Der Bund Deutscher Kriminalbeamten (BDK) hat der Bundesregierung ein 15-Punkte-Programm zum Kampf gegen Netzkriminalität vorgelegt. Darin schlägt der Verband unter anderem eine Ausweispflicht für das Internet vor. „Was wir brauchen, ist ein verlässlicher Identitätsnachweis im Netz. Wer das Internet für Käufe, Online-Überweisungen, andere Rechtsgeschäfte oder Behördengänge nutzen will, sollte sich zuvor bei einer staatlichen Stelle registrieren lassen müssen“, sagte BDK-Vorsitzender Klaus Jansen der Neuen Osnabrücker Zeitung.
Die schwarz-gelbe Bundesregierung müsse endlich „Verkehrsregeln“ für das Internet schaffen. Inzwischen stehe das Gewaltmonopol des Staates auf dem Spiel. Das Internet habe sich zum größten Tatort der Welt entwickelt, und die Bundesregierung verharre immer noch in der Zuschauerrolle.
Der BDK verlange klare „gesetzliche Befugnisse für offene und verdeckte Ermittlungen im Internet, speziell in Sozialen Netzen wie Facebook, SchülerVZ oder Twitter“. Die Polizei soll Trojaner, Viren und Schadprogramme von privaten Rechnern entfernen dürfen, die unbemerkt von Kriminellen gekapert worden seien. „Gegenwärtig gibt es hier eine riesige rechtliche Grauzone“, glaubt Jansen.
Jansen: „Attacken auf die digitale Infrastruktur des Landes können sich ähnlich verheerend auswirken wie atomare Angriffe.“ Deshalb bedürfe es eines „Reset-Knopfs für das Internet“, mit dem das Kanzleramt Deutschland im Ernstfall sofort vom Netz nehmen könne. Nur so lasse sich eine laufende Attacke schnell stoppen.
Vielleicht gibt es ja auch einen Reset-Knopf für Interviews, die gezielt Hysterie schüren. Der semantische Trick der Adepten des starken Staates ist immer gleich. Ob BKA oder jetzt der BDK – sie schüren Sicherheitsängste, um eine Mehrheit für schärfere Gesetze zu gewinnen.
Das funktioniert in Deutschland wie ein Uhrwerk – demoskopisch ist das in sehr gut erforscht. Je dramatischer die Sicherheitslage dargestellt wird, desto einfacher ist es möglich, unter Berufung auf die Sicherheit einen großen Teil der Bevölkerung von der Notwendigkeit massiver Eingriffe in die Freiheitsrechte des einzelnen zu überzeugen.
Auf die Allensbach-Frage „Einmal unabhängig davon, ob das tatsächlich verboten ist oder nicht: Was meinen Sie, was sollte der Staat in jedem Fall verbieten, wo muss der Staat die Menschen vor sich selbst schützen?“. Rund 60 bis 80 Prozent nennen eine ganze Latte an Verboten, die weiter gehen als derzeit vom Gesetzgeber gewünscht. Der Schlüssel für diese Meinungsmanipulation steckt in der Formulierung, dass viele Menschen vor sich selbst geschützt werden müssen. Selbst vom Grundgesetz garantierte elementare Grundrechte werden dann in Frage gestellt, sobald der Eindruck entsteht, dass ihre Einschränkung der Verwirklichung größerer Sicherheit dienen könnte. Genau diese Instinkte bedienen BKA und BDK.
„Der Reset-Knopf ist eine lächerliche Schnapsidee“, konterte Constanze Kurz vom Chaos Computer Club. Damit würden sowohl die Menschen vom Informationsfluss abgeschnitten als auch die Wirtschaft generell ausgeschaltet. Die Kriminalitätsstatistik zeige zudem, dass Straftaten im Internet deutlich häufiger aufgeklärt würden als in der nichtvirtuellen Welt. Es sei gefährlich, das Netz als Gefahrenraum zu hysterisieren.
Sommerloch: Das Wehklagen über die Informationsüberflutung und die Sehnsucht nach Zeiten im Offline-Modus haben mich am Wochenende demütig werden lassen. Ich kramte völlig unsystematisch in meiner Bibliothek und las ausschließlich analoge Medien. Wirtschaftswoche und Spiegel fordern uns auf, mal abzuschalten und über die Kunst des digitalen Müßiggangs zu sinnieren. Das werde ich in meiner neuen Kolumne „Digitaler Zettelkasten“ nun redlich tun. Auf Recherchen im Internet verzichte ich trotzdem nicht – meine Bibliothek ist sowieso täglicher Begleiter des Schaffens.
Tote Unterhosen:Auf dem Autorenblog Carta entwickelt sich zur Zeit eine köstliche Debatte über die Web-Untergangsthesen von Trendforscher Matthias Horx. Soziale Netzwerke wie Facebook seien „heute schon weit über ihren Hype hinaus“. In den USA könne man „massive Ausstiegswellen“ beobachten. Den Hauptgrund für den neuen „Offline-Trend“ sieht Horx in der „benutzerunfreundlichen Beschaffenheit des Internets“. Es sei „ein großer Irrtum, dass das Internet wahnsinnig schnell ist. In Wirklichkeit ist das Internet wahnsinnig langsam”. Und die Computer füllen dein Gehirn bloß mit Zahlen, „and that can’t be good for you.” Flinke, kluge & trendige Menschen gehen deshalb laut Horx „bewusst weg vom Internet und verweigern es.“ Denn – Achtung, jetzt kommt die brutalstmögliche Vertreibungs-Keule (so der Einschub des Carta-Autors Wolfgang Michal – “nur soziale Verlierer verbleiben im Sozialen Netzwerk – diejenigen, die nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich ständig gegenseitig die Unterhosen zu zeigen.” Die These „Das Internet ist out“ könnte nach Ansicht von Michal durchaus das Sommerloch füllen. Denn wenn in der kommenden Woche Tagebuch des angesehenen SZ-Reporters Alex Rühle erscheint – Titel: „Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline“ – werde es hymnische Besprechungen in Analog-Medien hageln (die möglicherweise übersehen, dass Rühles ausgewogenes Für und Wider mit dem klaren Ergebnis endet, dass es ohne Netz nicht mehr geht). In einer Welt am Sonntag-Besprechung des Rühle-Buches wird der Einschub von Michal bestätigt. Der Idee, „offline“ werde das Leben „zu einem langen, ruhigen Fluss“, kann er nichts abgewinnen“. Und demütig proklamiert Rühle: Die Schleuderbahn, wie es mit uns und dem Internet weitergeht, betritt er nicht. „Wer Prognosen über das Netz machen möchte, kann sich eigentlich nur blamieren“ (das sollte sich vielleicht Horx hinter die Ohren schreiben, gs). Das Resümee von Michal unterschreibe ich:
„Doch das Internet könnte tatsächlich aus der Mode kommen. Und das wäre ein echter Fortschritt. Denn wie so oft bei der Integration technischer Neuerungen ist das Aus-der-Mode-kommen ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Innovation im Alltag angekommen ist. Und darüber müssen ein paar Trendsetter halt die Nase rümpfen.“
Komplexität und die Suche nach erlösenden Gedanken: Den Carta-Debattenstrom über tote Unterhosen versuchte ich mit einem kleinen Ausschnitt aus meinem Ich sag mal-Beitrag „General Stumm, Schirrmacher und der Mann ohne Eigenschaften: Über das Problem der Kultur und Unendlichkeit“ zu beflügeln (Kommentar Nummer 79). Die Klagen über Komplexität, Informationsflut und Unübersichtlichkeit sind nicht wirklich neu. Sie erinnern ein wenig an die an die Hampelmänner in dem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil. Und hier besonders an General Stumm, der auf der Suche nach dem erlösenden Gedanken ist: „‘Du erinnerst Dich’, sagte er, ‘dass ich mir in den Kopf gesetzt habe, den erlösenden Gedanken, den Diotima sucht, ihr zu Füßen zu legen. Es gibt, wie sich zeigt, sehr viele bedeutende Gedanken, aber einer muss schließlich der bedeutendste sein; das ist doch nur logisch? Es handelt sich also bloß darum, Ordnung in sie zu bringen.’“ Wenig vertraut mit Gedanken und ihrer Handhabung, noch weniger mit der Technik, neue zu entwickeln, beschließt General Stumm, sich in die Hofbibliothek zu begeben, ein grundsätzlich idealer Ort, um sich mit ungewöhnlichen Gedanken auszustatten, wo er sich „über die Stärke des Gegners Klarheit zu verschaffen“ und auf eine möglichst organisierte Weise zu der originellen Idee zu gelangen hofft, nach der er sucht. Der Besuch in der Bibliothek versetzt den General allerdings in große Angst (lieber Herr Schirrmacher), da er mit einem Wissen konfrontiert wird, das ihm keinerlei Orientierung bietet und über das er nicht die vollständige Befehlsgewalt hat, die er als Militär oder Zeitungsherausgeber gewohnt ist:
„Wir sind den kolossalen Bücherschatz abgeschritten, und ich kann sagen, es hat mich weiter nicht erschüttert, diese Bücherreihen sind nicht schlimmer als eine Garnisonsparade. Nur habe ich nach einer Weile anfangen müssen, im Kopf zu rechnen, und das hatte ein unerwartetes Ergebnis. Siehst du, ich hatte mir vorher gedacht, wenn ich jeden Tag da ein Buch lese, so müsste das zwar sehr anstrengend sein, aber irgendwann müsste ich damit zu Ende kommen und dürfte dann eine gewisse Position im Geistesleben beanspruchen, selbst wenn ich das ein oder das andere auslasse. Aber was glaubst du, antwortet mir der Bibliothekar, wie unser Spaziergang kein Ende nimmt und ich ihn frage, wie viel Bände denn eigentlich diese verrückte Bibliothek enthält? Dreieinhalb Millionen Bände, antwortet er! Wir sind da, wie er das sagte, ungefähr beim siebenhunderttausendsten Buch gewesen, aber ich habe von dem Augenblick an ununterbrochen gerechnet (Google oder Wolfram Alpha könnten das in einer Nanosekunde ausspucken); ich will es dir ersparen, ich habe es im Ministerium noch einmal mit Bleistift und Papier nachgerechnet: Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen!“ Die Unendlichkeit der Lektüremöglichkeit ist also kein Problem der Internetzeit. Jeder Leser ist eben auch ein Nicht-Leser. Es ist das alte Problem von Kultur und Unendlichkeit, die auch mit Boole’scher Mathematik nicht in den Griff zu kriegen ist. Das wäre auch anmaßend.
Replik: Der Kommentator „Surfer“ reagierte auf meine Äußerung wie folgt (Kommentar Nummer 81): „@gsohn Der Unterschied von Onlinemedien und Blogs zu Bibliotheken ist der, dass sie fast nur Aktuelles enthalten. Danach kann man in der Angst, was Interessantes oder gar Wichtiges zu verpassen viel süchtiger werden als nach Büchern. Natürlich auch ‚selbst schuld‘. Ich würde außerdem vermuten, dass das Internet im Zuge der Digitalisierung längst im Begriff ist, sich auch die Bibliotheken quasi einzuverleiben und sie ebenso wie die Printperiodika an Informationsrelevanz bereits heute zunehmend zu verdrängen. Hinzu kommt der Unterschied der viel direkteren Verfügbarkeit von Informationen im Internet vom heimischen PC aus als von Büchern in Bibliotheken. Außerdem würde ich vermuten, dass es im Internet längst mehr Informationen gibt als in Bibliotheken (?). Das Internet schafft also zumindest in Zukunft eine viel größere Informationsmenge als Bibliotheken. Die Ordnung dieser Informationsmassen mutet im Vergleich zu den Systematischen Katalogen in Bibliotheken geradezu noch vorsintflutlich an. Noch was zum unterhosenartigen Format vieler Internetartikel in Onlinemedien und Blogs: Viele Onlinemedien, darunter leider auch gute und angesehene, machen eben einfach so ins Internet rein, ohne sich groß Gedanken ums Format und die Lesbarkeit zu machen. Ein Problem, das das Internet wohl leider in alle Zukunft wie kein anderes Medium begleiten wird, weil eben jeder ins Internet ‚reinmachen‘ kann“, schreibt „Surfer“.
Und Gerald Pechoc ergänzt (Kommentar Nummer 83) „@gsohn Dass jeder ins Internet ‚reinmachen‘ darf, das ist auch der große Unterschied zu Bibliotheken. Früher haben Mönche und Gelehrte Bücher geschrieben, später musste man zumindest einen Verlag überzeugen, dass die Arbeit auch gut genug ist. Da haben auch noch einige Menschen das Buch im Werdungsprozess in der Hand gehabt, und es gab genug Möglichkeiten ‚auszusteigen‘, und es war kein Buch geworden. Heute schreibe ich schnell ein paar Zeilen, jage sie durch den Konverter und sie stehen im ePUB – Format der geschätzten Internetwelt als voll professionell gestaltetes Medium zur Verfügung. Wie gut der Inhalt ist, welche Bedeutung er hat ist von außen nicht mehr zu erkennen. Und das ist das Problem, das in den nächsten Jahren noch stärker wird, nämlich wenn die Anzahl der eBooks signifikant größer als die Anzahl der relativ gesicherten Werke in unseren Bibliotheken ist.
Natürlich ist diese Betrachtungsweise ein wenig oberflächlich, aber die Tendenz ist schon die richtige. Ein weiteres Problem wird noch die Archivierung des im Internet vorhandenen Wissens. Denn ich muss ja auch über Zeitepochen hinweg darin recherchieren können, verstehen können, warum vor Jahren diese und jene Idee verfolgt wurde. Das geht nur, wenn das Internet endlich eine Geschichte bekommt“, meint Pechoc.
Kopisten: Mönche waren vor der Erfindung des Buchdrucks vor allen Dingen Kopisten und leisteten eine wichtige Arbeit für die klösterlichen Bibliotheken. Nur war doch der Literaturkanon höchst eingeschränkt. Das Buch der Bücher dominierte als Zentralgestirn die Auswahl und Lektüre aller anderen Schriften, „so dass sich die mittelalterliche Bibliothek der Herrschaft eines bibelgeleiteten Selektions- und Ordnungsschemas fügt. Die Bestände umfassen nur wenige Dutzend oder hundert Bände und befinden sich lediglich zur Kontrolle ihrer Vollständigkeit in Inventaren aufgelistet“, schreibt Markus Krajewski in seinem lesenswerten Werk „ZettelWirtschaft – Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek“ (erschienen beim vorzüglichen Kadmos Verlag, den ich nicht genug preisen kann!). Das Mittelalter las und schrieb wenig – kein Wunder, lieber Herr Pechoc, waren die meisten Menschen doch Analphabeten. Und wo die Neigung zu „verbotenen Büchern“ hinführen kann, ist dem Umberto Eco-Roman „Der Name der Rose“ zu entnehmen. Die Kloster-Bibliothek endete im Fegefeuer. Einige Kopisten mussten vorher ins Gras beißen. Die Kopisten-Arbeit des Mittelalters war zudem kein Zuckerschlecken. Die Schreiber des Mittelalters stöhnten über die schlechten Arbeitsbedingungen und kritzelten ihre Klagen an die Ränder der Bücher – wie ein gewisser „Florencio“ aus der Mitte des 13. Jahrhunderts: „Es ist eine Quälerei. Es raubt mir das Augenlicht, es krümmt mir den Rücken, es quetscht mir die Eingeweide und die Rippen, es bringt den Nieren Schmerzen und dem ganzen Körper Müdigkeit.“ Siehe auch: Alberto Manguel, Eine Geschichte des Lesens, S. 515.
Büchernarren: Verbreitet war im Spätmittelalter der Spott über den Bücherwurm, kurzsichtigen Leser und Literaturtrottel. Vergraben in Büchern wurde der bebrillte Leser zur Verkörperung des Narren, die Brille zum Zeichen intellektuellen Hochmuts. Einen Bestseller brachte 1494 Sebastian Brant mit dem Bändchen „Das Narrenschiff“ heraus. Gleich das erste Bild nach dem Titelblatt zeigt einen närrischen Gelehrten am Lesepult seines Studierzimmers, umgeben von Büchern. Er trägt eine Schlafmütze, im Nacken hängt die Narrenkappe, und mit der rechten Hand schwingt er den Staubwedel, um die Fliegen von den Büchern fernzuhalten. Das Brant-Opus schilderte den Bücherwahn. Im öffentlichen Diskurs kritisierte man die Ruhmsucht des Lesers und des Buchautors. Illustrierte Bücher und die Liebe zu Bildern wurden als „Kränkung der Weisheit“ gewertet. Narren seien auch jene Autoren, die schlechte Bücher schreiben ohne die Klassiker zu studieren, ohne Kenntnis der Orthographie, Grammatik und Rhetorik. Diese Büchernarren können der Verlockung nicht widerstehen, ihr krauses Geschreibsel neben die Werke der Großen zu stellen – ein Unterhosenphänomen im 15. Und 16. Jahrhundert – kurz nach der Erfindung des modernen Buchdrucks durch den Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg.
Druckerpresse: Erst mit der Erfindung des Buchdrucks ertönt das Lamento von der Bücherflut. Und erst durch die Explosion der Schriftmenge erhält die Bibliothek eine breite Aufmerksamkeit, die ihr im Mittelalter fehlte. Und erst unter diesen hochflutenden Bedingungen wird die Bibliothek selbst zum Problem. Es stellte sich die Frage, wie diese Massen zu verwalten seien und Übersicht hergestellt werden könne. Einen ersten Versuch, Ordnung ins Bücher-Dickicht zu bringen, wagte im 16. Jahrhundert Konrad Gessner. Er verfasste mit der „Bibliotheca universalis“ eine der ersten Bibliographien. Gessner listete über 10.000 (!) Werke auf und widmete sich einer inhaltlichen Erschließung der Bibliotheksbestände: „Das Material habe ich von überall her zusammengetragen: aus Katalogen von Druckern, deren ich nicht wenige aus verschiedenen Gegenden zusammengesucht habe; aus Verzeichnissen von Bibliotheken selbst, öffentlichen ebenso wie privaten, die ich in ganz Deutschland und Italien sorgfältig eingesehen habe, aus Briefen von Freunden, aus Berichten von Gelehrten und schließlich aus Schriftstellerkatalogen.“ Das von Gessner entwickelte Verfahren ist im Prinzip schon ein hybrider Zettelkasten in buchgebundener Form – eine analoge Suchmaschine. Verzettelungsverfahren waren damals eine echte Revolution und versprachen die Errettung aus dem Datenchaos. Als Hugo Blotius 1575 Leiter der Wiener Hofbibliothek wurde, schrieb er: „In welchem Zustand, du lieber Gott, haben wir sie im Juli des vergangenen Jahres angetroffen! Wie ungepflegt und wüst erschien alles – wie viel Schimmel und Fäulnis überall – wie viele Schäden von Motten und Bücherwürmern – wie war alles von Spinnennetzen überzogen!…Als dann endlich die Fenster geöffnet wurden, die monatelang geschlossen gewesen waren und nie auch nur einen Sonnenstrahl zur Beleuchtung der unglücklichen und langsam verkommenden Bücher durchgelassen hatten, was strömte da für ein Schwall von verpesteter Luft hinaus!“
Gottfried Wilhelm Leibniz bewies als Bibliothekar der berühmten Barockbibliothek Wolfenbüttel große Umsicht und Konsequenz bei der Durchführung der ihm anvertrauten Katalogisierungsprojekte – er war halt ein begnadetes Kombinatorik-Genie im Geiste des Computererfinders Raimundus Lullus, der 1275 die erste Denkmaschine entwickelte (kleine Aufgabe für Mallorca-Touristen. Es gibt eine klösterliche Ausstellung auf der Ferieninsel, die man sich nicht entgehen lassen sollte). 1716 stirbt Leibniz und die Wolfenbütteler Bibliothek verwahrlost. Die Kataloge werden nur nachlässig fortgeführt, es schwinden die Möglichkeiten, anhand der Bücherverzeichnisse einen Text aufzufinden. Generell ist es wohl ein schweres Los der Bibliothekare, über das Missmanagement ihrer Vorgänger zu klagen. Bisherige Anordnungen werden verworfen, um neue, oftmals vollständig abweichende zu etablieren. So äußert sich Erhart Kästner als neuer Direktor der Herzog August Bibliothek, der von 1950 bis 1968 die Geschicke in Wolfenbüttel leitete, über den Amtsvorgänger Wilhelm Herse: „Die Bibliothek sollte nichts kosten und Ruhe geben – was sie denn auch mit Eifer getan hat….Die Bibliothek vegetierte eben so hin. Sie machte keinerlei Anstrengung, sich auszuzeichnen, vermehrte sich kaum, hatte keinerlei Interesse, eine Rolle zu spielen; sie schonte sich eben.“ Die Bestandlücken waren beträchtlich. In Kästners erstes Dienstjahr fällt die Anschaffung des aktuellen Brockhaus-Lexikons und unentbehrlicher Hand- und Wörterbücher aus allen historischen Wissenschaften. Seinen Beschaffungsetat hätte Kästner nach heutigen Maßstäben wahrscheinlich auf andere kostbare Erstausgaben ausgerichtet. Interessant sind die ersten Gehversuche von Leibniz in Wolfenbüttel. Er erwandert die Werke ohne Katalog. Auf ausgedehnten Spaziergängen und zufälligen Bahnungen durch die Säle und Kabinette der Bibliothek findet er vergessene und unvermutete Bücher. Er entdeckt mit dem Zufallsverfahren im unüberschaubaren Fundus jene außergewöhnlichen Schriften, um deren Aushebung ihn die Fachwelt noch heute lobt. Ohne ein helfendes Register, ohne extra erstellte Übersichten zur Hand zu nehmen geraten seine Funde zum Produkt eines zufallsgesteuerten Zugriffs. Die Büchersammlung ist auch ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Und selbst die Jagd nach Büchern wirkt anregend und erweitert den Horizont. So durchwandern die Schriftsteller Nooteboom und Eco die verborgenen Schatzkammern von Amsterdam, darunter Antiquariate, die sich auf Okkultismus, Alchimie und Gnosis spezialisiert haben. „Wir gingen zuerst in das Antiquariat, in dem ich früher am meisten gekauft hatte. Es gehört Nico Israel und ist auf Kartographie, Manuskripte und Naturwissenschaften spezialisiert; sein Bruder Max, den Eco bereits aus eigenem Forscherdrang entdeckt hatte, führt Wissenschaft, Medizin und Kunst. Dieser Nachmittag ist für mich eine kostbare Erinnerung geblieben, zum einen, weil ich nach so langer Zeit wieder diese heiligen Hallen besuchte, und dann, weil Eco, unermüdlich, ständig zum Lachen bereit, mit seiner Stentorstimme und seinem starken italienischen Akzent stets den Kern der Sache traf“, so die Abhandlung von Nooteboom „In Ecos Labyrinth“, erschienen in „Nootebooms Hotel“, Suhrkamp Taschenbuch. Ausführlich dargestellt in meinem Beitrag: Tagebuch der Bibliophilie.
Netznavigator: Ob nun eine Vorauswahl in Bibliotheken getroffen und Bestände ordentlich katalogisiert werden oder nicht, für Gottfried Herder stellt sich im 18. Jahrhundert die Frage, wie man eine ganze Bibliothek und das gesamte Weltwissen lesen kann. Zum Zeitpunkt seiner Abreise aus Riga zu einer langen Seefahrt ist Herder gerade einmal 24 Jahre alt. „Er beklagt sein Gelehrtenschicksal und sieht sich geradezu ertränkt von Büchern. Er sei ‚ein Wörterbuch von Künsten und Wissenschaften‘. Herder beschreibt sich als trockener Gelehrter, als ein totes, künstliches System von Wissensbeständen. Er selbst sei ‚ein Tinenfaß von gelehrter Schriftstellerei. Mit 24 ist Herder so angefüllt von Wissen, dass er dieses als Ballast beklagt“, so Matthias Bickenbach und Harun Maye in ihrer Abhandlung „Metapher Internet – Literarische Bildung und Surfen“, natürlich wieder im Kadmos Verlag erschienen! Was Herder mit seinem privaten Archiv erlebe, ist im Kleinen das, was im Fall des gelehrten Wissens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum generellen Problem wird: Der Buchmarkt als Massenmarkt. Die Bibliotheka universalis von Gessner sei zwar komplex und umfangreich, eine Kombination und Quervernetzung von Sachgebieten werde nicht ermöglicht. Eine Suche, die nicht bereits weiß, in welches Gebiet der akademischen Klassifikation das Gesuchte gehöre, hat keine Aussicht auf Erfolg. Die Unzulänglichkeit der Kataloge ist ein Bibliotheksproblem. Das Auffinden der Bücher war weitgehend auf den Gesamtüberblick des Bibliothekars, auf sein persönliches Gedächtnis angewiesen. Es gab weder eine Lösung, um Neueingänge schnell eingliedern zu können, noch wusste man, wie Misch- und Sammelbände zu klassifizieren oder wie Zeitschriftenbeiträge bibliographisch festzuhalten waren. „Deutlich wird, dass eine Bibliothek zu stark auf die Ordnung des Wissens Einfluss nimmt, Innovationen erschwert oder unmöglich macht“, führen Bickenbach und Maye aus.
Herder entwickelt in seinem Reisejournal die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es sei ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der so genannten „percursio“- im Durchlauf – darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Die Sylvae wird definiert als Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus.
Herder befreit sich aus der Flut der Bücher. Er konnte nur noch zählen, registrieren, auflisten, was es alles gibt und was noch möglich wäre. Seine Seereise ist der Aufbruch für eine Abweichung. Seine Lektüre ist nicht mehr festgelegt auf einen ursprünglichen oder autoritätsfixierten Wortlaut. Herders Suchläufe kennen keinen Abschluss. Das Universalarchiv ist uneinholbar. Eine beständige Lektüre der Menschheitsschriften ist unmöglich. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Es reicht nur zu Verweisen und Fundorten. Entscheidend ist die Zirkulation der Daten, der Datenstrom, der keinen Anfang und kein Ende hat, der neue Routen und Entdeckungen zulässt. Kanonische Wissensbestände müssen durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden. Herder als Netznavigator könnte uns helfen in der Informationsflut.
Zettelwirtschaft: Neben der kursorischen Lektüretechnik von Herder eignet sich auch das legendäre Zettelkastensystem des 1998 verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann. Die Produktivität des 1998 verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann stammte aus seinem legendären Zettelkasten. Zur technischen Ausstattung des Zettelkastens gehören hölzerne Kästen mit nach vorne ausziehbaren Fächern und Zettel im Oktav-Format. Alle Zettel haben eine feste Nummer – es gibt keine systematische Gliederung, der Zettelkasten ist also nicht systematisch geordnet. „Es gibt also keine Linearität, sondern ein spinnenförmiges System, das überall ansetzen kann. In der Entscheidung, was sich an welcher Stelle in den Zettelkasten hineintue, kann damit viel Belieben herrschen, sofern ich nur die anderen Möglichkeiten durch Verweisung verknüpfe“, sagte Luhmann. Seine Ideen ergaben sich aus den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der Zettel zu den einzelnen Begriffen. „Insofern arbeite ich wie ein Computer, der ja auch in dem Sinne kreativ sein kann, dass er durch neue Kombination eingegebener Daten neue Ergebnisse produziert, die so nicht voraussehbar waren“, so Luhmann. Elektronische Zettelkästen adaptieren mittlerweile das Sammelsystem von Niklas Luhmann.
Informationen sammeln, analysieren und mit anderen teilen sei das Hauptproblem für kreative Menschen, sagt Mark Bernstein. Er ist Entwickler des Programms „Tinderbox“ (Pulverfaß). In der Welt der Tinderbox mische sich alles. Blitzschnell formten sich neue Ansichten. „Da gibt es unbegrenzte weiße Landkarten, auf denen die buntetikettierten Kästen herumgeschoben und verknüpft werden können. Sie verschwinden ineinander, und so kann jeder Kasten eine neue und im Zweifelsfall erst einmal unordentliche Welt enthalten. Will der Benutzer Ordnung schaffen, legt er kleine ‚Agenten’ an. Die durchforsten unermüdlich das persönliche Netz und sortieren die Karten nach zeitlicher Reihenfolge, nach Farbe oder nach hundert anderen Eigenschaften“, schreibt die FAZ.
Näher am Ordnungskosmos von Luhmann ist das Programm „synapsen“. Entwickelt hat es der von mir schon erwähnte Wissenschaftler Markus Krajewski. Er verschlagwortet seine Gedanken elektronisch, 30.000 Verknüpfungen verbinden sie inzwischen miteinander. Über die sture Verwaltung von bibliographischen Daten hinaus bietet die Software eine Informations-Architektur, die dem Zettelkasten in spezifischer Weise selbst die Rolle eines Autors zuschreibt. Jeder Datensatz, der die bibliographischen Daten eines Textes ebenso erfasst wie einen mitunter sehr umfangreichen Lektürebericht, wird durch eine Liste von Schlagworten charakterisiert. Sie sind vom Anwender bei der jeweiligen Eingabe zu vergeben. Anhand umfangreicher interner Vergleiche fügt synapsen daraufhin eine Liste der Datensätze/Zettel an, die ebenfalls mit diesen Schlagworten belegt sind. „Jeder Zettel schreibt sich damit automatisch in ein Netzwerk des persönlichen Wissens ein, das der Benutzer auf leichte Weise per hypertextuellem Mausklick verfolgen kann. Der Zettelkasten liefert auf diese Weise überraschende Verbindungen und assoziiert neue Argumentationslinien über Begriffe und die dazugehörigen Texte, die vom Benutzer unter Umständen gar nicht gesehen, geahnt oder vergessen wurden. Der Zettelkasten gerät somit regelrecht zum Kommunikationspartner und kreativen Stichwortgeber“, so Krajewski. Literaturtipp für Geschädigte der Informaitonsflut: Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann?, Kadmos Verlag, Berlin 2004; Markus Krajewski, ZettelWirtschaft. Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek, hg. von Dirk Baecker, Kadmos Verlag, Berlin, 2002.
Die Definition von Altpapier bekommt bei der heutigen Lektüre der „Welt Kompakt“ eine ganz neue Bedeutung. Überrascht uns doch das Springer-Blatt mit einer Story von Benjamin von Stuckrad-Barre. Er „mag im Urlaub die Nachrichten von gestern, deshalb liest er Zeitung.“ So überraschend ist die Erkenntnis nun allerdings doch nicht. Denn Zeitungen sind per se „Gestern-Medien“ – anders geht es wegen der technischen Abläufe nicht. Es sei denn, die Verlage entschließen sich, wieder Abendzeitungen auf den Markt zu schmeißen – wäre eigentlich eine ganz gute Überlegung. Die Kopisten der „Welt Kompakt“ haben allerdings einen kleinen Fehler in die Stuckrad-Barre-Story eingebaut. Sie hätten das Stück in ihrem Mutterblatt vom Samstag besser lesen sollen. Dort heißt es korrekter: „Wer in der Zeitung von heute die Neuigkeiten von vorgestern liest, der ist im Urlaub – Benjamin von Stuckrad-Barre über seinen letzten Sommer ohne iPad“.
Ansonsten ist das Stück natürlich wieder höchst amüsant geschrieben und ich möchte die Vorfreude nicht schmälern. Blöd ist nur, dass die „Welt Kompakt“ das Plädoyer für die Unschuld des Spätinformierten arg gekürzt hat. Das ist halt jetzt nicht mehr zu ändern. Wer zu spät Printmedien kauft, wird nur halb informiert. Wer wissen will, was vorgestern in der Zeitung stand, darf halt keine Gestern-Zeitungen erwerben. Vielleicht gibt es noch Chancen beim Fischverkäufer, der ja ein Herz für Altpapier haben soll.
Für Stuckrad-Barre hoffe ich, dass es zumindest ein doppeltes Honorar gab.
Kürzlich versuchte noch der Bundesinnenminister mit seinen netzpolitischen Thesen ein wenig den Softie zu spielen, um nicht eine neue Zensursula-Empörungswelle loszutreten, da präsentieren „wie aus heiterem Himmel“ seine BKAler eine Studie, die die Unzufriedenheit der Kriminalisten bei der Bekämpfung der Kinderpornografie dokumentiert. Einschlägige Seiten „bleiben trotz aller Löschungsbemühungen eine zu lange Zeit abrufbar“, zitiert die Tageszeitung „Die Welt“ aus einer Studie der Wiesbadener Polizeibehörde für das erste Halbjahr 2010. 40 Prozent der Webangebote, die Bilder sexuellen Kindesmissbrauchs zeigen, sind demnach eine Woche nach einem Hinweis der deutschen Ermittler noch abrufbar. Bis zum Verschwinden der Webseiten gibt es laut dem Bericht „immense Zugriffszahlen“, was zu „einer Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ führe. Das BKA plädiert deshalb für das Sperren der Angebote bis zu ihrer Löschung. Ich hatte doch gleich gesagt, dass man eine Arbeitsteilung zwischen Bundesregierung, Sicherheitsbehörden und EU vorgespielt bekommt. Der eine spielt das Unschuldslamm und die anderen bieten die Steilvorlagen. Beispielsweise für den CDU-Politiker Wolfgang Bosbach. Seines Zeichens Vorsitzender des Innenausschusses im Bundestag. Die Behörde habe durch die Praxis nachgewiesen, dass das Entfernen der inkriminierten Angebote in einem viel zu geringem Umfang möglich sei. Wenn man aber nicht löschen könne, müsse man wenigstens „den Zugang durch Internetsperren erschweren“, so Bosbach. Dafür plädiere die Union „energisch“. Innenminister Thomas de Maizière wird es sich in den nächsten Tagen nicht nehmen lassen, seinem Parteikollegen für dieses resolute Plädoyer zu danken und alles zu tun, um rechtsfreie Räume im Internet zu bekämpfen. Was er zum Pornoverbot der Berliner JUnionisten sagen wird, vermag ich nicht zu beurteilen. Die sind vielleicht noch zu sehr mit ihren Mitessern beschäftigt und bewältigen die Traumata ihrer schulischen Einsamkeit. Es hilft nichts, Jungs, auch im Berliner Abgeordnetenhaus wird es für Euch einsam bleiben.
Was beim BKA los ist, kann man sich schon ausmalen. Statt Beamtenmikado zu spielen und sich an der neuesten Überwachungstechnologie zu ergötzen, sollten sie vielleicht mal anfangen, die Ursachen der Kinderpornografie zu bekämpfen und endlich kriminalistisch richtig zu ermitteln. Es reicht halt nicht aus, liebe BKA-Bubis, technisches Hightech-Spielzeug zu kaufen. Verlangt nicht nach Netzsperren, sondern löst die Sperren in Euren Gehirnen!
Insgesamt nerven die immer häufiger auftretenden Initiativen von Politikern und Behörden, im Internet den starken Super-Nanny-Staat zu etablieren. Egal, um welche Frage es geht.
Immer mehr versuchen politische Meinungsführer den Staat als treusorgenden Hirten (Norbert Bolz-Formulierung in seinem Buch „Die ungeliebte Freiheit“) zu verkaufen. Wie der absolute Vater einmal die Menschen von der Bürde der Freiheit entlastete und damit das Urmodell paternalistischer Sicherheit bot. Die Adepten des Schnüffelstaates, des Schutzes und der totalen Fürsorge bedienen sich aus der semantischen Trickkiste von Thomas Hobbes: Der Mensch ist per se böse und gefährlich. Und Gefährlichkeit impliziert Herrschaftsbedürftigkeit. Freiheit kann es nicht ohne Risiko geben, stellte Max Weber treffend fest. Wer Freiheit vom Risiko verspricht, betreibt einen Kult der Sicherheit. Doch wer frei von Risiko leben will, gewinnt keine Sicherheit (dazu ist die Beamten-Mikado-Fraktion gar nicht in der Lage), sondern opfert seine Freiheit. Hier lohnt wieder die Lektüre des Anarchisten Max Stirner (Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“). Der Staat bestellt Gutmenschen (und Jungfunktionäre mit Pickelface) als Zensoren, die mit größtem Wohlwollen Einfluss auf uns ausüben.
Der Ort der Freiheit liegt dort, wo uns der Leviathan nicht findet: im Chaos, in der Unübersichtlichkeit. Das wird der Hauptgrund sein, warum die fröhliche Web-Anarchie die Sicherheitsfetischisten auf den Plan ruft. Kontrollverlust. Herrliche Zeiten für Freigeister. „Ein intelligenter Mensch überlegt sich die Sache selber und läuft nicht wie ein herrenloser Hund hinter Autoritäten her“, so Paul Feyerabend.
Jutta Gelbrich, Vorstand der Verbraucherzentrale Hessen und der hessische Verbraucherschutzstaatssekretär Mark Weinmeister haben Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner aufgefordert, sich für schärfere Regelungen im Kampf gegen unerlaubte Telefonwerbung einzusetzen. Die bisherigen gesetzlichen Vorschriftenreichten nicht aus, um Verbraucher wirksam vor unerlaubter Telefonwerbung zu schützen und den Abschluss von ungewollten Verträgen zu verhindern, erklärten Gelbrich und Weinmeister in Frankfurt. Soweit so gut. Das deckt sich ja mit den Analysen der Bundesnetzagentur.
Interessant sind die Zwischenergebnisse einer von den Verbraucherzentralen bundesweit durchgeführten Umfrage. Mit den Mitteln der Demoskopie will man die Wirksamkeit der im August 2009 in Kraft getretenen Rechtsvorschriften zur Bekämpfung unerlaubter
Telefonwerbung überprüfen. Wie ich bereits mehrfach dargelegt habe, müssen Firmen, die Werbeanrufe ohne ausdrückliche Einwilligung
der Verbraucher tätigen, mit Bußgeldern bis zu einer Höhe von 50.000 Euro rechnen. Zudem ist es Werbung treibenden Unternehmen seither nicht gestattet, ihre Rufnummern zu unterdrücken. Firmen, die das nicht beachten, müssen mit Bußgeldern in Höhe von bis zu 10.000 Euro rechnen. Trotz dieser Regelungen erhält die Verbraucherzentrale Hessen nach eigenen Angaben weiterhin zahlreiche Beschwerden,
in denen sich Verbraucher über die verbotenen Telefonanrufe beklagen.
Von 1.830 befragten Verbrauchern aus Hessen haben 95,8 Prozent der Befragten vorab keine Zustimmung zu einem Werbeanruf erteilt. 47,5 Prozent wurde beim Anruf ein Vertrag untergeschoben. 24,3 Prozent der Angerufenen sollten eine kostenpflichtige Nummer zurückrufen. Bei den meisten Anrufen, die die Hessen erhielten, drehte es sich laut Gelbrich um Werbung für Gewinnspiele und Lotteriedienstleistungen (69%).16,3% der hessischen Teilnehmer erhielten einen Anruf von Energieversorgern, Telefon- und Internetdienstleistern, einem Zeitschriftenvertrieb oder einem Dienstleister für Bank und Finanzprodukte. „Ganz offensichtlich haben die gesetzlichen Neuregelungen nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Es kann nicht sein, dass Verbraucher trotz eines gesetzlichen Verbotes Werbeanrufe erhalten und sich hinterher gegen untergeschobene Verträge zur Wehr setzen müssen. Verbotene Telefonwerbung darf sich nicht länger lohnen“, erklärte
„Der Verbraucher muss vor diesen Praktiken wirksam geschützt werden“, sagte Weinmeister. Gemeinsam mit Gelbrich forderte er, dass solcherart am Telefon geschlossene Verträge von Verbrauchern schriftlich bestätigt werden müssen. Die Hessische Landesregierung habe sich laut Weinmeister bereits im Jahr 2008 im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens für die schriftliche Bestätigungslösung ausgesprochen. Der Bundestag sei seinerzeit aber nicht gefolgt. Weinmeister forderte zudem höhere Bußgeldstrafen für die Unternehmen.
„Die derzeitige Höchstgrenze von 50.000 Euro ist zu niedrig, um unerlaubte Telefonanrufe wirksam zu unterbinden. Unternehmen lassen sich davon nicht abschrecken, ihre betrügerischen Methoden fortzusetzen“, sagte Weinmeister. Hier müssten höhere Sanktionen angedroht werden. „Auch wir fordern höhere Bußgelder, vor allem für Werbeanrufe aus Anrufautomaten und über predictive dialer“, stimmt Gelbrich zu. „Aber wir wissen, dass dies allein immer noch nicht ausreicht, um schwarze Schafen wirksam abzuwehren. Der Aufwand, solche Anrufe zu dokumentieren und zur Rechtsverfolgung weiterzugeben, ist vielen Verbrauchern viel zu hoch“, bekräftigte Gelbrich die langjährige Forderung der Verbraucherzentralen nach einer gesetzlichen Regelung zur Unwirksamkeit von Verträgen bei unerlaubter Telefonwerbung.
In Hessen kapriziert man sich nun auf zwei Forderungen. Höhere Bußgelder und eine schriftliche Bestätigung von telefonisch abgeschlossenen Kaufverträgen. Reicht das aus, um den Call Center-Terror zu beenden?
Die Spam-Wellen mit der Aufforderung zum teuren Rückruf über 0900er-Nummern sind laut Bundesnetzagentur schwer in den Griff zu bekommen. Eine Strafverfolgung, aber auch die Vollstreckung von Geldbußen, scheitere häufig schon daran, dass die Hintermänner im Ausland sitzen und für deutsche Behörden kaum erreichbar seien. Häufig werden die Rufnummern auch über Briefkastenfirmen angemeldet, um die Identität zu verschleiern. Da können die Bußgelder auch auf 100 Millionen Euro erhöht werden – es scheitert an der Vollzugspraxis, liebe Verbraucherschützer.
Bleibt als Reförmchen die schriftliche Bestätigung übrig. Das würde die Drückerkolonnen sicherlich in ihrem Aktionismus bremsen. Aber wie steht es mit der generellen Möglichkeit (im BGB geregelt), mündlich Verträge abzuschließen? Das ist für mich als Verbraucher doch von Vorteil, wenn ich weiß, was ich bestellen will. Warum macht man es nicht so, wie es der Call Center-Experte Jens Klemann von Strateco vorgeschlagen hat – Umkehrung der Beweislast und Aufzeichnungspflicht für Call Center: Läge die Beweislast im Falle einer Anzeige durch den Verbraucher beispielsweise beim Call Center selbst, würden alle seriösen Anbieter von sich aus gerne eine umfassende Qualitätssicherung und Dokumentation mit Anrufaufzeichnung einführen.
Dann noch eine Frage an die Verbraucherschützer. Nach der Umfrage handelt sich bei rund sieben von zehn nervigen Call Center-Anrufen um Gewinnspiele und Lotteriedienstleistungen. Bei Lotterien handelt es sich in Deutschland doch um staatliche Anbieter – es gibt so etwas wie den Glücksspielstaatsvertrag. Haben sich die Verbraucherschützer mal mit den Auftraggebern der Call Center-Drückerkolonnen beschäftigt? Dann sollte der Staat erklären, wie dieser Call Center-Terror im staatlichen Auftrag zu werten ist.
Ich hasse normalerweise Krisen-Propheten, die mit ihren permanenten Kassandra-Rufen irgendwann einmal recht bekommen, wenn es zu einem Crash kommt. Diese Orakel-Manie verfährt nach dem Motto: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist“.
Bei meiner pessimistischen Prognose zur Bekämpfung von unseriösen Call Center-Anbietern werde ich allerdings von der Realität geradezu überrollt – was ich sehr bedaure. Vor gut drei Jahren berichtete ich über die Empörung des damaligen Verbraucherschutzministers Horst Seehofer über Hotline-Terror, lange Warteschleifen und inkompetente Call Center-Agenten. Seehofer wollte diesen Abzocke-Sumpf trocken legen. Telefonischen Drückerkolonnen, teuren Warteschleifen und Kaltanrufen sollte es an den Kragen gehen. Da die Call Center-Branche zur Selbstreinigung nicht in der Lage war und immer mit denselben rhetorischen Verniedlichungsfloskeln („es handelt sich doch nur um Schwarze Schafe….“) reagierte, brachte die Bundesregierung Gesetzesregelungen auf den Weg, um die Verbraucher vom Joch des nervigen Call Center-Terrors zu befreien.
Obwohl die Gesetzespläne im Sommer 2007 noch gar nicht vorlagen, fragte ich den parlamentarischen Staatssekretär Dr. Gerd Müller, ob er nicht davon ausgehen müsste, dass schärfere Gesetze und Bußgelder dazu führen würden, Call Center-Unternehmen ins Ausland zu treiben, um sich dem Zugriff der deutschen Justiz zu entziehen. Seine Antwort: „Nein. Beim Kundenservice haben die Unternehmen selbst ein großes Interesse daran, diesen nicht ins Ausland zu verlagern, da der Kundendialog in chinesischer Sprache kaum möglich sein dürfte. Im Übrigen wäre der Anruf bei im Ausland ansässigen Call Centern auch erheblich teurer, was bei der Service-Hotline auch anzugeben wäre.“ Im Übrigen sei der Raum nicht „rechtsfrei“. „Der ungebetene Anruf ist auch aus dem Ausland ungesetzlich.“
Als die Gesetzespläne dann konkret auf dem Tisch lagen, schrieb ich einen Artikel mit der Überschrift: „Tante Erna, Sherlock Holmes und die dilettantischen Regeln gegen unerlaubte Telefonwerbung – Call Center-Gauner ändern ihre ‚Geschäftsmodelle‘“.
Kleiner Auszug aus dem Artikel, der am 7. Juli 2009 erschien:
Die Branchengauner zwinge man mit der Gesetzesnovelle nicht in die Knie, prognostiziert Call Center-Fachmann Jens Klemann: „Die werden ihr ‚Geschäftsmodell‘ so abändern, dass sie entweder Abmahnungen und Strafen einkalkulieren oder ihren Geschäftssitz und Firmenstruktur so aufsetzen, das man ihnen nicht an die Wäsche kann“, befürchtet Klemann, Geschäftsführer von Strateco und Sprecher des Nürnberger Fachkongresses Voice Days plus. Die härtere Gangart bei der Rufnummernunterdrückung werde den Firmenchefs mit krimineller Energie nur ein müdes Lächeln entlocken. „Es ist aus technischer Sicht ein leichtes – und obendrein schon jetzt gängige Praxis unseriöser Firmen – eine andere Rufnummer als die eigene zu übermitteln. Läge die Beweislast im Falle einer Anzeige durch den Verbraucher beispielsweise beim Call Center selbst, würden alle seriösen Anbieter von sich aus gerne eine umfassende Qualitätssicherung und Dokumentation mit Anrufaufzeichnung einführen“, sagt Klemann. Ins Leere gehe auch das Verbot unerlaubter Telefonwerbung für Anrufe, die aus dem Ausland kommen. Im Wettbewerbsrecht gelte zwar das Marktortprinzip. Es besagt, dass immer das Recht des Landes Anwendung findet, an dessen Markt die Leistung bestimmungsgemäß angeboten wird. „Da bekommt der Geschäftsführer einer verschachtelten Konstruktion von verschiedenen Limited-Gesellschaften, die über mehrere Länder verteilt ist, schon heute einen Lachanfall“, resümiert Klemann.
Wie diese Spam-Wellen ablaufen, kann man auf Seite 5 der Netzagentur-Publikation aktuell nachlesen: aktuell2010_02pdf
„Sobald die Fälle bekanntwerden, reagiert die Netzagentur oft noch am selben Tag. Die Nummern werden abgeschaltet und Inkassoverbote verhängt, so dass die Gespräche nicht mehr abgerechnet werden dürfen. Trotzdem scheint es sich zu lohnen, weil vor der Abschaltung offenbar regelmäßig genügend Verbraucher auf die Masche hereinfallen“, schreibt Bünder.
Die Häufung der Betrügereien lasse jedenfalls darauf schließen, dass das „Geschäftsmodell für die Hintermänner lukrativ sein dürfte“, vermutet die Netzagentur. Gerade die jüngsten Wellen zeigten, dass die Betrüger „mit erheblicher krimineller Energie“ und im großen Stil zu Werke gingen. Eine Strafverfolgung müssten sie trotzdem bisher kaum befürchten. „Die Netzagentur wirft der Staatsanwaltschaft und der Polizei vor, das Ausmaß völlig zu unterschätzen. Sogar wenn der Anfangsverdacht des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs oder einer anderen Straftat bestehe, würden Verfahren vorschnell eingestellt oder wieder an die Netzagentur abgegeben. So auch bei den großen Betrugswellen in diesem Jahr – mit Begründungen, die die Netzagentur ‚in keinem Fall‘ nachvollziehen kann“, so die FAZ.
Eine Strafverfolgung, aber auch die Vollstreckung von Geldbußen, scheitere häufig schon daran, dass die Hintermänner im Ausland sitzen und für deutsche Behörden kaum erreichbar seien. Häufig werden die Rufnummern auch über Briefkastenfirmen angemeldet, um die Identität zu verschleiern (siehe auch meinen Artikel „Tante Erna….)
Auch bei der Bekämpfung von Kaltanrufen kommt die Bundesnetzagentur nicht voran. Selbst die Androhung hoher Bußgelder von bis zu 500.000 Euro würde kaum fruchten. Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes melden sich zwar immer mehr Verbraucher bei der Netzagentur, nur in den wenigsten Fällen könnte auch ein Bußgeld verhängt werden. Und warum klappt es mit dem Rechtsvollzug nicht? Wenn Call Center ihre Telefonnummer unterdrücken oder mit fingierten Nummer anrufen, sei eine Verfolgung schwierig. Tja, was schrieb ich im vergangenen Jahr (sorry, will hier nicht als Schlaumeier gelten)?
Die Umsetzung der Rechtsvorschriften wird im Alltag sehr schnell an seine Grenzen stoßen. Wie soll sich denn Tante Erna wehren, wenn sie mit unerlaubter Telefonwerbung belästigt wird und durch die Rufnummernunterdrückung keine Chance hat, den Anrufer zu identifizieren. Die Vorstellung des Justizministeriums, dass die mit einem Notizblock bewaffnete Tante Erna nach Manier von Sherlock Holmes den unerbetenen Call Center-Agenten in ein Gespräch verwickelt und je nach taktischer Vorgehensweise aus ihm herauspresst, wie sein vollständiger Name lautet und in wessen Auftrag er anruft, ist eine amüsante Vorstellung. Wahrscheinlich wird das BMJ nach dieser Empfehlung bundesweite Seminare für die Bürger anbieten: „Wie lüfte ich in fünf Minuten die Identität eines Call-Center-Agenten“. Wer es noch schafft, sich den Gewerberegisterauszug der Schwarzen Schafe faxen zu lassen, erhält ein Dankesschreiben der Bundesjustizministerin.
Was haben nun die Muskelspiele des Verbraucherschutzministeriums gebracht, Frau Aigner? Außer großen Sprüchen und Placebo-Gesetzen ist nichts rausgekommen. Statt sich auf populistische Bashing-Aktionen gegen Facebook, Google oder Apple so konzentrieren, sollte die Bundesregierung die wirklich relevanten Themen für Verbraucher handwerklich richtig umsetzen.
Für die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hätte ich da noch einen guten Tipp: Sie sollte sich nicht nur das Opus „Gewissenbisse. Ethische Probleme der Informatik. Biometrie – Datenschutz – geistiges Eigentum“ als Lektüre für ihren Sommerurlaub in den Reisekoffer stecken (das kommunizierte sie dem FAZ-Feuilleton), sondern auch das Buch von Günter Wallraff „Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere“. Hier vor allem das Kapitel über Call Center. Die Ministerin könnte dann lernen, wie Call Center-Agenten in einem schleichenden Prozess zu routinierten Betrügern werden.
Die Bundesländer spielen Trittbrettfahrer und wollen den Datenschutz für die fotografische oder filmische Aufzeichnung von Straßenzügen, Gebäudeansichten und sonstigen raumbezogenen Objekten – wie zum Beispiel durch Google Street View – ausweiten und „verbessern“.
Da hierbei „vielfach“ auch Angaben über einzelne natürliche Personen erfasst würden, seien die geltenden Rechtsvorschriften zum wirksamen Schutz der Betroffenen nicht ausreichend. Aus Sicht des Bundesrates bedarf es daher besonderer datenschutzrechtlicher Regelungen. Aus diesem Grund hat er gestern einen Gesetzentwurf in den Bundestag eingebracht, der Rahmenbedingungen für die Zulässigkeit der Erhebung solcher Daten vorsieht.
Der Entwurf begründet die Verpflichtung der verantwortlichen Stelle, Personen und amtliche Kennzeichen von Fahrzeugen vor ihrer Veröffentlichung unkenntlich zu machen. Eigentümer, Mieter, Fahrzeughalter und sonstige Betroffene sollen das Recht erhalten, der Nutzung ihrer Daten widersprechen zu können, die in diesem Fall zu löschen oder zu anonymisieren wären.
Um den Betroffenen die Wahrnehmung ihrer Rechte zu erleichtern, sehen die Länder eine Verpflichtung der verantwortlichen Stelle vor, die geplante Erfassung entsprechender Geodaten spätestens eine Woche vor Beginn der Aufzeichnung im Internet und örtlichen Tageszeitungen bekanntzugeben. Das ist ein Witz. Wenn ich ereignisbezogen professionell Aufnahmen machen will, ist das schlicht nicht möglich.
Der Entwurf enthält auch eine Verpflichtung, das Vorhaben der zuständigen Aufsichtsbehörde anzuzeigen.
Der Beschluss des Bundesrates wird zunächst der Bundesregierung zugeleitet. Diese hat den Gesetzentwurf innerhalb von sechs Wochen an den Bundestag zu übermitteln, wobei sie ihre Auffassung darlegen soll.
Im Zusammenhang mit der Übermittlung des Gesetzentwurfs hat der Bundesrat im Rahmen einer begleitenden Entschließung die Bundesregierung gebeten, umgehend einen intensiven Dialog mit den Ländern zu eröffnen, um baldmöglichst konkrete Vorschläge für notwendige Verbesserungen des Datenschutzrechts zu entwickeln. Hier der Gesetzentwurf.
Hierbei erinnerte er an einen von ihm im vergangenen Jahr gefassten Beschluss, mit dem er die Bundesregierung gebeten hatte, einen Diskussionsentwurf für ein grundsätzlich überarbeitetes Datenschutzrecht vorzulegen.
Nach Auffassung der Bitkom ist das ganze Spektakel vor allem eines: politischer Aktionismus. „Wir brauchen keine Einzelfallgesetzgebung zu populären Themen, sondern einen strategischen und in sich stimmigen Ansatz in der Netzpolitik. Hierzu gehört auch eine Reform des Datenschutzrechts. Dabei müssen wir uns an internationalen Maßstäben orientieren, nationale Alleingänge lehnen wir ab. Deutschland darf nicht zum Bedenkenträgerland für neue Technologien werden. Die Frage der bildlichen Erfassung des öffentlichen Raumes muss ganz grundlegend und unabhängig von einem speziellen Dienst eines einzelnen Unternehmens diskutiert werden. Wir können nicht für jede neue Technologie ein eigenes neues Gesetz machen“, kritisiert BITKOM-Präsident Professor August-Wilhelm Scheer.
Den Diskussionsverlauf müssen wir in den nächsten Wochen wohl intensiver verfolgen.
In einem Blogkommentar wertet Dr. Graf die Anti-Street-View-Kampagne noch düsterer: „Ich spreche den Gegnern von Google-StreetView die echte Sorge und die persönliche Betroffenheit nicht ab. Aber die weltweite Verfügbarkeit der Abbildung des von ihnen bewohnten Hauses ist kein Eingriff, der es gestattet, in massiver Weise Bürgerrechte einzuschränken. In der Liste Netlaw-L habe ich der dort vertretenen juristischen Meute mal aufgezählt, welche Grundrechte die geplante gesetzliche Regelung, die ja nie nur eine Lex Streetview sein darf, beeinträchtigt:
* die allgemeine Handlungsfreiheit (ich darf alles tun, was nicht verboten ist bzw. in Rechte anderer eingreift)
* die Pressefreiheit – wer das Straßenbild in Publikationen dokumentiert kann sich auf diese berufen
* die Meinungsfreiheit – es ist in der Rechtsprechung geklärt, dass auch Dokumentationen darunter fallen
* eventuell auch die Informationsfreiheit, also das Recht sich aus allgemein zugänglichen Quellen zu unterrichten
* die Wissenschaftsfreiheit, denn auch die gewerbliche Forschung anhand von Hausabbildungen steht unter dem Schutz des GG
* die Berufsfreiheit der Unternehmen, die Geld mit der Erstellung und der Vermarktung von Straßenabbildungen machen“, so Graf.
Für Überraschungen sorgt die zehnte Ausgabe des (N)Onliner-Atlas nicht wirklich. Die deutschlandweit größte Studie zur Internetnutzung untersuchte im Sonderband „E-Government-Monitor 2010“ erstmalig die Beziehung von Bürger und Staat auf elektronischem Wege.
„Behörden fehlt der Kontakt zum Bürger im Netz“, stellt York von Heimburg, Vorstand der IDG Communications Media AG., die die Sonderstudie „E-Government-Monitor 2010″2 unterstützt hat, in seinem Geleitwort fest. Siehe den Bericht des CIO-Magazins. Dies sei im Licht der vielfältigen Bemühungen zahlreicher öffentlicher Einrichtungen und Behörden auf allen Ebenen der Verwaltung aber auch „eine bittere Wahrheit, verbunden mit der dringenden Aufforderung zum Handeln“, schreibt von Heimburg, der auch Mitglied des Präsidiums der Initiative D21 ist.
Die besten E-Government-Anwendungen würden nichts nutzen, wenn sie nicht bekannt gemacht werden. So empfehlen die Autoren der Verwaltung eine bessere Kommunikation über ihre Vorhaben und Angebote. Selbst Leuchtturmprojekte wie die einheitliche Behördenrufnummer D115 seien nur wenig bekannt. Sie müssten deutlich offensiver vermarktet werden, damit Bürger und Unternehmen von den Serviceangeboten wissen und sie nutzen. Siehe auch meinen Beitrag: Zaunkriege am Bürgertelefon und die Illusion vom Amt 2.0: IT-Gipfel muss Impulse geben für Hightech im öffentlichen Dienst.
Das Resümee damals wie heute: Kaum ein Online-Projekt des Bundes habe bislang die erhoffte Nutzerfrequenz erreicht. Von einer Führungsrolle des Bundes beim Thema E-Government könne also keine Rede sein.
„In dem vermeintlichen Expertengremium des Bundestags ist vieles verdreht. 17 Abgeordnete und 17 Sachverständige – selten war diese Unterscheidung treffender. Denn mit dem Gegenstand ihrer Arbeit hatten bisher die wenigsten MdBs Kontakt – die eigene Web-Site pflegt in der Regel der Mitarbeiter. Vor allem: Politische Erfahrung, die in einer Enquete-Kommission auf das Wissen externer Experten treffen soll, ist dünn gesät. 12 der 17 sitzen erst seit September 2009 im Bundestag, erleben gerade ihren ersten MdB-Sommer. Immerhin: Mit Axel E. Fischer (CDU) sitzt wenigstens der Erfahrenste der Kommission vor.“
Dafür sei die berufliche Vorbildung der Abgeordneten so weit gefächert wie das Internet-Lexikon Wikipedia.
Was aus diesem Unwissen dann letztlich herauskommt, werden wir ja irgendwann wissen. Vielleicht nutzen die Abgeordneten ihre Mitgliedschaft in der Enquete-Kommission zur Weiterbildung – dann könnte man die Vergeudung von Steuergeldern ein wenig besser verkraften.
Gestern bekam ich Post vom Bonner Oberbürgermeister. Wie jedes Jahr flatterte der Abgabenbescheid für die Grundsteuer ins Haus, den ich natürlich brav entrichten werde. Aber welche Hornisse hat Euch gestochen, Ihr Stadtoberen, mit dem Schreiben des Steueramtes auch gleich noch auf Staatskosten das Pamphlet für die Kampagne gegen das Street View-Projekt von Google zu verschicken? Mit einem Musterschreiben will die Stadtverwaltung die Bonner Bürger dazu antreiben, mit Hausmeister-Methoden gegen das Abfotografieren von Immobilien vorzugehen.
Herr Oberbürgermeister, Sie verschwenden nicht nur Steuergelder für sinnlose Spam-Aktionen, das Ganze macht den Eindruck einer kollektiven Panikmache.
„An § 2 der Satzung der Bundesstadt Bonn über Erlaubnisse und Gebühren für Sondernutzungen an öffentlichen Straßen wird folgender Satz 3 angehangen:
Der Erlaubnis bedarf es auch für jede Nutzung der Straße zu dem Zweck, eine umfassende fotografische oder digitale Darstellung des Gemeindegebietes oder eines zusammenhängenden Teils dieses Gebietes oder einzelner Straßenzüge aufzunehmen oder grafisch oder digital weiter zu verwenden“. Siehe auch die Veröffentlichung im Amtsblatt.
Ich referiere bei einem Entscheiderforum mit dem Schwerpunkt: Von der Herausforderung zur Lösung – Kundenservice im Zeitalter des WEB 2.0. Mein Thema: Von der Idiotie der Masse zur Intelligenz der Menge: Die Macht der Netzwerkökonomie.
Ich muss mich nun so langsam auf die Rede vorbereiten und präsentiere hier mal grob ein paar Gedanken. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir Anregungen, Thesen oder Provokationen posten könntet. Ich werde Euch gerne kontinuierlich über die Ergebnisse informieren und natürlich auch nach der Tagung ausführlich berichten. Übrigens ist die Kongressteilnahme kostenlos. Man muss nur die Reise- und Unterbringungskosten tragen. Mit einem Billigflieger ist das bis Nizza kein Problem. Übernachtungsmöglichkeiten solltet Ihr direkt mit dem Hotel La Riana klären.
Also hier nun die ersten Überlegungen zu meinem Thema:
Die Masse kann klug und weise sein – aber auch das Gegenteil ist möglich. Das Ergebnis des bayerischen Volksentscheids zur Verschärfung des Rauchergesetzes ist dafür ein gutes Beispiel. Konformismus kann erheblichen politischen und wirtschaftlichen Schaden erzeugen. Man denke nur an die Legende vom Massenselbstmord der Lemminge: Sie sollen angeblich eine höchst ungewöhnliche Methode zur Bevölkerungskontrolle praktizieren: Sobald sie feststellen, dass sie sich zu stark vermehrt haben, treffen sie die drastische Entscheidung, sich zu einer Horde zusammenzurotten und kollektiv von der nächsten Klippe zu springen. Das Ganze ist natürlich reiner Blödsinn. Kommt in der Natur nicht vor. Ähnlich fragwürdig wird die „Weisheit der Vielen“ (Wisdom of the Crowds) definiert. Es geht nach meiner Meinung nicht um die Klugheit der Masse. Mit den Möglichkeiten der Vernetzung im Web erhöht sich allerdings die Wahrscheinlichkeit enorm, auf kluge und weise Menschen zu stoßen, die einen hilfreichen Beitrag zu einem Thema leisten können.
Es reduziert die Möglichkeiten der Meinungsdiktatoren in Wirtschaft, Politik und Medien, Wissen zu horten und über monopolisiertes Wissen Macht auszuüben. Ob es die Einweg-Kommunikatoren nun einsehen oder nicht, dass Web 2.0 führt zu Kontrollverlusten, da hatte Michael Seemann für seinen FAZ-Blog den richtigen Namen geprägt. Das Vorgehen der FAZ-Redaktion bei der Abschaltung seines Blogs „CTRL-Verlust“ ist eine Bestätigung für die Thesen von Seemann. Egal, wo man sich bewegt, egal mit welcher Materie man beschäftigt ist, es geht um Kontrollverluste – in Unternehmen, in der Politik und in Medien.
Es ist also weniger echte Weisheit gemeint, „sondern vielmehr ein implizites Wissen, das sich aus den miteinander vernetzten Handlungen vieler einzelner Menschen speist. Wer dieses Wissen für sich zu nutzen vermag, weiß schneller mehr über seine Mitarbeiter, Partner und Kunden“, schreibt Sascha Lobo in seinem Essay „Vom Wert der Vielen“. Der Beitrag selbst ist ein Werk der Vielen, wie man auf dem Onlineportal der Wirtschaftswoche nachlesen kann.
Das Internet wirke wie eine verlängerte Wissenswerkbank. Eine konkrete Frage, in das soziale Netzwerk Twitter eingespeist, werde von der Verfolgergemeinschaft oft präziser und verständlicher beantwortet, als es eine Suchmaschine wie Google, Bing oder WolframAlpha je könnte – ab einer bestimmten Größe der vernetzten Gemeinschaft weiß immer irgendjemand die richtige Antwort. Erst die soziale Vernetzung und die dazugehörende Anerkennung – das soziale Kapital – machten die Suche erfolgreich. „Human Google“ laute daher ein augenzwinkernder, aber nicht unberechtigter Spitzname für Twitter. Im ökonomischen Kontext könne eine kollektive Wissens-Ressource allerdings nur funktionieren, wenn man zuvor eine entsprechende Community aufgebaut hat, im besten Fall eine, die auf die eigenen Abläufe abgestimmt wurde.
Nachvollziehbar sind wohl auch die Mechanismen sozialer Netzwerke. Der Soziologe Mark Granovetter von der Stanford University hat herausgefunden, wie wichtig es für Wissensarbeiter ist, starke Beziehungen weiter zu verstärken. Viel wichtiger für Ideen, Innovationen oder Marketing sind allerdings die schwachen Beziehungen. Bei den starken Beziehungen gibt es die Gefahr von Überschneidungen – man könnte auch sagen, dass man im eigenen Saft schmort. So wird der Freundeskreis von A redundant sein mit dem Freundeskreis von B, wenn A und B schon dicke Freunde sind. Wenn A und B aber nur entfernte Bekannte sind, wird es diese Überschneidungen kaum geben. Nach Ansicht von Granovetter eignen sich daher schwache Beziehungen, um neue „Netzwerkbrücken“ zu bauen. Das ideale Netzwerk besteht aus einem Kern von starken Beziehungen und einer umfangreichen Peripherie von schwachen Beziehungen (siehe auch den Buchbeitrag von Andrew McAffee in dem Sammelband „Die Kunst, loszulassen – Enterprise 2.0“). Und wenn dann die schwachen Beziehungen weitere Brücken bauen, entsteht das, was der Sozialpsychologe Stanley Milgram in seiner Small World-Hypothese beschrieben hat. Auch Social Media-Projekte beruhen auf der Small World-Hypothese. Das erste Kleine-Welt-Experiment wurde im Jahre 1967 durchgeführt. Milgram erstellte eine Art Informationspaket, das die 60 zufällig ausgewählten Teilnehmer an jeweils eine vorher festgelegte Person in Boston zu senden hatten. Als Startpunkte wählte er Personen aus den sozial und geografisch weit von der Zielstadt entfernten Städten Omaha und Wichita. Die Aufgabe der Teilnehmer bestand darin, das Paket nicht direkt an die Zielperson zu senden, sofern sie diese nicht persönlich kannten (bei ihrem Vornamen ansprachen), sondern an eine Person, die sie persönlich kannten und bei der die Wahrscheinlichkeit höher war, dass sie die Zielperson kannte. Gleichzeitig waren die Teilnehmer angehalten, grundlegende Daten über sich selbst in einer Tabelle zu vermerken und eine Postkarte an die Wissenschaftler zu senden, um die Kette nachvollziehbar zu machen. Insgesamt erreichten drei Pakete die Zielpersonen mit einer durchschnittlichen Pfadlänge von 5,5 oder aufgerundet sechs. Die Wissenschaftler schlossen daraus, dass jede Person der US-amerikanischen Bevölkerung von jeder anderen Person der USA durchschnittlich durch sechs Personen getrennt ist oder, andersherum formuliert, durch durchschnittlich sechs Personen erreicht werden kann.
Geht es bei diesen Netzwerk-Effekten nun um „echte“ Freundschaften? Der von mir hochgeschätzte brand eins-Redakteur Wolf Lotter sieht das kritisch – und liegt diesmal nicht ganz richtig, wie ich meine: „Wer Freunde hat, der hat auch ihre Telefonnummer, weiß, wo sie wohnen, und geht gelegentlich mit ihnen in die Kneipe. Freunde bestätigen nicht vor der Kontaktaufnahme, dass sie welche sind. Solche Beziehungen sind transparent, nicht nur, was das Adressmaterial angeht. Bei Freunden kennen wir Stärken und Schwächen, Vorlieben und Interessen, Richtung und Kurs. Man investiert Vertrauen und hat Respekt vor dem anderen. Das ist ein erhebliches Risiko. Es interessiert mehr als eine Fähigkeit; der Mensch besteht nicht nur aus Eigenschaften. Solche persönlichen Beziehungen erkennt man auch daran, dass man vortrefflich miteinander streiten kann, um letztlich gemeinsam voranzukommen. Diese ganze Aufstellung kennt kein ‚Vielleicht‘ und ‚Möglicherweise‘, keine soziale Schonhaltung und auch nicht den Wahn, man könne Beziehungen in ihre Bestandteile und Kategorien zerlegen, also gerade so, wie sich Teilnehmer in Social Networks heute präsentieren. Wie immer, wenn etwas nicht echt ist, gibt es dazu Formulare. Immerhin haben fast 500 Millionen Menschen auf Facebook so ein Formular ausgefüllt, um sich zu präsentieren. Dabei kommt heraus, was auch beim Amt rauskommt: nichts oder wenig. Statt Beziehungswirtschaft haben wir eine neue Form von Sozialbürokratie, diesmal eine freiwillige, Pro Forma 2.0 sozusagen“, so Lotter im Juli-Heft von brand eins.
Das heißt nach seiner Ansicht noch lange nicht, dass mit Netzwerken und Web nichts geht. „Denn diese Welt wird allmählich erwachsen. Das merkt man an den klareren Konturen der zwei großen Gruppen, die in Netzwerken arbeiten: die Facebook-Welt und die Wiki-Welt. Man könnte auch sagen: Auf der einen Seite die meist schlampigen Verhältnisse (Quickies), auf der anderen die Welt der konstruktiven Zusammenarbeit. Hier Selbstbefriedigung, dort Kooperation. Die Wiki-Welt arbeitet zusammen, weil es ihr nutzt. Auch in vielen Organisationen beginnen Leute, mit anderen Abteilungen zu kooperieren und dadurch gemeinsam mehr zu erreichen als in der Nische. Das ist nicht das alte Team, in dem sich jeder hinter dem anderen zu verstecken suchte. Die Wiki-Welt geht weiter: Projekte entstehen, weil alte Kontrollvorstellungen über Bord geworfen werden. Der andere ist nicht der Feind, sondern der Partner. Quid pro quo also. Das Netzwerk wird erwachsen“, schreibt Lotter.
Aber gibt es diesen Gegensatz überhaupt? Die über 500 Millionen bei Facebook, die täglich mehr werden, organisieren sich doch teilweise auch nach den Wiki-Prinzipien. Hier stimme ich mit Sascha Lobo überein, dass eine kollektive Wissens-Ressource nur funktioniert, wenn man zuvor eine entsprechende Community aufgebaut hat, im besten Fall eine, die auf die eigenen Abläufe abgestimmt wurde. Das ist auch bei Facebook möglich. Vielleicht bin ich ja mit meiner Niederschrift völlig auf dem Holzweg – verfehle das Thema oder sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht. Deshalb interessiert mich Eure Meinung, liebe Leser des Ich sag mal-Blogs.
So, jetzt bereite ich mich aber mental auf das Halbfinale von Deutschland vor und beende die Schreiberei. Mein Tipp: 1:0 für Deutschland – heute wird es knapper. Wenn nicht, irre ich mich gerne – bei einem höheren Sieg ;-)….Nachtrag: Wir sollten nicht traurig sein. Die Truppe von Jogi Löw hat einen phantastischen Fußball gespielt und wird uns in Zukunft noch viele Erfolge bescheren….