Baut Bonn eine Seehofer-Siegessäule?

Wie lange wird Beethoven noch in Bonn stehen?

Sind Fake News, Propaganda, Denunziantentum, Gerüchte, Rabulistik, Plagiate, Verschwörungstheorien oder Hass ein Phänomen der Jetztzeit, ein Ergebnis von Plattformen wie Twitter oder Facebook? Natürlich nicht. Im Kern geht es den Aussendern solcher Botschaften immer um das gleiche Ziel: Diskurshoheit, Deutungsmacht und Umsturz der bestehenden Ordnung. Es sind irgendwelche abstrakten Interessen der Allgemeinheit, des „Volkes“, einer Gruppe oder von Grüppchen, die unter dem Joch eines vernetzten und undurchsichtigen Syndikats leiden. Erinnert sei an die Kampfschriften von Mathilde Ludendorff, Ehefrau des prominenten Generals Erich Ludendorff.

Verschwörungstheoretisches Ludendorff-Geschreibsel

Sie rührt Freimaurer, Illuminaten, Juden und Jesuiten zu einem antideutschen Verschwörungsbrei zusammen und pfeift auf jegliche Sachkenntnis in historischen Fragen. Zu den diversen Geheimbünden gesellen sich in wildem Anachronismus auch noch Kommunisten, also die 1917 gegründete russische Staatssicherheit namens Tscheka. Nachzulesen bei Markus Wallenborn über Verschwörungstheorien zu Goethe und Schiller.  Die absurden Thesen von Frau Ludendorff über die angebliche Ermordung Friedrich Schillers stießen auf so starken Anklang, dass sich die Weimarer Goethe-Gesellschaft genötigt sah, sämtliche Quellen zu Schillers Tod zwecks Gegendarstellung zu prüfen. Bis heute sind die Texte der Generalsgattin in den sumpfigen Niederungen der völkischen und nationalistischen Publizistik verfügbar.

Fakes und die Geschichte der Reproduktionstechnologien

Fakes waren allerdings immer schon ein gesellschaftliches Experimentierfeld und es ging dabei nicht immer um völkische PR-Feldzüge. Gefakte Publikationen gehören zur Geschichte des Druckwesens. Etwa das Magazin „La Révolution Surréaliste“, das zwischen 1924 und 1929 erschien. „Die Gestaltung der ersten, von André Breton verantworteten Ausgabe hatte starke Ähnlichkeit mit dem konservativen wissenschaftlichen Journal ‚La Nature‘ und konfrontierte so die Leser unerwartet mit den damals skandalösen Inhalten der Surrealisten“, schreibt der Künstler und Medienkritiker Alessandro Ludovico in einem Beitrag für die Zeitschrift postdigital.

Papst wird polnischer König

„Il Male“ (Das Böse) war eine Initiative des „Kreativen Autonomismus“ von 1977 und lancierte Kampagnen mit pseudo-journalistischen „Exklusivmeldungen“ in der Aufmachung von großen italienischen Zeitungen, die an den Kiosken platziert wurden und heftige Reaktionen hervorriefen. In Polen wurde 1979 während des Besuchs von Papst Johannes Paul II die Zeitung „Trybuna Ludu“ verteilt, deren Schlagzeile „Regierung tritt zurück, Wojtyla zum König gekrönt“ lautete. „In Frankreich erreichte einige Abonnenten ein anonymes Fake der ‚Le Monde Diplomatique‘ mit satirischen Kommentaren über das Blutbad im Stammheimer Gefängnis der Roten Armee Fraktion. Und schließlich zirkulierte 1983 in Kabul und Ostberlin eine falsche ‚Krasnaja Svezda‘, eigentlich ein Blatt für das sowjetische Militär, das verkündete, dass der Krieg zu Ende sei dank zweier Armeeköche (die Chonkin-Cousins), deren Köstlichkeiten russische Militärchefs in den ewigen Schlaf geschickt hätten“, erläutert Ludovico.

Für erhitzte Debatten im Digitalen sorgen auch die Macher von „The Onion“, die sich auf den Meldungsstil der Medienkonzerne in Web- und TV-Formaten konzentrieren und sie in Fakes umwandeln, um virale Scoops im Social Web zu landen. Für Debattensprengstoff sorgte eine gefälschte Headline von „BBC Scotlandshire“ über die Baugenehmigung eines Thatcher-Museums im schottischen Dundee. Was wäre wohl los, wenn ich über die Erbauung einer Horst-Seehofer-Siegessäule in Bonn berichten würde? Seit dem es Möglichkeiten der mechanischen Reproduzierbarkeit gibt, wimmelt es in der Publizistik von Falschmeldungen, undurchsichtigen Verdächtigungen und Scheinwahrheiten. Die Geschwindigkeit und Exaktheit digitaler Reproduktions-Technologien wirkt dabei nur als Teilchenbeschleuniger eines alten Phänomens.

Neues Biotop für Falschmeldungen

Neu ist dabei der Zerfall der öffentlichen Meinung. Die Netzöffentlichkeit steht vor allem für eine fundamentale Veränderung der öffentlichen Sphäre. Öffentliche und individuelle Kommunikation verschwimmen. Und ob ich nun mit meiner eigenen Teilöffentlichkeit wenige oder sehr viele Menschen erreiche oder nicht, vorher war es schlicht unmöglich, ohne großen Aufwand eine eigene Öffentlichkeit herzustellen, die über den Nachbarzaun reichte. Angesichts einer Inflation von persönlichen Öffentlichkeiten ist es schwieriger geworden, verbindliche und fundierte Entscheidungen zu treffen.

Es passiert immer häufiger, dass in den persönlichen Öffentlichkeiten strittige Themen anders bewertet und gedeutet werden als in den Massenmedien und in politischen Institutionen. Das von der Demoskopin Noelle-Neumann beobachtete „doppelte Meinungsklima“ – also das Auseinanderdriften von Bevölkerungsmeinung und Medientenor – kommt immer häufiger vor. Die Dynamik in sozialen Netzwerken ist nicht so sehr geprägt von tradierten Hierarchien und Jahrzehnte alten Rollenmustern, sondern von den kurzfristig aufsummierten Handlungen vieler Menschen.

Fake News-Produzenten nutzen das Vakuum einer zersplitterten Öffentlichkeit

Die Potenziale für Deutungsmacht sind sehr viel breiter verteilt als früher, nicht nur auf klassische Öffentlichkeitsberufe wie Journalisten und Politiker. Und das ist ein Vakuum, in das Kampagnen-Plattformen wie Breitbart reinstoßen, um die politischen Meinungsbildung und das Wahlverhalten zu beeinflussen. Das macht die Gemengelage so brandgefährlich und beweist, wie die etablierten Kräfte in Politik und Medien den Zerfall der Meinungsbildung nach den tradierten Mustern in den vergangenen Jahren unterschätzt haben. 

In wuchernden Netzstrukturen aktiv werden

Es reicht einfach nicht mehr aus, mit schweren Tankern im Social Web unterwegs zu sein und sich hinter Institutionen zu verstecken. Man muss personalisiert, vernetzt und schnell handeln. Der Philosoph Gilles Deleuze hat dafür das Bild des Rhizoms geprägt. Moderne Organisationen müssen in wuchernden und unübersichtlichen Netzstrukturen anders vorgehen. Man braucht vielfältige Geschicklichkeiten, um sich Gehör zu verschaffen. Das Viele, das Multiple muss in allen Dimensionen beackert werden, so Deleuze. „Ein solches System kann man Rhizom nennen.“ Es sind Knollen und Knötchen, die die Verknüpfung und Vielfalt bewältigen. 

„Im Unterschied zu den Bäumen und ihren Wurzeln verbindet das Rhizom einen beliebigen Punkt mit einem anderen: jede seiner Linien verweist nicht zwangsläufig auf gleichartige Linien, sondern bringt sehr verschiedene Zeichensysteme ins Spiel und sogar nicht signifikante Zustände… Es besteht nicht aus Einheiten, sondern aus Dimensionen“, schreiben Gilles Deleuze und Félix Guattari im Merve-Band „Rhizom“, erschienen 1977 (!). Um in diesem Wirrwarr publizistisch zu überleben, orientiere ich mich an dem Stil des Schriftstellers Jean Pau: Ich empfehle dabei den Stil des Schriftstellers Jean Paul. Man sollte sich nicht in einem bestimmten Lehrgebäude einigeln, sondern in allen und keinem zuhause sein: Mit Bildung und Witz. „Anders als der Scharfsinn – der die Leser wie in einer mathematischen Beweisführung an die Hand nimmt und Schritt für Schritt von A zu O führt, lässt sich der Witz nicht bei der Arbeit zusehen, sondern überrascht mit dem Ergebnis, und zwar je unerwarteter, umso effektvoller“, führt Roberto Simanowski in seinem Opus „Facebook-Gesellschaft“ aus. Die Seele des Witzes liege in der Kürze. Zudem schärft er die Sinne für die immer gleiche Schallplatte, die von den Bullshit-Bingo-Populisten aufgelegt wird.

Das Netz der Konspiration – Über die Verschwörung der Facebook-Freunde #FAZ

Gerüchte im konspirativen Netz
Gerüchte im konspirativen Netz

Mathias Müller von Blumencron, der FAZ-Mann für das digitale Geschäft, sorgt sich in einem Leitartikel seiner Zeitung um die Wahrheit. Eine Wahrheit habe sich in den vergangenen Jahrtausenden wohl durchgesetzt. „Wirklich ist, wo man gerade steht“, so die Blumencron-Erkenntnis.

Aber dann kam die digitale Revolution und erschütterte diesen Geist des Pragmatismus. Die unendliche Erreichbarkeit von Wissen mündet nicht automatisch in Wissen – eine simple Wahrheit, die schon beim Besuch einer analogen Bibliothek den Gelehrten klar wurde.

Das Internet als Empörungsmaschine

Das Internet hat aber nach Meinung des FAZlers noch viel mehr bewirkt. Es mutierte in den vergangenen Jahren zu einer gewaltigen Empörungsmaschine, einer Gerüchteschleuder, zu einem Propagandavehikel für jede noch so obskure Theorie:

„Die eingebildete Wahrheit verdrängt die Fakten, eine scheinbare Welt die Realität.“

Aus einem Medium der Information werde ein Vehikel der Desinformation. Wer suchet, der findet für jede noch so abwegige Ansicht eine Theorie.

„Es gibt Zehntausende, die glauben, dass die Mondlandung inszeniert worden sei. Es gibt Zehntausende, die glauben, dass die klaffenden Einschlaglöcher im World Trade Center zu schmal für die Flugzeuge gewesen seien, die sie aufgerissen haben. Und es gibt Zehntausende, die glauben, dass die Täter von Paris nicht radikale Islamisten gewesen seien, sondern westliche Islam-Hasser“, schreibt Blumencron.

Dieser Glaube sei der Feind von nüchternen Fakten.

Facebook als unüberprüfbare Gerüchteküche

„Ausgerechnet in einer Zeit, in der es das Publikum besser wissen müsste, gewinnen allerorten Bewegungen der Unvernunft an Einfluss, die ohne ihre eigenen Informationskanäle im Netz kaum denkbar wären.“

Über Jahrhunderte sei es üblich, dass Informationen einen Absender hatten. Die griechische Agora, der Marktplatz, später die Zeitung, Radiosender, Fernsehen, die Website oder ein Blogger „waren“ eindeutig identifizierbare Orte der Information. Mit Facebook als Betriebssystem des Internets ist das nun nicht mehr so, glaubt Blumencron. Ein Drittel der Amerikaner informiere sich primär über soziale Medien und auch Deutschland würde sich dorthin entwickeln.

„Infofetzen fliegen heute vor den Netznutzern entlang wie Herbstlaub im Sturm. Woher sie eigentlich kommen, von welchem Baum sie stammen, ob sie authentisch oder manipuliert sind, ob sie sauber recherchiert oder mehr oder weniger geschickte Propaganda sind, lässt sich immer weniger feststellen. Und es scheint auch eine immer geringere Rolle zu spielen.“

Wichtiger sei der Empfehler oder der virtuelle Kurator – also der Facebook-Freund, dieser flüchtige Geselle. Die Algorithmen der Social Web-Plattformen würden das noch über die Filterbubble-Effekte befördern. Man landet mit mathematischen Formeln im Schwarm der Weltverschwörer. Das Internet schütze nicht die Freiheit und gebiert auch nicht die Wahrheit. Aber welche Wahrheit ist nicht konstruierte Realität – egal, ob sie von Profijournalisten, Experten oder Laien kommuniziert wird? Was der besorgte FAZ-Mitarbeiter geschrieben hat, klingt wie die vornehme Variante der Klagerufe von Verlegern, die das Mitmach-Web als Toilettenwand des 21. Jahrhunderts deklassieren wollten.

Nach Einschätzung des Soziologen Dirk Baecker ist Blumencron nur darum bemüht, seine eigenen Thesen zu beweisen. Er schleudere Gerüchte (über das Internet), produziert Desinformation (über das Internet) und beweist, dass noch lange nicht jedes Wissen (etwa die Artikel-Weisheiten des FAZlers) der Wahrheit entspricht.

„Alle Formen der ebenso produktiven wie kritischen Vernetzung unter Wissenschaftlern, Familienmitgliedern, Politkern und politisch Bewegten, Gläubigen und Predigern, Käufern und Verkäufern (Endkonsumenten wie Geschäftsleuten) entgehen dem geschätzten Autor“, so Baecker.

Die nicht überprüfbaren Gerüchte des analogen Zeitalters

Das Problem sind nach Meinung des Soziopod-Bloggers Partrick Breitenbach nicht die zirkulierenden Gerüchte und Verschwörungstheorien, denn die gab es vermutlich schon seit Beginn der menschlichen Aufzeichnungen.

„Man denke nur an die berühmten ‚Protokolle der Weisen von Zion‘, die gerade durch eine monolithische Medienkultur der gedruckten Wahrheit für eine breite Akzeptanz einer kruden Weltverschwörungstheorie damals bis heute wirkte. Ein Buch hatte entsprechendes Gewicht. Das gedruckte Wort galt zunächst als unantastbar, genoss als Medium hohe Reputation und war natürlich relativ schwer und sehr spät korrigierbar. Die Herausforderungen heute liegen ganz woanders. Gibt es so etwas wie die einzige objektive Wahrheit überhaupt? Kann die Stimme eines einzelnen Experten oder Journalisten die komplexe Wirklichkeit, die wir in Summe als solche wahrnehmen, überhaupt abbilden? Genau diese Erwartungen haben die meisten Leser an ‚ihr Medium‘. Es gibt einen Paradigmenwechsel, den die neue Technologie der Kommunikationsvernetzung angestoßen hat, nämlich die Frage nach der einzig wahren Wahrheit selbst.“

Genauso relevant ist die Frage, wie viel Desinformation in der Zeit vor dem Internet unerkannt durchgeschlüpft ist. Schließlich würden sich besonders die aktuellen Verschwörungstheorien auf „alte“ Buch-Quellen berufen.

„Die Kunstfertigkeit der gezielten Wirklichkeitsverformung existiert spätestens seit Edward Bernays Werk „Propaganda“. Auch sie wurde Schwarz auf Weiß im Jahre 1928 gedruckt. Darin beschreibt Bernays als erster namhafter PR-Experte ausgiebig die aus seiner Sicht notwendigen Machenschaften von findigen Public Relation Experten zur aktiven Steuerung einer Demokratie im Sinne von damals herrschenden Eliten in Politik und Wirtschaft.“

Und dabei spielte immer auch die Kriegspropaganda eine große Rolle.

„Wenn wir uns das bewusst machen, so sollten wir uns täglich aufs Neue die Frage stellen, ob das Internet, als neue Informationsinfrastruktur, tatsächlich ein Fluch der freien offenen Gesellschaft ist oder vielmehr zugleich auch die Chance beinhaltet, durch ein permanentes Aushandeln, Abgleichen und Korrigieren den Nährboden für totalitäre Machenschaften einiger weniger Mächtigen zu entziehen. Richtig ist jedoch, dass das Tempo und die Dynamik zugenommen haben, in der sich offensichtlich bereits eindeutig falsifizierte Informationen verbreiten. Schließlich besteht auch die traurige Einsicht, dass Menschen schon immer nur das gelesen haben, was sie im Grunde ihres Herzens und aufgrund ihrer Sozialisation am Ende lesen wollten“, erläutert Breitenbach gegenüber The European. Oder in den Worten von Albert Einstein: „Es ist einfacher ein Atom zu spalten als ein Vorurteil.“

Journalismus im permanenten Korrektur-Modus

Wir sollten uns eher an den neuen Zustand einer unsicheren Unwirklichkeit gewöhnen und offen sein für einen neuen Journalismus, der nie vollständig abgeschlossen sein wird und stärker denn je auf die Wirkmächtigkeit der Korrektur setzen muss.

„Das gedruckte Wort ließ damals weder eine nachträgliche Korrektur noch den Raum für zusätzlich hinzugefügten Kontext zu. Das Internet hingegen hat technologisch jede Menge Raum für genau das. Gerade ältere Artikel müssen kontinuierlich revidiert werden, denn sie sind die Quellen für morgen. Das Korrektiv ist zum Teil der Leser selbst, sie müssen nur einerseits mit glaubwürdigen und vertrauensvollen Quellen und Links versorgt werden und andererseits sicher sein, dass veraltete Artikel immer wieder auch auf Richtigkeit überprüft werden, um gerade den Diskurs im Ganzen entsprechend auszubalancieren“, fordert Breitenbach.

Die konspirativen Facebook-Freunde sind nicht die Ursache für die zirkulierenden Gerüchte und Desinformationen:

„Das Vertrauen bröckelt deshalb, weil unterbezahlte und unter Zeitdruck handelnde Profi-Journalisten zunehmend unter den ökonomischen Druck geraten und gezwungen werden, Nachrichten aus Quellen unreflektiert abzuschreiben, um mit dem erhöhten Takt der täglichen ‚News‘ Schritt halten zu können. Zeit für Gründlichkeit ist somit zum wichtigsten Vertrauensgut geworden“, sagt Breitenbach.

Im Prinzip müsste der Journalismus funktionieren wie die digitale Arbeitsweise des SZ-Redakteurs Dirk von Gehlen bei seinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ oder „Alles fließt“.

Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne.

Und Qualitätsmedien tun sich wohl auch etwas schwer, Inszenierungen und Manipulationen zu bemerken und einzugestehen.

Wichtige Frage von Richard Gujahr: Journalisten sind in der digitalen Welt wichtiger denn je. Sie prüfen, bewerten, ordnen ein. Professionelle Autoren werden immer gebraucht. Doch was, wenn das gar nicht stimmt?

Literatur-Lesung: Google Plus und die Lust am Gerücht

Von der Lust am Gerücht
Von der Lust am Gerücht

Moritz Tolxdorff, Community-Manager von Google, hat die Gerüchte über Google Plus-Sterbegesänge gekontert:

Der Weggang von Vic Gundotra nach rund acht Jahren hat einige Kaffeesatz-Lesereien in Gang gesetzt, die allerdings durch die recht spärlichen Informationen des Suchmaschinen-Konzerns beflügelt wurden:

„Das lässt die Medien natürlich groß über die Zukunft von Google+ spekulieren. Hier eine Bitte: Verlasst euch nur auf Aussagen, die von Google kommen und nicht auf findige Schlagzeilen oder ‚Hören-Sagen‘ der vielen Journalisten (nun ja, das ist etwas naiv, da jeder Krämer seine Ware lobt, gs).

Dave Besbris wird das Ruder übernehmen und Google+ weiter voran treiben. Vic hat sehr gute Arbeit geleistet, welche Bez und sein Team jetzt fortsetzen werden. Der anstrengende Teil ist geschafft und jetzt geht es erst richtig los mit Google+. Gerüchte und Spekulationen über Umstrukturierung, Degradierung von Google+ oder sonstiger Unfug kann getrost ignoriert werden. Google+ ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil und wird weiterhin unsere volle Aufmerksamkeit bekommen“, soweit Moritz Tolxdorff.

Wir werden das in einer Bloggercamp.tv-Sendung vertiefen und uns sicherlich nicht nur auf eine Quelle verlassen.

Und diese Stimmungen werden auch eine Rolle spielen 🙂

Siehe auch:

Nach Vic Gundotras Abschied: Ist Google+ am Ende?

Google+ ist tot? Quatsch. Eher ist es sachliche Berichterstattung.

Google+ Is Walking Dead

Digitale Gerüchteküche: Über Leitplanken, Guidelines und die Gefährlichkeit der Zunge

Vor Ewigkeiten habe ich mich in der Süddeutschen mal ausgelassen über den Flurfunk in Unternehmen und über die digitale Gerüchteküche. Online ist das Stück leider nicht abrufbar. Egal. Da das in ausführlicher Version in meinem Büchlein „Die Netzwerkrevolution – Plädoyer gegen die Ziegelsteindiktatur“ erschienen ist (vor rund 12 Jahren), kann ich den Artikel hier in etwas abgewandelter Form wiedergeben.

Über die Verwerflichkeit von Gerüchten und der bösen Nachrede wird bekanntlich doziert, seitdem es Sprache gibt. Bei Konfuzius heißt es:

„Der Edle verbreite keine Gerüchte.“

Im Alten Testament wird in den Sprüchen Salomos, im Buch Hiob und in Psalmen vor Schwätzern und der Gefährlichkeit der Zunge gewarnt. Die Fama ist deswegen so schlecht beleumundet, weil man meistens davon ausgeht, dass sie die Wahrheit verfremdet und daher zu Trug und Verkehrtheit führt. Besonders in Krisensituationen gedeiht die Fama im Flurfunk von betroffenen Organisationen – aktuell dürfte das bei Neckermann, Schlecker und der Bundesregierung der Fall sein.

Die Unsicherheit der Mitarbeiter schürt Konflikte. Wie geht es weiter? Wer hat mit wem gesprochen? Und über was? Sind die Kollegen in die Pläne aus der Chefetage vielleicht eingeweiht? Es gibt nur wenige klare Informationen, aber etwas dringt immer nach außen.

Mitarbeiter wollen in Krisenzeiten detaillierter über das große Ganze informiert werden. Verweigert eine ängstliche Führung wichtige Informationen, florieren die Buschtrommeln. Führungskräfte sind häufig bestrebt, jegliche Form von Kommunikation nach innen und außen zu kontrollieren. Nur PR-Mitarbeiter dürfen mit der Presse reden. Nur die Finanzexperten dürfen mit Analysten sprechen, und nur der Vorstandshäuptling darf sich gegenüber der Zeitschrift mit Gewicht äußern. Die multimediale Welt funktioniert so aber nicht mehr (das habe ich 2001 zu Papier gebracht).

Wer das Intranet im Unternehmen nur als Verkündigungsorgan für den Vorstand sieht, wird von den Möglichkeiten des neuen Mediums überrollt.

Selbst in einem diktatorisch eingesetzten Intranet – „Ihr dürft unsere Proklamationen lesen, aber im Büro nicht darüber sprechen“ – entwickeln sich die Gespräche im Markt.

Oder vielmehr: dann erst recht.

So glaubte der Vorstand einer Telefonfirma (es war o.tel.o), mit dem Intranet könne man nur die Informationen streuen, die von der Kommunikationsabteilung zugelassen werden. Dabei hatte das Unternehmen mit dem Produkt „Backweb“ elektronische Agenten eingeführt, mit denen jeder Mitarbeiter sein eigenes Informationsmenü festlegen und automatisch nach bestimmten Inhalten im Intranet und Internet suchen kann (das wurde von mir 1998 eingeführt). Dazu gehören auch Meldungen von Presseagenturen. Trotzdem wollte der Vorstand bestimmte Agenturmeldungen über Verkaufsgerüchte nicht ins Intranet stellen. Begründung:

„Das könnte die Mitarbeiter verunsichern.“

Diese Anekdote habe ich auch auf dem Marketingforum während der Hannover Messe zum Besten gegeben – wieder mit einigen äms oder öhs zuviel.

Die o.tel.o-Belegschaft war nur deswegen verunsichert, weil die Meldungen nicht direkt von der internen Kommunikation verbreitet wurden. Spätestens auf der Rückfahrt ins eigene Heim trällerten die Hiobsbotschaften über WDR 2 oder waren am Frühstückstisch in den Lokalzeitungen nachzulesen. Der Vorstandschef hätte das direkt über Backweb kommentieren können, dann wäre die Belegeschaft etwas weniger zornig gewesen.

In einem Arbeitskreis für Unternehmenskommunikation gab es einen heftigen Streit über die Möglichkeiten für Mitarbeiter, ohne Filter und Weichzeichner direkt externe und interne Informationen über das Intranet zu erhalten. Einige witterten bei dieser Tagung in den Räumen der Deutschen Bank Anarchie und Revolution (jetzt könnt Ihr raten, wer da ausgerastet war….). Andere sahen ihren Arbeitsplatz gefährdet, weil sie ihrer Funktion als Schönredner nicht mehr nachkommen konnten und pochten auf die Bewahrung ihres Informationsmonopols. Mich hat nicht gewundert, dass in der Mitarbeiter-Zeitschrift der Deutschen Bank der damalige Vorstandschef Breuer grinsend mit Taktstock abgebildet wurde mit der sinnigen Unterzeile: „Breuer gibt den Takt an“.

Die PR-Chefin eines Unternehmens mit rothaarigen Werbefiguren zeigte sich entgeistert, dass man ihre internen Propagandafibeln als anachronistisch titulierte. Die resolute Dame hatte eine Vorliebe für Firmenjubiläen, Rätselecken und Passfotos ihres Vorstandsvorsitzenden. Das sind Management-Konzepte von vorgestern – aber leider immer noch an der Tagesordnung.

Mitarbeiter suchen und finden eigene Wege der Wissensvermittlung. Heute bekommt man die Social Media-Kommunikation über Goldene Regeln, Guidelines, Leitplanken, Leitbilder und sonstige Placebo-Maßnahmen überhaupt nicht mehr in den Griff. Wenn es stinkt in Organisationen, finden die Gerüchte auch ihren Weg ins Netz. Also kann man auch direkt die Hosen runterlassen.

Ovid, Steve Jobs und die Klugheitslehre: Wie man mit Luftstreichen und Gerüchten die Konkurrenz verblüfft

Fama, ein Übel, geschwinder im Lauf als irgendein anderes, ist durch Beweglichkeit stark und erwirbt sich Kräfte im Gehen, konstatierte Vergil im IV. Buch der Aneneis. Über die Verwerflichkeit des Klatsches und der bösen Nachrede wird debattiert, seitdem es Sprache gibt. Bei Konfuzius heißt es: „Der Edle verbreite keine Gerüchte.“ Die Fama ist deswegen so schlecht beleumundet, weil man meistens davon ausgeht, dass sie die Wahrheit verfremdet und daher zu Trug und Verkehrtheit führt. Indiskretionen, Geheimnisse, Tratsch, lancierte Informationen und exklusive Hinweise an Auserwählte waren schon immer das Salz in der Suppe der Nachrichtenindustrie. Insofern sind die Indiskretionen des ehemaligen PR-Managers von Apple, John Martellaro, keine Überraschung (siehe auch die Agenturmeldung bei NeueNachricht). So offenbarte er, dass die durchgesickerten Informationen zum erwarteten Apple Tablet direkt vom Unternehmen gestreut wurden. Das sei Teil der Apple-Strategie.

Steve Jobs ist halt ein schlaues Kerlchen. Gerüchte funktionieren nur, wenn sie massenweise wie im Flurfunk von Unternehmen verbreitet werden. Perfekter kann das so genannte „virale Marketing“ eigentlich nicht funktionieren. Steve Jobs ist im Gegensatz zu seinem Microsoft-Kontrahenten Steve Ballmer ein Meister der Klugheitslehre, wie sie im 17. Jahrhundert vom Jesuiten Baltasar Gracian zu Papier gebracht wurde. Es sei ein sehr schwieriges Unterfangen, jederzeit „die Erwartung rege zu halten“, denn „die glänzendste Tat kündige noch glänzendere an“, führt Gracian in seinem von Schopenhauer ins Deutsche übersetzten Buch „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ aus. Man sollte seine wahren Absichten nicht allzu deutlich preisgeben. „Wer mit offenen Karten spielt, läuft Gefahr, zu verlieren“, bemerkt der spanische Geistliche. Das Gegenteil sei besser: Manchmal müsse man „Luftstreiche“ tun, also praktisch mit dem Schwert in die Luft schlagen, um den Gegner zu verwirren und die eigenen Absichten nicht deutlich werden zu lassen. Gleichzeitig erlauben solche „Luftstreiche“ oder Probierballons das Ausprobieren einer bestimmten Position, die zu Diskussion gestellt wird, ohne gleich als die eigene Meinung gelten zu müssen. Es erfordert ein hohes Maß an Geschicklichkeit, hinreichend Spannung aufzubauen und die anderen „über sein Verhalten in Ungewissheit“ zu halten. „Der Kluge lasse zu, dass man ihn kenne, aber nicht, dass man ihn ergründe“, schreibt Gracian im Handorakel (Nr. 3). Der Handlungsvorschlag setzt allerdings eine hohe Begabung voraus. Denn wichtig sei es, „bei allen Dingen stets etwas in Reserve“ zu haben. Nur dadurch sichert man seine Bedeutsamkeit. Microsoft-Chef Steve Ballmer ist eher ein Opfer dieser Klugheitslehre. Sein Auftritt auf der Elektronikmesse in Las Vegas wird als Blamage gewertet. Der von Microsoft präsentierte Tablet-PC ist wohl nicht geeignet, Apple den Wind aus den Segeln zu nehmen. Eher steigert er die Aufgeregtheit der Computerwelt bis zur Vorstellung des iSlate, die Steve Jobs Ende Januar wieder perfekt zelebrieren wird. Allerdings müssen den klugen Schachzügen auch Taten folgen. Auch das macht den Kultstatus von Apple aus. Zur Zeit beteiligen sich viele Meinungsmacher an den Gerüchten um das neue mobile Wunderding. Das Gerät, so Hajo Schumacher in „Welt kompakt“, sei eine Art universeller Mediathek, mit der man alle wichtigen Zeitschriften, Zeitungen, Tweets, Mails, Sites, TV-Serien, Games oder Filme im Gepäck haben könne: „Der iSlate holt große und kleine Medienmacher auf denselben Schirm und illustriert den guten Geschmack des Besitzers“, glaubt der Publizist Schumacher und freut sich wie ein Kleinkind auf die Geburtstagsüberraschung von Stevie.

Die Kunst des Gerüchts wird im Internet zum Prinzip, meint Hans-Joachim Neubauer in seinem Opus „Fama – Eine Geschichte des Gerüchts“ (erschienen im Berliner Matthes & Seitz-Verlag). Die Nachricht nährt das Gerücht, und das Gerücht nährt die Nachricht. „Die so genannten Nachrichtenkanäle senden möglichst unmittelbar, steigern die Spannung mit Live-Schaltungen, bewerten, dramatisieren und taktieren im Minutentakt. Nachrichten werden überhöht, Pressekonferenzen geraten zum Spektaktel – ein sich selbst infizierender Kreislauf der Wichtigtuerei ist entstanden“, führt Neubauer aus. Besonders in der grenzenlos vernetzten Welt der automatisierten Nachrichtenspiegel und Informations-Ströme gelte das Gesetz der Popularität. In der Blogosphäre sei Qualität ein qualitativer Faktor. „Nicht mehr die Nachricht von den Fakten ist die Information, sondern die Nachricht vom Erfolg einer Nachricht“, erläutert Buchautor Neubauer. Das Urbild des Cyberspace stamme aber nicht aus dem 20. Jahrhundert, sondern sei schon 2000 Jahre alt. Was Ovid über das Haus der Fama schreibt, liest sich wie eine Vision unserer digitalen Gegenwart. Auch das Internet sei überall; wie Famas Haus hat es „tausend Zugänge“ und „unzählige Luken“, „bei Nacht und bei Tage steht es offen, ist ganz aus klingendem Erz, und das Ganze tönt, gibt wieder die Stimmen und, was es hört, wiederholt es“, weiß Ovid. „Alles, wo es geschehe, wie weit es entfernt sei, von dort erspäht man es; ein jeder Laut dringt hin zum Hohl seiner Ohren.“ Und schließlich „schwirren und schweifen, mit Wahrem vermengt, des Gerüchtes tausend Erfindungen und verbreiten wirres Gerede“. Was stimmt, könne niemand sagen, aber mitsprechen könne jeder. Die Echokammer des Hörensagens beherrscht in der Computerwelt keiner besser als Steve Jobs.