Trigger-Warnungen vor den moralischen Untiefen im Werk von Shakespeare: Irgendwann kommt auch hausgemachte Griebenwurst auf den Index

Die scheinheilige Moral der Saubermänner
Die scheinheilige Moral der Saubermänner

Auf was sollte man in der Literaturwissenschaft, im Theater, in der Buchhandlung, beim Kauf von Theaterkarten im Ticketshop, beim Einschalten des TV-Gerätes, beim Start von Hörbüchern hingewiesen werden, wenn man sich beispielsweise mit Shakespeares Hamlet beschäftigt? Ihr wisst schon, diese Trigger-Warnungen, die uns mittlerweile auch bei Streaming-Plattformen, Kinofilmen und anderen Dingen an den Kopf geklebt werden: Bruder­mord, Blut­ra­che, Selbst­mord, Schmä­hun­gen gegen Frauen, Alko­hol­kon­sum, Hinwei­se auf Kanni­ba­lis­mus.

Es gibt sogar Überlegungen und konkrete Maßnahmen, die europäische Literatur zur rauch- und alkoholfreien Zone zu degradieren. Dann folgen auf Warnungen säubernde Taten. Diese Reinheits-Dämlichkeit schreckt noch nicht einmal davor zurück, künstlerische Werke zu „verändern“: Sartre wurde in einer Foto-Ausstellung seiner obligaten Zigarette beraubt und das Cover für die Memoiren von Jacques Chirac musste zurückgezogen werden, weil es ihn mit Zigarette zeigte.

Wo liegen bei den Trigger-Warnungen und den „präventiven Maßnahmen“ für das selbst konstruierte moralische Reinheitsgebot noch Unterschiede zum Zensurzirkus des „Kölner Männerverein zur Bekämpfung öffentlicher Unsittlichkeit“ und dem daraus hervorgegangenen „Volkswartbund“, der dem Erzbischöflichen Ordinariat der Stadt Köln untersteht? Ich sehe da keinen Unterschied mehr. Heute heißt dieser Hausmeister-Verein in der Domstadt etwas unverfänglicher „Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendschutz“. Die bigotten Wächter von Sitte und Anstand waren die eifrigsten Zuträger der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. „Jahrzehntelang hat diese Vereinigung, meist unter dem Vorwand des Jugendschutzes, die bundesdeutschen Justiz- und Polizeibehörden zur Durchsetzung des eigenen Weltbilds missbraucht. Systematisch durchkämmten die Mitglieder die Buchhandlungen, stets auf der heimlichen Suche nach Publikationen, an denen sie Anstoß nehmen könnten, und stets waren eigene Rechtsanwälte zur Hand, um die moralische Entrüstung in Worte zu fassen und an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten“, schreibt Werner Fuld in seinem lesenswerten Werk „Das Buch der verbotenen Bücher“ (Verlag Galiani Berlin).

Ob diese Herren auch bei der Aufdeckung von Missbrauchsskandalen in katholischen Jugendeinrichtungen ebenso eifrig die Staatsanwaltschaft einschalteten, ist mir allerdings nicht bekannt. 

Jedenfalls brachten die „Blockwarte des Kardinals“ (eine Formulierung von Robert Neumann) alles zur Anzeige, was nicht ins eigene Milieu passte. „Gleichgesinnte Staatsanwälte setzten beflissen die Einsatzkräfte in Bewegung: Im Fall von Henry Millers ‚Opus Pistorum‘ durchsuchten 1985 mindestens 700 Polizisten insgesamt 285 Läden und beschlagnahmten alle vorhandenen Exemplare im Auftrag des Darmstädter Staatsanwalts“, erläutert Fuld. Arno Schmidt zählte zu den bevorzugten Angriffszielen des Volkswartbundes. Seine „Pamphlete“ würden die Einrichtungen und Gebräuche der christlichen Religionsgemeinschaften beschimpfen und seien Gotteslästerung. Zu den beanstandeten Meinungsäußerungen zählte: „Ich? Atheist, allerdings! Wie jeder anständige Mensch!“. Die Staatsanwaltschaft bejahte den literarischen Wert der Ausführungen von Arno Schmidt und stellte das Verfahren ein – wie großzügig. 

Irgendwann kommt auch hausgemachte Griebenwurst auf den Index, um den durchschnittlichen Cholesterin-Wert der Deutschen zu senken – im Sinne der Volkshygiene. Wie gehen wir mit den alten Sherlock Holmes-Filmen um, mit einem bekennenden Drogenabhängigen als Hauptperson? Wie können wir den kettenrauchenden Lucky Luke aus den Comics verbannen? Was machen wir mit dem Lehrer Lämpel bei Max und Moritz? Oder der trunksüchtigen Großmutter, die ihr Enkelkind mit dem roten Käppchen für den Nachschub an Rotwein instrumentalisiert? Habt Ihr weitere beklemmende Beispiele aus Kunst und Kultur?

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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