Recherche Bonner Festspielhaus – Warum wurde die Beethovenhalle nicht miteinbezogen?

Wie kann man denn eigentlich die Post-Spende eines ganzen Festspielhauses einordnen und planerisch bewerten, wenn als Konsequenz ein städtisches Gebäude wie die Beethovenhalle abgerissen werden soll?

Der Abriss-Fan von der Bonner CDU, Herr Stephan Eisel, hat das in seiner Kommentarlaune ja schon gepostet: „Der Deutsche Bundestag hat im Herbst 2007 das Projekt einer ‚Stiftung Festspielhaus Beethoven‘ in Bonn in die Liste für ’national bedeutsame Kulturinvestitionen‘ aufgenommen und dafür eine Bundesförderung in Höhe von 39 Mio Euro beschlossen. Das Geld ist nicht für kommunale Kulturpolitik nutzbar. Die Bonner DAX-Unternehmen Post AG und Postbank wollen in Bonn ein neues Festspielhaus Beethoven bauen, dafür 75-100 Mio Euro ausgeben und es spielfertig einer Stiftung für den Betrieb übergeben. Vorschläge von zehn internationalen Spitzenarchitekten für ein Haus mit einem Konzertsaal mit weltweit anerkannter Spitzenakustik und -architektur liegen vor. Die Entwürfe von Zaha Hadid und Hermann & Valentiny wurden von einem Expertenkreis in die engere Wahl genommen….Für das Stiftungskapital hat der Bund bereits 39 Mio Euro zugesagt. Außerdem liegt bereits die Zusage des Rhein-Sieg-Kreises über 3 Mio Euro und der Sparkasse Köln-Bonn über 5 Mio Euro vor. Das Land hat eine Million Euro jährlich zugesagt. Auch die Telekom AG ist bereit, zur Finanzierung des Betriebes beizutragen. Offen ist noch die Höhe der Beteiligung der Stadt. Da das neue Festspielhaus die Beethovenhalle ersetzt, spart die Stadt Geld: Ca. 1,5 Mio Euro an jährlichen Betriebskosten für die jetzige Halle und die absehbaren Grundsanierungskosten von mindestens 20 Mio Euro. Für die alte Beethovenhalle gibt es keinen Nutzungsbedarf, wenn die klassische Musik in einem Festspielhaus gespielt wird. Die Stadt sollte zum Stiftungskapital beisteuern, was sie durch den Wegfall der Beethovenhalle spart. Da das Festspielhaus kein kommunales Kulturprojekt ist, kann seine Finanzierung auch nicht zu Lasten des kommunalen Kulturhaushaltes gehen“, soweit ein kleiner Ausschnitt der Blog-Kommentare des Herrn Eisel.

Aber wo liegt jetzt die politische Verantwortung für das Projekt? Wer ist vergaberechtlich zuständig? Wer bewertet die Vorauswahl der Architekten? Warum wurde eigentlich für das Festspielhaus kein Entwurf genommen, der die Einbeziehung der Beethovenhalle vorzieht? Wer zahl die Zeche für die Unterhalt des Hauses? So schreibt Doro Schmitz in einem Leserbrief an den General Anzeiger: „Auch bei einem ‚Geschenk‘ der nunmehr noch zwei verbliebenen DAX-Unternehmen (Post und Postbank), die den Bau sponsern, verbleibt als ‚Geschenk für den Bonner Steuerzahler‘ die enorme Zeche des Festspielhausbetriebs zu zahlen. Schätzungen des von den Sponsoren mit einem Konzept beauftragten Karsten Witt zufolge sind jährliche Betriebskostenzuschüsse seitens der Stadt in Höhe von 4,7 Millionen Euro zu erwarten“, so Doro Schmitz. Offiziell ging man doch von 3,8 Millionen Euro Betriebskosten für die Stadt aus. Sind die Kosten nun doch höher?

Was ist mit den Kosten für den Abriss der Beethovenhalle? Ein Experte sagte mir, dass das bei rund 5 Millionen Euro liegen könnte.

Der Bonner Architekt Peter Baumgärtner stört sich an der Arroganz des Festspielhaus-Architekten Valentiny: „Wenn Herr Valentiny glaubt, daß ihm die Entscheidungsstrukturen in China besser gefielen, dann möge er bitteschön da bauen, ich rate ihm aber seine Zunge zu hüten, das freie Wort liegt dort in Ketten. Die Öffentlichkeit soll nicht darüber entscheiden, welcher Entwurf umgesetzt wird, aber sie muß darüber befinden dürfen, wofür ihr Geld eingesetzt wird und man muß ihr vor der Entscheidung verlässliche Zahlen vorlegen. Die finanziellen Vorzüge des Schnäppchens Kongreßzentrum haben wir schon genug genossen. Wenn die Befürworter des Festspielhauses einem solchen Redner applaudieren, diskreditieren sie sich selbst.“

Warum wurde die Beethovenhalle in die Planungen nicht miteinbezogen? „Fest steht, dass es im Ausschreibungstext für den Architekten-Wettbewerb die Vorgabe gab, das Gebäude im wesentlichen zu erhalten, da es unter Denkmalschutz steht“, so Peter Finger von den Grünen. Die Beethovenhalle sei Teil der Geschichte der Stadt Bonn als Bundeshauptstadt und Regierungssitz. „Die meisten Entwürfe zum Beethoven-Festspielhaus haben diese Vorgabe des Denkmalschutzes nicht berücksichtigt. Ich bin der Überzeugung, dass es – ungeachtet der vielen anderen offenen Fragen im Zusammenhang mit dem Festspielhaus – gelungene architektonische Lösungen gibt, bei denen die wesentlichen Gestaltungsmerkmale der Beethovenhalle (Erscheinungsbild des Hallenkörpers, das Foyer mit den Wandmalereien von Joseph Fassbender) im Sinne des Denkmalschutzes erhalten werden können“, erklärt Finger.

Fragen über Fragen, die die Festspielhausfreunde noch nicht so richtig beantwortet haben. Zum Vergaberecht wollte ich es etwas genauer wissen und schickte folgende Mail an die Pressestelle der Stadt Bonn:

Sehr geehrte Frau Dr. Hörig,

ich recherchiere zum Thema Bonner Festspielhaus (auch wenn das Projekt zur Zeit auf Eis liegt) und möchte Sie bitten, mir den seinerzeit veröffentlichten öffentlichen Ausschreibungstext zum Neubau des Festspielhauses zu übersenden.

Desweiteren bitte ich um Beantwortung folgender Fragen:
1) Wieviele Angebote wurden eingereicht, die den formalen Kriterien entsprachen?
2) Wieviele nicht berücksichtigte Bieter haben ein Konzept eingereicht, das den Erhalt der Beethovenhalle im Gesamtkonzept berücksichtigt?
3) Bitte übersenden Sie mir auch die Preisfolgeliste der Angebotsauswertung. Um das Geschäftsgeheimnis nicht zu verletzten bin ich damit einverstanden, die Namen der Bieter zu schwärzen.

Vielen Dank für Ihre Bemühungen
Gunnar Sohn

Da bekomme ich von der Stadt Bonn folgende Antwort:

Hallo Herr Sohn,
bitte wenden Sie sich an die Deutsche Post AG, die den Architekturprozess damals organisiert hat.

Schöne Grüße
Monika Hörig

Dr. Monika Hörig
Bundesstadt Bonn
Stellvertretende Pressesprecherin
Presseamt
Stadthaus, Berliner Platz 2, 53111 Bonn
Telefon +49(0)2 28.77 2112
Telefax +49(0)2 28.77 2468
E-Mail monika.hoerig@bonn.de
Internet www.bonn.de

Merkwürdig, wie dieser Prozess abläuft. Dagegen ist Stuttgart 21 ja noch richtig gut durchschaubar. Ich werde meine Fragen also an den DAX-Konzern richten. Bin gespannt, ob ich von dort wieder an die Stadt verwiesen werde, oder an die Stiftung oder an die Festspielhausfreunde. So macht die Recherche richtig Spaß.

Konversationskunst statt Basta-Entscheidungen: Der Verlust des Sprecher-Monopols von Parlamenten und Massenmedien

Eine weitere höchst interessante Ausstellung des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) beschäftigt sich mit der Konversationskunst von Kurd Alsleben und Antje Eske (die Ausstellung zu Leben und Werk von Professor Herbert W. Franke habe ich ja schon vorgestellt). Die weltweite Vernetzung der Computer habe zu einem Austausch von Botschaften aller Art geführt, der in seiner Quantität alle Vorstellungen überschreitet. Social Software-Dienste wie Facebook oder Twitter würden neue Formen des zwischenmenschlichen Umgangs erzeugen.

Alsleben, Eske und befreundete Künstler, Philosophen und Wissenschaftler – erkunden, welche künstlerischen Möglichkeiten mit diesen neuen Kommunikationsformen auftreten und entwickeln eine Kunst der Konversation, die auf eine lange Tradition verweisen kann: von der antiken „ars sermonis“, den Musenhöfen der italienischen Renaissance, der französische Salonkultur des 17. und 18. Jahrhunderts, bis zum Surrealismus und Dadaismus des 20. Jahrhunderts.

„Konversationskunst“ sei eine Kunst des Austauschs, die sich von der alltäglichen Kommunikation abhebt. Sie produziere kein Werk, sondern erlaubt das gemeinsame, spielerische Sammeln von Erfahrungen und das Entstehen von Ideen, die den aktuellen gesellschaftlichen Common Sense überschreiten. „Ich weiss allein nicht weiter“ ist das Leitmotiv dieses Konversierens.

In einem Pressegespräch erläuterte die ZKM-Kuratorin Margit Rosen, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Gesprächs sei. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Manifeste. Was wir jetzt erleben, sei eine Abweichung von geschlossenen Medienformaten. Schon in den 1980er Jahren experimentierten Kurd Alsleben und Antje Eske vernetzten Dialogen über HyperCards. Essentiell sei dabei die kulturelle Tiefe der Konversationen. Alsleben und Eske wollen die künstlerischen Qualitäten die Plattformen und die politische Dimension des Social Web abtesten. Basta-Entscheidungen und das reine Manifestieren von politischen Positionen würden nicht mehr funktionieren. „Es geht immer mehr um das mühsame Aushandeln von Positionen und um die Frage ‚Wie wäre es denn schön'“, sagte Rosen.

Es gehe um die Überwindung von verfestigten und verkrusteten Strukturen. Wie wäre es denn schön? Diese Frage hätte am Anfang des Stuttgart 21-Projektes stehen müssen, um im Dialog mit den Bürgern zu einer vernünftigen Entscheidung „Oben“ oder „Unten“ zu gelangen. Die Polit-Apparatschicks hätten sich eine Menge Ärger erspart und vielleicht sogar eine Zustimmung erlangt, wie es bei dem weitaus größeren Vorhaben des Gotthard-Tunnels der Fall ist. Die Schweizer haben der weltweit einzigartigen technischen Meisterleistung in mehreren Volksabstimmungen zugestimmt – allerdings vor dem Baubeginn. Bei Stuttgart 21 hat man es genau anders herum gemacht. Erst im Nachhinein wird publik, „auf welch fragwürdiger, der Öffentlichkeit vorenthaltener ‚Faktenbasis‘ Entscheidungen getroffen und schöngerechnet wurden“, schreibt Zeit Online in dem Beitrag „Wir haben die Nase voll“. Die Massenproteste in der baden-württembergischen Landeshauptstadt sind kein Menetekel für eine blockierte Republik bei technische anspruchsvollen Großprojekten, wie es Westerwelle und Co. mit Drohgebärde an die Wand malen.

Für den ZKM-Vorstand Professor Peter Weibel gibt es einen Bogen von der Salon-Konversation, über die Aufklärung bis zum Chat-Room: „Das Internet führt fort, was im Umkreis der Aufklärung begonnen wurde und man kann hoffen, dass es sich als eine erweiterte politische Macht etabliert. Wir erleben gerade in Stuttgart den von Habermas beschriebenen Strukturwandel der Öffentlichkeit.“

Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. „Hier werden Dinge mit Worten gemacht“, so Weibel bei der Vorstellung der Ausstellung „Konversationskunst“. Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Hier die Audio-Aufzeichnung des Pressegespräches:

Während der gesamten Ausstellungszeit ist eine Konversation mit den Künstlern Kurd Alsleben und Antje Eske über Facebook, Twitter und Skype möglich.

Facebook-Präsenz.

Twitter.

flickr.

YouTube.

Termine:
Freitag, 29. Oktober 2010 — 15 Uhr
Spielen/Spielverderben. Konversieren. Deliberieren

Samstag, 30. Oktober 2010 — 11 Uhr
Erfahrungen im Social Web

Freitag, 12. November 2010 — 15 Uhr
„Felix aestheticus“. Interesselos. Ökonomische Abhängigkeiten

Samstag, 13. November 2010 — 11 Uhr
Hypertext und frühe Austausche

Freitag, 26. November 2010 — 15 Uhr
Formen. Auseinandersetzen. Zusammensetzen

Samstag, 27. November 2010 — 11 Uhr
Ansinnen. Bonusanerkennung. Taktgefühl. Ästhetischer „sensus communis“

Freitag, 10. Dezember 2010 — 15 Uhr
Kunst ohne Publikum. Common Sense. Emanzipation

Samstag, 11. Dezember 2010 — 11 Uhr
Social Web vor dem Social Web. Kunstgeschichte

Mittwoch, 29. Dezember 2010 — 15 Uhr
»Globophagia«, konversationelle Netzwerkmusik

Donnerstag, 30. Dezember 2010 — 11 Uhr
Erfahrungen im Social Web: Algorithmische Klangprogrammierung. „Terpsichore“ et al.

Donnerstag, 06. Januar 2011 — 15 Uhr
Erfahrungen im Social Web: SoundVision et al.

Freitag, 07. Januar 2011 — 15 Uhr
Gibt es einen Unterschied zwischen Menschen und Maschinen?
(Human Computer Interaction | Mensch/Mensch-Kommunikation)

Samstag, 08. Januar 2011 — 11 Uhr
Kybernetik. Soziale Bewegungen. Social Web

Konversationen – Skype
Ort: ZKM | Medienmuseum, Projektraum

22. Oktober 2010 — 15 Uhr

05. November 2010 — 15 Uhr

19. November 2010 — 15 Uhr

03. Dezember 2010 — 15 Uhr

17. Dezember 2010 — 15 Uhr

Anmerkung: Das erste Foto zeigt den Ausschnitt einer Landkarte aus dem 17. Jahrhundert in deutscher Übersetzung. Die Carte de Tendre´ wurde als Konversationsspiel eingesetzt. Stolz, Niedertracht, Indiskretion oder üble Nachrede bringen den Spieler ins „Meer der Feindschaft“.