Digitale Bräsigkeit und veraltete Management-Methoden – Über die kollektive Dummheit in deutschen Unternehmen

Münchner Kreis-Foto
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Warum ist die Digitalisierung immer noch eine Achillesferse von deutschen Unternehmen? Diese Frage untersucht eine Zukunftsstudie des Münchner Kreis, die in dieser Woche in den Räumen des Bayerischen Landtags vorgestellt wurde.

61 Prozent der Befragten sehen den Fachkräftemangel als strukturelle Herausforderung. Um dem zu begegnen, müsse das Bildungssystem so schnell wie möglich an die Gegebenheiten der digitalen Welt angepasst werden, die Lehrerausbildung besser ausgestaltet und die digitale Kompetenz jedes einzelnen Bürgers erhöht werden.

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Auch die Politik – was für ein Wunder – sei der Digitalisierung in ihrer heutigen Organisationsform nicht gewachsen. 86 Prozent der Experten sehen hier Restrukturierungsbedarf und denken dabei insbesondere an die Schaffung eines fachübergreifenden Bundesministeriums für Digitalisierung und Medien. Richtig so.

Die Umsetzung von Innovationsstrategien durch deutsche Unternehmen wird von mehr als der Hälfte der teilnehmenden Experten als zu selten, zu langsam und mit zu geringem wirtschaftlichem Erfolg beurteilt. „Think BIG“ müsse zur Tugend in deutschen Unternehmen werden.

Drei Fünftel der Experten geben zu Protokoll, dass die deutsche Wirtschaft zu sehr in bisher oft erfolgreichen, jedoch ausgedienten Handlungsmustern verharrt. Dadurch wird die Verwirklichung von innovativen Produktstrategien und Geschäftsmodellen vielfach verhindert. Erfolgreich könne Deutschland in Zukunft nur sein, wenn die Unternehmen mehr Mut zur „Selbst-Kannibalisierung“ beweisen, branchenübergreifend kooperieren und den Mittelstand einbeziehen.

Die Experten bestätigen, dass das bisherige Fördersystem von Forschung und Entwicklung sowie die Umsetzung und internationale Vermarktung den digitalen Märkten nicht genügen. Um digitale Produkte erfolgreich einzuführen, müsse eine schnelle Erprobung ebenso erfolgen wie eine frühe Verbreitung. Alle Akteure – Politik, Wissenschaft, Medien, Wirtschaft und Verbände – sollten sich mit den Prinzipien und den Chancen der digitalen Welt nachhaltig auseinandersetzen. Soweit die Kurzform der Ergebnisse einer TNS Infratest-Online-Befragung von 517 Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Ich sehe die Hauptursache für die digitale Bräsigkeit von Verwaltung und Wirtschaft in überkommenen Management-Konzepten, die noch aus der Zeit der Industrialisierung stammen und die heute nur einen modernen Anstrich erhalten:

In einer Wirtschaft, die sich schneller dreht als je zuvor und von technologischen Transformationswellen überrollt wird, macht nach Ansicht von Harvard Business Manager-Chefredakteur Christoph Seeger am Ende der Mensch den Unterschied. Die Zeiten der alleinherrschenden Industriekapitäne, die mit Pathos und Post herrschen, sollte eigentlich vorbei sein. Die Technologie ist nicht das Problem, es ist die systemimmanente Dummheit des Managements, die uns drosselt, so Buchautor Gunter Dueck im HBM-Interview (Januar Special zum Thema „Leadership – Wie geht Führung im Zeitalter digitaler Transformation?).

In den Führungsmethoden setzt man auf Konditionierung und nicht auf Partizipation, Transparenz oder gar liquide Demokratie. Die Wirtschaftswelt tut immer noch so, als seien Menschen und Märkte vollkommen rational und steuerbar sowie die Welt um uns herum vollkommen logisch, bemerkt Dueck:

„Die Ur-Annahmen über den Menschen als Stimulus-Response-Blackbox sind noch immer die Grundlage heutiger Management- und Incentive-Systeme.“

Statt auf die Potenziale ihrer Mitarbeiter zu setzen, verstecken sich die Excel-Führungskräfte hinter Berichtsorgien und Kennzahlen-Management.

„Der dauernde Druck und die ständigen Vorgaben zwingen die Leute dazu, sich den halben Tag Gedanken darüber zu machen, wie sie es schaffen, am ‚Ende des Tages‘ – Lieblingsformulierung der Manager – gut dazustehen. Mit Strategieentwicklung, dem Fördern von Innovation und Kreativität oder Personalführung – den eigentlichen Kernaufgaben einer Führungskraft – hat das herzlich wenig gemein“, erläutert Dueck.

Eine Organisation im Optimierungswahn über bürokratische Prozesse fördert die kollektive Dummheit in Unternehmen. Exzellenz, Aufbruchstimmung und visionäres Denken lässt sich nicht verwalten „oder in Listen und Tabellen organisieren – und schon gar nicht aus Vergangenheitsdaten extrahieren“, moniert Dueck. Bestleistungen erzeugt man nicht mit Kontrollen, sondern mit Freude und Leidenschaft.

Mit dem „Kosten-senken-und-Zeit-sparen-Mantra“ der deutschen Führungskräfte kann man keinen Blumentopf mehr gewinnen. Statt ewig über Disruptionen zu jammern oder an der eigenen Ignoranz zu sterben, sollten wir nach Ansicht von Dueck die neuen technologischen Möglichkeiten nutzen, um Neues zu schaffen. Das müssten die Manager allerdings jeden Tag vorleben, anders könne man keine Kultur ändern. Die Excel-Tabelle von heute bildet das Geschehen von gestern ab. Auf der Strecke bleibt die Gegenwart. In einer Excel-Ökonomie aus Ängsten, Planungsillusionen und sinnlosen Kontrollschleifen gedeiht weder Vertrauen noch wirtschaftliche Prosperität.

Das Thema werde ich in meiner The European-Kolumne am nächsten Mittwoch aufgreifen. Ein erstes Interview habe ich heute mit Resourceful Humans-Geschäftsführer Heiko Fischer geführt.

Weitere Statements sind erwünscht, müssen mich aber bis Montagabend erreichen gunnareriksohn@gmail.com

Das Netz der Konspiration – Über die Verschwörung der Facebook-Freunde #FAZ

Gerüchte im konspirativen Netz
Gerüchte im konspirativen Netz

Mathias Müller von Blumencron, der FAZ-Mann für das digitale Geschäft, sorgt sich in einem Leitartikel seiner Zeitung um die Wahrheit. Eine Wahrheit habe sich in den vergangenen Jahrtausenden wohl durchgesetzt. „Wirklich ist, wo man gerade steht“, so die Blumencron-Erkenntnis.

Aber dann kam die digitale Revolution und erschütterte diesen Geist des Pragmatismus. Die unendliche Erreichbarkeit von Wissen mündet nicht automatisch in Wissen – eine simple Wahrheit, die schon beim Besuch einer analogen Bibliothek den Gelehrten klar wurde.

Das Internet als Empörungsmaschine

Das Internet hat aber nach Meinung des FAZlers noch viel mehr bewirkt. Es mutierte in den vergangenen Jahren zu einer gewaltigen Empörungsmaschine, einer Gerüchteschleuder, zu einem Propagandavehikel für jede noch so obskure Theorie:

„Die eingebildete Wahrheit verdrängt die Fakten, eine scheinbare Welt die Realität.“

Aus einem Medium der Information werde ein Vehikel der Desinformation. Wer suchet, der findet für jede noch so abwegige Ansicht eine Theorie.

„Es gibt Zehntausende, die glauben, dass die Mondlandung inszeniert worden sei. Es gibt Zehntausende, die glauben, dass die klaffenden Einschlaglöcher im World Trade Center zu schmal für die Flugzeuge gewesen seien, die sie aufgerissen haben. Und es gibt Zehntausende, die glauben, dass die Täter von Paris nicht radikale Islamisten gewesen seien, sondern westliche Islam-Hasser“, schreibt Blumencron.

Dieser Glaube sei der Feind von nüchternen Fakten.

Facebook als unüberprüfbare Gerüchteküche

„Ausgerechnet in einer Zeit, in der es das Publikum besser wissen müsste, gewinnen allerorten Bewegungen der Unvernunft an Einfluss, die ohne ihre eigenen Informationskanäle im Netz kaum denkbar wären.“

Über Jahrhunderte sei es üblich, dass Informationen einen Absender hatten. Die griechische Agora, der Marktplatz, später die Zeitung, Radiosender, Fernsehen, die Website oder ein Blogger „waren“ eindeutig identifizierbare Orte der Information. Mit Facebook als Betriebssystem des Internets ist das nun nicht mehr so, glaubt Blumencron. Ein Drittel der Amerikaner informiere sich primär über soziale Medien und auch Deutschland würde sich dorthin entwickeln.

„Infofetzen fliegen heute vor den Netznutzern entlang wie Herbstlaub im Sturm. Woher sie eigentlich kommen, von welchem Baum sie stammen, ob sie authentisch oder manipuliert sind, ob sie sauber recherchiert oder mehr oder weniger geschickte Propaganda sind, lässt sich immer weniger feststellen. Und es scheint auch eine immer geringere Rolle zu spielen.“

Wichtiger sei der Empfehler oder der virtuelle Kurator – also der Facebook-Freund, dieser flüchtige Geselle. Die Algorithmen der Social Web-Plattformen würden das noch über die Filterbubble-Effekte befördern. Man landet mit mathematischen Formeln im Schwarm der Weltverschwörer. Das Internet schütze nicht die Freiheit und gebiert auch nicht die Wahrheit. Aber welche Wahrheit ist nicht konstruierte Realität – egal, ob sie von Profijournalisten, Experten oder Laien kommuniziert wird? Was der besorgte FAZ-Mitarbeiter geschrieben hat, klingt wie die vornehme Variante der Klagerufe von Verlegern, die das Mitmach-Web als Toilettenwand des 21. Jahrhunderts deklassieren wollten.

Nach Einschätzung des Soziologen Dirk Baecker ist Blumencron nur darum bemüht, seine eigenen Thesen zu beweisen. Er schleudere Gerüchte (über das Internet), produziert Desinformation (über das Internet) und beweist, dass noch lange nicht jedes Wissen (etwa die Artikel-Weisheiten des FAZlers) der Wahrheit entspricht.

„Alle Formen der ebenso produktiven wie kritischen Vernetzung unter Wissenschaftlern, Familienmitgliedern, Politkern und politisch Bewegten, Gläubigen und Predigern, Käufern und Verkäufern (Endkonsumenten wie Geschäftsleuten) entgehen dem geschätzten Autor“, so Baecker.

Die nicht überprüfbaren Gerüchte des analogen Zeitalters

Das Problem sind nach Meinung des Soziopod-Bloggers Partrick Breitenbach nicht die zirkulierenden Gerüchte und Verschwörungstheorien, denn die gab es vermutlich schon seit Beginn der menschlichen Aufzeichnungen.

„Man denke nur an die berühmten ‚Protokolle der Weisen von Zion‘, die gerade durch eine monolithische Medienkultur der gedruckten Wahrheit für eine breite Akzeptanz einer kruden Weltverschwörungstheorie damals bis heute wirkte. Ein Buch hatte entsprechendes Gewicht. Das gedruckte Wort galt zunächst als unantastbar, genoss als Medium hohe Reputation und war natürlich relativ schwer und sehr spät korrigierbar. Die Herausforderungen heute liegen ganz woanders. Gibt es so etwas wie die einzige objektive Wahrheit überhaupt? Kann die Stimme eines einzelnen Experten oder Journalisten die komplexe Wirklichkeit, die wir in Summe als solche wahrnehmen, überhaupt abbilden? Genau diese Erwartungen haben die meisten Leser an ‚ihr Medium‘. Es gibt einen Paradigmenwechsel, den die neue Technologie der Kommunikationsvernetzung angestoßen hat, nämlich die Frage nach der einzig wahren Wahrheit selbst.“

Genauso relevant ist die Frage, wie viel Desinformation in der Zeit vor dem Internet unerkannt durchgeschlüpft ist. Schließlich würden sich besonders die aktuellen Verschwörungstheorien auf „alte“ Buch-Quellen berufen.

„Die Kunstfertigkeit der gezielten Wirklichkeitsverformung existiert spätestens seit Edward Bernays Werk „Propaganda“. Auch sie wurde Schwarz auf Weiß im Jahre 1928 gedruckt. Darin beschreibt Bernays als erster namhafter PR-Experte ausgiebig die aus seiner Sicht notwendigen Machenschaften von findigen Public Relation Experten zur aktiven Steuerung einer Demokratie im Sinne von damals herrschenden Eliten in Politik und Wirtschaft.“

Und dabei spielte immer auch die Kriegspropaganda eine große Rolle.

„Wenn wir uns das bewusst machen, so sollten wir uns täglich aufs Neue die Frage stellen, ob das Internet, als neue Informationsinfrastruktur, tatsächlich ein Fluch der freien offenen Gesellschaft ist oder vielmehr zugleich auch die Chance beinhaltet, durch ein permanentes Aushandeln, Abgleichen und Korrigieren den Nährboden für totalitäre Machenschaften einiger weniger Mächtigen zu entziehen. Richtig ist jedoch, dass das Tempo und die Dynamik zugenommen haben, in der sich offensichtlich bereits eindeutig falsifizierte Informationen verbreiten. Schließlich besteht auch die traurige Einsicht, dass Menschen schon immer nur das gelesen haben, was sie im Grunde ihres Herzens und aufgrund ihrer Sozialisation am Ende lesen wollten“, erläutert Breitenbach gegenüber The European. Oder in den Worten von Albert Einstein: „Es ist einfacher ein Atom zu spalten als ein Vorurteil.“

Journalismus im permanenten Korrektur-Modus

Wir sollten uns eher an den neuen Zustand einer unsicheren Unwirklichkeit gewöhnen und offen sein für einen neuen Journalismus, der nie vollständig abgeschlossen sein wird und stärker denn je auf die Wirkmächtigkeit der Korrektur setzen muss.

„Das gedruckte Wort ließ damals weder eine nachträgliche Korrektur noch den Raum für zusätzlich hinzugefügten Kontext zu. Das Internet hingegen hat technologisch jede Menge Raum für genau das. Gerade ältere Artikel müssen kontinuierlich revidiert werden, denn sie sind die Quellen für morgen. Das Korrektiv ist zum Teil der Leser selbst, sie müssen nur einerseits mit glaubwürdigen und vertrauensvollen Quellen und Links versorgt werden und andererseits sicher sein, dass veraltete Artikel immer wieder auch auf Richtigkeit überprüft werden, um gerade den Diskurs im Ganzen entsprechend auszubalancieren“, fordert Breitenbach.

Die konspirativen Facebook-Freunde sind nicht die Ursache für die zirkulierenden Gerüchte und Desinformationen:

„Das Vertrauen bröckelt deshalb, weil unterbezahlte und unter Zeitdruck handelnde Profi-Journalisten zunehmend unter den ökonomischen Druck geraten und gezwungen werden, Nachrichten aus Quellen unreflektiert abzuschreiben, um mit dem erhöhten Takt der täglichen ‚News‘ Schritt halten zu können. Zeit für Gründlichkeit ist somit zum wichtigsten Vertrauensgut geworden“, sagt Breitenbach.

Im Prinzip müsste der Journalismus funktionieren wie die digitale Arbeitsweise des SZ-Redakteurs Dirk von Gehlen bei seinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ oder „Alles fließt“.

Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne.

Und Qualitätsmedien tun sich wohl auch etwas schwer, Inszenierungen und Manipulationen zu bemerken und einzugestehen.

Wichtige Frage von Richard Gujahr: Journalisten sind in der digitalen Welt wichtiger denn je. Sie prüfen, bewerten, ordnen ein. Professionelle Autoren werden immer gebraucht. Doch was, wenn das gar nicht stimmt?

200 Kolumnen, vier Jahre Non-Stop dabei: Liebwerteste Gichtlinge für @theeuropean

Spöttischer Geist François Rabelais:  Geistiger Vater der liebwertesten Gichtlinge!
Spöttischer Geist François Rabelais: Geistiger Vater der liebwertesten Gichtlinge!

Der stellvertretende Chefredakteur Florian Guckelsberger vom Debattenmagazin The European machte mich eben darauf aufmerksam, dass meine gestrige Kolumne die stolze Zahl 200 trägt.

„Großartig! Die Kolumne selbst hat in unserem Backend die ID 7, dein erstes Stück ist vom 21.01.2011 (http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/1227-paternalismus-und-deutsche-internet-provinz) und damit bist Du fast vier Jahre Non-Stop dabei. Deshalb: Vielen lieben Dank für die Zeit, Mühe und das Engagement für The European! Wir beginnen gerade mit der Planung für 2015 und wenn es nach mir geht, werden wir einen Abend für alle Kolumnisten haben und einladen. Mehr, wenn es soweit ist.“

Ein Kolumnisten-Abend wäre wirklich mal überfällig, um alle anderen Kollegen persönlich kennenzulernen. Zudem könnte ich mich persönlich bei Alexander Wallasch bedanken für seine Eloge zum 200. Jubiläum:

„Das ist natürlich gemessen am Zeitfenster schon quantitativ eine Meisterleistung. Nimmt man nun noch die Qualität Ihrer Arbeit Woche für Woche, bewegt man sich ganz schnell im Bereich weiterer Superlative. Noch viel mehr, wenn man nüchtern feststellen muss, das Sie alles andere sind, als ein Haudrauf-Kolumnist. Beitrag für Beitrag ist eine Akribie – eine große Sorgfalt – lesbar, die im Vergleich mit Anderen im positivsten Sinne etwas anachronistisches hat. Schaut man sich nur beispielsweise ihre erste Arbeit aus dem Jahre 2011 an, dann weht da etwas angenehm herüber aus einer seltsam monochromen Welt. Da liest man von der Aufforderung, ‚Jeder Schüler sollte einen Computer an seinem Arbeitsplatz haben. Mit ausgeklügelten Lernsystemen könnten Lehrer den Wissensstand jedes Schülers genauer analysieren‘ – Damals eine kluge Forderung, die heute durchaus erfüllt ist (nicht ganz, gs). Mehr noch: Lehrer hecheln heute technisch ihren Schülern hinterher, wie die Katze der Maus.“

Und es kommt noch besser 🙂

„Übrigens: Ihre fundierten und qualitativ regelmäßig auf höchstem Niveau rangierenden Kolumnen sind in den Jahren zu so etwas wie einem Anker auch für alle anderen Kolumnisten des ‚The European‘ geworden. Ist es doch Ihre qualitative Kontinuität, die es uns anderen erlaubt, immer wieder mal über die Stränge zu schlagen.“

Oh, oh. Was Alexander da schreibt, macht die Sache für mich in Zukunft sicherlich nicht einfacher. Ein schöner Anreiz und Ansporn für weitere Glichtlings-Werke. Im nächsten Jahr möchte ich meine Schreibarbeiten bekanntlich in eBook-Form herausbringen.

Das gehe ich aber erst nach den Weihnachtsfeiertagen an. So mit Leser-Kuratierung via Hangout on Air und Ideen für die Präsentation. Schließlich stimme ich ja der Auffassung von Christiane Frohmann zu, eBooks stärker als eigenständiges Genre aufzufassen. Nachzulesen in einer meiner Mittwochskolumnen.

Bis zur Leipziger Buchmesse im Frühjahr soll das fertig werden. Wird knapp – aber mit den 200 Kolumnen sollte genügend Stoff für ein amüsantes und lesenswertes Opus vorhanden sein. Das eine oder andere Stück muss ein wenig überarbeitet werden und eine eine thematische Sortierung wäre nicht schlecht.

Meine Gichtlingsarbeit geht weiter und ich freue mich schon auf die Schreibarbeit für die nächsten 200 Kolumnen 🙂

Unternehmen als soziales Laboratorium – Abschied von den McKinsey-Schnelldusch-Managern der Deutschland AG #nöcbn

Schönes Thema für die nächste netzökonomische Käsekuchen-Runde
Schönes Thema für die nächste netzökonomische Käsekuchen-Runde

Es kann ja noch so viele Mimikry-Aktivitäten von deutschen Unternehmen in sozialen Netzwerken geben. Nach innen sind die Organisationen alles andere als social, offen und vernetzt. Das brachte ich in meiner The European-Kolumne zum Ausdruck: Digitalisierung, Internet und soziale Netzwerke erfordern neue Führungsprinzipien, lautet die zentrale These des neuen Buchs „Management by Internet“ von Willms Buhse. Die Technik stehe dabei gar nicht im Vordergrund. Viel wichtiger seien Änderungen jener Mentalitäten und Organisationsformen, die den Arbeitsalltag der meisten Menschen in Deutschland prägen.

“Zentral gelenkte, hierarchische Organisationen sind in ihrer starren Verfasstheit kaum in der Lage, angemessen auf Veränderungen zu reagieren. Es geht darum, Unternehmen agiler zu machen, ihnen Freiraum für selbst organisiertes Arbeiten zu schaffen”, erläutert der Enterprise-2.0-Experte.

Die bittere Realität in deutschen Unternehmen bringt Ex-Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger auf den Punkt:

„Noch immer herrscht das Bild vor, dass man auch gesellschaftliche wie menschliche Herausforderungen wie ein Ingenieur oder Techniker lösen kann. Auch deshalb hält sich das internationale Ansehen der deutschen Führungskräfte in Grenzen. Sie gelten als eher stur, nüchtern, extrem sachlich und wenig beziehungsorientiert.“

Wir brauchen daher viel mehr Unternehmenslenker, die mit Mut echte soziale Laboratorien schaffen, wo zumindest schon einmal in einigen Bereichen die Arbeitskultur radikal auf den Prüfstand gestellt wird.

„Sei es durch direkte Wahl von Vorgesetzten, sei es durch neue souveränitätseinräumende Arbeitszeitkonzepte, sei es durch das Rekrutieren neuer Mitarbeiter durch das suchende Team und nicht durch die Personalabteilung, sei es durch praktische Reduzierung der Einkommensspreizung, sei es durch Laboratorien, in denen Bürger die Entwicklung des Unternehmens mitdiskutieren“, sagt Sattelberger im Gespräch mit Xing.

Und dann folgt eine Passage, die sich die Dax-Vorstände hinter den Spiegel stecken können: Wir brauchen mehr Diversität an den Unternehmensspitzen.

„Das Klonen in deutschen Chefetagen ist extrem ausgeprägt. Viele Topmanager sind deutsche, weiße, männliche, ähnlich ausgebildete Konzerngewächse, meist mit einem ansehnlichen ‚McKinsey & Co‘-Hintergrund, die dann eine lineare, gleichförmig verlaufende Schnelldusche als Manager in Hauptverwaltungen absolviert haben. Die Topmanager heute sind zwar akademischer als früher, aber damit nicht unbedingt gebildeter. Statt vieler Patriarchen haben wir jetzt mehr Technokraten in den Konzernen.“

Dingdong. Es seien eben nur leitende Angestellte und keine echten Unternehmer. Nur 4 Prozent der DAX30-Vorstände haben je unternehmerische Erfahrung gesammelt. Insbesondere was die Unternehmensführung angeht, werde in DAX30-Konzernen oder auch in GmbHs vieles nicht ohne weiteres möglich sein – das verhindern derzeit allein schon rechtliche Rahmenbedingungen, wie etwa das Aktiengesetz. Auch die Corporate Governance Vorgaben seien zu weich und zu schwammig.

Wie kann man diese Verkrustungen wirklich aufbrechen? Irgendwelche Facebook-Fanseiten ändern hier gar nichts. Das ist reines Marketing-Einweg-Gedöns. Wenn wir die nächste netzökonomische Käsekuchen-Runde einläuten, würde ich gerne die geklonten McKinsey-Schnelldusch-Manager der Deutschland AG in den Vordergrund rücken.

Über die Kanzlerin muss man wohl nicht groß reden: Merkel fühlt sich im Neuland verfolgt.

Erlauchte Zecher und liebwerteste Gichtlinge als eBook: Kuratoren gesucht #Streamcamp14

Rabelais

“Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?” – so begann der Renaissance-Denker Francois Rabelais seine Rede und mit dieser schelmischen Sichtweise auf das Leben startete ich am 21. Januar 2011 meine wöchentliche Kolumne für das Debattenmagazin „The European“. Im Dezember 2014 durchbreche ich die Schallmauer von 200 Beiträgen und ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Höchste Zeit für eine Auflistung im Sinne des Schriftstellers Umberto Eco: Ein Vademecum wider die Vergesslichkeit – vor allem meiner eigenen. Über was habe ich in den vergangenen Jahren so alles geschrieben. Eine Auswahl des Guten, Schönen, Kritischen, Überraschenden, Erfolgreichen und der publizistischen Flops. Denn auch jeder Niederlage und Peinlichkeit wohnt eine Erleuchtung inne, wie es Hans-Magnus Enzensberger ausdrückt. Während der Arbeiter im Weinberg der Kultur seine Erfolge rasch vergisst, hält sich die Erinnerung an einen Flop Jahre oder gar Jahrzehnte mit geradezu blendender Intensität.

„Außerdem entfalten Flops eine therapeutische Wirkung: Sie können berufsbedingte Autorenkrankheiten wie Kontrollverlust und Größenwahn wenn nicht heilen, so doch milden“, erläutert Enzensberger in seinem Suhrkamp-Opus „Meine Lieblings-Flops“.

Subtile Jagd nach Sätzen

Aber ich möchte nicht nur eine Revue von gescheiterten Kolumnen präsentieren, sondern mich auch auf die subtile Jagd nach dem einen Satz oder Wort begeben, in dem das Wesentliche eines Beitrags kondensiert. Es könnte gar eine versteckte Schlüsselbotschaft sein, die mir selbst beim Schreiben vielleicht gar nicht so bewusst war. Denn letztlich lebt das Geschriebene nur durch den Leser. „Mir fehlt die objektive Distanz. Meine Phantasie ergänzt, was dasteht, zu dem, was dastehen sollte“, so das Credo des Schweizer Autors Hermann Burger. Der Autor erfährt seinen Text im Gespräch. Deshalb ist dieses Gespräch sein wertvollstes Instrument. Nicht nur Publizisten sollten sich dazu bequemen, Fragen zu stellen, statt immer nur Fragen zu beantworten. Es geht nicht nur darum, alles in Frage zu stellen. Man sollte bereit sein zum offenen Gespräch, ohne die Demontage des eigenen Weltbildes zu fürchten.

Leserdialog ohne inhaltsleeres Schaumbad

Schaumbäder des inhaltsleeren Diskurses gibt es genügend. Echte Gespräche sind eher selten. Auf dem Streamcamp in München am kommenden Wochenende möchte ich den Dialog mit den Lesern beginnen, denen ich die Autorität von strengen Kuratoren zuweisen möchte, um pünktlich zur Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2015 die Liebwertesten Gichtlinge-Kolumnen in einem eBook zu verewigen. Bei einem Livestreaming-Barcamp versteht es sich von selbst, die Gespräche live via Hangout on Air zu übertragen. Und auch in den kommenden Wochen und Monate werde ich den Diskurs mit den Kuratoren netzöffentlich führen. Das kann dann ab und zu in meiner Bibliothek bei Kaffee und Kuchen ablaufen, also so eine Art Gichtlings-Lesezirkel oder eben virtuell.

Was am Ende herauskommt, ist mehr als eine Bestenliste meiner The European-Artikel. Es stecken auch die Gedanken der Kuratoren im eBook. Schließlich sollte sich der digitale Content vom gedruckten Buch unterscheiden, wie es die eBook—Verlegerin Christiane Frohmann auf der Frankfurter Buchmesse ausführte.

eBook-Formate ausreizen

Vielleicht entsteht die nächste Literatur nicht nur über Twitter, weil hier lesend und schreibend mit Geräten experimentiert werde, wie es @stporombka formuliert, sondern auch über virtuelle Live-Dialoge.

Ich möchte jedenfalls erfahren, wie weit eBook-Formate ausgereizt werden können. Funktioniert das Social Reading-Konzept der Sobooks-Gründer Sascha Lobo und Christoph Kappes? Sollte man eBooks aus dem Gefängnis von Lesegeräten und Apps befreien? Welche Rolle könnten Video und Audio dabei spielen und, und, und?

Rabelais

eBook-Produktionen standen bislang nicht auf meiner Agenda. Das wird sich jetzt ändern. Und die liebwertesten Gichtlinge, die sich als Kuratoren für meine Publikation zur Verfügung stellen, werden bestimmt mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Man hört und sieht sich am Wochenende auf dem Streamcamp in München. Dann werden wir den Kuratoren-Fahrplan für das eBook konkretisieren.

Übrigens: Meck-Pomm twittert nicht mehr. Betrüblich. Dann wird es auch nichts mit dem Kuratieren.

Was Nutzer in sozialen Netzwerken teilen – und warum? Videos liegen ziemlich weit hinten. Das muss sich ändern.

Der neue Gatekeeper für Nachrichten heißt mobiler Internetnutzer und nicht Facebook

Vinewalker bei der mobilen Internet-Nutzung
Vinewalker bei der mobilen Internet-Nutzung

Als sich der Mobilfunkstandard UMTS im Jahr 2008 auf dem deutschen Massenmarkt durchsetzte, etablierte sich auch das mobile Internet im Alltag, schreibt der Dienst Statista, was natürlich großer Humbug ist. Als im Jahr 2000 der große Run auf die UMTS-Lizenzen stattfand, träumten die Netzbetreiber vom mobilen Surfen, Location Based Services und Navigationssystemen auf Smartphones, mobilem Payment und vielfältigem M-Commerce. Außer den eher wenig erfolgreichen Versuchen, den japanischen i-Mode Service auch in Europa zu platzieren, war jeder Versuch, werthaltigen Content bereit zu stellen, bereits schon in der Produktentwicklung steckengeblieben. Display-Logos und Klingeltöne stellten den einzigen mobilen Content dar, für den bezahlt wurde.

Was 2008 statistisch messbar wurde, lag nicht an UMTS, sondern hängt mit einem Datum zusammen: Es geht um den 9. Januar 2007. Apple stellte an diesem Tag der Öffentlichkeit einen Prototyp des iPhones auf seiner Macworld Conference & Expo in San Francisco vor. Erst mit dem iPhone-Marktstart reden wir intensiv über 3G, Apps und Datendienste. Die Explosion an intelligenten Datendiensten bringt bis heute die Telcos in Verlegenheit. Das App-Fieber führte zu Schüttelfrost bei den Netzbetreibern. Davon haben sich die Telekoms dieser Welt nie so richtig erholt. Und nun bekommen auch die klassischen Medien mit etwas Verspätung eine mobile Infektion, wie Huffington Post Deutschland-Chefredakteur Sebastian Matthes sehr schön beschreibt.

Die Smartphone-Revolution
Die Smartphone-Revolution

Die Smartphone-Dominanz und der steigende Anteil bei der mobilen Nutzung des Internets haben dramatische Auswirkungen für Dienstleister, Händler, Medienunternehmen – kurz:

„Es lässt kaum einen Wirtschaftszweig unberührt. Ganz besonders wird es die Arbeit von News-Seiten verändern: Sie müssen in vielen Bereichen ganz anders arbeiten. Wir bewegen uns anders durch das mobile Internet Denn das mobile Internet funktioniert grundlegend anders als das Internet, das wir vom PC aus ansteuern. Wir navigieren hier seltener mit Suchmaschinen durch das Internet, nicht mehr von Website zu Website und wieder zu unseren Bookmarks. Wir nutzen stattdessen entweder die nativen Apps der Anbieter oder wir bewegen uns mit sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter durchs Netz. An der Bushaltestelle, im Flughafen, vor dem Einschlafen: Ein kurzer Blick in die Apps, ein Klick auf einen spannenden Text – so sieht die Zukunft der Massenmedien aus. Jeder Dritte konsumiert Nachrichten bei Facebook. Der Schmierstoff dieser mobilen Zukunft sind die Empfehlungen in sozialen Netzwerken. Jeder dritte Amerikaner liest bereits Nachrichten via Facebook, haben die US-Forscher von Pew Research beobachtet. Aber nicht, so schreiben die Forscher, weil jeder von ihnen zig Nachrichtenseiten geliked hat. Sie lesen vor allem Texte, die ihre Freunde empfohlen haben. Wir lesen, was unsere Freunde lesen. Und das ist die eigentliche Revolution“, so Sebastian Matthes.

Früher bestimmten die Massenmedien als Gatekeeper unseren Nachrichten-Konsum. Jetzt ist es der mobile Internet-Nutzer und nicht Facebook, wie es der Netzökonom ausdrückt. Facebook ist als auswechselbare Plattform nur Mittel zum Zweck.

Der Netzökonom hat allerdings recht, wenn er die Aktivitäten der Leistungsschutz-Gichtlinge gegen Google als sinnlos darstellt. Der Suchmaschinen-Gigant wird für den Nachrichtenkonsum irrelevanter. Scheiße für die Abmahn-Bubis von VG Media und Co.

Auf Facebook gab es zu den Thesen des Huffington Post Deutschland-Chefredakteur heftige Kritik.

Die beiden Hauptakteure des Streits, Karsten Werner und Sebastian Matthes, haben wir in unsere Bloggercamp.tv-Sendung am Mittwoch eingeladen. Start wie immer direkt nach der Tagesschau um 20:15 Uhr.

Ich selbst werde das Thema in meiner The European-Kolumne am Mittwoch aufgreifen und würde gerne Eure Meinung zu diesem Thema einbauen. Schickt mir also Eure Sicht der Dinge bis morgen (Dienstag) so gegen 14 Uhr zu. Entweder hier als Kommentar oder per Mail an gunnareriksohn@gmail.com.

Man hört und sieht sich spätestens am Mittwoch bei Bloggercamp.tv. Oder man trifft sich am Donnerstag auf der Buchmesse. Da produziere ich mit meinem Kollegen Wolfgang Schiffer wieder eine Folge von Wortspiel-Radio.

Über Zugehörigkeit, Identität und Alltagsrassismus

Nationalismus lehrt dich, stolz auf Dinge zu sein, die du nicht vollbracht hast und Menschen zu hassen, die du nicht kennst.

Dieser Satz am Ende meiner emotional geprägten The European-Kolumne über Alltagsrassismus, den wir bei einer Schiffsreise in Dalmatien erlebt haben, beschreibt treffend das Grundübel aller fremdenfeindlichen Debatten.

Es geht um bequeme Denkhaltungen, um sich abzugrenzen und abzuschotten. Es geht um Sündenböcke, die man als Allzweckwaffe benutzt. Nur nichts zulassen, um das vorurteilsbeladene Weltbild zu erschüttern. Kritisches Denken ist anstrengend. Am Schluss stellt sich vielleicht heraus, dass ja doch alles ein wenig komplexer ist als man anfänglich dachte. Einzelne Bäume möchte der Alltagsrassist vor lauter Wald gar nicht wahrnehmen.

Darum geht es, wenn von d e r Nation oder d e r so genannten nationalen Identität gesprochen wird. Es sind Feindbilder, die in einer bequemen Komfortzone kultiviert werden. Der französische Philosoph Michel Serres hat das sehr gut auf den Punkt gebracht. Es geht um die Verwechslung von Identität und Zugehörigkeit. Ich gehöre zur Gruppe der Volleyball-Vereinsspieler. Ich gehöre zur Gruppe, die das StreamCamp in München organisieren. Ich gehöre zur Gruppe, die jeden Mittwoch die Web-Sendung Bloggercamp.tv veranstaltete. Ich gehöre zur Gruppe, die gerne Himbeer-Marmelade mag. Ich gehöre zur Gruppe, die in Berlin geboren wurde.

An dieser Aufzählung merkt man sehr schnell, wie wenig die Zugehörigkeit über meine Identität aussagt. Ich bin ich. Das ist es. Wer Individuen auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe reduziert, wer Menschen nur über die Einteilung in Kategorien beurteilt, speist eine Ideologie der Abgrenzung und Ausgrenzung.

Update, März 2021: Da ich ja als Kolumnist bei The European aus politischen Gründen ausgestiegen bin, hier noch einmal mein Beitrag:

Mach eine einwöchige Schiffsreise mit 35 deutschen Touristen und Du erfährst eine Menge über die Komfortzone des Alltagsrassisten. Das klingt jetzt sehr pauschal. Aber meine Erlebnisse an Bord eines inselhüpfenden Dampfers mit Übernachtungsmöglichkeit brachten wie in einem Brennglas Einsichten in die Lebenswelt des moralisch überlegenen Alltagsrassisten, der ohne mit der Wimper zu zucken von Kanaken und Negern redet, die sein deutsches Leben belasten.

Alles, was das Weltbild in Unruhe versetzen kann, wird als Naivität oder moralistisches Geschwätz abgetan. Und es muss doch noch erlaubt sein, vom Neger oder Kanaken zu sprechen. Schließlich arbeitet der Alltagsrassist hart für Staat, Volk und Familie und hält den Wohlstand zusammen. Für den Alltagsrassisten ist das Leben recht simpel.

Am laufenden Band erzählt er Horrorgeschichten

Er entscheidet, wer zu den guten oder schlechten Ausländern zählt. Da gibt es den guten Griechen, den guten Italiener oder den guten Jugo. Alle drei sind prächtige Exemplare im Wahrnehmungskosmos des Alltagsrassisten, mit denen keine Probleme bestehen. Schließlich zählen sie zu den bevorzugten Anlaufstellen, um sich mit scharfen Zwiebeln, Grill-Spezialitäten, gigantischen Pizzen oder Gyros-Komplett-Menüs den rassistischen Wohlstandsbauch anzufuttern. Regelmäßige Pauschalurlaube in der Türkei sind der Beleg für die polyglotte Lebenskunst des Alltagsrassisten.

Die meisten Bediensteten können Deutsch und sind ja nicht zu vergleichen mit den arbeitsfaulen, unberechenbaren, kriminellen und islamistisch-radikalen Kanaken im eigenen Wohnbezirk. Die schleppen doch nur die vom Staat gewährten Leistungen so schnell wie möglich in ihr Heimatland, um den Alltagsrassisten den wohlverdienten Ruhestand zu versauern. Es müsse in Deutschland endlich mal für Recht und Ordnung gesorgt werden, um diesem Gesindel zu zeigen, wo der Hammer hängt. Wer nicht spurt, wird ausgewiesen, da ihm der Alltagsrassist nicht die Gnade gewährt, zu den guten Ausländern gezählt zu werden.

Am laufenden Band erzählt er Horrorgeschichten von bösen Ausländern, die die Bekannte eines Schwagers erlebt hat oder der Freund eines Arbeitskollegen. Alles ganz schrecklich, alles geduldet von einem Staat, der nicht mehr durchgreift, wie früher. Da der Alltagsrassist seine Kontakte auf die guten Ausländer und die Konversation auf das Ablesen der Speisekarte des guten Ausländers beschränkt, reduzieren sich die schrecklichen Geschichten auf Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung und die vielen Erzählungen von Bekannten, Verwandten und Freunden, die zur Entourage des Alltagsrassisten zählen.

„Aber“

Hier findet er die nicht endende Bestätigung seiner politischen Grundhaltung, die Deutschland vor dem Untergang rettet, wenn endlich die von Brüssel gesteuerte politische Klasse abgesägt wird und ordentliches Personal in die Parlamente kommt. Nur so lässt sich das Leben des Alltagsrassisten wieder ins Lot bringen. Info-Agenten im Auftrag der guten Sache. Schließlich darf sich Deutschland nicht abschaffen.

Fragen nach persönlichen Erlebnissen über den bösen Ausländer in den vielen Lebensjahrzehnten des Alltagsrassisten beantwortet der Befragte mit erst mit Schweigen. Nach dreimaligen Luftholen gelingt ihm dann doch noch eine faktenreiche Replik: Er habe schlichtweg Glück gehabt. Auch die Zahl der bösen Ausländer in der eigenen Wohngegend beschränkt sich auf die Finger seiner rechten Hand. „Aber“ seine vielen Verwandten, Bekannten und Freunde seien ja der lebende Beweis für die Untaten des bösen Ausländers. Wie diese Erzählungen von meiner serbischen Frau aufgenommen werden, deren Eltern als „Gastarbeiter“ am deutschen Wirtschaftswunder mitwirkten, kommt dem Alltagsrassisten nicht in den Sinn. „Du bist doch in Deutschland geboren worden und wirkst gar nicht wie eine Ausländerin.“ Im Gedankenkosmos des Alltagsrassisten wird sie zu den guten Ausländern gezählt. Welche Gnade. Was könnte man dem national gesinnten Alltagsrassisten in sein deutsches Stammbuch schreiben?

Nationalismus lehrt Dich, stolz auf Dinge zu sein, die Du nicht vollbracht hast und Menschen zu hassen, die Du nicht kennst. Dem Alltagsrassisten wird das egal sein. Er hat ja seine Verwandten, Bekannten und Freunde, die sein Vorurteilsbiotop immer aufs Neue speisen.

Big Show mit kleinem Budget: #Bloggercamp.tv jeden Mittwochabend nach der Tagesschau :-)

Livestreaming beim StreamCamp - in diesem Jahr in München am 18. und 19. Oktober
Livestreaming beim StreamCamp – in diesem Jahr in München am 18. und 19. Oktober

Hangout on Air ist ein verkanntes Internetmedium: Schon der Name macht das Format in Deutschland nicht eben für den Alltagsgebrauch tauglich. Was steckt aber wirklich an Potenzial und Möglichkeiten im Medium für die TV-Autonomen? Was braucht es an Technik, Know-how und rechtlichen Voraussetzungen? Es gibt schon sehr erfolgreiche Beispiele dafür, wie man das Zwitterformat aus Google Plus und YouTube einsetzen kann. In Bloggercamp.tv haben wir das exzessiv unter Beweis gestellt: Von virtuellen Bier- und Weinproben bis zum Live-Übertragungsmarathon von der Agritechnica in Hannover wurde schon vieles ausprobiert. Selbst Kanzlerin Angela Merkel musste sich von uns „besiegen“ lassen, weil sich die liebwertesten Gichtlinge ihres Beraterstabes wohl nicht ausreichend über die medienrechtlichen Restriktionen im Vorfeld des geplanten Hangouts der Regierungschefin informiert hatte.

Rotations-Merkel
Rotations-Merkel

Hangout on Air, das klingt nicht nach einem seriösen Dienst in deutschsprachigen Ohren. Es hört sich eher wie Abhängen oder Herumhängen an. Ins Deutsche übersetzt bedeutet Hangout so viel wie die Bude, der Lieblingstreff oder das Stammlokal. Es liegt sicher nicht nur an dem flapsigen Namen, dass die Livestreaming-Technologie auch nach zwei Jahren immer noch wenig genutzt wird. Google Plus, die Plattform, auf welcher der Dienst läuft, befindet sich nicht in einem vitalen Zustand. Anders verhält es sich mit YouTube, der wichtigste Teil des Livestreaming-Dienstes von Google, denn hier werden die Hangouts aufgezeichnet. Wahrscheinlich wird der Suchmaschinen-Gigant die einzelnen Dienste wieder auf eigenständige Füße stellen, was die Akzeptanz von Hangout on Air sicherlich steigern würde.

Aber warum soll Hangout on Air ein Hidden Champion sein, wie wir es in unserem Hanser-Buch beschrieben haben? Es sind die Einfachheit und Schnelligkeit: So einfach, wie man mit diesem Dienst Videos erstellen und als multimedialen Inhalt auf seiner Seite einbetten kann, gibt es das sonst nirgends im Internet. Warum die Youtube-Stars noch nicht darauf gekommen sind, fragt man sich schon lange. Bisher nutzen sie Hangout on Air lediglich, um ihre Fans zu pflegen. Das liegt vielleicht auch daran, dass man bei einer Livesendung hinterher nichts mehr rausschneiden kann, und das sind die Youtuber bislang nicht gewohnt. Was viele nicht wissen: Mit der entsprechenden Software oder Hardware kann man aber auch live schneiden.

Zufall und Handlung

Hangout on Air ist ein faszinierendes und dazu noch kostenloses Tool, um sich der Ästhetik der Live-Übertragung zu verschreiben, wie es der italienische Wissenschaftler und Umberto Eco in seinem Band „Das offene Kunstwerk“ formuliert. Nur das Fernsehen könne Bilder erzeugen und zur Ansicht bringen, während sich die dargestellten Vorgänge ereignen – ohne die Möglichkeit der Wiederholung. Allein in der Improvisation des Jazz sieht Eco eine Parallele zum Live-Fernsehen. Auch der Fernsehregisseur stürze sich in ein Gestaltungsabenteuer. Es geht um Zufall und Handlung. Als Umberto Eco in den 60er Jahren seine Gedanken zur TV-Poetik zu Papier brachte, ging er noch von einem enormen technischen Aufwand mit Ü-Wagen, Regiepult, schweren Kameras und einem exorbitanten Personalaufwand aus. Bei den Social TV-Shows zur Generalversammlung der GLS Bank im Bochumer Ruhr Congress benötigte Bloggercamp.tv zwei Laptops, zwei Logitech-Kameras, ein Mikrofon mit Mischpult und ein winziges Smartphone. Wir machten in zwei Sendungen in jeweils knapp 30 Minuten Außenreportagen, vorproduzierte Einspieler und Interviews mit Vorständen, Filialleitern, Gründungsmitgliedern der ersten sozial-ökologischen Universalbank, wichtigen Kunden sowie Prominenten wie die Starköchin Sarah Wiener.

Social TV-Show mit Sarah Wiener
Social TV-Show mit Sarah Wiener

Wir stellten Bioprodukte vor und übertrugen eine musikalische Kostprobe vom Schauspielhaus Bochum mit ihrem Singspiel „Bochum“. Es gab alle drei bis fünf Minuten ein neues Ereignis, unterschiedliche Kameraperspektiven, Regie und Moderation mit einer technischen Ausstattung, die in eine Reisetasche passt.

„Es soll Fernsehen sein – eine richtige Show mit vielfältigen Elementen, unterhaltsam, trotzdem mit viel Inhalt, ein Dutzend Gäste, mehrere Kameraperspektiven. Es darf nichts kosten, wird aber weltweit ausgestrahlt und mit Produktionsmitteln hergestellt, die wir bereits im Büro besitzen und die mit wenig Personal bedient werden. Big Show – low budget“, beschreibt TV-Journalist Kai Rüsberg aka @ruhnalist die beiden Sendungen, die er produzierte und auch die Regie führte: „Wir wollten unbedingt raus aus dem Studio – live mit Außenreportagen und per Einspielfilm, um einen Zeitsprung zu realisieren.“

Ausführlich in meiner The European-Mittwochskolumne nachzulesen.

Gute Gründe, um jeden Mittwochabend nach der Tagesschau bei den Bloggercamp.tv-Salonisten vorbeizuschauen – nicht bei den Salafisten. Man hört und sieht sich morgen Abend, um 20:15 Uhr.

Über die Debattenkultur in Deutschland: The European-Chefredakteur Alexander Görlach bei #Bloggercamp.tv Update @theeurpoean

Über schweigende Mehrheiten, Stammtische und Tabuthemen
Über schweigende Mehrheiten, Stammtische und Tabuthemen

Ab 16 Uhr stellt Chefredakteur Alexander Görlach die The European-Sommerausgabe vor mit dem Schwerpunkt „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Gibt es Tabu-Zonen in öffentlichen Diskursen, sind wir offen und diskussionfreudig oder dominieren Moralwächter die Diskurse in Deutschland? Das Institut für Demoskopie Allensbach sprach ja bekanntlich von der Schweigespirale. Die Wirkungskette ist gut erforscht: Die siegessichere Fraktion ist redebereit, die Verlierer tendieren zum Schweigen. Der Prozess schaukelt sich auf. Wer zum moralisch überlegenen Lager zählt, zeigt eine stärkere Bekenntnisbereitschaft und beeinflusst dadurch andere, sich den stärkeren Bataillonen anzuschließen. Diesen Effekt der öffentlichen und nunmehr netzöffentlichen Meinung erkannten schon Rousseau und Locke: Der Einzelnen kann auch gegen seinen Willen zu einem bestimmten Verhalten bewegt werden. Jede Schweigespirale besteht also auch aus einer Bekenntnisspirale. Niemand möchte zu den Verlierern zählen, jeder hat eine soziale Haut, die auf Zustimmung und Anerkennung wert legt.

Ihr könnt Euch via Twitter mit dem Hashtag an der Gesprächsrunde beteiligen. Bis gleich.

Geiler Content ist wie Flaschenpost – Abgesang auf die Marketing-Technokraten

Aus: The Copy Book - Die besten Werbetexter der Welt erzählen, wie sie ihre Texte schreiben.
Aus: The Copy Book – Die besten Werbetexter der Welt erzählen, wie sie ihre Texte schreiben.

Wer den LEAD-SEO-ONE-TO-ONE-Propaganda-Alchemisten etwas genauer auf die Finger schaut, entdeckt semantische Nebelschwaden und Fata Morgana-Effizienz-Messungen. Es sind seelenlose Technokraten, die uns wie weiße Mäuse im Versuchslabor betrachten und uns mit ihren dümmlichen A/B-Testverfahren dressieren wollen.

Die Heilsversprechen der Marketing-Technokraten

Am Schluss sollen dann „Leads generiert“ werden für Mailingaktionen, um den Auftraggebern und Vorständen irgendeine Conversion—Response-Statistik-Sauce zu präsentieren. Hauptsache die Zahlen klingen optimistisch: Im Bürokraten-Duktus der Software-Anbieter werden umfassende Funktionen wie E-Mail-Marketing, Landing Pages und Formulare, Kampagnen-Management, Lead-Pflege und Lead-Bewertung, Management der Lead-Lebensdauer, CRM-Integration, Social-Marketing-Funktionen sowie Marketing-Analytics als Heilsversprechen an Unternehmen verkauft, die damit effektiv und effizient ihren ROI (hat nichts mit Siegfried zu tun, sondern steht für Return on Investment) berechnen, Umsätze steigern und Gewinne in die Höhe treiben. Alles klar? Das „individuelle“ Gespräch mit Kunden übernehmen lernende Algorithmen, die das Zielsubjekt automatisiert bewerten und mit Kampagnen bespielen, weil ja alles so schön im System vorhersagbar sei. Entsprechend ändert sich die Marketingdisziplin immer mehr zu einem technischen Beruf, „der den souveränen Umgang mit technologischen Lösungen erfordert“, heißt es in einer Hochglanzbroschüre.

Steuerungslehre statt gute Gespräche

Die Kunst des guten und offenen Gesprächs, die man im Internet ohne Barrieren führen kann, wird durch eine Rückkehr zur alten Denke der kybernetischen Steuerungslehre von Sender-Empfänger-Modellen ersetzt. Während sich draußen alles vernetzt, vertrödeln drinnen in den Unternehmen die Manager mit verbrauchten Ritualen aus dem vergangenen Jahrhundert wertvolle Zeit, kritisiert Anne M. Schüller, Autorin des Buches „Das Touchpoint-Unternehmen“. Auch wenn nun Software und digitale Technologien zum Einsatz kommen, stecken hinter den Marketing-Mauern immer noch Topdown-Formationen, Insellösungen, Hierarchiegehabe, Budgetierungsmarathons, Anweisungskultur, Kontrollitis und Kennzahlen-Manie.

Eine fossile Gesinnung mit einem etwas moderneren Anstrich. Mitarbeiter kommen in solchen Abbildungen nicht vor – sie sind Fußvolk und werden in den Schubladen der verschiedenen Abteilungen verwaltet. Und die Kommunikation zu den Kunden läuft über so genannte “Kanäle” – also was man so früher darunter verstanden hat mit klar identifizierbaren Sendern und Empfängern.

„Mit stolzer Brust wird zwar über Multichannels geredet und mit Crosschannel-Expertise geprotzt, doch aus Sicht der Kunden betrachtet crosst gar nichts”, kritisiert Schüller.

Formalismen, Kommandostrukturen, Kontroll- und kundenfeindlicher Standardisierungswahn seien die größten Bremsklötze. Die Zahlenhörigkeit vieler Führungsgremien ist geradezu abstrus:

„Oft genug wird ganz fanatisch das Falsche getan, Hauptsache, es kann gemessen werden. Und Manipulationen zum eigenen Vorteil sind Normalität. Dem Kennziffernjoch kann niemand entkommen. Selbst die Mitarbeiterperformance wird nun über Dashboards und Cockpits gesteuert, so, als ob Menschen Maschinen wären, bei denen man die Anzahl der Umdrehungen misst.”

Die Dominanz der Sozialanalphabeten

Reportings und Budgetierungsverfahren, durch die ab September die halbe Firma in Lähmung verfällt, fressen noch mehr Ressourcen.

„Bisweilen kommt mir das vor wie ein Beschäftigungsprogramm für Sozialanalphabeten. Denn solange man mit Zahlenklauberei zugange ist, muss man sich nicht mit den Menschen befassen”, führt Schüller weiter aus.

Aber was passiert auf der Kundenseite, die die Sozialingenieure über Maschinen dirigieren wollen? Werden wir als Empfänger dieser technokratischen Botschaften und hoch manipulativen Selektionsverfahren, die Facebook und Co. an uns ausprobieren, zu willenlosen Opfern von Nasenring-Systemen? So blöd sind die Nutzer vielleicht gar nicht, um die Psychotricks der Online-Werber zu durchschauen. Es reicht eine negative Erfahrung und die Lernkurve geht steil nach oben. Irgendwann kommt hinter jeder Kampagne, hinter jeder dümmlichen Lead-Generierung via A/B-Testverfahren die Stunde der Wahrheit, wo man als Konsument die Dienstleistung oder das Produkt beurteilen sowie die technokratischen Kampagnen, Algorithmen und Verfahren zur Suchmaschinen-Optimierung als heiße Luft entlarven kann. Spätestens dann erkennt man die verstümmelten Arme der Datenkraken, die uns im Netz bis zum virtuellen Exitus verfolgen. Heute versandet die Penetranz der Stalking-Systeme schneller als zu Zeiten der heiligen Inquisition, wo Ungläubige, die nicht parierten, gefoltert, gevierteilt oder verbrannt wurden.

Warum Onlinereklame scheitert

Die Steuerung der digitalen Inquisition scheitert schon in dem Moment, wo man ihre Instrumente durchschaut. Das Bekanntwerden von Psycho-Methoden und Automaten-Systemen reicht aus, um ihre Geltung sowie Wirksamkeit außer Kraft zu setzen. Hühner habe es da schon schwerer, den Fangapparaten zu entkommen.

Beim Umgang von Menschen mit Maschinen hat brandeins-Autor Thomas Ramge einige Faktoren ausgemacht, die das Onlinemarketing ad absurdum führen. So werden immer mehr unterschiedliche Endgeräte benutzt, die die Arbeit der Datenanalysten erschweren. Potenzielle Zielsubjekte verstehen zunehmend die Logik, die hinter den kleinen Cookie-Diensten stecken, um uns auf Schritt und Tritt zu beobachten. Immer mehr Nutzer löschen regelmäßig diese virtuellen Spione:

„Ein Großteil der Onlinemarketing-Techniken funktioniert aber nur, wenn Cookies den Nutzer auf seiner Reise durchs Netz begleiten.“

Das dürfte auch erklären, warum der Bundesverband Digitale Wirtschaft mit einer Pressemitteilung in der Tonalität eines Wutanfalls auf Meldungen reagiert hat, die NSA werte auch Cookie-Daten aus – aus Angst, das könnte die Cookie-Löscherquote weiter in die Höhe treiben.

Problematisch für das digitale Marketing seien auch Smartphones.

„Sie hinterlassen zwar viele Datenspuren, aber ihre kleinen Bildschirme bleiben für Werbebotschaften so ungeeignet wie Litfaßsäulen für Dialogmarketing. Die Finger tippen aus Versehen auf Reklame, und der Nutzer reagiert allergisch. Aus diesem Dilemma gibt es zurzeit keinen Ausweg, weshalb Mobile-Werbung so weit abgeschlagen ist. Daraus folgt: Je mehr Nutzung auf mobilen Endgeräten, desto schlechter für das Onlinemarketing.“

Diese Trends könne man nach Ansicht von Ramge auch als Ironie der jungen Geschichte der Onlinereklame lesen.

„Den Werbern gelingt es nach Jahren harter Arbeit, dem Konsumenten im Netz halbwegs auf die Schliche zu kommen. Sie haben gelernt, Datenspuren zu lesen, und sich Formate ausgedacht, die zumindest bei einigen wenigen Leuten auf Interesse stoßen. Und dann machen die Vielfalt neuer Geräte, widerborstige Nutzer und schrumpfende Bildschirme die Fortschritte wieder zunichte.“

Das Onlinemarketing habe seine besten Zeiten bereits hinter sich. Und so toll sind selbst die Erfolge der Datenspuren-Leser nicht. Die Profiling-Jünger sind bei der Analyse und Prognose des Kundenverhaltens so erfolglos wie die Hirnforscher beim Nachbau des Gehirns von Fröschen. Es gelingt einfach nicht.

Dennoch wird weiter an manipulativen Algorithmen gebastelt, um die Ströme des Internets zu beeinflussen.

„Gerade durch die Vielschichtigkeit, Geschwindigkeit und Undurchschaubarkeit der Urheberschaft ist die versuchte Manipulation so stark wie nie zuvor. Die Arena hat sich erheblich vergrößert und damit bietet sie auch wesentlich mehr Akteuren mehr Raum um Einfluss auszuüben. Was jedoch verstärkt eintritt sind reflexartig angestoßene Reinigungsprozesse in Form von konkurrierenden Thesen, Behauptungen und unmittelbare Gegenbehauptungen“, bemerkt der Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach.

Probiert es doch mal mit echten Gesprächen

Das Netz biete tagtäglich zig weitere Meinungen, Fakten, Geschichten und Gegen-Meme.

„Sie alle sind theoretisch dauerhaft verfügbar und miteinander verknüpft.“

Wenn nun die Netzbewohner so eifrig diskutieren, warum beteiligen sich die Unternehmen nicht einfach an diesen Gesprächen? Ohne Dirigentenstab, Sprachregelungen, Powerpoint-Folien und Marketing-Automaten. Der Blick hinter die Fassade der Phraseologie gelingt der Netzöffentlichkeit ohnehin. Deshalb meine Empfehlung an die liebwertesten Gichtlinge in den Unternehmen: Macht Expertenrunden via Hangout on Air mit Euren wichtigsten Kunden, organisiert virtuelle Stammtisch-Runden mit Bloggern, die fachlich zum eigenen Angebot passen. Kuratiert kritische Erfahrungen der Kundschaft und beantwortet die Serviceanfragen über YouTube-Videos, wie es der Burger King-Deutschlandchef vorgemacht hat. Ernennt die Super-User zur wichtigsten Anlaufstelle beim Abtesten von neuen Diensten sowie Produkten und mahnt sie nicht ab, wie es IKEA getan hat. Glänzt durch Eure fachliche Expertise und nicht durch weltweit führenden Wortmüll. Bleibt locker im Umgang mit dem Social Web und experimentiert, wie der Radiojournalist Leo Laporte, der in einer lockeren Gesprächsrunde zufällig sein Aufnahmegeräte dabei hatte und 20 Minuten der Plauderei aufnahm. Er packte die Audio-Datei auf seine private Website, ohne groß über die möglichen Reaktionen nachzudenken.

„Es passiert, was in dieser Form nur im Internet passieren kann. Die ungeplante Aufnahme wird zum Hit – ohne Marketingbudget, ohne Businessplan und ohne ausgefeiltes Konzept“, schreibt Jan Tißler im Upload Magazin mit dem Schwerpunkt „On Air“.

Heute verfügt Laporte über ein kleine Medien-Imperium für Audio- und Video Podcasting. Das Vertrauenskapital seiner Fans macht es möglich. Ausführlich in meiner The European-Mittwochskolumne nachzulesen.

Geiler Content entsteht, wenn man es laufen lässt und nicht strategisch nach irgendeiner Zehn-Punkte-Regel plant. Der Erfolg einer Story ist nicht berechenbar. Das bekommen auch erfahrene Regisseure, Drehbuchautoren und Schriftsteller zu spüren. Man kann nur versuchen, immer wieder aufs Neue gute Geschichten zu erzählen.

Ob Unternehmen dazu in der Lage sind, wie Regisseure oder Drehbuchautoren zu operieren, ist in erster Linie eine Frage der Kultur. Wenn Lead-Technokraten das Kommando übernehmen, wird die Kommunikation noch blutleerer verlaufen. Hohle Phrasen und auswechselbare Begriffe prägen schon jetzt den täglichen Laber-Modus der Werber, PR-Berater und Marketingführungskräfte. Man kann es mit dem theoretischen Geschwurbel von Sozialwissenschaftlern vergleichen. Etwa die Texte von Louis Althusser.

Als Theoretiker war dieser Mann für den Dramaturgen Heiner Müller völlig uninteressant. Er interessierte sich für den “Fall” Althusser. Leben bedeutet, “dass sich etwas ereignet, dass etwas passiert”, so Müller.

“Das erste Ereignis im Leben von Althusser war die Ermordung seiner Frau”.

In solchen dramatischen Wendungen des Lebens fand Heiner Müller seinen Erzählstoff. Und ob diese Erzählung irgendwo ankommt oder nicht, liegt nicht in der Hand des Autors:

“Ich kann nur noch Texte herstellen für Flaschenpost, die ich in eine Flasche stecke, und dann werfe ich die Flasche ins Wasser mit der Hoffnung, dass sie irgendwann aufgefischt wird, ob von einem Marsmenschen oder von einem Puertoricaner oder was immer. Und versucht dann, aus diesem Text in dieser Flasche Informationen zu beziehen, die er vielleicht verwenden kann für sein Leben”, erklärt Müller.

Und hübsches Gleichnis für die Kommunikation im Netz. Um das im Content Marketing hinzubekommen, muss man ja nicht gleich seinen Chef killen 🙂

Es könnte auch helfen, die Erzählungen der besten Werbetexter dieses Planeten zu studieren. Lektüreempfehlung: The Copy Book, erschienen im Taschen Verlag.