
Thomas Dehler, ein Experte für Homeoffice und dezentrales Arbeiten, steht kurz vor seinem Auftritt bei der Thesen-Theke der Fachmesse Zukunft Personal Süd in Stuttgart. Er spricht über die Rolle von Vorgesetzten in der Homeoffice-Kultur.
„Die Führungskraft ist oft ein hervorragender Ingenieur, Controller oder Techniker, aber nicht unbedingt ein guter Menschenführer“, sagt Dehler. „Das zeigt sich besonders, wenn es um das Thema Homeoffice geht. Das Misstrauen des Vorgesetzten, dass ich meine Arbeit vernachlässige und stattdessen private Dinge in den Vordergrund schiebe, ist oft eine Folge des schlechten Verhaltens des Vorgesetzten.“
Dehler hat 20 Jahre Erfahrung mit Homeoffice und remote Arbeiten. Er hat mit mittelständischen Unternehmen gearbeitet und Workshops für Führungskräfte durchgeführt. „Vor Covid-19 fanden viele Führungskräfte die Vorstellung unvorstellbar, dass die Arbeit auch ohne physische Anwesenheit der Mitarbeiter erledigt wird. Dann kam Covid-19.“
Die größten Hindernisse für dezentrales Arbeiten waren laut Dehler technische und IT-Sicherheitsbedenken. Aber in Wirklichkeit war es oft die nackte Angst der Führungskräfte, nicht zu wissen, wie sie die Arbeit aus der Ferne kontrollieren können.
„Die Frage ist, ob ich auf das Talent eines Mitarbeiters verzichten kann, wenn ich ihm das Homeoffice verweigere“, sagt Dehler. „Oder wie sieht meine begleitende Führungsarbeit aus, damit dieser Mitarbeiter im Homeoffice sein kann, ohne Leistungsverlust?“
Dehler betont, dass die Möglichkeit, remote zu arbeiten, auch ein Rekrutierungsthema ist. „Wenn ein potenzieller Arbeitgeber sehr restriktiv bei der Organisation von Homeoffice ist oder es gar nicht zulässt, fällt er sofort aus der Auswahl.“
Die Herausforderung besteht darin, das Onboarding und die Einarbeitung der neuen Mitarbeiter ebenfalls dezentral zu denken. „Jeder Bewerber, der an diese Marke angedockt werden möchte, wird einen Kompromiss schaffen, auch wenn er völlig remote-minded ist“, sagt Dehler.
Zum Schluss spricht Dehler über die politische Dimension des Themas. „Die dezentrale Arbeit kann einen großen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten. Jeder nicht gefahrene Arbeitsweg-Kilometer spart Tonnen von CO2. Aber wir haben ein Infrastrukturproblem. Wir brauchen ein Grundversorgungsrecht auf verfügbares Internet und Breitbandigkeit. Das wäre der größte Hebel, um die Digitalisierung und das ortsflexible Arbeiten voranzutreiben und einen Beitrag zur CO2-neutralen Arbeitswelt zu leisten.“