Wie wissenschaftlich sind Management-„Modelle“? – Beispiel: Das Viable System Model (VSM) von #StaffordBeer #Kybernetik

Mal schauen, ob wir da auf Facebook eine wissenschaftstheoretische Debatte hinbekommen:

Ich möchte an dieser Stelle nicht noch mal die kybernetische Debatte führen (eigentlich wäre da eine Debatte auf Basis von Fakten schon sinnvoll – siehe Ergänzung unten). Da kennt Mark meine Schriften. Aber ein wissenschaftstheoretisches Interesse treibt mich schon um: Der Modell-Platonismus in der BWL, VWL und in der Managementliteratur. Die Einordnung der ML-Bücher in eine der Kategorien kann ich gar nicht so richtig vornehmen. In Freiheit und Verantwortung schreibt Mark folgendes: Anstelle der Falsifizierbarkeit (die beim VSM-„Modell“ nicht möglich ist), sollte die Wahrscheinlichkeit berechnet werden, ob eine noch untestbare Theorie (oder ein untestbares Modell, gs) zuverlässige Ergebnisse liefert.

„Leider hat sich bisher noch niemand an die Arbeit gemacht, die Wahrscheinlichkeit für das VSM zu berechnen – und ich werde wohl selber nicht mehr in diesem Leben die Bayessche Formel durchdringen.“

Warum sprichst Du dann noch von Modell oder von Theorie, lieber Mark? Wenn das Deine eigene Denk- und Begriffswelt erhöht, ist das ja prima. Bei mir ist es das Prinzip des Zettelkastens von Luhmann. Alles fein. Was aber ML schreibt, ist eine Immunisierungsstrategie.

Ich habe dazu gerade einen Buchbeitrag für einen Schumpeter-Sammelband verfasst.

Auszug: Was bleibt: Schumpeters Erkenntnis, dass eine exakte Ökonomie nicht möglich ist, auch wenn es die Modell-Platonisten der Mainstream-Ökonomik nicht wahrhaben wollen. Aufgrund der unendlich vielen Kombinationen von möglichen Einflüssen auf das menschliche Verhalten sind reale ökonomische Situationen niemals gleich. Es gibt zu viele Variablen, weil immer auch unvorhersagbares menschliches Verhalten eine Rolle spielt. Oder wie es Douglas North, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, im Hinblick auf Modellwelten der Ökonomik ausdrückt: „Der Preis der Präzision ist die Unfähigkeit, Fragen des realen Lebens zu behandeln“.

Und so präzise sind die ökonomischen Modelle gar nicht. Es sind häufig nur tautologische Aussagen, die sich einer empirischen Überprüfung (es muss kein Experiment sein, Mark) entziehen, kritisiert der Wissenschaftstheoretiker Hans Albert. Ein beliebtes Instrument für diese Immunisierungsstrategie ist die so genannte ceteris-paribus-Klausel.
„Wenn ein ökonomisches Gesetz unter Anwendung dieser Klausel formuliert wird, dann ist der mehr oder weniger offenkundige Zweck dieser Einschränkung der, dieses Gesetz vor Falsifikation zu schützen.“ Genau das macht ML auf Seite 152 von Freiheit und Verantwortung.

An einer Disputation zur Wissenschaftstheorie wäre ich sehr interessiert. Ist doch auch ein schönes Thema für die Fresenius Hochschule Lutz Becker. Wir könnten doch mal ein Livestream-Kolloquium organisieren. Im Sommersemester 2019.

Kybernetik als Begriff zur Tarnung von militärischen Forschungen

Nun ja. Eine Frage zur Kybernetik könnte mir Mark vielleicht noch beantworten – auch das ohne Polemik: Der Mathematiker Norbert Wiener wird von ML als „Vater der Kybernetik“ benannt. Das stimmt aber nicht ganz. Der Erfinder ist das Mathematik-Genie John von Neumann: Bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe hatten sich für ihn Berechnungsaufgaben ergeben, die sich nur mit verbesserten Rechenmaschinen für Geschütz-Tabellen bewältigen ließen.

„Der hochrangige Geheimnisträger, wissenschaftliche Berater fast aller geheimen Militärprojekte der USA im Zweiten Weltkrieg, durfte aber diesen Zusammenhang auf keinen Fall preisgeben. Schon deshalb musste er die gefundene Maschine tarnen. Dazu verhalf ihm die Metaphorik eines Diskurses, der später als Kybernetik bekannt wurde“, schreibt Wolfgang Hagen in dem Band Cybernetics – Kybernetik, The Macy-Conferences 1946 – 1953.

John von Neumann initiiert und fördert diese Camouflage umso mehr, als die wissenschaftsübergreifende Ausrichtung der Kybernetik dem Computer und den gewaltigen Investitionen zu seinem Bau eine ideale Friedenslegitimation bietet. Von Neumann konnte mit dieser Tarnung in der Nachkriegszeit sein Ziel der Super-Bombe ungestört und erfolgreich fortsetzen.

Generalisierung einer „Theorie“, die auf Täuschung beruht

Was er unterschätzte, war die Eigendynamik der kybernetischen Denker, die an einer Generalisierung der mathematischen Berechnungen für selbstkorrigierende Automaten arbeiteten. Zu ihnen zählte Norbert Wiener.

„Die Kybernetik im Wienerschen Sinne propagiert die These, dass in einem ganz konkreten Sinn alles, was Rückkopplung organisiert, als Medium begriffen werden kann. Kybernetik ist die erste Wissenschaft, die programmatisch darauf zählt, dass alles, was berechenbar ist, wie komplex es auch sei, in eine dem individuellen Menschen letztlich überlegene Hardware rückkoppelnder Maschinen gegossen werden könne“, führt Hagen aus.

Norbert Wiener war der bessere PR-Mann

Seinen Einspruch gegen die Kybernetik äußerte John von Neumann leider nur in persönlichen Gesprächen. Er bat seinen Freund Norbert Wiener in milden Worten, in öffentlichen Interviews alle Hinweise auf „reproductive potentialities of the machines of the future“ zu unterlassen. Leider verfügte von Neumann nicht über das Sendungsbewusstsein und die PR-Maschinerie seines Weggefährten:

„I have been quite virtuos and had no journalistic contacts whatever.“

Automatentheorie für die Konstruktivisten

Die psychophysikalischen Ableitungen der Kybernetiker lehnte von Neumann rigoros ab. In seiner eigenen Automatentheorie ging es ihm um ein auto-referentielles „Re-Entry“ des Messsystems in das gemessene System. Diese Integration des Messens ins Gemessene hat die Kybernetik später vorbehaltlos als auto-referentielle Rückeinführung des Beobachters in das beobachtete System verallgemeinert. Alle Systemversuche des Konstruktivismus von Glaserfeld, Bateson, Luhmann und Co. sind von diesem Fundament der Quantenmechanik geprägt. Die Interventionen von John von Neumann werden dabei schlichtweg ignoriert. Übertragungen auf das menschliche Nervensystem seien schlichtweg unsinnig: „Whatever the system is, it cannot fail to differ considerably from what we consciously and explicitly consider as mathematics.“

Zum Schluss hilft nur Spiritualität

Die Camouflage der Kybernetik konnte John von Neumann zu Lebzeiten nicht mehr enttarnen. Quantenmechanisch kann man selbstreproduzierende Systeme konstruieren. Deren logische Grundlage als Messsystem scheitert grundlegend, wenn man sie auf die Gehirn-Physiologie überträgt.

Das gilt auch für die sogenannte Kybernetik zweiter Ordnung. Sie schwebt im luftleeren Raum, weil wir über die statistischen Gehirnfunktionen schlichtweg nichts wissen. Das funktioniert nur dann, wenn man die Kybernetik zweiter Ordnung im Kontext einer universellen Spiritualität propagiert, wie es explizit George Spencer-Brown praktiziert: Ein Universum gelangt zum Dasein, wenn ein Raum getrennt oder geteilt wird. Alles klar?

Für Berater und kybernetische Wissenschaftler ist das eine höchst amüsante Gemengelage wie beim Gottesbeweis. Wenn ich die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen kann, ist das der Beweis für die Existenz. Ein Zirkelschluss des Nichts, mit dem man aber weiterhin kräftig Geschäfte machen kann.

Liegt nun Wolfgang Hagen mit seinen wissenschaftshistorischen Recherchen falsch, lieber Mark?

Kybernetik oder: Generalisierung einer „Theorie“, die auf Täuschung beruht

Wenn Naturwissenschaftler und Mathematiker Ausflüge in sozial- oder geisteswissenschaftliche Disziplinen machen, als Börsengurus an die Wall Street gehen oder gar Aussagen über politische Fragen tätigen, kommt häufig mechanistischer Unfug heraus.

Beim Mathematik-Genie John von Neumann sieht das anders aus. Bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe hatten sich für ihn Berechnungsaufgaben ergeben, die sich nur mit verbesserten Rechenmaschinen für Geschütz-Tabellen bewältigen ließen.

„Der hochrangige Geheimnisträger, wissenschaftliche Berater fast aller geheimen Militärprojekte der USA im Zweiten Weltkrieg, durfte aber diesen Zusammenhang auf keinen Fall preisgeben. Schon deshalb musste er die gefundene Maschine tarnen. Dazu verhalf ihm die Metaphorik eines Diskurses, der später als Kybernetik bekannt wurde“, schreibt Wolfgang Hagen in dem Band Cybernetics – Kybernetik, The Macy-Conferences 1946 – 1953.

John von Neumann initiiert und fördert diese Camouflage umso mehr, als die wissenschaftsübergreifende Ausrichtung der Kybernetik dem Computer und den gewaltigen Investitionen zu seinem Bau eine ideale Friedenslegitimation bietet. Von Neumann konnte mit dieser Tarnung in der Nachkriegszeit sein Ziel der Super-Bombe ungestört und erfolgreich fortsetzen.

Was er unterschätzte, war die Eigendynamik der kybernetischen Denker, die an einer Generalisierung der mathematischen Berechnungen für selbstkorrigierende Automaten arbeiteten. Zu ihnen zählte Norbert Wiener.

„Die Kybernetik im Wienerschen Sinne propagiert die These, dass in einem ganz konkreten Sinn alles, was Rückkopplung organisiert, als Medium begriffen werden kann. Kybernetik ist die erste Wissenschaft, die programmatisch darauf zählt, dass alles, was berechenbar ist, wie komplex es auch sei, in eine dem individuellen Menschen letztlich überlegene Hardware rückkoppelnder Maschinen gegossen werden könne“, führt Hagen aus.

Norbert Wiener war der bessere PR-Mann

Seinen Einspruch gegen die Kybernetik äußerte John von Neumann leider nur in persönlichen Gesprächen. Er bat seinen Freund Norbert Wiener in milden Worten, in öffentlichen Interviews alle Hinweise auf „reproductive potentialities of the machines of the future“ zu unterlassen. Leider verfügte von Neumann nicht über das Sendungsbewusstsein und die PR-Maschinerie seines Weggefährten:

„I have been quite virtuos and had no journalistic contacts whatever.“

Automatentheorie für die Konstruktivisten

Die psychophysikalischen Ableitungen der Kybernetiker lehnte von Neumann rigoros ab. In seiner eigenen Automatentheorie ging es ihm um ein auto-referentielles „Re-Entry“ des Messsystems in das gemessene System. Diese Integration des Messens ins Gemessene hat die Kybernetik später vorbehaltlos als auto-referentielle Rückeinführung des Beobachters in das beobachtete System verallgemeinert. Alle Systemversuche des Konstruktivismus von Glaserfeld, Bateson, Luhmann und Co. sind von diesem Fundament der Quantenmechanik geprägt. Die Interventionen von John von Neumann werden dabei schlichtweg ignoriert. Übertragungen auf das menschliche Nervensystem seien schlichtweg unsinnig:

„Whatever the system is, it cannot fail to differ considerably from what we consciously and explicitly consider as mathematics.“

Zum Schluss hilft nur Spiritualität

Die Camouflage der Kybernetik konnte John von Neumann zu Lebzeiten nicht mehr enttarnen. Quantenmechanisch kann man selbstreproduzierende Systeme konstruieren. Deren logische Grundlage als Messsystem scheitert grundlegend, wenn man sie auf die Gehirn-Physiologie überträgt.

Das gilt auch für die sogenannte Kybernetik zweiter Ordnung. Sie schwebt im luftleeren Raum, weil wir über die statistischen Gehirnfunktionen schlichtweg nichts wissen. Das funktioniert nur dann, wenn man die Kybernetik zweiter Ordnung im Kontext einer universellen Spiritualität propagiert, wie es explizit George Spencer-Brown praktiziert: Ein Universum gelangt zum Dasein, wenn ein Raum getrennt oder geteilt wird. Alles klar?

Soll ich in ersatzreligiöser Anbetung auf die Knie gehen vor den Thesen eines Mannes wie Stafford Beer, der von Selbstregulation und diskreter Steuerung redete und begeistert war von bio-mathematischen Experimenten mit Wasserflöhen, die von Kybernetikern mit Eisenspänen gefüttert wurden? Völlig überraschend lassen sich die Bewegungen der hüpfenden Kleintierchen in metallisierten Schwärmen mit einem Magneten an einen gewünschten Ort leiten, um sie dort wieder ihrer Eigendynamik zu überlassen. Kybernetiker werten das als eine selbstregulierende Dynamik des Schwarms, die man einer zweckgerichteten Maschine unterordnet. Für Stafford Beer werden durch diese Möglichkeiten des Umgangs mit natürlichen Körpern vollkommen andersartige Verkettungen vorstellbar.

Parasitäre Strategien

So könnten Manager auf die Selbstregulierung zugreifen und eine zweckgerichtete Lenkung bewirken. Der Manager stülpt das Interesse seines Unternehmens in einer parasitären Strategie der organischen Selbstregulierung über. Funktioniert die Verbindung als Maschine, wird der Organismus in seinem Gleichgewicht kaum beeinträchtigt und bleibt seinem Parasiten lange Zeit erhalten. Leider mutiert der selbstregulierende Organismus so weit, dass das parasitäre Unternehmen nicht mehr den erwünschten Nutzen aus ihm ziehen kann. Der Wasserfloh geht an den Eisenspänen zugrunde.

Worthülsen auf Wasserfloh-Niveau

Egal, welche Begriffskaskaden Stafford Beer und seine Jünger nachlieferten, etwa die Homöostase zur Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes eines offenen sowie dynamischen Systems „durch einen regelnden Prozess“, ob sie noch eine Portion Ethos in ihre Zirkelschluss-Aussagen draufpacken oder aus Arschloch-Unternehmen vernünftige Organisationen stricken wollen, es sind Modellschreiner auf Wasserfloh-Niveau. Ihren Worthülsen fehlen schlüssige und überprüfbare Theorien und saubere Beweisführungen. Jede Annahme steht unter Voraussetzungen, die ihrerseits wieder hinterfragt werden müssen.

Disputation und Rechtfertigung

Auch das Geschäft der Kybernetiker, die sich in der Managementlehre austoben, Menschen und sogar Staaten regulieren wollen oder gar sozialwissenschaftliche Ausflüge unternehmen, steht unter der Bedingung der Rechtfertigung. Mit Demut kann sich eine Disputation nicht entfalten (die ist von mir mal verlangt worden nach einem Streitgespräch). Wer das verlangt, sollte häufiger den Gottesdienst besuchen. Ich nehme mir die Freiheit, Geistesgrößen wie Stafford Beer oder den Google-Chefdenker Ray Kurzweil unter die Lupe zu nehmen. So erklärt Kurzweil Eingriffe in den menschlichen Geist für wünschenswert, weil dadurch Charakterfehler behoben und Leistungssteigerungen ermöglicht werden könnten. Klingt irgendwie nach der Psychotherapie im Zukunftsroman „Clockwork Orange“ von Anthony Burgess. Es ist an der Zeit, solche Steuerungsheinis in der Öffentlichkeit mit einer kritischen Debatte zu konfrontieren. Helfen könnten paradoxe Interventionen: Steuerungssysteme entlarven, so dass ihre Modelle ins Leere laufen. Systeme mit Daten zu scheißen, so dass am Ende falsche Muster rausspringen. Mein eigenes Verhalten kann dafür sorgen, dass das System durch die Aufdeckung der dahinter stehenden Logik nicht mehr funktioniert – ganz ohne Demut.

Cybernetics – Kybernetik: Generalisierung einer „Theorie“, die auf Täuschung beruht

Norbert Wiener, Mathematiker und "Vater der Kybernetik"

Wenn Naturwissenschaftler und Mathematiker Ausflüge in sozial- oder geisteswissenschaftliche Disziplinen machen, als Börsengurus an die Wall Street gehen oder gar Aussagen über politische Fragen tätigen, kommt häufig mechanistischer Unfug heraus.

Beim Mathematik-Genie John von Neumann sieht das anders aus. Bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe hatten sich für ihn Berechnungsaufgaben ergeben, die sich nur mit verbesserten Rechenmaschinen für Geschütz-Tabellen bewältigen ließen.

„Der hochrangige Geheimnisträger, wissenschaftliche Berater fast aller geheimen Militärprojekte der USA im Zweiten Weltkrieg, durfte aber diesen Zusammenhang auf keinen Fall preisgeben. Schon deshalb musste er die gefundene Maschine tarnen. Dazu verhalf ihm die Metaphorik eines Diskurses, der später als Kybernetik bekannt wurde“, schreibt Wolfgang Hagen in dem Band Cybernetics – Kybernetik, The Macy-Conferences 1946 – 1953.

John von Neumann initiiert und fördert diese Camouflage umso mehr, als die wissenschaftsübergreifende Ausrichtung der Kybernetik dem Computer und den gewaltigen Investitionen zu seinem Bau eine ideale Friedenslegitimation bietet. Von Neumann konnte mit dieser Tarnung in der Nachkriegszeit sein Ziel der Super-Bombe ungestört und erfolgreich fortsetzen.

Was er unterschätzte, war die Eigendynamik der kybernetischen Denker, die an einer Generalisierung der mathematischen Berechnungen für selbstkorrigierende Automaten arbeiteten. Zu ihnen zählte Norbert Wiener.

„Die Kybernetik im Wienerschen Sinne propagiert die These, dass in einem ganz konkreten Sinn alles, was Rückkopplung organisiert, als Medium begriffen werden kann. Kybernetik ist die erste Wissenschaft, die programmatisch darauf zählt, dass alles, was berechenbar ist, wie komplex es auch sei, in eine dem individuellen Menschen letztlich überlegene Hardware rückkoppelnder Maschinen gegossen werden könne“, führt Hagen aus.

Norbert Wiener war der bessere PR-Mann

Seinen Einspruch gegen die Kybernetik äußerte John von Neumann leider nur in persönlichen Gesprächen. Er bat seinen Freund Norbert Wiener in milden Worten, in öffentlichen Interviews alle Hinweise auf „reproductive potentialities of the machines of the future“ zu unterlassen. Leider verfügte von Neumann nicht über das Sendungsbewusstsein und die PR-Maschinerie seines Weggefährten:

„I have been quite virtuos and had no journalistic contacts whatever.“

Automatentheorie für die Konstruktivisten

Die psychophysikalischen Ableitungen der Kybernetiker lehnte von Neumann rigoros ab. In seiner eigenen Automatentheorie ging es ihm um ein auto-referentielles „Re-Entry“ des Messsystems in das gemessene System. Diese Integration des Messens ins Gemessene hat die Kybernetik später vorbehaltlos als auto-referentielle Rückeinführung des Beobachters in das beobachtete System verallgemeinert. Alle Systemversuche des Konstruktivismus von Glaserfeld, Bateson, Luhmann und Co. sind von diesem Fundament der Quantenmechanik geprägt. Die Interventionen von John von Neumann werden dabei schlichtweg ignoriert. Übertragungen auf das menschliche Nervensystem seien schlichtweg unsinnig:

„Whatever the system is, it cannot fail to differ considerably from what we consciously and explicitly consider as mathematics.“

Zum Schluss hilft nur Spiritualität

Die Camouflage der Kybernetik konnte John von Neumann zu Lebzeiten nicht mehr enttarnen. Quantenmechanisch kann man selbstreproduzierende Systeme konstruieren. Deren logische Grundlage als Messsystem scheitert grundlegend, wenn man sie auf die Gehirn-Physiologie überträgt.

Das gilt auch für die sogenannte Kybernetik zweiter Ordnung. Sie schwebt im luftleeren Raum, weil wir über die statistischen Gehirnfunktionen schlichtweg nichts wissen. Das funktioniert nur dann, wenn man die Kybernetik zweiter Ordnung im Kontext einer universellen Spiritualität propagiert, wie es explizit George Spencer-Brown praktiziert: Ein Universum gelangt zum Dasein, wenn ein Raum getrennt oder geteilt wird. Alles klar?

Für Berater und kybernetische Wissenschaftler ist das eine höchst amüsante Gemengelage wie beim Gottesbeweis. Wenn ich die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen kann, ist das der Beweis für die Existenz. Ein Zirkelschluss des Nichts, mit dem man aber weiterhin kräftig Geschäfte machen kann.

Siehe auch:

Paradoxe Interventionen gegen Steuerungsobsessionen: Egal, welche Begriffskaskaden Stafford Beer und seine Jünger nachlieferten, etwa die Homöostase zur Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes eines offenen sowie dynamischen Systems „durch einen regelnden Prozess“, ob sie noch eine Portion Ethos in ihre Zirkelschluss-Aussagen draufpacken oder aus Arschloch-Unternehmen vernünftige Organisationen stricken wollen, es sind Modellschreiner auf Wasserfloh-Niveau. Ihren Worthülsen fehlen schlüssige und überprüfbare Theorien und saubere Beweisführungen. Jede Annahme steht unter Voraussetzungen, die ihrerseits wieder hinterfragt werden müssen.

Von homoöstatischen Lötkolben-Propheten zur Kunst des kybernetischen Wortschmiedens

Kybernetik im Krieg
Kybernetik im Krieg

Egal, wie man es dreht und wendet, alle Protagonisten, die sich um den Begriff der Kybernetik versammelten, sind als Techniker, Ingenieure, Mathematiker und Physiker von militärischen Aufträgen geprägt sowie angetrieben worden. Die „Kybernetik“ ging aus dem Krieg hervor und endete bei Heilsversprechen für die Maschinenwelt. „Oft finanzierte der amerikanische Verteidigungsapparat diese grandiosen Visionen mit großzügigen Summen“, schreibt Thomas Rid in seinem sehr lesenswerten Opus „Maschinendämmerung – Eine kurze Geschichte der Kybernetik“, erschienen im Propyläen-Verlag.

Maschinendämmerung

Im Zweiten Weltkrieg und in der frühen Phase des Kalten Krieges waren Computer und Steuerungssysteme noch primitiv. Entsprechend euphorisch wurden die Versprechungen der Kybernetiker aufgenommen. Es war eher ein Aufstieg von Mythen. Die kybernetischen Geschichtenerzähler fesselten in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur Ingenieure, sondern auch ein breites Spektrum an Wissenschaftlern, Gelehrten, Künstlern, Science Ficton-Autoren, Scharlatanen und Selbsthilfe-Gurus. Was als Steuerungstechnik startete, mutierte zu Werkzeugen der Befreiung und Selbstverwirklichung. Einer der umtriebigsten Schöpfer war Ross Ashby mit seinem niedlichen Homoöostaten, der sanft vor sich hin klickte, um zu entscheiden, wie er Störungen in seiner Umwelt am besten überwinden und zu einem eleganten Gleichgewicht zurückfinden konnte.

„Seine Maschine, glaubte Ashby, sei auf dem englischen Land wirklich zum Leben erwacht“, so Rid.

Irgendwann schlug die Logik von der Vermenschlichung von Maschinen um:

„Wenn es möglich war, Maschinen in menschlichen Begriffen zu denken, dann war es auch möglich, den Menschen in mechanischen Begriffen zu denken“, führt Rid aus.

Das Leben sollte durch Mechanik nicht nur reproduziert, sondern durch Mechanik verbessert werden. Was von Ashby mit Bombensteuerungs-Schaltersätzen der Royal Air Force zusammen gelötet wurde, deutete die Hippie-Bewegung zu Maschinen voller Liebe und Güte um zur Aufrechterhaltung des gegenkulturellen Gleichgewichts der ganzen Erde. Bekannteste Beispiele sind der Whole Earth Catalog von Stewart Brands und die esoterische Semantik-Brühe von Gregory Bateson, der von den Ashby-Schalttürmen in der Ästhetik der legendären Fernsehserie Raumpatrouille Orion förmlich elektrisiert wurde.

In den vergangenen 70 Jahren entstand durch die homoöstatischen Lötkolben-Propheten eine neue Disziplin: Die Kunst des kybernetischen Wortschmiedens. Die Initialjargon-Sprecher findet man in Sekten, Beratungshäusern und sogar in der NSA. Allesamt sind beseelt von der Idee der energiegeladenen Rückkopplungsschleifen. Aber selbst die kybernetische Kunstsprache kann nicht den Blick auf die peinliche Dürftigkeit des Inhalts verstellen. Selbst in ihren Rollen als Maschinisten sind Kybernetiker wie Norbert Wiener nicht ganz so erfolgreich gewesen. So versuchte Wiener vorherzusagen, wie sich das von Pilot und Fluggerät gebildete kybernetische System in den nächsten zwanzig Sekunden unter Stress verhalten würde – er scheiterte.

Ist ja nicht schlimm.

Siehe auch: Wenn aus Camouflage Wissenschaft wird – Nachbetrachtungen zur Kybernetik

Zur Kunst des kybernetischen Wortschmiedens passt auch: KybernEthik.

Oder auch: Kybernetisch-bionisch-fraktale Reflexe

Blinder Fleck zweiter Ordnung – Heinz von Foerster entdeckt das Management

Heinz von Foerster
Heinz von Foerster

Über die zweifelhaften kybernetischen Ableitungen von Mathematikern und Naturwissenschaftlern in die Sphäre der Sozial- und Geisteswissenschaften habe ich mich nochmals in meiner Netzpiloten-Kolumne in einer Re-Replik geäußert.

Aus Platzgründen verzichtete ich auf die Ausflüge der Kybernetiker ins Management: Aber auch hier gibt es merkwürdige Erzählungen. Etwa bei Heinz von Foerster. Er stieß Anfang der siebziger Jahre auf die Frage des BEOBACHTERS und das Problem des Blinden Flecks.

Der blinde Fleck im Gesichtsfeld des Menschen resultiert daraus, dass sich an einer Stelle der Netzhaut, wo sich die Nervenfasern zum Sehnerv bündeln, keine Rezeptorzellen befinden. So kann es passieren, dass wir etwas übersehen oder gar Dinge wahrnehmen, die sich als optische Täuschung herausstellen. Was biologisch leicht nachzuweisen ist, bläst nun Heinz von Foerster zu einer wilden Gesellschaftstheorie auf. Der blinde Fleck führe zu einem unbewussten Verhalten. Deshalb bedarf es eines weiteren Beobachters. Erst durch die Beobachtung des Beobachters werde deutlich, was der Beobachtende nicht sieht. Der einzige Ausweg sei zu lernen, mit dem blinden Fleck zu leben:

„Wenn ich nicht sehe, dass ich blind bin, dann bin ich blind; wenn ich aber sehe, dass ich blind bin, dann sehe ich.“

Mit der Erkenntnis der eigenen Blindheit formiert die Kybernetik der Kybernetik die Ebene der Beobachtung beobachtender Systeme und ersäuft sich in netten Geschichten – Heinz von Foerster war ein guter Märchenonkel. Was liegt da näher, als auch mal ins Management abzudriften und den Manager in die kybernetische Modellwelt einzutauchen. Schließlich verfügt man über eine Allzweckwaffe. Was von Foerster entwickelt, klingt auf den ersten Blick äußerst sympathisch. So will er Führungskräfte von vertikalen Machern und Befehlsgebern zu „Verstärkern“ sowie „Pflegern“ eines sich selbst organisierenden Systems (da ist er wieder, der kybernetische Automat) wandeln.

Von Foerster sieht die Hierarchie als eine wesentliche Blockade der unterdrückten Leistung. An die Stelle der Herrschaft der Manager oder Chefs sollte deshalb die Heterarchie treten:

„Dieser Begriff war zuerst von Warren McCulloch im Zusammenhang mit der Organisation des Nervensystems verwendet worden, um die Redundanz des möglichen Befehls zu beschreiben. Ein Mensch denkt langsamer und weniger, wenn er damit rechnet, eine Anweisung, einen Befehl zu erhalten. Diese freiheitlich anmutende Einsicht legt von Foerster nun den Managern ans Herz, um ihnen zu erklären, wie viel Energie ihrer Angestellten sie in einer Top-down-Kommunikation verschwenden“, erläutert Hans-Christian Dany in dem sehr lesenswerten Buch „Morgen werde ich Idiot: Kybernetik und Kontrolle“.

Vor allem würden die Führungskräfte den Angestellten keine Gelegenheiten geben, von unten nach oben zu berichten. Das Management bliebe blind (da ist er, der blinde Fleck), solange es über keinen Informationskanal verfüge, der es über seine blinden Flecken aufkläre.

„Deshalb solle das Management die Angestellten an der Steuerung teilhaben lassen, um sie als beobachtete Beobachter effizienter nutzen zu können. Von Foerster illustriert die Effizienz der dezentral beobachtenden Selbstführung und gesteigerten Identifikation mit dem Unternehmen an dem gleichen Beispiel, das schon McCulloch für die Heterarchie im Nervensystem wählte“, führt Dany aus.

In der flachen Hierarchie erhöhe sich die Sichtbarkeit. Die unsichtbare Hand höre aber nicht auf, Organisator zu sein, genauso wenig, wie sich Unternehmen in ein unabhängiges und offenes System verwandeln, was die Dynamik der Selbstorganisation eigentlich erfordern würde.

„Was beschworen wird, ist eine Pseudo-Selbstorganisation. In erster Linie sollen die Angestellten ihre Disziplinierung auf der angenommenen Augenhöhe übernehmen – ihre Selbstführung soll für die Interessen des Unternehmens mobilisiert werden. An der langen Leine gelenkter Selbstkontrolle wird ihnen die Illusion von Teilhabe vorgespiegelt. Jeder wird zum Schmied des gemeinsamen Glücks verklärt. Teilgehabt wird an den Freuden der Pflicht, meist ohne dass sich Wesentliches an der Verteilung der Produktionsmittel ändert. Werden die Angestellten, die jetzt immer öfter Mitarbeiter heißen, am Kapital des Unternehmens beteiligt, dann so, dass sie das Systemprinzip des Unternehmens stabilisieren“, erläutert Dany.

Es habe nicht lange gedauert, bis die eifrigen Heinz von Foerster-Jünger die gelenkte Pseudo-Selbstorganisation mit Parolen wie „Jeder muss zum Unternehmer im Unternehmen werden“ in die Welt posaunten. Wer A sagt, müsste auch B sagen und entsprechend Kontrolle sowie Macht abgeben.

Ein Heer von Managementberatern, Umstrukturierungsexperten und neuen Unternehmern plädiert zwar für flache Hierarchien, Eigenverantwortlichkeit, Innovation und Flexibilität – ohne die Machtstatik auch nur in Ansätzen anzutasten. Wir erleben flache Hierarchien ohne Freiheitsgewinn.

Um das zu erreichen, müssen wir die sanften Anstubsverfahren dechiffrieren. Deshalb mein Plädoyer für paradoxe Interventionen – extern und intern.

Wir brauchen also keine Laberrituale über selbstorganisierende Systeme zweiter Ordnung, sondern institutionelle Regeln, die verhindern, dass machtsüchtige und inkompetente Manager/Unternehmer allzu großen Schaden anrichten.