Reaktionen auf den #Zoom Schock: Facebook bringt #MessengerRooms – Thema für #9vor9 @larsbas @digitalnaiv

Bislang staunten ja viele Technologiegrößen über das unerwartete Wachstum des Video-Dienstes Zoom. So langsam gibt es Reaktionen:

Microsoft versucht mit Teams zu kontern, statt endlich mal Skype auf Vordermann zu bringen.

Google reagiert mit Zeigefinger-Rhetorik, weil sie selbst zu doof sind, Elfmeter zu versenken. Hangout on Air vom Netz zu nehmen mit den Konferenz-Funktionen ohne Dritt-Anbieter, Greenscreen ohne Greenscreen, interne und externe Chat-Funktionen, Overlays (alles schon vor zig Jahren entwickelt und bei Hangout on Air ausgerollt), Einspieler und vieles mehr war halt eine Scheiß-Aktion und hat viele Nutzer verprellt.

Im Tech Briefing von Daniel Fiene wurde das hübsch formuliert:

„Google lässt seine Mitarbeiter keine Zoom-Konferenzen mehr abhalten. Wobei der Konzern mit Hangout selbst ein Videokonferenz-System anbietet. Die Kritik dürfte ein willkommener Anlass gewesen sein, mit einem Verbot die Mitarbeiter nicht die Plattform der Konkurrenz weiter stärken zu lassen.“ Die bekommen damit dennoch nicht das Hinterteil nach oben. Die Wachstumsraten erntet Zoom.

Und nun kontert Facebook mit Messenger Rooms.

Das dürfte dann etwas schwieriger werden für das börsennotierte Unternehmen Zoom.

Sohn@Sohn werden das natürlich abtesten, sobald die Anwendung verfügbar ist. Und wir werden direkt die Sache mit Ecamm Live verbinden, wie bei Zoom auch – Lifehack 🙂

Und was eigentlich das Deutsche Forschungsnetz? Einfach mal den Ticker lesen 🙂

TechTrends, Deutschland-Cloud, Facebook im Datensumpf des Populismus und Krisen-PR im Chatbot-Modus #9vor9

Am Dienstag, um 8:51 Uhr ist es wieder soweit: Wir starten mit den wichtigsten Technews in unserer Sendung in die Woche. Und da müssen wir mit Sicherheit ein paar Worte zum Datensumpf verlieren, in dem zur Facebook herum stapft. Oder auch: „Sie sind keine Opfer. Sie sind Komplizen“: Facebook nach Datenleck-Skandal im Kreuzfeuer, titelt die absatzwirtschaft:

„Durcheinander bei Facebook nach den Whistleblower-Enthüllungen: Die belegen, dass das Social Network zwei Jahre lang ein Datenleck ignorierte, das die Donald Trump nahestehende Datenanalysefirma Cambridge Analytica für ihre Zwecke ausnutzte. Facebook sperrt das Konto von Whistleblower Christopher Wylie, während Edward Snowden und andere Internetexperten das Social Network anzählen.“

Der Umgang mit der öffentlichen Kritik am Social Network, die seit der US-Wahl von Tag zu Tag größer geworden und inzwischen zu einem Orkan angewachsen sei, trägt längst die Zuge eines klassischen Kommunikationsversagens. Und der Gegenwind, den Facebook selbst in der Tech-Szene erntet, wird heftiger. Zu bewundern etwa beim Digitalfestival South by Southwest (SXSW) in Austin. Da wertete man den Auftritt von offiziellen Vertretern des Zuckerberg-Konzerns als lebendig gewordene Pressemitteilungen – also so eine Art Chatbot-PR. Etwa die Reaktionen auf ein Videodreh von Richard Gutjahr:

So entwickelt sich das halt, wenn man eine stalinistische Politik in der Unternehmenskommunikation betreibt. Öffentliche Auftritte im Teleprompter-Modus – fernab von offener und direkter Dialogfähigkeit. Facebook ist ausschließlich als Sender unterwegs und pflegt nicht die Interaktion mit den Nutzern. Das, was Zuckerberg anderen empfiehlt, nämlich maximale Transparenz, praktiziert der Silicon Valley-Gigant intern überhaupt nicht. Die essen nicht ihr eigenes Hundefutter. Wer ausschließlich im weltweit führenden und absolutistisch gesteuerten Blabla-Habitus unterwegs ist, versagt in der Krisenkommunikation – ähnliches gilt übrigens auch für die Top-Leute von Google.

Die Geschwindigkeit, mit der sich der 535 Milliarden Dollar schwere Internet-Gigant in seiner öffentlichen Darstellung selbst demontiert, sei bemerkenswert, kommentiert die absatzwirtschaft.

„Am Wochenende war nach den vernichtenden Guardian-Enthüllungen über die Datenanalysefirmen Cambridge Analytica binnen Stunden zu beobachten, wie Facebooks PR-Abteilung in gleich mehreren Stadien die Nerven verlor.“

Drohung mit juristischen Konsequenzen (kenne ich persönlich von autoritär geführten Unternehmen, die Presseanfragen direkt über die Rechtsabteilung laufen lassen – kein Scherz, so eine Organisation gibt es in Bayern – ein Markenartikler…..;-)

Unschuldsbekundungen mit geringer Halbwertzeit:

https://twitter.com/dataandpolitics/status/975161845056126977

Whistleblower sind wohl Spielverderber und werden ausgeserrt:

https://twitter.com/chrisinsilico/status/975335430043389952

Kein Wunder, dass selbst eher libertär gesinnte Netzaktivisten in den USA eine schärfere Regulierung von Facebook und Co. fordern.

Deshalb halte ich das für wichtig:

Wir diskutieren das am Dienstag, um 8:51 in der Sendung #9vor9 – also das Frühstücksei aufschlagen und einschalten auf Facebook 😉

Man hört, sieht und streamt sich in alter Frische.

Ein wenig spät: Cambridge Analytica – Facebook schließt umstrittenes Unternehmen aus

Facebook, Google und die Vorzensur #KPChina

Gilt nicht nur für Mark Zuckerberg
Gilt nicht nur für Mark Zuckerberg

Mit analogen und digitalen Instrumenten werden immer intensiver Regel-Befolgungs-Automaten herangezüchtet:

„Fast überwunden geglaubte Herrschaftsformen leben wieder auf und verschärfen sich teilweise in Form von Benchmarking- und anderer Evaluationspraktiken. Im Grunde hat der Taylorismus nur eine andere Form angenommen und sich vertieft“, mahnt der Buchautor Reinhard K. Sprenger in seinem jüngsten Werk mit dem vielsagenden Titel „Das anständige Unternehmen“, erschienen im DVA-Verlag.

Mitarbeiter-Bashing mit Monitoring-Systemen

Freiräume werden immer mehr eingeengt, die letztlich in massiven Freiheitsbeschränkungen münden. Was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am meisten runterzieht, sei nach Auffassung von Sprenger nicht das offene Misstrauen der Vorgesetzten:

Es ist das Pseudovertrauen, das knitterfreie, korrekt-opportune Verbalvertrauen, das mit der Forderung nach Transparenz einhergeht und sich dadurch ad absurdum führt.

Man sagt seinem Gegenüber nicht mehr offen die Meinung, sondern versteckt die Giftpfeil-Attacken gegen Untergebene hinter Reporting- und Monitoring-Systemen. Denn Zahlen können ja nicht lügen – kleiner Scherz des Notiz-Amtes.

Mit Ethik-Seminaren zum betreuten Arbeiten

Mit den Tabula rasa-Steuerungsmethoden zerschlägt man das individuelle Anderssein. Jede Abweichung von einer Norm wird pathologisiert.

„Dahinter steckt eine weit verbreitete Optimierungsideologie“, so Sprenger, der von einer Pädagogisierung der Unternehmensführung spricht.

Unterschiede werden über das Personalmanagement wegtherapiert. Übrig bleibt eine geschmeidige Formmasse, die einer Sekte sehr nahe kommt. Dazu zählt Sprenger auch Mitarbeiterbefragungen, Ethik-Seminare oder ganzheitlich-idiotische Feedback-Rituale, die zur Entmündigung des Menschen beitragen. Übrig bleibt „betreutes Arbeiten“. Es werden immer mehr Distanzen und Freiräume verschüttet, die sich mit menschlichem Anstand nicht vereinbaren lassen. Die Distanzlosigkeiten werden als solche oft gar nicht wahrgenommen und falls doch, werden sie als Fürsorge und Hilfe interpretiert.

„Aber der Preis ist hoch. Man lebt wie unter einer Glasglocke“, führt Sprenger im Welt-Interview aus.

Wenn in Gesellschaften und Organisationen der dümmliche Spruch von Facebook-Chef Mark Zuckerberg „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ zum Maßstab des Zusammenlebens wird, bleibt am Ende nur noch die Führungsphilosophie der Kommunistischen Partei China übrig. Man landet in der Falle einer freiheitsfeindlichen Vorzensur, die sich im Kopf abspielt. Nachzulesen in meiner Notiz-Amt-Kolumne für die Netzpiloten.

Tendenz zur Gleichförmigkeit
Tendenz zur Gleichförmigkeit

Dazu passt das von Professor Gerd Gigerenzer auf der re:publica kritisierte Big Nudging: Also eine Kombination von Big Data mit Nudging-Steuerung. Der Staat versucht, die Bürgerinnen und Bürger in die richtige Richtung zu lenken, ohne gesetzgeberische Hebel anzusetzen.

Die Regierungen in den USA und Großbritannien verfügen über Nudging-Teams, die täglich das volkspädagogische Steuerrad bewegen. Menschen seien einfach nicht in der Lage, Risiken richtig einzuschätzen, so dass sie ein wenig angestupst werden müssen.

Der chinesische Staatsrat hat Nudging mit Big Data verbunden und einen harmlos klingenden „Social Citizens Score“ eingeführt, der über die kommunalen Regierungsvertreter flächendeckend zur Anwendung kommen soll. Basis für die Korrektheitsberechnung ist der Sesame Credit Score der Ant Financial Services Group, einer Tochtergesellschaft von Alibaba. Neben der finanziellen Kreditwürdigkeit kommen Variablen zur Berechnung der sozialen und politischen „Kreditwürdigkeit“ in den Algorithmus des Plattform-Betreibers rein. Die Kommunistische Partei China macht das sehr transparent, so dass jedem Schäfchen des Landes klar ist, was die Parteiführung von „ihrem“ Volk erwartet.

Man kann in dem „moralischen“ Dokument der KP nachlesen, was zu einem schlechten Score-Wert führt. Ähnliches hat der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt formuliert:

„Wenn wir etwas tun, was andere nicht wissen sollten, dann sollten wir es besser nicht tun.“

Gigerenzer verortet erstaunliche Parallelen zwischen Google und der KP China. Ähnliches könnte man auch zum Zitat von Mark Zuckerberg sagen….

Was kann man tun? Mehr dadaistische Algorithmen produzieren, wie von @FrauFrohmann vorgeschlagen?

Weitere Ideen?

10 Jahre alt und schon am Ende? Untergangsprognosen als Indikator für die Facebook-Vitalität

subtile Jagd Mark Zuckerberg 053

Warum ich Facebook weder hasse noch liebe: Egal, welche Neuerungen Mark Zuckerberg vorstellt oder nicht vorstellt – der Erregungspegel in Deutschland geht in schöner Regelmäßigkeit nach oben, wenn Facebook im Spiel ist. Etwa beim Re-Design der „Timeline“: Das löste einen gigantischen Kulturschock in der Netz-Elite aus. Von Stasi-Methoden, Entmündigung, Zwang zum Teilen und Stalking war die Rede. Da mutete es schon grotesk an, wenn man öffentlich mit großer Geste den Ausstieg aus dem Facebook-Datenwahn und den Übertritt zu Google Plus verkündete. Was ist aus den Umsteigern eigentlich geworden? Leiden sie unter Einsamkeit, Hospitalismus oder sozialer Isolation?

Jedes Mal, wenn Facebook ein Update ankündigt, prophezeien die Meinungsmacher des Internets das Ende des blauen Web-Imperiums. Aktuell wird von Implosion wegen Aushöhlung und Silodenken gemurmelt. Wie viele Tode soll Facebook eigentlich noch sterben? Zuckerberg folgt wie viele andere Silicon Valley-Größen der Obsession, zur zentralen Instanz der virtuellen Aufmerksamkeit zu werden. Stichwort Open Graph und Applikationen, die jede Lebensregung dokumentieren. Jeder Anbieter will sich unverzichtbar machen und ist es am Ende doch nicht. So war es bei AOL, Yahoo, T-Online und vielen anderen. Alle haben sie versucht, zur zentralen Anlaufstelle und Eingangstür des Internets zu werden. Auch die Features von Google Plus sollen möglichst in jeder Ritze des Netzes auftauchen und andocken, was bis zur Fusion mit Youtube reicht.

Ob Facebook nun den Bach runter geht oder nicht, ist mir wurscht. Für meine Netzwerkpflege ist der Laden immer noch nützlich. Morgen kann das schon anders aussehen. Erst wenn die selbst ernannten Netzpropheten den apokalyptischen Niedergang des Zuckerberg-Konzerns nicht mehr predigen, sollte man sich über das Wohlergehen von Facebook Gedanken machen. Happy Birthday, Mark.

Wie fallen denn Eure Glückwünsche zum zehnjährigen Bestehen von Facebook aus?

Siehe auch:

Facebook-Lamento, Klickbomben und barfüssige Propheten.

Facebook forever!

10 Jahre Facebook: Dein Hund ist tot? Gefällt mir.

Von wegen Abwanderung: Facebook verachtfacht seinen Gewinn.

Und ganz wichtig: 10 Jahre Facebook: Warum deine Community dich liebt und hasst.

Ist die Facebook-Party jetzt vorbei? Basic Thinking über die Wahl zwischen Pest und Cholera

„Kehrt Facebook den Rücken!“. Kurz, trocken und ohne Schnörkel kommt Basic Thinking-Blogger Jürgen Vielmeier in seinem Aufruf zur Sache:

„Ganz ehrlich, ich habe mit den Schultern gezuckt. Noch bis Freitag könnt ihr über Facebooks neue Datenschutzrichtlinien abstimmen. Tun solltet ihr das nicht. Ganz einfach deswegen, weil es Zeitverschwendung ist: Ihr opfert Minuten eurer wertvollen Lebenszeit für eine Farce: 30 Prozent der Facebook-Mitglieder müssten an der Abstimmung teilnehmen, damit Facebook sich überhaupt damit befasst. Eine Abstimmung zwischen neuen und alten Regelungen, die der österreichischen Anti-Facebook-Aktivist Max Schrems als Wahl zwischen ‚Pest und Cholera‘ bezeichnet. Egal, wofür ihr abstimmen würdet: es wäre eine schlechte Wahl. Schon die Voraussetzungen stimmen nicht.“

Das Social Network habe in den vergangenen Monaten viele Sympathien verspielt.

„Die neue Chronik begeistert höchstens einen Bruchteil der Nutzer (ich finde sie gut, gs), die Aktivitäten der Freunde haben spürbar abgenommen (in meinem Freundeskreis nicht, gs), die Ladezeiten der mobilen Apps werden immer länger (werde ich noch einmal überprüfen, gs), Nutzerfreundlichkeit stimmt hier wie in der Weboberfläche schon lange nicht mehr (ist Geschmackssache). Facebook hält jetzt nur noch einen einzigen Trumpf in der Hand: Und das ist die Vernetzung“, schreibt Vielmeier.

Wenn ihr schon lange mit dem Gedanken gespielt habt, Facebook den Rücken zu kehren, dann wäre es nach seiner Auffassung jetzt der perfekte Zeitpunkt dazu.

Das Unternehmen habe wiederholt bewiesen, dass ihm eure Wünsche egal sind. Ist das bei Google anders?

„Es will über eure Köpfe hinweg ein neues Werbenetzwerk einführen“. Was für ein neues Werbenetzwerk? Es ist ein Werbenetzwerk – wie Google auch.

Es zeige eure Statusmeldungen nicht allen euren Freunden – es sei denn, ihr zahlt künftig dafür. Hm. Ist das jetzt eine Behauptung oder habe ich irgendetwas nicht bekommen? In meinem Alter kann das schon mal passieren.

Der Zuckerberg-Konzern sei durch seinen Börsengang angreifbar geworden – das ist Google auch.

„Wenn ihr nicht mehr mitspielt, dann kann bei dem Unternehmen der Ofen schneller erlöschen, als ihm lieb ist. Gäbe es ein Netzwerk, das besser ist als Facebook – die Nutzer würden schon heute flüchten, wie damals von StudiVZ.“

Dieser Rant kommt mir irgendwie bekannt vor. Stimmt. Ist noch gar nicht so lange her. Bei der Einführung der Timeline Ende des vergangenen Jahres. Facebook, Google Plus und das Wechselspiel der Social Web-Nerds.

Siehe auch: 80 Millionen Vollidioten.

Eine Abwanderungsbewegung hat damals nicht eingesetzt. Wird es diesmal anders? Eure Meinung interessiert mich. Werde das am Mittwoch noch einmal aufgreifen. Statements also bis morgen Abend hier als Kommentar posten oder per E-Mail an: gunnareriksohn@googlemail.com

Datenschutz, Datenschatz und der Rausch der Tiefe: Überlegungen zu Facebook

Der Facebook-Aktienkurs befindet sich „im Rausch der Tiefe“, wie es heise.de so schön ausdrückt. Heute erreichte das Papier einen neuen Tiefstand. „Gegen Mittag (Ortszeit) rutschte das Papier im New Yorker Handel unter die Marke von 30 US-Dollar, bewegte sich auf die 29 US-Dollar zu und liegt zur Stunde noch auf diesem Niveau. Das bedeutet einen weiteren Verlust von rund 7 Prozent gegenüber dem Schlusskurs der vergangenen Woche. Auch verschiedene Berichte über mögliche Aktivitäten des sozialen Netzwerks vermochten den Kurs nicht zu befeuern. Die bereits vergangene Woche gemeldeten Spekulationen zur einer Übernahme von Opera ließen laut Financial Times lediglich die Aktie des schwedischen Software-Unternehmens steigen. Und die am Dienstag berichteten Pläne für ein eigenes Facebook-Smartphone konnten die Börsianer offenbar ebensowenig erwärmen wie die vom Blog Techcrunch kolportierte Übernahme des Gesichtserkennungs-Dienstes Face.com“, so heise.de.

Ist damit die Talsohle bald erreicht? Experten gehen davon aus, dass sich der Aktienkurs bei 25 bis 30 Dollar stabilisieren wird. Mal schauen. Etwas weniger aufgeregt als die Medienberichte der vergangenen Tage hat Marketing-Professor Ralf Kreutzer von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht im Interview mit mir ausgedrückt:

„Wenn man alle Phantasie schon einpreist, wohin soll sich ein Kurs dann entwickeln? Dann ist die Phantasie raus und es ist keine weitere Erwartung absehbar. Bis neue, innovative Konzepte präsentiert werden, die wirklich deutlich machen, dass es Facebook in Zukunft in viel höherem Maße wie bisher gelingen wird, ihren Datenschatz konsequent zu monetarisieren. Da sind jetzt die Manager von Facebook gefragt.“

Schaut man sich den Status quo der Geschäftsausrichtung an, sei Facebook gut positioniert, betont Professor Kreutzer: „Wir brauchen maßgeschneiderte Werbung. Mit der berühmten Gießkannenmethode kommen Unternehmen heute nicht weiter. Das ist viel zu kostenintensiv. Jetzt sind wir auf dem Weg, dass man an vielen Stellen One-to-One- Angebote machen kann. Ein Unternehmen spricht seinen einzelnen Kunden mit relevanten Angeboten sehr gezielt an. Das uns nicht alle Werbemaßnahmen gefallen, ist klar. Aber wenn ich pro Tag Werbung bekomme, für die ich ein Opt-in gegeben habe, dann signalisiere ich damit ja die Relevanz. Wenn ein Unternehmen das überstrapaziert, weil es mir drei E-Mails am Tag schickt, dann bin ich relativ frei, das auch wieder abzubestellen. Von daher haben wir schon viele Handlungsmöglichkeiten und ich würde mir von Seite der Politik wünschen, dass gesagt wird, Werbung ist genauso wertschöpfend, wie die Produktion eines Produktes. Wenn ich ein Produkt produziere und nicht werben darf und keiner mein Produkt kauft, dann bin ich als Unternehmen nicht erfolgreich“, so Kreutzer, der zum Thema „Marketing as a Service: Privacy and One-to-One Solutions – Two Sides of the Same Coin“ auf der Social Media Marketing-Konferenz in Amsterdam am 11. Juli einen Fachvortrag halten wird.

Was jetzt wichtig sei: Über die Verwendung des Datenschatzes müsse Facebook eine gesunde Sensibilität herbeiführen. Hier müsse der Nutzer für sich erkennen, wo er für alle sichtbar sein möchte oder wo nicht. Nachdem die ganze Börsenphantasie im Einstiegskurs schon enthalten war, sei Facebook jetzt gefordert, zu liefern.

„Es müssen zwei Sachen sichergestellt werden. Facebook muss in der Lage sein, für werbende Unternehmen relevante Nutzungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Und das muss gelingen, ohne Fans zu verlieren. Ich weiß nicht, ob wirklich die Aktionäre die großen Fans von Facebook sind. Ich glaube, es sind momentan eher die Nutzer. Hier ist der Zuckerberg-Konzern gut beraten, Vertrauen als zentrale Währung im Alltagsleben und im werblichen Umfeld immer wieder neu zu verdienen. Um deutlich zu machen, lieber Nutzer, du vertraust mir viele Daten an und du kannst mir auch vertrauen, dass ich mit diesen Daten vertrauensvoll umgehe. In beiden Feldern muss sich das Facebook-Management als guter Anwalt beweisen. Für Unternehmen und Kunden“, resümiert Marketingprofessor Ralf Kreutzer.

Bleibt spannend. Hier geht es zum gesamten Facebook-Opus aus meiner Feder.

Meine Service Insiders-Kolumne erscheint jetzt immer am Dienstag und die The European-Kolumne immer am Mittwoch. Dann kann ich an den Wochenenden mehr in den Biergarten pilgern, weniger sparen und den Euro stabilisieren. Stichwort Nieder mit dem Spardikat 🙂

Interessant auch: Pipe macht Echtzeit-Filesharing über Facebook möglich, erschienen bei golem.de.

Facebook dominiert Social Media Marketing: Da könnten die Sterbeglöcklein von Weichert und Co. zu früh läuten

Beim Social Media Marketing dominiert nach einem Bericht von t3n (E-Commerce-Studie 2012: Wie deutsche Onlineshops SEO, SEA und Social Media einsetzen) wenig überraschend weiterhin Facebook. „Mit großem Abstand folgen dann Twitter und Google+. Hier sind die Unterschiede in der Herangehensweise der einzelnen Shops aber auch noch sehr deutlich. Während beispielsweise Elektronikshops wie Apple oder TomTom sehr stark im Social Web präsent sind, ist die Sichtbarkeit in anderen Branchen wie Kosmetik, Arzneimittel oder Heimwerker noch sehr gering.“

t3n beruft sich auf die E-Commerce-Studie mit dem Titel „SEO, SEA und Social Media bei deutschen Online-Shops 2012“.

Warum kurz nach dem Börsenstart von Facebook schon die Sterbeglöcklein für den Zuckerberg-Konzern ertönen, ist nicht nachvollziehbar. Selbst die Kursrückgänge in den vergangenen Tagen sind kein Grund, in den Jammer-Chor von Bild und Co. einzustimmen. Mit was hat man denn gerechnet? Kurzfristige Rendite einheimsen in Daytrading-Zocker-Manier? Das ist doch in den vergangenen drei Jahren immer kritisiert worden.

Der Börsengang wird von Kritikern mit Spott und Häme bedacht, die schon vorher mit dem weltweit größten Social Network auf Kriegsfuß standen, wie der Datenschützer Thilo Weichert (Weichert, nicht Facebook hat ein Problem).

Kurz vor dem Niedergang der New Economy vor 12 Jahren schrieb übrigens die Bild-Zeitung noch, dass man Aktien kaufen solle.

„Wenn die eine ‚Kaufempfehlung‘ abgeben, sollte man das Gegenteil tun. Jetzt publiziert das Boulevardblatt das Gegenteil und wertet den Börsengang bereits als Flop. Das ist natürlich Unsinn. Genau das Gegenteil ist der Fall. Facebook konnte die Kassen füllen, was auch für die Aktionäre gut ist. Jetzt kann der Konzern nachhaltig seine Geschäftsstrategie entwickeln. Mark Zuckerberg hat von Anfang an gesagt, dass er den Börsengang umsetzen wolle, um die Weiterentwicklung seines Unternehmens als soziales Netzwerk sicherzustellen. Deshalb sind auch die eingereichten Aktionärsklagen wegen des Kursrückganges in den vergangenen Tagen nicht sachgemäß. Zuckerberg hat selbst vor dem Hype gewarnt und noch Tage vor dem Börsenstart klar auf die langfristige Ausrichtung seines Konzerns hingewiesen. Die Kurzfrist-Spekulanten fallen jetzt auf die Nase. Wer für die Aktie für 40 Dollar gekauft hat, erlebt ein böses Erwachen. Facebook ist kein Zockerpapier für schnelle Gewinne. Der Kursverlust ist eine gute Option, um Aktien zu kaufen für eine langfristige Perspektive“, sagt Karl-Heinz Land von Microstrategy.

Ähnliches konnte man auch beim Börsenstart von Google beobachten. Auch da hätten die Analysten von einem Kauf abgeraten und vor dem Google-Gaga-Effekt gewarnt. Mittlerweile habe sich der Wert der Google-Aktie verfünffacht. Das sei auch nicht über Nacht entstanden und brauchte seine Zeit. Im Konzert des Wehklagens habe ich die Gegenmeinung von Land etwas ausführlicher eingefangen.

Zu lesen unter: Facebook-Aktie nichts für Kurzfrist-Spekulanten: Aktionäre sollten auf die langfristigen Strategien des kalifornischen Konzerns setzen.

Facebook, Google Plus und das Wechselspiel der Social Web-Nerds

Die Karrierebibel führt drei Gründe an, warum man nicht ausschließlich auf Facebook setzen sollte:

Fehlende Kontrolle und unerwartete Veränderungen werden als Argumente ins Feld geführt.

Die Ankündigung des neuen Timeline-Designs zeigt es eindrücklich: Änderungen im Aufbau und der Funktionsweise von Facebook können jederzeit statt finden. Die neuen Entwickler-Schnittstellen werden beispielsweise viele bestehende Facebook-Apps ausschließen. Und nicht alle Neuerungen werden so rechtzeitig und öffentlich angekündigt wie Timeline.

Nicht ganz so nachvollziehbar ist die eingeschränkte Reichweite:

Auch wenn Facebook gerne mit seinen 800 Millionen Nutzern – davon mehr als 20 Millionen in Deutschland – wirbt: Die Reichweite ist eingeschränkt. Gerade netzaffine Nutzer die auf Twitter und Google+ aktiv sind, meiden Facebook teilweise bewusst. Die Kommunikation rein über Facebook schließt daher einen wichtigen Nutzerkreis mit großer Multiplikator-Wirkung aus.

Mal abgesehen, dass es ziemlich dumm wäre, auf maximale Netzwerk-Effekte zu setzen, ist die bewusste Vermeidung kein Argument, Facebook zu meiden und deshalb beispielsweise auf Google Plus zu setzen. Das von Mark Zuckerberg vorgestellte Re-Design von Facebook hat so eine Art Kulturschock in der deutschen Netz-Elite ausgelöst. Von Stasi-Methoden, Entmündigung, Zwang zum Teilen und Stalking ist die Rede. Da mutet es schon grotesk an, wenn man öffentlich mit großer Geste den Ausstieg aus dem Facebook-Datenwahn und den Übertritt zu Google Plus verkündet. Für den Marketingexperten Felix Holzapfel bewegt sich der kritische Diskurs im Kreis.

Jedes Mal, wenn Facebook ein Update ankündigt, prophezeien die Meinungsmacher des Internets das Ende des Web-Imperiums. Holzapfel muss schon etwas Schmunzeln, wenn jemand sagt, dass er bei Facebook aussteigt, weil es datenschutztechnisch zu heikel wird und fortan seine Postings beim Suchmaschinen-Giganten unter die Leute bringt. Das sei nicht ernst zu nehmen. Da springt man von einem Übel ins andere. Auch der Vergleich mit AOL würde hinken. „Da war es für mich egal, ob meine Freunde Compuserve benutzen. Es war kein Mehrwert und auch kein Nachteil. Facebook hingegen ist so eine Art Schwarzes Loch im Social Web. Es saugt alles an. Je mehr Leute mitmachen, umso interessanter wird das Ganze. Google Plus ist spannend und gut gemacht. Da sind allerdings nur die Social Web-Nerds unterwegs. Lieschen Müller marschiert dort nicht hin“, so Holzapfel in einem Interview, das ich am Freitag mit ihm führte.

Weiteres heute in meiner The European-Montagskolumne nachzulesen: FACEBOOK UND DIE VERFÜHRBARKEIT: 80 Millionen Vollidioten.

Der Gefällt mir-Zuckerberg-Timeline-Datenschutz-Stalking-Kulturschock in Deutschland

So fröhlich agieren die Datenschützer von Bund und Länder wohl nicht

Golem hat etwas ausführlicher den Beschluss der Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder zur Verwendung von Social Plugins aufgegriffen:

Die Konferenz stellt insbesondere fest, dass die direkte Einbindung von SocialPlugins beispielsweise von Facebook, Google+, Twitter und anderen Plattformbetreibern in die Webseiten deutscher Anbieter ohne hinreichende Information der Internet-Nutzenden und ohne Einräumung eines Wahlrechtes nicht mit deutschen und europäischen Datenschutzstandards in Einklang steht. Die aktuelle von SocialPlugin-Anbietern vorgesehene Funktionsweise ist unzulässig, wenn bereits durch den Besuch einer Webseite und auch ohne Klick auf beispielsweise den „Gefällt-mir“-Knopf eine Übermittlung von Nutzendendaten in die USA ausgelöst wird, auch wenn die Nutzenden gar nicht bei der entsprechenden Plattform registriert sind.

Die Obersten Aufsichtsbehörden für den Datenschutz haben bereits 2008 und zuletzt 2010 in Beschlüssen Anforderungen an die datenschutzkonforme Gestaltung sozialer Netzwerke formuliert. Die Konferenz der Datenschutzbeauftragten fordert die Anbieter sozialer Netzwerke auf, diese Beschlüsse
umzusetzen, soweit dies noch nicht geschehen ist. Ja, liebwerteste Gichtlinge des Datenschutzes, es sind Beschlüsse und eben keine Gesetze, die als Legitimation für Euer Verwaltungshandeln herhalten müssen. Das Bedauern über die Untätigkeit der Bundesregierung, entsprechende gesetzgeberische Maßnahmen gegen die Profilbildung im Internet vorzuschlagen, keine Taten folgen lassen. Das bestätigt doch die rechtliche Grauzone, in der die Bußgeld-Aktionen vom Datenschützer in Schleswig-Holstein ablaufen. Siehe meinen gestrigen Bericht.

Hier hatte ich ja auch auf das Interview mit Felix Holzapfel hingewiesen. Das Gespräch dreht sich über die Stimmungslage in Deutschland unterhalten nach den Ankündigungen von Mark Zuckerberg über die das radikale Re-Design unter dem Stichwort „Timeline“. Auf dieser Grundlage schreibe ich für die nächste Woche ein oder zwei Storys. Expertenmeinungen zum Thema wie immer hoch willkommen. Am besten per Mail an gunnareriksohn@googlemail.com.

Hier geht es zur Audioaufzeichnung des Holzapfel-Interviews auf Soundcloud.

Facebook und die Like-Konditionierung

Die von Mark Zuckerberg auf der f8-Konferenz vorgestellten Neuerungen erinnern den FAZ-Redakteur Holger Schmidt etwas an Facebook Beacon, das Facebook nach kräftigen Nutzerprotesten allerdings wieder eingestellt hat.

„Per Beacon sollten die Nutzer ihren Freunden mitteilen, welche Produkte sie gerade auf Drittseiten gekauft haben. Das wollten die Nutzer damals nicht haben. Aber dies ist wieder ein Schritt in diese Richtung, zwar nur für Musik, Filme, Nachrichten und Spiele, aber weitere Produkte könnten noch kommen. Dann werden Empfehlungen auf Facebook als Kriterium für den E- oder besser F-Commerce an Gewicht gewinnen“, so der FAZ-Netzökonom.

„Liken“ sei dabei nicht flexibel genug.

„Um mehr Möglichkeiten zu geben, können die Nutzer ihren Freunden im Ticker mitteilen, dass sie zum Beispiel ein Buch gelesen, einen Film geschaut oder eine Nachricht in einer der Apps gesehen haben. Die Übertragung der Information, einen Artikel gelesen oder ein Musikstück gehört zu haben, geschieht automatisch. Ein Klick ist nicht mehr nötig. Allerdings muss ein Nutzer diesen Automatismus zuvor aktiviert haben. Diese Funktion finden sicher nicht alle gut.“

Optisch haben mir die neuen Profilseiten gut gefallen. Ob auch der Selektionsalgorithmus geändert wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls stößt das alte Modell auf berechtigte Kritik:

„Das ist ein sehr einfaches behavioristisches Modell, mit dem der Mark Zuckerberg-Konzern arbeitet. Ich kann die Aufregung von Geisteswissenschaftler verstehen, wenn Technologen simple Modelle von menschlichem Verhalten in die Welt setzen. Das ist in der Tat bedenklich. Hier modelliert man den Menschen als Objekt der Maschine. So wird man der Komplexität seines Verhaltens und Denkens nicht gerecht. Hier liegt Facebook falsch mit der Frage, ob man aus dem Maß der Interaktion mit anderen Personen schließen kann, welche Statusmeldungen angezeigt werden. Wenn ich etwas schweigend zur Kenntnis nehme, ist das ja kein Beleg für Unwichtigkeit. Auf dieser Grundlage gibt es keine Rechtfertigung für das Ausblenden von Informationen“, sagte mir Christoph Kappes in einem Telefoninterview.

Das ändere allerdings nichts an der Notwendigkeit von Selektionsmechanismen in einer Welt, die immer komplexer wird. Und hier sind wir dann beim Kern des Gespräches mit Kappes. Es geht um die prosaischen Gedankenflüge von Miriam Meckel, die sie in ihrem neuen Buch „Next – Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns“ ausbreitet. Die Kommunikations-, Politik-, Rechts- und Chinawissenschaftlerin wandelt auf den Spuren des Filterblasen-Diskurses, den der Online-Pionier Eli Pariser in seinem Opus „The Filter Bubble“ ausgelöst hat. Auch er wählt als Ausgangspunkt für seine steilen Thesen einer drohenden Maschinen-Gatekeeper-Herrschaft den Dezember 2009: In diesem Monat änderte Google seinen Suchalgorithmus und läutete eine neue Ära der Personalisierung ein. Eine Zeitenwende. In der feuilletonistischen Variante von Frau Meckel sterben wir nun den Tod der virtuellen Berechenbarkeit. Wie Kappes das sieht, kann man meiner Freitagskolumne entnehmen: Meckel und die Algorithmen-Märchen: Sterben wir den Tod der virtuellen Berechenbarkeit?

Siehe auch den Beitrag von Christoph Kappes in der FAZ: Intransparenz des Nicht-Wissens: Zur Theorie von der „Filter Bubble“