Cybernetics – Kybernetik: Generalisierung einer „Theorie“, die auf Täuschung beruht

Norbert Wiener, Mathematiker und "Vater der Kybernetik"

Wenn Naturwissenschaftler und Mathematiker Ausflüge in sozial- oder geisteswissenschaftliche Disziplinen machen, als Börsengurus an die Wall Street gehen oder gar Aussagen über politische Fragen tätigen, kommt häufig mechanistischer Unfug heraus.

Beim Mathematik-Genie John von Neumann sieht das anders aus. Bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe hatten sich für ihn Berechnungsaufgaben ergeben, die sich nur mit verbesserten Rechenmaschinen für Geschütz-Tabellen bewältigen ließen.

„Der hochrangige Geheimnisträger, wissenschaftliche Berater fast aller geheimen Militärprojekte der USA im Zweiten Weltkrieg, durfte aber diesen Zusammenhang auf keinen Fall preisgeben. Schon deshalb musste er die gefundene Maschine tarnen. Dazu verhalf ihm die Metaphorik eines Diskurses, der später als Kybernetik bekannt wurde“, schreibt Wolfgang Hagen in dem Band Cybernetics – Kybernetik, The Macy-Conferences 1946 – 1953.

John von Neumann initiiert und fördert diese Camouflage umso mehr, als die wissenschaftsübergreifende Ausrichtung der Kybernetik dem Computer und den gewaltigen Investitionen zu seinem Bau eine ideale Friedenslegitimation bietet. Von Neumann konnte mit dieser Tarnung in der Nachkriegszeit sein Ziel der Super-Bombe ungestört und erfolgreich fortsetzen.

Was er unterschätzte, war die Eigendynamik der kybernetischen Denker, die an einer Generalisierung der mathematischen Berechnungen für selbstkorrigierende Automaten arbeiteten. Zu ihnen zählte Norbert Wiener.

„Die Kybernetik im Wienerschen Sinne propagiert die These, dass in einem ganz konkreten Sinn alles, was Rückkopplung organisiert, als Medium begriffen werden kann. Kybernetik ist die erste Wissenschaft, die programmatisch darauf zählt, dass alles, was berechenbar ist, wie komplex es auch sei, in eine dem individuellen Menschen letztlich überlegene Hardware rückkoppelnder Maschinen gegossen werden könne“, führt Hagen aus.

Norbert Wiener war der bessere PR-Mann

Seinen Einspruch gegen die Kybernetik äußerte John von Neumann leider nur in persönlichen Gesprächen. Er bat seinen Freund Norbert Wiener in milden Worten, in öffentlichen Interviews alle Hinweise auf „reproductive potentialities of the machines of the future“ zu unterlassen. Leider verfügte von Neumann nicht über das Sendungsbewusstsein und die PR-Maschinerie seines Weggefährten:

„I have been quite virtuos and had no journalistic contacts whatever.“

Automatentheorie für die Konstruktivisten

Die psychophysikalischen Ableitungen der Kybernetiker lehnte von Neumann rigoros ab. In seiner eigenen Automatentheorie ging es ihm um ein auto-referentielles „Re-Entry“ des Messsystems in das gemessene System. Diese Integration des Messens ins Gemessene hat die Kybernetik später vorbehaltlos als auto-referentielle Rückeinführung des Beobachters in das beobachtete System verallgemeinert. Alle Systemversuche des Konstruktivismus von Glaserfeld, Bateson, Luhmann und Co. sind von diesem Fundament der Quantenmechanik geprägt. Die Interventionen von John von Neumann werden dabei schlichtweg ignoriert. Übertragungen auf das menschliche Nervensystem seien schlichtweg unsinnig:

„Whatever the system is, it cannot fail to differ considerably from what we consciously and explicitly consider as mathematics.“

Zum Schluss hilft nur Spiritualität

Die Camouflage der Kybernetik konnte John von Neumann zu Lebzeiten nicht mehr enttarnen. Quantenmechanisch kann man selbstreproduzierende Systeme konstruieren. Deren logische Grundlage als Messsystem scheitert grundlegend, wenn man sie auf die Gehirn-Physiologie überträgt.

Das gilt auch für die sogenannte Kybernetik zweiter Ordnung. Sie schwebt im luftleeren Raum, weil wir über die statistischen Gehirnfunktionen schlichtweg nichts wissen. Das funktioniert nur dann, wenn man die Kybernetik zweiter Ordnung im Kontext einer universellen Spiritualität propagiert, wie es explizit George Spencer-Brown praktiziert: Ein Universum gelangt zum Dasein, wenn ein Raum getrennt oder geteilt wird. Alles klar?

Für Berater und kybernetische Wissenschaftler ist das eine höchst amüsante Gemengelage wie beim Gottesbeweis. Wenn ich die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen kann, ist das der Beweis für die Existenz. Ein Zirkelschluss des Nichts, mit dem man aber weiterhin kräftig Geschäfte machen kann.

Siehe auch:

Paradoxe Interventionen gegen Steuerungsobsessionen: Egal, welche Begriffskaskaden Stafford Beer und seine Jünger nachlieferten, etwa die Homöostase zur Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes eines offenen sowie dynamischen Systems „durch einen regelnden Prozess“, ob sie noch eine Portion Ethos in ihre Zirkelschluss-Aussagen draufpacken oder aus Arschloch-Unternehmen vernünftige Organisationen stricken wollen, es sind Modellschreiner auf Wasserfloh-Niveau. Ihren Worthülsen fehlen schlüssige und überprüfbare Theorien und saubere Beweisführungen. Jede Annahme steht unter Voraussetzungen, die ihrerseits wieder hinterfragt werden müssen.

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Von homoöstatischen Lötkolben-Propheten zur Kunst des kybernetischen Wortschmiedens

Kybernetik im Krieg
Kybernetik im Krieg

Egal, wie man es dreht und wendet, alle Protagonisten, die sich um den Begriff der Kybernetik versammelten, sind als Techniker, Ingenieure, Mathematiker und Physiker von militärischen Aufträgen geprägt sowie angetrieben worden. Die „Kybernetik“ ging aus dem Krieg hervor und endete bei Heilsversprechen für die Maschinenwelt. „Oft finanzierte der amerikanische Verteidigungsapparat diese grandiosen Visionen mit großzügigen Summen“, schreibt Thomas Rid in seinem sehr lesenswerten Opus „Maschinendämmerung – Eine kurze Geschichte der Kybernetik“, erschienen im Propyläen-Verlag.

Maschinendämmerung

Im Zweiten Weltkrieg und in der frühen Phase des Kalten Krieges waren Computer und Steuerungssysteme noch primitiv. Entsprechend euphorisch wurden die Versprechungen der Kybernetiker aufgenommen. Es war eher ein Aufstieg von Mythen. Die kybernetischen Geschichtenerzähler fesselten in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur Ingenieure, sondern auch ein breites Spektrum an Wissenschaftlern, Gelehrten, Künstlern, Science Ficton-Autoren, Scharlatanen und Selbsthilfe-Gurus. Was als Steuerungstechnik startete, mutierte zu Werkzeugen der Befreiung und Selbstverwirklichung. Einer der umtriebigsten Schöpfer war Ross Ashby mit seinem niedlichen Homoöostaten, der sanft vor sich hin klickte, um zu entscheiden, wie er Störungen in seiner Umwelt am besten überwinden und zu einem eleganten Gleichgewicht zurückfinden konnte.

„Seine Maschine, glaubte Ashby, sei auf dem englischen Land wirklich zum Leben erwacht“, so Rid.

Irgendwann schlug die Logik von der Vermenschlichung von Maschinen um:

„Wenn es möglich war, Maschinen in menschlichen Begriffen zu denken, dann war es auch möglich, den Menschen in mechanischen Begriffen zu denken“, führt Rid aus.

Das Leben sollte durch Mechanik nicht nur reproduziert, sondern durch Mechanik verbessert werden. Was von Ashby mit Bombensteuerungs-Schaltersätzen der Royal Air Force zusammen gelötet wurde, deutete die Hippie-Bewegung zu Maschinen voller Liebe und Güte um zur Aufrechterhaltung des gegenkulturellen Gleichgewichts der ganzen Erde. Bekannteste Beispiele sind der Whole Earth Catalog von Stewart Brands und die esoterische Semantik-Brühe von Gregory Bateson, der von den Ashby-Schalttürmen in der Ästhetik der legendären Fernsehserie Raumpatrouille Orion förmlich elektrisiert wurde.

In den vergangenen 70 Jahren entstand durch die homoöstatischen Lötkolben-Propheten eine neue Disziplin: Die Kunst des kybernetischen Wortschmiedens. Die Initialjargon-Sprecher findet man in Sekten, Beratungshäusern und sogar in der NSA. Allesamt sind beseelt von der Idee der energiegeladenen Rückkopplungsschleifen. Aber selbst die kybernetische Kunstsprache kann nicht den Blick auf die peinliche Dürftigkeit des Inhalts verstellen. Selbst in ihren Rollen als Maschinisten sind Kybernetiker wie Norbert Wiener nicht ganz so erfolgreich gewesen. So versuchte Wiener vorherzusagen, wie sich das von Pilot und Fluggerät gebildete kybernetische System in den nächsten zwanzig Sekunden unter Stress verhalten würde – er scheiterte.

Ist ja nicht schlimm.

Siehe auch: Wenn aus Camouflage Wissenschaft wird – Nachbetrachtungen zur Kybernetik

Zur Kunst des kybernetischen Wortschmiedens passt auch: KybernEthik.

Oder auch: Kybernetisch-bionisch-fraktale Reflexe

Blinder Fleck zweiter Ordnung – Heinz von Foerster entdeckt das Management

Heinz von Foerster
Heinz von Foerster

Über die zweifelhaften kybernetischen Ableitungen von Mathematikern und Naturwissenschaftlern in die Sphäre der Sozial- und Geisteswissenschaften habe ich mich nochmals in meiner Netzpiloten-Kolumne in einer Re-Replik geäußert.

Aus Platzgründen verzichtete ich auf die Ausflüge der Kybernetiker ins Management: Aber auch hier gibt es merkwürdige Erzählungen. Etwa bei Heinz von Foerster. Er stieß Anfang der siebziger Jahre auf die Frage des BEOBACHTERS und das Problem des Blinden Flecks.

Der blinde Fleck im Gesichtsfeld des Menschen resultiert daraus, dass sich an einer Stelle der Netzhaut, wo sich die Nervenfasern zum Sehnerv bündeln, keine Rezeptorzellen befinden. So kann es passieren, dass wir etwas übersehen oder gar Dinge wahrnehmen, die sich als optische Täuschung herausstellen. Was biologisch leicht nachzuweisen ist, bläst nun Heinz von Foerster zu einer wilden Gesellschaftstheorie auf. Der blinde Fleck führe zu einem unbewussten Verhalten. Deshalb bedarf es eines weiteren Beobachters. Erst durch die Beobachtung des Beobachters werde deutlich, was der Beobachtende nicht sieht. Der einzige Ausweg sei zu lernen, mit dem blinden Fleck zu leben:

„Wenn ich nicht sehe, dass ich blind bin, dann bin ich blind; wenn ich aber sehe, dass ich blind bin, dann sehe ich.“

Mit der Erkenntnis der eigenen Blindheit formiert die Kybernetik der Kybernetik die Ebene der Beobachtung beobachtender Systeme und ersäuft sich in netten Geschichten – Heinz von Foerster war ein guter Märchenonkel. Was liegt da näher, als auch mal ins Management abzudriften und den Manager in die kybernetische Modellwelt einzutauchen. Schließlich verfügt man über eine Allzweckwaffe. Was von Foerster entwickelt, klingt auf den ersten Blick äußerst sympathisch. So will er Führungskräfte von vertikalen Machern und Befehlsgebern zu „Verstärkern“ sowie „Pflegern“ eines sich selbst organisierenden Systems (da ist er wieder, der kybernetische Automat) wandeln.

Von Foerster sieht die Hierarchie als eine wesentliche Blockade der unterdrückten Leistung. An die Stelle der Herrschaft der Manager oder Chefs sollte deshalb die Heterarchie treten:

„Dieser Begriff war zuerst von Warren McCulloch im Zusammenhang mit der Organisation des Nervensystems verwendet worden, um die Redundanz des möglichen Befehls zu beschreiben. Ein Mensch denkt langsamer und weniger, wenn er damit rechnet, eine Anweisung, einen Befehl zu erhalten. Diese freiheitlich anmutende Einsicht legt von Foerster nun den Managern ans Herz, um ihnen zu erklären, wie viel Energie ihrer Angestellten sie in einer Top-down-Kommunikation verschwenden“, erläutert Hans-Christian Dany in dem sehr lesenswerten Buch „Morgen werde ich Idiot: Kybernetik und Kontrolle“.

Vor allem würden die Führungskräfte den Angestellten keine Gelegenheiten geben, von unten nach oben zu berichten. Das Management bliebe blind (da ist er, der blinde Fleck), solange es über keinen Informationskanal verfüge, der es über seine blinden Flecken aufkläre.

„Deshalb solle das Management die Angestellten an der Steuerung teilhaben lassen, um sie als beobachtete Beobachter effizienter nutzen zu können. Von Foerster illustriert die Effizienz der dezentral beobachtenden Selbstführung und gesteigerten Identifikation mit dem Unternehmen an dem gleichen Beispiel, das schon McCulloch für die Heterarchie im Nervensystem wählte“, führt Dany aus.

In der flachen Hierarchie erhöhe sich die Sichtbarkeit. Die unsichtbare Hand höre aber nicht auf, Organisator zu sein, genauso wenig, wie sich Unternehmen in ein unabhängiges und offenes System verwandeln, was die Dynamik der Selbstorganisation eigentlich erfordern würde.

„Was beschworen wird, ist eine Pseudo-Selbstorganisation. In erster Linie sollen die Angestellten ihre Disziplinierung auf der angenommenen Augenhöhe übernehmen – ihre Selbstführung soll für die Interessen des Unternehmens mobilisiert werden. An der langen Leine gelenkter Selbstkontrolle wird ihnen die Illusion von Teilhabe vorgespiegelt. Jeder wird zum Schmied des gemeinsamen Glücks verklärt. Teilgehabt wird an den Freuden der Pflicht, meist ohne dass sich Wesentliches an der Verteilung der Produktionsmittel ändert. Werden die Angestellten, die jetzt immer öfter Mitarbeiter heißen, am Kapital des Unternehmens beteiligt, dann so, dass sie das Systemprinzip des Unternehmens stabilisieren“, erläutert Dany.

Es habe nicht lange gedauert, bis die eifrigen Heinz von Foerster-Jünger die gelenkte Pseudo-Selbstorganisation mit Parolen wie „Jeder muss zum Unternehmer im Unternehmen werden“ in die Welt posaunten. Wer A sagt, müsste auch B sagen und entsprechend Kontrolle sowie Macht abgeben.

Ein Heer von Managementberatern, Umstrukturierungsexperten und neuen Unternehmern plädiert zwar für flache Hierarchien, Eigenverantwortlichkeit, Innovation und Flexibilität – ohne die Machtstatik auch nur in Ansätzen anzutasten. Wir erleben flache Hierarchien ohne Freiheitsgewinn.

Um das zu erreichen, müssen wir die sanften Anstubsverfahren dechiffrieren. Deshalb mein Plädoyer für paradoxe Interventionen – extern und intern.

Wir brauchen also keine Laberrituale über selbstorganisierende Systeme zweiter Ordnung, sondern institutionelle Regeln, die verhindern, dass machtsüchtige und inkompetente Manager/Unternehmer allzu großen Schaden anrichten.

Wenn Kybernetiker Gott spielen

Lesestoff für den letzten Live-Hangout im alten Google+-Modus
Lesestoff für den letzten Live-Hangout im alten Google+-Modus

Kurz nach dem Krieg versammelte die Macy-Foundation in den USA Elitewissenschaftler, die während des Zweiten Weltkriegs in unterschiedlichen Funktionen im Dienst des Militärs standen – von psychologischer Kriegsführung bis Spionage. Die Macy-Konferenzen wurden von 1946 bis 1953 organisiert und entwickelte Baupläne für eine neue Weltordnung. Es ging um kybernetische Modellwelten, errechnet durch Supercomputer, mit denen Wissenschaft, Ökonomie, Kultur und Politik kontrolliert, gesteuert und überwacht werden sollten – also die Programmierung neuer Menschen nach Maß in einer geordneten und vollkommenen Welt. Es ging um eine sanfte, selbstregulierende Umerziehung von Menschen mit autoritärem Charakter – ein Ziel, dass übrigens auch Adorno und Co. verfolgten. Klingt irgendwie nach der Psychotherapie im Zukunftsroman Clockwork Orange von Anthony Burgess, der vom kongenialen Stanley Kubrick verfilmt wurde.

Einige Macy-Wissenschaftler waren jedenfalls beseelt vom globalen Feldzug des Guten – gemeint waren natürlich die Vereinigten Staaten – gegen das Böse. Das Ziel war die totale Ausforschung von Persönlichkeit und Verhalten, um dann wünschenswerte Strukturen des Charakters erzeugen zu können. Vielleicht liegen hier auch die Steuerungsobsessionen von Geistesgrößen wie dem Google-Chefdenker Ray Kurzweil, die im Silicon Valley umherschwirren.

Die Glaubensgrundsätze lauten:

Kybernetisch ausgewertete Muster von Informationen sind der beste Weg, die Wirklichkeit zu verstehen; Menschen sind nicht viel mehr als kybernetische Muster; Subjektive Erfahrung existiert entweder nicht, oder sie spielt keine Rolle, weil sie an der Peripherie stattfindet; Was Darwin für die Biologie beschrieben hat, liefert die beste Erklärung für jedwede Kreativität und Kultur; Qualität und Quantität aller Informationssysteme steigen exponentiell an; Biologie und Physik verschmelzen und machen Software zu einer Leit- und Lebenswissenschaft, die alle Lebensbereiche beeinflusst und steuert.

Kurzweil erklärt Eingriffe in menschliche Geister für wünschenswert, weil Charakterfehler dadurch behoben und Leistungssteigerungen ermöglicht werden könnten (siehe oben: Clockwork Orange). Das sei nichts anderes als eine Operation am Blinddarm oder am Herzen, meint Kurzweil. Seine erdachte singuläre Plattform herrscht über Leben und Tod. Kurzweil will Gott spielen.

„Alle Menschen verschmelzen zu einem Wesen, das keine räumliche Ausdehnung mehr kennt und optisch nicht mehr sichtbar ist. Der Cloud kommt so die Funktion eines Ersatzgottes zu. Sie birgt alles Wissen der Welt in sich, trägt alle Seelen, ist allmächtig, besitzt ein Monopol auf Sinn und Zusammenhang, stellt alle Regeln auf, sieht alles, ahnt alles und richtet alle. Kurzweil hat diese religiösen Anklänge durchaus bewusst eingeflochten. Er thematisiert sie gezielt in seinen Büchern und Vorträgen“, schreibt Christoph Keese in seinem Buch „Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt“.

In geschichtlicher Praxis hätten die meisten Versuche, Gott zu spielen, in Unterdrückung, Ausbeutung und Tod geendet.

Google habe sich zur Aufgabe gesetzt, tatsächlich jener Konzern zu werden, der Singularität Wirklichkeit werden lässt.

„Die massiven Investitionen des Konzerns in Biotechnologie, Genetik, Pharmazeutik, Robotik, Nanotechnologie und benachbarte Felder folgen genau der Vision, die Ray Kurzweil aufgezeigt hat. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um diesen Zusammenhang zu erkennen“, so Keese.

Der Suchmaschinen-Konzern habe schon Carl Shapiros und Hal Varians wirtschaftswissenschaftliches Werk zur Verlängerung von Netzwerkmonopolen getreulich in die Tat umgesetzt und in den meisten Punkten kreativ übererfüllt.

Vieles, was von den Silicon Valley-Ikonen kommt, besteht aus prahlerischen Verkaufssprüchen. An den Finanzmärkten durften wir allerdings schon hautnah erleben, welche Verwüstungen die Steuerungspropheten mit ihren kybernetischen Systemphilosophien anrichten können. Gleiches können Big Data-Systeme bewirken, die Kreditnehmer denunzieren, gute und schlechte Patienten identifizieren oder Prognosen über die Wahrscheinlichkeit von kriminellen Delikten erstellen. Die Systeme sind so doof wie ihre Programmierer – allerdings mit fatalen gesellschaftspolitischen Konsequenzen.

Es ist an der Zeit, ihre mechanistischen Weltbilder zu demontieren und sie in der Öffentlichkeit mit einer Ethik-Debatte zu konfrontieren. Helfen könnten paradoxe Interventionen, die ich mit Winfried Felser besprochen habe (das Youtube-Video verdient viel mehr Aufmerksamkeit): Steuerungssysteme entlarven, so dass ihre Logiken ins Leere laufen. Systeme mit Daten zu scheißen, so dass am Ende falsche Muster rausspringen.

Mein eigenes Verhalten kann dafür sorgen, dass das System durch die Aufdeckung der dahinter stehenden Logik nicht mehr funktioniert.

Mal schauen, was der Stafford Beer-Kybernetiker Mark Lambertz von den paradoxen Interventionen in Unternehmen hält?

Man hört, sieht und streamt sich heute um 19 Uhr.

Nachtrag:

Wir sollten generell über die verhängnisvolle Verschmelzung von Ökonomie, Physik und Gesellschaftstheorie zu einer neuen Praxis der sozialen Physik nachdenken.

Gestern noch bastelten renommierte Naturwissenschaftler an der Atombombe und heute verstrahlen sie mit ihren kruden Formeln, spieltheoretischen Sandkasten-Strategien und mechanistischen Algorithmen die Finanzmärkte. Die zur Sozialwissenschaft konvertierten Mathematiker sowie Physiker wollen Menschen wie Automaten steuern und sind für ihr krudes Sozialverständnis mit Nobelpreisen überhäuft worden. Auch unter den Gurus der Big-Data-Welterklärungsmaschinen des Cyberspace sind sie zahlreich zu finden.

Die von Algorithmen gesteuerte Informationsökonomie bewertet Gefühle, Vertrauen, soziale Kontakte genauso wie Aktien, Waren und ganze Volkswirtschaften – denn auch die Rating-Agenturen arbeiten nach den gleichen Rezepturen, gewähren aber keinen Einblick in ihre alchemistischen Zahlenstuben.

Formelrezepturen offenlegen – zählt auch zu den paradoxen Interventionen

Anfang der 1990er-Jahre verließen Physiker ihre militärischen Forschungsgebiete und heuerten bei Banken und Investmentfonds an. Als Resultat entsteht in schöner Regelmäßigkeit ein mathematischer Kollaps nach dem anderen, ohne dass es in der Öffentlichkeit zu nennenswerten Gegenreaktionen kommt. Warum reduzierten sich eigentlich die liebwertesten Gichtlinge der Occupy-Bewegung bei ihren Protestaktionen auf lärmende Demos und wildes Camping vor Bankgebäuden? Sie sollten sich eher auf massive Hacking-Störmanöver gegen die Gesellschaftskonstrukteure der Informationsökonomie spezialisieren. Wenn die Neo-Alchemisten keinen Einblick in ihre Zauberformeln gewähren, müssen sie durch Open-Data-Plattformen dazu gezwungen werden.

Idiotensysteme im Management

Kontrolle durch Rückkopplung
Kontrolle durch Rückkopplung

Während sich draußen alles vernetzt, vertrödeln drinnen in den Unternehmen die Manager mit verbrauchten Ritualen aus dem vergangenen Jahrhundert wertvolle Zeit, moniert Anne M. Schüller in einem Beitrag für die absatzwirtschaft:

„Topdown-Formationen, Silodenke, Insellösungen, Abteilungsegoismen, Hierarchiegehabe, Budgetierungsmarathons, Anweisungskultur, Kontrollitis, Kennzahlenmanie.“

Man kann es in jedem Organigramm bewundern:

„Sie verdeutlichen – vielleicht mehr als alles andere – die wahre, fossile Gesinnung: Der Chef thront ganz oben, darunter, in Kästchen eingesperrt, seine brave Gefolgsmannschaft“, so Schüller, Autorin des Buches „Das Touchpoint-Unternehmen“, erschienen im Gabal-Verlag.

Mitarbeiter kommen in solchen Abbildungen nicht vor – sie sind Fußvolk und werden in den Schubladen der verschiedenen Abteilungen verwaltet. Und die Kommunikation zu den Kunden läuft über so genannte „Kanäle“ – also was man so früher darunter verstanden hat mit klar identifizierbaren Sendern und Empfängern. Hübsch kybernetisch. Im Internet hat man aber diese Klarheit nicht. Oder in den Worten des Zettelkasten-Soziologen Niklas Luhmann:

“Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird.”

Trotzdem pflegt man in den Fachkreisen der Manager das Bild des Kanals: Solche K A N Ä L E in Werbung und PR sind nicht nur weitere Silos und Hierarchien – diesmal halt nach außen gerichtet. Ohne Integration in die eigene Organisation und ohne Vernetzung. Man läuft einer dümmlichen Schimäre der Übersichtlichkeit hinterher, die über Pläne steuerbar sei.

„Mit stolzer Brust wird zwar über Multichannels geredet und mit Crosschannel-Expertise geprotzt, doch aus Sicht der Kunden betrachtet crosst gar nichts“, kritisiert Schüller.

Formalismen, Kommandostrukturen, Kontroll- und kundenfeindlicher Standardisierungswahn seien die größten Bremsklötze. Die Zahlenhörigkeit vieler Führungsgremien ist geradezu abstrus:

„Oft genug wird ganz fanatisch das Falsche getan, Hauptsache, es kann gemessen werden. Und Manipulationen zum eigenen Vorteil sind Normalität. Dem Kennziffernjoch kann niemand entkommen. Selbst die Mitarbeiterperformance wird nun über Dashboards und Cockpits gesteuert, so, als ob Menschen Maschinen wären, bei denen man die Anzahl der Umdrehungen misst.“

Reportings und Budgetierungsverfahren, durch die ab September die halbe Firma in Lähmung verfällt, fressen noch mehr Ressourcen.

„Bisweilen kommt mir das vor wie ein Beschäftigungsprogramm für Sozialanalphabeten. Denn solange man mit Zahlenklauberei zugange ist, muss man sich nicht mit den Menschen befassen“, führt Schüller weiter aus.

Aber woher kommt dieser fast religiöse Glaube des Steuermann-Topos im Management? Nach meiner Einschätzung liegen die Wurzeln des Plan-Fetischismus in einer höchst mechanistischen und biologistischen Interpretation der Kybernetik von Norbert Wiener. Die Karriere der kybernetischen Steuerungsideologie beginnt mit einem Missverständnis auf den geheimnisvollen Macy-Konferenzen in den USA nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Einer der Teilnehmer war der Gestaltpsychologe Kurt Lewin, der die englische Konferenzsprache nur schlecht beherrschte. Er missversteht das kybernetische Modell des Feedback. Jetzt kommen wir zum ideologischen Kanal-Überbau. A sendet ein Signal, das B empfängt, A und B können sich rückkoppeln. Funktioniert der Vorgang, heißt das Ergebnis gelungene Kommunikation. Lewin gelingt es, in zahllosen Vorträgen Tausende zukünftiger Sozialingenieure von seiner dümmlichen kybernetischen Steuerungslehre zu überzeugen.

Das soziale Gefüge könne man ähnlich regulieren wie den Druck des Dampfkessels oder die Temperatur in den Zellen moderner Wohnmaschinen. Je mehr ich von mir und den anderen weiß sowie sie von mir, desto besser kann ich mit den anderen sprechen, das Zusammenleben regulieren und Störungen vermeiden. Klingt ein wenig nach WG-Küche oder Hippie-Kommune. Dieser Teil des Social Engineering ist noch heute Teil der Management-Theorie und gehört zum Fundament sozialer Netzwerke, wie Hans-Christian Dany in seinem sehr lesenswerten Buch „Morgen werde ich Idiot – Kybernetik und Kontrollgesellschaft“ bemerkt.

In meiner The European-Mittwochskolumne gehe ich ausführlicher auf dieses Thema ein. Anregungen zum Thema der Kolumne nehme ich bis morgen so gegen 10 Uhr noch entgegen 🙂