Reichen die Imitatoren des Apple-Imitationsimperiums an Steve Jobs heran?

Hier ein Ausschnitt meiner Apple-Story für den Fachdienst Service Insiders:

Die wahren Fähigkeiten des Steve Jobs-Konzerns liegen darin, eigene Ideen mit externen Technologien zusammenzufügen und die Ergebnisse in eine elegante Software und ein unverwechselbares Design zu verpacken. Apple beherrscht wie kaum eine andere Organisation die Inszenierung und Integration von Technologien ohne jede Scheu davor, Ideen von außen zu nutzen und sie mit den eigenen Kniffen zu veredeln. Steve Jobs ist zudem ein Meister der Klugheitslehre, wie sie im 17. Jahrhundert vom Jesuiten Baltasar Gracián zu Papier gebracht wurde. Es sei ein sehr schwieriges Unterfangen, jederzeit „die Erwartung rege zu halten“, denn „die glänzendste Tat kündige noch glänzendere an“, führt Gracián in seinem Opus „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ aus.

Man sollte seine wahren Absichten nicht allzu deutlich preisgeben. „Wer mit offenen Karten spielt, läuft Gefahr, zu verlieren“, bemerkt der spanische Geistliche. Das Gegenteil sei besser: Manchmal müsse man „Luftstreiche“ tun, also praktisch mit dem Schwert in die Luft schlagen, um den Gegner zu verwirren und die eigenen Absichten nicht deutlich werden zu lassen. Gleichzeitig erlauben solche „Luftstreiche“ oder Probierballons das Ausprobieren einer bestimmten Position, die zu Diskussion gestellt wird, ohne gleich als die eigene Meinung gelten zu müssen. Es erfordert ein hohes Maß an Geschicklichkeit, hinreichend Spannung aufzubauen und die anderen „über sein Verhalten in Ungewissheit“ zu halten. „Der Kluge lasse zu, dass man ihn kenne, aber nicht, dass man ihn ergründe“, schreibt Gracián im Handorakel (Nr. 3). Der Handlungsvorschlag setzt allerdings eine hohe Begabung voraus. Denn wichtig sei es, „bei allen Dingen stets etwas in Reserve“ zu haben. Nur dadurch sichert man seine Bedeutsamkeit.

Die Kunst des Gerüchts wird im Internet zum Prinzip, meint Hans-Joachim Neubauer in seiner Abhandlung „Fama – Eine Geschichte des Gerüchts“ (Matthes & Seitz-Verlag). Die Nachricht nährt das Gerücht, und das Gerücht nährt die Nachricht. „Die so genannten Nachrichtenkanäle senden möglichst unmittelbar, steigern die Spannung mit Live-Schaltungen, bewerten, dramatisieren und taktieren im Minutentakt. Nachrichten werden überhöht, Pressekonferenzen geraten zum Spektakel – ein sich selbst infizierender Kreislauf der Wichtigtuerei ist entstanden“, führt Neubauer aus.

Besonders in der grenzenlos vernetzten Welt der automatisierten Nachrichtenspiegel und Informations-Ströme gelte das Gesetz der Popularität. In der Blogosphäre sei Qualität ein qualitativer Faktor. „Nicht mehr die Nachricht von den Fakten ist die Information, sondern die Nachricht vom Erfolg einer Nachricht“, erläutert Buchautor Neubauer. Das Urbild des Cyberspace stamme aber nicht aus dem 20. Jahrhundert, sondern sei schon 2000 Jahre alt. Was Ovid über das Haus der Fama schreibt, liest sich wie eine Vision unserer digitalen Gegenwart. Auch das Internet sei überall; wie Famas Haus hat es „tausend Zugänge“ und „unzählige Luken“, „bei Nacht und bei Tage steht es offen, ist ganz aus klingendem Erz, und das Ganze tönt, gibt wieder die Stimmen und, was es hört, wiederholt es“, weiß Ovid. „Alles, wo es geschehe, wie weit es entfernt sei, von dort erspäht man es; ein jeder Laut dringt hin zum Hohl seiner Ohren.“ Und schließlich „schwirren und schweifen, mit Wahrem vermengt, des Gerüchtes tausend Erfindungen und verbreiten wirres Gerede“. Was stimmt, könne niemand sagen, aber mitsprechen könne jeder. Die Echokammer des Hörensagens beherrscht in der Welt der Kommunikationstechnologien keiner besser als Steve Jobs. Daran werden die Imitatoren des Apple-Imitationsimperiums gemessen.

Apple-Ausstellungsrundgang ohne Worte: i-Kosmos

Der Bericht meiner Exkursion zur Apple-Ausstellung in Frankfurt folgt am Freitag im Fachdienst Service Insiders.

Hier noch ein paar Fotos, die ich in Frankfurt geschossen habe.

Retweet mit Dialog-Potenzial ;-)

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Stößt die Androiden-Invasion schon an Grenzen? Zumindest die iPad-Konkurrenten tun sich schwer

Noch stockt die Androiden-Invasion, zumindest bei Tablet-PCs. Das berichtet das Handelsblatt und beruft sich auf die Forrester-Analystin Sarah Rotman Epps. Das Problem der Apple-Konkurrenten seien nicht etwa schlechte Hardware oder Software.

Die Konkurrenten von Dell, Samsung oder HP bis Blackberry seien einfach durchgängig zu teuer und könnten nicht ansatzweise mit dem iTunes-Geschäftsmodell konkurrieren. Apple dominiere mit seinen „Apple Stores“ zudem den „menschlichen Faktor“. Für den Vertrieb nicht unwichtig. Daran hat sich ja Google mit dem Nexus One schon die Zähne ausgebissen. Siehe auch: Maschinen-Intelligenz und die Schwierigkeiten eines perfekten Kundendienstes. Und: Kundendienst für das Nexus One: Was tut Google? Handy-Minicomputer werden immer komplexer und brauchen dezentrale Services.

„Beste Chancen Apple ernsthaft gefährlich zu werden räumt sie Amazon ein“, so das Handelsblatt. In meiner Story für MarketingIT äußerten sich einige Experten ja etwas optimistischer in Richtung Android.

Wie seht Ihr das?

Guttenberg und das dreifache Meinungsklima

Mit dem Guttenwahn-Drama werden sich die liebwertesten Gichtlinge des Journalismus, der Politikwissenschaft und Demoskopie noch lange beschäftigen. In meiner morgigen Kolumne für „The European“ werde ich mich damit ausführlicher auseinandersetzen. Hier nur ein kleiner Auszug: Eingeübte Politikrituale, wie man sie in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten kennt, funktionieren nicht mehr. Man braucht zum Regieren mittlerweile nicht nur Bild, BamS und Glotze – im Fall Guttenberg müsste man noch Meinungsumfragen hinzufügen. So funktionierten noch die Leitplanken von Altkanzler Gerhard Schröder. Die politische Willensbildung ist durch das Internet schwieriger und unübersichtlicher geworden. „Wir erleben ein Ende der Leitmedien“, so der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im Interview mit WDR 2.

Ein Medium wie Bild könne einen Politiker wie Guttenberg in einer linearen Weise nicht mehr durchsetzen oder halten. Die massive Positivkampagne des größten Boulevardblattes für den baronesken Welterlöser war nicht von Erfolg gekrönt, da man die sich selbst organisierende Web-Öffentlichkeit nicht mehr unter Kontrolle bringt.

„Die Schwarmintelligenz im Netz benötigte gut zwei Tage, um Guttenbergs Dissertation bis auf die Knochen abzunagen. Wie Piranhas“, schreibt Volker Zastrow in einem opulenten und höchst lesenswerten Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Die blitzschnelle Recherche des GuttenPlag Wikis habe auch die Qualitätsmedien des Landes beeindruckt, sie mit Material und der nötigen Entschiedenheit versorgt, meint Pörksen. Und nicht zuletzt die Wissenschaftscommunity auf die Barrikaden gebracht.

Die Netzöffentlichkeit positionierte sich sofort gegen den freiherrlichen Plagiator, erst danach setzten die klassischen Medien nach und zerbröselten die bizarren Scheinwelten des ehemaligen Selbstverteidigungsministers. Insofern hinkt die Verschwörungstheorie der Guttenberg-Fans, die von einer Kampagne der Massenmedien sprechen.

Was erleben wir aber beim Aufstieg und Untergang des adligen Polit-Shootingstars? Bild und BamS scheitern beim Versuch, den erlauchten Minister im Amt zu halten. Die Mehrheit der Deutschen trauert um den Abgang eines Heilsbringers und die Schwarmintelligenz des Netzes entzauberte den Meister der Camouflage. Da müsste man wohl von einem dreifachen oder vielfachen Meinungsklima sprechen. Mehr dazu bitte morgen im Debatten-Magazin „The European“ lesen.

Warum auch die Mutti Apple mag und der Massenmarkt nach Einfachheit verlangt

Nach der Androiden-Invasion habe ich mich noch mal grundsätzlich mit dem Design-Problem bei Produkten und den Kriterien der Einfachheit auseinandergesetzt. Hier sehe ich Steve Jobs immer noch in einer komfortablen Situation. Ein kleiner Vorgeschmack auf die Story, die bei Service Insiders erschienen ist.

Die technikgetriebene Politik vieler Firmen sei eine der Hauptursachen für die Innovationsmisere in Deutschland, kritisiert Bitronic-Chairman Peter B. Záboji nach einem Bericht des Düsseldorfer Fachdienstes Service Insiders. Warum hat Apple einen so großartigen Erfolg? „Weil Steve Jobs von Anfang an Produkte auf den Markt brachte, die den Prinzipien der radikalen Vereinfachung entsprechen. Hier liegt auch die Ursache für den Streit mit den Computerfreaks und Ingenieuren, die sich fernab des Marktes einseitig für ihre technischen Obsessionen interessieren“. Kritiker von Apple reduzieren das auf die Geschlossenheit des Apple-Ökosystems von Endgeräten, Betriebssystem und Apps. Das Ganze führe zu einer Entmündigung und Infantilisierung der Nutzer.

„Wer so argumentiert, kann ja weiter an irgendwelchen Computern herumschrauben, den Lötkolben schwingen und nächtelang an neuen Programmen schreiben. Für den Massenmarkt taugt diese Geisteshaltung nicht“, weiß Záboji. Andere Menschen seien froh, dass sich die Software und Hardware mittlerweile bedienen lassen, wie ein Kaffeeautomat. Geräte wie die Tablet-PCs seien ein Indiz für die technische Reife, die man mittlerweile in der Branche für Informationstechnologie und Telekommunikation erreicht hat. Man könne sie wie normale Haushaltselektronik ohne technisches Verständnis nutzen.

Die komplette Story ist im Fachdienst Service Insiders heute erschienen. Hier nachlesen. Kommentare und Ideen für neue Storys würden mich natürlich wieder sehr freuen.

Mein Vortrag auf der Informare im Mai: Deutschland, wo sind Deine Kopisten und Kombinierer? Warum wir für Innovationen mehr Imitationen brauchen

Die Informare beschäftigt sich im Wissenschaftsjahr 2011 in Berlin vom 3. bis 5. Mai mit der Informationskompetenz. Hier soll die wissenschaftliche Konferenz mit einer Unkonferenz nach Art eines BarCamps verbunden werden. Dazu gibt es Poster-Sessions, Workshops, die Ausstellung „Die Kunst der Information“ und eine „lange Nacht der Suchmaschinen“. „Mit diesen sechs Elementen thematisiert die Informare die drängenden technischen, organisatorischen, politischen und gesellschaftlichen Fragen beim Umgang mit digitaler Information und zeigt auf, was es zur Lösung schon alles gibt. Veranstaltungsort ist das legendäre Café ‚Moskau‘ an der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Die Frankfurter Buchmesse hat die Schirmherrschaft für die Informare! übernommen“, so die Ankündigung der Veranstalter. „Alle Welt redet über Medienkompetenz. Was wir aber noch mehr brauchen, ist Informationskompetenz“, so der wissenschaftliche Verleger Arnoud de Kemp, Initiator der Informare.

Es geht um Kompetenz zur Bereitstellung, Beschaffung und Bewertung von Information mit elektronischen Medien. Die Informare! wird zeigen, was es in der Wissenschaft, in der Praxis und in der Arbeitswelt an professionellen Angeboten, Lösungen, Ansätzen und Ideen gibt. Viele Vortragsthemen und Ausstellungsprodukte werden in Hands-on und Hands-off Work-shops vertieft.

Ich selbst halte auch einen kleinen Vortrag. Hier das Thema und die ersten Überlegungen:

Deutschland, wo sind Deine Kopisten und Kombinierer? Warum wir für Innovationen mehr Imitationen brauchen

Ist Steve Jobs mit seinen Innovationen ein kreativer Zerstörer und begnadeter Erfinder? In Wahrheit ist er ein Imitator und Meister der Kombinatorik. Aus altbekannten Techniken wie W-LAN, MP3 und Bewegungssensoren schuf Apple neue Geräte mit Kultfaktor. Und auch das benutzerfreundliche Design ist keine Kreation aus Cupertino. Der Steve Jobs-Konzern folgt nur konsequent dem Less-and-More-Diktum des genialen Industriedesigners Dieter Rams, der in den 1960er und 1970er Jahre bahnbrechende Produkte für die Braun AG schuf. Wir sollten in Deutschland endlich lernen, die besseren Nachahmer zu werden. Die schnellen Zweiten machen das Rennen, nicht die Ersten – zumindest in der Wirtschaft. Steve Jobs ist allerdings nicht nur ein kluger Unternehmer im Sinne von Joseph Schumpeter. Nun will ich hier nicht wieder die inflationäre verwendete Phrase vom „kreativen Zerstörer“ verwenden. In dem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ von 1912 steht schon einiges, was zu meinem Thema passt: „Nur dann erfüllt er (der Unternehmer) die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt“, schreibt Schumpeter.

Innovatives Unternehmertum unterscheidet sich deutlich vom Routineunternehmer: „Es ist das Anwenden dessen, was man gelernt hat, das Arbeiten auf den überkommenen Grundlagen, das Tun dessen, was alle tun. Auf diese Art wird nie ‚Neues‘ geschaffen, kommt es zu keiner eigenen Entwicklung jedes Gebietes, gibt es nur passives Anpassen und Konsequenzenziehen aus Daten.“ Kopieren alleine reicht also nicht.

Und generell gilt wohl die Entwicklungslogik, der sich auch Apple oder Google nicht entziehen können: Der Zwerg von gestern ist der Riese von heute und der Greis von morgen.

Über Anregungen für meinen Vortrag würde ich mich sehr freuen. Bis zum Mai werde ich das Thema weiterentwickeln und noch ein paar Beiträge schreiben. Gerne auch Interviews.

Siehe auch:
Warum ist es besser, Zweiter zu sein? Innovationsführerschaft gilt als Überlebensfrage für Unternehmen. Zu Unrecht.

Zur #MWC11: Erleben wir die Apple-Götterdämmerung? Expertenmeinung gefragt

Die Wirtschaftswoche hat auf dem Titelbild eine schöne Provokation losgelassen. „Vergesst Apple – Wie Google-Handys das iPhone verdrängen“.

„Vier Jahre war nur Apple angesagt. Jetzt übernehmen Android-Handys den Markt. Bald soll Googles Software auch in Millionen Autos, Fernsehern und Tablet-Rechnern laufen. Android wird das Windows der mobilen Ära – und der Suchkonzern mächtiger, als Microsoft je war“, schreiben die Wiwo-Redakteure Thomas Kuhn und Andreas Menn. Android habe seit seinem Debüt im Oktober 2008 eine beispiellose Erfolgsgeschichte geschrieben: Bereits auf jedem dritten Smartphone, das im vierten Quartal 2010 weltweit verkauft wurde, lief Android, meldete der US-Marktforscher Canalys. Und bei Tablet-PCs, den neuen flachen Internet-Computern vom Schlage iPad, erreichte Android im gleichen Zeitraum schon 22 Prozent Marktanteil, so die Experten von Strategy Analytics.

„Überall bestimmt die Software, wie komfortabel sich die Technik bedienen lässt. Sie entscheidet auch, wie viele Programme für ein Gerät entwickelt und verkauft werden, sogenannte Apps, die Internet-Handys, Tablets oder Auto-Entertainment-Computer erst richtig nützlich und spannend machen. In den vergangenen Jahren galt Apple als Innovationsführer, sein System iOS als Musterbeispiel für benutzerfreundliches Design. Schon das erste iPhone ließ sich so intuitiv bedienen, dass der Hersteller der Verpackung keine Betriebsanleitung beilegte. 46,6 Millionen Smartphones einer einzigen Modellreihe hat Apple im vergangenen Jahr verkauft. Doch der Star der Handybranche ist auf dem Zenit des Erfolgs“, so die Wiwo. Ist das wirklich so?

Mit dem offenen Ansatz grenze sich Google radikal von Apple ab. Der Rivale habe sein Betriebssystem iOS richtiggehend eingemauert. Apple bestimme en détail, wie Handy, Betriebssystem und auch die Programme auszusehen haben, die auf den Geräten laufen. Was Konzernchef Jobs nicht gefällt, fällt durch. Das, liebe Wiwo-Redakteure macht allerdings auch den Unterschied aus, wenn es um die Nutzerfreundlichkeit geht. Dahinter steht eine Qualitätsgarantie und die Service Design-Philosophie von Steve Jobs. Der Apple-Chef überlässt nichts dem Zufall, vom Endgerät, über die Verkaufsverpackung bis zur Software. Das kann Google nicht beeinflussen, da es in der Regel nicht Hersteller der Geräte ist. Und das Nexus One war ja wohl eher ein Flop. Ein Gegenargument liefern auch die Wiwo-Redakteure: „Bei allen Zensurvorwürfen bieten Apples i-Geräte ein stimmiges Produkt, wie es in der Elektronikwelt kaum zu finden ist: Ein Klick, und ein Video wird vom iPad über die Apple-TV-Station auf den Fernseher gefunkt. Jedes weitere Apple-Gerät, das sich ein Nutzer zulegt, macht die noch wertvoller, die er schon besitzt.“ Ein weiteres Gegenargument:

Android andererseits biete Vielfalt – im Positiven wie im Negativen. „Beinahe 200 höchst unterschiedlich konzipierte Telefone arbeiten schon mit dieser Software. Im Milestone 2 von Motorola etwa ist eine ausziehbare Buchstabentastatur eingebaut. Das Desire HD von HTC lockt High-End-Nutzer mit einem Riesenbildschirm, üppigem Arbeitsspeicher und einer Acht-Megapixel-Kamera. Das Xperia X10 von Sony Ericsson nimmt Filme in HD-Qualität auf….Schattenseite der großen Freiheit à la Google: Jedes Android-Handy will auf seine Weise bedient werden. Denn die Hersteller überziehen das System mit eigenen Bedienmenüs. Auch der Datenaustausch mit dem Computer ist etwa bei Sony Ericsson anders gelöst als bei HTC. Android-Nutzer müssen flexibel sein – und die Hersteller und Softwareentwickler auch. Die Geräte an den Android-Wildwuchs anzupassen ist nicht minder komplex, als der technische Aufwand, die Apps fortlaufend auf die Vielzahl unterschiedlicher Betriebssystemvarianten abzustimmen.“ Dieser Schwachpunkt steht der Einfachheit wohl ein wenig im Wege.

Dann zum Zahlenvergleich der Betriebssysteme: 300.000 Android-Handys wurden im Dezember pro Tag weltweit auf den Google-Servern angemeldet, berichtet der Suchkonzern. Nur knapp 153.000 verkaufte iPhones täglich meldete Apple im vergangenen Quartal. Nun, wie viel unterschiedliche Hersteller stehen hinter der Android-Zahl?

Welche Folgen haben die Kostenlos-Dienste für Hersteller und Netzbetreiber? Wie sieht es mit dem User-Interface aus? Jeder Hersteller überzieht die eigenen Handys mit seinen eigenen Bedienmenüs – Fluch der Vielfalt. Also ich sehe noch keine Götterdämmerung. Ich möchte dazu morgen noch etwas schreiben. Bin an Kommentaren interessiert. Bitte an gunnareriksohn@googlemail.com schicken oder unten als Kommentar posten.

Die Nokia-Microsoft-Allianz: Wenn der Blinde mit dem Lahmen marschiert

Was für ein radikaler Kurswechsel, den der neue Nokia-Chef einleitet. Die „Nokiasoft-Strategie“, wie es Spiegel-Online so schön formulierte, ist doch wohl eher ein Akt der Verzweiflung. „Microsoft und Nokia haben den Smartphone-Trend verschlafen – jetzt wollten die Konzerne gemeinsam verlorenes Terrain zurückerobern. Analysten bezweifeln, dass das funktioniert“, so SPON.

Der weltgrößte Handy-Hersteller und das weltgrößte Software-Unternehmen wollen die „Marktführerschaft bei Smartphones“ zurückgewinnen. „Die beiden Neu-Partner versprechen ein Mobilfunk-Ökosystem von unerreichtem globalen Ausmaß, die Bündelung ihrer Kräfte bei der Hardware- und Softwareentwicklung“, schreibt SPON. Bislang würde der Zusammenschluss eher hämische Reaktionen herausfordern. Ein Twitter-User kommentiert: „Die Schlacht wird auf Nokias brennende Plattform verlegt.“

Der Zusammenschluss der Handy-Giganten sei weniger eine Allianz der Starken als die Schicksalsgemeinschaft zweier wankender Riesen. „Diese Partnerschaft gründet auf der Angst beider Seiten, von Apple und Google an den Rand gedrückt zu werden“, sagt Analyst Geoff Blaber von CCS Insight. „Sie tun, was sie können, um ihre verbleibenden Marktanteile zu retten“, sagt Gartner-Analystin Carolina Milanesi gegenüber SPON.

Kann sich einer noch an das vor zwei Jahren großspurig verkündete Kooperationsmodell zwischen Microsoft und Yahoo erinnern? Damals kommentierte netzwertig: Wenn der Blinde mit dem Lahmen marschiert, entstehe kein Weltklassesprinter. „17 Monate nach den ersten Fusionsgerüchten haben Microsoft und Yahoo sich nun endlich auf eine langjährige Zusammenarbeit geeinigt. Doch auch wenn dieser ausgesprochen wirre Deal kurzfristig ein Gegengewicht zu Google schafft, wird er die beiden Firmen nicht vor ihrem Abstieg im Internetgeschäft retten“, spekulierte netzwertig.

Auch dieser Deal wurde aus der Not geboren. „Wenn man mit aller Macht konsolidieren will, ist eine Fusion wohl der bessere Weg“, so Bernhard Steimel, Sprecher der Smart Service Initiative. Allerdings nur beim Kampf um die Hoheit des mobilen Internets. Beim stationären Internet sei gegen Google kein Blumentopf zu gewinnen. „Mit dem Handy kommen Menschen ins Internet, die den Weg über den PC nie genutzt haben oder nutzen werden. Aufgrund des Formfaktors, den Screengrößen, Bedienungslimitierungen und verfügbaren Bandbreiten muss die Suche, also der primäre Zugang zu allen Inhalten und Diensten, auf dem Handy erschwerten Anforderungen gerecht werden. Sie muss sich zur Antwortmaschine weiter entwickeln, die aus der Verknüpfung von Web 2.0 und dem Semantischen Web richtige ‚Antworten’ produziert, statt lange Linklisten auszuspucken. Zudem muss die mobile Suche einfach zu bedienen sein“, weiß Steimel.

In diese Richtung wird auch im Verbund mit Nokia nichts laufen.

Gelernter und das Dasein als digitaler Aktenknecht

„Unsere Datenkommunikation ist inakzeptabel“, meint der IT-Guru David Gelernter. Das Netz produziere immer mehr Daten. Im Gespräch mit Alexander Görlach erläutert Gelernter Möglichkeiten, wachsende Datenmengen neu zu organisieren. Es geht darum, das Netz zu meistern.

Seine Thesen frischt Gelernter mit aktuellen Beispielen auf. Wirklich neu sind sie nicht.

Vor ein paar Jahren hatte ich zu den Visionen von Gelernter schon mal was geschrieben: Der Computerkunde als Aktenknecht – Benutzeroberflächen funktionieren immer noch wie Schreibtische

Nach Meinung von Gelernter sind die Benutzeroberflächen immer noch die Achillesferse der Computer und zwingen den Anwender zu einem „Dasein als Aktenknecht“, der seine Zeit damit verplempert, Dateien zu beschriften und einzuordnen. „Das Desktop-Interface wurde nach dem Vorbild des Büroschreibtischs entwickelt: Man sitzt an einem Tisch mit Akten, und es gibt Schubladen und Ordner, in die man sie ablegt“, führt der amerikanische Spezialist für Künstliche Intelligenz aus. So arbeitete man bereits vor 80 Jahren. In den 1970ern sei dieses System dann einfach auf den Computer übertragen worden. Man verfolge dabei eine nicht mehr zeitgemäße Logik – sie entspreche nicht mehr der Funktion von Computern.

„Ein Schreibtisch ist passiv, der Computer ist aktiv – er kann Dokumente selber beschriften, suchen und ordnen. Die Idee, dass wir jedem Dokument einen Namen geben sollen, ist schlicht lachhaft. Wenn Sie drei Hunde haben, ist das sinnvoll. Besitzen Sie aber 10.000 Schafe, ist es Irrsinn“, bemängelt Gelernter. Cioforum-Sprecher Andreas Rebetzky sieht das ähnlich. Damals geizte man noch mit Bits und Bytes – eine Festplatte mit 10 MByte kostete mehrere tausend Euros: „Daher kam die Entwicklung des Dateinamens – das ist eine sehr kanonische Entwicklung. Heute gibt es bereits Systeme, die in Workflows und Timeflows arbeiten. Systeme, die Metadaten zulassen, volltextorientierte Suchmechanismen, die sogar zum Teil auf unscharfen Pattern basieren. Wir müssen das nur nutzen. Und das erfordert Zeit, den die tradierten Anwender werden zunächst erst mal in den bekannten Ordnern suchen“, glaubt Rebetzky, der hauptberuflich als CIO für den Lebenmitteltechnologie-Spezialisten Bizerba tätig ist.Bei Benutzeroberflächen sieht er Fortschritte. Der Erfolg von Apple basiere hauptsächlich auf der Ergonomie des ‚Desktops’. Auf die Spitze getrieben im iPhone.

Gelernter entwickelte eine Software, die Informationen auf völlig neue Art strukturiert. Jedes Dokument will er in einer Zeitachse anordnen – einem „Lifestream“. Informationen werden zeitlich strukturiert statt räumlich in Ordnern. So korrespondiert die Anordnung der Information mit den Ereignissen des Lebens. „Unser erstes Dokument ist die elektronische Geburtsurkunde, und jedes Dokument, das hinzukommt, wird chronologisch bis zur Gegenwart eingeordnet. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um E-Mails, Fotos, MP3s oder den Entwurf eines Buchkapitels handelt – alles wird einfach in den Lifestream geworfen“, erläutert Gelernter. Dateien müsse man dann mehr mit Namen bezeichnen, da sie sich selbstständig nach Inhalten, Stichworten, Ort und Zeit vernetzen. Ordner werden überflüssig. Der Lifestream erstrecke sich auch in die Zukunft: Man könne ein Dokument an jene Stelle auf der Zeitachse kopieren, an der es wieder auftauchen soll.

Für den IT-Fachmann Rebetzky ist das eine nette Idee, aber zu eindimensional: „Bilden wir dadurch nicht alles auf einer Perlenschnur ab? Ich glaube, wir müssen Informationen aus dem Cyberpool filtern, indem wir sie in einen Kontext stellen. Zum Beispiel können wir den Kontext ‚Globalisierung’ mit dem Kontext ‚Offshore Softwareentwicklung’ kombinieren und damit im Cyberpool suchen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Google und Co. genau diesen Weg beschreiten werden. Derzeit ist die Suche immer noch zu unspezifisch“. Gelernter setzt auf Assoziationen. Wer eine Stimme höre, denke an ein Gesicht. „Damit ist eine zeitliche Information verbunden: Wann habe ich die Person das letzte Mal gesehen? Eine Kombination aus assoziativer Vernetzung und zeitlicher Strukturierung ist die natürliche Art, Information in einer Software zu speichern“. Leider könnten die meisten Softwaresysteme nicht assoziativ „denken“, bemängelt Rebetzky: „Darin unterscheiden sich Computer noch von Menschen. Höchstwahrscheinlich werden die assoziativen Fähigkeiten von Softwaresystemen in den nächsten 20 bis 30 Jahren extrem zunehmen, was unsere Interaktionsmöglichkeiten mit dem Cyberspace erheblich beeinflussen wird. Vorhersehen kann das aus meiner Sicht niemand: Selbst Computergrößen wie Bill Gates dachten ja einst, dass 640 kByte für jeden völlig ausreichen. Welch ein Irrtum“, stellt Rebetzky fest.

Gelernter geht in Zukunft von dreidimensionalen Benutzeroberflächen aus. Das Interface ähnele dann mehr einem Videospiel: „Statt auf den Screen werden wir durch ihn auf eine beliebig große virtuelle Welt sehen. Der Bildschirm wird wie eine Art Fenster sein. Wenn Sie Ihren Computer anstellen, öffnet sich eine Cyberlandschaft vor Ihren Augen, in die Sie meilenweit hineinsehen können. Im Vergleich dazu ist die heutige Desktop-Benutzeroberfläche furchtbar limitiert und langweilig: Ein Hintergrund mit Dokumenten. Ich sehe lieber aus dem Fenster auf Bäume, Menschen und Verkehr als auf Akten auf einem Schreibtisch. Mit dem Lifestream erlauben Benutzeroberflächen virtuelle Zeitreisen: Wir fliegen dann durch die Cyberlandschaft in die Zukunft und die Vergangenheit“. 3D sei nicht der Stein der Weisen, kontert Rebetzky. „Die virtuelle Welt des Business bedeutet Meeting, Prioritäten, Projekte in ständigem Wandel. Wenn mir mein Kalender einmal für die Tagesbesprechungen die Referenzen zu den Dokumenten vorlegt, die für die folgenden Meetings sinnvoll sind, dann haben wir einen ersten Fortschritt. Stand heute: Miles away”.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Es wäre doch mal schön, wenn Gelernter seinen Visionen auch Taten folgen lässt.