Post vom #Generalbundesanwalt

Fragen stören die Einweg-Kommunikatoren
Fragen stören die Einweg-Kommunikatoren

Sehr geehrte Damen und Herren,

bitte senden Sie mir Folgendes zu:

Der Generalbundesanwalt hat laut Medienberichten ein Ermittlungsverfahren gegen die Betreiber des Weblogs Netzpolitik.org wegen des Verdachts auf Landesverrat eingeleitet. Auslöser ist die Veröffentlichung von Dokumenten des Verfassungsschutz, die als vertraulich eingestuft wurden und von Plänen der Internet-Überwachung durch die „Erweiterte Fachunterstützung Internet“ berichten.

Folgende Fragen: Wie bewerten Sie den Quellenschutz von Medien bei kritischen Berichten gegen staatliche Organe?

Wie beurteilen Sie die Gefahr einer Demontage der Pressefreiheit, die durch Ihr Ermittlungsverfahren gegen Netzpolitik.org ausgelöst werden könnte?

Der Vorwurf des Landesverrats gegen Journalisten wird von Juristen und Politikern als heikel eingestuft. Nach der Spiegel-Affäre Anfang der sechziger Jahre, in der ein solcher Vorwurf erhoben wurde, wurde davor gewarnt, dass durch das Vorgehen der Behörden der unabhängige Journalismus in Gefahr geraten könne. Es ging um eine Abwägung zwischen strikter Geheimhaltung und dem zentralen Grundrecht auf Pressefreiheit. Wie beurteilen Sie heute Ihr Vorgehen gegen Netzpolitik.org im Zusammenhang mit der so genannten Spiegel-Affäre in den sechziger Jahren?

Dies ist ein Antrag auf Aktenauskunft nach § 1 des Gesetzes zur Regelung des Zugangs zu Informationen des Bundes (IFG) sowie § 3 Umweltinformationsgesetz (UIG), soweit Umweltinformationen im Sinne des § 2 Abs. 3 UIG betroffen sind, sowie § 1 des Gesetzes zur Verbesserung der gesundheitsbezogenen Verbraucherinformation (VIG), soweit Informationen im Sinne des § 1 Abs. 1 VIG betroffen sind.

Ausschlussgründe liegen meines Erachtens nicht vor.

Meines Erachtens handelt es sich um eine einfache Auskunft. Gebühren fallen somit nach § 10 IFG bzw. den anderen Vorschriften nicht an.
Sollte die Aktenauskunft Ihres Erachtens gebührenpflichtig sein, möchte ich Sie bitten, mir dies vorab mitzuteilen und dabei die Höhe der Kosten anzugeben.

Ich verweise auf § 7 Abs. 5 IFG/§ 3 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 UIG/§ 4 Abs. 2 VIG und bitte Sie, mir die erbetenen Informationen so schnell wie möglich, spätestens nach Ablauf eines Monats zugänglich zu machen.

Sollten Sie für diesen Antrag nicht zuständig sein, bitte ich Sie, ihn an die zuständige Behörde weiterzuleiten und mich darüber zu unterrichten.

Ich bitte Sie um eine Antwort in elektronischer Form (E-Mail) gemäß § 8 EGovG. Eine Antwort an meine persönliche E-Mail-Adresse bei meinem Telekommunikationsanbieter FragDenStaat.de stellt keine öffentliche Bekanntgabe des Verwaltungsaktes nach § 41 VwVfG dar.

Ich behalte mir vor, mir nach Eingang Ihrer Auskünfte gegebenfalls um weitere ergänzende Auskünfte nachzusuchen.

Ich möchte Sie um eine Empfangsbestätigung bitten und danke Ihnen für Ihre Mühe!

Mit freundlichen Grüßen,

Gunnar Sohn

Die Anfrage war vielleicht Schrott, wie ein Kommentator bemerkte – sicherlich aus der Hüfte geschossen, da habe ich schon bessere IFG-Anfragen gestartet. Aber die Antwort kann sich auch sehen lassen:

„…auf Ihre Anfrage vom 19. September 2015 teile ich mit, dass hier Ihre Anfrage vom 31. Juli 2015 nicht festgestellt werden kann.“

Generalbundesanwalt

Hä? Soll ich mit einem Reitenden Boten nach Karlsruhe vorbeikommen?

Über den Würgegriff der IT und die Deutungshoheit der netzpolitischen Nerds

Soziale Netzwerke und neue Technologien verändern die Kommunikation im Geschäftsleben grundlegend:

„Es beschleunigt nicht nur den Informationsaustausch drastisch, sondern auch die gemeinsame Ideenfindung. Schon jetzt wirken sich soziale Medien, mobile Geräte und Cloud Computing erheblich darauf aus, wie Produkte und Dienstleistungen auf den Markt gebracht und Unternehmen strukturiert werden“, sagte Google-Manager Michael Korbacher auf einer Fachtagung, die der Münchner Kreis organisierte.

Nachzulesen in meiner heutigen Kolumne für Service Insiders: Rechner als soziale Maschinen: Über das neue Rollenverständnis der CIOs.

Das hat auch Auswirkungen auf die technische Infrastruktur und die Rolle der CIOs im Unternehmen. Rechner wandeln sich immer mehr zu sozialen Maschinen und zum ständigen Begleiter im Berufs- sowie Privatleben, wie die Zeitschrift brand eins in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet: „

Das digitale Mitmachmedium Internet erklärt sich an allen Ecken und Enden von selbst und hat das Wissen über Informationstechnik demokratisiert. Die Smartphones mit ihren Apps verstärken diese Entwicklung“, schreibt brand eins-Redakteur Thomas Ramge.

Agile Programmierung statt Pflichtenheft

Nutzer diktieren immer mehr, wo es in der IT-Welt langgehen soll. Die Zeiten seien vorbei, in denen an jedem Server-Raum ein großer Zettel mit der Aufschrift hing: Bitte auf keinen Fall anfassen!!! Entsprechend antiquiert ist die elitäre Ingenieursdenke, die man in der Informationstechnologie immer noch vorfindet. Das Spezialistengehabe in Kombination mit einem unverständlichen Techno-Kauderwelsch beeindruckt nicht mehr. Früher dominierten Lasten- und Pflichtenhefte beim Bau von neuen IT-Systemen den Arbeitsalltag. Der Nutzer war in diesem Szenario nur ein Störfaktor.

„Agile Programmiermethoden bauen ein IT-System wie einen App-Store mit vielen kleinen Anwendungen darin. CIO, Systemarchitekten und Vertreter der Anwender entscheiden gemeinsam, welche Funktionen das Unternehmen braucht“, erläutert Ramge.

Es sinkt die Gefahr, nach einer langen Planung am Reißbrett, ein völlig veraltetes System in Betrieb zu nehmen. Man braucht sich ja nur die IT-Großprojekte der Bundesregierung anschauen.

Bei der agilen Programmierung werde stärker das Unvorhersehbare einkalkuliert. Unmittelbares Feedback sei möglich. Wenn eine Applikation misslingt, kann sie schnell wieder entfernt und verändert werden, ohne große Flurschäden für das gesamte Unternehmen zu produzieren.

CIOs als Geschäftsstrategen

„Zukunftsprojekte wie digitale Medien und soziale Netzwerke dominieren derzeitig die Innovationsprojekte der CIOs“, bestätigt Udo Nadolski, Deutschlandchef des IT-Beratungshauses Harvey Nash.

Sie seien nicht mehr als Verwalter der IT gefragt, sondern als Gestalter für das Kerngeschäft der Firmen. Kluge Vorstandschefs positionieren ihre CIOs denn auch auf der Chefebene. 37 Prozent der von Harvey Nash befragten IT-Manager berichtet in Deutschland direkt an den Vorstandschef. Im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs von 11 Prozentpunkten. Allerdings steigen damit auch die Erwartungen an das Kompetenzprofil des IT-Fachpersonals. Es gilt nicht mehr das Credo: Ich beherrsche als einziger die Informationstechnologie und bin deshalb unverzichtbar. Mit Cloud Computing, wo IT-Anwendungen wie Strom aus der Steckdose zur Verfügung stehen, wird sich das Herrschaftswissen der CIOs weiter reduzieren. Wer sich nicht als Geschäftsstratege in Szene setzen kann, zählt zum Auslaufmodell.

Wie sich Social Web-Technologien auf den Arbeitsalltag von IT-Führungskräften auswirken werden, beleuchtet eine Harvey Nash-Tagung in München am 9. November. Hauptredner Mirko Lange von der Agentur talkabout. Seine Themen: Ist Social Media nun mehr Technologie oder mehr Kommunikation?; Spielverderber oder Enabler: Welche Rolle spielt die IT bei Social Media?; Social Media als Dialogtool: Wann stirbt die E-Mail?; Social Intelligence, Social Analytics & Social CRM: Verändert Social 
Media die IT?; Wo Technologie unverzichtbar ist: Wie können Unternehmen 
„Dialog“ skalieren?; Eine Frage des Timings: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um auf 
neue Technologie zu setzen?; Der IT-Manager der Zukunft. Nach dem Vortrag moderiere ich das Panel.

Thomas Ramge wirft in seinem brand eins-Beitrag unter dem Titel „Im Schwitzkasten der Nerds“ noch einen Aspekt auf, der ganz gut zur Debatte um die gescheiterte Petition gegen den Rettet-die-Verlage-Ablasshandel namens Leistungsschutzrecht passt. Nach meiner Meinung ist die Aktion einfach nur schlecht vorbereitet worden:

„Ein deutliches Verfehlen des Quorums von 50.000 UnterstützerInnen, ab dem es zu einer verpflichtenden öffentlichen Anhörung im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags kommt, lädt ja geradezu dazu ein, jetzt zu behaupten, die Petition sei gescheitert, die ‚Netzgemeinde‘ habe an Saft und Kraft verloren, und überhaupt stünde der Umsetzung jetzt ja nichts mehr im Wege“, schreibt Till Westermayer in seinem Blogpost „Aus der LSR-Petition lernen, statt zu verzweifeln“.

Mehr als 20.000 Mitzeichnungen seien nicht nichts. Auch eine Petition mit “nur” 20.000 Mitzeichnungen gehe den Gang des Petitionswesens – nur eben ohne prestigeträchtige öffentliche Anhörung (die auch nicht unbedingt dazu führt, dass mehr erreicht wird).

Nun aber zurück zu Ramge. Welche Deutungsmacht haben die netzpolitischen Nerds wie Markus Beckedahl, Jens Best oder Constanze Kurz? Mit ihrem Expertenwissen haben sie Kommunikationsmacht aufgebaut. So sei Acta an vielleicht 50 bis 100 Leuten gescheitert, die sich erfolgreich als netzpolitische Experten positioniert haben.

„Kommunikationsmacht hört sich nach einem abstrakten Begriff an. Für Berliner Politiker aller Fraktionen wird er konkret, wenn es um Gesetzesvorlagen zu Netzsperren, Leistungsschutzrechten, Vorratsdatenspeicherung oder Online-Durchsuchungen geht“, führt Ramge aus.

Wenige Kundige würden die vielen Unkundigen in der politischen Schwitzkasten nehmen. Doch auch hier deuten sich nach Meinung des brand eins-Redakteurs wie bei den IT-Führungskräften Abnutzungseffekte des Expertentums an. Mit etwas Zeitverzögerung baue die Politik nun das nötige Fachwissen auf – was ich allerdings in der täglichen Politik so nicht beobachten kann. Ein Branchenkenner sage es noch drastischer:

„Politiker haben keine Lust mehr, sich von Leuten ohne Mandat am digitalen Nasenring durch die Manege ziehen zu lassen. Der Trick wird nicht mehr lange funktionieren. Aber dafür müssen zumindest Fachpolitiker endlich selbst zu Experten werden.“

Welche „Fachpolitiker“ meint denn der Branchenkenner ohne Namen? Und was heißt denn Leute ohne Mandat? In einer repräsentativen Demokratie gibt es doch keine anderen Möglichkeiten als auf Protest zu setzen um die „Volksvertreter“ zum Handeln zu bringen. Und warum sollte jetzt der Druck aus den netzpolitischen Debatten rausgehen, wenn beispielsweise die CSU-Staatstrojaner-Partei weiterhin vorhat, Schnüffelsoftware einzusetzen, die sich weit über den zulässigen Rechtsrahmen bewegt. Mit Netzkompetenz hat das nichts zu tun, eher mit Machtanmaßung.

Siehe auch:

Leistungsschutzrecht: Nur weil “nur” 20.000 Menschen dagegen unterschrieben haben, ist es immer noch nicht akzeptabel.

PETITION GEGEN DAS LEISTUNGSSCHUTZRECHT – Dafür interessiert sich kein Schwein.

Plädoyer für eine Anti-Spitzer-Bewegung: Digitale Demenz ist ein Problem von alten Hirnforschern

Gestern konnte ich eine private Premiere feiern :-). Ich sah zum ersten Mal in voller Länge die Talkshow von Günther Jauch im Ersten. Es sind wohl die Spätfolgen des Christiansen-Syndroms, die sich in meinem Kopf festgesetzt haben, dass ich mir fast nie irgendeine Talksendung anschaue, die uns täglich angeboten wird.

Der Grund für die Ausnahme ist schnell erklärt. Wegen meiner kleinen Polemik zur digitalen Demenz des Hirnforschers Manfred Spitzer rief die Jauch-Redaktion Anfang vergangener Woche an und fragte, ob ich nicht Interesse hätte, an der Runde teilzunehmen. Da das bei mir am Wochenende nicht ging, wollte ich zumindest erfahren, was die „prominenten“ Kontrahenten von Spitzer an Argumenten vortragen. Eigentlich hat man in dem TV-Format keine großen Möglichkeiten, so ein komplexes Thema wirklich sachgerecht zu behandeln. Das war auch gestern so. Zu einem ähnlichen Befund kommt Spiegel Online-Redakteur Ole Reißmann:

„Mal abgesehen vom immerhin noch lustigen Umstand, dass ausgerechnet im weitgehend passiv genutzten Fernsehen so über die größte interaktive Wissensmaschine der Geschichte gelästert wird – es war größtenteils wirklich schlimm. Wobei es später noch Punkte für Gelassenheit und Kompetenz zu verteilen gibt, allerdings nicht für Jauch und seinen Kronzeugen, den Psychiater Manfred Spitzer. Der hat ein Buch geschrieben, in dem er vor Internet-Verdummung warnt und Eltern aufträgt, ihren Nachwuchs möglichst lange von Computern fernzuhalten. Es ist ein gewagtes Mash-up aus rhetorischen Fragen, Allgemeinplätzen und ausgewählten Studien. Die Jauch-Redaktion prügelt Spitzers 368-Seiten-Pamphlet für die Fernsehzuschauer in einen Satz: ‚Wir klicken uns das Gehirn weg‘.“

Reißmann verweist dabei auf zwei sehr löbliche Initiativen. Etwa die von Martin Lindner im Carta-Blog. Martin hat sich durch das Spitzer-Opus förmlich gequält. Nach meiner Wochenend-Lektüre des Demenz-Buches kann ich das bestätigen.

„Diese Suada ist, mit dem Vorwort beginnend, die erste, alles verbindende Schicht des Buchs. (‚Aber, Herr Spitzer, höre ich oft besorgte Eltern fragen …‘ diese merkwürdigen Einsprengsel durchziehen übrigens das komplette Buch, gs). Es liest sich über weite Strecken wie eines dieser obskuren Bücher im Eigenverlag, mit denen selbsternannte Warner und Weltretter in der untergegangenen Gutenberg-Galaxis ihre wirren Meinungen mikropublizierten, vor der Erfindung des Blogs. Der Text genügt selbst in keiner Weise den Maßstäben, die die bildungsbürgerliche Kultur an Argumentation und Stil stellt. (Obwohl ausdrücklich dem Lektor für den Schliff an diesem ‚Rohdiamanten‘ gedankt wird!) Aber das macht nichts, weil es keine/r liest, außer denen, denen dieser Erguß aus der Seele spricht. Ansonsten ist das ein Talkshow-Buch“, schreibt Lindner.

Und dieser Trick funktioniert doch. Spitzer wird jetzt durch die Sender getragen. ZDF, ARD und Co.

Die Gegner von Spitzers Thesen würden in der Regel vor der “Hirnforscher”-Pose einknicken: “Die Ergebnisse Ihrer Forschungen bestreite ich ja gar nicht, aber …”

Und schon habe er gewonnen.

„Wäre er nicht der ärztliche Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, mit vielen peer-reviewten englischsprachigen Aufsätzen zur Wirkung von Depressionen und Sucht auf das Langzeitgedächtnis, würde kein Hahn danach krähen. Sobald man ein klein wenig näher hinschaut (was NormalleserInnen nicht tun und auch kaum können), sieht man, dass es hier keine (!) klaren wissenschaftlichen Ergebnisse gibt, die als bewiesen gelten dürfen – obwohl Spitzer ständig gegen seine Feinde, die Medienpädagogen, polemisiert und auf ‚über 200 Studien‘ verweist, die er ausgewertet habe“, führt Lindner weiter aus.

In der After Jauch Show, an der ich auch teilnahm (mit etwas Verspätung, da ich mit den Missbrauchsfällen am katholischen Gymnasium Cojobo beschäftigte), machte Martin Lindner dann noch eine interessante Anregung. Man sollte das Spitzer-Werk kollaborativ auseinandernehmen – ähnlich wie die Doktorarbeit von Ex-Minister Gutti. Erste Ansätze sind auf Carta und im Dotcom-Blog nachzulesen.

Noch einen Schritt weiter geht der Gaming-Experte Christoph Deeg, der zu einer Anti-Spitzer-Bewegung aufruft. Es reiche nicht aus, dass demente Büchlein zu zerlegen und die Fakten-Melange auf Richtigkeit zu prüfen. Alte Männer wie Spitzer präsentieren keine Lösungen für den Trend zur Vernetzung, sie sind das Problem, warum wir in Deutschland immer mehr in digitaler Mediokrität versanden.

In ausführlicher Form werde ich in meiner The European-Mittwochskolumne auf das Interview mit Deeg eingehen. Weitere Anregungen sind natürlich wie immer willkommen!

Die digitale Demenz ist ungefähr genauso valide wie Forschungsergebnisse der Florida Atlantic University: Twitter-Kurznachrichten geben angeblich Rückschlüsse auf Psychopathien. Eher sind es Projektionen von anmaßenden Wissenschaftlern, die sich im herrischen Kasernenton austoben und gerne mit erhobenen Zeigefinger den Schlaumeier herauskehren – wie Spitzer in der Jauch-Sendung.

Siehe auch:

Wer schützt uns vor den Jugendschützern? Der Abstieg in den Internet-Provinzialismus.

Das Geschäft mit der “German Angst” oder Wie bringt man ein Sachbuch auf die Bestsellerliste?

Mainstream und Social Media: Scheißt der Teufel auch in sozialen Netzwerken nur auf den größten Haufen?

Spiegel-Online-Redakteur Andreas Grieß fragt nach dem Einfluss von Social Media. Sein Urteil: Fehlanzeige. „Eigentlich beschäftigt sich das Web 2.0 in erster Linie mit sich selbst. Das allein muss noch nichts heißen – außer, dass es trotz steigender Nutzerzahlen noch nicht im Mainstream angekommen ist“, behauptet Grieß. Er beruft sich auf eine Studie des US-Blog SmartDataCollectiv. In der Untersuchug wurden 3.000 Social-Media-Beiträge analysiert. Das Ergebnis: Die am häufigsten vorkommenden Schlüsselbegriffe waren „social“ und „media“, gefolgt von „Twitter“ und „Facebook“.

„Das in der deutschen Blogosphäre derzeit meist verlinkte Blog ist netzpolitik.org. Über welche Themen dieses hauptsächlich berichtet, sagt bereits der Name. Mit dem Basic Thinking Blog, Netzwertig sowie dem Blog zur re:publica, einer Veranstaltung zu Blogs und Social Media, sind weitere Blogs sehr weit oben in den inoffiziellen deutschen Blogcharts, die sich überwiegend mit Themen des Internets beschäftigen. Der Nachrichten-Aggregator Rivva, bei dem Artikel von Nachrichtenseiten und Blogs vor allem danach sortiert werden, wie häufig Beiträge in Blogs und auf Twitter auf sie verlinken, listet seine ‚Leitmedien‘ auf. Aktuell liefert demnach SPIEGEL ONLINE die meisten Topmeldungen. Direkt danach folgt bereits das offizielle Google-Blog und netzpolitik.org. Die Hausblogs von Twitter, Apple, Facebook und YouTube rangieren ebenfalls vor den meisten gängigen Nachrichtenseiten“, schreibt Grieß.

Es bedeute nach seiner Meinung nicht, dass das Web 2.0 andere Lebensbereiche nicht verändert. „Die Daten sprechen eher für etwas anderes: Dass das Mitmach-Netz trotz steigender Nutzerzahlen noch nicht im Mainstream angekommen ist.“
Ein Indiz dafür sei zum Beispiel auch, dass Sport nur sporadisch vorkommt, geht es um die meistverlinkten Blogs, die meisten Follower bei Twitter oder die meisten Fans bei Facebook. Laut dem Marktforschungsunternehmen Forrester Research würde die Anzahl von wirklich aktiven, Inhalte produzierenden Nutzern in den USA sogar wieder abnehmen. Aber was ist denn heute noch Mainstream in sozialen Netzwerken, lieber Andreas Grieß.

Eine sehr gute Replik auf den Spiegel-Beitrag hat Thilo Specht geschrieben: „Eine Stichprobe aus 3.000 Beiträgen bedeutet in den Social Media – nix. Nada. Nothing.Allein in Twitter werden täglich 90 Millionen Tweets geschrieben (Quelle: http://techcrunch.com/2010/09/14/twitter-seeing-90-million-tweets-per-day/ ).Auf Facebook werden monatlich mehr als 30 Milliarden Inhalte von den Nutzern eingestellt (Quelle: http://www.facebook.com/facebook#!/press/info.php?statistics ). Von YouTube und dem ganzen Rest fange ich gar nicht erst an. Eine Stichprobe, bestehend aus 3.000 Items, kann in keinster Weise einen repräsentativen Charakter haben.“

Die Mainstream-These erinnert ein wenig an die Netzkritik des Medienphilosophen Norbert Bolz. Im Web soll sich angeblich das Pareto-Gesetz der 80/20-Verteilung bestätigen. „Das ist ein Effekt, der sich überall dort einstellt, wo Menschen aus einer Fülle von Möglichkeiten wählen können“, führt Bolz aus. Vielfalt + Wahlfreiheit = Ungleichheit. 20 Prozent aller Knoten ziehen 80 Prozent aller Links auf sich. Deshalb bekomme man auch im Web eine Wirtschaft der Stars. Der Soziologe Robert K. Merton spricht in diesem Zusammenhang vom Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Oder wie es der Millionär Gunter Sachs etwas deftiger ausdrückte. „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“.

Als Entgegnung kann man den Long Tail-Effekt in die Diskussion bringen. Es gibt in sozialen Netzwerken viele Nischen, wo es entsprechend viele 80/20-Verteilungen gibt. In der einen ist man der „Star“ und in der anderen mehr oder weniger der stumme Konsument und Beobachter.

Entscheidend ist die Frage: 20 Prozent von was? Das kommentierte ein Leser meines Blogs:
Im Unterschied zur „alten“ Welt kann sich jede Spezialgruppe mit wenig Technik und Geld ihr Forum aufbauen. „Wenn dann 20 Prozent der 10 weltweit verteilten Liebhaber von blau-rosa Weinbergschnecken die Aufmerksamkeit in dieser Gemeinschaft auf sich konzentrieren, ist doch alles in Ordnung. In einer anderen Gruppe gehören die beiden wieder ’nur‘ zu den 80 Prozent Konsumenten. Neu ist eigentlich nur der ständige Rollenwechsel.
Es gibt im Web 2.0 keine festgefügte 80/20-Aufteilung.

Man findet zu dem Thema Experten, Nerds und Hobbyisten, die sich in Foren, Blogs oder Chatsystemen tummeln. Da wird über die Restauration des legendären Batmobils aus den 1960er Jahren oder über Schuco-Autos philosophiert. Über alte Fotoapparate, Antiquariate, Literatur, Kultur, Museen, Musik und, und, und.

Über den Porsche Diesel, der als Spielzeugmodell von Kovap originalgetreu auf den Markt gebracht wurde. (siehe Foto oben).

In der Geschäftswelt gibt es interessante Blogs, die sich beispielsweise mit der Serviceökonomie auseinandersetzen. Etwa der Service-Blog mit dem After Sales-Management. Oder der Smart Service-Blog mit Dienstleistungsinnovationen. Oder die Service-Blogger über Service-Ärgernisse. Oder Zukunft-Kundendialog mit der Call Center-Branche. Oder den 3CBlog, der sich auch mit Themen zum Kundendialog beschäftigt.

Gleiches findet man sicherlich zu jedem anderen Thema. Im Sport gibt es sehr viele Vereine, die im Social Web aktiv sind – aber nur lokal wahrgenommen werden, wie die Meistermacher des RW Lessenich in Bonn.

So smart ist die Analysemethode des SmartData Cellective-Blogs nicht.

Dueck statt de Maiziere: Den Internet-Thesen des Innenministers fehlt die Exzellenz

Hier eine kleine Replik zu de Maiziere, die morgen im Magazin NeueNachricht in einer längeren Version erscheinen wird:

Die „14 Thesen zu den Grundlagen einer gemeinsamen Netzpolitik der Zukunft“ von Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, die er wohl nur zufällig am 100. Geburtstag des Computerpioniers Konrad Zuse präsentierte, sind nach Auffassung von Bernhard Steimel, Sprecher des Fachkongresses Voice Days plus und der Smart Service-Initiative, ein Manifest der Irrelevanz und Nichtigkeit: „Wenn wir so die netzpolitische Zukunft gestalten, können wir uns in Deutschland als Technologieland bald verabschieden. Man muss schon angestrengt suchen, um überhaupt einen Hauch von Visionen aus diesem Papier herauszulesen“, kritisiert Steimel.

Wenn de Maiziere proklamiere, dass wir strategische IT- und Internetkompetenzen erhalten und ausbauen müssten, dann sollte die Bundesregierung erst einmal an der eigenen Web-Exzellenz arbeiten. „Der IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck hat das in seinem Buch ‚Aufbrechen‘ treffend skizziert. Der Staat agiert viel zu statisch. Er sieht sich für Infrastrukturen wie Recht, Soziales, Verteidigung, Bildung, Ordnung, Gesundheit oder Verkehr zuständig, vergisst aber die Strukturen der Zukunft. Schon allein die Existenz eines Landwirtschaftsministers aus der Zeit des Primärsektors sei ein Anachronismus. Wir haben ein Industrieministerium, das sich Wirtschaftsministerium nennt. Ein Dienstleistungsministerium hat man schlichtweg vergessen, obwohl Deutschland längst ein Dienstleistungsland ist. Wir haben keine Lobby für die Serviceökonomie, aber eine laute und mächtige Lobby für Industrie- und Bauerninteressen. Die Forderung nach einem Internetministerium wurde nur zaghaft gestellt und schnell wieder verworfen, weil auch die Web-Wirtschaft in Berlin keine politische Relevanz besitzt und Wählerstimmen bringt“, moniert Steimel.

Der Innenminister werte das Internet als eine Basisinfrastruktur des Zusammenlebens und sieht den Staat in der Verantwortung, dass das Internet flächendeckend zur Verfügung stehen müsse. „Gut gebrüllt Löwe. Dieser Satz verlangt konkrete Taten. Danach bringt de Maiziere direkt seine Ausführungen zur Datensicherheit. Das kann einen nicht verwundern, wenn seine Kabinettkollegin Ilse Aigner ihre Rolle als Verbraucherschutzministerin im Kampf gegen Google sowie soziale Netzwerke auslebt und mit großem Getöse ihren Facebook-Ausstieg zelebriert. Substanzelle Positionen über die kommenden Web-Welten können so nicht entstehen“, meint Steimel.
Dueck spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“. Der Staat müsse die Infrastrukturen auf die Zukunft ausrichten. „Zum Beispiel könnte die Bundesregierung einen verbindlichen ‚Fahrplan‘ für den Ausbau des Breitbandinternets herausgeben. Das würde etwa 60 Milliarden Euro kosten, nicht mehr als die Rettung einer Bank“, erläutert Dueck. Zu einem solchen Schritt würde sich niemand entschließen. Ein superschnelles Internet sei für die Wirtschaft und für die Transformation zur Wissensgesellschaft unabdingbar. „Dieselben Leute, die die 60 Milliarden für die Zukunft nicht geben wollen, argumentieren wie selbstverständlich, dass der entscheidende Anstoß zu Deutschlands Wirtschaftswunder der energische und kompromisslose Ausbau des Autobahnnetzes in den 1960er-Jahren war, der für Deutschland eine moderne Infrastruktur schuf“, führt Dueck weiter aus. Ein kompromissloser Ausbau des Internets hätte ähnlich dimensionierte positive Auswirkungen.

„Die Innovationsrevolutionen des Internets werden von den politischen Meinungsführern immer noch unterschätzt. Technologien und Geschäftsmethoden können über Nacht wertlos werden. Etablierte Branchen gehen unter und neue entstehen. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung ist doch ein Indiz für die falschen Akzente in der Wirtschaftspolitik. Um ein robustes Wachstum zu erreichen, dürfen wir die traditionellen Industriezweige nicht mit kurzfristig wirkenden Steuermitteln versorgen mit einer nur geringen Halbwertzeit. Damit verschleppt die Bundesregierung wichtige Umstellungsprozesse“, sagt Peter Weilmuenster, Vorstandschef des Frankfurter After Sales-Dienstleisters Bitronic. Jetzt sei eine Wirtschaftspolitik gefragt, die von überholten Produktionen abgeht und zielstrebig auf eine innovative Umgestaltung der Volkswirtschaft hinarbeitet. „Das Konjunkturpaket der Regierung ist überwiegend das Ergebnis defensiver Strategien. Wenn wir mit den gigantischen Budgetdefiziten in den nächsten Jahren keine ordentlichen Wachstumsraten auf die Beine stellen, wird sich das in Zukunft destabilisierend auf die Konjunktur auswirken“, prognostiziert der Bitronic-Chef.