an ungeschriebenen Gesetzen:

„Der Vielfalt zu huldigen statt immer wieder nur dieser elenden Droge Einfalt. Ich kann so lange predigen wie ich will – zum Beispiel in der Kolumne der Wirtschaftswoche mit dem Titel ‚Werbung muss wieder Kunst werden’ – nichts wird passieren, wenn nicht der letzte meiner Punkte Realität wird und der Manager des Status Quo endlich zum Mäzen des Neuen wird.

 Warum Manager sich das nicht trauen? Nun, weil sie niemanden über sich wissen, der ihnen den Rücken freihält, wenn es eng wird. Niemanden, der ihnen Mut macht, sie Fehler und Erfahrungen machen lässt, zum Wohle des Produktes, der Marke, des Unternehmens.“

Genau das ist der Grund, warum wiederum diese Angsthasen ihren eigenen Mitarbeitern keinen Mut machen, ihnen keine Carte blanche geben, kein Spielfeld, um sich die Hörner abzustoßen und in neue Erfahrungen investieren. Stattdessen produzieren sie Ladenhüter.

Dieses Thema werden wir sicherlich in unserem virtuellen Blogger Camp am nächsten Mittwoch von 19,30 bis 20,00 Uhr aufgreifen (ausgestrahlt via Live-Hangout). Siehe auch: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption. Ich bin mir übrigens sicher, dass der Dienst Hangout On Air zu einer Popularisierung von Google Plus auch in Deutschland beitragen wird. Zur Zeit ist das ja noch ein wenig lau. 

In einer Fachrunde in München, die ich am 9. November moderiere, dürfte das auch eine Rolle spielen.

Wortmüll der Manager und sinnentleerter Mehrwert für Kunden

„Schluss mit dem Business-Kauderwelsch“, fordert Dan Pallotta in einem Blogpost für Harvard Business Manager.

Phrasen, Abkürzungen und abstraktes Gerede seien an der Tagesordnung. Eine klare Sprache ist Mangelware. Statt die Sache auf den Begriff zu bringen, palavern Manager über die Sache hinweg. Erzeugt werden semantische Nebelschwaden ohne Substanz, ohne Inhalt, ohne Wirkung. Wortschwulst, Floskeln und Leerformeln dienen eher einem Ritual, um Dinge aufzublasen und wichtig zu machen. In Wahrheit verbergen sich hinter den Laber-Orgien heiße Luft und dümmliche Kalenderweisheiten.

So ärgert sich nicht nur Pallotta über die sinnflutartigen Wortmüll, der uns täglich an den Kopf geballert wird. Etwa folgende Aussage:

„Wir übertreffen die Erwartungen unserer Kunden.“

Hellseherischer Werbe-Brei

Kunden erleben aber so gut wie nie, dass ihre Erwartungen erfüllt werden. Noch seltener werden sie übertroffen.

„Wie kann ein Unternehmen Erwartungen übertreffen, wenn es keine Ahnung hat, wie diese aussehen“, fragt sich Pallotta.

So etwas ist anmaßend. Man benötigt schon hellseherische Fähigkeiten um zu wissen, was jeder Einzelne von einem Service-Anbieter erwartet. Unternehmen sollten also aufhören, die Umwelt mit aufgeblähten Werbesprüchlein zu verschmutzen.

„Wir haben vergessen, die Dinge beim Namen zu nennen. Wie zum Beispiel Türklinken. Stattdessen sprechen Leute über die Idee von Türklinken, ohne tatsächlich das Wort Türklinke zu benutzen. So wird eine neue Idee für eine Türklinke zu einer ‚Innovation zum Wohnsitz-bezogenen Zugang’“, moniert Palotta.

Was sonst noch so für sinnentleerter Mehrwert für Kunden geboten wird, steht in meiner Dienstagskolumne für Service Insiders: Wenn Manager in der Buchstabensuppe schwimmen – Über das Laber-Ritual der Unternehmen.

Morgen gehe ich auf die Kolumne von Sascha Lobo ein. Er beschäftigt sich mit der wachsenden Macht von Google, Apple, Facebook und Amazon:

„Mit schöner Regelmäßigkeit erscheinen Besorgnis-Artikel über die großen vier des Netzes – in der Regel ohne Alternativvorschläge.“

Nun habe ich mich in den vergangenen Wochen intensiv an dieser Debatte über den Kontrollwahn der liebwertesten Web-Gichtlinge beteiligt. Und Alternativen sollten dabei eigentlich auch herausspringen, etwa in dem Obi Wan Kenobi-Panel auf der Berliner Wissenschaftskonferenz Informare.

Ob diese Überlegungen tragfähig sind, ist in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“ zu überprüfen. Das Thema würde ich gerne in Telefoninterviews und Bibliotheksgesprächen vertiefen. Wer Lust darauf hat, sollte sich per Mail bei mir melden: gunnareriksohn@gmail.com.

So, jetzt werde ich mich erst mal etwas erfrischen bei über 40 Grad im Schatten – natürlich nicht in Deutschland, so etwas würde man ja Hochsommer nennen. Bin noch in Bosnien.

Enterprise 2.0 und das digital-soziale Schwellenland: Oder doch eher Entwicklungsland?

Ist Deutschland ein Kollaborations-Schwellenland, fragt sich der PR-Blogger Florian Semle und gibt eine vielschichtige Antwort:

Die Kehrseite der Enterprise2.0-Saga werde meist von den Praktikern hinter vorgehaltener Hand erzählt:

„Mitarbeiter nutzen die frischen neuen Tools nicht, sondern bleiben beim bewährten ‚Laufwerk C‘. Kunden und Partner, die sonst immer und überall dringenden Gesprächsbedarf haben, verweigern den Austausch auf der nagelneuen Plattform und das WIKI wird nur von der IT mit Inhalten gefüttert, weil sich sonst keiner zuständig fühlt. Diese zweite Wahrheit dominiert meines Erachtens derzeit in Deutschland – auch wenn wenig überraschend keine aktuellen Zahlen zu gescheiterten Unternehmensanwendungen vorliegen.
In technologischer Hinsicht sind wir hierzulande sicher weit voran geschritten – vielleicht ist dieser starke Fokus auf die Technik auch der Grund dafür, dass Deutschland auf anderem Gebiet deutlich weniger entwickelt ist: Bei der Konzeption, der Motivation und der sozialen Implementierung dürften wir uns in vielen Bereichen noch auf dem Niveau eines ‚digital-sozialen Schwellenlandes‘ befinden – mit der Perspektive auf mehr.“

Ähnlich verhält es sich beim gähnend langweiligen Thema Unified Communications. Auch da wird viel gelabert, aber wenig umgesetzt. Weil man die IP-Kommunikation, Videokonferenzen und sonstige vernetzte Möglichkeiten der Unternehmenskommunikation ausschließlich mit überfrachteten Funktionen diskutiert und die Anliegen der Kunden schlichtweg ignoriert. Da werden zu viele Wunderkerzen gezündet. Und die Anbieter sollten sich die jeden Tag überprüfen, ob sie auch ihr eigenes Hundefutter mampfen oder nur über tolle Feature labern.

Der zweite von Semle benannte Hemmschuh für Enterprise 2.0-Technologien ist mindestens genauso gravierend:

„Das Kulturparadigma: Wenn fanatische Schachspieler Fußball spielen sollen, entsteht Rasenschach. Wenn eine hochindividualisierte, hierarchische oder ungesteuert kompetitive Unternehmenskultur mit kollaborativen Anwendungen konfrontiert wird, entsteht meist auch nichts Gutes. Wie in jedem Mannschaftssport müssen Teamgeist, Rollenmuster und kollektive Verhaltensweisen gegebenenfalls erlernt und geübt werden. Für Enterprise 2.0-Anwendungen heißt das, dass sie nur so gut sein können, wie die Kultur, in der sie eingesetzt werden. Wenn die kulturelle Passung zwischen Social Media und Unternehmenskultur nicht hergestellt werden kann, kommt es zwangsläufig zu sozialen Abstoßungsreaktionen. Das Kulturparadigma ist meines Erachtens die häufigste Ursache für das Scheitern von Enterprise 2.0, weil diese sozialen Faktoren meist unterschätzt und selten richtig bewertet werden. Wenn die technische Plattform der ‚Motor‘ im Enterprise 2.0 ist, dass sind diese sozialen Faktoren der Treibstoff, ohne den alle Räder still stehen.“

In meiner Montagskolumne für das Debattenmagazin „The European“ bin ich zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen. Zwei Welten prallen im Netz aufeinander: Bürokratie und hierarchisches Management gegen verspieltes Experimentieren. Unternehmen, für die ein Twitteraccount schon die Zeitenwende bedeutet, werden daran verzweifeln.

Das langsame Tempo des Maschinenzeitalters gewährleistete eine Verzögerung der Reaktionen über beträchtliche Zeiträume hinaus. „Heute erfolgen Aktion und Reaktion fast gleichzeitig. Wir leben jetzt gewissermaßen mythisch und ganzheitlich, aber wir denken weiter in den alten Kategorien der Raum- und Zeiteinheiten des vorelektrischen Zeitalters“, schrieb Marshall McLuhan in seinem legendären Opus „Die magischen Kanäle“. Entsprechend steigt die Unzufriedenheit. Echtzeit-Management kann man nicht mehr mit den Methoden des Fordismus bewältigen. Es gehe nicht mehr darum, herauszufinden, wie sich das Flüchtige besser zementieren lässt, kommentiert die Publizistin Kathrin Passig. Wir müssten kompetenter im Umgang mit veränderlichen Konstellationen werden, anstatt napfschneckengleich an immer denselben Stellen klebenzubleiben.

Dabei reiche es aber nicht aus, sich das Etikett Enterprise 2.0 ans Firmenschild zu heften, warnt der Berater Alexander Greisle. Es gehe um nichts weniger als „einen Kulturshift“. Vorgesetzte müssten Offenheit lernen, Kontrolle abgeben, Ergebnisse auch aushalten: „Hat ein Unternehmen eine ausgeprägte Präsenz- und Meetingkultur, nützt es nichts, einfach Technik reinzupacken und zu behaupten: Wir sind offen für Digital Natives.“

Wer vernetztes Arbeiten erwartet, das Verschwimmen räumlicher und zeitlicher Grenzen, den Einsatz kollaborativer Werkzeuge, der tut sich mit nine to five, Hierarchien und der klassischen Kaminkarriere schwer: Man spüre fast körperlich den Praxisschock junger Menschen, die mit der klassischen Welt des Managements konfrontiert werden. Organisationen, die das nicht verhindern können, verlieren hoffnungsvolle Talente und verspielen über kurz oder lang ihre Zukunftschancen. Deshalb brauchen Unternehmen ein „neues Betriebssystem, um besser zusammenzuarbeiten und Wert zu schöpfen – ohne altes Denken in starren Kommandostrukturen“, so das Plädoyer von Don Tapscott. Seine Forderung versteht der kanadische Unternehmer und Management-Professor als elementare Voraussetzung dafür, dass Unternehmen erfolgreich bleiben. Denn in Zeiten, in denen Twitter und Facebook Börsenkurse und Markenimage unmittelbar beeinflussen, müssen Unternehmen vor allem das Wechselspiel mit den sozialen Netzwerken beherrschen.

Kontrollierter Kontrollverlust

Wer sich als Unternehmen auf die Social-Media-Welt einlässt, sollte sich in allen Geschäftseinheiten vom Mythos der absoluten Kontrolle, Rationalität und Planbarkeit verabschieden, empfiehlt der Kölner Softwareexperte Andreas Klug.

„Es reicht nicht aus, für die Kulisse ein kleines Twitter-Team im Kundenservice zu bilden und alles andere beim Alten zu belassen. Damit wird man kläglich scheitern. Der amerikanische Organisationspsychologe James G. March plädiert für eine ‚Technologie der Torheit‘. Er meint damit aber nicht Albernheit, sondern Verspieltheit, um Raum für Experimente zu schaffen. Organisationen kommen nicht ohne Wege aus, Dinge zu tun, für die sie keine guten Gründe haben. Es existiert in allen Entscheidungssituationen eine Menge Unsicherheit und Konfusion, die von den traditionellen Managementkonzepten und verstaubten BWL-Theorien ignoriert werden“, so Klug, Mitglied der Geschäftsführung von Ityx.

Klugheit im Durcheinander der Vernetzung speist sich nicht aus dem kümmerlichen Geist der liebwertesten Gichtlinge des Controllings. Wie man damit fertigwerden kann, beantwortete Marshall McLuhan mit Verweis auf eine Kurzgeschichte von Edgar Allen Poe. Dem Matrosen in Poes Abhandlung über den „Sturz in den Malstrom“ bleibt nichts anderes übrig: Er nutzt die Strömung des Wirbels gegen ihre eigene Gewalt. Man muss mit der Geschwindigkeit gehen können, um danach erst an jenen Stellen langsam zu werden, wo es sich lohnt. Das Internet ist nur eine Zumutung, wenn man versucht, es im Griff zu haben, so das Credo des Organisationspsychologen Peter Kruse.

Wer das Social Web oder Enterprise 2.0 nur in technologischen Dimensionen sieht, verkennt die Relevanz sozialer Prozesse: „Das neue Netz ist Metapher, Ergebnis und Voraussetzung von vernetzter Individualität und vernetzten Öffentlichkeiten zugleich, weil es einerseits Informationen, andererseits Menschen untereinander und miteinander verknüpft und füreinander auffindbar macht“, so Jan Schmidt in seinem Buch „Das neue Netz“ (UVK-Verlag). Erst die Art und Weise, wie Menschen mit dem Internet umgehen und es in ihren persönlichen, schulischen und beruflichen Alltag einbinden, schaffe das neue Netz. Und hier hapert es kräftig an der Alltagstauglichkeit. Es dominiert immer noch die Arbeitsweise des Industriezeitalters.

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Und mit den Anforderungen an eine neue Arbeitskultur tun sich auch die CIOs in den Unternehmen schwer:

Einfache industrielle Arbeiten werden in Deutschland kaum noch nachgefragt. Entsprechend hoch müsste die Bedeutung der IT-Chefs in den Unternehmen sein, da die postindustrielle Gesellschaft ihre Innovationen und ihren Fortschritt zunehmend aus der Informationstechnologie bezieht. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, wie eine weltweite CIO-Umfrage des Beratungshauses Harvey Nash belegt:

„67 Prozent der befragten CIOs geben zu Protokoll, dass das Innovationspotenzial der IT nicht abgerufen wird. Die Relevanz der CIOs hat in den vergangenen Jahren gelitten. Die IT-Chefs werden zu Dienstleistern in der eigenen Organisation degradiert. Besonders während der Rezession ist die Zahl der CIOs, die direkt an den Vorstandschef berichten, drastisch zurückgegangen. So langsam kehrt sich dieser Trend um. Auch von den CIOs werden in den nächsten Jahren verstärkt wieder Innovationen für das Kerngeschäft gefordert. Das wandelt sich allerdings nur sehr langsamt“, so Udo Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Düsseldorf.

Steve Jobs und der Bauhaus-Stil: Plädoyer für ein Leben ohne Bedienungsanleitung und Servicebürokratie

Immer wieder scheitert der Mensch an der Bedienung elektronischer Geräte. Diagnose: menschliches Versagen. Als Höchststrafe drohen das stundenlange Studium unverständlicher Bedienungsanleitungen und Hotline-Anrufe mit Warteschleifen-Charme. Siehe meine heutige Kolumne für das Debattenmagazin „The European“.

Beim Wechselspiel von Mensch und Gerät geht es um einen Wettstreit, bei dem nie eindeutig gesagt werden kann, wer eigentlich wem dient. Aber nicht nur Versagensängste und die tägliche Plage im Umgang mit Geräten werden als schmerzliche Erfahrung der Moderne empfunden. Der Benutzer ist zudem einem Generalverdacht der Hersteller ausgesetzt. Er ist ein potentieller Störenfried. Diese Botschaft vermittelt schon die Bedienungsanleitung und spätere Disputationen beim Umtausch der Ware. Der Benutzer verendet in einer „Zirkulation von Schuldzuweisungen und Unterstellungen“, wie es Jasmin Meerhof in ihrem Buch „Read me! Eine Kultur- und Mediengeschichte der Bedienungsanleitung“ ausdrückt.

Schuldig ist nicht das Gerät, sondern der Benutzer, dieser Idiot. Die Über- und Unterordnung zwischen Gerät und Benutzer werden über zahlreiche Ge- und Verbote, Vorsichtsmaßnahmen und Hinweise zur Garantie zementiert. Das Ganze ist eine Demonstration der Macht und das Scheitern am Gerät soll uns in die Rolle der Demut pressen. Glücksmomente, oder Flow, wie es der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi bezeichnet, entstehen in dieser Konstellation nicht. Alle Bewegungsabläufe werden im Flowzustand in harmonischer Einheit durch Körper und Geist mühelos erledigt. Ob Kommunikationsdienste, Endgeräte oder Serviceprovider: Die Auswahl ist unüberschaubar, die Bedienung unübersichtlich und kompliziert.

Auf der Suche nach der echten Einfachheit

Bei Apple ist das nicht so. Das belegt die Steve Jobs-Biografie von Walter Isaacson eindrucksvoll. So skizzierte Jobs 1983 auf der International Design Conference in Apsen seine Begeisterung für den Bauhaus-Stil. „Wir wollen, dass unsere Hightech-Produkte auch so aussehen, und dafür bekommen sie ein Gehäuse mit klaren Linien. Sie werden kompakt sein, weiß und ansprechend, so wie die Elektronik von Braun.“ Wiederholt betonte er, wie klar und einfach die Apple Produkte gestaltet sein würden. „Wir machen sie hell und rein und so, dass man sie gleich als Hightech-Geräte erkennt, anstelle dieses schweren industriellen Looks, schwarz und immer schwärzer, wie bei Sony.“

Das sei der Ansatz: sehr einfach, und man wolle das Niveau erreichen, wie es im Museum of Modern Art repräsentiert ist. „Unser Managementstil, das Produktdesign, die Werbung, alles ist auf Einfachheit zugeschnitten, auf echte Einfachheit.“ Das Mantra von Apple blieb immer das der ersten Broschüre: „Einfachheit ist die höchste Form der Raffinesse.“ Am wichtigsten sei der Design-Ansatz, dass alles unmittelbar einleuchtend ist. Das macht auch klar, warum Apple mit iPod, iPhone und iPad der Wegbereiter für das mobile Internet und die nächste Stufe der digitalen Revolution war und ist – im Gegensatz zu den Schwergewichten der Telekommunikation und der Informationstechnologie: „Jobs befand sich immer an der Schnittstelle von Kultur und Technik“, schreibt Isaacson. „Am Ende vieler seiner Produktpräsentationen zeigte Jobs eine einfache Folie: das Bild eines Straßenschildes, das die Kreuzung der Straßen ‚Kunst‘ und ‚Technik‘ darstellte. Genau dort war sein Platz, und deswegen konnte er schon früh so etwas wie den digitalen Knotenpunkt entwerfen.“

Das die Servicebranche schwächelt, die Herausforderungen der Netzökonomie zu stemmen, habe ich ja bereits mehrfach thematisiert. Nun zieht netzwertig mit einer Story nach, die ich übrigens auch in dem Expertengespräch in Frankfurt zum Thema „Von der Warteschleife in die vernetzte Serviceökonomie“ zur Sprache gebracht habe.

CALLCENTER ADÉ: Wie die Taxi-Branche auf myTaxi reagiert.

„Mit myTaxi ersparen sich Fahrgäste den Anruf bei der Taxivermittlung. Stattdessen können sie in wenigen Schritten über die mobile App ein Taxi bestellen, die dank GPS-Ermittlung auch ganz genau weiß, wo die Abholung geschehen soll. Fahrer zahlen pro vermittelter Fahrt 0,79 Euro (in Wien 0,99 Euro) an Intelligent Apps, eine Monatsgebühr fällt nicht an. Während die Attraktivität von myTaxi für Fahrer von der jeweiligen Stadt, der dortigen Verbreitung der App bei Verbrauchern sowie von den Gebühren der Taxizentralen abhängig ist, stellt die Anwendung für Fahrgäste einen Segen dar, zumal der Nutzwert von myTaxi mit jeder weiteren verfügbaren Region steigt. Die Funkzentralen sehen in myTaxi nicht überraschend eine Bedrohung. Denn weil die Taxi-Bestellung über das Smartphone deutlich bequemer ist, schneller geht, eine ungefähre Fahrpreisinformation im Voraus beinhaltet und man sich die Angabe einer Adresse oder die Beschreibung des Standortes spart, ist die mobile App deutlich besser zur Befriedigung der Kundenbedürfnisse geeignet als das bisherige telefonische Verfahren“, schreibt netzwertig.

Und statt sich auf die Suche nach dem perfekten iService zu begeben, reagieren Teile der Taxibranche wie einige Hinterwälder in der Call Center-Szene:

„Einige Taxizentralen versuchen, die neue Konkurrenz durch juristische Anfeindungen oder andere fragwürdige, innovationsfeindliche Attacken an der weiteren Expansion zu hindern. Bei heise online ist von einem aktuellen Fall zu lesen, bei dem zwei Wiener Funkzentralen Taxiunternehmen, die gleichzeitig myTaxi zur Kundenakquise einsetzen, mit der Kündigung drohen. Angeblich sollen von mit den Fahrern von über die App gebuchten Taxis Konflikte vom Zaun gebrochen worden sein, damit man sie anschließend von den Services der Funkzentrale (momentan noch immer die Existenzgrundlage für die meisten Fahrer) abschneiden konnte“, so netzwertig.

So werden sich die Taxi-Gichtlinge aber nicht aus der Affäre ziehen können.

Siehe auch:

Drückermethoden gegen Taxi-Apps.

Mittelmaß oder iService: Call Center und die Stunde der Wahrheit.

Das iPad-Zeitalter – Warum sich Computerhasser an den Produkten von Apple ergötzen.

Apple nicht mit schlechten Birnen vergleichen: Integrierte Konzepte haben nichts mit Geschlossenheit zu tun.

Berater und die Schweißspur wundergläubiger Manager

Zwei Welten prallen im Netz aufeinander: Bürokratie und hierarchisches Management gegen verspieltes Experimentieren. Unternehmen, für die ein Twitteraccount schon die Zeitenwende bedeutet, werden daran verzweifeln.

Kollabieren oder Kollaborieren ist im Management heutzutage nicht nur eine Frage der Nervenstärke, sondern hängt auch vom intelligenten Einsatz von Technik ab. Acht von zehn Führungskräften hadern nach einer Studie der Unternehmensberatung Mind Business mit der technischen Infrastruktur ihres eigenen Unternehmens bei der Bewältigung der täglichen Arbeit. Fast jeder Entscheider in Großunternehmen und Dienstleistungsbranchen bewertet den Büroalltag stressiger. Die Erledigung der wichtigsten Aufgaben kommt zu kurz. Knapp 90 Prozent geben zu Protokoll, wie wichtig eine Entschlackung der eigenen Organisation wäre. Schicksalhaft ist diese Gemengelage allerdings nicht, wie der Zukunftsforscher Alvin Toffler bereits in den 1970er-Jahren prognostizierte. Denn die klassischen Organisationsformen als Ursache der betrieblichen Ärgernisse lösen sich auf. Schon vor vierzig Jahren beobachtete der Gesellschaftsfuturologe eine Tendenz, die das System der Bürokratie immer mehr herausfordert und schließlich ganz ersetzen wird: Toffler sprach von der „Adhocratie“. Bürokratien eignen sich bestens für Aufgaben, bei denen viele Mitarbeiter ohne Spezialausbildung Routinearbeiten ausführen. Es sind statische Gebilde und dauerhafte Strukturen mit einem einfachen hierarchischen Aufbau aus dem Maschinenzeitalter. Adhocratien verlangen völlig andere Führungsmechanismen und Technologien.

Aktion gleich Reaktion

Das langsame Tempo des Maschinenzeitalters gewährleistete eine Verzögerung der Reaktionen über beträchtliche Zeiträume hinaus. „Heute erfolgen Aktion und Reaktion fast gleichzeitig. Wir leben jetzt gewissermaßen mythisch und ganzheitlich, aber wir denken weiter in den alten Kategorien der Raum- und Zeiteinheiten des vorelektrischen Zeitalters“, so Marshall McLuhan in seinem legendären Opus „Die magischen Kanäle“.

Entsprechend steigt die Unzufriedenheit. Echtzeit-Management kann man nicht mehr mit den Methoden des Fordismus bewältigen. Es gehe nicht mehr darum, herauszufinden, wie sich das Flüchtige besser zementieren lässt, kommentiert die Publizistin Kathrin Passig. Wir müssten “kompetenter im Umgang” mit veränderlichen Konstellationen werden, anstatt napfschneckengleich an immer denselben Stellen klebenzubleiben. Dabei reiche es aber nicht aus, sich das Etikett Enterprise 2.0 ans Firmenschild zu heften, warnt der Berater Alexander Greisle. Es gehe um nichts weniger als „einen Kulturshift“. Vorgesetzte müssten Offenheit lernen, Kontrolle abgeben, Ergebnisse auch aushalten: „Hat ein Unternehmen eine ausgeprägte Präsenz- und Meetingkultur, nützt es nichts, einfach Technik reinzupacken und zu behaupten: Wir sind offen für Digital Natives.“

Wer vernetztes Arbeiten erwartet, das Verschwimmen räumlicher und zeitlicher Grenzen, den Einsatz kollaborativer Werkzeuge, der tut sich mit nine to five, Hierarchien und der klassischen Kaminkarriere schwer: Man spüre fast körperlich den Praxisschock junger Menschen, die mit der klassischen Welt des Managements konfrontiert werden. Organisationen, die das nicht verhindern können, verlieren hoffnungsvolle Talente und verspielen über kurz oder lang ihre Zukunftschancen. Deshalb brauchen Unternehmen ein „neues Betriebssystem, um besser zusammenzuarbeiten und Wert zu schöpfen – ohne altes Denken in starren Kommandostrukturen“, so das Plädoyer von Don Tapscott. Seine Forderung versteht der kanadische Unternehmer und Management-Professor als elementare Voraussetzung dafür, dass Unternehmen erfolgreich bleiben. Denn in Zeiten, in denen Twitter und Facebook Börsenkurse und Markenimage unmittelbar beeinflussen, müssen Unternehmen vor allem das Wechselspiel mit den sozialen Netzwerken beherrschen.

Kontrollierter Kontrollverlust

Wer sich als Unternehmen auf die Social-Media-Welt einlässt, sollte sich in allen Geschäftseinheiten vom Mythos der absoluten Kontrolle, Rationalität und Planbarkeit verabschieden. Es reicht nicht aus, für die Kulisse ein kleines Twitter-Team im Kundenservice zu bilden und alles andere beim Alten zu belassen. Damit wird man kläglich scheitern. Der amerikanische Organisationspsychologe James G. March plädiert für eine „Technologie der Torheit“. Er meint damit aber nicht Albernheit, sondern Verspieltheit, um Raum für Experimente zu schaffen. Organisationen kommen nicht ohne Wege aus, Dinge zu tun, für die sie keine guten Gründe haben. Es existiert in allen Entscheidungssituationen eine Menge Unsicherheit und Konfusion, die von den traditionellen Managementkonzepten und verstaubten BWL-Theorien ignoriert werden.

Klugheit im Durcheinander der Vernetzung speist sich nicht aus dem kümmerlichen Geist der liebwertesten Gichtlinge des Controllings. Wie man damit fertigwerden kann, beantwortete Marshall McLuhan mit Verweis auf eine Kurzgeschichte von Edgar Allen Poe. Dem Matrosen in Poes Abhandlung über den „Sturz in den Malstrom“ bleibt nichts anderes übrig: Er nutzt die Strömung des Wirbels gegen ihre eigene Gewalt. Man muss mit der Geschwindigkeit gehen können, um danach erst an jenen Stellen langsam zu werden, wo es sich lohnt. Das Internet ist nur eine Zumutung, wenn man versucht, es im Griff zu haben, so das Credo des Organisationspsychologen Peter Kruse.