Wenn in der Bonner Harmonie der „Piano Man“ wieder das Licht anmacht

Das ferne Leuchten aus Manhattan

Als ich Billy Joel vor knapp drei Jahren im Madison Square Garden sah, war das kein gewöhnlicher Konzertabend, sondern eine Begegnung mit einem musikalischen Kosmos, der seit Jahrzehnten den Soundtrack für Sehnsucht, Melancholie und Großstadtromantik liefert. Der Garden wirkte tatsächlich wie das Wohnzimmer des „Piano Man“, ein Ort, an dem jede Wendung, jede vertraute Melodie, jede kleine ironische Brechung ihren Platz hatte. Ein Jahr später, in der Bonner Harmonie, stellte sich dieses Gefühl überraschend noch einmal ein. „All About Joel“ schaffte das Kunststück, Songs nicht wie Erinnerungsstücke auszustellen, sondern die Gegenwart eines Künstlers aufzurufen, dessen Musik sich dem Altern mit bemerkenswerter Sturheit widersetzt.

Am Freitag, dem 27. März 2026, kehrt die Band nun um 20 Uhr zum dritten Mal in die Harmonie Bonn zurück. Auf der offiziellen Veranstaltungsseite heißt es, die Harmonie sei für „All About Joel“ längst mehr als nur ein Spielort, sondern beinahe eine zweite Heimat geworden. Nach zwei restlos begeisternden Abenden ist das keine sentimentale Übertreibung, sondern eine Formulierung mit Ortskenntnis.

Die Kunst, nicht zu verkleiden

Die meisten Tribute-Shows scheitern an einem Missverständnis. Sie glauben, Nähe entstehe durch Nachahmung. Dann werden Gesten kopiert, Grimassen einstudiert, Requisiten geschniegelt, bis am Ende nur eine etwas ratlose Wachskabinett-Version des Originals auf der Bühne steht. „All About Joel“ wählt den intelligenteren Weg. Thomas Matiszik versucht nicht, Billy Joel zu spielen. Er singt diese Songs, als hätte er begriffen, dass in ihnen bereits alles steckt, was man braucht: Witz, Zärtlichkeit, Kränkung, Größenlust, Müdigkeit, Hoffnung. Das Ergebnis ist erfreulich frei von Maskerade.

An seiner Seite sitzt mit Marius Ader ein Pianist, der diese Musik nicht als Pflichtübung behandelt, sondern als das, was sie ist: präzise gebauter, rhythmisch hellwacher, harmonisch oft raffinierter Pop. Dazu kommt eine Band, deren Klasse sich schon in ihren Biografien andeutet. Auf der Bühne stehen Maurizio de Matteis am Bass, Stefan Turton am Schlagzeug, Benedikt Zöller an der Gitarre und Michael Hennig am Saxophon. Die Harmonie verweist dabei auf Verbindungen zu Formationen wie Cool Chocolate, Central Park Band, Mind2Mode, ReCartney und Floydside of the Moon. Das klingt nicht nach Feierabend-Nostalgie, sondern nach Leuten, die wissen, was sie tun.

Lieder mit offenen Fenstern

Billy Joel war immer dann am besten, wenn seine Songs mehr wussten als ihre eigene Oberfläche. „Vienna“ klingt zunächst wie Trost und ist in Wahrheit auch eine kleine Ermahnung gegen die Hast. „Honesty“ wirkt wie eine Ballade und enthält doch eine ganze Theorie der zwischenmenschlichen Erschöpfung. „Leningrad“ trägt Geschichte in sich, ohne in Gedenkton zu verfallen. Und „Piano Man“ ist längst größer geworden als die Bar, aus der es einmal herausgeschrieben wurde.

Fred Schruers beschreibt in seiner Biografie einen Soundcheck im Madison Square Garden, an einem Montagnachmittag, in einer noch leeren Halle. Joel kommt auf die Bühne, überprüft die Einstellungen, macht Witze, hört alles, wiederholt ungern etwas ein zweites Mal. In dieser Szene steckt viel von dem, was ihn ausmacht. Da ist einer, der den Apparat des Starruhms beherrscht und ihm zugleich nicht restlos traut. Einer, der vor Tausenden spielen kann und dennoch jene leise Unsicherheit bewahrt, aus der seine besten Lieder überhaupt erst entstehen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie noch immer nicht geschniegelt wirken. Sie haben Risse. Und gerade deshalb Glanz.

„All About Joel“ versteht genau diesen Punkt. Diese Band spielt die großen Titel nicht wie polierte Museumsstücke, sondern wie Lieder, in denen weiterhin Leben zirkuliert. Das ist ein erheblicher Unterschied. Man hört nicht bloß Bekanntes wieder. Man merkt, wie gut diese Stücke gebaut sind, wie elegant sie sich winden, wie beiläufig sie Wahrheiten transportieren, für die andere drei Alben und ein Manifest bräuchten.

Frongasse statt Seventh Avenue

Bonn ist nicht New York. Das ist kein Mangel, sondern an diesem Abend sogar ein Vorteil. Billy Joels Musik verträgt die Arena, gewiss. Aber sie gewinnt oft dort, wo man ihr näher kommt als in der monumentalen Geste. In der Harmonie kann ein Klavier noch atmen. Ein Saxophon darf hier mehr sein als Effektbeleuchtung. Und ein Refrain muss nicht gegen die Entfernung ankämpfen, sondern erreicht den Raum mit jener Selbstverständlichkeit, die gute Songs immer besitzen.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieses Abends. Man muss nicht nach Manhattan fliegen, um für zwei Stunden an jenen Ort versetzt zu werden, an dem Pop nicht aus Pose, sondern aus Handwerk, Gefühl und Erzählkunst entsteht. Die Harmonie verspricht New Yorker Piano-Magie, handgemachte Livemusik und womöglich sogar eine besondere Setlist eigens für Bonn. Selten klang eine Ankündigung so vernünftig.

Ein Freitagabend mit besseren Aussichten

Am 27. März steht also wieder alles bereit: die Rückkehr dieser Band in einen Club, der für sie mehr geworden ist als nur eine Adresse, und ein Repertoire, das sich seit Jahrzehnten nicht klein kriegen lässt. Wer wissen möchte, wie weit Songs tragen können, wenn sie von den richtigen Leuten gespielt werden, dürfte an diesem Abend eine ausgesprochen angenehme Antwort erhalten. Beginn ist um 20 Uhr in der Harmonie Bonn. Der Veranstalter sagte mir, dass es noch Tickets gibt. Na dann. Sieht man sich?

Hier gibt es die Tickets: https://www.harmonie-bonn.de/veranstaltung/all-about-joel-the-billy-joel-tribute-show/

Fotos: Helmuth Grimm

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