#SchlauerArbeiten ohne Ego-Manager

Ego

In seinem Opus “Leadership in der digitalen Welt” behandelt der Peter Paschek das Auseinanderklaffen von Innen- und Außensicht der Top-Leute im Management. In den vergangenen 25 Jahren seien vor allem narzisstische Führungskräfte herangezogen worden, die die Interessen anderer besonders wenig achten. In den USA erlangen narzisstische Persönlichkeiten mit viel höherer Wahrscheinlichkeit einen Vorstandsposten als ihre nicht-narzisstischen Kollegen. Das Internet macht diese Defizite im Führungsverhalten sichtbarer – es fungiert wie ein Vergrößerungsglas:

„Keine Institution, keine Autorität, kein Papst, kein Präsident, kein Heiliger, weder Frauen noch Männer können glaubhaft ein Edelmenschenkostüm tragen“, so Manfred Schneider in dem Buch „Transparenztraum“, erschienen im Matthes & Seitz-Verlag.

Und dennoch werden viele Unternehmen von Ego-Managern dirigiert, die sich abschotten, den Dialog auf Augenhöhe verweigern, ihre Organisationen mit Kennzahlen auf Effizienz trimmen und in Hinterzimmern ihre Karrieren absichern.

Als Schule der Intrigen mit Macho-Kultur bezeichnet der Ex-Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger im „Spiegel“-Interview die düstere Realität auf Chefetagen. Er muss es wissen. Deutsche Unternehmen seien viel stärker auf pure Effizienz fixiert als etwa angelsächsische oder skandinavische.

„Ertragsziele werden oft exzessiv bis auf die unterste Ebene durchgestellt. Da bleiben kaum Freiräume für die Mitarbeiter, neue Wege zu suchen. Ausländische Kollegen halten viele deutsche Topmanager oft für spröde, steif, humorlos und förmlich. Das ist ein Spiegelbild der kreativitätsarmen Unternehmenskultur“, erklärt Sattelberger.

Die meisten Führungskräfte machen sich in die Hosen, wenn sie ohne Sprachregelungen, ohne Powerpoint-Rhetorik und ohne Kontrollmöglichkeiten mit Kunden, Bloggern oder Journalisten sprechen müssten. Also glänzen sie vor allem im Netz durch Abwesenheit. Was die Vernetzung deutscher Firmen- und Konzernlenker in digitalen Medien angeht, sieht die Lage desolat aus, schreibt die PR-Beraterin Kerstin Hoffmann:

„Oft ist buchstäblich kaum jemand bereit, den Kopf hinzuhalten.“

Da bedient man die Öffentlichkeit lieber mit einem Stakkato aus positiven Floskeln. Das wirkt nicht nur extern lächerlich, sondern auch intern:

Wenn nur noch Zynismus hilft

„Das kann so mit der Realität einer Organisation nicht übereinstimmen. Keine Organisation der Welt ist nur positiv. Deshalb entsteht ein riesiger grauer oder gar schwarzer Bereich an nicht formulierten Negativeindrücken. Und die braucht ein Ventil und das ist der Zynismus“, erklärt der Soziologe Dirk Baecker im ichsagmal.com-Interview.

Zynismus sei eine Form der extrem intelligenten Beobachtung. Der zynische Kommentar ist in der Regel der letzte Kommentar zu einem Sachverhalt. Vorher schaltet man in den Modus „Dienst nach Vorschrift“, was nach Analysen von Gallup bei 70 Prozent der Beschäftigten der Fall sein soll.

„Der Zynismus ist die Form der Rede und die innere Kündigung ist die Form des Handelns“, konstatiert Baecker.

Um das zu verhindern, sollten Unternehmen ihre Betriebssysteme grundlegend ändern, fordert der Personalberater Heiko Fischer:

„Man muss an die grundlegende Mechanik rangehen, um die Wertschätzung von Mitarbeitern und Kunden zu verbessern. Mit einem reinen Anweisungsregime gelingt das nicht.“

Schlauer Arbeiten gelingt am besten in vernetzten und offenen Organisationen – ohne Kommando-Regime. Der Fokus auf Abgrenzung über Fächer, Disziplinen, Abteilungen, Hierarchien und Einzelleistungen wird der heutigen Lebenswelt nicht mehr gerecht. Es geht vor allem darum, Menschen zusammenzuführen, unterschiedliche Sichtweisen gleichberechtigt im Team zu erarbeiten und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, führt Ulrich Weinberg in seinem Buch „Network Thinking – Was kommt nach dem Brockhaus-Denken?, erschienen im Murmann-Verlag:

„Vernetztes Denken im Unternehmen heißt mehr, als Einstellungen zu überdenken, und mehr, als veraltet erscheinende Muster und Strukturen abzuschaffen. Damit verbunden sind radikale Schritte, die ein Unternehmen bereit sein muss, konsequent zu gehen.“

Es geht um Vernetzung, Enthierarchisierung, Entwickeln und Konzipieren im Team, Öffnen und Teilen von Wissen mit allem, was digitale Werkzeuge heute hergeben. Das gilt auch für den Einsatz von kognitiven Maschinen. Die können noch so sehr Höchstleister sein, wenn es um Erinnerung, Analyse, Erkennung, Kombinatorik und Schlussfolgerung geht. Im Ego-Management bleiben sie dumme Apparate.

Soweit mein Beitrag zur Blogparade mit dem Schwerpunkt #SchlauerArbeiten – auf dem letzten Drücker.

Siehe auch:
Wie Ego-Manager in geschlossenen Netzwerken scheitern.

Jetzt live: Netzwerke ohne Dirigismus und Hierarchien – Praxisfernes Geschwurbel oder nicht?

Das Netz

Meine Überlegungen zur Netzwerk-Ökonomie und der Durchbrechung von hierarchischen Organisationsformen finden im Social Web ein geteiltes Echo: „Praxisfernes Geschwurbel!“, heißt es in einer Tweet-Replik von Dagmar D.

Ohne Netzwerke könnten Hierarchien gar nicht entstehen, bemerkt Sascha Stoltenow auf Google Plus und verlinkt dabei auf einen Wikipedia-Eintrag zur Systemtheorie, der mir in meiner Argumentation dann doch ein wenig Entlastung verschafft, wahrscheinlich unbeabsichtigt:

„Konkretisiert auf den (zumeist) wirtschaftlichen Bereich bedeutet der systemtheoretische Ansatz eine Abkehr von herkömmlichen, hierarchisch-dirigistisch gesetzten Organisationsstrukturen und eine Hinwendung zu Kooperation und Koordination in Netzwerken in Wirtschaft und Gesellschaft.“

Puh. Glück gehabt. Besser hätte ich es wohl nicht ausdrücken können. Vielleicht sollte ich lieber von liquiden oder durchlässigen Netzwerken sprechen, um die strukturellen Vorgaben zu unterlaufen, wer wem in der Organisation unterstellt ist. Staat und Wirtschaft könnten sich auch damit auseinandersetzen, wie man den Zugriff auf externe Netzwerkleistungen verbessern kann, die sich den hierarchischen Ordnungsprinzipien entziehen. Ausführlich nachzulesen in meiner The European-Kolumne.

Genügend Diskussionsstoff für die Bloggercamp.tv-Runde, die um 11 Uhr beginnt und vielleicht auch Stoff für einen republica-Session-Vorschlag, der noch bis Ende des Monats eingebracht werden soll 🙂

Das ist übrigens schlecht für’s Netzwerk: Facebook-Newsfeed-Algorithmus: Text-Posts erzeugen weniger Reichweite

Etwas Systemtheorie: Wir autopoietischen Systeme.

Recherchethema: Wie soziale Medien vertikale Hierarchien untergraben

Wenn eine Organisation wüsste, was eine Organisation weiß – ich möchte das gar nicht nur auf Firmen beschränken, wenn es um die Möglichkeiten geht, die Weisheit der Vielen anzuzapfen.

Aber dieser knapp sechsminütige Film des elektrischen Reporters fasst die Vorteile der internen und externen Vernetzung sehr schön zusammen. Auch wie soziale Medien vertikale Hierarchien untergraben.

Würde ich im Laufe der Woche gerne zu einer Story verbraten. Bitte Statements bis Mittwochabend mailen (gunnareriksohn@gmail.com) oder hier als Kommentar posten. Ich werde dann am Donnerstag zur Feder greifen. Telefoninterviews würden auch gehen.

Mehr Demokratie wagen…..im Unternehmen: Wie social ist die Wirtschaftswelt?

ITyX CEO Süleyman Arayan sieht das enorme Potential von Social Media für die unternehmensinterne Kommunikation:

„Im vernetzten Unternehmen sind die Mitarbeiter jederzeit über den Fortlauf ihrer Angelegenheiten und Projekte informiert. Nicht die Mitarbeiter suchen die Nachricht – die Nachricht findet die Mitarbeiter.“

Eine Vernetzung der Mitarbeiter untereinander bringe nicht nur kommunikative Vorteile, so Sebastian Thielke in einem Blogpost zum Thema „Enterprise 2.0 – Der Einsatz von Social Media in der Unternehmenskommunikation“:

„Es macht Wissen nutzbar, das durch Standort-Barrieren, konservative Kommunikationskanäle und hinderliche Hierarchien nicht erkennbar ist. So finden sich im Unternehmen immer wieder Experten, die Erfahrungen auf den unterschiedlichsten Gebieten gesammelt haben. Probleme und Fragestellungen werden offen in ein solches Netzwerk eingestellt und vielfach unter Beteiligung mehrerer Mitarbeiter gelöst. Dabei zeigt sich oft, dass ein Großteil der Beteiligten aus themenfremden Abteilungen des Unternehmens stammt.“

Diese Entwicklung unterstreicht auch die Bedeutung der so genannten „Neuen Künstlichen Intelligenz (nKI)“. Denn neben der Kommunikationsvernetzung werde auch für die inhaltliche Vernetzung (welche Informationen sind im Kontext des Informationsverhaltens eines Mitarbeiters relevant?) voranschreiten müssen. Welche Information ist wichtig? Welche nutzlos?

„Dynamische Wirtschaft hat einen wachsenden Bedarf an Information. E-Mail, Web und Social Media erzeugen aber nur eine nutzlose Datenflut, in der Information jämmerlich ertrinkt“, kommentiert Dr. Gerhard Wohland vom Institut für dynamikrobuste Höchstleistung. „Neue Künstliche Intelligenz macht das Problem lösbar, weil Nutzloses von Relevantem unterschieden werden kann.“

Wenn man das Thema netzpolitisch betrachtet, habe das Ganze sehr viel mit der Kultur der Beteiligung, mit Transparenz und mit Kontrollverlust zu tun, meint Peter Gentsch von der Business Intelligence Group.

Die Kultur in den Unternehmen würde das nicht widerspiegeln. Man habe schlichtweg im Social Web keine Kontrolle mehr über die eigenen Marketingbotschaften. Einige Markenartikler können das wohl nur schwer verkraften.

„Die neue Kommunikationskultur des offenen Austausches und des Teilens muss von der Unternehmensspitze vorgelebt werden und von möglichst vielen Mitarbeitern mit unterschiedlichsten Zuständigkeiten und Hierarchiestufen praktiziert werden. Dies bedeutet in der Konsequenz: Erst die Umsetzung eines internen Enterprise 2.0-Ansatzes schafft die Voraussetzungen für eine echte Dialogorientierung mit den Kunden in der externen Kommunikation. Ohne den sozialen Innendialog über Abteilungen und Silobunker hinweg kann auch kein echter Außendialog mit Kunden und anderen Marktpartnern verstanden und aufgebaut werden“, bestätigt die Marketingprofessorin Heike Simmet von der Hochschule Bremerhaven.

Erst wenige Unternehmen hätten die Notwendigkeit für diesen holistischen Ansatz erkannt. Sie würden stattdessen auf der ersten Ausprobierstufe von Social Media verharren, während die Innovatoren weiter vorpreschen und sich nachhaltige Wettbewerbsvorsprünge in der immer stärker digitalisierten Welt sichern.

„Es gibt sogar Fälle, wo Mitarbeitern der Zugang zu Facebook blockiert wird. Wie soll jemand so mit der Zielgruppe im Social Web zusammen kommen, wenn er noch nicht einmal die Möglichkeit eines Zuganges in dieses Medium hat“, kritisiert Gentsch im Gespräch mit Service Insiders.

Häufig scheitere die Öffnung auch an der eigenen IT-Abteilung. Eine digitale Transformation müsse das gesamte Unternehmen erfassen.

„Es ist ein altes Lied. Es spielen Abteilungsegoismen und Machtstrukturen mit rein. Mein Wunsch wäre, dass man auch social wird und Web Democracy mehr ins Unternehmen bekommt, um damit die Potenziale von sozialen Netzwerken besser zu heben“, resümiert Gentsch

„Stichworte wie Enterprise 2.0, Crowdsourcing, Collaboration, Selbstorganisation, Kunden helfen Kunden, Netzwerk-Ökonomie, starke und schwache Beziehungen im Internet, Zugang zu nichtredundanten Informationen, Wissensmanagement über kollektive Intelligenz oder Management in Zeiten des Kontrollverlustes sind das, womit sich Führungskräfte heute beschäftigen sollten“, meint der ITK-Fachmann Peter B. Záboji.

Manager müssten die Herausforderung meistern, Informationen aus vielen Quellen zu sammeln, die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen zu errechnen und Entscheidungen zu treffen in Phasen der Ungewissheit.

„Enterprise 2.0 sucht die schöpferische Kraft der Mitarbeiter umfassend zu nutzen, indem es ihnen die Möglichkeit bietet, jenseits eines engen Aufgabengebietes freiwillig mehr Verantwortung zu übernehmen, Meinungen kundzutun und sich im beruflichen Alltag stärker als bisher von persönlichen Neigungen leiten zu lassen. Freie Zusammenarbeit von möglichst vielen Benutzern ist gewollt – weitgehend ohne Einschränkungen durch Organisationen, Prozesse oder Techniken“, erklärt Zeit-Redakteur Götz Hamann.

Davon sind doch wohl die meisten Firmen Lichtjahre entfernt.

Erfassung von Arbeitszeit, Abteilungsgrenzen, enge Aufgabengebiete und in größeren Konzernen die Trennung in viele Tochtergesellschaften verhindern die im Enterprise 2.0 gewollten Netzwerkeffekte ziemlich gründlich. Wie sich neue Technologien und das Internet auf Unternehmen auswirken werden, ist nach Ansicht von Aastra-Chef Jürgen Signer noch schwer zu beantworten:

„Die Erwartungshaltung von jungen Leuten, die ins Berufsleben starten, ist riesengroß. Was sie im privaten Umfeld an Kommunikationstechnologien nutzen, erwarten sie auch am Arbeitsplatz. Hier müssen sich die Firmen erst herantasten“, sagt Signer.

Wie sollte denn nun ein vernetztes Unternehmen in Zukunft aussehen? Mit allem pipapo – Social Media im internen Einsatz, Crowdsourcing, Hierarchieabbau, Öffnung nach außen, Open Innovation, Schwarmintelligenz, Weg vom Befehl-und-Gehorsam, mehr Demokratie intern wagen…. Mit diesem Thema werde ich mich morgen in einer Story für NeueNachricht befassen.

Interessant auch:

Was Jugendliche vom Internet halten.

Corporate Social Media: Stellenwert sozialer Medien steigt in deutschen Unternehmen kräftig. Bei dieser Studie fehlt mir der Forschungsansatz nach innen. Ich glaube, dass die interne Anwendung von Social Media-Prinzipien ein guter Indikator für die wirkliche Akzeptanz im Unternehmen ist. Für die große Mehrheit ist die Präsenz in sozialen Netzwerken ein reines Pflichtprogramm und wird nach innen nicht gelebt.

Was Social Media mit der Technologie der Torheit zu hat….

beantworte ich morgen in einem Beitrag für NeueNachricht. Die Story geht auf den amerikanischen Organisationspsychologen James G. March ein, der so herrliche Modelle entwickelt hat, wie eben auch die Technologie der Torheit. „Torheit – oder das, was danach aussieht – beruht zum Teil darauf, Ideen aus anderen Bereichen zu stehlen“, so March. Wer die Torheit und den Spieltrieb in Organisationen fördert, baut Hemmungen ab. Und da wären wir dann doch auch beim Kontrollverlust, den die Führungskräfte in Wirtschaft, Politik und Verwaltung einfach nicht hinnehmen wollen. „Wenn wir spielen, können wir Dinge tun, die uns sonst nicht erlaubt sind. Wenn wir aber nicht spielen und die gleichen Dinge tun wollen, müssen wir unser Verhalten rechtfertigen. Gelegentliche Torheit erlaubt es uns, Erfahrungen mit einem möglichen neuen Ich zu machen – aber bevor wir eine Veränderung dauerhaft in die Realität umsetzen, müssen wir Gründe dafür liefern“, erklärt March. Was das Ganze mit dem Führungsnachwuchs, mit Twitter-Teams im Service und mit neuen Technologien zu tun hat, beantworte ich morgen auf www.ne-na.de.

Am besten finde ich ja das Lebensmotto von March, der seine Seminare häufig mit einem Zitat des französischen Schriftstellers Etienne Pivet de Senancour beendete. „Es mag sein, dass der Mensch vergänglich ist, aber lasst uns beim Untergang Widerstand leisten. Und selbst wenn uns das Nichts erwartet, so wollen wir nicht handeln, als wäre es unser Schicksal.“

Am Ende seien wir kleine Flecken im großen Universum. „Das Streben nach Bedeutsamkeit und Wichtigkeit ist die Illusion des Unwissenden. All unsere Hoffnungen sind nebensächlich – außer für uns selbst; aber manche Dinge sind wichtig, weil wir uns entschieden haben, dass sie wichtig für uns sind. Ich denke, was für uns einen Unterschied macht, ist, ob wir mit unseren winzigen Rollen in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht, das Leben behutsam behandeln und mehr Schönheit als Hässlichkeit beisteuern“, sagt March.