Wenn der Kochtopf vernetzt ist und das Fachpersonal fehlt #theeuropean

Ingenieure für die vernetzte Ökonomie gesucht
Ingenieure für die vernetzte Ökonomie gesucht

Die vernetzte Ökonomie macht auch vor der klassischen Industrieproduktion nicht halt. Schlagworte wie Industrie 4.0, Smart Factory, intelligente Fabrik, Integrated Industry, Machine-to-Machine-Kommunikation und Internet der Dinge sind ein Wegweiser für die Veränderungen in den nächsten Jahren:

„Sie beschreiben die Vernetzung der bisher insular aufgebauten Produktion und der Unternehmen; oder auf gut Deutsch: Ohne Internet und Software geht künftig gar nichts mehr. So wie fast jeder Büroarbeitsplatz einen Internetzugang hat, wird zukünftig jede Maschine einen solchen Zugang haben. Vor allem geht es darum, dass die Maschinen untereinander vernetzt werden und kommunizieren können“, so FAZ-Redakteur Georg Giersberg.

Es reicht nicht mehr aus, über Spezialkenntnisse für Mechanik, Maschinenbau oder Fertigung zu verfügen – Wissen über Software und Programmierung müssen dazu kommen.

„Der Anteil der Softwareingenieure nimmt in der Industrie deutlich zu“, so Giersberg.

Es gebe kaum eine technische Disziplin, die ohne elektronische Steuerungen und ohne Vernetzung mit anderen Steuerungssystemen oder dem Internet auskommt – das gilt selbst für Kochtöpfe, Heizungsanlagen und Druckmaschinen.

Die aktuell diskutierte Revolution des Produktionsprozesses rüttelt an vielen Paradigmen der Berufswelt der Ingenieure: Neben der technischen Expertise, wird zusätzliches Informatikwissen über Interoperabilität, Offenheit und Skalierbarkeit durch die dazu notwendigen IT-Architekturen und Middleware-Komponenten verlangt.

„Dies sind im Grunde genommen unvereinbare Anforderungen, die einen Ingenieur an die Grenze seiner mentalen Fähigkeiten bringt. Entweder man ist ein begnadete Schrauber und Nerd oder der vorausschauende konzeptionell denkende IT-Architekt“, sagt Kasten Berge, Geschäftsführer von SearchConsult in Düsseldorf.

Ausführlich nachzulesen in meiner morgigen Kolumne für das Debattenmagazin „The European“. Würde ich mich über viele Retweets, Likes, Plusse und Kommentare freuen 🙂

Update:

Hier die komplette Kolumne: Schrauber trifft Nerd.

IT-Branche: Dumme Vorurteile gegenüber den Computer-Veteranen und eine berechtigte Frage

Ich habe mich kürzlich mit den Karrierechancen von älteren IT-Profis beschäftigt. Siehe auch meine Story für Pressetext Austria: http://pte.at/news/110405008/aeltere-bewerber-stossen-oft-auf-dumme-vorurteile/

Angezweifelt wird bei älteren Mitarbeitern immer wieder die Leistungsfähigkeit. „Die schlafen doch auf dem Weg vom Schreibtisch zur Kaffeeküche ein“, sagt ein Personalverantwortlicher, der älteren Bewerbern kritisch gegenüber steht und weiß, dass er mit seiner Denkweise nicht der einzige ist. Doch der Jugendwahn lässt manche Unternehmen in eine dauerhafte Personalkrise schlittern.

Ein Follower auf Twitter stellt zu dieser Meldung eine berechtigte Frage:

Habt Ihr Vorschläge, eigene Erfahrungen oder eine Meinung zu dieser Frage? Würde hier gerne am Ball bleiben.

Gelernter und das Dasein als digitaler Aktenknecht

„Unsere Datenkommunikation ist inakzeptabel“, meint der IT-Guru David Gelernter. Das Netz produziere immer mehr Daten. Im Gespräch mit Alexander Görlach erläutert Gelernter Möglichkeiten, wachsende Datenmengen neu zu organisieren. Es geht darum, das Netz zu meistern.

Seine Thesen frischt Gelernter mit aktuellen Beispielen auf. Wirklich neu sind sie nicht.

Vor ein paar Jahren hatte ich zu den Visionen von Gelernter schon mal was geschrieben: Der Computerkunde als Aktenknecht – Benutzeroberflächen funktionieren immer noch wie Schreibtische

Nach Meinung von Gelernter sind die Benutzeroberflächen immer noch die Achillesferse der Computer und zwingen den Anwender zu einem „Dasein als Aktenknecht“, der seine Zeit damit verplempert, Dateien zu beschriften und einzuordnen. „Das Desktop-Interface wurde nach dem Vorbild des Büroschreibtischs entwickelt: Man sitzt an einem Tisch mit Akten, und es gibt Schubladen und Ordner, in die man sie ablegt“, führt der amerikanische Spezialist für Künstliche Intelligenz aus. So arbeitete man bereits vor 80 Jahren. In den 1970ern sei dieses System dann einfach auf den Computer übertragen worden. Man verfolge dabei eine nicht mehr zeitgemäße Logik – sie entspreche nicht mehr der Funktion von Computern.

„Ein Schreibtisch ist passiv, der Computer ist aktiv – er kann Dokumente selber beschriften, suchen und ordnen. Die Idee, dass wir jedem Dokument einen Namen geben sollen, ist schlicht lachhaft. Wenn Sie drei Hunde haben, ist das sinnvoll. Besitzen Sie aber 10.000 Schafe, ist es Irrsinn“, bemängelt Gelernter. Cioforum-Sprecher Andreas Rebetzky sieht das ähnlich. Damals geizte man noch mit Bits und Bytes – eine Festplatte mit 10 MByte kostete mehrere tausend Euros: „Daher kam die Entwicklung des Dateinamens – das ist eine sehr kanonische Entwicklung. Heute gibt es bereits Systeme, die in Workflows und Timeflows arbeiten. Systeme, die Metadaten zulassen, volltextorientierte Suchmechanismen, die sogar zum Teil auf unscharfen Pattern basieren. Wir müssen das nur nutzen. Und das erfordert Zeit, den die tradierten Anwender werden zunächst erst mal in den bekannten Ordnern suchen“, glaubt Rebetzky, der hauptberuflich als CIO für den Lebenmitteltechnologie-Spezialisten Bizerba tätig ist.Bei Benutzeroberflächen sieht er Fortschritte. Der Erfolg von Apple basiere hauptsächlich auf der Ergonomie des ‚Desktops’. Auf die Spitze getrieben im iPhone.

Gelernter entwickelte eine Software, die Informationen auf völlig neue Art strukturiert. Jedes Dokument will er in einer Zeitachse anordnen – einem „Lifestream“. Informationen werden zeitlich strukturiert statt räumlich in Ordnern. So korrespondiert die Anordnung der Information mit den Ereignissen des Lebens. „Unser erstes Dokument ist die elektronische Geburtsurkunde, und jedes Dokument, das hinzukommt, wird chronologisch bis zur Gegenwart eingeordnet. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um E-Mails, Fotos, MP3s oder den Entwurf eines Buchkapitels handelt – alles wird einfach in den Lifestream geworfen“, erläutert Gelernter. Dateien müsse man dann mehr mit Namen bezeichnen, da sie sich selbstständig nach Inhalten, Stichworten, Ort und Zeit vernetzen. Ordner werden überflüssig. Der Lifestream erstrecke sich auch in die Zukunft: Man könne ein Dokument an jene Stelle auf der Zeitachse kopieren, an der es wieder auftauchen soll.

Für den IT-Fachmann Rebetzky ist das eine nette Idee, aber zu eindimensional: „Bilden wir dadurch nicht alles auf einer Perlenschnur ab? Ich glaube, wir müssen Informationen aus dem Cyberpool filtern, indem wir sie in einen Kontext stellen. Zum Beispiel können wir den Kontext ‚Globalisierung’ mit dem Kontext ‚Offshore Softwareentwicklung’ kombinieren und damit im Cyberpool suchen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Google und Co. genau diesen Weg beschreiten werden. Derzeit ist die Suche immer noch zu unspezifisch“. Gelernter setzt auf Assoziationen. Wer eine Stimme höre, denke an ein Gesicht. „Damit ist eine zeitliche Information verbunden: Wann habe ich die Person das letzte Mal gesehen? Eine Kombination aus assoziativer Vernetzung und zeitlicher Strukturierung ist die natürliche Art, Information in einer Software zu speichern“. Leider könnten die meisten Softwaresysteme nicht assoziativ „denken“, bemängelt Rebetzky: „Darin unterscheiden sich Computer noch von Menschen. Höchstwahrscheinlich werden die assoziativen Fähigkeiten von Softwaresystemen in den nächsten 20 bis 30 Jahren extrem zunehmen, was unsere Interaktionsmöglichkeiten mit dem Cyberspace erheblich beeinflussen wird. Vorhersehen kann das aus meiner Sicht niemand: Selbst Computergrößen wie Bill Gates dachten ja einst, dass 640 kByte für jeden völlig ausreichen. Welch ein Irrtum“, stellt Rebetzky fest.

Gelernter geht in Zukunft von dreidimensionalen Benutzeroberflächen aus. Das Interface ähnele dann mehr einem Videospiel: „Statt auf den Screen werden wir durch ihn auf eine beliebig große virtuelle Welt sehen. Der Bildschirm wird wie eine Art Fenster sein. Wenn Sie Ihren Computer anstellen, öffnet sich eine Cyberlandschaft vor Ihren Augen, in die Sie meilenweit hineinsehen können. Im Vergleich dazu ist die heutige Desktop-Benutzeroberfläche furchtbar limitiert und langweilig: Ein Hintergrund mit Dokumenten. Ich sehe lieber aus dem Fenster auf Bäume, Menschen und Verkehr als auf Akten auf einem Schreibtisch. Mit dem Lifestream erlauben Benutzeroberflächen virtuelle Zeitreisen: Wir fliegen dann durch die Cyberlandschaft in die Zukunft und die Vergangenheit“. 3D sei nicht der Stein der Weisen, kontert Rebetzky. „Die virtuelle Welt des Business bedeutet Meeting, Prioritäten, Projekte in ständigem Wandel. Wenn mir mein Kalender einmal für die Tagesbesprechungen die Referenzen zu den Dokumenten vorlegt, die für die folgenden Meetings sinnvoll sind, dann haben wir einen ersten Fortschritt. Stand heute: Miles away”.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Es wäre doch mal schön, wenn Gelernter seinen Visionen auch Taten folgen lässt.

Der Google-Chef und die mobile Computer-Intelligenz


Google-Chef Eric Schmidt ist davon überzeugt, dass wir eine Welt mit 100 Megabit mobiler Übertragungsgeschwindigkeit erleben werden. Also wesentlich schnellere Verbindungen als heute. Jeder Mensch wird ein Smartphone in der Tasche haben. „Wenn ich eine Straße hinuntergehe, können Passanten per Livestream Informationen von der Oper, dem Kino, dem Händler und den Schulen empfangen. An der Oper könnte das Telefon dann ein Stück der Oper vorspielen. Wenn der Nutzer die Oper hasst, bekommt er eine andere Einspielung. Das allwissende System trifft also Entscheidungen in Echtzeit und versorgt die Menschen mit Informationen“, so Schmidt im Interview mit der FAZ.

In fünf bis zehn Jahren werde das Gerät wissen, was um den Nutzer herum passiert, und es wird Vorschläge machen, was für den Nutzer besonders wichtig sein kann. „Das Gerät wird also wissen, ob der Nutzer lieber Oper hört oder lieber den Film anschaut. Die nächste Stufe werden dann die Freunde sein. Das Gerät wird mir sagen, ob einer meiner Freunde auch gerade in Berlin ist und ob es ihn kontaktieren soll“, erläutert der Google-Chef. Er spricht in diesem Zusammenhang auch von der Augmented Humanity, der erweiterten Menschheit. Die Menschen sollten das, was sie tun, noch besser machen. Sie sollten produktiver werden zum Beispiel. „Computer brauchen die Hilfe des Menschen, um besser zu werden, sie brauchen Training. Auf der anderen Seite sind wir Menschen mit unserer Intelligenz überfordert, wenn es etwa um die Bereitstellung eines perfekten Gedächtnisses geht. Da stoßen wir Menschen an Grenzen. Meine Idee ist, dass wir die Computer verbessern, die den Menschen helfen, und gleichzeitig Menschen besser darin werden, die Computer zu trainieren. Das Ziel muss sein, dass die Leute weniger Zeit verschwenden und mehr Spaß im Internet haben“, sagt Schmidt.

Das kommt sehr nah an die Prognosen des Informatik-Professors Herman Maurer von der TU-Graz heran, die ich hier vor ein paar Jahren vorgestellt habe. „Lange vor dem Jahr 2100 werden alle Menschen jederzeit und an jedem Ort auf alles Wissen der Menschheit zugreifen können, ähnlich wie wir das heute bei materiellen Gütern können. Dieser Zugriff wird mit Geräten erfolgen, die stark mit den Menschen integriert sind, und wird sich auf Wissen beziehen das entweder aus Datenbanken kommt oder aus Dialogen mit Experten entsteht. Das Gehirn des Einzelmenschen wird nur noch ein vergleichsweise winziger Bestandteil eines gewaltigen Wissensvorrates sein, der durch die Vernetzung aus Milliarden von Menschenhirnen und Datenbanken entsteht“, prognostiziert Maurer.

Skeptiker, die vor einer nicht beherrschbaren Informationsüberflutung warnen, werden bald verstummen: „Am Horizont zeichnet sich bereits ab, dass die Informationslawine allmählich gebändigt und strukturiert werden wird zu sinnvollen, verlässlichen und auf die Person maßgeschneiderte Wissenseinheiten. Das wird geschehen über die stärkere Verwendung von Metadaten, von intelligenten Agenten, von vertikalen Suchmaschinen, wo Fachleute Informationen gefiltert und kombiniert haben, von Gigaportalen für die verschiedensten Anwendungsbereiche, von aktiven Dokumenten, die von sich aus antworten geben können“, so Maurer. Bei der Wissensvernetzung und dem Wissensmanagement sei es erforderlicht, Wissen jederzeit und an jedem Ort verfügbar zu machen.

Er habe schon vor vielen Jahren den allgegenwärtigen Computer vorhergesagt: nicht viel größer als eine Kreditkarte, weitaus mächtiger als die heutigen schnellsten Computer, mit hoher Übertragsgeschwindigkeit an weltweite Computernetze mit allen ihren Informationen und Diensten angehängt, in sich vereinigend die Eigenschaften eines Computers, eines Bildtelefons, eines Radio- und Fernsehgerätes, eines Video- und Fotoapparates, eines Global Positioning Systems (GPS), einsetzbar und unverzichtbar als Zahlungsmittel, notwendig als Führer in fremden Gegenden und Städten, unentbehrlich als Auskunfts- , Buchungs- und Kommunikationsgerät. Die allgegenwärtigen Computer werden stärker mit dem Menschen selbst verbunden. „Die Miniaturisierung von sehr mächtigen Computern wird so weit gehen, dass man sie in das Loch in einem Zahn wird einpflanzen können“, so der Ausblick über die Entwicklung in den nächsten knapp 100 Jahren.

Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Szenarien sehr viel schneller kommen werden. Einiges davon ist ja schon jetzt möglich!

Siehe auch:

Googles Zukunftvision: Niemals verloren, niemals einsam, niemals gelangweilt.

Google Instant: Schneller, als ihr tippen könnt.

Netznavigator: Herder statt Schirrmacher


FAZ-Neurofeuilletonist Frank Schirrmacher versucht mittlerweile, seine Payback-Thesen etwas sachlicher ins Feld zu führen. So fordert er, dass die Informatiker aus den Nischen in die Mitte der Gesellschaft geholt werden müssen. Sie müssen die Scripts erklären, nach denen wir handeln und bewertet werden. „Was ist voraussagende Suche und was kann sie? Was ist ‚profiling‘? Wer liest uns, während wir lesen? Technologien sind neutral, es kommt darauf an, wie wir sie benutzen. Um das zu können, brauchen wir Dolmetscher aus der technologischen Intelligenz. In Amerika hat die Debatte mit der Computer-Intelligenz längst begonnen. Wir sollten schleunigst mittun“, fordert der Herausgeber der FAZ. Diese Forderungen sind allerdings schon längst Realität. Die Debatten werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr intensiv geführt, unter Beteiligung von hochqualifizierten Forschern für Informatik und Künstliche Intelligenz. Siehe auch: Der Geist in der Maschine: Über digitale Assistenzsysteme.

Auch freundet er sich mit dem Vorschlag des Chaos Computer Club an, jeden Bürger mit einer Art Pass über seine digitalen Profile aufzuklären. Das sei nicht paranoid, sondern ein Wesenskern digitaler Selbstbestimmung – auch für diejenigen, die nicht wollen, dass ihre Kinder als mathematische Profile auf Arbeitsplatzsuche gehen. „Aber das reicht nicht. Es ist an der Zeit, die digitale Revolution, die mehr ist als das Web 2.0, in ihrer ganzen Wucht zu erkennen. Enquete-Kommissionen genügen nicht, und in Zeiten des mobilen Netzes ist es eher komisch, Blogger wie Exoten als Fachleute für eine Welt anzuheuern, in der schon Hundertjährige wie selbstverständlich unterwegs sind. Jeder surft und kommuniziert heute im Netz. Wir sollten über die schimmernden Objekte nicht mehr staunen, sondern ihre Funktionsabläufe zum Allgemeinwissen machen“, so Schirrmacher. Aber was sollen wir mit den Neurothesen des Frankfurter Bildungsbürgers anfangen, die uns in der Regel in den Freitags- und Samstagsausgaben der FAZ um die Ohren gehauen werden. So geschehen wieder in einem Gastbeitrag des Times-Kolumnisten Ben Macintyre (Im Einbaum durchs Internet), wo ohne wissenschaftliche Befunde, ohne empirische Erhebungen, ohne neurowissenschaftliche Expertisen einfach behauptet wird, dass die Informationsflut des Netzes unser Gehirn angreift.

Die Informationsflut-Klage ist allerdings kein Phänomen des Internetzeitalters. Ähnliches spielte sich beispielsweise im 18. Jahrhundert ab:
„Das Ende des Universalgelehrten und die Entstehung des modernen Buchmarkts in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erzeugen die krisenhafte Erfahrung, einer unabsehbaren ‚Bücherflut‘ ausgesetzt zu sein. ‚Vielschreiberei‘ und ‚Lesewut‘ werden im ‚tintenkleksenden Säkulum‘ (Herder) als Nachtseite der Aufklärung daher breit diskutiert. Angesichts der nun vollends unübersehbar gewordenen Fülle von Informationen sind Überlegungen zur Navigation im Büchermeer, also Orientierungshilfen, nur folgerichtig – und die etwas hilflose Antwort auf diese Lage lautet damals wie heute im Regelfall ‚Kanonbildung‘ (das müsste Schirrmacher doch bekannt vorkommen, GS), also Auswahl ‚von oben‘ (ganz nach dem Geschmack der bildungsbürgerlichen Oberlehrer, GS), oder erschöpft sich in pädagogischen Anweisungen, was und wie man lesen soll“, schreiben Matthias Bickenbach und Harun Maye in ihrem vorzüglichen Buch „Metapher Internet – Literarische Bildung und Surfen“, erschienen im Kadmos-Verlag.

So warnt der Pädagoge J.M. Beseke 1786: „Das Feld der Lektüre ist heut zu Tage so groß, dass es manchem höchst gefährlich ist, wenn er glaubt, sich darin selbst zurecht finden zu können; vielmehr sollte er nie allein sich in die weite offene Gegend wagen, in welcher es höchst schlüpfrige Wege, neben unnützen, giebt, wovon jene zum Verderben, diese aber zu seinem Ziele führen.“ (Beseke: Über Lektüre zum Selbststudium, in: Deutsches Museum. Bd. 1, Leipzig, S. 360).

Den Ozean der Gelehrsamkeit bereiste Johann Gottfried Herder ohne moralisierenden Kanon, ohne hausmeisterliche Ratschläge und ohne kulturkritisches Gejammer. Das stellt Herder im „Journal meiner ersten Reise im Jahr 1769“ unter Beweis. „Wenn Francis Bacon der erste erklärte Entdecker auf dem Meer der Gelehrsamkeit war, so ist Johann Gottfried Herder der erste Surfer. Seine Datenreise durch die möglichen Adressen und Kombinationen zeigt ein Verhalten, das seitdem inmitten der ‚Informationsflut‘ zur notwendigen Kunst geworden ist“, so Bickenbach und Maye. Das Reisejournal könne als Protokoll einer imaginären Reise betrachtet werden. „Die Seiten sind fast ausschließlich mit geistigen Abenteuerfahrten, Projektaufrissen, gelehrten Listen und Materialsammlungen gefüllt. Ein Großteil des Textes besteht aus reinen Namenslisten, Autorennamen, die sämtlich im Plural geführt werden und die Herder einmal ansteuern will.“ Herder gleite über enorme Datenmassen, Themenkomplexe und Horizonte hinweg, die sich nur rhapsodisch und punktuell berühren lassen.

Er selbst wird zum Cursor, zum Läufer, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft, die man so bisher noch nicht gelesen hat. Er wendet die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre an. „Herder darf schnell werden, weil er nicht nur auf eine neue Form des Lesens rekurriert, sondern auch auf eine alte rhetorische und gelehrte Schreibtechnik. Es ist ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt….Die gelehrte Lizenz, Materialmengen ‚aufs Geratewohl‘ zu durcheilen und die Frage der richtigen Ordnung zugunsten der größeren Nähe zum furor poeticus hintanzusetzen, ist sogar in einer eigenen literarischen Gattung Tradition (die sog. Sylvae oder Wälder)“, führen Bickenbach und Maye aus. Man schreibt nicht akademisch oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif.

Für Herder war klar, dass eine Bibliothek, die zu stark auf die Ordnung des Wissens Einfluss nimmt, Innovationen erschwert oder unmöglich macht. Nichtwissen ist dabei eine notwendige Voraussetzung, um innovativ sein zu können. Kein Gelehrter könne das Universalarchiv noch einholen. Alles ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Kanonische Wissensbestände sollten daher durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden. Bildung unter hochtechnischen Bedingungen wäre demnach eine operative Kompetenz – im 18. Jahrhundert und auch heute! Klugheit im Umgang mit Informationsfluten empfahl auch Marshall McLuhan mit Verweis auf eine Kurzgeschichte von Edgar Allen Poe.

Dem Matrosen in Poes Abhandlung über den „Sturz in den Malstrom“ bleibt nichts anderes übrig: Er nutzt die Strömung des Wirbels gegen ihre eigene Gewalt. Man muss mit der Geschwindigkeit gehen können, um danach erst an jenen Stellen langsam zu werden, wo es sich lohnt.

Karl Gottlob Schelle gibt in seinem Werk „Die Spatziergänge oder die Kunst spazieren zu gehen“ die Empfehlung, den „Spatziergang“ in „eigene Sphäre des Geistes und der Bildung zu ergeben (das Büchlein in der Fassung von 1802 gibt es in einem schmucken Nachdruck, angefertigt von Weihert-Druck in Darmstadt): „Die Aufgabe hierbey: geistige Thätigkeit mit körperlicher zu verbinden, ein bloß mechanisches Geschäft (des Gehens) zu einem geistigen zu erheben.“ Sein lustwandelnder Spaziergänger oder Flaneur, wie es Franz Hessel ausdrückte, trägt buchstäblich im Vorrübergehen unmerklich zu seiner Bildung bei, indem er ganz einfach seine „Geistesthätigkeit“ der Bewegung und diese dem Strom der ihn umgebenden Dinge anpassen: „Mit offener Empfänglichkeit muss der Geist die Eindrücke der in umgebenden Dinge mehr ruhig aufnehmen, als leidenschaftlich sich über etwas zu erhitzen, muss sich mit heiterer Besonnenheit ihrem Strom mehr willig überlassen, als mit zu stark zurückwirkender Selbstthätigkeit, in seine eigenen Ideen verloren, sich ihnen entziehn.“ Die Kunst spazieren zu gehen wie die Kunst zu surfen, so die Autoren Bickenbach und Harun Maye, besteht darin, sich trotz Selbsttätigkeit und Eigenregelung noch von dem Strom der Dinge angenehm durchrütteln zu lassen, damit der Geist empfänglich bleibt. Die eigenen Operationen sollten dem Rhythmus des Mediums angepasst werden. Die neuen Medien lassen offensichtlich werden, dass sich auch hinter den alten Medien (Schrift, Buchdruck, Literatur), hinter deren Maskeraden und Deckelhauben „Geist“, „Sinn“ oder „Bildung“, nur Techniken der Datenverarbeitung verbergen. Wir könnten uns wie die Detektive in den Romanen von Poe, Doyle oder Chandler verhalten. Wo immer komplexe und nicht durchschaubare Situationen auftreten, die uns als Datendetektive überfordern, tun wir etwas Erratisches, dass wir selbst nicht verstehen, was aber vor allem die „Gegenseite“ nicht versteht, so dass diese unbekannten oder undurchschaubaren Anderen zu Reaktionen verführt werden, die plötzlich ein Netzwerk, ein Verbindungssystem aufzeigen, das vorher nicht sichtbar war.

Debattendompteure wie Schirrmacher werden für die Netznavigation nicht gebraucht. Als Datendandy oder Surfpoet sollte jeder seine Lage selbst erkennen (frei nach Gottfried Benn), die neue Medienwelt desorganisieren, Normen und Standards ignorieren. Eine von ungelesenen Büchern übersäte Universalbibliothek ist wie der Datenkosmos des Internets. Die Standardfrage beim Betrachten voller Bücherregale ist immer die gleiche. Wie viele von diesen Büchern hast Du denn wirklich gelesen??? Der Schriftsteller Umberto Eco antwortet darauf: “Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene”. Eine Bibliothek sollte so viel von dem, was man nicht weiß, enthalten, wie der Besitzer angesichts seiner finanziellen Mittel hineinstellen kann. Auch er macht sich ab und an Gewissensbisse, weil er einige Bücher noch nicht gelesen hat und stößt dabei auf ein überraschendes Phänomen: Wir nehmen eines dieser vernachlässigten Werke zur Hand, blättern es durch und entdecken, dass wir schon fast alles kennen, was darin steht. Die Büchersammlung ist auch ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Und selbst die Jagd nach Büchern wirkt anregend und erweitert den Horizont – siehe auch: Tagebuch der Bibliophilie.
Lassen wir uns durch den Datenstrom treiben, ohne Kanon, ohne Moralapostel, ohne kulturkritisches Geschwätz. Wir tun es anarchisch, ohne die Taktgeber in den Massenmedien. Wir organisieren uns selbst, Herr Schirrmacher.

Siehe auch:
Döpfner und die Niederlage der alteuropäischen Inhalteproduzenten – Warum wir keine Massenmedien mehr brauchen und die Umerziehung von Online-Nutzern anmaßend ist.

Schirrmacher und die Abwracker.

Sehr schön der Beitrag von Peter Glaser: „Wer einen Waldspaziergang macht, kann sich von den vielen Tannennadeln überfordert fühlen – oder sich erholen. Frank Schirrmachers Buch über die Gefahren des Informationszeitalters aktualisiert eine Klage, die schon die alten Ägypter kannten“.

Treffend auch die Aussagen von Peter Kruse, Psychologe mit dem Schwerpunkt Komplexitätsverarbeitung in intelligenten Netzwerken: „Betrachtet man das Internet als ein Netzwerk, in dem Menschen vergleichbar mit dem Phänomen der Sprache eine lebendige Kulturleistung hervorbringen, dann entspannt sich der geplagte Geist und das Gefühl der Überforderung nimmt ebenso schnell ab wie die Belastung durch empfundene persönliche Verantwortung. Das Internet ist nur eine Zumutung, wenn man versucht, es im Griff zu haben. Ansonsten ist es ein echter Turbolader für überindividuelle Prozesse. Auf einem Fernseher versucht man ja auch nicht, jeden einzelnen Bildpunkt zu analysieren. Im Internet geht es tatsächlich immer ‚ums Ganze‘.“

Sehr lesenswert der Beitrag von Thomas Knüwer: Wie Frank Schirrmacher sich seine Experten aufbläst.

David Gelernter: Das Web als Strom.