WDR #Rockpalast in der Bonner Harmonie mit zwei Entdeckungen: #Splinter und #Smokemaster

Das Crossroads-Festival vom WDR-Rockpalast, das vier Tage lang in der Bonner Harmonie stattfand, hat mich wirklich begeistert. Meine beiden Favoriten: Die Bands Splinter und Smokemaster. Pure Hardrock-Stücke in bester Rockpalast-Tradition.

Wo ist nur Gunni?

Die Kölner Psychedelic-Stoner-Rock-Formation Smokemaster, die am zweiten Abend die Bühne mit ausladenden Kompositionen auskleidete, habe mit dem düsteren „War Piece“ eine Art Soundtrack des Ukraine-Kriegs geschrieben, schreibt der General Anzeiger. „Schlagzeug und Bass sorgten für akustisches Geschützfeuer, Keyboarder Tobias Tack setzte weitere bedrohliche Akzente, und Frontmann Björnson Bear ergänzte den dystopischen Klang um fragende und klagende Verse. Ein starkes Stück in einem Set, das trotz einiger treuer Fans nicht von der ersten Sekunde an zu überzeugen wusste. Zu sehr drehten sich die Smokemasters am Anfang im Kreis, ließen ein paar wenige Phrasen rotieren und ließen eine größere Bandbreite vermissen. Im weiteren Verlauf legte das Quintett aber nach, nicht zuletzt dank des starken Spiels von Drummer Lukas Bönschen, der die ausufernden Instrumental-Passagen geschickt steuerte.“

Dieser Kritik kann ich mich nicht anschießen. Von Anfang an wagt Smokemaster eigenwillige und avantgardistische Neuinterpretationen auf den Spuren von The Doors, Pink Floyd, Jimi Hendrix und Co. Und das gilt für alle Stücke, die in der Harmonie präsentiert wurden. LP-Kauf war für mich ein Muss.

Gleiches gilt für die Gruppe Splinter, die am vorletzten Tag des Festivals auftrat.

Sie setzt sich aus Ex-Mitgliedern von Death Alley, Birth Of Joy und Vanderbuyst zusammen. Sänger Douwe Truijens hat eine unglaubliche Bühnenpräsenz. An der Hammond-Orgel glänzt Gertjan Gutman Barry van Esbroek spielt am Schlagzeug. Gitarrist ist Sander Bus.

Überzeugt Euch selbst.

Hier die TV-Termine:

Aufgenommen auf dem Klo.

An dieser Stelle übrigens mal ein großes Lob an die Inhaber der Harmonie in Bonn. Das Live-Programm ist unfassbar gut. Nach der zweijährigen Pandemie-Durststrecke sollte eigentlich jeder Musikfan in Bonn und Umgebung Tickets kaufen bis der Arzt kommt. Man muss so etwas feiern und unterstützen.

Phil Collins, Genesis und ein wenig Melancholie

Ich wurde schon ein wenig sentimental beim #Genesis Konzert in Köln.

Es sei der Spielplan seines Gesichts, titelte die FAZ in einer Besprechung des Auftakts der Deutschlandtournee in Berlin. „Es kneift, es beißt, es schreit nach Mama: Die Band Genesis gibt mit dem schwer gezeichneten Sänger Phil Collins in Berlin noch einmal alles….Beim Singen gibt er auch jetzt noch alles, und obwohl ihm für manche Passagen die Zwerchfell-Stütze zu fehlen scheint, hat man manche Stücke kaum je so definiert, so widerborstig an die Wand gesungen vernommen wie hier. Die Suite ‚Home By the Sea‘, schauerromantisch durch den an Poe erinnerenden Text und die unheimlichen Keyboardklänge von Tony Banks, moderiert Collins an wie ein Geisterbeschwörer und lässt Tausende Zuhörer die flirrenden Finger heben wie zu einer Séance. Und wenn dieses elfminütige Songmonster, das in der Mitte eine völlig andere Richtung einschlägt und Banks wie Rutherford Raum für exzessive Soli lässt, ausklingt, müsste die Szenenanweisung wohl ‚Exit Ghost‘ lauten“, so die FAZ.

Dem Urteil des Musikkritikers kann ich mich anschließen. Es gibt in diesem Live-Konzert sehr viel Raum für den alten Genesis-Sound, der von einer bombastischen Licht- und Bühnentechnik genial präsentiert wird. Alle kommen auf ihre Kosten. Die Fans der frühen Phase von Genesis und auch die Liebhaber des Sängers Phil Collins. Bin froh, noch kurzfristig eine Karte ergattert zu haben. Ihr solltet hingehen. Viele Chancen, Genesis live zu erleben, wird es nicht mehr geben. Jedenfalls nicht in dieser Formation.

Infos zu den Tourdaten in Europa.

Über Privatarmeen im Weltall und den kosmischen Neoliberalismus – Raketen-Wettrennen der Tech-Milliardäre @elonmusk @JeffBezos #LangeNachtderUtopien

Was hat Science-Fiction mit der Zukunft zu tun und steuern wir auf eine Privatisierung des Kosmos hin? Dr. Hans Esselborn, Germanistik-Professor der Universität zu Köln erklärt, wie die Literatur dazu beiträgt, Zukunftsvorhersagen zu treffen und warum es wichtig ist, dass auch Literaten eine Expedition ins All wagen.

Der 1941 in Rheinland-Pfalz geborene Hans Esselborn schloss seine Stu- dien der Germanistik, Romanistik und Philosophie in Tübingen, Paris, München und Köln mit einer Promotion über Georg Trakl und Habilita- tion über die Naturwissenschaft Jean Pauls ab. Sein weiterer Weg führt ihn unter anderem an Hochschulen in Lawrence (Kansas), Nancy, Paris und Krakau. Sein jüngstes Werk befasst sich mit der Erfindung der Zu- kunft in der Literatur vom technisch-utopischen Zukunftsroman zur deutschen Science-Fiction.

An der Universität zu Köln befasst sich Esselborn intensiv mit Science- Fiction Literatur. Er ist allerdings vorsichtig mit der Aussage, ob Literatur tatsächlich Zukunftsprognosen treffen kann. Vielmehr entwerfe sie Sze- narien, in denen auch die Fragen angesprochen und zum Teil beantwortet werden sollen, die den Leser aktuell beschäftigen und sogar zum Handeln bewegen. Und dass dies in der Vergangenheit schon der Fall war, zeigt der Roman von Kurd Laßwitz4 über eine Weltraumstation, die später Wernher von Braun dazu bewegte genau diese Station nachzubauen. Doch das klappe nicht immer, so der 79-Jährige. Während sich beobachten lässt, dass die Literatur-Vorhersagen bei technischen Dingen oftmals richtig liegen, beispielsweise bei der Entwicklung der Flugzeuge und des Computerwesens, lagen die Vorhersagen vieler Romane betreffend das Internet weit daneben. Keiner habe dem Internet die große Kommunikationsmaschine, die es heute ist, zugetraut.

Im Utopieband „Was würdest du machen, wenn du König von Deutschland wärst?“ äußert Esselborn sein Unbehagen, dass die privaten amerikanischen Firmen Weltraumraketen bauen, den Mond und den Mars besiedeln wollen. Das konterkariert die politische Gemeinsamkeit. Was Musk, Bezos und Co. vorantreiben, die die Kolonialisierung des Weltalls auf privater Basis. „Ich sehe das als eine gefährliche Entwicklung. Weil die Kontrolle fehlt und es irgendwann dann die Piratenkriege im Weltraum geben wird. Dazu gibt es glaube ich auch schon vieles in der Literatur“, so Esselborn. Es entsteht kosmischer Neoliberalismus.

In der langen Nacht der Utopien hat er diesen Gedanken noch etwas präzisiert. So könnten Privatarmeen im Weltall entstehen, die dann allerdings wieder zurückwirken auf die Erde. Wer das Weltall militärisch beherrscht, beherrscht irgendwann auch unseren Planeten.

Beethovens Bild im Manga 漫画に登場するベートーヴェンのイメージ #BTHVN

Frisch rezensiert in Japan 🙂

#Beethoven-Mangas: Die allermeisten hiervon, selbst die in phantastische Kämpfe mit Dämonen abdriftenden Erzählungen, vermitteln gleichzeitig historische Fakten, selbst wenn es auch nur die Namen einiger der Hauptwerke Beethovens sein sollten. Der Edu-Aspekt ist praktisch immer – unterschwellig – präsent. Klassische europäische Kultur und hier eben speziell Beethoven ist nicht bloße Kulisse des Geschehens sondern wird als Hintergrundwissen aller Japaner ab der Grundschulausbildung von den Autoren vorausgesetzt. Ein Wissen, das nicht zuletzt visuell vermittelt wurde durch die in fast allen japanischen Musikräumen an den Wänden aushängenden Komponistenportraits und insbesondere jenes Joseph Stieler nachempfundene Bild Beethovens mit dem wirren Haar und dem roten Halstuch.

Trigger-Warnungen vor den moralischen Untiefen im Werk von Shakespeare: Irgendwann kommt auch hausgemachte Griebenwurst auf den Index

Die scheinheilige Moral der Saubermänner

Auf was sollte man in der Literaturwissenschaft, im Theater, in der Buchhandlung, beim Kauf von Theaterkarten im Ticketshop, beim Einschalten des TV-Gerätes, beim Start von Hörbüchern hingewiesen werden, wenn man sich beispielsweise mit Shakespeares Hamlet beschäftigt? Ihr wisst schon, diese Trigger-Warnungen, die uns mittlerweile auch bei Streaming-Plattformen, Kinofilmen und anderen Dingen an den Kopf geklebt werden: Bruder­mord, Blut­ra­che, Selbst­mord, Schmä­hun­gen gegen Frauen, Alko­hol­kon­sum, Hinwei­se auf Kanni­ba­lis­mus.

Es gibt sogar Überlegungen und konkrete Maßnahmen, die europäische Literatur zur rauch- und alkoholfreien Zone zu degradieren. Dann folgen auf Warnungen säubernde Taten. Diese Reinheits-Dämlichkeit schreckt noch nicht einmal davor zurück, künstlerische Werke zu „verändern“: Sartre wurde in einer Foto-Ausstellung seiner obligaten Zigarette beraubt und das Cover für die Memoiren von Jacques Chirac musste zurückgezogen werden, weil es ihn mit Zigarette zeigte.

Wo liegen bei den Trigger-Warnungen und den „präventiven Maßnahmen“ für das selbst konstruierte moralische Reinheitsgebot noch Unterschiede zum Zensurzirkus des „Kölner Männerverein zur Bekämpfung öffentlicher Unsittlichkeit“ und dem daraus hervorgegangenen „Volkswartbund“, der dem Erzbischöflichen Ordinariat der Stadt Köln untersteht? Ich sehe da keinen Unterschied mehr. Heute heißt dieser Hausmeister-Verein in der Domstadt etwas unverfänglicher „Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendschutz“. Die bigotten Wächter von Sitte und Anstand waren die eifrigsten Zuträger der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. „Jahrzehntelang hat diese Vereinigung, meist unter dem Vorwand des Jugendschutzes, die bundesdeutschen Justiz- und Polizeibehörden zur Durchsetzung des eigenen Weltbilds missbraucht. Systematisch durchkämmten die Mitglieder die Buchhandlungen, stets auf der heimlichen Suche nach Publikationen, an denen sie Anstoß nehmen könnten, und stets waren eigene Rechtsanwälte zur Hand, um die moralische Entrüstung in Worte zu fassen und an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten“, schreibt Werner Fuld in seinem lesenswerten Werk „Das Buch der verbotenen Bücher“ (Verlag Galiani Berlin).

Ob diese Herren auch bei der Aufdeckung von Missbrauchsskandalen in katholischen Jugendeinrichtungen ebenso eifrig die Staatsanwaltschaft einschalteten, ist mir allerdings nicht bekannt. 

Jedenfalls brachten die „Blockwarte des Kardinals“ (eine Formulierung von Robert Neumann) alles zur Anzeige, was nicht ins eigene Milieu passte. „Gleichgesinnte Staatsanwälte setzten beflissen die Einsatzkräfte in Bewegung: Im Fall von Henry Millers ‚Opus Pistorum‘ durchsuchten 1985 mindestens 700 Polizisten insgesamt 285 Läden und beschlagnahmten alle vorhandenen Exemplare im Auftrag des Darmstädter Staatsanwalts“, erläutert Fuld. Arno Schmidt zählte zu den bevorzugten Angriffszielen des Volkswartbundes. Seine „Pamphlete“ würden die Einrichtungen und Gebräuche der christlichen Religionsgemeinschaften beschimpfen und seien Gotteslästerung. Zu den beanstandeten Meinungsäußerungen zählte: „Ich? Atheist, allerdings! Wie jeder anständige Mensch!“. Die Staatsanwaltschaft bejahte den literarischen Wert der Ausführungen von Arno Schmidt und stellte das Verfahren ein – wie großzügig. 

Irgendwann kommt auch hausgemachte Griebenwurst auf den Index, um den durchschnittlichen Cholesterin-Wert der Deutschen zu senken – im Sinne der Volkshygiene. Wie gehen wir mit den alten Sherlock Holmes-Filmen um, mit einem bekennenden Drogenabhängigen als Hauptperson? Wie können wir den kettenrauchenden Lucky Luke aus den Comics verbannen? Was machen wir mit dem Lehrer Lämpel bei Max und Moritz? Oder der trunksüchtigen Großmutter, die ihr Enkelkind mit dem roten Käppchen für den Nachschub an Rotwein instrumentalisiert? Habt Ihr weitere beklemmende Beispiele aus Kunst und Kultur?

Vor einem Jahr: Begas-Gemälde der Enkelkinder des Beethoven-Verlegers Nikolaus Simrock kehrt nach Bonn zurück #bthvn

Dr. Ingrid Bodsch vor dem Begas-Gemälde

Meldung vor einem Jahr: Ein schöneres Weihnachtsgeschenk, das noch dazu an Beethovens 250. Tauftag, via Kunsttransport aus Berlin in Bonn eingetroffen ist, ist für die Sammlung des StadtMuseum Bonn kaum vorstellbar.

Der Förderverein des StadtMuseum Bonn und die altehrwürdige Lese- und Erholungs-Gesellschaft Bonn freuen sich sehr, zum Erwerb des Gemäldes bei der Auktion von Bassenge Ende November 2020 durch das StadtMuseum Bonn mit Spenden und einer Sicherheitsleistung beigetragen zu haben.

Die damalige Direktorin des StadtMuseum Bonn, Dr. Ingrid Bodsch, war hinter dem  „Objekt der Begierde“ schon seit über 20 Jahren hinterher, hat aber bei vorherigen Auktionen immer wieder den Ankauf verpasst: Ein wunderbares Kinderbild vor 1840 von der Hand des nicht nur wegen seiner legendären Bildnisses der Loreley im 19. Jahrhundert berühmten Malers Joseph Begas. 

„Das zauberhafte Gemälde mit den Porträts der vier älteren, zu diesem Zeitpunkt aber auch noch sehr jungen Kindern des Bonner Musikverlegers Peter Joseph Simrock hat jede Menge Bonn-Bezüge, die in die Zeit zurückreichen, in denen der junge Beethoven mit 14 Jahren seine erste bezahlte Stellung als stellvertretender Organist am Bonner Hof bekommen hat und bald darauf auch als Bratschist in der Hofkapelle des Kurfürsten spielte“, erläutert Bodsch. 

Dort war zu diesem Zeitpunkt der aus Mainz gebürtige Nikolaus Simrock bereits seit einigen Jahren ein sehr geachteter Hornist, der schon vor seiner Bonner Zeit überzeugter Freimaurer gewesen ist und 1781 in Bonn zu den Gründungsmitgliedern der Bonner Niederlassung des als Geheimgesellschaft organisierten Illuminaten-Ordens gehörte, der 1784 als Präfekt der Bonner Hoforganist, Vorgesetzte und früher Lehrer Beethovens, Neefe, vorstand. Als die Bonner Loge/Minervalkirche, genannt „Stagira“ nach dem Geburtsort von Aristoteles, mit dem Verbot des Illuminatenordens im Heiligen Römischen Reich 1785 aufgelöst wurde, hatten ihre Mitglieder, die allesamt Angehörige des Hofadels oder Hofangestellte waren, keinerlei Nachteile, sondern fanden sich Anfang Dezember 1787 mit weiteren aufgeklärt gesinnten Männern (Frauen waren nicht zugelassen) zur Gründung der Bonner Lesegesellschaft zusammen, die Kurfürst Maximilian Franz zu ihrem hochoffiziellem Protector machte. Nikolaus Simrock spielte auch in ihr eine einflußreiche Rolle und war einer der wenigen Hofmusiker, die nach der Vertreibung des Kurfürsten Bonn nicht verließen. 

Vielmehr baute der zeit seines Lebens ebenso geschäftstüchtige wie frankophile Simrock seine schon bisher nebenher betriebenen Handelsgeschäfte und seine Notenstecherei als Haupterwerbszweig erfolgreich aus und spezialisierte sich höchst erfolgreich auf den Handel mit Musikalien und vor allem als Musikverlag, mit Schaffung von Niederlassungen auch in Paris. Bei ihm waren nicht nur Notenausgaben von Mozart und Haydn erhältlich, sondern neben anderen populären zeitgenössischen Komponisten auch Werke seiner früheren Hofmusikerkollegen, so auch von Beethoven. 

Das Geschäft florierte, Simrock profitierte im Zusammenhang mit der Säkularisation von großen Grundstückskäufen und war bei seinem Tod 1832 ein wirklich reicher Mann geworden, der seinem Nachfolger im Verlag ein blühendes, von diesem und einem Enkel zu einem der renommiertesten Musikverlage Europas ausgebautes Geschäft überließ, und dem übrigen Dutzend seiner Kinder reichliche Geldmittel und Grundvermögen: 

„Dieser Nikolaus Simrock ist als Bild im Bild, im Gemälde seiner kleinen Enkel zu sehen, auf die Bedeutung hinweisend, die das Wirken des Großvaters für den glänzend aufgestellten Verlag und die gesellschaftliche Stellung seiner Nachkommen hatte. Und selbstverständlich war nicht nur Nikolaus SImrock als Gründungsmitglied ein prägende Figur der Bonner Lesegesellschaft, ihr gehörten auch einige seiner Söhne an, und – als besonderen Clou – auch der Maler Joseph Begas, den kaum sonst jemand mit Bonn in Verbindung bringt, obwohl er hier – Köln war zeitweilig Dienstsitz seines Vaters – das Gymnasium, Vorgängereinrichtung des heutigen Beethoven-Gymnasiums, besuchte und Peter Joseph Simrock sein ihm freundschaftlich verbundener Schulkamerad war“, so Bodsch. 

Karl Joseph Begas, der am Gymnasium von den ehemals auch für den kurkölnischen Hof tätigen Maler Philippart und Weinreis im Malen und Zeichnen unterrichtet wurde, wurde schon mit 17 Jahren gemäss eines Sonderbeschlusses der Lese zu ihrem Ehrenmitglied ernannt, weil ihr der Schüler Begas 1810 – Bonn gehörte immer noch zum französischen Empire – eines seiner Erstlingswerke für die entstehende Bildersammlung der Lese schenkte, ein Gemälde nach Raffael:  „Der hl. Johannes in der Wüste“. 

„Mit dem Gemälde, schon an sich ein außergewöhnlches Schmuckstück mit den Simrock-Enkeln samt Großvater-Porträt, hat man viele Jahrzehnte Bonner Kulturgeschichte im Blick, von den letzten Jahrzehnten unter Kurfürstlicher Herrschaft über die Franzosenzeit bis zur Preußenzeit, als das Gemälde von Karl Joseph Begas gemalt worden ist“, resümiert Bodsch.

Auf den Spuren von Roland Barthes, Rimbaud, Verlaine und @OlafScholz

Höhenmeter

Utopien als Spielwiese für unser Denken: Buchneuerscheinung #KönigVonDeutschland

Was würdest du machen, wenn du König von Deutschland wärst? Buchneuerscheinung mit utopischen Gesprächen Bonn/Solingen “Das alles, und noch viel mehr, würd’ ich machen, wenn ich König von Deutschland wär’” räsonierte einst der „Ton Steine Scherben”-Frontmann Rio Reiser (1959-1996). „Uns reizt der anarchistische Unterton dieser Zeile und das im Liedtext vermittelte Gefühl, dass alles doch ganz anders sein könnte, wenn man nur wollte. Es ist dieser Spiegel, den uns Rio Reiser immer wieder vor die Nase gehalten hat. Deshalb wurde diese Zeile Initialzündung des Projektes #KönigVonDeutschland, das zuerst in Form eines Podcast erschien, nun aber aktualisiert und überarbeitet als Buch vorliegt“, so die Herausgeber Lutz Becker und Gunnar Sohn.

Die Utopie beschreibt, um mit Reinhard Pfriem zu sprechen, „kein Land nirgendwo“. „Wir warnen auf unserem Beipackzettel ausdrücklich davor, Utopien als etwas zu betrachten, das man mit allen Mitteln auch umsetzen muss. Im Gegenteil: Eine Utopie soll bleiben, wo sie hingehört, an einem Ort im Nirgendwo. Die Geschichte der Futuristen und anderer ideologischer Gemeinschaften hat gezeigt, dass eine Utopie, die zur Maxime wird, in der bitteren Konsequenz allzu leicht zu Faschismus, Unterdrückung und Gewalt führt. Der Weg in die Hölle ist nicht selten mit guten Absichten gepflastert. Deshalb sollten wir Utopien ausschließlich als Spielwiese für unser Denken betrachten. Nicht mehr und nicht weniger. Wir finden es jedenfalls wie Harald Welzer einfach cool, Utopien zu entwickeln, denn wir brauchen etwas, worauf wir uns freuen können“, so Becker und Sohn.

Die Beiträge des Bandes reichen vom Neoliberalismus im Weltall bis zur Schwarm-Mobilität im Verkehr mit autonom gesteuerten Fahrzeugen. Szenarien für die Zukunft kommen vom Höhlenforscher und Science-Fiction-Autor Herbert W. Franke, vom Wuppertaler Oberbürgermeister Uwe Schneidewind, von der Netzaktivistin Marina Weisband und der Slow-Media-Expertin Sabria David, vom Öko-Unternehmer Jörg Heynkes, von Zukunftsforschern wie Sven Gábor Jánszky und Klaus Burmeister, kritischen Ökonomen und Soziologen wie Reinhard Pfriem, André Reichel, Frank H. Witt und Dirk Helbing, vom kanadischen Techno-Utopisten Chris Smedley, von der Dramaturgin und Autorin Uta Atzpodien und Utopiestadt-Mitgründer Christian Hampe, vom Historiker Torsten Kathke und vom Germanisten Hans Esselborn.

Das Buch können wir gerne in gedruckter Form und/oder als pdf zuschicken. Die Autoren stehen auch gerne für Interviews zur Verfügung.Kontakt: Gunnar Sohn, 0177-6204474; gunnareriksohn@gmail.comVerlag: https://klingen-verlag.de/produkt/koenig-von-deutschland/

Das alles, und noch viel mehr, würd ich machen, wenn ich König von Deutschland wär

Nun gehet hin und bestellet das königliche Opus im Klingen-Verlag 🙂 https://klingen-verlag.de/produkt/koenig-von-deutschland/

“Das alles, und noch viel mehr | würd’ ich machen, wenn ich König von Deutschland wär’” räsonierte einst der „Ton Steine Scherben”-Frontmann Rio Reiser (1959- 1996). Uns reizt der anarchische Unterton dieser Zeile und das im Liedtext vermittelte Gefühl, dass alles doch ganz anders sein könnte, wenn man nur wollte. Es ist dieser Spiegel, den uns Rio Reiser immer wieder vor die Nase gehalten hat: Warum eigentlich? Deshalb wurde diese Zeile Initialzündung des Projektes #KönigVonDeutschland, das zuerst in Form eines Podcast erschien, nun aber aktualisiert und überarbeitet als Buch vorliegt.

Die Utopie beschreibt, um mit Reinhard Pfriem zu sprechen, „kein Land nirgendwo“. Und um es vorweg zu nehmen: Wir warnen auf unserem Beipackzettel ausdrücklich davor, Utopien als etwas zu betrachten, das man mit allen Mitteln auch umsetzen muss. Im Gegenteil: Eine Utopie soll bleiben, wo sie hingehört, an einem Ort im Nirgendwo. Die Geschichte der Futuristen und anderer ideologischer Kollateralschäden haben gezeigt, dass eine Utopie, die zur Maxime wird, in der bitteren Konsequenz allzu leicht zu Faschismus, Unterdrückung und Gewalt führt. Der Weg in die Hölle ist nicht selten mit guten Absichten gepflastert. Deshalb sollten wir Utopien ausschließlich als Spielwiese für unser Denken betrachten. Nicht mehr und nicht weniger. Wir finden es jedenfalls wie Harald Welzer einfach cool, Utopien zu entwickeln, „denn wir brauchen etwas, worauf wir uns freuen können.”

1526 war es der Staatsmann Thomas Morus (1478-1535), der den Begriff der Utopie (griech: oú + tópos, Nicht-Ort) prägte. In seinem Roman „De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia“ (Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia) skizzierte er nicht nur ein vermeintlich ideales Staatsgebilde, sondern es ging ihm vor allem darum, seinen Zeitgenossen ein kritisches Spiegelbild vorzuhalten. Eine Kritik, die ihm nicht nur Freunde bescherte.

Eine Utopie ist Blaupause eines positiven Zustandes in der Zukunft. Sie pointiert den Unterschied zum Hier und Jetzt. Sie stellt die entscheidende Frage, ob nicht alles ganz anders sein kann. So werden Utopien im Idealfall zu Verhandlungsräumen, in der normative, politische und strategische Fragen unabhängig von unmittelbaren Betroffenheiten ausgehandelt werden können.

In der Praxis schlägt die Utopie die Brücke zur Innovation. Sie kann als Projektionsfläche für zukunftsorientierte Politikgestaltung oder als Framework für strategische Entscheidungen im Management dienen, indem sie zu verstehen hilft, welche Entscheidungen getroffen werden müssen, um wünschenswerte Zukünfte zu erreichen.

Leider wird vielfach nicht weitergedacht im Sinne von Reiser: Es gibt eine gute Analyse von Oliver Nachtwey in seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft“. Dort stellt er sich zum Schluss selbst eine rhetorische Frage: Wie kann man die Idee des guten Lebens mit einer Wirtschaft verbinden, die demokratisch gesellschaftlich gesteuert wird, ohne alles autoritär zu steuern oder zu bevormunden – ohne in den Hausmeister-Modus zu fallen. Eine super-spannende Frage.

Folgende Interviews haben wir geführt:

Wer ein Exemplar zur Rezension erhalten möchte, kann mich einfach via E-Mail kontaktieren: gunnareriksohn@gmail.com oder 0177-6204474.

Auf der Next Economy Open am Donnerstag, den 2. Dezember gibt es eine erste Präsentation des Werkes:

Der Zettelkasten als Suchmaschine

Zufallslektüre und die Fähigkeit etwas zu finden, was man gar nicht gesucht hat: Warum man die Zettelkästen von Niklas Luhmann, Hans Blumenberg und Arno Schmidt verbinden sollte

Luhmann statt Google

Das 760 laufende Meter umfassende Tessiner Archiv des legendären Ausstellungsmachers Harald Szeemann, wird von einem Chaos der Ordnungen in allen Ebenen beherrscht. Zettel an Schnüren von der Decke, Karteikästen mit Registern auf Tischen, Schubladenschränke, Regale, Kisten und Tüten, Versuche des Reihens und Stapelns, der Serien- und Haufenbildungen. “Unordnung ist eine Quelle der Hoffnung” steht unter einem Regalbrett: “Das Wichtigste ist für mich, mit geschlossenen Augen durchzugehen, und meine Hand wählen zu lassen.” Szeemann baute einen Zufallsmechanismus in seine analoge Sammlung ein. Im wissenschaftlichen Kontext geht man bekanntlich anders vor.

Wenn Forscher sehr sicher sind, was genau sie wissen wollen, entsteht dabei zwischen Lesen und Schreiben keine große sachliche und zeitliche Lücke. “Man bibliografiert, welche Beiträge geleistet worden sind, und notiert sich, was ihnen entnommen werden kann”, schreibt Jürgen Kaube in seinem Beitrag “Luhmanns Zettelkasten oder Wie ist gedankliche Ordnung möglich?” im Ausstellungskatalog “Serendipity – Vor Glück des Findens”, erschienen im snoeck-Verlag. Nachdenken, Weiterlesen, Rechnen, Experimentieren, Datenausschöpfen, Fragen und Antworten formulieren. Die Lektüre und Recherche erfolgt zielgerichtet.

Was in Schubläden schlummert

Der berühmte Zettelkasten, den der Soziologe Niklas Luhmann schon im Alter von 25 Jahren anlegte und bis zwei Jahre vor seinem Tod 1998 geführt hat, um seine Gedanken und Lektüren zu dokumentieren, funktioniert anders. Eine Erkenntnis wollte er nicht in Stein meißeln, sondern auf verschiedene Wege weiterführen. Kaube erklärt das mit dem Zettel 7/59a zum Begriff des Klassikers. Dort notiert Luhmann: “Man kann es tun, aber es entspricht nicht wissenschaftlichem Stil, die Klassiker mit Dankbarkeit zu überschwemmen”und “Vielleicht sind Klassiker auch, und gerade deshalb, so beliebt, weil man sich von ihnen durch Personennamen unterscheiden kann, während bei theoretischen Positionen schwierige Überlegungen nötig sind, wirklich festzustellen, worin sie sich unterscheiden.”

Dieser Luhmann-Zettel unterstreicht die Kombinationsmöglichkeiten seines Gedankenkosmos, der in Schubläden schlummert. Er belegt nach Auffassung von Kaube die Verwendungsfähigkeit in unterschiedlichen Kontexten wie “Klassiker” oder “Adeptentum” oder “Philologie”. Anschlussmöglichkeiten ergeben sich auch über die Funktion von Personennamen oder über die verschiedenen Ausprägungen von Dankbarkeit. “Es kommt in jedem Fall nur darauf an, dass man diesen Zettel wiederfindet, wenn man an Überlegungen zu Dank, Philologie oder Epigonen sitzt. Dafür hat die Ordnung des Zettelkastens, die Anordnung der Zettel, das interne Vereisungssystem und die Schlagwörtervergabe zu sorgen”, schreibt Kaube.

Zufallslektüre

Am wichtigsten ist allerdings die Berücksichtigung des Zufalls bei der Lektüre. Es gibt Themenblöcke im Luhmannschen Archiv etwa zum Begriff des Amtes, zu Wirtschaft, zu Hochkulturen oder zur Entscheidungstheorie. Diese anfängliche Ordnung wird immer wieder verlassen. Notierte Nebengedanken zu diesen großen Linien werden einfach an der Stelle eingeschoben, an der der Zettelkasten geöffnet war. Das führt zur Steigerung des Überraschungsgehaltes beim erneuten Zugriff auf den Kasten. Durch die Anwendung dieses “Multiple-Storage-Prinzips” – also die Mehrfach-Ablage – durchbricht Luhmann auch eine historische Ordnung nach der Machart “Das waren meine ersten Gedanken zu xyz”.

“Der Kasten versucht die Vorteile von Ordnung mit den Vorteilen der Unordnung zu kombinieren”, so Kaube. Damit bewegt sich Luhmann auf der von Horace Walpole benannten Gabe der Serendipität, also der Fähigkeit, etwas zu finden, was man gar nicht gesucht hat. Eine Recherche-Methodik für überraschende Erkenntnisse.

Entscheidend ist Verzicht auf eine Zettel-Priorität. Es gibt in diesem Netz der Notizen keine privilegierten Plätze und keine Zettel von besonderer Qualität. Mit der Ablagetechnik und die Kombinatorik der Notizen gleicht der Zettelkasten den Hyperlinks des Internets.

Einen feinen Vorschlag hat der Felix Heidenreich in einem NZZ-Beitrag gemacht. Die digitale Verbindung der Zettelkästen von Niklas Luhmann, Hans Blumenberg und Arno Schmidt:

„Dann könnte man von einem Denk-Atoll ins andere übersetzen, um zu sehen, ob den Bewohnern eventuell ähnliche Dinge ins Netz gegangen sind, bei ihren Lektüren im Meer der Texte.“

Das wäre fantastisch 🙂

Niklas Luhmann und die unberechenbaren Computer-Kommunikatoren

Digitale Forscher-Elite sollte nach Bielefeld pilgern

Arno Schmidt und die Blockwarte des Kardinals

Homerisches Gelächter und Kombinationslabyrinthe: Notizen zum 100. Geburtstag von #HansBlumenberg