Wenn Kybernetiker Gott spielen

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Kurz nach dem Krieg versammelte die Macy-Foundation in den USA Elitewissenschaftler, die während des Zweiten Weltkriegs in unterschiedlichen Funktionen im Dienst des Militärs standen – von psychologischer Kriegsführung bis Spionage. Die Macy-Konferenzen wurden von 1946 bis 1953 organisiert und entwickelte Baupläne für eine neue Weltordnung. Es ging um kybernetische Modellwelten, errechnet durch Supercomputer, mit denen Wissenschaft, Ökonomie, Kultur und Politik kontrolliert, gesteuert und überwacht werden sollten – also die Programmierung neuer Menschen nach Maß in einer geordneten und vollkommenen Welt. Es ging um eine sanfte, selbstregulierende Umerziehung von Menschen mit autoritärem Charakter – ein Ziel, dass übrigens auch Adorno und Co. verfolgten. Klingt irgendwie nach der Psychotherapie im Zukunftsroman Clockwork Orange von Anthony Burgess, der vom kongenialen Stanley Kubrick verfilmt wurde.

Einige Macy-Wissenschaftler waren jedenfalls beseelt vom globalen Feldzug des Guten – gemeint waren natürlich die Vereinigten Staaten – gegen das Böse. Das Ziel war die totale Ausforschung von Persönlichkeit und Verhalten, um dann wünschenswerte Strukturen des Charakters erzeugen zu können. Vielleicht liegen hier auch die Steuerungsobsessionen von Geistesgrößen wie dem Google-Chefdenker Ray Kurzweil, die im Silicon Valley umherschwirren.

Die Glaubensgrundsätze lauten:

Kybernetisch ausgewertete Muster von Informationen sind der beste Weg, die Wirklichkeit zu verstehen; Menschen sind nicht viel mehr als kybernetische Muster; Subjektive Erfahrung existiert entweder nicht, oder sie spielt keine Rolle, weil sie an der Peripherie stattfindet; Was Darwin für die Biologie beschrieben hat, liefert die beste Erklärung für jedwede Kreativität und Kultur; Qualität und Quantität aller Informationssysteme steigen exponentiell an; Biologie und Physik verschmelzen und machen Software zu einer Leit- und Lebenswissenschaft, die alle Lebensbereiche beeinflusst und steuert.

Kurzweil erklärt Eingriffe in menschliche Geister für wünschenswert, weil Charakterfehler dadurch behoben und Leistungssteigerungen ermöglicht werden könnten (siehe oben: Clockwork Orange). Das sei nichts anderes als eine Operation am Blinddarm oder am Herzen, meint Kurzweil. Seine erdachte singuläre Plattform herrscht über Leben und Tod. Kurzweil will Gott spielen.

„Alle Menschen verschmelzen zu einem Wesen, das keine räumliche Ausdehnung mehr kennt und optisch nicht mehr sichtbar ist. Der Cloud kommt so die Funktion eines Ersatzgottes zu. Sie birgt alles Wissen der Welt in sich, trägt alle Seelen, ist allmächtig, besitzt ein Monopol auf Sinn und Zusammenhang, stellt alle Regeln auf, sieht alles, ahnt alles und richtet alle. Kurzweil hat diese religiösen Anklänge durchaus bewusst eingeflochten. Er thematisiert sie gezielt in seinen Büchern und Vorträgen“, schreibt Christoph Keese in seinem Buch „Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt“.

In geschichtlicher Praxis hätten die meisten Versuche, Gott zu spielen, in Unterdrückung, Ausbeutung und Tod geendet.

Google habe sich zur Aufgabe gesetzt, tatsächlich jener Konzern zu werden, der Singularität Wirklichkeit werden lässt.

„Die massiven Investitionen des Konzerns in Biotechnologie, Genetik, Pharmazeutik, Robotik, Nanotechnologie und benachbarte Felder folgen genau der Vision, die Ray Kurzweil aufgezeigt hat. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um diesen Zusammenhang zu erkennen“, so Keese.

Der Suchmaschinen-Konzern habe schon Carl Shapiros und Hal Varians wirtschaftswissenschaftliches Werk zur Verlängerung von Netzwerkmonopolen getreulich in die Tat umgesetzt und in den meisten Punkten kreativ übererfüllt.

Vieles, was von den Silicon Valley-Ikonen kommt, besteht aus prahlerischen Verkaufssprüchen. An den Finanzmärkten durften wir allerdings schon hautnah erleben, welche Verwüstungen die Steuerungspropheten mit ihren kybernetischen Systemphilosophien anrichten können. Gleiches können Big Data-Systeme bewirken, die Kreditnehmer denunzieren, gute und schlechte Patienten identifizieren oder Prognosen über die Wahrscheinlichkeit von kriminellen Delikten erstellen. Die Systeme sind so doof wie ihre Programmierer – allerdings mit fatalen gesellschaftspolitischen Konsequenzen.

Es ist an der Zeit, ihre mechanistischen Weltbilder zu demontieren und sie in der Öffentlichkeit mit einer Ethik-Debatte zu konfrontieren. Helfen könnten paradoxe Interventionen, die ich mit Winfried Felser besprochen habe (das Youtube-Video verdient viel mehr Aufmerksamkeit): Steuerungssysteme entlarven, so dass ihre Logiken ins Leere laufen. Systeme mit Daten zu scheißen, so dass am Ende falsche Muster rausspringen.

Mein eigenes Verhalten kann dafür sorgen, dass das System durch die Aufdeckung der dahinter stehenden Logik nicht mehr funktioniert.

Mal schauen, was der Stafford Beer-Kybernetiker Mark Lambertz von den paradoxen Interventionen in Unternehmen hält?

Man hört, sieht und streamt sich heute um 19 Uhr.

Nachtrag:

Wir sollten generell über die verhängnisvolle Verschmelzung von Ökonomie, Physik und Gesellschaftstheorie zu einer neuen Praxis der sozialen Physik nachdenken.

Gestern noch bastelten renommierte Naturwissenschaftler an der Atombombe und heute verstrahlen sie mit ihren kruden Formeln, spieltheoretischen Sandkasten-Strategien und mechanistischen Algorithmen die Finanzmärkte. Die zur Sozialwissenschaft konvertierten Mathematiker sowie Physiker wollen Menschen wie Automaten steuern und sind für ihr krudes Sozialverständnis mit Nobelpreisen überhäuft worden. Auch unter den Gurus der Big-Data-Welterklärungsmaschinen des Cyberspace sind sie zahlreich zu finden.

Die von Algorithmen gesteuerte Informationsökonomie bewertet Gefühle, Vertrauen, soziale Kontakte genauso wie Aktien, Waren und ganze Volkswirtschaften – denn auch die Rating-Agenturen arbeiten nach den gleichen Rezepturen, gewähren aber keinen Einblick in ihre alchemistischen Zahlenstuben.

Formelrezepturen offenlegen – zählt auch zu den paradoxen Interventionen

Anfang der 1990er-Jahre verließen Physiker ihre militärischen Forschungsgebiete und heuerten bei Banken und Investmentfonds an. Als Resultat entsteht in schöner Regelmäßigkeit ein mathematischer Kollaps nach dem anderen, ohne dass es in der Öffentlichkeit zu nennenswerten Gegenreaktionen kommt. Warum reduzierten sich eigentlich die liebwertesten Gichtlinge der Occupy-Bewegung bei ihren Protestaktionen auf lärmende Demos und wildes Camping vor Bankgebäuden? Sie sollten sich eher auf massive Hacking-Störmanöver gegen die Gesellschaftskonstrukteure der Informationsökonomie spezialisieren. Wenn die Neo-Alchemisten keinen Einblick in ihre Zauberformeln gewähren, müssen sie durch Open-Data-Plattformen dazu gezwungen werden.

Idiotensysteme im Management

Kontrolle durch Rückkopplung
Kontrolle durch Rückkopplung

Während sich draußen alles vernetzt, vertrödeln drinnen in den Unternehmen die Manager mit verbrauchten Ritualen aus dem vergangenen Jahrhundert wertvolle Zeit, moniert Anne M. Schüller in einem Beitrag für die absatzwirtschaft:

„Topdown-Formationen, Silodenke, Insellösungen, Abteilungsegoismen, Hierarchiegehabe, Budgetierungsmarathons, Anweisungskultur, Kontrollitis, Kennzahlenmanie.“

Man kann es in jedem Organigramm bewundern:

„Sie verdeutlichen – vielleicht mehr als alles andere – die wahre, fossile Gesinnung: Der Chef thront ganz oben, darunter, in Kästchen eingesperrt, seine brave Gefolgsmannschaft“, so Schüller, Autorin des Buches „Das Touchpoint-Unternehmen“, erschienen im Gabal-Verlag.

Mitarbeiter kommen in solchen Abbildungen nicht vor – sie sind Fußvolk und werden in den Schubladen der verschiedenen Abteilungen verwaltet. Und die Kommunikation zu den Kunden läuft über so genannte „Kanäle“ – also was man so früher darunter verstanden hat mit klar identifizierbaren Sendern und Empfängern. Hübsch kybernetisch. Im Internet hat man aber diese Klarheit nicht. Oder in den Worten des Zettelkasten-Soziologen Niklas Luhmann:

“Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird.”

Trotzdem pflegt man in den Fachkreisen der Manager das Bild des Kanals: Solche K A N Ä L E in Werbung und PR sind nicht nur weitere Silos und Hierarchien – diesmal halt nach außen gerichtet. Ohne Integration in die eigene Organisation und ohne Vernetzung. Man läuft einer dümmlichen Schimäre der Übersichtlichkeit hinterher, die über Pläne steuerbar sei.

„Mit stolzer Brust wird zwar über Multichannels geredet und mit Crosschannel-Expertise geprotzt, doch aus Sicht der Kunden betrachtet crosst gar nichts“, kritisiert Schüller.

Formalismen, Kommandostrukturen, Kontroll- und kundenfeindlicher Standardisierungswahn seien die größten Bremsklötze. Die Zahlenhörigkeit vieler Führungsgremien ist geradezu abstrus:

„Oft genug wird ganz fanatisch das Falsche getan, Hauptsache, es kann gemessen werden. Und Manipulationen zum eigenen Vorteil sind Normalität. Dem Kennziffernjoch kann niemand entkommen. Selbst die Mitarbeiterperformance wird nun über Dashboards und Cockpits gesteuert, so, als ob Menschen Maschinen wären, bei denen man die Anzahl der Umdrehungen misst.“

Reportings und Budgetierungsverfahren, durch die ab September die halbe Firma in Lähmung verfällt, fressen noch mehr Ressourcen.

„Bisweilen kommt mir das vor wie ein Beschäftigungsprogramm für Sozialanalphabeten. Denn solange man mit Zahlenklauberei zugange ist, muss man sich nicht mit den Menschen befassen“, führt Schüller weiter aus.

Aber woher kommt dieser fast religiöse Glaube des Steuermann-Topos im Management? Nach meiner Einschätzung liegen die Wurzeln des Plan-Fetischismus in einer höchst mechanistischen und biologistischen Interpretation der Kybernetik von Norbert Wiener. Die Karriere der kybernetischen Steuerungsideologie beginnt mit einem Missverständnis auf den geheimnisvollen Macy-Konferenzen in den USA nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Einer der Teilnehmer war der Gestaltpsychologe Kurt Lewin, der die englische Konferenzsprache nur schlecht beherrschte. Er missversteht das kybernetische Modell des Feedback. Jetzt kommen wir zum ideologischen Kanal-Überbau. A sendet ein Signal, das B empfängt, A und B können sich rückkoppeln. Funktioniert der Vorgang, heißt das Ergebnis gelungene Kommunikation. Lewin gelingt es, in zahllosen Vorträgen Tausende zukünftiger Sozialingenieure von seiner dümmlichen kybernetischen Steuerungslehre zu überzeugen.

Das soziale Gefüge könne man ähnlich regulieren wie den Druck des Dampfkessels oder die Temperatur in den Zellen moderner Wohnmaschinen. Je mehr ich von mir und den anderen weiß sowie sie von mir, desto besser kann ich mit den anderen sprechen, das Zusammenleben regulieren und Störungen vermeiden. Klingt ein wenig nach WG-Küche oder Hippie-Kommune. Dieser Teil des Social Engineering ist noch heute Teil der Management-Theorie und gehört zum Fundament sozialer Netzwerke, wie Hans-Christian Dany in seinem sehr lesenswerten Buch „Morgen werde ich Idiot – Kybernetik und Kontrollgesellschaft“ bemerkt.

In meiner The European-Mittwochskolumne gehe ich ausführlicher auf dieses Thema ein. Anregungen zum Thema der Kolumne nehme ich bis morgen so gegen 10 Uhr noch entgegen 🙂

Von der Atombombe zur Informationsökonomie

Das Netz 005

Jakob Augstein ist begeistert vom neuen Frank Schirrmacher-Buch mit dem Titel „Ego“. Einen kleinen Vorgeschmack hat der FAZ-Herausgeber in der aktuellen Spiegel-Ausgabe als Essay veröffentlicht. Nach den eher schwachen neuronalen Gehirnerweichungsthesen, hat Schirrmacher diesmal wohl ins Schwarze getroffen. Es gehe, so Augstein, um den Informationskapitalismus, um die Algorithmen, die unsere digitale Wirklichkeit bestimmen und damit zunehmend auch die reale, und es geht um das abstruse Menschenbild der Wall-Street-Täter, für die das Leben ein Kampf und Kooperation eine Krankheit ist.

Schirrmacher schreibt über eine verhängnisvolle Verschmelzung von Ökonomie, Physik und Gesellschaftstheorie zu einer neuen Praxis der sozialen Physik.

Gestern noch bastelten renommierte Naturwissenschaftler an der Atombombe und heute verstrahlen sie mit ihren kruden Formeln, spieltheoretischen Sandkasten-Strategien und mechanistischen Algorithmen die Finanzmärkte. Die zur Sozialwissenschaft konvertierten Mathematiker sowie Physiker wollen Menschen wie Automaten steuern und sind für ihr krudes Sozialverständnis mit Nobelpreisen überhäuft worden. Auch unter den Gurus der Big Data-Welterklärungsmaschinen des Cyberspace sind sie zahlreich zu finden. Ähnliches läuft ja auf Basis der Hirnforschungs-Kleckskunde.

Die von Algorithmen gesteuerte Informationsökonomie bewertet Gefühle, Vertrauen, soziale Kontakte genauso wie Aktien, Waren und ganze Volkswirtschaften – denn auch die Ratingagenturen arbeiten nach den gleichen Rezepturen, gewähren aber keinen Einblick in ihre alchemistischen Zahlenstuben. Dazu mehr in meiner morgigen The European-Kolumne.

Vielleicht sollten sich mal einige Netzaktivisten zusammentun, um die Modelle aus der Formelküche dieser Gesellschaftskonstrukteure ans Tageslicht zu holen. Man könnte sich ja dem Beispiel von Lobbyplag folgen. Halte ich jedenfalls für den besseren Ansatz als vor Bankgebäuden Zelte aufzuschlagen. Fündig wird man übrigens auch in dem Buch zum gleichnamigen Dokumentarfilm von Lutz Dammbeck mit dem Titel „Das Netz“.

Dort stößt man auf Elitewissenschaftler, die sich in der Macy-Gruppe organisierten und Baupläne für eine neue Weltordnung entwickelte. Es geht um kybernetische Modellwelten, errechnet durch Supercomputer, mit denen Wissenschaft, Ökonomie, Kultur und Politik kontrolliert und gesteuert werden sollen – also die Programmierung neuer Menschen nach Maß in einer geordneten und vollkommenen Welt. Glücklicherweise bleiben komplexe und offene Systeme unberechenbar. Und das hat ja auch der Organisationswissenchaftler Gerhard Wohland im ichsagmal-Interview zum Ausdruck gebracht: Es gebe immer wieder Modewellen, die die Analysierbarkeit komplexer Systeme versprechen. Es sei der monokausale Glaube, dass das, was in der Gegenwart geschieht, seinen Grund in der Vergangenheit hat.

„Wenn ich die Vergangenheit umfangreich und schnell genug auswerte, weiß ich, was die Zukunft bringt. Und genau das ist die Illusion. Das ist zwar möglich. Aber ich muss dann für sehr triviale Strukturen sorgen. In der Physik nennt man das Labor. Die Welt, wie sie ist, wird ausgeblendet. Mit den wenigen Wirkungszusammenhängen, die übrig bleiben, entwickelt man Gesetzmäßigkeiten. Für soziale Systeme ist das aber albern“, so Wohland.

Ein Modell müsse einfacher sein als das, was es modelliert. Wenn das nicht so wäre, könnte man ja direkt den Untersuchungsgegenstand heranziehen. Modelle müssen also immer simplifizieren. Aspekte der Wirklichkeit werden ausgeblendet. Das gelingt aber nur, wenn zwischen wichtig und unwichtig unterschieden wird. Komplexe Systeme, also auch die menschliche Gesellschaft, kennen aber diese Unterscheidung überhaupt nicht.

„Welches Ereignis nun eine Wirkung in der Zukunft erzeugt, kann man in der Gegenwart nicht wissen“, so Wohland.

Und das werden auch die Modellschreiner von Big Data und Kybernetik nicht ändern. Übrigens sind die Protokolle der Macy-Konferenzen eine Fundgrube für weitere Storys. Da wühle ich mich schon durch.

Das Netz und die apokalyptischen Streiter

Jeden Tag wird eine neue Sau durchs virtuelle Dorf getrieben: Tratsch, Klatsch, Alarmismus, Affären, Warnungen, Prognosen, Sensationen, Innovationen, Werbung, Entdeckungen, Debatten, Bekenntnisse, Erkenntnisse, Schuld, Sühne, Sex und Kriminalität. Das alles kennen wir aus der analogen Welt. Im digitalen Kosmos steigert sich das Ganze noch in der Lust zum Diskurs über den Internet-Diskurs, so meine Einleitung für Service Insiders.

Netzexperten zelebrieren Hypothesen über das Netz und über andere Netzexperten, die sich wiederum über das Netz auslassen und damit eine Endlosschleife auslösen. Jüngstes Beispiel ist die Blasentheorie über Filter und Algorithmen. Sie stammt nicht vom großen Blasen-Philosophen Peter Sloterdijk, sondern vom Filter-Bubble-Autor Eli Pariser, der vor der Gefahr eines Algorithmen-Totalitarismus warnt. Er meint damit vor allen Dingen Personalisierungsmaschinen im Web, die unsere Spuren analysieren und uns mundgerechte Portionen zum Konsum servieren. Kürzlich noch zeichneten Berufsapokalyptiker wie Frank Schirrmacher, Jaron Lanier oder Nicholas Carr ein psycho-soziales Horrorbild der Reizüberflutung im Cyberspace an die Wand, die zu neuronalen Dauerschäden der Internet-Rezipienten führen.
Und nun steht auch der Antipode im Kampf gegen den Informationsdschungel in der Schusslinie: Das personalisierte Web macht uns zu Lemuren unserer eigenen Datensauce. Auf die Spitze getrieben werden die Eli Pariser-Behauptungen in einem Beitrag des „Elektrischen Reporters“. In Zukunft werde jeder Mensch in einer abgeschlossenen Meinungs- und Medienblase herumdümpeln. Der Meinungspluralismus wandelt sich in Autismus. Man spiegelt im Netz nur seine eigenen Vorurteile, Meinungen und Vorlieben. Konträres werde ausgeblendet. Am Ende entsteht so etwas wie ein Algorithmen-Volksempfänger. Was hier als kritischer Blick in die Zukunft gesehen wird, werteten die Kybernetik-Wissenschaftler der DDR völlig anders. Die Forscher der Mathematik, Informationstheorie und der algorithmischen Sprache hatten einen Parteiauftrag: Das Gedankengut der Kybernetik sollte mit der marxistisch-leninistischen Weltanschauung durchdrungen werden: Es handelt sich um einen zentralen Gegenstand des ideologischen Klassenkampfes, schreibt Heinz Liebscher im Vorwort des Wörterbuches der Kybernetik, in der vierten Auflage 1976 erschienen.

Welchen Parteiauftrag nun Google und Facebook haben, ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Aber auch sie wollen uns angeblich manipulieren. Etwa bei der Einblendung von „maßgeschneiderten Kaufinformationen“, wie es der „Elektrische Reporter“ ausdrückte. Und beim Medienkonsum filtern wir uns zu Opfern unserer eigenen Blödmaschinen. Nach dem Zeitalter der Massenmedien, kommt jetzt die Epoche der Selbsttäuschung. Wo doch schon die Massenmedien als Konformitätsschmiede galten. „Grundsätzlich gilt: Jede Form der Filterung scheint problematisch, vielleicht sogar manipulativ. Bei Licht betrachtet ist sie aber das Normalste der Welt. Denn genau so funktioniert der Mensch: Er ist nicht in der Lage, die tatsächlichen Dinge zu begreifen. Er ist verdammt dazu, ständig zu filtern. Und erst die Filterung erzeugt seine eigene Wirklichkeit“, erklärt Mirko Lange von der Agentur Talkabout in München. Es gebe nur einen Ausweg und der gilt für Menschen ebenso wie für Netzwerke: „Man muss sich des Filterns bewusst sein. Denn es ist egal, wessen Opfer man ist, der seiner eigenen Konditionierungen oder derer der Netzwerke. Man ist in beiden Fällen Opfer. Und man kann und muss sich immer die Alternativen offen halten: Im Freundeskreis sind das die Menschen mit anderer Meinung und in den Netzwerken die alternativen Methoden: Selbst zusammengestellte ‚Circles‘, die ‚Hauptmeldungen‘ bei Facebook und die frei verfügbaren Apps bei Apple“, meint der Web 2.0-Spezialist Lange.

Anstatt zu lamentieren, sollte jeder ein Stückchen selbstkritischer werden. Unter dem Strich mache es keinen Unterscheid, ob ein Mensch nun geistig verarmt, weil er aufgrund von Verbohrtheit nur sieht, was er will, oder weil Google ihm nur bestimmte Ergebnisse zeigt. Vielleicht sollte man sich völlig chaotische und anarchistische Filtersysteme zulegen. An der Frage der Auswahlkriterien führt kein Weg vorbei. „Das menschliche Gehirn hat nur eine begrenzte Kapazität zur Verarbeitung von Informationen. Es werden nur winzige Bruchteile aller Informationen wahrgenommen. In der virtuellen Welt übernehmen die Suchalgorithmen und Filterblasen diese Funktion. Im Ergebnis können sowohl positive als auch negative Effekte entstehen“, sagt die Marketingprofessorin Heike Simmet. Man müsse wie früher genau selektieren, welche Informationen durchkommen dürfen und welche nicht, erläutert Peter B. Záboji, Chairman des Afters Sales-Spezialisten Bitronic: „Beim traditionellen Briefverkehr waren es die Vorzimmer im Unternehmen, die eine Auswahl vorgenommen haben. Heute sind es elektronische Filter und virtuelle Assistenzsysteme. Man sollte die Technik nur geschickt einsetzen und darf sich nicht von ihr dominieren lassen“.

Netz und Labyrinth: Professor Herbert W. Franke über die Metapher seines Lebens

Siehe auch:

Kakteen, Mathematik und die Entdeckung der Mars-Höhlen: Ausstellung zu Leben und Werk von Herbert W. Franke.