Brüder, zur Sonne, zur Freiheit und zu Facebook & Co. – Wahlkämpfer im Twitter-Rausch

Brüder, zur Sonne, zur FreiheitDie Handelsblatt-Redakteure Thomas Knüwer, Daniel Delhaes und Barbara Gillmann haben ein nettes Stück über den bevorstehenden Internet-Wahlkampf geschrieben: „Brüder zum Netze, zu Facebook“ heißt die Story in Anlehnung an den alten Revolutionssong Смело, товарищи в ногуsind. Nun werden wir sehen, ob Trittin, Merkel, Westerwelle, Steinmeier und Co. so schön im Netz trällern können, wie der sowjetische Arbeiterchor. Deutschlands Volksvertreter wollen zumindest siegen wie Obama: digital. Doch wird das Internet tatsächlich über den nächsten Bundeskanzler entscheiden?

„Facebook wird Teil des politischen Dialogs in Deutschland“, sagt Randi Zuckerberg, die Marketing-Chefin des weltweit größten Social Networks, nach dem Bericht des Handelsblattes.
Markus Beckedahl, der mit seiner IT-Beratung New Thinking alle drei Monate eine Studie zur Politik im Web erstellt, pflichtet ihr bei: „Wir sehen einen großen Run der Parteien und Kandidaten auf Plattformen wie Facebook und Youtube. Wir gehen davon aus, dass Facebook die zentrale Plattform für den Online-Wahlkampf sein wird. Das Netzwerk ist interaktiver und die Interaktionsschwelle liegt niedriger, als bei Wer-kennt-wen oder StudiVZ“.

Rasant steigender Beliebtheit erfreue sich Twitter. „Jeder halbwegs motivierte Kandidaten“ nutze den Kurznachrichtendienst, sagt Beckedahl: „Über Twitter erreicht man schnell viele Multiplikatoren.“ Derzeit sei der Dienst ein Hype, aber „wir gehen aber davon aus dass sich der Dienst mittelfristig in der breiten Masse durchsetzen wird.“ Sicher seien sich alle Beteiligten auch, dass der Online-Wahlkampf nicht die entscheidende Bedetung erlangen wird, die er in den USA hatte. CDU-Geschäftsführer Schüler: „Es gilt, die richtige Balance und Mischung zu finden zwischen innovativen und bewährten Elementen der Wähleransprache. Deshalb ist richtig, dass der Online-Wahlkampf eine der tragenden Säulen unserer Wahlkampfführung sein wird. Richtig ist auch, dass mit Internet alleine die Wahl nicht zu gewinnen ist.“

Das sieht auch Sascha Lobo so. „Der direkte Kontakt mit den Wählern wird entscheidend sein“, sagt der Marketing-Berater und Mitglied des SPD-Online-Beirates. Aber er ergänzt, dass es einen „Meta-Wahlkampf“ gebe: Über den Wahlkampf werde online viel diskutiert und umgekehrt berichteten klassische Medien über die Web-Aktivitäten der Parteien – und das poliert das Image. Zudem könne online schnell eine Veranstaltung organisiert werden: „Die Partei soll die Mechanismen der spontanen Organisation nutzen“, sagt Lobo.

Vielleicht erleben wir ja eine ganz neue Ära des Post-Parteienstaates. Bislang widmete der Politiker einen großen Teil seiner Zeit der klassischen Parteipolitik, dass heißt Versammlungen, Versammlungen zur Vorbereitung von Versammlungen und Versammlungen, die zu Entscheidungen führen sollen. Oder in den Worten von Max Weber: Bei den Parteien handelt es sich um Stellenjägerorganisationen, „die für den einzelnen Wahlkampf ihre wechselnden Programme je nach der Chance des Stimmenfangs machen…“.

3sat-Sendung Neues über Mythen im Internet

Schwerpunktthema Internet-Mythen war recht anregend mit dem Studiogast Professor Urs Gasser, Co-Autor des Buches „Generation Internet“

sixtusvslobo_125icon1Wieder mit einem netten Scharmützel zwischen Sixtus & Lobo über „Seriöse Spiele“. Lobo: „Serious Games sind das alkoholfreie Bier unter den Spielen“

Facebook als Jederzeit-Medium im Web – Zuckerberg plant zentralen Aufmerksamkeitsverteiler

n4_76971In dieser Woche gibt sich Facebook ein neues Gesicht. Die langfristigen Ziele beschreibt Facebook-Chef Mark Zuckerberg in seinem Firmen-Blog mit Schlagworten wie „Informationsstrom“ oder „Menschen Kontakt zu allem geben, was sie interessiert“. Auf lange Sicht sollen Menschen Facebook nicht mehr benutzen, um „bestimmte Inhalte zu finden, sondern um am Informationsfluss selbst teilzuhaben“. „Mit der Neugestaltung baut Zuckerberg Facebook ganz pragmatisch zum Jederzeit-Medium um. Die Hauptseite soll demnächst in Echtzeit jedem Mitglied Nachrichten darüber liefern, wer aus seinem Bekannten- und Freundeskreis gerade was denkt, kommentiert, im Web entdeckt, gekauft, gehört, gesehen hat. Bislang aktualisierte Facebook die zentrale Nachrichtenseite nur alle 10 bis 15 Minuten, nun soll das ständig passieren“, analysiert Spiegel Online-Redakteur Konrad Lischka.

Wenn ständig etwas Neues passiere sei der Drang groß, ständig die entsprechende Seite zu verfolgen. Das erinnere sehr an den Reiz von Twitter, dem gerade enorm gehypten Echtzeit-Mikroblogging-Dienst, der seinen Nutzern das Gefühl gibt, nahezu live zu verfolgen, was im Web passiert. „In Zukunft unterscheidet Facebook nicht mehr sonderlich zwischen den Seiten von normalen Mitgliedern und Unternehmen, Politikern, Bands und Stars“, schreibt Lischka. Der Dienst könne sich zum großen Aufmerksamkeitsverteiler im Web mausern. Neue Musik? Mal sehen, was die Freunde bei Facebook empfehlen. Gipfeltreffen in Washington? Mal sehen, was das Team von Obama schreibt. Der nächste logische Schritt wäre nach Ansicht des Internetexperten Sascha Lobo die Entwicklung eines echten eigenen Browsers, der ganz nebenbei dazu führen würde, dass man die Community überhaupt nicht mehr verlässt.

Teile des Redesigns würden darauf hindeuten: viele Navigationspunkte wurden in die nicht bewegliche Fußleiste verlagert. Die Redundanz mit der Navigation auf der Fläche sei nicht zufällig – sondern soll den Nutzer daran gewöhnen, Facebook auch dann zu benutzen, wenn auf der Fläche des Screens eine andere Seite dargestellt wird. Mit Cloud Computing würden Betriebssystem und Browser sowieso zusammenwachsen zu einem „Betriebsbrowser“. Die Office-Anwendungen von Google Docs beim Browser Chrome seien dabei richtungsweisend. „Mit einem echten eigenen Facebook-Browser würde die halbautomatische Kommunikation in Form eines umfassenden Lifestreams Realität, weil alles, was wir im Browser erledigen – bei mir wäre das ungefähr alles -, dann Teil unseres Kommunikationsstromes werden könnte“, spekuliert Lobo.
„Das Praktische an einem halbautomatischen Kommunikationsstrom ist, dass ich nicht mehr aktiv eingreifen muss, sondern immer mehr reagieren kann – wenn man will. Ein tolles Szenario. Nicht ‘Big Brother is watching you’ sondern ‘Facegoogle is watching, tracking, analysing and predicting you’”, meint Marc-Christopher Schmidt, Geschäftsführer des Reiseportals Triptivity. Die Facebook-Strategie bietet für Unternehmen enorme Chancen, so die Ansicht des Neue Medien-Publizisten Sebastian Paulke, Geschäftsführer von Wort + Welt: „Sie können sich schon jetzt auf eine völlig neue Marketingwelt freuen, in der statt Budgets Strategien zählen, da die eigentliche Multiplikation von Informationen sich zunehmend automatisieren wird und damit keine Kostenstelle mehr sein muss.”

Facebook werde eine neue Runde im Social Web einläuten und damit die Messlatte für Enterprise Team Collaboration anheben: „Die Fachkräfte von heute lernen jetzt schon, dass Informationsflüsse automatisiert ablaufen – cc-Mail-Orgien á la Outlook und Lotus Notes entfernen sich damit weiter von den gelernten Anforderungen der nächsten Wissensarbeiter-Generation: Die wird ein Corporate-Facebook verlangen, anstatt sich über jede Information Gedanken zu machen, wer die nun benötigt oder nicht“, erläutert Paulke. In der von seinem Unternehmen erstellten Studie „Kollaborieren oder kollabieren? Enterprise Team Collaboration 2.0” wird deutlich, dass jeder dritte Projektmanager wichtige Aufgaben nicht mehr erledigen kann, weil er in Kommunikationspflichten ertrinkt. „Es ist es höchste Zeit, eine Plattform zu schaffen, die das Informationsmanagement automatisiert und zentralisiert“, fordert Paulke.