Schumpeter und der Strukturwandel zur digitalen Ökonomie

Kurzfassung: Wir ergehen uns in industriepolitisch motivierten Abwehrschlachten und vergeuden damit eine Menge Zeit beim Umbau der Arbeitswelt. Wenn wir uns mit Konjunkturprogrammen und Abwrackprämien beschäftigen, sollten wir das noch einmal genauer reflektieren: Ein Phänomen, das Joseph Schumpeter schon den 1920er Jahren feststellte. Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten? Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Prozesse beruhte.

Welchen wirtschaftlichen Strukturwandel erleben wir in Deutschland und wie wirkt sich das auf die Zukunft der Arbeit aus? Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte ist dabei hilfreich. Etwa die Abhandlung des Nationalökonomen Joseph A. Schumpeter„Die Tendenzen unserer sozialen Struktur“ aus dem Jahr 1928 (Schumpeter 1993, S. 177–193). 

Hier untersucht Schumpeter die Diskrepanz zwischen der Wirtschaftsordnung Deutschlands und der Sozialstruktur. Die Wirtschaftsorganisation war kapitalistisch, die deutsche Gesellschaft war aber in ihren Gebräuchen und Gewohnheiten nach wie vor in ländlichen, ja sogar feudalen Denkweisen gefangen – heute sind es industriekapitalistische Rezepte in einer digitalisierten Ökonomie. 

Zur Reichsgründung 1871 haben nahezu zwei Drittel der Bevölkerung auf Gütern oder Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern gelebt, noch nicht einmal 5 Prozent in Großstädten von mehr als 100.000 Einwohnern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadtbewohner verfünffacht, während der Anteil der Landbevölkerung um die Hälfte zurückgegangen ist. Ursache war vor allem ein sprunghafter Anstieg der Agrarproduktivität. Während 1882 in Deutschland nur 4 Prozent der kleinen Landwirtschaftsbetriebe Maschinen einsetzten, waren es 1925 schon über 66 Prozent. Die Mechanisierung löste eine Landflucht aus und trieb die Landarbeiter in die Städte.

1927 erschien „Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu“: Ein wegweisender Beitrag zur noch jungen Disziplin der Soziologie (Schumpeter 1927). Schumpeter selbst zählte den Aufsatz zu den wichtigsten Werken, was aus Notizen hervorgeht, die er gegen Ende seiner Forschungstätigkeiten schrieb. Grundthese: Der Klassenstatus ist das Ergebnis vorhergegangener Ereignisse und daher anachronistisch. Er weist daraufhin, dass die meisten reichen Familien, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts an der Spitze der Gesellschaft gestanden haben, drei Generationen später dort nicht mehr zu finden waren.

1. Die Kunst der Kombinatorik

Man könnte annehmen, dass nach der protestantischen Ethik von Max Weber vernünftige Sparsamkeit, eine bescheidene Lebensweise und der Erhalt einer soliden Grundlage für Unternehmen ausreichend seien, um an der Spitze zu bleiben. Schumpeter vertritt jedoch die These, jede Firma, die sich auf eine derartige Routine beschränkt, werde schon bald von offensiver agierenden, risikofreudigeren, wettbewerbsorientierten Unternehmen verdrängt werden.

Die Einführung neuer Produktionsmethoden, die Erschließung neuer Märkte, überhaupt die erfolgreiche Durchsetzung neuer geschäftlicher Kombinationen hat Fehlerquellen, Risiken und begegnet Widerständen, die in der Bahn der Routine fehlen.

In seinem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ schreibt Schumpeter: Erfolge habe in erster Linie jener, der das Neue am besten organisiert. Die Deutschen verstanden es im 19. Jahrhundert besser als die Briten, die Textilindustrie zu organisieren, selbst wenn sie wenig zu deren maschineller Technologie beitrugen.

Ein Innovator zeichnet sich vor allen Dingen durch die Kunst der Kombinatorik aus. Innovationen entstehen eben nicht nur durch Erfindungen: 

„Nur dann erfüllt er [der Unternehmer; GS] die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt.“ (Schumpeter 2006, S. 174)

2. Konzepte für die postindustrielle Epoche 

Wer die ökonomische Welt nur in Aggregatzuständen betrachtet, verliert die wesentlichen Quellen wirtschaftlicher Kreativität und technologischer Entwicklungssprünge aus dem Auge. Das ist das Manko von Makroökonomen. Sie unterschätzen die tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle von unvorhersehbaren Innovationen, die zu nachhaltigen Veränderungen einer Volkswirtschaft beitragen. 

Wir setzen keine Akzente in der Wirtschaftspolitik, um uns von den Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser ausdrückt (Abelshauser 2004, S. 453).

Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten? Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, „dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierten Stoffumwandlungsprozessen beruhte“, schreibt Abelshauser. 

1980 zählte der Industriesektor das erste Mal nicht mehr zur dominanten Branche in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Den Gipfelpunkt hatte das produzierende Gewerbe 1960 erreicht, seitdem geht es stetig bergab. Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. 

„Die Re-Industrialisierung hat vom Ton her etwas reaktionäres und gehört zur Vorstellungswelt der Volksparteien, die sich hier sehr einig sind. Sie sind in der Industriegesellschaft geboren worden und sind mit der Kultur der Industriegesellschaft eng verhaftet. Sie haben ein mechanistisches Menschenbild und gehen davon aus, dass Fabriken leichter zu kontrollieren sind. Mit der neuen Welt der Wissensgesellschaft können sie sich nicht anfreunden“, kritisiert brandeins-Autor Wolf Lotter.

Warum transportieren eigentlich Organisationen wie das Institut der deutschen Wirtschaft dann immer noch das Märchen von der heilsamen Wirkung der Re-Industrialisierung? Warum ist das so? Nach Ansicht von Schumpeter liegt es an Wirtschaftswissenschaftlern, die sich in erster Linie mit Aggregaten beschäftigen, also mit der Gesamtsumme der Mittel, die Volkswirtschaften für den Konsum und für Investitionen aufwenden. Einzelne Unternehmer, Firmen, Branchen, Konsumenten, die Rolle von staatlichen Institutionen und die Wirkung von Gesetzen verschwinden aus dem Blickfeld. Vor allem die Rolle von Innovationen werde heruntergespielt. 

Wir brauchen aber mehr Unternehmer, die das Neue organisieren und durchsetzen. Die Neukombination beruht nur wenig auf Faktoren, die von außen einwirken. Das Ganze ist primär auch kein Preisproblem. Es liegt am unternehmerischen Können und Wollen. Das Problem liegt auch in der klassischen Sichtweise von Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspolitik und Managementdenken: Ohne Neuerungen lassen sich zwar mit den klassischen makroökonomischen Instrumenten kurzfristig Wachstum und Beschäftigung erzeugen. Die Konsequenzen sind nach der Logik von Schumpeter für eine Volkswirtschaft allerdings fatal: Innovationsarmut erzeugt Einkommensarmut.

3. Perspektiven für den Homo Digitalis

Wenn es um die Netzökonomie geht, kommen wir mit dem geistigen Fundus der traditionellen Ökonomik nicht weiter: Wir sollten uns mit der Frage auseinandersetzen, ob wir in Deutschland mit der Digitalisierung wirklich nur Effizienz können und bei Innovationen versagen, wie es Detecon-Analyst Marc Wagner ausdrückt: „Beim Aufsetzen von Effizienzprogrammen und bei inkrementellen Verbesserungen sind wir in Deutschland total gut. Darauf sind wir konditioniert. Da werden die letzten fünf Prozent an Effizienz herausgeschwitzt. Was Unternehmer wie Robert Bosch gut konnten, das haben wir verlernt.“ Als aktionistische Ausweichaktion gründet so ziemlich jedes Unternehmen etwas und dem Stichwort ‚Lab‘ oder ‚Garage‘. Davor steht dann meistens ‚Digital‘. Beheimatet sind die Zukäufe oder Neugründungen meistens in San Francisco, Tel Aviv oder Berlin. „Man erhofft sich in einem fancy Umfeld tolle radikale Innovationen. Ausgestattet mit einem dicken Budget soll der Anschluss an Unternehmen in den USA, in Asien und Israel gelingen. Es geht aber in diesen Labs primär nur um den Anfang von Innovationen. Es geht um die Frage, mit welchen Ideen die Firmen antreten könnten. Die Umsetzung ist häufig ausgeklammert“, bemerkt Wagner. 

Das sei abhängig vom ‚Rest‘ der Organisation, und die beäugt das Lab-Spektakel kritisch. Im Brot-und-Butter-Geschäft werden Gehälter gekürzt, Konstrukte zur Kostensenkung in Gang gesetzt und Rationalisierung im Kundenservice durchgesetzt.  „In den Labs ballert man das Geld raus, pumpt den Kollegen die Finanzmittel in den Hintern, scheut keine Kosten und Mühen, wenn es um die Gestaltung des Arbeitsumfeldes und in der Stamm-Organisation geht, sitzen alle wie die Hühner auf der Stange. Solche Diskrepanzen motivieren nicht zur Umsetzung neuer Ideen.“ Einen weiteren Grund für die mangelhafte Innovationskultur sieht Wagner im klassischen Management, die er vor allen Dingen in Konzernen feststellt. Da werde viel von Innovationen und visionären Ideen gesprochen. In Wirklichkeit gehe es um eine gnadenlose Kapitalmarktorientierung und kurzfristige Optimierungen von KPIs – also Leistungskennzahlen, mit denen Mitarbeiter gegängelt werden. Da sei kein Platz für innovative Ideen. Die Hipster in den Labs sind eher Feigenblatt-Einheiten, die beim nächsten Vorstandswechsel wieder rausfliegen.

Irgendwann schlägt der Chef-Controller zu und macht die digitalen Ableger dicht. In deutschen Unternehmen gibt es extrem viele Manager, die dafür exzellent ausgebildet sind. Wir finden viele Controller, Finanzexperten und Juristen, die mit dem Kapitalmarkt umgehen können und die am Reißbrett von einer Restrukturierung zur nächsten jagen. Unternehmerischer Sachverstand ist im Top-Management aber Mangelware (Wagner/Sohn 2017).

Was macht also einen Unternehmer konkret aus, der es vermag, die Wirtschaft in neue Bahnen zu lenken? Heute müsste man fragen, wer ist wirklich ein Homo Digitalis, der im 21. Jahrhundert Akzente setzen kann? Es geht dabei um das schöpferische Gestalten und nicht um das passive Konsequenzen ziehen. Professor Reinhard Pfriem bringt Neugründungen ins Spiel, die die Welt wirklich besser machen. Nicht nur marktschreierisch, wie es Google & Co. im Gebetsmühlen-Jargon betonen. Pfriem setzt auf Social und Sustainable Entrepreneurship. Transformative Unternehmen sollten nicht-nachhaltiges Wirtschaften aus der Welt schaffen. Automobilindustrie, Energiewirtschaft und auch die Ernährungs- und Landwirtschaft verweigern sich, hier die nötigen schöpferischen Zerstörungen durchzuführen. „Das Zerstörerische muss zerstört werden, bessere additive Technologien reichen nicht aus“, kritisiert Pfriem (Sohn 2019). 

Literatur

Abelshauser, Werner (2004): Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart. München. C.H. Beck. 

Andersen, Esben Sloth (2015): Joseph A. Schumpeter – Eine Theorie der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Evolution. Berlin. Duncker & Humblot. 

Dahlmann, Jesko (2017): Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters: Theorie und Wirtschaftsgeschichte. Marburg. Metropolis.

Hedtke, Ulrich (1997): Desiderata der deutschen Schumpeter-Edition – Zur Neuveröffentlichung der nachfolgenden Reden Schumpeters. In: Berliner Debatte Initial 8, S. 57-92.

Lotter, Wolf/Sohn, Gunnar (2012): Gunnar Sohn im Interview mit Wolf Lotter. In: Sohn, Gunnar, Wolf Lotter und die Dampfmaschinen- Ideologie https://ichsagmal.com/2012/10/24/wolf-lotter-und-die-dampfmaschinen-ideologie-der-liebwertesten-industrie-gichtlinge/ (24.10.2012)

McCraw, Thomas K. (2008): Joseph A. Schumpeter – Eine Biographie. Hamburg. Murmann. 

Schneider, Erich (1970): Joseph A. Schumpeter – Leben und Werk eines großen Sozialökonomen. Tübingen. J.C.B Mohr. 

Schumpeter, Joseph A. (1927): Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. Mohr. 

Schumpeter, Joseph A. (1993): Aufsätze zur Tagespolitik. Hrsg. und kommentiert von Christian Seidl und Wolfgang F. Stolper. Tübingen. J.C.B. Mohr. 

Schumpeter, Joseph A. (1994, orig. 1942): Capitalism, Socialism and Democracy. London/New York: Routledge.

Schumpeter, Joseph A. (2006, orig. 1912): Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung: Nachdruck der 1. Auflage von 1912. Hrsg. und erg. um eine Einführung von Jochen Röpke und Olaf Stiller. Berlin: Duncker & Humblot.

Sohn, Gunnar (2019): Das Zerstörerische kreativ zerstören – Wünsche an den Gründungsdirektor der Agentur für Sprunginnovationen @rafbuff. Berlin: Netzpiloten-Magazin https://www.netzpiloten.de/agentur-fuer-sprunginnovationen/ (24.10.2019)

Swedberg, Richard (1994): Joseph A. Schumpeter. Eine Biographie. Stuttgart: Klett-Cotta.

Wagner, Marc/Sohn, Gunnar (2017). Gunnar Sohn im Interview mit Marc Wagner. In: Wenn in Unternehmen nur noch Effizienz ausgeschwitzt wird. https://www.netzpiloten.de/unternehmen-effizienz-labs/ (25.08.2017)

Vom MP3-Debakel zum Olymp der Sprunginnovationen? #Zukunftstaucher @rafbuff

Mit einer Agentur für Sprunginnovationen will die Bundesregierung aus der exzellenten Grundlagenforschung in Deutschland Impulse für die Volkswirtschaft ableiten. „Zahlreiche Erfindungen, die völliges Neuland eröffnen und ganze Märkte umkrempeln können, sind in Deutschland entstanden, scheitern jedoch häufig noch in der Anwendung. Die neue Agentur zielt darauf ab, aus diesen hochinnovativen Ideen aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft auch erfolgreiche Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsplätze in Deutschland entstehen zu lassen“, so Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. 

Fahndungsauftrag 

Die Agentur verfolgt einen personenzentrierten Ansatz. Sie setzt auf hochkompetente und kreative Innovationsprotagonisten, die zeitlich befristet in der Agentur tätig sind und besondere Handlungsfreiräume genießen. Sie können nach Angaben der Bundesregierung Forschungs- und Entwicklungsvorhaben mit Sprunginnovationspotential von der Idee möglichst bis hin zur Anwendung auswählen, steuern und – je nach Projektverlauf – beenden oder fortsetzen. Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Unternehmen setzen die Vorhaben um. Geförderte Ideen werden über Ausgründungen, durch Unternehmen oder auch durch den Staat selbst, im Rahmen der öffentlichen Beschaffung verwertet und in den Markt eingeführt.

Die Mitarbeiter der Agentur sollen nach innovativen Ansätzen in der Wissenschaft fahnden und Erfinder ermuntern, ihre Ideen auch in der Praxis umzusetzen. Bis zum Ende der Legislaturperiode stellen Bundesforschungs- und Bundeswirtschaftsministerium dafür mindestens 151 Millionen Euro bereit. Für die gesamte Laufzeit der Agentur – zehn Jahre sind geplant – wird mit einem Mittelbedarf von rund einer Milliarde Euro gerechnet.

Das deutsche Trauma

„Dass der Bund nun eigens eine Agentur zur Förderung solcher Entwicklungsschritte gründet, hat auch mit einem deutschen Trauma zu tun, das in der Regierung seit Monaten immer wieder zitiert wird: die Geschichte des MP3-Players. Die Technik für dieses Gerät wurde schon in den achtziger Jahren in Deutschland entwickelt, von einer Gruppe von Forschern um Karlheinz Brandenburg am Fraunhofer-Institut in Erlangen und der dortigen Universität. Damit viel Geld verdient haben später allerdings nicht deutsche Unternehmen, sondern in erster Linie die asiatischen Elektronikkonzerne“, schreibt die FAZ. Das dürfe nicht noch einmal passieren, betonte vor einigen Wochen die Bundesforschungsministerin Anja Karliczek.

Nur waren es nicht Firmen in Asien, die MP3 zur Entfaltung brachten, sondern Apple mit ihrem kongenialen Chef Steve Jobs. Und es waren nicht in erster Linie neue Erfindungen, die Jobs erfolgreich auf dem Markt etablierte, sondern Kombinationen von bestehenden und neuen Technologien. Der Apple-Mitgründer entsprach dem innovativen Unternehmen, wie ihn der Ökonom Joseph Schumpeter in seinem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ beschrieben hat – vor über 100 Jahren:

„Nur dann erfüllt er (der Unternehmer) die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt.“

Kombinatoriker müssen keine Erfinder sein 

Innovatives Unternehmertum unterscheidet sich dabei deutlich vom Routineunternehmer, der auf überkommenen Grundlagen arbeitet und nie Neues schafft. Aus altbekannten Techniken wie W-LAN, MP3 und Bewegungssensoren schuf Apple neue Geräte mit Kultfaktor. Und auch das benutzerfreundliche Design ist keine Kreation aus Cupertino. Steve Jobs und seine Entwickler folgten konsequent dem Less-and-More-Diktum des legendären Industriedesigners Dieter Ram, der in den 1960er und 1970er Jahre bahnbrechende Produkte für die Braun AG schuf. Und was noch wichtiger für die Erfolgsstory von Apple ist: Jobs erzeugte neue Märkte. Der dynamische Unternehmer orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern „er nötigt seine Produkte dem Markte auf“, so Schumpeter. Das ist Steve Jobs mit Produkten und Diensten für das mobile Internet und für den Tablet-Markt gelungen. 

Gelingt so etwas mit einer staatlich initiierten Agentur für Sprunginnovationen? 

Verrückte Persönlichkeiten vonnöten 

Dazu braucht man charismatische und ein wenig verrückte Persönlichkeiten, die Neues durchsetzen, intelligenter organisieren und sich vom Routinebetrieb abgrenzen. Es sind nicht nur Unternehmer, die das schaffen, sondern auch Beamte wie der Generalpostmeister Heinrich von Stephan, der Ende des 19. Jahrhunderts unter Reichskanzler Otto von Bismarck aus Berlin ein Silicon Valley der Telekommunikation machte. Er erfand die Postkarte, gründete die Reichsdruckerei, das Postmuseum (heute: Museum für Kommunikation) sowie den Allgemeinen Postverein (1878 Weltpostverein) und forcierte erst in Deutschland, dann in der ganzen Welt den Aufbau der modernen Telegraphie. Stephan erkannte als einer der Ersten die politische und wirtschaftliche Relevanz des Telefons als Medium der Echtzeit-Kommunikation. So einen könnte die neue Agentur, die Anfang des nächsten Jahres ihre Arbeit aufnimmt, gut gebrauchen. 

Propheten der Innovation brauchen wir nicht  

Als Vorbild dient der Bundesregierung die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) in den USA.

Als bekanntestes und erfolgreichstes Projekt kann das ARPANET angesehen werden, aus welchem das Internet hervorging. Welche Persönlichkeiten brauchen wir für Innovationen? brand eins-Autor Wolf Lotter hat im vergangenen Jahr auf der Kölner Fachmesse Zukunft Personal einige ins Spiel gebracht, die man möglichst meiden sollte. 

Etwa Propheten, die es in Glaubensgemeinschaften, in der Dogmatik und in der Ideologie gibt. „Entweder Du machst mit oder Du landest in der Hölle. Ich bin gut und Du bist böse, hier ist mein Evangelium. Das sind die nicht sehr anschlussfähigen Damen und Herren, die in ihren Bubbles leben und den anderen die Welt erklären“, so Lotter. 

innovate or die-Gelaber 

Es sind Bühnenkünstler, die von Disruption und kreativer Zerstörung labern, aber Clayton M. Christensen oder Schumpeter nie im Original gelesen haben. Es sind alarmistische Lautsprecher, die vom Darwinismus schwadronieren, aber die Evolutionstheorie schlicht nicht verstehen. Als weiteren Vertreter der Innovationstypologie benennt Lotter den Eroberer. Er folgt dem Propheten auf dem Fuß und erklärt Innovationen zum Maß der Dinge. Religionskriege, ideologische Eroberungen aber auch die darwinistische Variante des „innovate or die“ sind sein Credo. „Wer sich nicht digitalisiert, ist von gestern und dessen Unternehmen wird sterben. Das sind die Sprüche, die wir kennen“, erläuterte Lotter auf der Keynote Arena der Zukunft Personal-Messe: Artificial intelligence sofort einführen und zum Segen der Industrie erklären. Wer noch ein paar Fragen zur Sinnhaftigkeit hat, ist von vorgestern und hat nichts kapiert. 

Fragen zur Intelligenz nicht erwünscht 

Dass mit der Unterscheidung von natürlicher und künstlicher Intelligenz noch nicht alles geklärt ist, sei dahingestellt. Auch das Rätselraten von Biologen und Neurologen bei der Erklärung von natürlicher Intelligenz darf die KI-Verkäufer nicht stören. Alles nur Marketinggeschwurbel, kritisiert Lotter.  Selbst Erfinder werden uns wohl nicht mit volkswirtschaftlich relevanten Sprunginnovationen beglücken. Sie verbohren sich in ihrem Fach, so Lotter. Ihre Metamorphose endet im Fachidiotentum. 

Ich habe Patente, also bin ich?

Das systematische und planmäßige Erfinden in Konzernen produziert nach Auffassung von Lotter zuverlässig eine Vielzahl an Patententen und Rechten, der Wirksamkeit allerdings fraglich ist, lieber FDP-Bundestagsabgeordneter Thomas Sattelberger. Da helfen dann auch nicht Erbsenzählereien in irgendwelchen Studien zur KI-Forschung weiter. Lotter verweist auf die amerikanische Innovationsforscherin Rosabeth Moss Kanter, die dieses Dilemma sehr schön auf den Punkt bringt: Meistens folgen den großartigen Innovationsankündigungen mittelmäßige Ausführungen, die anämische Resultate nach sich ziehen. Irgendwann schlägt dann das Controlling zu. Moss Kanter nennt diese Vertreter „Innovations-Ersticker“. Welche Typologien sind besser?

Lotter nennt sie Erkenner und Ermöglicher. Also Persönlichkeiten, die Ideen aufsaugen, orchestrieren und kombinieren. Sie führen keinen Krieg gegen Talente, sie belohnen nicht Opportunismus, sondern Individualismus. Ich bin gespannt, ob wir das mit der neuen Agentur hinbekommen. Die Ansätze des Gründungsdirektors Rafael Laguna de la Vera ein paar Antworten und werden von mir in einem ausführlichen Beitrag für die Netzpiloten in den nächsten Tagen gewürdigt.

Bei unserem Schumpter-Abend am Montag in Bonn werden wir das vertiefen. Kommt vorbei (Ettighoffer Str. 26a, 53123 Bonn):

#Schumpeter sieht die Ökonomie nicht als Glasperlenspiel, sondern als sozialwissenschaftliches Phänomen #NEO19x

„Die Informationstechnologie ist möglicherweise nicht mit einer Marktwirtschaft vereinbar, zumindest nicht mit einer Wirtschaft, die in erster Linie von Marktkräften reguliert wird.“ Diese These von Paul Mason elektrisiert nicht nur den Autor Professor Lutz Becker, sondern ist sinnbildlich für den Forscherdrang aller Wirtschaftswissenschaftler, die am Band „Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums – Zur Aktualität von Joseph A. Schumpeter“ (Provisionslink) mitgewirkt haben – der Autor dieser Kolumne zählt dazu (Disclaimer).

Schumpeter eignet sich in besonderer Weise dafür, auch die aktuellen netzökonomischen Tendenzen unserer Volkswirtschaften zu diskutieren, ohne profan beim Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ stehen zu bleiben, wie es fast alle sogenannten Keynote Speaker für die digitale Transformation betreiben. Sie zitieren Schumpeter, sie lesen ihn aber nicht. Das ist schade. Denn Schumpeter sieht die Ökonomie nicht als Glasperlenspiel, sondern als sozialwissenschaftliches Phänomen. Darauf macht Lambert T. Koch im Vorwort des Schumpeter-Buches aufmerksam. Mit ihm gelingt es, die dogmatische Verkrustung der Ökonomik zu durchbrechen und sie wieder als entwicklungsoffene Wissenschaft zu formieren.

Befreiung aus der ökonomischen Statik

Heinz D. Kurz fragt in der Einleitung zurecht: Wie nur konnte die Profession Schumpeters Verdienste bei der Befreiung der ökonomischen Analyse aus der ökonomischen Statik und seine Pionierleitung bei der Durchdringung der Welt der Dynamik die gebührende Achtung versagen?“ Teilweise gilt das heute noch, wenn man beispielsweise sieht, wie Apologeten der Makroökonomie den Faktor der unternehmerischen Innovationen vernachlässigen. Selbst die Protagonisten der Europäischen Zentralbank könnten da noch etwas lernen. Lars Hochmann bringt es auf die Formel „Wer über Wirtschaft spricht, darf über Unternehmen nicht schweigen“ – vor allem von jenen Wirtschaftseinheiten nicht, die ihr Geld nicht mit finanzkapitalistischen Hütchenspielen „verdienen“. Letztere sollte man endlich mit einer satten Transaktionssteuer zur Kasse bitten, denn sie wirken kontraproduktiv für die Realwirtschaft.

Wichtig sei es zu verstehen, so Hochmann, dass Unternehmen nicht einfach nur neue Dinge den bestehenden Dingen hinzufügen. „Sie verändern absichtsvoll oder beiläufig, just durch ihr Tätigwerden, die gesellschaftlichen Verhältnisse und damit ihre eigenen erwerbswirtschaftlichen Bedingungen im Sinne strategischer Wettbewerbsvorteile.“ Es geht dabei nicht nur um Technologien, sondern um eine Veränderung der kulturellen Praxis. Innovationen können sich nicht nur zu ökonomischen Erdbeben entwickeln, sie können auch komplett das Staatengefüge verändern und als gesellschaftliche Interventionen wirken.

Vulgärkapitalist Thiel sollte Schumpeter studieren

Oder wenn man den vulgärkapitalistischen Vordenkern des Silicon Valley, wie dem Donald Trump-Adepten Peter Thiel, die kritischen Passagen von Schumpeter über den Laissez-faire-Liberalismus unter die Nase reibt. Schumpeter, so schreibt es Hans Frambach, übt harsche Kritik am Utilitarismus – also am reinen Nützlichkeitsdenken. Man dürfe die Gesamtheit menschlicher Werte nicht auf ein einziges Schema reduzieren und dabei das, was wirklich zähle, außen vor lassen. Es herrsche eine Philosophie, die an Flachheit nicht zu überbieten ist. Etwa wenn man vordergründige Korrelationen zwischen Intelligenz und hohem Einkommen konstruiert für ressentimentgeladene Ausfälle gegen Bundestagsabgeordnete (man braucht sich auf YouTube nur die Phrasendrescherei eines Unternehmensberaters anschauen, der danach lechzt, im AfD-Milieu möglichst viele Beifallsbekundungen einzusammeln).

Alles andere als flach sind Schumpeters Thesen vom Untergang des Kapitalismus, mit denen sich Lutz Becker auseinandersetzt. Sie können sogar dazu beitragen, mögliche Fehlentwicklungen und Risiken von Digitalisierung und der Plattformökonomie deutlich zu machen. „Bereits in den 1980er Jahren stellten meine akademischen Lehrer Reinhard Rock und Klaus Rosenthal fest: ‚Die Informationswirtschaft ist der pointierteste Ausdruck der ökonomischen Entwicklungsgeschichte, die sich jetzt allerdings in ihrem Fortschreiten zu radikalisieren scheint.‘ Ohne Zweifel ist die Digitalisierung, die Informationswirtschaft, inzwischen in unserem Leben angekommen“, schreibt Becker in seinem Beitrag für den Schumpeter-Band.

Die Moloch-Systeme des Silicon Valley

Inzwischen seien die digitalen Artefakte in unserer gesellschaftlichen und ökonomischen Lebenswelt allgegenwärtig. Dafür stehe Google, ein Unternehmen, das uns das Bedürfnis nach allgegenwärtigem Informiertsein und ubiquitärem Wissen erfüllt und uns durch die Straßen dieser Welt navigiert, und auch Facebook, eine Plattform, die unsere sozialen Kontakte managen will, oder Amazon, schon lange nicht mehr nur der digitale Buchhändler, sondern ein global agierender Moloch, der dabei ist, den gesamten Warenverkehr in den Unternehmen und um die Unternehmen herum unter seine Fittiche zu nehmen.

Wettbewerb sei etwas für Loser, propagiert der ewig leben wollende Investor Thiel – Wert schafft man in seiner Logik nur durch Monopole. Und dieser ideologische Überbau ist tatsächlich das ökonomische Schmiermittel im Silicon Valley. Die Plattformen der Internet-Giganten sind in der Lage, durch Internalisierung bestimmter ökonomischer und gesellschaftlicher Übereinkünfte, Regeln und Prozeduren, sowie deren Unterwerfung unter die eigenen Geschäftsmodelle (nennen wir es „take-over“), die Spielregeln von Märkten und Branchen, von Kultur und Gesellschaft, von Arbeit und Kapital, substanziell und radikal zu verändern und damit den Markt und in der Folge Gesellschaften digital zu kolonialisieren, nämlich spätestens dann, wenn die Plattformen faktische Voraussetzung zur Teilnahme an Markt oder Gesellschaft werden, erläutert Becker. „Netzöffentlichkeit“ würde ich noch ergänzen.

Plattformen vernichten Märkte

Becker spricht gar trefflich von der Marktfiktion, die die digitalen Plattformen erzeugen. Der Markt als sozio-kulturelle Veranstaltung verschwindet in den Untiefen der Plattform-Algorithmen. „Man mag nun angesichts des gerne beschworenen Begriffes vom ‚Digital Marketplace‘ meinen, dass Plattformen, wie Amazon, Facebook und Uber, die Funktionen des Marktes reproduziert und dazu noch zu einem größeren Angebot (durch Vergrößern des Marktes und Senken von Marktschranken), Effizienz (durch Senkung von Transaktionskosten und mehr Transparenz) geführt hätten“, so Becker. Das ist Mimikry.

Auf Chatbot- und KI- basierten Plattformen, insbesondere unter den Bedingungen von (Big-) Nudging sieht das anders aus. Es dominieren mehr oder weniger fest verdrahtete Sequenzen von Regeln, die sozio-technische Abläufe präzise strukturieren, automatisieren und/oder bewerten, um bestimmte ökonomische Ziele zu erreichen.

„Der Nutzer reagiert einseitig auf die Plattform, während auf der Plattform nur ein algorithmisches System, also in einem einseitig kontrollierten Prozess, eine Illusion wechselseitiger Kontingenz erzeugt wird, die mit einem ‚Verlust von Partitäten‘ einhergeht“, führt Becker aus.

Entscheidend ist also das Geschäftsmodell und nicht mehr, dass sich die Preise über Angebot und Nachfrage bilden (was sie sowieso nicht tun), sondern dass ein Algorithmus die Profitraten der Plattform maximiert durch Werbeeinnahmen oder Vertriebsprovisionen. Man könnte auch sagen, dass die Plattformen wie ein Schwarzes Loch den Markt ansaugen und verschlucken. Es bleibt einfach nichts mehr übrig. Also schnell den Schumpeter-Band besorgen und nach der Lektüre Pläne entwickeln, wie man Amazon und Co. zerschlagen kann. Ich verweise auf die Telekommunikation und den Energiesektor in den USA. Möglich ist das.

Oder sich mit meinem Kapitel beschäftigen. Es geht um die Bonn Phase im Leben von Joseph Schumpeter. Er lehrte ja von 1925 bis 1932 an der Bonner Uni: In dieser Zeit veröffentlichte binnen kurzer Zeit mehrere einflußreiche Aufsätze. Dazu zählt die 1928 im Economic Journal veröffentlichte Abhandlung „The Instability of Capitalism“. In ihm beschreibt er die dem Kapitalismus seiner Ansicht nach innewohnenden selbstzerstörerischen und diesen letztlich transzendierenden Kräfte, und nimmt damit eine Hauptidee seines knapp anderthalb Jahrzehnte später veröffentlichten Buches Capitalism, Socialism and Democracy (1942) vorweg.

„Schumpeter trägt in seinem Aufsatz dem Umstand Rechnung, dass es die von ihm verherrlichte Gestalt des ‚Unternehmers‘ immer seltener gibt. An die Stelle des Wettbewerbs-Kapitalismus sei der in Trusts vermachtete Kapitalismus getreten. Dieser ist gekennzeichnet durch eine Trennung von Eigentum und Kontrolle sowie die wachsende Bedeutung der neu entstehenden Kaste der Manager“, erläutert Kurz.

Die Aufsteiger-und Absteigertypen in einer vertrusteten Gesellschaft seien völlig andere als in einer Konkurrenzgesellschaft und der Unterschied überträgt sich schnell auf Motive, Stimuli und Lebensstile, führt Schumpeter aus. Es wirkt sich negativ für die ökonomische Wohlfahrt aus. Oder in den Worten von Wilhelm Röpke, der zu den Architekten der Sozialen Markwirtschaft gehörte: Es leidet die Mannigfaltigkeit – nachzulesen im Buch „Wilhelm Röpke – Wissenschaftler und Homo politicus zwischen Marburg, Exil und Nachkriegszeit“, erschienen im Metropolis-Verlag. In Märkten, die von ungesunden Machtstrukturen dominiert werden, leiden mittelständische Unternehmen und leidet auch die Kundschaft.

Brauchen wir also eine neue Wirtschaft? Damit beschäftigt sich Professor Lutz Becker in einem Meinungsbeitrag auf LinkedIn. Er wird das auf der Next Economy Open vom 26. bis 28. November vertiefen.

Und welche Antworten gibt Schumpeter auf die vertrustete Gesellschaft?

Das werde ich in einem amüsanten Bibliotheksgespräch mit dem WDR-Journalisten David Eisermann am 28. Oktober erörtern. Es beginnt um 19 Uhr in Bonn-Duisdorf, Ettighoffer Str. 26a, 53123 Bonn. Eintritt frei.

Hurra, das Schumpeter-Buch wird am 17. Dezember ausgeliefert – Euer Weihnachtsfest ist gerettet: Wünscht Euch das neue Ökonomie-Werk

Hans Frambach/ Norbert Koubek/ Heinz D. Kurz/ Reinhard Pfriem (Hrsg.):Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums. Zur Aktualität von Joseph A. Schumpeter
Lambert T. Koch:
Von Schumpeter lernen – Geleitwort

1. Innovationen und wirtschaftliche Entwicklung

Heinz D. Kurz:
Die Durchsetzung neuer Kombinationen, schöpferische Zerstörung und die Rastlosigkeit des Kapitalismus. Zur Aktualität Joseph A. Schumpeters

André Reichel:
Die Neuerfindung des Neuen. Soziale Innovationen in kollaborativen Innovationsprozessen

Birger Priddat:
Schumpeter und die modernen Marktdynamiken

Ekaterina Brandtner/ Jörg Freiling:
Dominante Logiken – Barrieren oder Wegbereiter für Schumpeters „schöpferische Zerstörung“?

Norbert Koubek/ Hermann Sebastian Dehnen/ Jan Hendrik van Dinther: Schwellenländer in der Weltwirtschaft. Von der Doppel-Triade zur Doppel-Helix

Bettina Kieselbach/ Marco Lehmann-Waffenschmidt:
Strategien zur schöpferischen Vermeidung von Monopolen in innovativen Branchen – eine neo-Schumpetersche Fallanalyse des Digitalisierungsprozesses in Sachsen

Marlies Schütz/ Rita Strohmaier/ Stella Zilian:
Vom Datenkapitalismus zum Datensozialismus? Zur Bedeutung der Werke J. A. Schumpeters und T. B. Veblens in Zeiten des digitalen Wandels

Christine Volkmann/ Wolfgang Kuhn):
Elektrisches Licht und Taschenlampen: historische und gesellschaftliche Dimensionen eines innovativen Phänomens

2. Geschichte und Zukunft des Unternehmertums

Hans Frambach:
Der Schumpetersche Unternehmer in der Geschichte des ökonomischen Analyse

Lars Hochmann:
Lebendiges Unternehmertum als revolutionärer Entwurf. Versuch einer radikalen Ökonomik im Zeitalter digitaler Revolutionen

Uwe Schneidewind/ Annika Rehm:
Unternehmen als strukturelle Kraft. Vom schöpferischen Zerstörer zum konstruktiven Schöpfer

Klaus Fichter/ Karsten Hurrelmann:
Climate Entrepreneurship. Von der schöpferischen Zerstörung zur Schöpfung gegen Zerstörung – Unternehmertum in Zeiten des Klimawandels

Ulrich Braukmann/ Daniel Schneider/ Dominik Bartsch:
Youth Entrepreneurship Education und ihr Potential für eine (Re-)Vitalisierung
des Schumpeter‘schen Unternehmertums in Deutschland

Stephanie Birkner/ Lisa Heinrichs:
Eine Frage der Zeit? Eine feministisch motivierte Reflektion
der historischen Bedingtheit des Schumpeter’schen Gedankengutes zum Unternehmertum

3. Gesellschaftstheoretische Dimensionen in Schumpeters Werk

Reinhard Pfriem:
Ökonomik als Gesellschaftswissenschaft. Zukunftsfähigkeit und Grenzen des Sozialökonomen Joseph A. Schumpeter

Lutz Becker:
Schumpeters blinder Fleck. Das Spannungsfeld zwischen Markt und Unternehmer im Zeichen der Plattform-Ökonomie

Richard Sturn:
Kapitalismus, Populismus, Demokratie

Harald Hagemann:
Schumpeter und die Weltwirtschaftskrise: Die Vorzüge schlechter Zeiten oder eine pathologische Depression?

Lars Immerthal:
Dionysische Störungen. Ein Kommentar zur Her- und Zukunft der Metapher der ’schöpferischen Zerstörung’

Eberhard K. Seifert:
Schumpeter über Marx als Ökonomen. Theoriegeschichtliche Anmerkungen zu seiner Kritik der Arbeitswerttheorie in ‚Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie’

Gunnar Sohn:
Wenn Volkswirtschaften in Routine ersticken. Schumpeters soziologische Analysen in seiner Bonner Zeit

Die Uni Bonn bringt so etwas nicht zustande – ist mir nach wie vor völlig unverständlich.

Habe bei den Herausgebern allerdings vorgeschlagen, in Bonn eine Buchvorstellung auf die Beine zu stellen. Vielleicht im Schumpeter-Saal des Uniclubs.

#Schumpeter, Nachhaltigkeit und der Wandel des Unternehmertums #KönigvonDeutschland Utopie-Podcast

Eine neue Folge des Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland, den ich zusammen mit Lutz Becker produziere. Wir sprachen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Pfriem u.a. über Bundesverkehrsminister, über die Notwendigkeit einer neuen Ökonomie mit mehr demokratischer Beteiligung, über Skeptiker als solidere Optimisten, über Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn. Professor Pfriem bietet übrigens im Wintersemester an der Schumpeter School of Business and Economics in Wuppertal ein Schumpeter-Seminar an. Thema: Schumpeter, Nachhaltigkeit und der Wandel des Unternehmertums.

Hört, kommentiert und teilt bitte unsere neues #KönigvonDeutschland Interview.

Sozialwissenschaftlicher Spiritus rector unserer Bonner Alma Mater #Schumpeter #BestofStartups

Der fünfte Ideenmarkt #BestofStartups der IHK-Bonn/Rhein-Sieg in der CampusMensa in Poppelsdorf war nicht nur eindrucksvoll bestückt mit Gründerideen, sondern beförderte auch klare Bekenntnisse der beteiligten wissenschaftlichen Institutionen zum Unternehmertum ans Tageslicht. Etwa von Professor Michael Hoch, Rektor der Universität Bonn. Traditionell werde die Universität nicht mit dem Thema Unternehmertum verbunden. Er wolle einen Gründergeist bei Hochschullehrern und Studierenden verankern und macht das sogar zur Chefsache.

„Die Gesellschaft muss von unterschiedlichen Talenten bespielt werden. Wir müssen den jungen Menschen helfen, den richtigen Lebensweg zu finden“, so Hoch.

Und das könne eben auch der Weg in die Selbständigkeit sein.

An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist man da schon ein wenig weiter, wie der Rektor Professor Hartmut Ihne in seinem Statement darlegte:

„Wir machen seit 13 Jahren den Business-Campus gemeinsam mit dem Rhein-Sieg-Kreis und der Kreissparkasse Köln. Wir haben auch eine Reihe anderer Formate entwickelt, um das Gründertum in verschiedenen Facetten zu fördern – in der Forschung, Lehre und im Transfer.“

Man neige leider in den Bildungseinrichtungen dazu, Menschen für die Angestelltentätigkeit oder für die Beamtenlaufbahn auszubilden. Das könnte an Hochschulen anders praktiziert werden. Wissenschaftler seien zwar formal Angestellte, aber sie sind nach ihrer Mentalität eher Unternehmer:

„Sie suchen etwas, sie gehen Risiken ein, probieren etwas aus, sie scheitern oder sie sind erfolgreich. Deshalb sollte man an Hochschulen viel stärker das Unternehmertum stimulieren. Wir müssen ein Umfeld erschaffen, wo junge Menschen angeregt werden, nicht nur wissenschaftliche Unternehmer zu werden, sondern auch ökonomische Unternehmer, die der Welt etwas Neues zur Verfügung stellen. Und das ist ein Stück unserer Mission“, proklamiert Ihne.

Bescheidene Unternehmensgründungen

Das sei eine Kultur, die man braucht in diesem Land, um die relativ bescheidenen Unternehmensgründungen etwas zu intensivieren. Das wäre auch bitter nötig: Die Anzahl der Existenzgründer ist im vergangenen Jahr laut KfW-Gründungsmonitor auf einen neuen Tiefstand gesunken. Mit 672.000 Personen haben 91.000 weniger eine neue selbstständige Tätigkeit begonnen als im Jahr 2015.

Das wäre doch ein schöner Anlass für Professor Hoch, für Professor Ihne, für die IHK, für die Stadt Bonn und für den Rhein-Sieg-Kreis eine Schumpeter-Akademie oder ein Schumpeter-Gründer-Lab aus der Taufe zu heben, um dynamische Unternehmerinnen und Unternehmer hervorzubringen. Die Erinnerung an Schumpeter soll hier keine Totenbeschwörung sein und erst recht keine Totenklage, um uns die geistige Gestalt Joseph Schumpeters vor unser inneres Auge zu rufen. Wir sollten diese Institution schaffen, weil Schumpeter „mehr als irgendein anderer Anspruch darauf erheben darf, als sozialwissenschaftlicher Spiritus rector unserer Bonner Alma Mater zu gelten“, so der Soziologe Gottfried Eisermann, der seine Bonner Antrittsvorlesung im Jahr 1962 Schumpeter widmete.

Gottfried Eisermann würdigt Schumpeter

Eisermann weist auf wichtige Erkenntnisse im Werk des Nationalökonomen hin, der 1925 dem Ruf auf den Lehrstuhl für wirtschaftliche Staatswissenschaften als Nachfolger von Heinrich Dietzel an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität folgte. Schumpeter warnte vor den Routine-Unternehmen, die eigentlich nur aus geschulten Spezialisten-Truppen bestehen. Konkret meinte er angestellte Manager und ihre bezahlten Vollzugsorgane in großen Konzernen, die zu wachsenden Spannungen in der Gesellschaft führen und Ressentiments gegen den Kapitalismus nähren. Wir könnten das mit aktuellen Beispielen gut belegen.

Ausführlich nachzulesen in meiner Netzpiloten-Kolumne.

Schumpeter statt Christensen #absatzwirtschaft #Disruption

SchumpeterTheorie

Die Kombination vorhandener Fähigkeiten mit neuen Technologien über Plattformen ist ist sicherlich eine höchst sinnvolle Rezeptur für die Netzökonomie. Nach der Theorie von Professor Clayton Christensen nicht so ganz. Aber es ist schlau und entspricht der Innovationstheorie von Joseph Schumpeter. Der Ökonom wird ständig reduziert auf den Begriff der kreativen Zerstörung. Dabei bietet Schumpeter mehr. Er kritisiert die statischen Unternehmer, die nicht in der Lage ist, mit Neuem zu experimentieren.

Als zweite Gruppe definiert Schumpeter Menschen, die zwar mit einer scharfen und beweglichen Intelligenz ausgestattet sind, zahllose Kombinationen und neue Ideen entdecken, dieses Wissen am Markt aber nicht durchsetzen.

Dann gibt es eine dritte, minoritäre Gruppe, die selbst- oder fremdproduziertes Wissen in neuen Kombinationen durchsetzt. Dieser dynamische Typus orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern erzeugt neue Märkte und neue Nachfrage. Also Steve-Jobs-Unternehmer.

Die meisten Wirtschaftsakteure beschränken sich auf die Aufrechterhaltung von Routinen. Insofern liegt wohl der Ökonom Lutz Becker richtig, dass es eher auf die Denkhaltung ankommt und nicht auf die betriebswirtschaftliche Brille der Disruptionstheorie.

Disruptionstheorie von Clayton Christensen

  1. Disruptive Innovatoren können sich in der ersten Phase auf die weniger anspruchsvolle Klientel konzentrieren und Angebote machen, die gerade noch gut genug sind. Erst danach bewegen sich die Startups in den Mainstream-Markt, ein Prozess, der bei den Discountern gut zu beobachten ist.
  2. Ein disruptiver Innovator kann auch einen völlig neuen Markt schaffen, wie mit dem iPhone und dem App-Ökosystem von Apple für die Etablierung des mobilen Internets.

Das ist nur das Abschluss-Stück meiner Story, die in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift absatzwirtschaft erschienen ist.

absatzwirtschaftJuli

Mehr könnt Ihr erfahren, wenn Ihr zum Kiosk Eures Vertrauens wandert oder einfach die App der absatzwirtschaft nutzt 🙂

Da findet Ihr in der aktuellen Nummer weitere feine Artikel. Etwa zum Thema: Die großen Konzerne sind Parallelgesellschaften:

Die Wirtschaft hat sich eine Reihe von Skandalen geleistet, die das ethische Verständnis in Wirtschaft und Gesellschaft in Frage in stellen. Mit VW ist die Entwicklung möglicherweise an einem Tipping Point angekommen, nachdem die Liste der Skandale schon eine beachtliche Länge erreicht hat, unter anderem mit Commerzbank, Deutscher Bank, Fifa, Siemens und Thyssen-Krupp. Auf der Nextact in Köln suchten Marketingpapst Prof. Dr. Heribert Meffert, Ex-Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger und Dr. Richard Straub, Gründer der Peter Drucker Society Europe, in einer Podiumsdiskussion unter der Leitung von absatzwirtschaft-Chefredakteur Christian Thunig nach Lösungsmöglichkeiten.

Klingt doch spannend. Also 8,99 Euro aus dem Sparschwein holen 🙂

Herr Draghi, lesen Sie Schumpeter – Senkung der Leitzinsen für Investitionsplanungen irrelevant

Schumpeter in Bonn

Durch die Billigzins-Politik der Europäischen Zentralbank gehen den Sparen jährlich zweistellige Milliarden-Beträge flöten. Das Dankschreiben für die kalte Enteignung kann man direkt an Mario Draghi schicken. Ein Mann der alten Geldpolitik-Schule, der glaubt, mit Leitzins-Senkungen konjunkturelle Wunder zu bewirken. Ein makroökonomischer Dompteur, der Volkswirtschaften wie ein Uhrwerk betrachtet. Draghi und Co. sollten wieder die Werke des Nationalökonomen Joseph Schumpeter heraus kramen, der vom „Fluch des Denkens in Aggregaten” sprach.

Die Makroökonomen ignorieren den Kern des wirtschaftlichen Wandels, meint Schumpeter. Volkswirtschaften werden permanent durch Innovationen, Technologien und neuen Geschäftsmethoden umgepflügt und revolutioniert. Und häufig sind es gar Einzelpersönlichkeiten, die komplette Wirtschaftsbranchen ins Wanken bringen und neue Wirtschaftsbranchen entstehen lassen – wie die Telefonie-Expansion Ende des 19. Jahrhunderts, ausgelöst durch den legendären Generalpostmeister Heinrich von Stephan – ein preußischer Silicon Valley-Vordenker, der unter Reichskanzler Otto von Bismarck diente und Berlin zum Mekka der Telekommunikation formte. Den Stephan-Orden können wir dem Zins-Gläubigen Draghi nicht verleihen.

Konjunkturpolitisch läuft die EZB-Zinsmaßnahme ins Leere. Dafür werden Privatvermögen geschröpft. Was den EZB-Präsidenten in karnevalesker Manier überhaupt nicht juckt, denn es sei die Entscheidung der Finanzinstitute, die Zinsen für Anleger festzulegen. Was für ein Spaßvogel. Erspartes wird geschröpft und das Spekulantentum neu angekurbelt – mit kaum messbaren Wirkungen auf die Investitionsneigung.

So lässt die Bedeutung der Bankenfinanzierung bei Mittelständlern und Konzernen nach.

„Statt zu investieren oder nicht notwendige Liquidität an die Eigentümer auszuschütten, horten die Finanzvorstände lieber die Mittel – vielleicht auch um in Krisenzeiten besser gewappnet zu sein als in den Jahren 2008 und 2009. Das Trauma der Kreditklemme in Folge der Lehman-Pleite ist immer noch im kollektiven Gedächtnis der Finanzabteilungen verankert“, sagt Finanzblogger Dirk Elsner.

Generell überschätzen nach Ansicht von Elsner die Zentralbanker die Hebelwirkung ihrer Zinspolitik.

„Die Erwartungen über die eigene Zukunft spielen eine größere Rolle als die Leitzinsen.“

Zinsen werden in den makroökonomischen Sandkastenspielchen der Volkswirte zu hoch gewichtet. VWLer unterschätzen psychologische Faktoren.

„Die meisten ökonomischen Analysen konzentrieren sich auf finanzielle Motive wie das Streben nach mehr Konsum oder Einkommen. In der Wirtschaftswissenschaft von heute geht es jedoch nicht nur um Geld und viele Wirtschaftswissenschaftler sind der Ansicht, dass auch nicht-finanzielle Motive untersucht werden sollten“, schreiben George A. Akerlof und Rachel E. Kranton in ihrem Buch „Identity Economics“.

Es gibt also eine Vielzahl von Wechselwirkungen, die berücksichtigt werden müssen, um richtige Entscheidungen in der Wirtschaftspolitik zu treffen.

„Die Senkung der Leitzinsen sind für Investitionsplanungen irrelevant. Viel wichtiger sind Prognosen der Unternehmen, wie sich das eigene Geschäft in den nächsten Jahren entwickelt“, weiß Elsner.

Das recht einfältige Maßnahmenpaket der EZB fruchtet nicht.

Siehe auch:

Mario Draghi hat sich verrannt.

Warum sich (die Uni) Bonn mit Schumpeter beschäftigen sollte

Schumpeter in Bonn

Als der Nationalökonom Joseph Schum­pe­ter Deutsch­land im Som­mer 1932 ver­ließ, um dem Ruf an die Harvard-University zu fol­gen, hat er 28 Kof­fer im Jü­li­cher El­tern­haus sei­ner Le­bens­part­ne­rin Mia Stö­ckel de­po­niert. Mit ih­nen „ … ließ (er) auch die meis­ten sei­ner auf Deutsch ge­schrie­be­nen Ar­bei­ten zu­rück“. Wenn diese Kof­fer zwar nicht der Bom­bar­die­rung Jü­lichs, son­dern über­wie­gend kriegs­be­ding­ten Plün­de­ru­gen zum Op­fer ge­fal­len sind, so hat die Werk­for­schung an­ge­sichts die­ses Ver­lus­tes wohl zu fra­gen, ob wir uns Schum­pe­ters Wir­ken in den Bon­ner Jah­ren von 1925 bis 1932 schon hin­rei­chend er­schlos­sen ha­ben. Ul­rich Hedtke hat hierzu in den Jah­ren 1996 und 1997 re­cher­chiert und da­mals zu­nächst mit In­ter­esse fest­ge­stellt, dass Schum­pe­ter in sei­ner Bon­ner Zeit auch eine be­acht­li­che so­zio­lo­gi­sche Lehr- und Vor­trags­tä­tig­keit ent­fal­tet hat. Das be­stä­tigt auch der WDR-Moderator Da­vid Eis­er­mann, Sohn des So­zio­lo­gen Gott­fried Eis­er­mann:

Eisermann Schumpeter

Die So­zio­lo­gie taucht nicht zu­fäl­lig so häu­fig in den Vor­le­sun­gen von Schum­pe­ter auf. Als er 1927 sei­nen ers­ten Auf­ent­halt als Gast­pro­fes­sor an der Har­vard Uni­ver­si­tät an­trat, hat­ten sich die dor­ti­gen So­zio­lo­gen noch nicht vom wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tut ab­ge­spal­ten, um eine selb­stän­dige „Gruppe für So­zi­al­be­zie­hun­gen“ zu bil­den. Das er­wies sich für Schum­pe­ter als glück­li­cher Um­stand, denn seine ei­gene Be­trach­tungs­weise der Na­tio­nal­öko­no­mie ori­en­tierte sich im­mer stär­ker an der So­zio­lo­gie.

In Har­vard hatte er die Mög­lich­keit, sich mit den bes­ten Köp­fen auf die­sem Ge­biet aus­zu­tau­schen und diese Er­kennt­nisse mit sei­nen ei­ge­nen wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Ar­bei­ten zu kom­bi­nie­ren.

Die Öko­no­mie blieb der Mit­tel­punkt sei­nes Den­kens – aber auch Ge­schichte, So­zio­lo­gie und die Psy­cho­lo­gie ka­men hinzu. Schum­pe­ter ver­mied die enge Spe­zia­li­sie­rung und stellte sich da­mit ge­gen den aka­de­mi­schen Trend sei­ner Zeit. Er war be­strebt, un­an­ge­mes­sene Ver­ein­fa­chun­gen zu ver­mei­den. Seine Hin­wen­dung zu ei­ner in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Sicht­weise des öko­no­mi­schen Ge­sche­hens brachte er be­reits 1926 in ei­nem Auf­satz un­ter dem Ti­tel „Gus­tav von Schmol­ler und die Pro­bleme von heute“ zum Aus­druck. Darin wür­digt er Schmol­ler da­für, das Feld der Na­tio­nal­öko­no­mie über die Gren­zen der rei­nen Theo­rie aus­ge­wei­tet zu ha­ben.

Schmol­ler habe ge­mein­sam mit Max We­ber ei­ner neuen Art von his­to­risch fun­dier­ter Wirt­schafts­so­zio­lo­gie oder So­zi­al­öko­no­mie den Weg ge­wie­sen. Das war sei­nen ei­ge­nen For­schun­gen ge­schul­det und sei­nen Er­fah­run­gen in Po­li­tik so­wie Ge­schäfts­le­ben. Das be­legt auch die Ab­hand­lung von 1928 „Die Ten­den­zen un­se­rer so­zia­len Struk­tur“. Hier un­ter­sucht Schum­pe­ter die Dis­kre­panz zwi­schen der Wirt­schafts­ord­nung Deutsch­lands und der So­zi­al­struk­tur. Die Wirt­schafts­or­ga­ni­sa­tion war ka­pi­ta­lis­tisch, die deut­sche Ge­sell­schaft war aber in ih­ren Ge­bräu­chen und Ge­wohn­hei­ten nach wie vor in länd­li­chen, ja so­gar feu­da­len Denk­wei­sen ge­fan­gen – heute in­dus­trie­ka­pi­ta­lis­tisch.

Zur Reichs­grün­dung 1871 ha­ben na­hezu zwei Drit­tel der Be­völ­ke­rung auf Gü­tern oder Ge­mein­den mit we­ni­ger als 2000 Ein­woh­nern ge­lebt, noch nicht ein­mal 5 Pro­zent in Groß­städ­ten von mehr als 100.000 Ein­woh­nern. Bis 1925 hatte sich der An­teil der Stadt­be­woh­ner ver­fünf­facht, wäh­rend der An­teil der Land­be­völ­ke­rung um die Hälfte zu­rück­ge­gan­gen ist. Ur­sa­che war vor al­lem ein sprung­haf­ter An­stieg der Agrar­pro­duk­ti­vi­tät. Wäh­rend 1882 in Deutsch­land nur 4 Pro­zent der klei­nen Land­wirt­schafts­be­triebe Ma­schi­nen ein­setz­ten, wa­ren es 1925 schon über 66 Pro­zent. Die Me­cha­ni­sie­rung löste eine Land­flucht aus und trieb die Land­ar­bei­ter in die Städte.

1927 er­schien „Die so­zia­len Klas­sen im eth­nisch ho­mo­ge­nen Mi­lieu“ (Ar­chiv für So­zi­al­wis­sen­schaft und So­zi­al­po­li­tik) – weg­wei­sen­der Bei­trag zur noch jun­gen Dis­zi­plin der So­zio­lo­gie. Schum­pe­ter selbst zählte den Auf­satz zu den wich­tigs­ten Wer­ken, was aus No­ti­zen her­vor­geht, die er ge­gen Ende sei­ner For­schungs­tä­tig­kei­ten schrieb. Grund­these: Der Klas­sen­sta­tus ist das Er­geb­nis vor­her­ge­gan­ge­ner Er­eig­nisse und da­her ana­chro­nis­tisch. Er weist dar­auf­hin, das die meis­ten rei­chen Fa­mi­lien, die um die Mitte des 19. Jahr­hun­derts an der Spitze der Ge­sell­schaft ge­stan­den ha­ben, drei Ge­ne­ra­tio­nen spä­ter dort nicht mehr zu fin­den wa­ren.

Un­auf­hör­li­che Dy­na­mik kon­kur­rie­ren­der Neue­run­gen

Man könnte an­neh­men, ver­nünf­tige Spar­sam­keit, eine be­schei­dene Le­bens­weise und der Er­halt ei­ner so­li­den Grund­lage seien für Un­ter­neh­men aus­rei­chend, um an der Spitze zu blei­ben (pro­tes­tan­ti­sche Ethik, Max We­ber). Schum­pe­ter ver­tritt die These, jede Firma, die sich auf eine der­ar­tige Rou­tine be­schränkt, werde schon bald von of­fen­si­ver agie­ren­den, ri­si­ko­freu­di­ge­ren, wett­be­werbs­ori­en­tier­ten Un­ter­neh­men ver­drängt wer­den.

Die Ein­füh­rung neuer Pro­duk­ti­ons­me­tho­den, die Er­schlie­ßung neuer Märkte, über­haupt die er­folg­rei­che Durch­set­zung neuer ge­schäft­li­cher Kom­bi­na­tio­nen hat Feh­ler­quel­len, Ri­si­ken und be­geg­net Wi­der­stän­den, die in der Bahn der Rou­tine feh­len.“

Ist der schöp­fe­ri­sche oder krea­tive Zer­stö­rer ein In­no­va­tor?

In sei­nem Werk „Theo­rie der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung“ schreibt er: Er­folge habe nicht in ers­ter Li­nie der In­no­va­tor, der Er­fin­der und schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rer, son­dern je­ner, der das Neue am bes­ten or­ga­ni­siert. Die Deut­schen ver­stan­den es im 19. Jahr­hun­dert bes­ser als die Bri­ten, die Tex­til­in­dus­trie zu or­ga­ni­sie­ren, selbst wenn sie we­nig zu de­ren ma­schi­nel­ler Tech­no­lo­gie bei­tru­gen.

Ein In­no­va­tor zeich­net sich vor al­len Din­gen durch die Kunst der Kom­bi­na­to­rik aus. In­no­va­tio­nen ent­ste­hen eben nicht nur durch Er­fin­dun­gen:

„Nur dann er­füllt er (der Un­ter­neh­mer) die we­sent­li­che Funk­tion ei­nes sol­chen, wenn er neue Kom­bi­na­tio­nen rea­li­siert, also vor al­lem, wenn er die Un­ter­neh­mung grün­det, aber auch, wenn er ih­ren Pro­duk­ti­ons­pro­zess än­dert, ihr neue Märkte er­schließt, in ei­nen di­rek­ten Kampf mit Kon­kur­ren­ten ein­tritt.“

In­no­va­ti­ves Un­ter­neh­mer­tum un­ter­schei­det sich da­bei deut­lich vom Rou­ti­ne­un­ter­neh­mer, der auf über­kom­me­nen Grund­la­gen ar­bei­tet und nie Neues schafft. Aus alt­be­kann­ten Tech­ni­ken wie W-LAN, MP3 und Be­we­gungs­sen­so­ren schuf Ap­ple neue Ge­räte mit Kult­fak­tor. Und auch das be­nut­zer­freund­li­che De­sign ist keine Krea­tion aus Cuper­tino. Der Steve Jobs-Konzern folgt kon­se­quent dem Less-and-More-Diktum des ge­nia­len In­dus­trie­de­si­gners Die­ter Ram, der in den 1960er und 1970er Jahre bahn­bre­chende Pro­dukte für die Braun AG schuf. Und was noch wich­ti­ger für die Er­folgs­story von Ap­ple ist: Jobs er­zeugte neue Märkte.

Der dy­na­mi­sche Un­ter­neh­mer ori­en­tiert sich nicht pri­mär an ge­ge­be­ner oder un­mit­tel­ba­rer Nach­frage des Kon­su­men­ten, son­dern „er nö­tigt seine Pro­dukte dem Markte auf“, so Schum­pe­ter. Das ist Steve Jobs be­kannt­lich mit Pro­duk­ten und Diens­ten für das mo­bile In­ter­net und für den Tablet-Markt ge­lun­gen.

Ge­ne­relle Vor­ge­hens­weise, die sich vor al­lem in sei­ner Bon­ner Zeit aus­prägte: His­to­ri­sches Ma­te­rial in ana­ly­ti­scher Weise zu nut­zen. Ge­nau die­ses Ver­fah­ren setzte er in den drei­ßi­ger Jah­ren ein bei der Ab­fas­sung sei­ner Theo­rie über die Kon­junk­tur­zy­klen. Der Leit­ge­danke der so­zia­len Klas­sen war prä­gend für sein Haupt­werk „Ka­pi­ta­lis­mus, So­zia­lis­mus und De­mo­kra­tie“,

Der An­ti­pode von Keynes

Wer die öko­no­mi­sche Welt dabei nur in Ag­gre­gat­zu­stän­den be­trach­tet, ver­liert die we­sent­li­chen Quel­len wirt­schaft­li­cher Krea­ti­vi­tät und tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lungs­sprünge aus dem Auge. Das ist das Manko von Pla­nungs­fe­ti­schis­ten und Ma­kro­öko­no­men. Sie un­ter­schät­zen die tief­grei­fende wirt­schaft­li­che und ge­sell­schaft­li­che Rolle von un­vor­her­seh­ba­ren In­no­va­tio­nen, die al­les durch­ein­an­der wür­feln und Tech­no­lo­gien so­wie Ge­schäfts­me­tho­den re­vo­lu­tio­nie­ren. “Mehr in­ves­tie­ren, we­ni­ger spa­ren” ist so eine der üb­li­chen For­de­run­gen aus der Trick­kiste je­ner Den­ker, die gerne den Wald be­trach­ten, sich aber we­nig um die Bäume sche­ren.

Wie Fi­nanz­in­di­ka­to­ren so­wie das ganze Börsen- und Schulden-Spektakel auf die Re­al­wirt­schaft durch­schla­gen, ist un­ge­wiss. Dar­auf machte Schum­pe­ter be­reits in den 1920er auf­merk­sam. Ma­kro­öko­no­men wür­den sich nur mit Ag­gre­ga­ten be­schäf­ti­gen, also mit der Ge­samt­summe der Mit­tel, die Volks­wirt­schaf­ten für den Kon­sum und für In­ves­ti­tio­nen auf­wen­den. Ein­zelne Un­ter­neh­mer, Fir­men, Bran­chen, Kon­su­men­ten, die Rolle von staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen und die Wir­kung von Ge­set­zen ver­schwin­den aus dem Blick­feld. Vor al­lem die Rolle von In­no­va­tio­nen werde her­un­ter­ge­spielt. Er wen­det ein, dass Keynes da­durch „das her­aus­ra­gende Merk­mal des Ka­pi­ta­lis­mus“ ab­tue, durch das so­wohl Tech­no­lo­gie als auch Ge­schäfts­me­tho­den „un­auf­hör­lich re­vo­lu­tio­niert wer­den“.

Eine in Schief­lage ge­ra­tene Volks­wirt­schaft sei nicht al­lein durch währungs- oder fis­kal­po­li­ti­sche Maß­nah­men zu reformieren. Die di­rekte Be­sei­ti­gung der wirt­schaft­li­chen Stö­run­gen sei ziel­füh­ren­der. Die wäh­rungs­po­li­ti­sche Sa­nie­rung solle den Ab­schluss, nicht den An­fang der wirt­schaft­li­chen Sa­nie­rung ei­ner Volks­wirt­schaft bil­den.

Was bleibt: Seine Er­kennt­nis, dass eine ex­akte Öko­no­mie nicht mög­lich ist. Auf­grund der un­end­lich vie­len Kom­bi­na­tio­nen von mög­li­chen Ein­flüs­sen auf das mensch­li­che Ver­hal­ten sind reale öko­no­mi­sche Si­tua­tio­nen nie­mals gleich. Es gibt zu viele Va­ria­blen, weil im­mer auch un­vor­her­sag­ba­res mensch­li­ches Ver­hal­ten eine Rolle spielt. Oder wie es Dou­glas North, No­bel­preis­trä­ger für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, aus­drückte:

„Der Preis der Prä­zi­sion (von theo­re­ti­schen Mo­del­len, gs) ist die Un­fä­hig­keit, Fra­gen des rea­len Le­bens zu be­han­deln.“

Schum­pe­ter pochte auf die Neu­tra­li­tät des Wis­sen­schaft­lers und lehnte po­li­ti­sches En­ga­ge­ment ab, Keynes hin­ge­gen war ein Meis­ter der Ver­ein­fa­chun­gen und der po­li­ti­schen Agi­ta­tion, wie man im Vor­wort der deut­schen Aus­gabe von “All­ge­meine Theo­rie der Be­schäf­ti­gung” nach­le­sen kann. Keynes schrieb diese Zei­len am 7. Sep­tem­ber 1936 (!):

“Kann ich deut­sche Öko­no­men über­zeu­gen, dass Me­tho­den for­mel­ler Ana­lyse ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur Aus­le­gung zeit­ge­nös­si­scher Er­eig­nisse und zur For­mung ei­ner zeit­ge­nös­si­schen Po­li­tik bil­den? Es lohnt sich si­cher­lich für mich, den Ver­such zu ma­chen”, schreibt der bri­ti­sche Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler.

Er räumt ein, dass vie­les in sei­nem Opus auf die Ver­hält­nisse in an­gel­säch­si­schen Län­dern er­läu­tert und dar­ge­legt wor­den ist.

“Trotz­dem kann die Theo­rie der Pro­duk­tion als Gan­zes, die den Zweck des fol­gen­den Bu­ches bil­det, viel leich­ter den Ver­hält­nis­sen ei­nes to­ta­len Staa­tes an­ge­passt wer­den als die Theo­rie der Er­zeu­gung und Ver­tei­lung ei­ner ge­ge­be­nen, un­ter den Be­din­gun­gen des freien Wett­be­wer­bes und ei­nes gro­ßen Ma­ßes von laissez-faire er­stell­ten Pro­duk­tion.”

Schum­pe­ter hat mehr zu bie­ten. Das sollte man vor al­lem in Bonn er­ken­nen. Die Schumpeter-Forschung fin­det lei­der wo­an­ders statt:

Die Schumpeter Vorlesungen in Bonn
Die Schumpeter Vorlesungen in Bonn

1986 grün­dete sich eine in­ter­na­tio­nale Schumpeter-Gesellschaft in Augs­burg. Ihr ge­hö­ren rund 400 Mit­glie­der aus über 30 Län­dern und min­des­tens ei­nem hal­ben Dut­zend wis­sen­schaft­li­cher Dis­zi­pli­nen an. Die Organisation tagt alle zwei Jahre, ver­öf­fent­licht die Sit­zungs­be­richte in Buch­form und ver­gibt den Preis für die beste Pu­bli­ka­tion in der Tra­di­tion Schum­pe­ters (könnte ich mich ja mal bewerben).

Nach Schum­pe­ters Tod rich­tete die wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Fa­kul­tät von Har­vard mit Mit­teln, die von Eli­sa­beth Schum­pe­ter und Freun­den ih­res Man­nes ge­stif­tet wurde, ei­nen Preis ein, der jähr­lich zu Schum­pe­ters Ge­den­ken an ei­nen her­aus­ra­gen­den Stu­die­ren­den ver­lie­hen wird. Seit Mitte der 90er Jahre fin­den an der Uni Graz ein­mal im Jahr die „Schumpeter-Lectures“ statt – eine Vor­le­sungs­reihe, die je­weils von ei­nem in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ten Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler ge­hal­ten wird.

Und was passiert in Bonn? Da gibt es eine Schumpeter-Allee und einen Schumpeter-Saal im Uni-Club. Etwas bescheiden für die lange Phase seines Wirkens als Hochschullehrer in der Beethoven-Stadt.

Für die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät ist das sogar ein beschämender Tatbestand.

Vom Fluch des Denkens in Aggregaten – Schumpeter und die Rolle von Innovationen für Volkswirtschaften

Meine leicht ironisch formulierte Reiseempfehlung an die politischen Entscheider in den krisengeschüttelten Euro-Ländern hat bei ein paar makroökonomisch beseelten Wirschaftsbloggern Reflexe ausgelöst, die dem ehrwürdigen Pawlow einige Freude bereitet hätte. Die Twitter-Disputation habe ich gestern dokumentiert.

Warum sollte eine Exkursion nach Cupertino in die Apple-Zentrale auch falsch sein? Mit meinem Sohn werde ich in der zweiten Juni-Woche ins Mekka der Informationstechnologie aufbrechen und einen kleinen Tagesausflug auf den Spuren von Steve Jobs machen – Berichte und Interviews darüber gibt es natürlich auch.

Reisen erweitern den Bildungshorizont. So könnten die gebeutelten und verzweifelten Euro-Politiker wieder Optimismus und Kraft tanken, wenn sie erfahren, wie man weltweit selbst in der schlimmsten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit Rekordgewinne erzielt und welche Rolle dabei Innovationen spielen. Und genau an dieser Sollbruchstelle arbeitete sich Joseph Schumpeter in seiner kritischen Würdigung des makroökonomischen Werkes von John Maynard Keynes ab. Das war also in meiner „platten und peinlichen“ Kolumne ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Makroklempner, ihre deduktive Brille abzusetzen und auch mal einen induktiven Blick zu wagen. Da Schumpeter im Gegensatz zu Keynes ein Eigenbrötler war, fehlten ihm prominente Promotoren, um seine Ansichten über Konjunkturzyklen zu verbreiten und der Allgemeinen Theorie von Keynes entgegenzusetzen. Schumpeter war das schlechtere PR-Talent.

Dabei sind seine Ausführungen zum „Fluch des Denkens in Aggregaten“ wichtiger und notwendiger denn je. Die Summe von Einzeleintscheidungen kann man im nachhinein höchst simpel im Brustton der Besserwisserei interpretieren. Das Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes dürfte bei den Makroklempnern wohl einen vorderen Platz auf der persönlichen Bestseller-Liste einnehmen. Da stürzt man sich mit Verve auf Monokausalitäten und Korrelationen, um der Öffentlichkeit die Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftsverlaufs zu erklären – belastbar sind diese Aussagen aber immer nur im Rückspiegel.

Geht es um die Zukunft, rangieren die Gewissheiten der VWL-Mechaniker auf dem Level von Kaffeesatz-Leserei. Das ist schlecht fürs Ego. Also muss man lautstark um sich schlagen, um die brüchigen ökonometrischen Analysen in irgendeiner Weise zu retten.

Ich könnte übrigens den Markoklempnern noch eine finanzwissenschaftliche Abhandlung aus meiner studentischen Feder ins Besserwisser-Biotop kippen: Dort ging ich in unendlichen Zahlen-Kolonnen der Frage nach, ob es eine optimale Staatsverschuldung für Staaten gibt. Das Dumme an meinen Empfehlungen ist nur, dass sich diese unberechenbare politische Klasse einen Teufel um meine Analysen schert und scheuklappenselig einfach nur an den nächsten Wahltermin denkt. Ist ja auch fatal, dass es den machiavellistischen Faktor in der Politik gibt. Lässt sich mathematisch nur schwer in Formeln gießen.

Das wird das Thema meiner nächsten The European-Montagskolumne sein. Ich verspreche den aggregierten Wirtschaftswunder-Denkern, dass ich ihre empfohlene Stellschrauben-Wenn-Dann-Ceteris-Paribus-Arithmetik ausführlich würdigen werde – also Spardiktat etwas lockern und zumindest eine „atmende Fiskalpolitik“ betreiben etc..

Umgekehrt wünsche ich mir, dass die VWL-Mechaniker sich mit der Frage auseinandersetzen, ob nicht Keynes und die Post-Keynesianer ein verzerrtes Bild des Wirtschaftslebens zeichnen. So wird die Rolle der Innovationen bei der Frage der Investitionszurückhaltung entweder völlig ausgeblendet oder heruntergespielt.

Schumpeter wendet ein, dass damit der Kern des wirtschaftlichen Wandels ignoriert wird. In Wahrheit werden Volkswirtschaften permanent durch Innovationen, Technologien und neuen Geschäftsmethoden umgepflügt und revolutioniert. Und häufig sind es Einzelpersönlichkeiten wie Steve Jobs oder der Generalpostmeister Heinrich von Stephan, die komplette Wirtschaftsbranchen ins Wanken bringen und neue Wirtschaftsbranchen entstehen lassen – wie die Telefonie-Expansion Ende des 19. Jahrhunderts. Wie dieser Wandel aussieht, kann auch in aggregierten Größen analysiert werden. Entsprechende Interviews, Meinungen, Studien und Recherchetipps sind hoch willkommen. Bis Freitagabend nehme ich das gerne auf. Heute gibt es noch eine Kolumne über die Zukunftsaussichten von Facebook – so gegen 15 Uhr auf Service Insiders.