Gabriel im industriepolitischen Tal der Gedankenlosigkeit: Wir brauchen Spoiler, Software UND Vernetzungsintelligenz #bcbn15 @wmfra

Im Land der Industrie-Romantik
Im Land der Industrie-Romantik

Sigmar Gabriel lebt nach Auffassung von The European-Chefredakteur Alexander Görlach noch im 19. Jahrhundert.

„Für unseren Wirtschaftsminister zählt die Industrie, deutsche Autos und so. Digitale Innovation, neue Geschäftsmodelle? Nichts für unseren Siggi. Er zettelt lieber Krach mit Google an. Fabuliert von der Zerschlagung des Konzerns. Wenn am Anfang des 21. Jahrhunderts der deutsche Wirtschaftsminister die Harfe auf ein Lied der alten Zeit anstimmt, dann ist die Frage mehr als angebracht, ob er wirklich denkt, dass wir in fünfzig Jahren den Chinesen immer noch Autos verkaufen oder ob Google nicht wirklich das Zukunftsauto auf den Markt bringen wird oder Apple vielleicht.“

Görlach verweist auf den englischen Publizisten Charles Percy Snow, der 1959 darauf hinwies, wie England gegenüber Deutschland den Anschluss im 19. Jahrhundert verloren hat. „Die Briten waren sich zu snobistisch, als dass sie von ihrem ererbten Bildungskanon hätten ablassen wollen. Kein Problem, sagte man in Deutschland, und so wurden hier die Applied Sciences geboren. Die exzellenten Ingenieurswissenschaften sind das Fundament für den Erfolg des ‚German Engineering‘, von dem Deutschland bis heute profitiert.“

Aber selbst bei uns verlief dieser Prozess nicht ohne Reibungen und Widerstände. Das belegen die Forschungsarbeiten des Ökonomen Joseph Schumpeter in seiner Bonner Zeit von 1925 bis 1932.

In meiner Schumpeter-Session auf dem Barcamp Bonn erwähnte ich vor allem die Abhandlung von 1928 „Die Tendenzen unserer sozialen Struktur“. Hier untersucht Schumpeter die Diskrepanz zwischen der Wirtschaftsordnung Deutschlands und der Sozialstruktur. Die Wirtschaftsorganisation war kapitalistisch, die deutsche Gesellschaft war aber in ihren Gebräuchen und Gewohnheiten nach wie vor in ländlichen, ja sogar feudalen Denkweisen gefangen – heute industriekapitalistisch. Zur Reichsgründung 1871 haben nahezu zwei Drittel der Bevölkerung auf Gütern oder Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern gelebt, noch nicht einmal 5 Prozent in Großstädten von mehr als 100.000 Einwohnern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadtbewohner verfünffacht, während der Anteil der Landbevölkerung um die Hälfte zurückgegangen ist. Ursache war vor allem ein sprunghafter Anstieg der Agrarproduktivität. Während 1882 in Deutschland nur 4 Prozent der kleinen Landwirtschaftsbetriebe Maschinen einsetzten, waren es 1925 schon über 66 Prozent. Die Mechanisierung löste eine Landflucht aus und trieb die Landarbeiter in die Städte. Auch politisch waren die „Landjunker“ in der Weimarer Republik tonangebend.

Heute sind es die Lobbyisten und wissenschaftlichen Berater der Bundesregierung, die immer noch das industriepolitische Lied singen, obwohl wir seit den 1960er Jahren gar keine Industrienation mehr sind. Man braucht nur einen Blick in das Werk „Deutsche Wirtschaftsgeschichte“ von Professor Werner Abelshauser werfen.

Der Stellenwert von industriellen Produkten soll damit nicht in Frage gestellt werden – auch wenn es kaum noch eine industrielle Massenfertigung in Deutschland gibt. Wir exportierten 2013 Autos und Maschinen im Wert von über 350 Milliarden Euro. Darauf verweist Jonas Sachtleber von der studentischen Unternehmensberatung OSCAR in einem Beitrag unter dem Titel „Digitalisierung in Deutschland: Ein Desaster“.

„Hinzu kommen Datenverarbeitungsgeräte und elektronische Ausrüstung für mehr als 150 Milliarden Euro. Diese Produkte machen Deutschland zur Exportmacht. Um diese Stellung zu halten, muss Deutschland allerdings zum Ausrüster der Digitalisierung werden oder sich wenigstens an deren Umsetzung beteiligen“, fordert Sachtleber.

Einen wichtigen Punkt erwähnen die Studienautoren vom „Trendbook Smarter Service“:

„Wenn Produkte immer mehr zu intelligenten Services werden und die vernetzte Erlebniswelt der Kunden die Gewinner auf den Märkten der Zukunft definieren, dann werden smarte Services zu überlebenswichtigen Erfolgsfaktoren.“

Thyssen als Menetekel

Es geht dabei nicht um „Software STATT Spoiler“, wie die Zeit titelte, sondern um Spoiler, Software UND Vernetzungsintelligenz. Inhaltlich liegt der Zeit-Redakteur Götz Hamann allerdings richtig. Selbst die Perlen der deutschen Industrie – also Autokonzerne und Maschinenbauer – sind nicht mehr unangreifbar. Wenn Apple jetzt bis zu tausend Autoexperten einstellt, sollte das in München, Wolfsburg, Stuttgart und Ingolstadt nicht mit naserümpfender Arroganz beantwortet werden. “

Autos werden heute fast wie Handys und Computer gebaut. Man bestellt die Bauteile, besonders gern bei Continental, Bosch und ZF Friedrichshafen. Dann setzt man alles zusammen, wie es Volkswagen mit seinem Baukastenprinzip vormacht, und vermarktet das Auto. Die eigene Wertschöpfung liegt dadurch nur bei rund 25 Prozent“, so Hamann.

Warum sollte nicht auch Apple dazu in der Lage sein? Es geht nicht mehr um Ego-Produktion, sondern um Eco-Produktion, so das Credo von Netskill-Geschäftsführer Winfried Felser. Das ökonomische Design eines vernetzten Unternehmens ist ein Gesamtkunstwerk.

„Was macht der Komponist? Erfindet er die Noten neu? Nein. Erfindet er das Orchester neu? Nein. Muss der Komponist alle Instrumente des Orchesters spielen können? Auch nicht“, so Günter Faltin, Professor für Entrepreneurship.

Vorhandenes müsse nur neu kombiniert werden. Über die Kombinatorik von Komponenten gewinnen vor allem neue Unternehmen eine Geschwindigkeit, von der industrielle Großkonzerne nur träumen können – mit einem sehr geringen Geschäftsrisiko. Das ist eine Zäsur. Ein Unternehmen wie ThyssenKrupp könne bei neuen Projekten Teile auslagern, wenn etwa in Thailand ein neues Zementwerk gebaut werden soll. Vieles kommt aber aus dem eigenen Haus zu entsprechend höheren Fixkosten. Wenn Faltin mit einem freien Ingenieurbüro gegen den Konzern antreten und die Expertise für den Bau des Zementwerks dazukaufen würde, wäre er bei der Schnelligkeit der Projektplanung und der Kostenkalkulation nicht zu schlagen. Faltin sagte das einem Diplom-Ingenieur von ThyssenKrupp auf einem Flug nach Asien. Der Konzernmanager nickte und gab die Antwort:

„Ich gehe in anderthalb Jahren in Pension.“

Das spielte sich 2007 ab. Schaut man sich die Entwicklung von ThyssenKrupp in den vergangenen Jahren an, wirkt der Gesprächsverlauf wie ein Menetekel, Herr Gabriel. Ein gutes Thema für unsere Sendereihe „Kompetenzgespräche“ via Hangout on Air.

Nächsten Montag werde ich beim Webmontag in Frankfurt dazu einen kleinen Vortrag halten: Im Land der digitalen Bräsigkeit – Wie wir den Weg in die vernetzte Ökonomie versemmeln

Kurzfassung: Wo bleiben die Impulse in Wirtschaft und Politik, um uns von der Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk “Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945″ ausdrückt? Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten?

Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, “dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Stoffumwandlungsprozesse beruhte”, schreibt Abelshauser in der erweiterten Auflage seines Opus.

Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. Man merkt es an der wenig ambitionierten Digitalen Agenda der Bundesregierung, man erkennt es an den lausigen Akzenten, die in der Bildungspolitik gesetzt werden und man hört es bei den Sonntagsreden der Politiker, wenn es um Firmenansiedlungen geht. Es gibt keine Konzeption für eine vernetzte Ökonomie jenseits der industriellen Massenfertigung aus den Zeiten des Fordismus​.

Der Netzökonomie-Campus und Wutreden an die Deutschland AG #nöcbn

Netzökonomie-Diskurs mit Käsekuchen. Selbstversorger Frank Michna.
Netzökonomie-Diskurs mit Käsekuchen. Selbstversorger Frank Michna.

Da denkt man, keiner interessiert sich für wirtschaftspolitische Themen, für Startups oder netzökonomische Belange und nur Spaßvögel wie Slimani können virale Hits im Web lostreten:

„Dann kommt Christian Lindner mit seiner Wutrede im NRW-Landtag über die Verachtung von Unternehmertum in Deutschland und in zwei Tagen wird die Rede allein bei welt.de 2,1 Millionen Mal angeklickt und über 18.000 Mal geteilt“, bemerkt Wirtschaftshistoriker und Management-Professor Klemens Skibicki auf Facebook.

Vielleicht müsse man die Themen ja doch nur auf den Punkt bringen, um die vernetzte Ökonomie und das Social Web den politischen Entscheidern schmackhaft zu machen. Abgesehen von der Glaubwürdigkeit der Replik des FDP-Politikers in Fragen des Unternehmertuns, wäre eine breite Debatte über den Gründergeist vonnöten, so das Resümee des zweiten Netzökonomie-Campus in Bonn.

Nicht nur Politik und Staat gefragt

Das ist nicht nur eine Hausaufgabe für Staat und Politik. Auch die Wirtschaft benötigt einen neuen Gründergeist.

Hangout on Air-Studio des Netzökonomie-Campus in Bonn.
Hangout on Air-Studio des Netzökonomie-Campus in Bonn.

Die Digitalisierung und das Social Web sollten genutzt werden, damit die Firmen in ihren Kernprozessen besser werden, fordert Marketing-Experte Michael Zachrau:

„Ich sehe die Chance, wo die Telekom zufällig auf Social Media gestoßen ist. Nämlich bei den Beschwerden. Funktioniert der Service im Call Center nicht mehr, entsteht auf Twitter zwar nicht gleich ein massiver Shitstorm, aber es gibt eine Vielzahl von Kunden, die das sofort netzöffentlich machen. Das sollte von Unternehmen nicht verteufelt, sondern als Chance gesehen werden.“

Wie könne man mit den Mitteln des Netzes die Services und Produkte verbessern – ohne Marktgeschrei und ohne Leadgenerierung für dümmliche Online-Kampagnen.

Ziegelstein-Barrieren im Management

Aber schon beim Management von Ideen und Innovationen errichten die meisten Unternehmen in Deutschland Ziegelstein-Barrieren. Sie meiden den offenen Austausch mit Kunden und der interessierten Öffentlichkeit im Netz, bemängelt Innovationsberater Jürgen Stäudtner.

„Was bei uns in der Wirtschaft abläuft, hat wenig mit digital und social zu tun.“

Da regiert eher die Abschottung über Zertifizierungen und Patente.

Wir laufen in eine agile Netzwerk-Ökonomie rein, wo es nicht ausreicht, irgendwelche Praktikanten zur Betreuung der Facebook-Seite abzustellen, meint Winfried Felser von der Unternehmer-Plattform Competence Site.

Ausführlich nachzulesen in meiner morgigen The European-Kolumne.

Bevor die Unternehmer im Social Web aktiv werden, sollten sie das Digitale vielleicht erst einmal mehr umarmen.

Was die Deutschland AG so leistet, erkennt man am Beispiel Karstadt.

Wie Software den Journalismus verändert

Technologie

Schon kleine technische Variationen, Erweiterungen und minimale Änderungen der Rahmenbedingungen können etwas völlig Neues auslösen, konstatieren die Podcast-Pioniere Tim Pritlove und Philip Banse in der von Pritlove produzierten Sendung „Lautsprecher“.

Bei Verlagen, TV und Hörfunk erlebt man allerdings häufig eine ausgeprägte Feindlichkeit gegenüber Technologien und Innovationen. Ohne Buchdruck gäbe es doch den ganzen Journalismus nicht, proklamiert Pritlove. Die gesamte Medienbranche sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Software ein redaktionelles Mittel ist. Heute ist es entscheidend, wie komfortabel man kommentieren und publizieren kann, ob die URL für jeden Beitrag einzeln zur Verfügung steht, um sichtbar zu werden. Wie sich ein System verhält, ist nicht mehr in einer Maschine integriert, die im Keller steht und vor sich hin dampft. Die Technologie ist ein entscheidender Faktor des Journalismus und die Programmierer sollten ein wichtiger Bestandteil von redaktionellen Teams sein. Die Software muss Schritt halten, um moderne Berichterstattung zu garantieren und um Sendungen interaktiv zu präsentieren.

An dieser Stelle scheitern TV, Hörfunk und Verlage, die sich aus dem Joch ihrer IT-Abteilungen nicht befreien und den Herrschaftsansprüchen der CIOs wenig entgegensetzen. Bei Bloggercamp.tv konnten wir das schon häufig erleben. Redakteure prallen an der Firewall ihrer IT ab und müssen die Live-Hangouts nach Feierabend in die eigenen vier Wände verlegen.

Es sind in Deutschland eben doch nur kleine Stellschrauben, die Medienrevolutionen behindern. Ausführlich morgen in meiner The European-Kolumne nachzulesen.

Die digitale Bräsigkeit ist nicht nur auf Politik und Wirtschaft beschränkt.

Kein überraschender Befund: Deutschland fehlt die Vision einer digitalen Gesellschaft. Aber Google Glass als Foto für diese Story zu nehmen, ist schon etwas merkwürdig. Von dieser Vision hat sich ja nun der Mountain View-Konzern sang- und klanglos verabschiedet.

Wenn sich Medien öffnen, wird wohl diese Frage sofort auf den Tisch kommen: Wie hart soll man gegen Trolle vorgehen?

Drei Tage Personalchef im Rendite-Imperium der Samwer-Brüder #Kompetenzgespräche #Groupon #dld15

Meister Yoda statt Samwer
Meister Yoda statt Samwer

Nach Ansicht von Heiko Fischer, Vorstandschef und Gründer von Resourceful Humans, sollte man die Personalentwicklung nicht mehr als Kostenfaktor, sondern als Investition verbuchen. So sein Plädoyer in der neuen Hangout-Sendereihe „Kompetenzgespräche“.

Es reiche nicht aus, Organisationen nur auf kurzfristigen Profit auszurichten:

„Mir widerfuhr die traurige Ehre, dass ich nur drei Tage Personalchef von Groupon war und mit den Samwer-Brüdern zusammen gearbeitet habe, bis ich mich mit einem dieser Typen so anlegte, dass ich in der Mittagspause gegangen bin“, erläutert Fischer.

Den Führungsstil solcher Karrieristen müsste man aufbrechen. Nach Ansicht von Management-Experte Ralf Graessler sollte man die Orga-Pyramide auf den Kopf stellen und Unternehmen radikal auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter und Kunden ausrichten.

„Organisationen arbeiten in herkömmlichen Strukturen, in herkömmlicher Geschwindigkeit und sind herkömmlich (also kaum) vernetzt“, stellt der Berater Willms Buhse fest.

Wenn ein Unternehmen nur in einem Bereich exzellent sei, wird das 2015 deutlicher als je zuvor sichtbar werden.

Kommunikation und Zusammenarbeit müssten sich gleichermaßen agil weiter entwickeln: Vernetzungsanalysen, Digital Needs, Einführung und Umsetzung digitaler Führung und Kultur, Implementierung neuer Kollaborationsplattformen.

Mehr dazu in meiner morgigen The European-Kolumne.

Die Samwer-Brüder sehen sich übrigens als Vorzeige-Gründer. Na denn. Ich kann auf solche „Vorbilder“ getrost verzichten.