Management in Zeiten des Kontrollverlustes: Wie kann das funktionieren?

Kann man Kontrollverlust organisieren?
Kann man Kontrollverlust organisieren?

Stichworte wie Enterprise 2.0, Crowdsourcing, Selbstorganisation, Kunden helfen Kunden, Netzwerk-Ökonomie, starke und schwache Beziehungen im Internet, Zugang zu nichtredundanten Informationen, Wissensmanagement über kollektive Intelligenz oder Management in Zeiten des Kontrollverlustes sind das, womit sich Führungskräfte heute beschäftigen sollten – in der Politik, in der Verwaltung und in der Wirtschaft!

Wie sich neue Technologien und das Internet auf Unternehmen auswirken werden, ist nach Ansicht von Aastra-Chef Jürgen Signer noch schwer zu beantworten:

„Die Erwartungshaltung von jungen Leuten, die ins Berufsleben starten, ist riesengroß. Was sie im privaten Umfeld an Kommunikationstechnologien nutzen, erwarten sie auch am Arbeitsplatz. Hier müssen sich die Firmen erst herantasten.“

Viele Geschäftskunden seien bei diesem Thema noch sehr zögerlich. Man müsse alle Mitarbeiter mitnehmen, nicht nur die Nachwuchskräfte.

Notwendigkeit von Social-Web-Exerzitien

Um die Social-Web-Philosophie in einem Unternehmen zu verankern, sollte man das machen, was die Jesuiten „Exerzitien“ nennen, so der Ratschlag des Netzwerkexperten Professor Peter Kruse.

„Sie machen Übungen, die dazu geeignet sind, Wertemuster in Bewegung zu versetzen. Und ich glaube, das empfindet jeder, der mit diesen Technologien arbeitet. Wenn man sich wirklich in seinem Alltag auf die neuen Möglichkeiten einlässt, ändert sich der Arbeitsstil und nach einiger Zeit ändern sich auch die Einstellungen und Bewertungen.“

Das Einführen der Technologie sei noch der leichteste Teil. Man müsse einen Erlebnisraum für nicht hierarchische Kommunikation schaffen.

„Wenn Sie ein Netzwerk haben, dann treten die Top-down-Beeinflussungen in den Hintergrund. Man arbeitet weniger über die Linie. Macht ist nicht mehr gekoppelt an den Besitz der Information. Dann muss man sich einlassen auf unkontrollierte, ja sogar unkontrollierbare Dynamik. Und da sehe ich bei Unternehmen tatsächlich noch ein Problem“, erläutert der Organisationspsychologe.

Okkupation der sozialen Medien

Als Indikator für diese These kann man die Netzaktivitäten der Firmen auf Facebook und Co. heranziehen. „Social Media wird okkupiert von den klassischen Marketingstrategen“, moniert Kruse im Interview mit „The Narrative“. Ein Anstupser hier, ein Gewinnspiel da, ein wenig Storytelling dort oder alter Wein in neuen Schläuchen unter der Überschrift „Content Marketing“. Das Ganze degeneriert zur Fortsetzung der Berieselungswerbung mit anderen Mitteln:

„Wenn man ehrlich ist, dann sind die neuen Möglichkeiten auch neue Wege, um Kunden noch mehr und noch nachhaltiger zu nerven. Wenn Retargeting-Experten ins Schwärmen kommen, dann wird den meisten Usern übel. Und wenn E-Mail-Experten empfehlen, die Newsletter am besten täglich zu verschicken, dann finden das 99 Prozent der Adressaten gar nicht lustig“, weiß Jan Steinbach vom Beratungsunternehmen Xengoo in Düsseldorf.

Der Kunde wird immer noch nicht als Souverän des Geschehens betrachtet, sondern als manipulierbares Klickvieh.

Unternehmen, die wirklich relevanten Content und Dialog bieten, werden von den Kunden gefunden und bevorzugt.

„Also kein Platz für Störwerbung! Und schon gar nicht für solche, die einen mittels Cookies oder sonstigem Tracking auf Schritt und Tritt verfolgt“, resümiert Steinbach.

Nach Ansicht von Kruse entscheidet nicht die Sendeenergie des Anbieters, sondern die Neugier des Nachfragers. So viel Kontrollverlust wollen die liebwertesten Gichtlinge in den Unternehmen immer noch nicht zulassen. Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne.

Bürokratische Hierarchien prägen immer noch den Alltag fast aller größeren Organisationen, so die Analysen von Niels Pfläging in seinem Opus „Organisation für Komplexität“. Jeder von uns registriert diese Denke mit Unbehagen. In der Praxis ist das Chefgehabe aber nicht totzukriegen.

„Wenn wir von Management sprechen, meinen wir Techniken, Instrumente und Modelle, die auf die Verbesserung oder Optimierung von Organisationen als Systeme von Weisung und Kontrolle abzielen“, schreibt Pfläging.

Wie kann man nun diese Hierarchien brechen? Pfläging bringt dezentralisierte Netzwerkstrukturen ins Spiel, bei denen es keine Positionen, sondern Rollen gibt. Und die können ständig wechseln – Status verliert an Bedeutung. Vielleicht hilft es ja auch, die „stehenden Heere“ in der Bürowelt aufzulösen, um mehr Spielraum für Selbstorganisation zu bekommen. Wo und wie jemand arbeitet, ist egal. Entscheidend sind die Projektziele und nicht das Chefregime über Vorzimmer, Schleimer, Befehlsempfänger und Meeting-Schauläufer. Mit Thomas Dehler von Value5 habe ich das in puncto vernetzte Services diskutiert – Bericht folgt dazu noch.

Wie seht ihr das? Wie lässt kann man das Management in Zeiten des Kontrollverlustes organisieren? Das würde ich gerne über Interviews vertiefen.

Mit dem Anwesenheitswahn will die neue Arbeitsministerin Nahles ja schon mal Schluss machen. Bin gespannt, was da herauskommt…

Heute um 16 Uhr werden wir das bei Bloggercamp.tv mit Michael Seemann sicherlich ansprechen, schließlich geht es um sein erfolgreich via Startnext finanziertes Buch „Das Neue Spiel – Nach dem Kontrollverlust“.

Man hört und sieht sich nachher 🙂 Hashtag für Twitter-Zwischenrufe

Eine neue Ära der Berechenbarkeit versprechen ja die Big Data-Hohepriester. Das sind auch nur Placebo-Effekte.

5 Jahre Carta: Feier mit Podiumsdiskussion über den Journalismus nach Snowden: „Wie engagiert darf, wie neutral muss Journalismus sein?“

Carta feiert Geburtstag
Carta feiert Geburtstag

Morgen feiert Carta im Berliner BASE_camp sein fünfjähriges Bestehen.

Fünf Jahre Carta, das sind mittlerweile fast 5.800 Beiträge von rund 600 Autoren. Fünf Jahre Carta, das sind auch mehr als 36.000 Kommentare von Lesern, teilen die Herausgeber in einer Presseaussendung mit.

Um digitale Debattenkultur, um argumentative Auseinandersetzung im Netz ging es Robin Meyer-Lucht, als er Carta Ende 2008 als „Plattform der digitalen ÖÖffentlichkeit“ für eine Vielzahl von unterschiedlichen Positionen rund um Politik, Wirtschaft und Kultur ins Leben rief.

Carta war dabei immer auch mit dem Ziel verbunden, ein Bewusstsein für die politisch und publizistisch vernachlässigten Herausforderungen des digitalen Wandels zu fördern. Insofern war der Mehrautoren-Blog nicht nur Beobachter, sondern auch aktiver Teil des Umbruchs.

Heute ist das Netz in der Realpolitik angekommen – und Gegenstand intensiver Kontroversen, bei denen auch Journalisten nicht selten Partei sind. Siehe auch das Bloggercamp.tv-Gespräch mit Carta-Herausgeber Wolfgang Michal.

Seit Emile Zolas „Ich klage an…!“ und dem Aufkommen des „Muckraker“-Journalismus in Amerika stellt sich die Frage „Wie engagiert darf, wie neutral muss Journalismus sein?“ Gilt noch die „Doktrin“ des Fernsehjournalisten Hanns-Joachim Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“

Oder muss dieser journalistische Leitsatz heute modifiziert werden?

Seit den Enthüllungen durch Wikileaks, besonders seit den Enthüllungen der Snowden-Dateien durch Glenn Greenwald stellen sich diese Fragen mit neuer Aktualität.

Darüber diskutieren am 10. Dezember um 18.30 Uhr im Berliner BASE_camp, Mittelstraße 51-53:
• Marina Weisband, frühere politische Geschäftsführerin der Piratenpartei
• Franz Sommerfeld, Vorstand M.DuMont Schauberg
• Cherno Jobatey, Editorial Director Huffington Post Deutschland
• Wolfgang Michal, Herausgeber Carta.info
Moderiert wird das Gespräch von der Medienjournalistin Vera Linß (Deutschlandradio Kultur, DRadio Wissen).

Da hoffe ich doch auf Livestreaming 🙂

Digitalisierungspolitik der #GroKo mangelhaft: Booz-Technologieexperte rechnet mit Wachstumsverlusten

In der Digitalisierungspolitik fehlt der GroKo wohl der Durchblick
In der Digitalisierungspolitik fehlt der GroKo wohl der Durchblick

ichsagmal-Interview mit Dr. Roman Friedrich von Booz & Co. zur Digitalen Agenda der GroKo.

Bericht zum Interview folgt.

Mehr APO wagen #GroKo

GroKo ohne Gegenmacht
GroKo ohne Gegenmacht

Im Social Web wird gerade über das ZDF-Interview von Frau Slomka mit dem SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel diskutiert. Hier nur mein kleiner Facebook-Ausschnitt. Aus guten Gründen. Es fehlt der TV-Journalistin wohl ein wenig die politische Bildung. Man kann das Verfahren der Sozialdemokraten beim Mitgliedsvotum über den Koalitionsvertrag kritisieren, gegen das Grundgesetz verstößt der von den Parteien zu verantwortende interne Willensbildungsprozess nicht.

Das kann über Ur-Abstimmungen laufen, Vollversammlungen, Bundesparteitage oder über Vorstandsbeschlüsse. Das regeln die Parteien über ihre Satzungen selbst. Und im Grundgesetz steht, die Parteien wirken an der politischen Willensbildung mit. Ich finde es übrigens gut, wenn Parteien den Mut finden, bei essentiellen politischen Fragen vom Delegierten-Prinzip abzurücken – etwa bei der Nominierung von Kandidaten zur Bundes- oder Landtagswahl. Dieser Spielraum sollte noch viel mehr genutzt werden.

Weit gewichtiger finde ich die Bedenken des CDU-Politikers und ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, die er in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt formuliert hat (steht online leider nicht zur Verfügung):

„Strukturell kündigt sich mit der Superkoalition (GroKo finde ich besser, gs) ein in der Geschichte der Bundesrepublik bisher nicht erlebtes politisches Machtzentrum an. Es spricht dem Grundsatz der Gewaltenteilung Hohn. Mit ihm werden Parlament und Regierung zu einer Einheit verschmolzen, die nicht länger mit einer wirksamen parlamentarischen Opposition rechnen muss.“

Mit ihrer Mehrheit könne die GroKo die Verfassung ändern, die Relativierung der Schuldenbremse riskieren, ohne Widerstand im Bundestag zu befürchten. Da Union und SPD auch den Bundesrat dominieren, fällt ein weiterer Pfeiler zur Machtbegrenzung weg. Checks and Balances sind aber die Essenz des Grundgesetzes, die in den nächsten vier Jahren auf wackligen Beinen steht. Die gefährdete Gewaltenteilung sollte durch ein verstärktes Engagement der Bürgerschaft kompensiert werden, fordert Biedenkopf.

Also so eine Art APO-Elchtest für alles, was die GroKo auf die Agenda setzt – in Bloggercamp.tv haben wir das „Stiftung Märchentest“ genannt.

Was könnte man tun? Maximale Durchsichtigkeit der Entscheidungsprozesse fordern. Generell namentliche Abstimmungen beantragen bei relevanten Themen und die Aufbereitung des Verhaltens via Datenjournalismus – beim Leistungsschutzrecht war das sehr erhellend.

Zudem kann man sich da auch direkt auf den Koalitionsvertrag beziehen – was übrigens die Livestreaming-Community freuen wird.

kopierbar Koalitionsvertrag-Digitale-Agenda-CDU-CSU-SPD-27-11-2013

Auf Seite 152 steht:

Transparenter Staat
Die digitale Berichterstattung über den Bundestag und seine Sitzungen sowie über öffentliche Ausschusssitzungen und Anhörungen (z. B. in Streams) wollen wir ausbauen. So bald wie möglich werden wir Bekanntmachungen wie beispielsweise Drucksachen und Protokolle in Open Data tauglichen Formaten unter freien Lizenzbedingungen bereitstellen.

Welchen Sinn sieht Biedenkopf in einer Bürger-Opposition? Der Widerspruch der parlamentarischen Opposition wirkt in der Regel solidarisierend auf die Regierungsfraktionen – es fördert eher den Chor-Geist der GroKo. Bei einer außerparlamentarischen Opposition sieht das anders aus.

„Sie wird weniger parteipolitisch ausgerichtet sein und sich stärker als Vertretung von Interessen begreifen, die dem Gemeinwohl unmittelbarer verwandt sind.“

Zudem stehe das Machtmotiv nicht im Vordergrund. Daraus könne der Bürgeropposition ein Vertrauen zuwachsen, mit dem die Parlamentsopposition nicht ohne weiteres rechnen kann, meint Biedenkopf.

Bemerkenswerter Beitrag eines CDU-Politikers, der zu den wichtigsten Denkern dieser Partei zählt.

Was haltet Ihr von diesen Vorschlägen?

LfM vergibt Forschungsprojekt „Social TV“ – Letzte Ölung für’s klassische Fernsehen #Streamcamp13

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Die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) vergibt das Forschungsprojekt „Social TV. Aktuelle Nutzung, Prognose, Konsequenzen“ an die Goldmedia GmbH aus Berlin. Dies beschloss die Medienkommission der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) in ihrer Sitzung am 15. November 2013. Das Forschungsprojekt soll vernetztes Fernsehen untersuchen und dabei sowohl die Seite der Nutzer als auch die der Anbieter in den Blick nehmen. Es soll unter anderem herausgefunden werden, wie sich Zusatzangebote auf das Nutzungsverhalten und Medienkritik auswirken und inwiefern Sender in ihrer Programmgestaltung auf soziale Kanäle und die Debatten dort reagieren.

Soweit der LfM-Text der Pressemeldung. Bin gespannt auf die Forschungsarbeiten von Goldmedia.

Interessant dazu die Ausführungen von Markus Hündgen bei der Präsentation des Grimme-Buches „Anders fernsehen“:

„Social TV ist eine Brückentechnologie, um etwas zu emulieren, was es woanders deutlich besser gibt. Leider scheitert diese Technologie bereits an der Basis-Technologie Fernsehen. Das Internet besitzt eine eigene Diskussionskultur, die aus der Basis-Technologie Netz heraus entstanden ist, wohingegen TV niemals als Debattenmedium erdacht war. Kurzum: Internet ist Dialog, Fernsehen ist Monolog.“

Über das Grimme-Buch möchte ich ja in einer Session mit Euch auf dem StreamCamp am Wochenende diskutieren. Wollte das am Sonntag machen.

Jetzt live: Sensationelle Bilder von der #Agritechnica – Leistungsschau in Bonn

Oder einfach mal bei Agrarblogger vorbeischauen 😉

Wer sich für die Traktoren im Kleinformat interessiert, sollte das hier lesen:

Es gibt sie noch, die guten Dinge: Aber nicht nur bei Manufactum – Der Kulttraktor Porsche-Diesel 419 im Maßstab 1:25

Digitale Aufklärung statt Kulturpessimismus

Wissenschaftler und Science Fiction-Autor Professor Franke
Wissenschaftler und Science Fiction-Autor Professor Franke

Statt mit kulturpessimistischen Digital-Debatten wertvolle Zeit zu verplempern, sollten wir uns Hirn vielleicht etwas mehr anstrengen, um Sinnvolles auf die Beine zu stellen. Beispielsweise in der Bildungspolitik, wo wir uns nicht mit den Potenzialen des vernetzten Lernens beschäftigen, sondern sinnlose Strukturdebatten führen. Dabei wäre es wichtig, sich besonders in der Bildungspolitik mit den Vorzügen des vernetzten Lernens auseinanderzusetzen. Stattdessen vergeuden die Kultusminister von Bund und Ländern wertvolle Zeit für Struktur-Diskussionen. An den wirklichen Schwächen der Wissensvermittlung mogeln sich die meisten vorbei.

„Besonders im Schulunterricht werden Dinge gemacht, die eher schädlich sind als nützlich. Ein Lehrer muss sich mit 30, 60 oder 90 Schülern beschäftigen; er hat ja nicht nur eine Klasse und muss das große Ganze im Blick haben, aber nicht den Einzelnen“, sagt der Wiener Naturwissenschaftler und Science Fiction-Autor Professor Herbert W. Franke.

Eine individuelle Förderung sei unter diesen Umständen nicht möglich. Beim Einsatz von digitalen Lernautomaten würde das anders aussehen. Wenn man ein analytisches System zur Verfügung habe, ist eine Bestandsaufnahme für jeden einzelnen Schüler möglich. Zudem könne der Unterricht variabler gestaltet werden.

„Zwei- oder dreidimensionale Zusammenhänge lassen sich mit Bildern besser ausdrücken als mit Worten. So könnte man in Schulen in den ersten Jahren völlig ohne Formeln auskommen. Eine Visualisierung der Mathematik bringt sehr viel bessere Lernergebnisse“, sagt Franke.

So sei es heute mit Computerhilfe möglich, komplizierteste Gebilde in Bruchteilen von Sekunden auf den Schirm zu zaubern – wenn gewünscht bewegt oder interaktiv veränderlich.

„Der größte Teil aller mathematischen Zusammenhänge lässt sich in Bildern ausdrücken und erspart in den meisten Fällen die Mühe einer umständlichen Interpretation“, weiß Franke.

Visualisierte Formen würden zudem einen ästhetischen Reiz ausüben und die übliche Abneigung gegen Mathematik reduzieren.

„Diese Erkenntnis gilt generell für Naturwissenschaften – selbst für Quantenphysik und Molekularchemie“, sagt Franke.

Vielleicht übertragen die omnipräsenten Internet-Skeptiker auch nur ihre eigenen Ängste auf die ganze Gesellschaft. Nicht unüblich für eine Zeitenwende, wie die Autoren Ossi Urchs und Tim Cole in ihrem neuen Buch „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“ konstatieren. Was die liebwertesten Gichtlinge der Neo-Phobie in die Welt blasen, sagt mehr über das Weltbild der Kritiker als über die Wirklichkeit. Sie betrachten die Informationsgesellschaft eher mechanistisch.

„Sie sehen die Menschen als Vieh, das nur stumm wiederkäuen und sich ansonsten von medialen Hirten wie ihnen vorantreiben lassen muss in eine ungewisse, fremdgesteuerte Zukunft“, so Urchs und Cole.

In Wahrheit geht es beim kollektiven Gejammere um Machtverschiebungen oder um enttäuschte Erwartungen, wie bei Joran Lanier, der mittlerweile das Internet für Maoismus hält und dabei wohl nur seine eigenen gescheiterten Projekte als Risikokapital-Unternehmer kompensiert. Er sollte weniger in der Mao-Bibel blättern und mehr Kant lesen: „Jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.“ Vor der gleichen Aufgaben stehen wir heute mit der digitalen Aufklärung, resümieren Urchs und Cole in ihrem Opus. Stimmt! Mehr dazu in meiner morgigen The European-Kolumne.

Heute schon gelandet? Vom Sinn und Unsinn einer Landingpage

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Landing Pages dominieren das Web, schreibt der Unternehmensberater Jens Klemann in einem Beitrag für den Smarter Service-Blog:

Jede Seite – sei es ein Unternehmensauftritt, ein Blog, eine Produktpräsentation oder eine interaktive Webanwendung – konkurriert um die Aufmerksamkeit der Internetnutzer.

„Wichtig ist also, dass man die Besucher, die kommen, auch halten kann. Dazu muss natürlich die Gestaltung der Seite ansprechend sein, sie muss einfach zu verstehen und einfach zu bedienen sein und darüber hinaus dem Besucher einen Mehrwert bieten (und sei es, dass er durch die angebotenen Informationen schlauer wird). Das Wichtigste ist allerdings, dass die Erwartungshaltung erfüllt wird. Eine Seite kann noch so schön und innovativ sein, wenn ein Besucher dort nicht das findet, was er sucht, ist er ganz schnell wieder weg. In dem Zusammenhang fällt mir ein Fehler ein, den Marketer bei Ihren AdWords Kampagnen häufig machen: Als Zielseite für alle Anzeigen wird die Startseite eingestellt. Das kann je nach Aufbau der Startseite in Einzelfällen funktionieren, wird aber nie so gut performen, wie eine dedizierte Landing Page, die inhaltlich, visuell und vom Call-To-Action her auf die Anzeige zugeschnitten ist. So bedient man die Erwartungshaltung und erhöht die Wahrscheinlichkeit, mit der der Besucher in die Interaktion einsteigt. Nicht zuletzt reduziert eine inhaltlich gut vorbereitete Landing Page als Ziel für AdWords Anzeigen auch den Klickpreis und damit letztendlich auch die Cost per Lead“, so Klemann.

Die Landingpage-Dominanz-These trifft allerdings nur auf Google AdWords-Kampagnen zu.

„Hier sind schnell erstellte und leicht zu optimierende Seiten durchaus hilfreich. Besonders wenn es um den Verkauf und die Lead-Generierung geht. Denn für diese Aktionen sind die Unternehmensseiten oft ungeeignet, da dort zu viele Anspruchsgruppen mit reinreden. Die Firma soll präsentiert werden, die Presse soll alles finden und die Produkte will man alle in gleicher Hierarchie präsentieren. Firmenwebsites sind oft Konsensentscheidungen, bei denen dann noch die Hippo-Entscheidung das Ergebnis zusätzlich torpedieren kann“, bemerkt Online-Marketingexperte Robin Heintze von der Kölner Agentur morefiremedia.

Bei reinen Verkaufsseiten für Google AdWords sei das anders gelagert. Hier könne man wesentlich besser fokussieren. Das reicht aber nicht aus:

„‚Da können wir ja mal schnell eine Landingpage machen‘, ist eine Aussage, die wir oft hören. Schnell machen, schnell neu machen, ohne Konzept und Plan. Und dabei wird ignoriert, dass diese Seiten für die organische Google-Suche oft nutzlos sind. Wenn ich mich nur auf Landingpages konzentriere, bin ich auch darauf angewiesen, Geld in Google AdWords zu investieren. Kurzfristig schnell, günstig und erfolgreich. Mittelfristig ist das Geldverschwendung“, erläutert Heintze.

Bei Zielgruppen, die man in sozialen Netzwerken als Fans oder Follower gewinnt und die auch bereit sind, Inhalte zu teilen oder Freunden zu empfehlen, ist ein Besuch der Landingpage eher unwahrscheinlich.

Das Internet wird nach wie vor von Informationen geprägt und Informationen sind der Hauptgrund, warum Menschen online gehen.

„Also muss ich nicht nur tolle Verkaufsseiten haben, sondern für eine nachhaltige Strategie auch relevanten Content bringen“, empfiehlt der morefiremedie-Geschäftsführer.

Und diesen Content müssen Suchmaschinen und Nutzer finden, verstehen und mögen.

Beide Maßnahmen – also die Erstellung von Landingpages für AdWords und eine Content Strategie für Suchmaschinen und Nutzer – sind nach Auffassung von Heintze entscheidend. Landingpages sind für kurzfristigen Umsatz, schnelle Tests zum Ausprobieren von Ideen, Preismodellen oder Kommunikationsmaßnahmen optimal. Aber sie sind nur ein Teil einer erfolgreichen Online-Strategie.

Mit Jens Klemann und Robin Heintze könnten wir zu diesem Thema ja mal eine Bloggercamp.tv-Diskussion machen. Wer hätte denn Interesse an so einem Expertengespräch?

CDU-Netz-Altland-Politik: Neuer Staatssekretär soll digitale Zustände bündeln

Nationaler IT-Lutschpastillen-Gipfel
Nationaler IT-Lutschpastillen-Gipfel

In meiner Mittwochskolumne für „The European“ habe ich mich über den ideologischen Überbau der digitalen Altland-Politik der Union ausgelassen und nun werden meine dortigen Analysen nicht nur von der Realität bestätigt, sondern sogar übertroffen – im negativen Sinne. So berichtet heise.de von einem Gesprächskreis der CDU zur „Digitalisierungspolitik“, der Vorschläge für die neue Legislaturperiode erarbeitet hat.

Statt eines Internet-Ministers, wollen die Unionisten nur einen zusätzlichen Staatssekretär installieren, der die „Zuständigkeiten“ für Themen der Digitalisierung“ auf Regierungsebene stärker bündeln solle. Der Beamte könnte unter das Dach des Innen- oder Wirtschaftsministerium schlüpfen. Auch die Notwendigkeit eines eigenständigen Bundestagsausschusses sehen die Altland-Neuland-Strategen der Merkel-Partei nicht. Es reiche ein Unterausschuss für Digitalpolitik als Anhängsel des Innen- oder Wirtschaftsausschusses aus, heißt es in einem heise online vorliegenden Strategiepapier der Arbeitsgruppe mit dem Titel „Vorschläge zur Digitalisierungspolitik“.

„Der Begriff ‚Netzpolitik‘ taucht in dem Dreiseiter, der eine ‚digitale Strategie für Deutschland‘ umreißen soll, gar nicht auf.“

Die abgegebenen Empfehlungen seiner Parteikollegen begeistern den CDU-Bundestagsabgeordneten und cnetz-Politiker Thomas Jarzombek nicht. Er selbst habe an der Gesprächsrunde nicht teilnehmen können – was ich etwas merkwürdig und schwach finde. So richtig Ballhöhe haben die Netzpolitiker der Union wohl nicht, wenn man sich ihre Website anschaut. Der letzte Eintrag (Stand heute) ist von August.

So hätten sich in dem Papier offenbar führende CDU-Rechtspolitiker weitgehend durchgesetzt, die kein großes Interesse an einem weiteren Hauptausschuss hätten.

Mir wird so langsam übel, wenn ich Vorschläge lese, die ein neuer Staatssekretär erfülle solle: „Zuständigkeiten“ für Digitalisierung auf Regierungsebene „bündeln“. Erinnert sich noch jemand an den Altherren-IT-Gipfel aus dem Jahr 2007? Da ist ein Staatssekretär als so genannter Bundes-CIO installiert worden unter dem Dach des Staatstrojaner-Innenministeriums, um die digitalen Aktivitäten der Bundesministerien zu bündeln – mit dem unglaublichen Sachverstand von teuer bezahlten Unternehmensberatern.

Ein Blick in die Haushaltspläne reicht aus, um zu erkennen, wie viel Kohle bei den BundOnline-Projekten in den Sand gesetzt wurde. Jedes BundOnline-Projekt hatte und hat übrigens einen eigenen externen Unternehmensberater einer weltweit führenden Beratungsfirma, die mit „M“ beginnt. Auch ein weiterer Staatssekretär wird an diese digitale Lutschpastillen-Politik anknüpfen – in der Regel sind das übrigens Verwaltungsjuristen, die auf diese Jobs gesetzt werden. Da schließt sich der Kreis zum aktuellen Strategiepapier der Altland-Partei.

Siehe auch:

CDU-Gesprächskreis Digitalisierung will weniger Netzpolitik.

Wenn Politikflüsterer das Internet unterschätzen.

Der Kunde sagt Dir, wie Du mit ihm sprechen sollst: Call Center machen keinen Dialog

Hotline-Terror
Hotline-Terror

Das Motto der Call Center World im nächsten Jahr, die sich verschämt nur noch CCW nennt, lautet “Wir machen den Dialog” und bringt Service-Experten direkt auf die Palme.

Das “Wir” klingt nach Größenwahnsinn, obwohl Hotline-Einheiten im Kundenservice der Unternehmen nie weit oben auf der Agenda standen. Man erweckt den Eindruck, so Harald Henn in einem Gastbeitrag für den Smarter Service-Blog, andere Organisationseinheiten seien nicht weiter wichtig, wenn es um den Dialog mit den Kunden geht.

„Zweiter Irrtum – und der wiegt weitaus schwerer: Das Unternehmen mit seinem Call Center erhebt den Anspruch, Dialoge zu führen und zu gestalten. Kein Wort, keine Silbe zum Kunden und seiner Rolle in diesem Spiel“, moniert Henn.

Das Ganze riecht auch ein wenig nach Wahrnehmungsstörungen, da Hotline-Anbieter in Deutschland konstant am unteren Ende der Beliebtheitsskala rangieren – ungefähr vergleichbar mit Heizdecken-Verkäufern und Versicherungsvertretern. Die Schmalzlöffel in Autohäusern würde ich noch dazu packen.

„Dieses Negativ-Image begleitet die Branche seit ihrer Geburtsstunde“, so Henn.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue negative Schlagzeilen produziert werden. Es sind dann immer die berühmten Schwarzen Schafe, die als Ursache herhalten müssen. Als Maßnahme wird regelmäßig eine Image-Kampagne ins Spiel gebracht.

“Wir machen den Dialog” sei die trotzige Reaktion einer Branche, die sich missverstanden und beleidigt fühlt. Strukturelle Probleme werden nicht gesehen.

„Seit 2006 geht das Anrufvolumen zurück. In vielen Studien dokumentieren die befragten Personen, dass sie die asynchrone Kommunikation einem Anruf vorziehen. Gleichzeitig wünschen sie sich eine Verbesserung der persönlichen Kommunikation in den Fällen, wo sie mit einem Unternehmen reden wollen oder müssen. Die Verlagerung auf Selfservices, die Nutzung von Apps und digitalisierten Geschäftsprozessen schreitet unaufhaltsam voran. Ganz zu schweigen davon, dass die Kunden auch ein anderes Selbstbewusstsein im Umgang mit Unternehmen entwickeln“, führt Henn weiter aus.

Egal, um was es geht, der Kunde gibt entscheidet, wann und wir er kontaktiert werden will. Das gilt für Service-Anliegen und auch fürs Marketing, wie Jan Steinbach von Xengoo und Inken Kuhlmann von Hubspot auf der Inbound Marketing Fachkonferenz in London erläutern – für Hubspot sozusagen die Deutschlandpremiere im öffentlichen Auftreten bei Bloggercamp.tv.

Kunden haben keinen Bock mehr auf blutleere und bürokratische Prozesse von der Stange. Loslassen und Kontrollverluste hinnehmen ist das Gebot der Stunde.

„Es steht für mich völlig außer Frage, dass wir in den nächsten 15 Jahren noch weitere tektonische Veränderungen sehen werden. Es wäre zutiefst fahrlässig, diese Veränderungen zu ignorieren. Ähnlich der Technisierung der Produktion in den 70ern wird auch der Kundenservice technisiert werden – schon in den nächsten Jahren werden erste Marken völlig neue Konzepte realisieren“, so Andreas Klug vom Kölner Softwarehaus Ityx.

Er formuliert einige Fragen, die wir in einer Call Center-Expertenrunde heute Abend, um 19:30 in Bloggercamp.tv beantworten wollen:

Wo ist die Antwort der Call Center-Branche? Welche Konzepte werden verfolgt? Oder will der Kundenservice solange warten, bis das Marketing die Hoheit über die Kundeninteraktion übernommen hat?

Hashtag via Twitter verwenden, wer während der Liveübertragung mitmischen möchte. Wir sehen und hören uns gleich 🙂