Mobile World: Die App-Economy wächst, aber nicht die Telefon-Dinosaurier #MWC12

Das wollen die liebwertesten Telefonie-Gichtlinge jetzt alles ändern. So sieht es zumindest der Unternehmensberater Roman Friedrich von Booz & Co., der traditionell zum Mobile World Kongress in Barcelona seine Prognosen für die Telekommunikation vorlegt.

„In Barcelona werden sich die Netzbetreiber vor allen Dingen zum Thema ‚Operative Exzellenz‘ äußern. Man will drastisch die Kosten senken und effizienter werden. Es gibt einen weiteren Druck auf die Umsätze. Das zeichnet sich seit einigen Jahren ab. So sind die deutschen Gesamtumsätze im vergangenen Jahr auf 58,5 Milliarden Euro zurückgegangen. 2008 lagen sie noch bei 64,3 Milliarden Euro“, so der Ausblick von Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz & Co. in einem rund zweistündigen Pressegespräch in Düsseldorf. Ein Trend, der sich in allen wichtigen europäischen Märkten abspielt.

Wachsen wollen die Netzbetreiber in Angeboten für Geschäftskunden, in der besseren Pflege der Kundenbasis und in der Ausweitung des Portfolios, wie es sich Telefonica auf die Fahne geschrieben hat. Zudem soll es Dividendenversprechen statt Kurspflege geben. Ob das Ganze aufgeht, darf bezweifelt werden. Um die Gewinne vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (EBITDA) zu verbessern, wird mehr auf der Kostenseite gearbeitet und weniger an der Steigerung der Umsätze. Eine andere Option haben die Telefonkonzerne wohl nicht.

Zwischen Wollen und Können klafft aber eine große Lücke. Das werde ich in meiner morgigen The European-Kolumne aufgreifen. Titel: Netz-Ökonomie ohne Netzbetreiber.

Hier schon mal ein Zusammenschnitt der Booz-Presserunde (23 Minuten):

Friedrich über die Zukunftschancen der Netzbetreiber

Friedrich ist übrigens davon überzeugt, dass sich neben Apple und Google auch Nokia in der Partnerschaft mit Microsoft auf dem Smartphone-Markt etablieren wird.

Auch das halte ich für eine gewagte These.

Zur #MWC11: Erleben wir die Apple-Götterdämmerung? Expertenmeinung gefragt

Die Wirtschaftswoche hat auf dem Titelbild eine schöne Provokation losgelassen. „Vergesst Apple – Wie Google-Handys das iPhone verdrängen“.

„Vier Jahre war nur Apple angesagt. Jetzt übernehmen Android-Handys den Markt. Bald soll Googles Software auch in Millionen Autos, Fernsehern und Tablet-Rechnern laufen. Android wird das Windows der mobilen Ära – und der Suchkonzern mächtiger, als Microsoft je war“, schreiben die Wiwo-Redakteure Thomas Kuhn und Andreas Menn. Android habe seit seinem Debüt im Oktober 2008 eine beispiellose Erfolgsgeschichte geschrieben: Bereits auf jedem dritten Smartphone, das im vierten Quartal 2010 weltweit verkauft wurde, lief Android, meldete der US-Marktforscher Canalys. Und bei Tablet-PCs, den neuen flachen Internet-Computern vom Schlage iPad, erreichte Android im gleichen Zeitraum schon 22 Prozent Marktanteil, so die Experten von Strategy Analytics.

„Überall bestimmt die Software, wie komfortabel sich die Technik bedienen lässt. Sie entscheidet auch, wie viele Programme für ein Gerät entwickelt und verkauft werden, sogenannte Apps, die Internet-Handys, Tablets oder Auto-Entertainment-Computer erst richtig nützlich und spannend machen. In den vergangenen Jahren galt Apple als Innovationsführer, sein System iOS als Musterbeispiel für benutzerfreundliches Design. Schon das erste iPhone ließ sich so intuitiv bedienen, dass der Hersteller der Verpackung keine Betriebsanleitung beilegte. 46,6 Millionen Smartphones einer einzigen Modellreihe hat Apple im vergangenen Jahr verkauft. Doch der Star der Handybranche ist auf dem Zenit des Erfolgs“, so die Wiwo. Ist das wirklich so?

Mit dem offenen Ansatz grenze sich Google radikal von Apple ab. Der Rivale habe sein Betriebssystem iOS richtiggehend eingemauert. Apple bestimme en détail, wie Handy, Betriebssystem und auch die Programme auszusehen haben, die auf den Geräten laufen. Was Konzernchef Jobs nicht gefällt, fällt durch. Das, liebe Wiwo-Redakteure macht allerdings auch den Unterschied aus, wenn es um die Nutzerfreundlichkeit geht. Dahinter steht eine Qualitätsgarantie und die Service Design-Philosophie von Steve Jobs. Der Apple-Chef überlässt nichts dem Zufall, vom Endgerät, über die Verkaufsverpackung bis zur Software. Das kann Google nicht beeinflussen, da es in der Regel nicht Hersteller der Geräte ist. Und das Nexus One war ja wohl eher ein Flop. Ein Gegenargument liefern auch die Wiwo-Redakteure: „Bei allen Zensurvorwürfen bieten Apples i-Geräte ein stimmiges Produkt, wie es in der Elektronikwelt kaum zu finden ist: Ein Klick, und ein Video wird vom iPad über die Apple-TV-Station auf den Fernseher gefunkt. Jedes weitere Apple-Gerät, das sich ein Nutzer zulegt, macht die noch wertvoller, die er schon besitzt.“ Ein weiteres Gegenargument:

Android andererseits biete Vielfalt – im Positiven wie im Negativen. „Beinahe 200 höchst unterschiedlich konzipierte Telefone arbeiten schon mit dieser Software. Im Milestone 2 von Motorola etwa ist eine ausziehbare Buchstabentastatur eingebaut. Das Desire HD von HTC lockt High-End-Nutzer mit einem Riesenbildschirm, üppigem Arbeitsspeicher und einer Acht-Megapixel-Kamera. Das Xperia X10 von Sony Ericsson nimmt Filme in HD-Qualität auf….Schattenseite der großen Freiheit à la Google: Jedes Android-Handy will auf seine Weise bedient werden. Denn die Hersteller überziehen das System mit eigenen Bedienmenüs. Auch der Datenaustausch mit dem Computer ist etwa bei Sony Ericsson anders gelöst als bei HTC. Android-Nutzer müssen flexibel sein – und die Hersteller und Softwareentwickler auch. Die Geräte an den Android-Wildwuchs anzupassen ist nicht minder komplex, als der technische Aufwand, die Apps fortlaufend auf die Vielzahl unterschiedlicher Betriebssystemvarianten abzustimmen.“ Dieser Schwachpunkt steht der Einfachheit wohl ein wenig im Wege.

Dann zum Zahlenvergleich der Betriebssysteme: 300.000 Android-Handys wurden im Dezember pro Tag weltweit auf den Google-Servern angemeldet, berichtet der Suchkonzern. Nur knapp 153.000 verkaufte iPhones täglich meldete Apple im vergangenen Quartal. Nun, wie viel unterschiedliche Hersteller stehen hinter der Android-Zahl?

Welche Folgen haben die Kostenlos-Dienste für Hersteller und Netzbetreiber? Wie sieht es mit dem User-Interface aus? Jeder Hersteller überzieht die eigenen Handys mit seinen eigenen Bedienmenüs – Fluch der Vielfalt. Also ich sehe noch keine Götterdämmerung. Ich möchte dazu morgen noch etwas schreiben. Bin an Kommentaren interessiert. Bitte an gunnareriksohn@googlemail.com schicken oder unten als Kommentar posten.

Alte Herren in den Ministerien und die Breitbandtechnologie in Deutschland

Das Düsseldorfer Beratungshaus Booz & Company veranstaltet traditionell kurz vor dem Start der Mobile World in Barcelona ein Pressefrühstück zur Zukunft der Telekommunikation. Einige Medien haben bereits darüber berichtet. Interessant waren die Ausführungen von Booz-Berater Roman Friedrich zur Entwicklung der Breitbandtechnologie. „Die Netze kommen aktuell durch das exponentiell wachsende Datenaufkommen an die Grenze der Belastbarkeit. Daraus ergibt sich für die Telekommunikationsnetzbetreiber ein gewaltiger Investitionsdruck für LTE- und Glasfaserinfrastruktur, um die Datenvolumina ohne Engpass und mit weiter zunehmender Geschwindigkeit bewältigen zu können. Alleine der Ausbau der Netze mit Glasfasertechnologie wird in den nächsten fünf Jahren 34 Milliarden Euro verschlingen. Das entspricht dem gesamten Telekommunikationsumsatz mit klassischen TK-Diensten im Jahr 2015.“

Gleichzeitig verursachen sinkende Preise und vor allem der starke Regulierungsdruck bei den Netzbetreibern spürbare Ertragsrückgänge im Kerngeschäft in der Größenordnung von 1 Prozent. Es ist gerade die regulierte Senkung der mobilen Terminierungsentgelte in den vergangenen drei Jahren um 60 Prozent, die den Netzbetreibern zu schaffen macht. 2011 steht eine weitere Absenkung um 50 Prozent an. Durch diese Preiserosion reduzieren sich die Umsätze in diesem Bereich voraussichtlich um 47 Prozent von 2,4 auf 1,3 Milliarden Euro.

Besonders gravierend ist die schwache Positionierung Deutschlands bei Investitionen in Breitbandtechnologie. „Die Art und Weise, wie wir regulieren, ist nicht angemessen. Da wird Cash aus dem System genommen. Wir haben in Deutschland einen gewaltigen Investitionsbedarf in die Modernisierung der Infrastruktur. Allerdings sind die Bedingungen für eine Refinanzierung sehr schlecht“, so Friedrich.

Dabei steige der Bedarf an Bandbreite und der Druck zur Entwicklung neuer Netzwerke (unten findet Ihr einen Zusammenschnitt des Booz-Pressegesprächs – ab der Sendeminute 12:30 geht Friedrich auf die Bandbreite ein). Die klassischen Technologien für Festnetz und Mobilfunk (DSL und 3G) reichen für eine Weiterentwicklung des Netzes nicht mehr aus. Erst ab einer Downloadrate von 30 mb pro Sekunde könne man von Breitband reden, sagte Friedrich. Volkswirtschaftlich brauche man diese Bandbreite, um die zunehmende Digitalisierung von Diensten zu bewältigen.

In deutschen Ministerien seien diese Zusammenhänge schlichtweg nicht präsent (Sendeminute 13:30). „Die Substanz dieser Fakten ist nicht bekannt. Man ist stolz darauf, dass wir 2 mb haben. Was helfen uns 2 mb? Der Markt geht woanders hin“, kritisierte Friedrich. Es liege vielleicht an die Vielzahl von alten Herren, die in der Regierung für diese Fragen verantwortlich sind, so der Einwurf eines Journalisten während des Booz-Pressegesprächs. „Mir hat einer aus Regierungskreisen gesagt, ‚brauchen wir denn wirklich diese Bandbreite, Herr Dr. Friedrich. Da werden doch sowieso nur Pornos runtergeladen‘.“

Mit dieser Geisteshaltung werden wir wohl wir keine zukunftsfähige Datenautobahn bekommen. Das Investitionsvolumen in eine neue Infrastruktur ist in Deutschland erschreckend niedrig. Es sind gerade mal zwei Dollar pro Einwohner (Booz hat das in Dollar ausgewiesen für den internationalen Vergleich).

Hier die Audiodatei:

Wer sich das runterladen möchte, kann das hier tun.

In meiner The European-Montagskolumne werde ich auf die Geisteshaltung der alten Herren in der Regierung etwas genauer eingehen! Statements dazu sind natürlich hoch willkommen. Mail an gunnareriksohn@googlemail.com

Die Mobile First-Strategie von Google: Livemitschnitt aus Barcelona

Hier der Auftritt von Google beim Mobile World Congress in Barcelona. Bin gespannt auf die Wertungen der Experten. Eric Schmidt wirkt in der Aufzeichnung wie der Hausgeist meines Arbeitszimmer…..;-)

Eure Meinung zur Google-Strategie?

Google greift die Konzerne der Telekommunikation an: Der Suchmaschinen-Gigant ist schon längst ein Netzbetreiber!

Wenn Unternehmen der Telekommunikation nicht dazu in der Lage sind, aus der Bereitstellung von Breitbanddiensten am Cash Flow der aufkommenden App-Economy zu partizipieren, die Schere zwischen den Netzbetreibern und Firmen wie Apple immer weiter auseinander geht, dann könnten Übernahmeschlachten auch mal umgekehrt laufen. Die Schwergewichte der Web-Welt wie Google kaufen sich einfach die Netzbetreiber. Die Frage stellte ich Dr. Friedrich von Booz & Co. beim traditionellen Pressefrühstück seines Beratungshauses im Vorfeld der Mobile World in Barcelona. Er selbst habe sich diese Frage auch schon gestellt, glaubt aber nicht, dass dieses Szenario in den nächsten zwei bis drei Jahren eintritt. Siehe auch: App-Fieber führt zu Schüttelfrost bei Netzbetreibern.

Hier das komplette Pressegespräch in einer Audioaufzeichnung. Meine Frage kommt ziemlich am Schluss bei 1 Stunde und 24 Minuten. Also den Balken vorziehen.

Vor zwei Tage berichtete die Financial Times Deutschland, dass Google den Aufbau eigener Breitbandnetze testet. Bingo! Es geht um Glasfasernetze, die mindestens hundertmal schneller sein sollen als die bislang in den USA üblichen.

Der Konzern wolle jedoch kein vollwertiger Anbieter von breitbandigen Internetanschlüssen werden, betonte Produktmanagerin Minnie Ingersoll. „Wir planen nicht den Bau eines landesweiten Netzes“, sagte sie nach dem Bericht der FTD. „Das Ziel des Projekts ist es, zu experimentieren und zu lernen.“ Mit den begrenzten Versuchen wolle Google herausfinden, was Entwickler und Nutzer mit ultrahohen Geschwindigkeiten machen können, „beispielsweise breitbandige Killer-Apps und -Dienste entwickeln, oder andere Dinge, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können“, so Ingersoll weiter. Google wolle zudem neue Verfahren für den Bau von Glasfasernetzen testen. An schnelleren Glasfasernetzen interessierte Gemeinden und Bürger sollen sich bei Google melden, damit der Konzern entscheiden kann, wo er die Netze bauen werde. So ganz beruhigt sollten die Telcos sich also nicht zurücklehnen. Aus dem Test kann schnell ein Flächenbrand werden, denn Google erhöht dadurch die Autarkie.

„Die Telcos müssen lernen, dass Google schon längst ein Netzbetreiber ist. Der Suchmaschinen-Gigant ist schon jetzt ein Telco-Unternehmen. Die klassischen Firmen der Telekommunikation neigen dazu, das ganze Thema unter dem Stichwort ‚Content‘ zu betrachten. Das interessiert sie nicht. Was sie nicht wahrgenommen haben, dass der Content-Provider Google zu einem eigenen Netzbetreiber entwickelt hat und den TK-Konzernen kräftig Konkurrenz machen wird“, sagte mir Michael-Maria Bommer, Generalmanager von Nuance, in einem Interview auf der Call Center World in Berlin. Das Gespräch erscheint demnächst. Die Telcos brauchen nach seiner Auffassung neue Geschäftsmodelle, um nicht völlig abzustürzen. Bommer empfiehlt persönliche Services auf Grundlage der so genannten „Customer Intelligence“, die die Telcos immer noch besitzen im Gegensatz zu Google. Der Vorsprung schwindet allerdings, weil auch die Web-Unternehmen immer mehr Wissen über ihre Kunden generieren. Das sieht man ja an den Plänen von Facebook als Internet im Internet mit der Relevanz von persönlichen Empfehlungen von Bekannten und Freunden für den Social Commerce.

SMS-Diktiersysteme, Musik-Suche, Fotos hochladen und weitere Services wären nach Meinung von Bommer geeignet, um das Applikationsgeschäft der Telcos anzutreiben. Der Touchpoint für diese neuen Dienste ist das Smartphone, da entscheidet sich die Zukunft der TK-Konzerne. Das Interview mit Bommer erscheint nächste Woche auf www.ne-na.de.