Was in der Digitalpolitik abgeht, ist einfach nur #kauderhaft #GroKo

Deutschland sei momentan kein Wirtschaftsstandort, an dem der digitale Fortschritt optimal gedeihen kann, proklamiert Volker Kauder, Unions-Fraktionschef im Bundestag. Dazu habe ich ja bereits einiges geschrieben und gesagt. Auch Sascha Lobo nutzt die Steilvorlage zum Schreikrampf. Dieser stimme ja, „aber die suboptimalen Bedingungen sind maßgeblich durch Kauders Mitwirkung entstanden. Seine Fraktion hat wenig getan und viel verhindert.“

Etwa die Abräumung des Internet-Universaldienstes.

„Das Gesetz hätte eine Mindestgeschwindigkeit auch auf dem Land festgelegt. Hätte, hätte, Kupferkabel. Kauder und Konsorten entschieden sich für die Telekom-Bilanz und gegen eine solche Verpflichtung“, schreibt Lobo.

Am Schluss seiner Kolumne schlägt er vor, das Wort „kauderhaft“ einzuführen, als sinnhafte Ergänzung zwischen den Begriffen frech, realitätsavers und schamlos.

Ähnlich verärgert reagiert Nico Lumma im #CIOKuratorLive Gespräch:

Siehe auch: ZWERGENSCHRITTE NACH DIGITALISTAN: @NICO LUMMA ZU DEN VERHANDLUNGEN DER #GROKO #D64

Nun offiziell: Bundesrechnungshof zerpflückt Ex-Minister Alexander Dobrindt

Gaming: Der unterschätzte Kulturfaktor in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – Interview zur #Gamescom2014

Gamescom

Der Mensch ist ein Spieler – und ohne seine Lust und Fähigkeit zum Spielen hätten sich viele Kulturformen nicht entwickelt: Dichtung, Recht, Wissenschaft, bildende Kunst oder Philosophie. Das hat der Kulturphilosoph Johan Huizinga schon vor rund 75 Jahren in seinem Buch „Homo Ludens“ konstatiert. Keine neue Erkenntnis also. Wenn man sich Schulen, Universitäten, Unternehmen und die Politik in unserer heutigen Zeit anschaut, ist davon nicht sehr viel übrig geblieben – in Deutschland. Gibt es einen Lehrstuhl für Ludologie? Fehlanzeige. Den findet man aber an der dänischen Kunstakademie, wo sich Jesper Juul wissenschaftlich mit Spielen und besonders mit Videogames auseinandersetzt. Gibt es Unternehmen, die sich im Management mit den Vorzügen des Spiels beschäftigen? Die muss man mit der Lupe suchen. Gibt es politische Initiativen, die die Gaming-Branche als Katalysator für die Digitalisierung nutzen? In Südkorea mit ihrem Framework Act on Information schon. Dort wurden und werden staatliche Milliarden-Beträge in die Hand genommen, um die Digitalisierung der Gesellschaft voranzutreiben. Auch in anderen Ländern findet man sehr schöne Beispiele, Gaming und Gamification als Wirtschaftsfaktor zu nutzen. Wenn aber Dorothee Bär als parlamentarische Staatssekretärin des Bundesverkehrsministeriums auf der Gamescom mit dem Statement aufwartet, Gaming als Impulsgeber für die Digitale Agenda der Bundesregierung zu sehen, kann das nur als Lachnummer gewertet werden.

All das habe ich in einem ichsagmal.com-Gespräch mit Roman Rackwitz, Gründer und Vorstandschef von Engaginglab, diskutiert. Ein längerer Bericht folgt nächste Woche. Weitere Statements zum Hangout-Diskurs sind hoch willkommen. Bis Dienstagvormittag habt Ihr Zeit, hier Kommentare zu posten oder mir via E-Mail etwas zu schicken, die ich dann für meine Mittwochskolumne verarbeite. E-Mail: gunnareriksohn@gmail.com

Vielleicht sollten wir auch Streitigkeiten im Social Web spielerischer angehen 🙂

Lahmes Internet als Standortkiller für Firmen: Viel Palaver und wenig Taten

Schnelles Internet: Viel Palaver, wenig Taten
Schnelles Internet: Viel Palaver, wenig Taten

Im Rhein-Sieg-Kreis ärgern sich nach einem Bericht des General Anzeigers viele Firmen über leistungsschwache Internetverbindungen. „Einige ziehen sogar einen Wegzug in Erwägung“, schreibt der GA.

Und das betrifft nicht irgendwelche Nerds, die ihren Netz-Leidenschaften nachgehen, sondern mittelständische Betriebe. Von den Netzanbietern kann man keine großen Impulse erwarten. Ohne Fördermittel passiert in den Gebietskörperschaften wenig.

„Im Industriepark Kottenforst hat vor mehr als drei Jahren die Firma bn:t ein eigenes Glasfaserkabel verlegt und versorgt einen Großteil des Gebietes Am Hambuch. Große Unternehmen nutzten auch eigene Standleitungen anderer Anbieter“, so der GA.

Netzökonomisch fällt Deutschland immer mehr ins Mittelmaß zurück:

“Verglichen mit Asien ist Deutschlands Internet so schlecht und rückständig, dass es allmählich zu einer echten Gefahr für den Standort wird”, schreibt Redakteurin Eva Müller in ihrem Beitrag “MIND THE GAP” in der März-Ausgabe des Manager Magazins.

Unsere digitale Infrastruktur rutscht auf das Niveau von Entwicklungsländern ab. So rasen in Südkorea die Daten mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 22,1 Megabit pro Sekunde durch Glasfaserleitungen bis in jedes Haus – 100 Megabit-Leitungen sind die nächste Etappe, die man im Samsung-Land anstrebt. Wir schaffen im Schnitt noch nicht einmal sieben Megabit pro Sekunde und schlagen uns mit Studien des Ifo-Instituts herum, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministerium konstatieren, dass die Nachfrage für schnelles Internet einfach zu gering sei. Dabei dürfte selbst den Spitzenökonomen in München klar sein, dass besonders in Fragen der Infrastruktur das Angebot die Nachfrage schafft.

“Ohne Highspeed-Internet können Unternehmen digital nicht aufrüsten und fallen im globalen Wettbewerb zurück. An neue webbasierte Geschäftsmodelle ist in einem solchen Umfeld gar nicht erst zu denken”, so Manager Magazin-Redakteurin Müller.

Wie die Beispiele im Rhein-Sieg-Kreis belegen, entstehen Verwerfungen auch in den lokalen und regionalen Märkte. Besonders bitter ist die digitale Rückständigkeit für strukturschwache Gebiete in Deutschland, die junge Talente an Städte wie Köln, Berlin, München oder Hamburg verlieren. Zwischen 2002, dem Jahr des Bevölkerungshöchststandes, und 2008 haben 202 von 413 Landkreisen und kreisfreien Städten mehr als ein Prozent ihrer Einwohner verloren. In dem gleich langen Zeitraum zuvor traf das nur auf halb so viele Kreise zu. Diese lagen vorwiegend in Ostdeutschland, das nach der Wende erhebliche demografische Verluste zu verbuchen hatte. Gegenwärtig verliert bereits etwa ein Drittel der westdeutschen Kreise Bevölkerung. Wo die Lebensbedingungen schwierig sind, wo es an innovativen Betrieben und gut bezahlten Arbeitsplätzen mangelt, verschärft sich meist auch die demografische Lage. Besser wäre es, über Cloud-Arbeitsplätze dezentrale Organisationen aufzubauen und die negativen Folgen von Landflucht sowie Überalterung abzumildern. Aber selbst mit flexiblen Arbeitsmodellen gibt es Probleme, wie Thomas Dehler von der Gesellschaft für Telearbeit im Interview mit dem Manager Magazin skizziert.

Für Cloud-Belegschaften benötige man eine Datenleitung mit sechs Megatbit.

“Doch selbst dieses bescheidene Surftempo erreichte nur ein Teil der 700 qualifizierten Bewerber im südlichen Brandenburg, das die Berliner Firma als Pilotregion avisiert hatte. Und selbst die 80 Kandidaten, die Dehler schließlich einstellte, verzeichneten immer wieder technisch bedingte Fehlzeiten”, berichtet das Manager Magazin.

Siehe auch:

Google macht Zukunft – auch in der Industrie: Und Deutschland?

Ebenso holprig läuft das Vorzeigeprojekt der deutschen Wirtschaft: Industrie 4.0 ist in Deutschland mehr Vision denn Wirklichkeit.

Ländliche Regionen brauchen leistungsfähiges Breitbandnetz – Fachkräfte zieht es in die Städte

Ländliche Regionen brauchen schnelles Internet
Ländliche Regionen brauchen schnelles Internet

Eine Befragung von 600 Unternehmen durch IW Consult in Köln zeigt, dass rund die Hälfte der Betriebe im ländlichen Raum große Schwierigkeiten haben, Fachkräfte oder Auszubildende zu finden. In den städtischen Regionen betrifft das nur gut ein Drittel der Firmen, die Fachkräfte suchen und ein Viertel der Unternehmen, die freie Ausbildungsplätze haben. Zudem gibt es immer mehr ländliche Regionen in Deutschland, die wirtschaftlich zurückbleiben und unter der Abwanderung von Betrieben leiden. Generell wirkt die bessere Infrastruktur der Städte als Anziehungspunkt für Fachkräfte.

Um die ländlichen Gebiete attraktiver zu machen, müsse die Politik die Rahmenbedingungen zügig verbessern – wirtschaftsfreundliche Verwaltungen, leistungsfähiges Breitbandnetz und flexible Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und Pflegebedürftige zählen zu den Maßnahmen, die von den IW Consult-Analysten gefordert werden:

„Diese Angebote sollten dann auch beworben werden.“

Thomas Dehler vom Berliner Dienstleister Value5 wartet immer noch auf die Netzoffensive von Kanzlerin Angela Merkel, die 2009 vollmundig versprochen wurde:

„Der sogenannte Breitband-Bericht der Bundesregierung, laut dem man eigentlich eine 10 Mbit-Grundversorgung in etwa 99 Prozent der Haushalte bundesweit herstellen wollte, ist in der Realität noch nicht umgesetzt. Gerade für dezentrales Arbeiten und Kollaboration über das Internet benötigt man eben diese Anbindungen. Genau dort muss man die strukturschwachen Regionen über Breitbandigkeit aufwerten, um Informationsgesellschaften in dieser Konstellation hinsichtlich der räumlichen und ländlichen Dezentralität auch eine Chance zu geben.“

Für Home Office-Arbeitsplätze sei die mangelhafte Bandbreite mittlerweile der größte Stolperstein.

Sind das nun alles Hirngespinste oder brauchen wir schnelles Internet und vor allem mit welchen Maßnahmen? Genossenschaften, Investitionen des Bundes, Netzbetreiber?

Suada, Slipper-Mania, hektische Betriebsamkeit und ein digitales Dasein auf Edge-Niveau

Denkt doch mal nach, Ihr Heizdeckenverkäufer (Foto aus dem Band: 8 Minutes - Hirse & Bailey, Steidl-Verlag)

Man kann die digitale Bräsigkeit der deutschen Positionselite natürlich auch so betrachten wie Weltamsonnabend-Blogger Michael Sonnabend.

„Gunnar Sohn hat eine schöne Suada über die deutschen Versäumnisse in der Netzökonomie abgelassen. Brandbriefe dieser Art – so berechtigt sie sein mögen – langweilen mich allerdings immer mehr. Denn die ganze Welt ist voll davon. Und immer sind die die Deutschen kurz vor dem Kollaps“, soweit kann ich dem Stifterverbands-Mitarbeiter noch folgen.

Vom drohenden Kollaps habe ich aber nichts geschrieben, sondern von strukturellen Defiziten, die auch mit der IT-Gipfel-Rhetorik der Kanzlerin nicht vom Tisch gewischt werden und sich auch volkswirtschaftlich negativ auswirken könnten. Es wäre mehr möglich, so zitiere ich beispielsweise den Booz-Technologieexperten Roman Friedrich. Von Verrottung, German Angst oder dem drohenden Untergang spreche ich nicht. Das ist eine Weltamsonnabend-Interpretation.

Eher von der Lutschpastillen-Politik der Großen Koalition, die sich mit ihrer digitalen Agenda in ministeriellen Zuständigkeits-Rangeleien verzetteln wird, wie das bei bislang allen Online-Projekten des Bundes gelaufen ist.

Beachtlich finde ich allerdings die Sonnabend-Replik in der Kommentarspalte seines Blogs:

„Man muss ja nicht gleich in hektische Betriebsamkeit verfallen, nur weil wir in manchen Landstrichen nur Edge zur Verfügung haben.“

Damit kontert er meine Ausführungen über die Landflucht in strukturschwachen Gebieten. Aber welche hektische Betriebsamkeit entfaltet sich da? Und was heißt denn „manche“ Landstriche? Zwischen 2002, dem Jahr des Bevölkerungshöchststandes, und 2008 haben 202 von 413 Landkreisen und kreisfreien Städten mehr als ein Prozent ihrer Einwohner verloren. In dem gleich langen Zeitraum zuvor traf das nur auf halb so viele Kreise zu. Diese lagen vorwiegend in Ostdeutschland, das nach der Wende erhebliche demografische Verluste zu verbuchen hatte. Gegenwärtig verliert bereits etwa ein Drittel der westdeutschen Kreise Bevölkerung. Wo die Lebensbedingungen schwierig sind, wo es an innovativen Betrieben und gut bezahlten Arbeitsplätzen mangelt, verschärft sich meist auch die demografische Lage.

Nur zur Erinnerung meine Passage zur Landflucht:

Besonders bitter ist die digitale Rückständigkeit für strukturschwache Gebiete in Deutschland, die junge Talente an Städte wie Köln, Berlin, München oder Hamburg verlieren. Besser wäre es, über Cloud-Arbeitsplätze dezentrale Organisationen aufzubauen und die negativen Folgen von Landflucht sowie Überalterung abzumildern. Aber selbst mit flexiblen Arbeitsmodellen gibt es Probleme, wie Thomas Dehler von der Gesellschaft für Telearbeit im Interview mit dem Manager Magazin skizziert. Für Cloud-Belegschaften benötige man eine Datenleitung mit mickrigen sechs Megabit. „Doch selbst dieses bescheidene Surftempo erreichte nur ein Teil der 700 qualifizierten Bewerber im südlichen Brandenburg, das die Berliner Firma als Pilotregion avisiert hatte. Und selbst die 80 Kandidaten, die Dehler schließlich einstellte, verzeichneten immer wieder technisch bedingte Fehlzeiten“, berichtet das Manager Magazin.

Wenn also schon solche Arbeitsmodelle nicht funktionieren, die man technologisch recht schnell umsetzen könnte, wie sollen sich dann neue Betriebe in diesen Gegenden ansiedeln? Die Edge-Philosophie von Sonnabend hilft da nicht weiter. Selbst in der Industrie sieht man das kritischer: So fordert Bosch-Chef Volkmar Denner eine neue Kultur des Scheiterns, will mehr ausprobieren, sich an….Google & Co. orientieren und stärker wie ein Startup ticken.

“Alle Produkte, in denen Elektronik steckt, müssen internetfähig sein”, so das Credo von Denner.

Im Aufsichtsrat und unter den Altvorderen des Konzerns versteht ihn wohl keiner so richtig.

Bosch gelinge es nicht, sein Tempo neuen Geschäftsmodellen anzupassen. Aufträge durchliefen viel zu oft “Endlos-Schleifen in der Zentrale“.

Oder der Kommentar von Carsten Knop in der FAZ zur Software der Welt. Über das Digitalisierungstempo der Industrie kann man unterschiedlicher Meinung sein. Eine andere Frage sei wohl schon entschieden. Nämlich die, wer für die Software im Auto zuständig sei.

„Denn die Betriebssysteme kommen immer häufiger von amerikanischen Konzernen wie Apple, Google, Microsoft oder Blackberry. Die deutschen Maschinenbauer sollten diesen Siegeszug der Amerikaner im Auto als Menetekel verstehen: Wenigstens die Steuerung für die Maschinen im industriellen Internet muss aus Deutschland kommen. Die Uhr tick“, schreibt Knop.

Das ist schlichtweg eine Handlungsaufforderung. Not more, liebwertester Michael Sonnabend. Abstiegsplatz für die Netzökonomie meint nicht die Ökonomie im Ganzen. Und netzökonomisch schaffen wir dann hoffentlich die Relegation.