Homerisches Gelächter und Kombinationslabyrinthe: Notizen zum 100. Geburtstag von #HansBlumenberg

Was soll ich als Nicht-Philosoph zum 100. Geburtstag des großen Philosophen Hans Blumenberg kundtun? Es erscheinen gerade unfassbar gute Artikel und Bände über Blumenberg und aus dem Nachlass neue Werke des Nachtschreibers. „Er schrieb dermaßen viel, dass die allerletzte Edition aus seinem Nachlass erst vor einigen Monaten erschien, also 24 Jahre nach seinem Tod am 28. März 1996“, so Alexander Kluy.

Mit seiner Emeritierung 1985 wurde Blumenberg, der da schon länger einen ungewöhnlichen Lebensrhythmus gepflegt hatte, endgültig nur noch Wort, zog sich in Denkzimmer und Bibliothek zurück, führt Kluy weiter aus. In seiner Zeit als Professor, letzte Station war die Uni Münster, zog er sicht am späten Nachmittag in sein Arbeitszimmer zurück, las, schrieb und diktierte die Nacht hindurch bis in den frühen Morgen, schlief bis mittags und gab eine Vorlesung. So könnte ich mir einen Tagesablauf vorstellen, wenn ich mich für einen akademischen Berufsweg entschieden hätte. Auch die Zettelkasten-Verwandtschaft zu Niklas Luhmann interessiert mich bei Hans Blumenberg: „Um 1941 hatte er damit begonnen; im Lauf von 50 Jahren wuchs sich dies zu einem gigantischen Kombinationslabyrinth mit mehr als 30.000 Funden, Notizen, Überlegungen und „Reflexionsinseln“ aus. Ausuferndes, stolz Exzentrisches miteinander verbindendes Zitieren wurde ihm oft vorgehalten. Den Vorwurf parierte Blumenberg indirekt. Was sei die Gegenwart? Eine Zeit der Verachtung von Gelehrsamkeit. Und Bildung? ‚Bildung ist kein Arsenal, Bildung ist ein Horizont.‘ Ungeschichtlichkeit, so Blumenbergs wie so häufig stilistisch brillante Wortfindung, ist ‚eine opportunistische Marscherleichterung mit verhängnisvollen Folgen“, schreibt Kluy.

Blumenberg las übrigens intensiv den schon legendären Aufsatz „Kommunikation mit Zettelkästen“ von Niklas Luhmann. Die Unterstreichungen nahm er mit Stift und Lineal vor. Blumenberg markiert Gemeinsamkeiten und Differenzen. Luhmann benutzte normales Papier und keine Karteikarten, wie Blumenberg. Zudem verzichtete er auf eine Sachordnung zugunsten einer Stellordnung. Übereinstimmungen sieht Blumenberg bei der Vorgehensweise, Heterogenes zueinander in Beziehung zu setzen oder den Zufall bei der Arbeit mit dem Zettelkasten zu befördern. Der Innovationseffekt eines Zettelkasten beruhe auf dessen kombinatorischen Möglichkeiten.

Im Akt des Zitierens vollzieht sich sich bei Blumenberg eine stufenweise Aneignung der Lesefrüchte. Er selektiert im gelesenen Buch Textteile durch Unterstreichung. Der Übergang zur Karteikarte folgt dann den Prinzipien einer analytischen Lektüre. Nicht der Gesamtsinn des Werkes ist entscheidend, sondern verschiedene Gesichtspunkte, die für Blumenberg relevant waren. In einem zweiten Schritt folgt gar die Herauslösung aus dem Textzusammenhang. Es findet quasi eine Dekontextualisierung statt.

Das wird besonders auf jenen Karteikarten sichtbar, auf denen der Autor Zeitungsausschnitte klebte. Beispielsweise Fundstücke für kuriose Definitionen – etwa beim „Schnitzelstreit“. Das deutet auf den Humor von Hans Blumenberg hin. So schildert es Ferdinand Fellmann in einem Interview für den Band „Poetik und Hermeneutik im Rückblick“, erschienen im Wilhelm Fink-Verlag: „Bei Jauß im Seminar ging es eher asketisch zu, protestantisch. Bei Blumenberg herrschte das Homerische Gelächter. Bei diesen Treffen konnte man nach einer gewissen Zeit wegen des Rauchs der dicken Zigarren die Hand vor Augen nicht mehr sehen; dazu wurde Likör herumgereicht. Es war unglaublich, wie weltmännisch Blumenberg auftrat. Das war ein neuer Stil, der Blumenbergs außenorientiertem Charakter entsprach, geradezu ein hedonistisches Lebensgefühl, das typisch für die Zeit des Wirtschaftswunders war. Über Philosophie haben wir dabei fast nie geredet. Unsere Hauptthemen waren Autos, die Aufbewahrung von Zigarren im Wäscheschrank, die Märklin-Eisenbahn und die Bequemlichkeiten der neuesten Hausgeräte. Blumenberg war ein Technikfan.“

Das ist ganz nach meinem Geschmack. In meiner Abschiedsbotschaft zum Ausstieg aus der Hochschullehre an der HS Fresenius hatte ich das ja in Ansätzen zum Ausdruck gebracht:

Wir könnten die „Wirtschaftstheorie“ mit einem Gestus der Revolte gegen die vorherrschenden Weltanschauungen aufladen – im Geiste der 68er. Theorie fängt schließlich mit Kulturkritik an und mit Abgrenzung von der herrschenden Lehre – schon Schopenhauer hat das in seinen kleinen philosophischen Schriften „Parerga und Paralipomena“ außerordentlich unterhaltsam zelebriert. Siehe auch: NIEMAND BETREIBT THEORIE OHNE GRUND.

Wir erschaffen eine neue Wissenschaft und verabschieden uns von BWL und VWL. Wie das geht, hat Friedrich Kittler mit der Erfindung der Medientheorie unter Beweis gestellt – in einem antiakademischen Gestus übrigens. Statt der Märklin-Eisenbahn würde ich Spielzeug aus meiner Kindheit nach vorne schieben: Etwa den legendären Aston Martin mit Schutzschild. Oder das Batmobil aus den 1960er Jahren, mit dem man Plastikraketen abfeuern kann (hat einer noch die Raketen?).

Die Spione sind unter uns

Der Ausschluss von Ereignissen und Relationen, die Ignoranz kommunikativer Welten und die selbstbezüglichen Modellwelten demontieren die Wirtschaftswissenschaft.

Wir brauchen etwas Neues: Keine Powerpoint-Weisheiten, die den Studierenden an den Hochschulen zum Auswendiglernen in die Ohren gegeigt werden. Aber die verlangen teilweise danach. Bitte, bitte gib uns ein Skript zum Auswendiglernen, damit wir den Methodenstreit in der Ökonomik auch richtig runterleiern können oder genau beschreiben, wie eine neue Theorie der Öffentlichkeit lautet in Zeiten privatisierter Öffentlichkeiten im Social Web. Alles schön in den Spuren des Dozenten. Nur nicht mit eigenen Recherchen und Überlegungen die Dinge durchforsten. Der Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend hat das in seiner Zeit an der Uni Berkeley wunderbar durch den Kakao gezogen.

Alle bekommen eine Eins: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“

Er stand in den 70er Jahren auf dem Höhepunkt seiner akademischen Popularität. Feyerabend gab jedem Studierenden schon in der ersten Vorlesungsstunde eine Eins. Allein die Einschreibung in den Kursus genügte. Als man ihn zwang, eine Abschlussprüfung für seinen Kursus abzuhalten, händigte er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Beginn der Prüfung ein Blatt aus, auf dem in großen Buchstaben feierlich das Wort „ABSCHLUSSPRÜFUNG“ stand. Und darunter stand die Aufgabe: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“. Jeder Witz, auch selbst der dümmste, wurde mit der Note Eins belohnt (nachzulesen im Opus von Simon Rettenmaier, Philosophischer Anarchismus oder anarchistische Philosophie, Büchner Verlag, 2019).

Dieser wissenschaftliche Dadaismus hatte bei Feyerabend einen ernsten Hintergrund. Er glaubte zutiefst an das Humboldtsche Erziehungsideal der akademischen Freiheit jenseits der Fliegenbein-Zählerei über Noten. Der anarchistische Hochschullehrer wollte es den Studierenden überlassen, ob und wann und wie sie studieren.

Mit diesem doch eher freidenkerischen Ansatz bin ich gnadenlos auf die Schnauze gefallen im Sommersemester 2019. 

Sein Spott galt dem abgehobenen Expertentum. Seine Anything-goes-Metapher war dabei kein Plädoyer für Beliebigkeit, sondern für Öffnung, Mitsprache und Demokratie. Experten sichern ihre Deutungshoheit durch abgehobenes Kauderwelsch ab. In meinem Kopf schwirrt noch ein Zitat einer Justiziarin eines Privatsenders bei einer nicht-öffentlichen Tagung herum – ein sehr Gema-lastiges Stelldichein übrigens: Urheberrecht sei kein Laienrecht, da könne nicht jeder mitreden, sagte die Juristin unmissverständlich. Das ist fast unwidersprochen von der Runde aufgenommen worden – aber nur fast unwidersprochen….Ich halte diese Geisteshaltung für eine Katastrophe. Sie beflügelt die Ressentiments gegen das politische System.

Die Laien sollten nach Auffassung von Feyerabend ein Interesse am Aufbruch dieser Strukturen haben. Die Deutungshoheit der Expertokratie sei nicht hinnehmbar. Müssten sich diese geschlossenen Kreisen öffnen und Einblicke in ihre Methoden gewähren, würde man schnell erkennen, mit welch dünner Sauce die Experten operieren.

Obertöne der Rebellion

Der Fernsehmacher Alexander Kluge erinnert an die Obertöne der Musik. Er nennt es Obertöne der Rebellion in Anlehnung an die 68er Bewegung. Man könnte in der Zukunft etwas weiter machen, was in der Vergangenheit nur den Grundton hatte. Beispielsweise die Forderungen „Die Stadt gehört uns“ im öffentlichen Raum. Das sei nackte Wiederholung aus den Tagen der Studentenrevolte. Gleiches kann man dem Sachverständigenrat entgegen schmettern: „Die Wirtschaft gehört uns und darf nicht hinter verschlossenen Türen verhandelt werden.“

Dafür brauchen wir neue Theoriebewegungen, die sich nicht auf der Leimspur der vorherrschenden Lehre bewegen.

Einschub: Vor mir liegt ein Notizzettel über die Diktatur des Antiquariats – denkt mal drüber nach. Spruch ist von Jürgen Kaube.

Weiterer Notizzettel: Überlegungen zu einer Universalgeschichte der Niedertracht. Ist nichts daraus geworden.

Zurück zur Wissenschaft: Ich wollte eine „Digitale Thomasius-Akademie für Wissenschaft und Geselligkeit“ gründen.

Warum gerade Thomasius? Weil Christian Thomasius Ende des 17. Jahrhunderts die Universität als politisches Experiment vorantrieb. Ja, als politisches Experiment und nicht als Effizienz-Anstalt für die Sammlung von Schleimpunkten. Malen nach Zahlen im Hochschulkostüm ist ermüdend und geistlos. Wer sich der geselligen Disputation an der Digitalen Thomasius-Akademie hingibt, bekommt die universal ausgerichteten Sessions kostenlos. Schließlich unterrichtete Thomasius arme Studenten umsonst – das galt auch für die Nutzung seiner Bibliothek. Die 1694 eingeweihte Universität Halle (ja Halle) testete die Innovationsbereitschaft der Gelehrtenrepublik mit der Berufung des Versuchsleiters Thomasius: ein Philosoph, Zeitschriftenmacher und Ratgeber des galanten Lebens.

Akademische Krawalle vonnöten

Seinen Weg dorthin bahnte sich Thomasius mit einer Serie von akademischen Krawallen. Sein politisches Universitätskonzept beruhte auf Weltläufigkeit, Klugheit und Erfahrungsnähe, es sollte die Urteils- und Kritikfähigkeit der Studierenden fördern und Barrieren für den Zugang zu brauchbarem Wissen aus dem Weg räumen. Nachzulesen in dem Opus von Steffen Martus „Auflkärung“, erschienen im Rowohlt-Verlag. Überlieferungen und Traditionen schob er beiseite und empfahl seinen Studenten ein entspanntes Verhältnis gegenüber Wandel und Neuerung. Er inszenierte sich als akademischer Störenfried.

„Thomasius schlug ungewöhnliche Wege ein, um seine Gegner zu düpieren. Einer davon führte ihn zum Bündnis von Universität und Medienbetrieb. Er begann mit einer Zeitschrift, einer damals sehr frischen, wenig etablierten Gattung, in der seine Lieblingsideen noch einmal auftauchten, nun aber so vermengt und so unterhaltsam aufbereitet, dass sie ein breiteres Publikum ansprachen“, schreibt Martus und erwähnt die damalige Publikation mit Kultstatus: die Monatsgespräche – Scherz- und Ernsthafte Vernünftige und Einfältige Gedanken über allerhand Lustige und nützliche Bücher und Fragen. Eine Mischung aus Information und Pöbelei, aus Satire und anspruchsvoller Kritik, die nicht nur unterhaltsam, „sondern noch dazu erfolgreich war“, so Martus.

Greift man zur Schrift „Das Archiv der Klugheit“ von Leander Scholz, erfährt man noch mehr über Thomasius als Wegbereiter des Social Webs mit analogen Mitteln ohne AGB-Diktatur von Google und Co. Der Einzelne sollte durch die Bemächtigung von praxiologischem Wissen unhintergehbar werden. Sein Augenmerk richtete Thomasius stets auf die Medienrevolutionen, die zu einer Zäsur im Archiv des Wissens führen. „Das Kommunikationsmodell, mit dem er auf die erhöhte Datenmenge im Schriftraum reagiert, ist das des Marktplatzes mit der philosophischen Idealfigur Sokrates“, führt Scholz aus.

In seiner Klugheitslehre wollte Thomasius den Wissensempfänger direkt zum Wissensvermittler machen, denn die Wissensproduktion findet mit dem Verlassen des universitären Bereichs vor allem in der täglichen Konversation statt. „Die Demokratisierung des Wissens und der Informationssysteme waren für Thomasius unabdingbare Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft“, erläutert Scholz. Im Vordergrund seiner Theorie des Denkens stand nicht die Bewältigung eines heterogenen Stoffs nach dem Bulimie-Prinzip (reinschaufeln – auskotzen), sondern die Navigation in der Unübersichtlichkeit von Welt. So lasset uns disputieren in einer Digitalen Thomasius-Akademie für Wirtschaftsphilosophie über diskriminierende Hausmeister-Maschinen, die Neuerfindung einer politischen Universität, über Zukunftsszenarien, Utopien und das Leben. Mäzene wären dabei nicht schlecht – die hatte Thomasius auch.

Gründen wir neue Akademien! Hat das was mit Blumenberg zu tun? Na klar. Es geht doch hier um heterogene Kombinationslabyrinthe.

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