#LasstEuchnichtverSCHUFAn – Ideen für paradoxe Interventionen

Das Schufa-Experiment

Was Thomas Knüwer da auf seinem Blog über die Methoden der Schufa schreibt, schreit doch geradezu nach paradoxen Interventionen.

Was jeder von Euch da machen kann, habe ich vor zwei Jahren beschrieben 🙂

Lasst Euch nicht verSCHUFAn!

Damals war ich fest entschlossen, die Schufa jedes Jahr mit einer Abfrage über mein Scoring zu nerven. Eine Abfrage pro Jahr ist schließlich kostenlos. Das kann jeder machen 😉

Von der Vergeblichkeit des Shitstorms: Können Schufa, GEMA, WDR oder ARD wirtschaftliche Schäden erleiden? #Bloggercamp.tv

Hulk 015

Unternehmen müssen von Shitstorms keine nachhaltigen wirtschaftlichen Schäden befürchten. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest die Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK). Sie hat die Empörungswellen von Social Media-Nutzern von Januar 2010 bis Mai 2013 analysiert. Allerdings reagierten die meisten betroffenen Unternehmen auf die Phase massiver Kritik in den sozialen Netzwerken mit Anpassungen von Krisenplänen und sogar Restrukturierungen ihrer Kommunikationsabteilungen. Ein Großteil der befragten Unternehmen erwartet eine Zunahme und den systematischeren Einsatz von Shitstorms durch Protestgruppen in der Zukunft.

„Trotz der Heftigkeit der Kritik und der hohen medialen Aufmerksamkeit, mit denen die Unternehmen sich während eines Shitstorms konfrontiert sahen, haben die betroffenen Unternehmen bislang kaum messbare Umsatz- oder Gewinneinbußen noch einen nachweisbaren Glaubwürdigkeitsverlust festgestellt. Das hat uns überrascht und das scheint Shitstorms von einer klassischen Unternehmenskrise deutlich zu unterscheiden“, so Professor Ralf Spiller, Leiter der Studie.

In der Untersuchung wurden nur solche Shitstorms berücksichtigt, über die im betrachteten Zeitraum in den Online-Ausgaben der sechs größten überregionalen deutschen Tageszeitungen berichtet wurde:

„Wir wollten nur Empörungswellen ab einer bestimmten Wahrnehmungsschwelle analysieren, die in Medienberichten explizit als Shitstorms bezeichnet wurden,“ so Spiller.

Dieses Kriterium traf zwischen Januar 2010 und Mai 2013 auf 28 in Deutschland operierende Unternehmen zu. Mit 10 Kommunikationsverantwortlichen dieser betroffenen Unternehmen konnten Leitfadeninterviews zu den Shitstorms geführt werden.

Analysiert wurden auch die Maßnahmen, die Unternehmen beim Umgang mit Shitstorms ergriffen haben. Als erfolgreichste und gängigste Maßnahmen nannten die Unternehmenssprecher die unverzügliche Kommunikation mit der Gegenpartei sowie die Beseitigung des Fehlers. Typisch war, dass Kommunikationsmaßnahmen wie Aufklärung oder Entschuldigung ausschließlich in den sozialen Medien stattfanden.

„Klassische Instrumente wie Pressekonferenzen, Pressemitteilungen oder Hintergrundgespräche wurden nur ganz selten als Reaktion auf die Kritik von Social Media Usern eingesetzt. Die Kommunikationsverantwortlichen scheinen sie im Kontext der sozialen Medien für unzureichend zu halten“, so Thomas Hintzen, Co-Autor der Studie.

Als Katalysator für Shitstorms spielen klassische Medien gleichwohl eine große Rolle. Die meisten Befragten gaben an, dass ein Katalysator in Form eines Medienberichtes oder eines prominenten Unterstützers zur Verbreitung des Shitstorms beigetragen hätten.

Gut. Mag so sein. Aber bleiben die kritischen Beiträge, die man unter Shitstorm zusammenfasst, wirklich ohne wirtschaftliche Folgen? Welche Datengrundlage konnte die Hochschule bei den betroffenen Firmen denn einsehen? Nach der Methodik der Wissenschaftler kamen lediglich Leitfadeninterviews zum Einsatz. Es ist kaum anzunehmen, dass die Befragten offen zugeben, dass sie in schweres Fahrwasser für Umsätze und Gewinn geraten sind.

Letztlich manifestiert sich die Unzufriedenheit mit Unternehmen in den Empörungswellen: Schlechte Produkte, miserabler Service, arrogantes Verhalten oder moralisch fragwürdiges Geschäftsgebaren und dergleichen mehr. Stimmt die Aussage von Jeff Bezos nicht:

„If you make customers unhappy in the physical world, they might each tell 6 friends. If you make customers unhappy on the Internet, they can each tell 6.000 friends.“

Interessant ist auch die Liste der untersuchten Unternehmen: Etwa die Schufa – wie soll ich als Kreditnehmer eine Schufa-Abfrage ablehnen, wenn mir meine Bank oder irgendein anderer Anbieter keinen Kredit gibt? Dann sind da noch Tele 5, die ProSieben-Sendung Galileo, WDR, ARD und RTL: Die öffentlich-rechtlichen sind gebührenfinanziert, da kann nichts passieren. Und die Privatsender? Das würde nur über die Werbewirtschaft laufen. Auch da sind direkte Effekte eher unwahrscheinlich.

Und dann ist auch noch die GEMA aufgeführt. Ist das ein Scherz? Wie soll man diesem Verwertungsmonopolisten denn wirtschaftlich ans Bein pinkeln? Ich halte die Studie methodisch für fragwürdig – auf den ersten Blick.

In unserer Mittwochssendung von Bloggercamp.tv um 16 Uhr ist Professor Peter Gentsch von BIG Social Media zu Gast. Sein Unternehmen hat ebenfalls Shitstorm-Wellen unter die Lupe genommen.

Wer eigene Erkenntnisse zu diesem Thema gesammelt hat und präsentieren möchte, kann gerne noch als Interviewgast dazu kommen. Ich starte den Hangout rund 15 Minuten vor dem Beginn der Sendung. Einfach unten in den Kommentaren eine Nachricht hinterlassen oder mir direkt eine E-Mail schicken an: gunnareriksohn@gmail.com

Mal schauen, was Professor Gentsch zur MHMK-Studie sagt. Ihr könnt wieder mitdiskutieren über die Frage-Antwort-Funktion von Google Plus. Da ich morgen alleine moderiere, werde ich wohl nicht auf die Tweets achten.

Update:

Tim Ebner macht morgen auch mit. Danke für die Vermittlung, liebe Astrid 🙂 Tim ist Shitstorm Schnüffler, Social Media Geek und Marketing Freak, Berater bei @kpunktnull. Da passt er ja wie die Faust aufs Auge!

Update:

Grafik hat jetzt direkt nichts mit Shitstorms im Social Web zu tun, aber ein wenig passt es noch zum Thema unserer Sendung.

VW Toyota.001

Update:

Die Empörungswelle über BSE hatte massive wirtschaftliche Auswirkungen.

BSE-Krise.001

Siehe auch:

Udo Lindenbergs #panikparty – Anatomie eines Shitstorms. Bleibt das für den Konzertveranstalter auch ohne Konsequenzen?

Lasst Euch nicht verSCHUFAn! Was steckt in der geheimnisvollen „Coca-Cola-Formel“ der kommerziellen Auskunftei?

Und die Einstufung von Berechnungsformeln als Geschäftsgeheimnis ist noch arschiger
Und die Einstufung von Berechnungsformeln als Geschäftsgeheimnis ist noch arschiger

So langsam kommt Licht in die undurchsichtige Berechnungsformel des kommerziell ausgerichteten Auskunftsriesen namens S C H U F A, die mit 700 festangestellten Mitarbeitern jährlich rund 24 Millionen Euro erwirtschaften. Es geht um den Score-Wert, der Prognosen über unsere Kreditwürdigkeit abgibt und vom Schufa-Chef auf eine Geheimnisstufe mit der „Coca-Cola-Formel“ gestellt wird. Etwas zynisch, wenn man bedenkt, was von diesem Score-Wert abhängt. Hier geht es nicht um Durstlöscher, sondern um unsere finanzielle Reputation.

Der NDR hat jetzt einige Informationen vorgelegt, die wohl für die Vorhersage-Glaskugel der SCHUFA relevant sind:

„Wie lange existiert ein Bankkonto oder eine Adresse, wie viele Kreditanfragen stellt ein Verbraucher und wie viele Bankkonten oder frühere Anschriften hat er? Das sind die Informationen, auf die Deutschlands größte Auskunftei, die Schufa, offenbar am meisten achtet. Auf einer NDR Info vorliegenden, geheimen Schufa-Liste stehen sie ganz oben – als am häufigsten in die Verbraucherbewertungen einbezogene Variablen. Weitaus seltener werden demnach Daten wie das Lebensalter, die Häufigkeit von Krediten oder ihre Laufzeit mit in den sogenannten Scorewert einberechnet.“

Leider hatte ja der mathematisch wohl nicht so ganz kundige Bundesgerichtshof der SCHUFA nicht die Pflicht auferlegt, die Berechnung des ominösen Score-WErtes gegenüber Betroffenen offenzulegen.

„Das Urteil stieß jenseits der Auskunfteibranche allerdings auf breite Ablehnung. Von Datenschützern über Verbraucherschützer bis hin zu Kriminalbeamten: Alle fordern sie von Schufa und Co. größere Transparenz. Schließlich solle ein Verbraucher wissen, wie er sich verhalten muss, damit seine Kreditwürdigkeit möglichst gut bewertet wird.“

Die vom NDR veröffentlichte geheime Liste könnte jetzt erste Indizien liefern, wie belastbar das Prognose-System überhaupt ist.

„Erstellt wurde das Dokument im Vorfeld eines Treffens von Schufa-Vertretern mit den Datenschutzbehörden der Bundesländer im Juli 2010, bei dem das Unternehmen seine Scoreverfahren vorstellte. Genau 18 Punkte wurden darin aufgeführt, die die Schufa bei ihrem Scoring betrachtet. Fast 42 Millionen Fälle früherer Jahre hat man dem Dokument zufolge dafür untersucht und danach ausgewertet, wie häufig einzelne Variablen dabei verwendet wurden. Denn es gibt nicht nur den einen Schufascore, es gibt laut der Liste 140 verschiedene Scores, die branchenspezifisch Verbraucher bewerten, und bei denen jedes Mal andere Daten miteinander kombiniert werden. Das Alter einer bei der Schufa gespeicherten Information ist dabei ganz offenbar am wichtigsten. Es wird bei fast 98 Prozent der von der Schufa erstellten Bewertungen heranzogen. Es geht beispielsweise darum, wie alt die aktuelle Adresse ist oder das älteste Bankkonto einer Person“, berichtet der NDR.

Einige bleibt noch zu klären. Deshalb mein Aufruf zur Crowd-Revolte. Reputation könne Verhalten steuern, so Winfried Felder, Geschäftsführer von Netskill. Wenn Dinge rechtmäßig seien, wie die Bewahrung des Schufa-Geschäftsgeheimisses bei der Berechnung des Score-Wertes, könne nur eine mobilisierte Öffentlichkeit eine Gegenstruktur bilden.

“Dann steht man nicht mehr wie Franz Kafka einer unbeherrschbaren Macht gegenüber.

Juristisch sei das nur schwer in den Griff zu bekommen.

Deshalb werde ich jetzt jedes Jahr die Schufa so lange mit Anfragen nerven, bis ich Einblick in die Schufa-Scoring-Formel bekomme. Eine Abfrage pro Jahr ist schließlich kostenlos. Diesen Spaß gönne ich mir.

Siehe auch:

Wie man Pressefragen (nicht so ganz) beantwortet – #Schufa bekommt den “Hulk des Monats”

Ohne Einsicht in die Formelstube keine informelle Selbstbestimmung #Schufa #BGH

Kann der Bundesgerichtshof Mathe? #Schufa

Schufa-Scoring oder: Wenn Pressestellen gar nichts wissen.

Wie man kafkaeske Big Data-Systeme bekämpft – Das #Schufa-Experiment

Auf die kostenlose Schufa-Abfrage achten!
Auf die kostenlose Schufa-Abfrage achten!

Wie kann ich mich wehren, wenn mir auffällt, dass mich ein Big Data-System diskrediert und ich Opfer der Realitätskonstruktionen von Vorhersagemaschinen werde, die ihr Innenleben nicht preisgeben.

„Der Glaube an die endgültige Berechenbarkeit der Welt wird gestützt von einem Apparat, dessen Macht ins schier Unendliche wächst, wenn die Politik auch daran glaubt. In diesem Fall aber werden immer weniger Einzelentscheidungen gebraucht, sondern immer mehr und mehr Daten. Das ist das Gruseligste an dieser Ideologie: Sie konstruiert aus einem Wust von Daten eine vermeintliche Realität, in der keine persönliche Verantwortung mehr für maschinell getroffene und ausgeführte Entscheidungen übernommen werden muss“, schreibt Sascha Lobo in seinem lesenswerten FAZ-Beitrag.

Die Maschinisten überlassen das Geschehen einem undurchsichtigen Maschinen-Paternalismus und verkriechen sich hinter der Logik von Algorithmen.

„Je komplexer die Aufgaben, die Maschinen sichtbar bewältigen, desto mehr unterstellt man eine Lösungsintelligenz. Die muss aber gar nicht vorhanden sein, ein Staubsaugerroboter hat nicht die geringste Ahnung vom Staubsaugen, er kann es bloß. Schon gar nichts weiß er über Hygiene“, so Lobo.

KI-Pionier Joseph Weizenbaum

Bei der Übertragung von Entscheidungsgewalt an die Maschine spiele auch die Erkenntnis von KI-Pionier Joseph Weizenbaum eine Rolle, nach der Menschen dazu neigen, berechnete Ergebnisse eines Computers absonderlich ernst zu nehmen, eine Schwester von Horkheimers instrumenteller Vernunft.

„Mit maschinell produzierter Gewissheit in einer ungewissen Welt drängt sich die Ideologie in alle Lebensbereiche, indem sie Wahrscheinlichkeit als Wahrheit verkauft samt zwingender Handlungsanweisung. Weil dafür persönliche Daten benötigt werden, ist Datenschutz ihr erster und größter Feind“, so Lobo.

Und die Offenlegung der Rechenformeln, die mit Gewichtungen irgendwelche Prognosen rausballern. Open Data ist der größte Feind der Big Data-Enthusiasten, die sich bislang geweigert haben, Beispiele ihre Vorhersagekünste in Bloggercamp.tv vorzuführen.

Wenn mich die Schufa als nicht kreditwürdig im Score-Wert einstuft, könnte ich ja den Anbieter wechseln, würden jetzt irgendwelche Geister des freien Marktes antworten, die in ihren Theorien den Faktor Macht so gerne ausblenden.

„Wir leben aber häufig in kafkaesken Strukturen, die dem Ideal des perfekten Marktes genauso wenig entsprechen, wie der Mensch dem Home oeconomicus entspricht. Gegen monopolistische Systeme hat man es schwer, sich zu wehren“, sagt Winfried Felser, Geschäftsführer von Netskill, im ichsagmal-Gespräch.

Es müsse noch nicht einmal ein Monopolist sein, der die Öffentlichkeit am Nasenring vorführt. Gleiches gilt für Branchen, die sich untereinander absprechen und die Regeln des Wettbewerbs unterlaufen.

Die Crowd mobilisieren
Die Crowd mobilisieren

Da hilft nur eine Crowd-Revolte, um Front gegen die Machtverkrustung zu machen. Reputation könne Verhalten steuern, so Felser. Wenn Dinge rechtmäßig seien, wie die Bewahrung des Schufa-Geschäftsgeheimisses bei der Berechnung des Score-Wertes, könne nur eine mobilisierte Öffentlichkeit eine Gegenstruktur bilden. „Dann steht man nicht mehr wie Franz Kafka einer unbeherrschbaren Macht gegenüber.

„Juristisch ist das nur schwer in den Griff zu bekommen.“

Deshalb werde ich jetzt jedes Jahr die Schufa so lange mit Anfragen nerven, bis ich Einblick in die Schufa-Scoring-Formel bekomme. Eine Abfrage pro Jahr ist schließlich kostenlos. Diesen Spaß gönne ich mir. Auf der Schufa-Website muss man allerdings aufpassen, nicht in die kostenpflichtige Auskunft zu rutschen.

Siehe auch:

Was ist der Sinn und Zweck von … Überwachung, Big Data etc. ?

Wer zu Open Data nicht bereit ist, sollte von Big Data schweigen #Datability #Cebit #Systemtheorie #Schirrmacher

Automatisierte Kontrollgesellschaft?
Automatisierte Kontrollgesellschaft?

„We don’t know how the human brain works.“ Mit diesem Satz macht Patrick Breitenbach auf einen Artikel aufmerksam, der sich mit den Thesen von Kurzweil beschäftigt: „Why Ray Kurzweil is Wrong: Computers Won’t Be Smarter Than Us Anytime Soon“.

Es sind letztlich völlig überdrehte, anmaßende und werbegetriebene Thesen, die man mit Big Data, Künstliche Intelligenz und Neurowissenschaften verbindet. Das wirkt sich vielleicht positiv auf den Verkauf von Büchern über das Ende des Zufalls aus oder über Neuro-Leadership, Neuro-Marketing und Maschinen-Intelligenz. Es ist auch eine beliebte Methode, um milliardenschwere Forschungsbudgets und Beratungsaufträge zu kapern, wie beim Human Brain Project. Beim öffentlichen Diskurs sollte man die wirtschaftlichen Interessen dieser Akteure nicht aus den Augen verlieren. Siehe dazu auch: „Die große Neuro-Show – Was wurde aus den Verheißungen der Hirnforschung? Wissenschaftler ziehen Bilanz. Sie fällt dürftig aus“.

Die Systeme können nur das, was Menschen programmiert haben und daraus ableiten. Es sind hoch manipulative, konstruierte und erfundene Welten, die immer zu richtigen Ergebnissen kommen. Richtig im Sinne des Erfinders, Konstrukteurs, System-Ingenieurs, Mathematikers, Software-Entwicklers, Hirnforschers oder KI-Wissenschaftlers: Die Logik sei nur ein Beschreibungsapparat, so wie die Grammatik für Sprache, sagt Systemtheoretiker Heinz von Foerster im Fernsehinterview mit Lutz Dammbeck.

„Die Logik ist ja nur eine Maschine, um mit gewissen Aussagen gewisse andere Aussagen machen und entwickeln zu können. Der Übergang von A nach B, das ist, was die Logik kontrolliert….also die Logik bringt ja gar nichts Neues….die Logik macht es nur möglich, dass Sie von einem Satz, der etwas verschwommen ist, etwas ableiten können, oder Sätze, die ähnlich verschwommen sind, ordentlich beweisen können.“ In diesen weltweit funktionierenden Maschinensystemen seien alle Aussagen richtig – im Sinne der Ableitungen.

Heinz von Foerster
Heinz von Foerster

Wenn sich auf diesem wackligen Fundament die Big Data-Neuroklecks-KI-Hohepriester aufschwingen, das Leben anderer Menschen zu beeinflussen, zu kontrollieren, zu steuern und zu bestimmen, müssen sie ihre Ableitungen offenlegen. An diesem Punkt stimme ich FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zu, der fordert, dass die offene Gesellschaft neue Freunde braucht.

Er beschreibt in seinem FAZ-Leitartikel den Fall einer Amazon-Lageristin in Allentown, die nach mehreren 11-Stunden-Arbeitstagen eine automatisierte SMS des „employee-tagging“- Systems bekam. Botschaft: Sie sei „mehrere Minuten“ unproduktiv gewesen und wurde kurz darauf gefeuert. Droht hier ein neuer Optimierungswahn, der in den Pionierzeiten des Industriekapitalismus von Henry Ford etabliert wurde?

„Die Erkenntnis, dass die IT-Industrie Teil der wohl bedeutendsten gesellschaftlichen Debatte sein muss, nimmt auch die jetzt beginnende Cebit ernst, die weltgrößte Computermesse. Unter dem Titel ‚Datability‘ – dem ’nachhaltigen‘ Umgang mit Daten – will sie sich, aufgeschreckt vor allem durch die Snowden-Enthüllungen, an einem Diskurs beteiligen, der sich den Chancen und den Risiken der digitalen Moderne widmet. Schon das ist ein Fortschritt. Es signalisiert, dass die Branche verstanden hat, dass die Zeiten vorbei sind, in denen technische Geräte die entsprechenden Sozialtechniken gleichsam mitproduzieren und einfordern – unter Ausschaltung jeder politischen Willensbildung“, schreibt Schirrmacher.

Das sei eine politische Aufgabe, keine technologische. „Anders gesagt: man kann die Festlegung gesellschaftlicher und politischer Normen nicht einer Mathematik überlassen, die systematisch Kausalitäten und Korrelationen erzeugt, deren Effekte wir spüren, aber deren Zustandekommen wir nicht nachvollziehen können.“

Diesen Satz sollten sich die Richter des Bundesgerichtshofs hinter die Ohren kleben. Stichwort: Schufa-Urteil.

Wer eine falsche Stromrechnung bekomme, der rechnet nach. Wer eine falsche Rechnung über seine Lebens- und Karrierechancen, seine Talente, seine Effizienz und Kondition, seine Gesundheitsprognose oder seine Kreditwürdigkeit bekommt, der könne nur noch glauben.

„Heute gelten die Algorithmen, die beispielsweise die Reputation oder Kreditwürdigkeit von Menschen berechnen, als Geschäftsgeheimnis“, so Schirrmacher.

Wer nicht nur Stauwarnungen ausspricht, sondern auch das Wohl und Wehe von einzelnen Menschen beeinträchtigt und zu Open Data nicht bereit ist, sollte Big Data nicht anwenden dürfen. Die Entwickler von diesen Systemen werden ohne politische Regeln dazu nicht freiwillig bereit sein, wie mir ein Informatiker klar zu verstehen gab. Er habe eine Software für Kliniken entwickelt, um „gute“ von „schlechten“ Patienten zu trennen. Das Auswertungstool soll aufzeigen, wo Ärzte Geld verballern. Und was ist mit den Patienten, fragte ich nach. Müsste so etwas nicht öffentlich verhandelt werden? Antwort: Offenlegungspflichten sieht er nur gegenüber seinen Auftraggebern. Wenn dieser Mann dazu nicht bereit ist, muss er mit rechtsstaatlichen Mitteln dazu gezwungen werden, wenn die betroffenen Patienten es verlangen.

Siehe auch die Rede von Google-Manager Eric Schmidt auf der Tech-Konferenz SXSW und sein merkwürdiges Verständnis von Selbstzensur.

Entlarvung der Neo-Kybernetiker.

Liebwerteste Gichtlinge der Internet-Konzerne, wo bleibt der ehrliche Datenpakt mit der Netzgesellschaft?