#StreamingEgos – Digital Identities: The Prince of Poets as a Social Web Enthusiast #Goethe

Goethe

How excited would Johann Wolfgang von Goethe have been to harness the boundless, real-time World Wide Web for his transnational dialog. The Prince of Poets was limited to snail mail, with one special privilege: Mail service was in the hands of a private authority and considered the cornerstone of pre-industrial modernization. The clout of its “inventor” Franz von Taxis was on par with that of Christopher Columbus. Provider “Thurn und Taxis” granted Goethe free postage for life.

“Goethe did not have to pay for any letters sent or received,” literary expert Peter Goßens mentioned in his interview with Sabria David, curator of the “Streaming Egos” project.

Goethe could write as many letters as he pleased. With this free communication tool, he evolved into the networking agent for European discourse. This was the driving force behind his cosmopolitan Humanism. Populist right-wing politicians would be well advised to take a leaf out of Goethe’s book. Today, Goethe would be using Facebook, Twitter, Periscope, Hangout on Air and a blog. Back in his day, he mainly used his own journal “On Art and Antiquity” to enter into a dialog with Europe’s literary minds.

“In addition to his prolific correspondence, his visitors and the conversations that were part of his daily life in Weimar, it was mainly his journal project that enabled an aging Goethe to cast his web of communication (which was virtual, yet manifest in its printed format), and to share his views on significant matters of world literature,” Goßens writes in his habilitation thesis Weltliteratur [World Literature], published by J.B. Metzler-Verlag.

Goethe sought to engage the erudite classes of his time in a debate on how old knowledge can be preserved for new times and how to develop a new social model:

“When we dared proclaim a European, even universal, World Literature, we didn’t mean that the various nations take note of one another and their cultural products; for in that sense, World Literature has been existing for a long time, more or less perpetuating and renewing itself. No, what we are talking about is rather that the living and ambitious literary minds get to know each other and, united by their shared inclinations and a sense of community, feel compelled to work together,” universal scholar Goethe wrote in a greeting to the Assembly of Naturalists and Physicians in the year 1828.

An Action Plan to Overcome Nationalist Delusion

Goethe created a small, but highly influential European public sphere. He sought and found allies for his world-literary endeavor to create a transnational communication system. Goethe does not define World Literature as a canon, but rather as an action plan to overcome nationalist delusion. It was not primarily about reading works of literature, but gaining a basic knowledge of other countries’ cultures. The Prince of Poets saw himself as a catalyst to build a European readership. One of his own favorite reads was “Le Globe”, which took a stance against national prejudices and quests for cultural supremacy.

Nationalist observers interpreted his cause as an un-German mindset. AfD (“Alternative für Deutschland”, German right-wing / populist party; editorial note), Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, German xenophobic and islamophobic organisation; editorial note) and the like would probably put it exactly the same way today. With his strong international network, Goethe was able to drown out these bawling populist voices. Günther Rüther hopes that the intellectuals of our day will do the same. In the 19th and 20th centuries, it was mainly wars that rekindled the European idea. Intellectuals strove to overcome nationalist stereotypes, control hatred and intolerance and, above all, reforge the lost friendships between peoples, as Rüther writes in his new book Die Unmächtigen – Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945 [The NonPowerful – Writers and Intellectuals Since 1945], published by Wallstein Verlag. Europe now needs the voices of the intellectuals. They must decipher the language of power and politics of expertise in order to relaunch the European idea.

Source: STREAMING EGOS – DIGITAL IDENTITIES.

Wir transformieren uns während der Internetwoche Köln #iw7 am 25. Oktober

krawatten

Bei unserer Veranstaltung geht es allerdings nicht um das übliche Keynote-Geschwafel zur Digitalen Transformation, sondern um die Transformation von Gesellschaft und ganzen Systemen.

Wie viel digitale Camouflage steckt im Gerede über Digitalisierung? Wie kann man sich von den digitalen Technokraten und Bürokraten abgrenzen?

Wie entstehen neue Öffentlichkeiten? Greift die Theorie der öffentlichen Meinung noch?

Veröden wir wirklich in den Echokammern des Netzes?

Was passiert in der Bildung?

Und viele weitere Aspekte über die vernetzte Gesellschaft.

Kommt am Dienstag, den 25. Oktober ab 14 Uhr zu unserem Open Space-Format im Haus der IHK Köln. Wir haben das kollaborativ organisiert und werden das gemeinschaftlich moderieren. Teilnahme ist kostenlos. Um Anmeldung wird dennoch gebeten. Meine Runden werde ich via Facebook Live übertragen.

Mit dem Hashtag-Soziologen Klaus Janowitz habe ich heute über die Details des Events gesprochen – im Doppel-Livestream.

Facebook:

Und Hangout on Air:

Man sieht, hört und streamt sich spätestens am 25. Oktober.

Am Vormittag startet übrigens auch der Utopie-Podcast, den ich zusammen mit Professor Lutz Becker produziere #KönigvonDeutschland

Live-Hangout mit dem Hashtag-Soziologen @KlausMJan über die Kölner Internetwoche #iw7

Hashtag-Soziologie
Hashtag-Soziologie

Wir sind der Überzeugung, dass die Digitalisierung genauso eine gesellschaftliche Transformation bedeutet – und damit ein neues Denken, eine andere Haltung erfordert. Der Prozess der Digitalisierung verläuft nicht monokausal. Es bilden sich neue Strukturen von Systemen heraus und das wollen wir thematisieren.

Vernetzte Sozialität/Networked Sociality ist ein neues Organisationsprinzip, manche Autoren sprechen von einem Neuen Sozialen Betriebssystem. All das wollen wir am Dienstag, den 25. Oktober von 14 bis 18,30 Uhr mit Euch auf der Kölner Internetwoche diskutieren. Der Hashtag-Soziologe Klaus Janowitz und ich geben einen Einblick in die Veranstaltung.

Seid dabei und meldet Euch für das Event am 25. Oktober an. Teilnahme ist kostenfrei.

Goethe: Netzwerk-Kosmopolit und Social Web-Enthusiast #StreamingEgos @meta_blum

Goethe und Dichter-Freund Schiller
Goethe und Dichter-Freund Schiller

Wie froh wäre Johann Wolfgang von Goethe gewesen, das grenzenlose und echtzeitige Netz für den transnationalen Dialog einzusetzen. Der Dichterfürst nutzte den Postweg. Aber auch hier gab es eine Besonderheit. Das Postmonopol war in privater Hand und galt als Grundpfeiler der vorindustriellen Modernisierung. Ihr „Erfinder“ Franz von Taxis wurde auf eine Stufe mit Christoph Kolumbus gestellt. Der damalige Provider „Thurn und Taxis“ gewährte Goethe ein Freibriefrecht.

„Für Briefe von und an Goethe musste kein Porto bezahlt werden“, erwähnt der Literaturwissenschaftler Peter Goßens im Interview mit Sabria David, die in einem internationalen Projekt des Goethe-Instituts die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts reaktivieren möchte.

Goethe konnte so viele Briefe schreiben, wie er wollte. Mit dieser freien Kommunikationsform entwickelte er sich zum Netzwerker für den europäischen Diskurs. Es war die Triebfeder seines kosmopolitischen Humanismus, von dem sich die besorgten Bürger eine Scheibe abschneiden sollten. Heute würde Goethe dafür Facebook, Twitter, Periscope, Hangout on Air und einen Blog einsetzen. Damals setzte er vor allem seine eigene Zeitschrift „Ueber Kunst und Alterthum“ ein, um mit den „Literatoren“ Europas in Kontakt zu treten.

„Neben seiner umfangreichen Korrespondenz, den Besuchern und Gesprächen, die zum Weimarer Alltag gehörten, war es vor allem das Projekt der Zeitschrift, die es dem alternden Goethe ermöglichte, ein virtuelles, aber durch seine gedruckte Form manifestes Kommunikationsnetz zu spannen und seine Wahrnehmung des weltliterarisch Bedeutsamen bekannt zu machen“, schreibt Goßens in seiner Habilitationsschrift „Weltliteratur“, erschienen im J.B. Metzler-Verlag.

Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung

Goethe schuf damit eine kleine, aber sehr einflußreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wird von Goethe nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung. Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei „Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte.

Sein Anliegen wurde von nationalistischen Gichtlingen als undeutsche Gesinnung ausgelegt. Seine internationale Netzwerkstärke konnte dieses Stammtisch-Gebrüll deutlich übertönen. Das StreamingEgos-Projekt des Goethe-Instituts könnte ähnliches leisten. Es wird am Samstag im NRW-Forum in Düsseldorf vorgestellt und natürlich via Hangout on Air live ins Netz übertragen.

Eine Vorschau lieferte Sabria David als Kuratorin des Gesamtprojektes im ichsagmal-Bibliotheksgespräch.

Eine ausführliche Version dieses Beitrags erscheint in meiner Gichtlingskolumne für The European.

Siehe auch:

BIBLIOTHEKSGESPRÄCH ÜBER DIE WIEDERBELEBUNG DER SALONKULTUR

Man hört, sieht und streamt sich am Samstag 🙂

Mit @stporombka und Adorno-Adiletten die digitale Gegenwart ändern: Über Gamification und den Nutzen der Torheit #Gamescom15 #NEO15

Eine vom Fluch der ständigen Erreichbarkeit genervte Familie.
Eine vom Fluch der ständigen Erreichbarkeit genervte Familie.

Man spürt die Verkrampfung vieler Führungskräfte der Deutschland AG, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen müssen, die sie nicht kapieren. Der Grafiker Quentin Fiore formuliert das in seinem Opus „Das Medium ist die Massage“ mit drastischen Worten: Ein Überleben sei heute unmöglich, wenn man sich seiner Umwelt, dem sozialen Drama, mit einer starren, unveränderlichen Haltung nähert – eine geistlose, immer gleiche Reaktion auf das Verkannte.

„Leider begegnen wir dieser neuen Situation mit einem riesigen Ballast überholter intellektueller und psychologischer Reaktionsmuster. Sie lassen uns h-ä-n-g-e-n. Unsere eindrucksvollsten Wörter und Gedanken verraten uns. Sie verbinden uns mit der Vergangenheit, nicht mit der Gegenwart“, schreibt Fiore.

Den neuen Technologien begegnet man mit den Reizreaktionsmustern der alten. In Phasen des Übergangs sei daher ein Zusammenprall unvermeidlich:

„In der Kunst des ausgehenden Mittelalters erkennen wir bereits die Angst vor der neuen Technologie des Buchdrucks, die im Motiv des Totentanz ihren Ausdruck fand“, so Fiore.

Es ist der absurde Versuch, die von der neuen Umwelt geforderten Aufgaben mit dem Rüstzeug von gestern zu erledigen. Heute wird der Untergang des Buchdrucks mit kulturpessimistischen Tönen bekleidet:

Etwa die Idee von Amazon, das Lesen von eBooks nur noch nach angeklickten Seiten zu bezahlen. Das Buch als Ganzes wird aufgelöst.

„Und das ist für die Verfechter der alten Buchkultur natürlich schlimm. Das Buch hat uns ja erzogen, die Sachen als abgeschlossen zu verstehen, als festes Gegenüber. Die neuen Formen des Lesens interessieren sich weniger für das Abgeschlossene. Es geht um Aneignung und um Weiterbearbeitung. Das heisst, dass sich Bücher in Texte verwandeln – und die wiederum erscheinen eher als Material, mit dem man etwas machen kann. Damit verfallen dann eine ganze Reihe von festen Regeln, die uns mit dem Lernen der Buchlektüre beigebracht worden sind“, sagt Literaturprofessor und Twitterat Stephan Porombka.

Letztlich sind es lustvolle und kombinatorische Gegenwartsexperimente, die die Gegenwart nicht nur beobachten, sondern sie verändern. Erfolge habe schließlich NICHT in erster Linie der Erfinder oder kreative Zerstörer, sondern jener, der das Neue am besten organisiert und kombiniert, bemerkte der Ökonom Joseph Schumpeter in seiner Zeit an der Bonner Universität.

Schumpeter richtig zitieren.001

Als wahrer Pionier der kombinatorischen und experimentellen Gegenwartskultur erweist sich Porombka. Selbstporträts macht er nicht mit Selfie-Stab, sondern mit einer autonom fliegenden Drohne, die Fotos sogar in heiklen Momenten bei der Bettlektüre von Werken schießt wie „Josefine Mutzenbacher – oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“.

https://twitter.com/stporombka/status/522266919655985154

Die tägliche Rasur der Geheimratsecken, die zum professoralen Habitus von Porombka zählen, bleibt der Drohne nicht verborgen. Man sieht ihn auch bei frühsportlichen Übungen in der Disziplin „American Bookball“. Ein extrem hartes Buchtraining mit literarisch ausstaffierten Schulterpolstern im Stil der 1980er Jahre.

Legendär ist auch der vierarmige Pullover mit dualem Stinkefinger für langweilige Konferenzen. Wegweisend sein achtjähriges Forschungsprojekt beim Abpausen des Gesamtwerkes von Franz Kafka. Das Gerüst von Heideggers Opus „Sein und Zeit“ hat der Twitteratur-Trendsetter mit Streichhölzern nachgebaut. Den Silberstreif am Horizont gibt es in der innovativen Porombka-Werkstatt in mobiler Version zum Mitnehmen.

https://twitter.com/stporombka/status/493079285750853632

Zudem offeriert er ein Brot mit USB-Schnittstelle und für den intellektuellen Sauna-Gang Adiletten mit Theodor W. Adorno-Plateausohlen. Smartphone-Hüllen mit dem Wittgenstein-Hauptwerk „Tractatus logico-philosophicus“ reduzieren die Blödheit beim öffentlichen Einsatz dieser mobilen Geräte.

Technologien der Torheit

Vielleicht sollten die Unternehmensentscheider im Umgang mit den digitalen Technologien dem Weg von Porombka folgen oder sich an dem amerikanischen Organisationspsychologen James C. March orientieren, der für eine „Technologie der Torheit“ plädiert. Er meint damit aber nicht Albernheit, sondern Verspieltheit, um Raum für Experimente zu schaffen. Organisationen kommen nicht ohne Wege aus, Dinge zu tun, für die sie keine guten Gründe haben. Es existiert in allen Entscheidungssituationen eine Menge Unsicherheit und Konfusion, die von den traditionellen Managementkonzepten und verstaubten BWL-Theorien ignoriert werden. Klugheit im Durcheinander der Vernetzung speist sich nicht aus dem kümmerlichen Geist des Controllings.

„Torheit – oder das, was danach aussieht – beruht zum Teil darauf, Ideen aus anderen Bereichen zu stehlen“, erläutert March im Interview mit Harvard Business Review.

So könne der Spieltrieb genutzt werden, um die Torheit zu fördern:

„Beim Spielen gibt es keine Hemmungen. Wenn wir spielen, können wir Dinge tun, die uns sonst nicht erlaubt sind. Wenn wir aber nicht spielen und die gleichen Dinge tun wollen, müssen wir unser Verhalten rechtfertigen. Gelegentliche Torheit erlaubt es uns, Erfahrungen mit einem möglichen neuen Ich zu machen – aber bevor wir eine Veränderung dauerhaft in die Realität umsetzen, müssen wir Gründe dafür liefern.“

Vielleicht bringt die Gamification mehr Leichtigkeit ins Wirtschaftsleben. Wir sollten nicht alles so bedeutungsschwer auf die Waagschale legen. Schließlich sei das Streben nach Bedeutsamkeit und Wichtigkeit die Illusion des Unwissenden, betont March. Recht hat er.

Darüber wollen wir reden – auf der Gamescom am 6. August, um 12:30 Uhr. Und natürlich auch auf der Next Economy Open im November. Man hört, sieht und streamt sich 🙂

Ohne Bürgerbeteiligung scheitern Großprojekte – Lehrbeispiel #Festspielhaus in Bonn

Beethoven Denkmal

Das Scheitern des Festspielhaus-Projektes zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven war absehbar. Es ist die unendliche Geschichte von Planungschaos und Überheblichkeit der Bonner Honoratioren.

Fragte man die Festspielhaus-Freunde nach der Beteiligung der Bonner Bürgerschaft beim Wettbewerbsverfahren, bekam man den Verweis auf die private Trägerschaft. Fragte man nach der Notwendigkeit des Prachtbaus, argumentieren die Klassik-Fans mit den Interessen der Stadt. Ein sehr schönes dialektisches Spielchen auf Kosten der Allgemeinheit, auf Kosten der Kleinkunst und der Graswurzel-Kulturszene.

„An diesem Beispiel wird deutlich, weshalb wir als Zivilgesellschaft solche unabhängigen Institutionen wie die Werkstatt Baukultur Bonn oder das Haus der Architektur Köln dringend benötigen. Aus dem System selbst heraus (d.h. Politik, Verwaltung, Architekten, Berufs- und Wirtschaftsverbände, Investoren) sind die Stimmen einfach zu schwach, die sich für eine höhere Planungsqualität und Prozesskultur einsetzen. Eine transparente, nachvollziehbare, öffentlich geführte Debatte solch hochöffentlicher Bauvorhaben verhindert nicht etwa Qualität, sondern ist integraler Bestandteil der erfolgreichen und von weiten Teilen der Stadtgesellschaft mitgetragenen Umsetzung“, kommentiert Christian Wendling vom Haus der Architektur in Köln.

Wie gut ist doch Wikipedia bei der Dokumentation der planerischen Peinlichkeiten, die sich in den vergangenen Jahren um den neuen Musen-Tempel abgespielt haben. Hier nur die „Highlights“:

Im Juni 2007 hieß es in einem Beschluss des Rates der Stadt:

„Das neue ,Festspielhaus Beethoven‘ soll in unmittelbarer Nähe zur bestehenden Beethovenhalle errichtet werden. Hierbei sind planerische Lösungen für die Anbindung zum Komplex der bestehenden Beethovenhalle vorzuschlagen. Als Baufenster vorgesehen ist das östlich angrenzende Grundstück am Ufer des Rheins zwischen den Straßen Wachsbleiche im Norden und Theaterstraße im Süden.“

Im April 2008 vollzog die damalige Oberbürgermeisterin Dieckmann einen Schwenk: das Festspielhaus sollte weder neben der Beethovenhalle oder gar an einem anderen Standort gebaut werden.

„Das wäre mit 75 Millionen Euro nicht zu machen“, zitierte sie der „Bonner General-Anzeiger“ am 19./20. April 2008.

Sie setze sich nun für eine „integrative Lösung“ ein. Danach sollten Außenansicht und Dach der Halle „weitgehend erhalten bleiben“, der Innenraum aber völlig umgebaut werden mit zwei Sälen und der Verlagerung des Haupteingangs zum Rhein hin. Zu diesem Konzept würden nun auch die Bauherren tendieren.

Drei Monate nach der Wahl eines neuen Stadtrates und eines neuen Oberbürgermeisters im September 2009 teilte der Bonner Stadtdirektor Volker Kregel mit, der gleichzeitig städtischer Projektleiter für das Festspielhausprojekt war, dass es hinsichtlich des Standortes eine Alternativ-Planung gebe. In Absprache mit Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch werde laut darüber nachgedacht, „die Entscheidung für den Standort auf dem Gelände der Beethovenhalle aufzugeben“. Als Alternativstandort nannte Kregel ein Grundstück neben der Telekom-Zentrale, auf dem sich derzeit noch das „Landesbehördenhaus“, das ehemalige Bonner Polizeipräsidium, befindet.

In einer Stellungnahme vom Februar 2010 erklärte die Verwaltung, es gebe „keine Pläne zum Standortwechsel, sondern lediglich den Hinweis auf andere Optionen“. Zwei Wochen später teilte Oberbürgermeister Nimptsch mit, dass „die Projektpartner jetzt Alternativen“ prüften, „die am Rhein liegen: am Alten Zoll, im Park zwischen Villa Hammerschmidt, Kanzlerbungalow und Palais Schaumburg. Und in der Rheinaue.“

In der dem Projektbeirat im März 2010 vorgelegten „Ergänzenden Standortbewertung“ kam die Verwaltung für den Standort Rheinauenpark/Rheinpavillon zu der Bewertung „sehr eingeschränkt geeignet“, die drei anderen seien nicht geeignet. Ähnlich kurios ist die Bauplanung verlaufen.
Kein offener Wettbewerb

Das privatrechtlich ausgerichtete Vergabeverfahren aus dem Jahr 2008 war kein ordentlicher, offener Architektenwettbewerb, wie er bei öffentlichen Aufträgen vorgeschrieben ist. Zu Beginn des Auswahlverfahrens, Mitte Oktober 2008, nannte die Deutsche Post AG für die drei Unternehmen elf internationale Architekturbüros, die mit Entwürfen für den Bau beauftragt wurden. Drei Leitlinien galten für sie:

Das neue Haus soll sowohl architektonisch als auch akustisch Weltniveau haben, das Investitionsvolumen maximal 75 Millionen Euro betragen. Als „Option“ vonseiten der Sponsoren hatten die Architekten, die Beethovenhalle einzubeziehen oder abzureißen, womit die Sponsoren die vom Rat beschlossenen „städtebaulichen Rahmenbedingungen“ ignorierten. Die „städtebaulichen Rahmenbedingungen“ gehen von einem Nebeneinander von alter und neuer Halle aus, nicht von einem Abriss.

Provinz bleibt Provinz

Vertreter der Stadt und der Bürger waren bei der Expertenanhörung, so Andreas Rossmann in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) vom “16. Februar 2009, „Zaungäste“”. Die Entscheidung, welche Entwürfe ausgewählt wurden, trafen alleine die Sponsoren. Am 16. Februar 2009 berichtete die „FAZ“, dass die vier ausgewählten Entwürfe der Sponsoren nicht identisch seien mit vier Entwürfen, die das Expertengremium favorisierte.

Die Zeitung beruft sich auf Landeskonservator Udo Mainzer, der als Experte an der Anhörung teilnahm. So seien von den Sponsoren zwei Entwürfe, die von Schuster & Schuster und von David Chipperfield, „plötzlich“ ausgetauscht und durch die Entwürfe von Hermann & Valentiny und Arata Isozaki ersetzt worden. Begründungen für diese Entscheidung wurden vonseiten der Sponsoren nicht gegeben. Ebenfalls sei kein Wettbewerbsprotokoll geführt worden.

Und wie trefflich urteilt doch der „FAZ“-Redakteur vor sechs Jahren (Stichwort „Bilbao-Illusionen“):

„Zwar zeichnet sich inzwischen ein Ende der Spektakel-Architektur ab, doch die Post möchte in Bonn damit hinterherkleckern. So insistiert die Provinz darauf, Provinz zu bleiben. Zeitgebunden wie sie sind, dürfte jeder der vier Entwürfe, so er gebaut wird, in zwanzig Jahren älter aussehen als die Beethovenhalle von Siegfried Wolske“, die übrigens vor fünf Jahrzehnten von Experten der Musik- und Architekturszene bejubelt wurde – bis sie von der Stadt heruntergewirtschaftet wurde und von den Festspielhaus-Honoratioren in den vergangenen Jahren schlechtgeredet wurde.

Das Abo-Publikum verlangte halt einen neuen und edlen Rahmen, um die Abendgarderobe aus dem Schrank zu holen.

Nach dem Ausstieg der Post steht man nun in Bonn mit leeren Händen da. Dann sollte wenigsten die Beethovenhalle saniert werden, um im alten Glanz zu erstrahlen. Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum Beethoven-Jubiläumsjahr 2020.

Wir brauchen keine digitale Gesellschaft, Herr Hachmeister, aber mehr digitale Inspiration

Sind wir eine digitale Gesellschaft
Sind wir eine digitale Gesellschaft?

Der Medienwissenschaftler und frühere Grimme-Chef Lutz Hachmeister arbeitet sich in der FAZ am Begriff der digitalen Gesellschaft ab und kritisiert dabei die Überhöhung der Technologie. Kann er machen. Halte ich aber für überflüssig. Anleihen nimmt Hachmeister bei den Zukunftskolumnen von Nicholas Negroponte der im Dezember 1998 einfach mal die digitale Revolution für beendet erklärte. Überraschende Veränderungen lägen jetzt anderswo, „in unserem Lebensstil und wie wir gemeinsam unser Leben auf diesem Planeten gestalten“. Negroponte kam auf die Energieversorgung, soziale Gleichheit und Geopolitik zu sprechen, ausgehend von den Wirkungen der „digitalen Revolution“, aber soziologisch darüber hinausweisend.

Negropontes letzte Kolumne sei angeblich in Deutschland im doppelten Wortsinne nicht mehr angekommen, denn da ging es mit dem „DigiBlabla“ (Tom Wolfe) erst richtig los.

„Politiker ließen sich mit Entrepreneuren der ‚New Economy‘ fotografieren, hatten aber erst recht nach dem Börsen-Kollaps nicht recht begriffen, was die ‚Neue Ökonomie‘ gewesen sein sollte. Da war die nüchterne Bundeskanzlerin Angela Merkel schon ehrlicher, als sie ein Jahrzehnt später das World Wide Web oder das ‚Wirtschaftswunder 4.0‘ zum politischen ‚Neuland‘ erklärte“, so Hachmeister. Inzwischen sei die „New Economy“ durch die Konstruktion einer „digitalen Gesellschaft“ ersetzt worden. „Ministerien, Verbände und Parteien überbieten sich mit Konferenzen, bei denen es ohne begriffliche oder theoretisch-historiographische Fundierung mit Zustandsbeschreibungen und Forderungen bunt durcheinandergeht. Zumeist bleibt es bei ’schnellem Breitbandausbau auch in ländlichen Gegenden‘, ‚freiem W-Lan für alle‘ (wir haben immer noch die Störerhaftung, Herr Hachmeister, gs) oder ’neuer europäischer Technologiepolitik‘ hängen“, so der FAZ-Gastautor.

Teilnehmer an „netzpolitischen Abenden“, der Digi-Messe „re:publica“ in Berlin oder Nutzer der brav sozialdemokratischen Website „#digitalLeben („Die digitale Revolution wird alle Teile unseres Lebens umfassen. Das ist sicher“; „Martin Schulz würdigt Netzguru“ etc.) bekämen große und traurige Augen, wenn man ihnen erklären muss, dass es eine digitale Gesellschaft nicht gibt. Mitunter komme es auch zu innerparteilichen Verstimmungen, wenn etwa der SPD-Parteivorsitzende Netzfeministinnen, die nach eigener Aussage „im Internet leben“, bedeutet, sie sollten sich öfter in die Welt der Ortsvereine, Landtagsfraktionen und Sozialverbände begeben.

Die binäre Codierung begründet nicht in irgendeiner Form „Gesellschaft“.

„Die Übertragung eines evolutionär relativen, naturwissenschaftlichen oder technischen Kalküls auf einen soziologischen Grundbegriff ist ein schlichter Kategorienfehler. In diesem Sinne gibt es auch keine atomare oder mechanische Gesellschaft. Selbst angesichts der wirtschaftlichen und kulturellen Effekte, die mit der Infrastruktur des elektrischen Stroms und der künstlichen Beleuchtung einhergingen, ist kaum je ein Sozialforscher darauf gekommen, dies als konstitutiv für eine ‚elektrische Gesellschaft‘ anzusehen“, meint Hachmeister.

Die Erkenntnis technologischer und kultureller Evolutionen sei eine geistespolitische Aktion; sie lässt sich nicht durch technoide Empirie erledigen. Die „digitale Gesellschaft“ werde auch deshalb nicht entstehen, weil mit der Normalisierung des „Digitalen“ der Wert analoger Werkstoffe oder das Biocomputing zulegt. Das hätte der Autor etwas ausführlicher darlegen können. So klingt das Resümee des Gast-Feuilletonisten doch etwas profan. Das gilt auch für seine Einschätzung, dass die Annahme einer digitalen Gesellschaft technologisch und ökonomisch rückständiger sei, als es ihre Mitglieder (?????) annehmen.

Mehrere Behauptungen des Autors sind ärgerlich. Hat es in Deutschland nach dem Crash des Neuen Marktes nicht eine Renaissance der Altvorderen im politischen und wirtschaftlichen Establishment gegeben, die mit Häme und Spott die Netzszene voreilig beerdigten? Gibt es irgendeine erstzunehmende Initiative, um den Gestaltungswillen in Richtung eines digitalen Masterplans für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft umzusetzen? Die Fallhöhe, die Hachmeister bei den Apologeten des Digitalen konstruiert, war zumindest in Deutschland nie existent. Die digitalen Vordenker waren und sind leider immer noch eine Randgruppe.

Am Trend zur Dematerialisierung, der immer mehr Bereiche der Kohlenstoffwelt trifft, wird auch das analoge Plädoyer von Hachmeister wenig ändern, ob wir uns nun als digitale Gesellschaft definieren oder nicht. Ich halte diese Begriffshuberei schlichtweg für überflüssig. Es geht um die normative Kraft des Faktischen, die Roland Tichy recht hübsch beschrieben hat:

„Wir nutzen nicht mehr die Geräte – aber das, was sie können, den Nutzenstrom, den nutzen wir weiterhin: das Kursbuch, die Literatur, die Musik. Die Änderung erfolgt schleichend – und trotzdem blitzschnell. Das Praktischere setzt sich durch. Ich persönlich liebe meine Leica. Ihr Aussehen, ihr Gefühl der Perfektion, das sie mir vermittelt, wie sie schwer in der Hand liegt, den satten Klang des Auslösers. Aber leider ist mir analog längst zu mühsam. Und so geht es immer mehr Menschen mit immer mehr Gütern und Dienstleistungen. Ja, es ist wunderschön, bei einer Tasse Kaffee morgens in der Zeitung zu blättern. Das Rascheln! Das Knistern! Schon der Geruch bedruckten Papiers hat eine ungeheure Faszination. Punkt. Leider bin ich meistens irgendwo unterwegs, wenn ich Zeit habe, eine Zeitung zu lesen. Dummerweise verstopft sie zu Hause meinen Briefkasten und ist nach einigen Tagen das Signal für Einbrecher: freie Bahn, keiner zu Hause. Also wird die Zeitung verschwinden — aber wir werden weiter lesen, uns weiter informieren, weiter unseren Lieblingsautoren folgen. Nur eben anders. Dematerialisiert. Und wir können sofort darauf antworten. Neue Medien sind nicht nur ‚digital‘. Sie sind responsiv. Sie haben damit eine neue Qualität. Das wird unsere Vorstellung vom richtigen Produkt verändern“, schreibt Tichy.

Alles ausgelöst durch die 0-1-Logik mit einer unendlichen Kombinatorik von digital aufgeladenen Produkten und Diensten. Da war der von Hachmeister zitierte Gottfried Wilhelm Leibniz mit der Erfindung der ersten binären Rechenmaschine im 17. Jahrhundert wesentlich ambitionierter:

„Meine Erfindung enthält den Gebrauch der gesamten Vernunft, ein Urteil in Kontroversen, eine Interpretation der Begriffe, eine Abwägung der Wahrscheinlichkeiten, ein Kompass, der uns über den Ozean der Erfahrungen leitet, ein Inventar der Dinge, ein Tableau der Gedanken, ein Mikroskop zur Prüfung der gegenwärtigen Dinge, ein Teleskop für die Vorhersage der künftigen, ein allgemeines Kalkül, eine unschuldige Magie, eine nicht-chimärische Kabbala, eine Schrift, die jeder in seiner Sprache liest: Und auch eine Sprache, die man in wenigen Wochen erlernt, die recht gut sich über die Welt verbreiten kann“, so Leibniz in einem Brief an Herzog Johann Friedrich.

Welch inspirierende Prophezeiungen. Wir brauchen in digitalen Debatten mehr Leibniz und weniger Hachmeister.

Siehe auch:

Über allen IT-Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch.

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Lullus, der erste Hacker: Über die Lust an der digitalen Kombinatorik

Lullus

In der Netzökonomie-Campus-Initiative ist ein höchst pragmatischer Vorschlag in die Diskussion geworfen worden, wie man internet-aversive Unternehmer, Verbandsfunktionäre und sonstige relevante Entscheider in Teutonien ins Netzzeitalter katapultieren könnte. Man ummantelt schlichtweg die analogen Organisationen, Maschinen, Produkte, Services und Verwaltungsaufgaben mit einer digitalen „Schicht“. So eine Art „Verwaltungsschale“.

Mit Vernetzungskonzepten überzeugen

Dann wird vielleicht auch dem Mittelständler im schönen Westerwald, dem Kommunalpolitiker in Buxtehude und dem Wissenschaftler am Overhead-Projektor an der Uni Koblenz klar, was passiert, wenn man sich nach außen vernetzt. Alles, was analog ist, bekommt an irgendeiner Schnittstelle den Zugang zur binären Logik. In unserem eigenen Haus habe ich das schon längst umgesetzt, da es immer noch keine umfassenden Vernetzungskonzepte für die eigenen vier Wände aus einer Hand gibt. Unsere alte Yamaha-Musikanlage – der unkapputbare Verstärker stammt noch aus meiner Uni-Zeit in den 1980er Jahren – ist beispielsweise mit dem Airport von Apple verdrahtet und spult alles herunter, was in der digitalen Bibliothek abgerufen werden kann. Warum sollte ich also die High-End-Teile für satten Sound als Elektronikschrott entsorgen?

Legobau-Kenntnisse: Kleine Schritte in die digitale Transformation

Wer mit kleinen Digital-Experimenten operiert, bekommt schnell Appetit auf mehr. Was mit robusten Verstärkern möglich ist, kann man auch mit TV, Waschmaschine, Geschirrspüler, Beleuchtung und mit dem kompletten Haus bewerkstelligen – unabhängig vom Hersteller und vom Betriebssystem. Schnell landet man bei Open Source, offenen Schnittstellen und Protokollen – auch wenn man diese Begriffe überhaupt nicht im Vokabular führt. Legobau-Kenntnisse aus der Jugendzeit reichen aus. So kann man mit Legostein ähnlichen Klemmen des Anbieters Digitalstrom analoge Geräte wie Lampen, Rauchmelder, Rollos und Haushaltsgeräte mit wenigen Handgriffen digital aufrüsten.

In dem Lichtschalter von Digitalstrom befindet sich nicht nur eine Kommunikationseinheit, die man über das Internet steuern kann, sondern auch ein Sensor für Licht und Geräusche, wie Hannes Schleeh in einem Blogbeitrag ausführlich erläutert: Allein dadurch könne die bisher nur ein- und ausschaltbare Leuchte gedimmt, per Licht und Geräusch gesteuert werden. Das offene und modulare Konzept bietet Herstellern und Kunden nach Ansicht von Schleeh die Möglichkeit, individuelle Konzepte mit unendlichen Variationen auf den Weg zu bringen und eine Schneise für das Internet der Dinge zu schlagen.

Kleine und pragmatische Schritte in die digitale Transformation mit großer Wirkung. Wer den Nutzen der Vernetzung im Privathaushalt erlebt, verlangt ähnliche Anwendungen auch im beruflichen Umfeld und im Kundenservice.

Wenn Produkte und Services mit kleinen Stellschrauben für die digitale Welt anschlussfähig gemacht werden, vollzieht sich das Wunder der Kombinatorik auf den Spuren des Geistlichen Raimundus Lullus. Er hat die Digitalisierung bereits in seinem Hauptwerk „Ars Magna“ im Jahr 1300 auf Mallorca vorgedacht. Seine logischen Entwürfe wurden von den Wissenschaftlern Werner Künzel und Peter Bexte in die Computersprachen Cobol sowie Assembler auf einen Großrechner übertragen und erwiesen sich als ablauffähige Software – nachzulesen in dem viel zu wenig beachteten Opus „Allwissen und Absturz – Der Ursprung des Computers“, erschienen im Insel-Verlag und über Amazon als antiquarische Kostbarkeit zu humanen Preisen noch verfügbar.

„Lullus war der erste Hacker in den himmlischen Datenbanken“, schreiben die beiden Autoren.

Appetithäppchen für meine morgige The European-Kolumne.

Freigeistige Podcaster: @philipbanse @dersender „Wir schmeißen alles weg, was wir aus dem Radio kennen und fangen neu an“

Podcasting aus Leidenschaft

Schon kleine technische Variationen, Erweiterungen und minimale Änderungen der Rahmenbedingungen können etwas völlig Neues auslösen, konstatieren die Podcast-Pioniere Tim Pritlove und Philip Banse in der von Pritlove produzierten Sendung „Lautsprecher“. Das gilt für gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen, schlägt aber bei den klassischen Massenmedien in viel größerer Wucht ein. Beim Podcasting entstanden in den vergangenen zehn Jahren völlig neue Formate, auch wenn das Radio nicht neu erfunden wurde.

Es setzt sich eine neue Kommunikationshaltung durch, die tradierte Ausdrucksformen wie das Radio-Feature aufleben lässt.

„Der Aufwand, mit dem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Feature produziert werden, sprengt die Vorstellungen der allermeisten Hörer“, so der erfahrene Radio-Mann Banse.

Man sitzt dafür eine Woche im Studio mit Regisseur, Produzent und Profi-Sprechern, produziert täglich um die acht Stunden, zaubert ein Stück über die Dauer von einer Stunde, präsentiert es recht lieblos auf der Website und macht es nach der Ausstrahlung noch eine Woche abrufbar, wenn die Suche in der Mediathek überhaupt zum Erfolg führt. Danach wird depupliziert und das war es.

Für die Audio-Graswurzelbewegung ein Anlass zum ändern.

„Wir schmeißen alles weg, was wir aus dem Radio kennen und fangen neu an“, so das Podcast-Credo von Banse.

Keine Zeitbegrenzung, keine Techniker hinter der Scheibe, keine Startzeit, kein Ablaufdatum, keine Redaktion, vor der man irgendetwas rechtfertigen muss. Man genießt die Freiheit, im Radio-Journalismus Blindflüge zu starten und zu schauen, wo man landet. Es entstehen Außenaufnahmen mit interessanten Leuten an spannenden Orten. Man erzeugt bei der Renaissance der Radio-Reportage Bilder im Kopf über Geräusche und alles mit kleinen sowie preiswerten Geräten in Stereo aufgenommen. Banse, der im Sommer mit einem Team ein genossenschaftliches Radioprojekt namens „Der Sender“ startet, bewegt sich leidenschaftlich in unterschiedlichen Welten. Auf das Spielbein Podcasting will er dabei nicht verzichten.

Öffentlich-rechtliche Sender haben Schwierigkeiten wie alle großen Organisationen. Sie sind nicht spontan und zu wenig flexibel für experimentelle Aktionen, die in der Podcast-Szene vorgelebt werden. Ausnahmen gibt es nur wenige. Etwa die Deutschlandradio-Sendung „Breitband“, die von Jana Wuttke mit aufgebaut wurde.

„Die haben es geschafft, sich aus dem Content Management System des Deutschlandradios zu lösen und konnten ihren eigenen Podcast-Feed konfigurieren“, erläutert Banse.

Da hätte es aber mehr Möglichkeiten gegeben. Aber Radio-Journalismus findet in den 54 Sendern des öffentlich-rechtlichen Hörfunks kaum noch statt. Die dudeln von morgens bis abends Musik unterbrochen mit kleinen 1:30-Einspielern und Quiz-Fragen. Läppisch seien nach Auffassung von Banse auch die Podcast-Versuche der Zeitungsverlage, die eigentlich mehr wagen könnten.

Peter Schink hat das bei Welt Online versucht.

„Ich hatte da alle Freiheiten. Der wusste schon, was das Podcast-Prinzip bedeutet. Thema überlegen, ohne Längenbegrenzung produzieren und schauen, was geht. Also Küchenradio-Stil. Das ist aber total unbefriedigend abgelaufen. Der ganze Rahmen stimmte nicht“, kritisiert Banse.

Auf welt.de konnte man die Beiträge überhaupt nicht finden. Es gab keine Kommentare, keine Interaktion mit den Podcast-Hörern, es wurde nicht richtig präsentiert, es wurde nichts nach außen getragen, es gab kein Feedback der Redaktion. Man liefert sein Stück ab, schreibt eine Rechnung und bekommt vielleicht per Mail die Rückmeldung „Ist angekommen“. So kann man keine Community aufbauen, so bekommt man keinen Draht zur Crowd, wie es Podcaster und Blogger gewöhnt sind.

Sendungen wie Blogbeiträge präsentieren

Ähnliches erlebt Banse in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Man macht einen Beitrag im Deutschlandfunk etwa auf dem Sendeplatz „Podium“ – also Primetime zehn vor acht Uhr – erreicht hunderttausende Zuhörer und erlebst, dass sich draußen bei den Rezipienten nicht eine Stimme regt. In den rund 17 Jahren seines öffentlich-rechtlichen Rundfunklebens hat er aufgrund eines Beitrags vielleicht 20 E-Mails von Zuhörern bekommen – also gut eine Reaktion pro Jahr. Gemeint sind jetzt nicht Reaktionen auf irgendein Gewinnspiel oder Servicefragen zum Abschluss von Versicherungen, sondern Meinungsäußerungen auf die vom Journalisten präsentierten Inhalte. Die Beiträge und der Radiomacher verschwinden hinter der Fassade des Senders. Dabei steht alles zur Verfügung, so Banse: Es gibt eine Redaktion und es gibt eine Sendung – beim Deutschlandfunk etwa das Verbraucherformat „Marktplatz“. Jetzt brauchen die liebwertesten Gichtlinge des öffentlich-rechtlichen Hörfunks durch noch eine eigene URL http://www.deutschlandfunk/marktplatz einführen. Das Team wird vorgestellt, es gibt personalisierte Kontaktdaten und einen Chat.

„Schaut Euch jedes beliebige Podcast-Blog an und macht das so“, fordert Banse.

Jede Sendung wird unter einer eigenen URL wie ein Blogpost präsentiert, kann dauerhaft abgerufen und kommentiert werden. So etwas machen mit wenigen Ausnahmen weder Radiosendungen noch Verlage.

CMS als Bremsklotz für Medieninnovationen

Banse hat noch keinen einzigen Redakteur von klassischen Medien getroffen, der sagt, „mein CMS ist geil, das ist richtig super, da kann ich alles machen“. Alle fluchen darüber. Das ist der Bremsklotz für Medieninnovationen in Deutschland. Es fehlen nicht die technologischen Wunderwerke, es fehlt schlichtweg der Wille, die offenen, vernetzten und kollaborativen Technologien einzusetzen.

Da sind die alternativen Medien wesentlich flexibler, agiler und lebendiger. Die Podcast-Hörer helfen Dir weiter, geben dir Tipps und Anregungen, um besser zu werden. Es gibt unglaublich engagierte Community, von denen die alten Medien nur träumen können. Die Trennung von Sender und Empfänger ist fast vollständig aufgelöst. So skizziert Pritlove seine langjährigen Podcast-Erfahrungen. Es entstehe eine unglaubliche Nähe und über die unmittelbare Interaktion sind die Podcast-Hörer ein Teil der eigenen Projekte.

„Das macht dieses Medium aus. Diese unfassbare persönliche Beziehung.“

Software als redaktionelles Mittel

Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass dieser Effekt über die Mitmach-Technologien des Social Web entstanden ist. Bei Verlagen, TV und Hörfunk erlebt man allerdings häufig eine ausgeprägte Feindlichkeit gegenüber Technologien und Innovationen. Ohne Buchdruck gäbe es doch den ganzen Journalismus nicht, proklamiert Pritlove. Die gesamte Medienbranche sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Software ein redaktionelles Mittel ist. Heute ist es entscheidend, wie komfortabel man kommentieren und publizieren kann, ob die URL für jeden Beitrag einzeln zur Verfügung steht, um sichtbar zu werden. Wie sich ein System verhält, ist nicht mehr in einer Maschine integriert, die im Keller steht und vor sich hin dampft. Die Technologie ist ein entscheidender Faktor des Journalismus und die Programmierer sollten ein wichtiger Bestandteil von redaktionellen Teams sein. Die Software muss Schritt halten, um moderne Berichterstattung zu garantieren und um Sendungen interaktiv zu präsentieren.

An dieser Stelle scheitern TV, Hörfunk und Verlage, die sich aus dem Joch ihrer IT-Abteilungen nicht befreien und den Herrschaftsansprüchen der CIOs wenig entgegensetzen. Bei Bloggercamp.tv konnten wir das schon häufig erleben. Redakteure prallen an der Firewall ihrer IT ab und müssen die Live-Hangouts nach Feierabend in die eigenen vier Wände verlegen.

Es sind in Deutschland eben doch nur kleine Stellschrauben, die Medienrevolutionen behindern. Meine bescheidenen Podcasting-Unternehmungen kann man auf Soundcloud abhören.

In diesem Jahr werde ich auf diesem Feld fleißiger sein.

Götterliebling Hofmannsthal: „Lassen Sie mich gehen, ich halte das Opium nicht länger aus“

Hofmannsthal und Dichterfreund Borchardt
Hofmannsthal und Dichterfreund Borchardt

Das Referat meines Sohnes über Hugo von Hofmannsthal, vor ein paar Jahren für den Deutsch-Leistungskurs verfasst, ist vielleicht immer noch recht interessant – nicht nur wegen des Interviews mit dem Sohn von Rudolf Borchardt, einem nicht ganz unwichtigen Weggefährten des Wiener Dichters:

Hofmannsthal betrat die Literaten-Szene 1891 mit knapp achtzehn Jahren und wurde fast augenblicklich berühmt. Auf einer Landpartie trug der Primaner den namhaften Schriftstellern Wiens sein erstes Versdrama vor. „Wortlos“, so wurde später über den Ausgang dieser Lesung berichtet, „saßen Arthur Schnitzler und die anderen aus der Stadt Gekommenen, Männer der sicheren Feder und anhebende Meister ihres Handwerks, vor dem Knaben, der seine Blätter zusammennahm“.

„Wissen, Klarheit, Künstlerschaft“, notiert Arthur Schnitzler im März 1891 in seinem Tagebuch, „es ist unerhört in dem Alter.“ Noch im gleichen Jahr verbreitete sich der Ruhm des Knaben über Wien hinaus. In Kopenhagen staunte Georg Brandes über die Magie dieser Verse, in München machte sich Stefan George reisefertig, um dem „Zwillingsbruder“ den Dichterbund anzutragen, und in Berlin überlegte der spätere Dichterfreund Rudolf Borchardt, sein Studium abzubrechen, um einer wie Hofmannsthal zu werden. „Meine ganze Last schien mir abgenommen“, schilderte er später den Eindruck, den schon wenige Zeilen des jungen Dichters auf ihn gemacht hatten, und noch nach Jahrzehnten gestand er die „Erschütterung“ ein, die ihn seitdem nie wieder verlassen habe.

„Das Jahr der Wunder, der drei Tragödien und welcher Gedichte!“ – mit diesen Worten charakterisierte Borchardt das Jahr 1897, als der dreiundzwanzigjährige Hofmannsthal auf die Höhe seines Ruhms gelangte. Gerade war in den „Blättern für die Kunst“ eines der schönsten Gedichte Hofmannsthals erschienen, in dem sich die berühmten Zeilen finden: „Ganz vergessener Völker Müdigkeiten / Kann ich nicht abtun von meinen Lidern“. Gedicht „Terzinen über Vergänglichkeit“.

Allerdings war das Echo auf Hofmannsthal nicht nur positiv, wie Borchardt nach einem von ihm in Bonn organisierten Rezitationsabend im Jahr 1898 erfahren musste. Das Bonner Publikum lachte, murrte und drohte laut zu werden. Der Kunsthistoriker Justis Riesenleib erhob sich gar von seinem Sitzplatz und verließ lautstark die Veranstaltung mit den Worten:

„Lassen Sie mich gehen, ich halte das Opium nicht länger aus.“

Worauf sich der halbe Saal zum Gehen entschloss (nachzulesen in der Bonner Zeitung vom 24. Mai 1898 – das war einer der Hauptgründe, warum Borchardt die Uni Bonn ohne Abschluss verließ, aber dazu werde ich noch gesondert etwas schreiben, gs).

Chandos-Brief: Epochales Werk und persönliches Krisendokument

Mit fünfundzwanzig Jahren war Hofmannsthal schon zur europäischen Legende geworden, und in einem sonderbaren Übertragungsprozess erblickten manche in ihm die jugendliche Entsprechungsfigur zum gleichfalls in die Legende entrückten siebzigjährigen Kaiser.

Chandos Brief

„Fünfundzwanzig Jahre später war Hugo von Hofmannsthal ein verfallener, unglücklicher und fast vergessener Mann, ein Relikt aus unvordenklichen Zeiten und so gründlich vergangen wie die Gesellschaft, deren Wunderkind er gewesen war. Kaum noch jemand las seine Gedichte, kein Theater spielte seine Stücke, und einzig durch den Salzburger ‚Jedermann‘ haftete später sein Name noch im Gedächtnis“, so der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher.

Hofmannsthal habe nach seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr keine Gedichte mehr geschrieben. Der Chandos-Brief von 1902 kann also als epochales Werk für die literarische Moderne gesehen werden. So bezeichnete der Kritiker Gustav Landauer den Brief 1903 als Manifest einer neuen Dichtergeneration, die sich vom Glauben an das Wort abwende und zum „Rhythmus, zum Unsagbaren“ tendiere.

„Hofmannstahl verhalf einem Epochengefühl zum Ausdruck, das noch immer andauert. Das inhaltsleere Gerede einer kulissenhaften Öffentlichkeit, der zerfahrene, konzentrationsschwache Geisteszustand, den wir als Signum unserer Epoche betrachten, das unbehagliche Gefühl, die Welt verflüchtige sich vor unseren Augen und ließe uns mit Worten zurück, die keine Bedeutung mehr haben – all dies hat Hofmannsthal bereits vor hundert Jahren heraufziehen sehen“, erklärt der FAZ-Literaturchef Hubert Spiegel im Jahr 2002.

Der Chandos-Brief ist allerdings auch eine Wegmarke für die persönliche Befindlichkeit Hofmannsthals. Er dokumentiert die nie mehr überwundene Sprach- und Schaffenskrise; danach schreibt er Dramen, Prosastücke, einen fragmentarischen Roman, aber nie wieder Lyrik im strengen Sinne. Der Erfolg seiner Opern im Zusammenwirken mit dem Komponisten Richard Strauß und seiner Theaterstücke stellte sich erst nach dem Tod des Schriftstellers ein und wirkt bis heute.

„Zwar hat er, zählt man die nachgelassenen Verse hinzu, fast hundert Gedichte verfasst, aber zu Lebzeiten nur siebzehn – ausnahmslos bis 1900 entstandene – für überliefernswert gehalten. Die frühreife, dann plötzlich stockende und vom Leben überholte Produktivität hat Hofmannsthal über die literarische Wirkung hinaus zum wirklichen Protagonisten der zerfallenen Monarchie gemacht“, so die These von Frank Schirrmacher.

Borchardt hat den Chandos-Brief als Weggabelung zum Schlechten gewertet – zu Lebzeiten seines Dichterfreundes. Mit den dramatischen Arbeiten, die seit 1902 entstanden, konnte er sich nicht anfreunden. Borchardt sah den Brief als Krisendokument und versuchte, seinen Freund zum einstweiligen Verzicht auf jede literarische Betätigung zu überreden. Das bestätigte mir vorgestern Cornelius Borchardt, der in München lebende Sohn von Rudolf Borchardt, in einem Telefonat:

Aktualität des Chandos-Briefes

Hubert Spiegel machte deutlich, dass der Brief, den der junge Hugo von Hofmannsthal in den Briefkasten der Weltliteratur warf, seine Empfänger auch heute noch erreicht und berührt. Gilt das wirklich nur heute? An vier Zitaten möchte ich das deutlich machen, die aus unterschiedlichen Jahrhunderten stammen.

Jetzt ist die Klasse gefordert, Zeit und Autor des jeweiligen Zitates zu erraten (für die Leser ist die Auflösung in Klammern nachzulesen):

„Ich bin ein Wörterbuch von Künsten und Wissenschaften. Ein trockener Gelehrter, ein totes, künstliches System von Wissensbeständen.“ (J.G. Herder, Journal meiner Reise im Jahr 1769)

„Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden, und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen.“ (Friedrich Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn, 1873)

„Mein Kopf kommt nicht mehr mit. Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin.“ (Frank Schirrmacher, Payback: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen, 2009)

„Diese Szenarien der Wirklichkeitserfassung durch ein pathologisches Bewusstsein sind in besonderem Maße gekennzeichnet durch das Phänomen der Plötzlichkeit; in Verbindung mit der ästhetischen Kategorie des Hässlichen dient es der Intensivierung der Schrecken und ermöglicht die Darstellung epiphanieartigen (Epiphanie: Erscheinen einer Gottheit, Constantin Sohn) Aufblitzens der Wahnvorstellung allseitiger Bedrohung durch die dämonischen Kräfte des Unbewussten.“ (Thomas Delfmann, Ernst Weiß: Existenzialistisches Heldentum und Mythos des Unabwendbaren, 1989 – die Doktorarbeit des Deutschlehrers….)

Mehr Literatur gibt es am Freitag in der Bonner Südstadt, um 19:30 Uhr. Vielleicht habt Ihr ja Lust, meine Livestreaming-Lesung live zu erleben: Thomas Mann, Bertolt Brecht und die SocialTV-Bewegung. Citypension Bonn, Goethestraße 33, 53113 Bonn.