dmexco: Online-Werbemarkt auf dem Niveau von Zeitungen


Der deutsche Online-Werbemarkt wird in diesem Jahr um 19 Prozent auf über fünf Milliarden Euro wachsen. Davon geht die neue Bruttoprognose des Online-Vermarkterkreises (OVK) im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) aus. Die Schätzung ist durch den überdurchschnittlich hohen Anstieg im ersten Halbjahr um fünf Prozentpunkte angehoben worden. „Besonders die klassische Online Display-Werbung hat im Vergleich zum Vorjahr von 2,3 Milliarden auf 2,9 Milliarden Euro deutlich zugelegt“, sagte OVK-Vorsitzender Paul Mudter zur Eröffnung der Kölner Fachmesse dmexco.

Ein Treiber dieser Entwicklung seien Video- und Premium-Werbeformate. „So ist die Bewegtbild-Werbung im Internet in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 95 Prozent gewachsen“, so Mudter. Der Anteil am Gesamtwerbekuchen ist auf einen Anteil von 18,8 Prozent gestiegen und konnte den Abstand zur klassischen Gattung Zeitung mit 19,5 Prozent deutlich verringern. Beim Suchwortmarketing wird das Wachstum bei 15 Prozent liegen und sich von 1,6 Milliarden auf 1,9 Milliarden Euro steigern.

Auch die mobile Werbung sei schon längst kein Nischenthema mehr. So wurden im ersten Halbjahr 2010 über 50 Prozent mehr mobile Display-Kampagnen umgesetzt als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Anzahl der Werbungstreibenden hat sich in um 28 auf 137 erhöht. „Hier dominieren die Branchen Medien, Telekommunikation und Automobil. Aber auch die Energie und Finanzen haben ihre Aktivitäten ausgebaut“, erklärte Thomas Mendrina, Leiter des Mobile Advertising Circle im BVDW.

Der europäische Online-Werbemarkt brauche würde sich mittlerweile auf Augenhöhe mit den USA befinden. Darauf verwies der BVDW-Präsident Arndt Groth. „Im Gegensatz zu Europa kämpft der amerikanische Markt immer noch mit den Auswirkungen der Finanzkrise. Durch die ungebrochen positive Tendenz in Europa hat sich der Abstand deutlich verringert. Es dauert nicht mehr lange, dann haben wir das Niveau der USA erreicht.“

Social Media-Marketing werde von fast allen Entscheidern als relevant angesehen. Hier sieht der Großteil der Agenturen einen Anteil von zehn Prozent und mehr in 2015. Dabei soll der Hauptanteil der Budgets aus digitalen und klassischen Marketing-Budgets stammen. Bei aller Aufmerksamkeit, die das Thema Social Media derzeit genießt, sei die Frage nach den werblichen Potentialen noch lange nicht beantwortet. Das Ganze sei aber schon jetzt ein fester Bestandteil der Markenkommunikation und der Agenturleistungen.

Auf die Aussage von Philipp Welte, Zeitschriftenvorstand von Burda, dass die klassische Werbung im Netz weder sonderlich verkaufsfördernd noch wirklich markenbildend sei, reagierte der BVDW-Vorstand gelassen. Er würde halt die Interessen der Zeitschriften vertreten. „Ich respektiere die Meinung von Herrn Welte.“ Etwas zugespitzter formulierte es Thomas Knüwer:

„Burda will die Inhalte seiner Print-Produkte im Web ablaichen – am besten wahrscheinlich noch gegen Geld. Nix ist mit multimedialen Erzählformen, und auch Beteiligungen an interessanten Web-Unternehmen wird es wohl seltener geben. Philipp Welte spielt nicht mehr mit. Somit erklärt sich so manches, vielleicht gar der völlig unerwartete Abgang des hoch angesehenen Digital-Lenkers Ulli Hegge jüngst.“

Die nackten Zahlen sprechen ohnehin gegen Zeitschriften. Nur noch sechs Prozent der 14 bis 29jährigen liest regelmäßig Zeitungen. Die durchschnittliche Lesedauer pro Tag liegt nur bei sechs Minuten. Der Marktanteil am Werbekuchen liegt bei den Publikumszeitschriften bei 12,9 Prozent – ist also von Online-Werbung schon deutlich überholt worden. Fachzeitschriften erreichen den mageren Wert von 1,7 Prozent. Gute Nacht, Herr Welte.

Hier die Aufzeichnung der Pressekonferenz des BVDW zum Auftakt der dmexco.

Slow Media und was Zeitungsverlage von Marshall McLuhan lernen könnten

In einer beschleunigten Welt wächst die Sehnsucht nach Entschleunigung. Wie man das in Zeiten der Echtzeitkommunikation bewerkstelligen kann, stellten Jörg Blumtritt und Benedikt Köhler auf der Start-Konferenz in Duisburg vor. Die Initiatoren des Blogs „Slow Media“ berufen sich auf den Philosophen Odo Marquard.

Je höher die Innovationsgeschwindigkeit ist, desto weniger veraltungsanfällig sind alte Lebensformen, so das Diktum von Marquard. Die moderne Wandlungsbeschleunigung würde selber in den Dienst der Langsamkeit treten. So sollte man sich beim modernen Dauerlauf Geschichte – je schneller sein Tempo wird – unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf – von hinten überrundend – wieder bei einem vorbeikommt. „Der Wartende ist dann wieder an der Spitze der Bewegung“, sagte Köhler. So wachse gerade durch Langsamkeit die Chance, up to date zu sein. Das sei der Trick von Slow Media, bestimmte Dinge zu antizipieren, die wiederkommen.

„Selbst in Technologiebranchen sollte man ab und an Innehalten und sich an den klugen Sätzen von Odo Marquard orientieren. Ich habe das schon in den stürmischen Tagen der New Economy in meinem Buch ‚Change‘ erwähnt. Es gibt keine Zukunft ohne Herkunft. Besonders die neuen Medien benötigen alte Fertigkeiten. Das hat allerdings nichts mit dem Antimodernismus der Jammerathleten, Klagegenies und Kassandren vom Dienst zu tun. Beim programmatischen Ansatz von Slow Media geht es wohl darum, sich auf seine wahren Kompetenzen zu besinnen und sich von Dingen zu verabschieden, die bedeutungslos werden“, so der Bitronic-Chairman Peter B. Záboji. Slow heiße also nicht Maschinenstürmerei, sondern zielt auf einen möglichst intelligenten und sinnvollen Gebrauch von neuen wie alten, bewährten Technologien ab.

Bei den klassischen Medien müsse man allerdings erst einmal den Wandel der Mediennutzung zur Kenntnis nehmen, betonten Blumtritt und Köhler. So verliere die Zeitung als Medium schon seit Jahrzehnten an Bedeutung. Sie hatte ihren Höhepunkt 1973 in einem reifen Markt wie den USA: „Seit diesem Zeitpunkt gehen alle Industrieindizes, die man mit den Zeitungsverlagen in Verbindung bringen kann, langsam aber sicher runter. Die Zeitung verlor also lange vor dem Eintritt des Internets ins tägliche Leben an Relevanz. In Deutschland ist dieser Prozess ungefähr seit 1990 zu beobachten“, erklärte Blumtritt.

Die Medienmacher sollten die geänderten Lebenswelten der Menschen mehr zur Kenntnis nehmen. Ein interessantes Modell zur veränderten Mediennutzung sei die Tetrade von Marshall McLuhan. „Es gibt vier Entwicklungsstufen. Jedes Medium löst irgendein anderes Medium ab. Das Auto löst die Kutsche als Transportmittel ab. Digitale Medien treten an die Stelle von gedruckten Medien. Beim Auto ist es aber gar keine Substitution der alten Fortbewegungsmittel, sondern man kann mit dem motorisierten Gefährt lauter Sachen machen, die mit dem Pferd nie möglich waren. Es entstehen neue Funktionen, die es vorher nicht gab“, sagte Blumtritt. Jedes neue Medium bringe neue Qualitäten hervor. In Blogs sei es zum Beispiel der persönliche und manchmal sehr langlebige Kontakt und Austausch zwischen Autor und Leser, der in anderen Medien wie zum Beispiel Zeitschriften nicht in dieser Form gegeben ist. Aber gleichzeitig werden bestimmte Dinge in den Hintergrund gedrängt. Im Falle von Twitter werde zum Beispiel die zeitliche Dimension der Nachrichtenproduktion und Nachrichtendistribution obsolet.

Im dritten Entwicklungsschritt passiere mit einem Medium irgendetwas, wenn man es auf die Spitze treibt. Bildschirmmedien würden beispielsweise der mündlichen Kommunikationskultur wieder Auftrieb verschaffen. Dann passiere ein Rückschlag und es folge der vierte und spannendste Entwicklungsschritt. Jedes Medium rücke verdrängte Effekte oder Eigenschaften wieder in den Vordergrund. „Bei Twitter ist man gezwungen, sich kurz zu fassen. Das verlangt extrem viel Sprachfähigkeit. Damit die Tweets mit nur 140 Zeichen wahrgenommen werden, muss man einen aphoristischen Stil entwickeln. Das ist eine hohe Kunst“, stellte Blumtritt fest (wie lyrisch der Twitter-Kosmos sein kann, belegt das neue Büchlein „Das Leben in 140 Zeichen“, erschienen bei Pons).

Gute Twitter-Streams seien wie Lyrik lesbar. Das, was andere Medien überflüssig gemacht haben, kehre also wieder. Ein weiteres Beispiel hierfür sei das Telegramm. „Das Telegramm war im 19. Jahrhundert, bevor Telefone und später dann E-Mails einer großen Masse zugänglich waren, eindeutig das schnellste Medium. Wenn man jemandem sehr schnell etwas mitteilen musste, hatte man ein Telegramm geschickt. Vor einiger Zeit hat die Deutsche Post das Telegramm neu erfunden und dabei eine Qualität in den Vordergrund gebracht, die zuvor nur eine untergeordnete, wenn nicht sogar ausgesprochen lästige, Rolle gespielt hatte: die persönliche Übergabe der Nachricht wird zum neuen Alleinstellungsmerkmal. Das Telegramm hat sich also vom schnellsten in das persönlichste Mitteilungsmedium verwandelt. Aber diese Metamorphose war nur möglich, weil sich in der Zwischenzeit neue Medien herausgebildet haben, die dem Telegramm eine neue Bedeutung geben konnten“, führte Köhler aus.

Medienevolution sollte man systemisch denken. Bei Zeitungen im Internet sei es ja nicht die Nachricht, die Zeitungen unverwechselbar macht. Die bekomme man auf allen Kanälen präsentiert. Das Archiv mache die Identität der Zeitung aus. Mit diesem Tafelsilber könnten die Verlage mehr machen. Mit der Echtzeitkommunikation in Konkurrenz zu treten, sei hingegen sinnlos. Da sei auch ein Slow Media-Konzept, welches Wert auf Qualität legt, überflüssig. Wenn sich die Info übe einen Flugzeugabsturz über Twitter ausbreitet, interessiert doch nicht die Qualität der Recherche. Wenn man allerdings für einen eigenen Bericht auf Archivquellen beispielsweise der FAZ zurückgreifen will, muss man für einen einzigen Artikel zwei Euro zahlen. Das sei schon Wucher. Dann fange das schwachsinnige Paymentsystem erst bei fünf Euro an. „So hätte ich noch zwei weitere Artikel kaufen müssen. So etwas brauche ich nicht. Dann lass ich es halt. Dann wird die FAZ eben nicht zitiert. Das ist ein typisches Beispiel für verpasste Chancen“, resümierte Blumtritt.

Wer sich nach dem Slow Media-Prinzip den kompletten Vortrag anhören will, kann das hier machen. Dauer gut 40 Minuten. Am Anfang mit einigen störenden Nebengeräuschen, da keine Tische zur Verfügung standen. Musste das Aufnahmegerät in der Hand halten.

Forderungen für ein lebenswertes Netz versus Zensur-Phantasien – Ich drücke die NZZ-Reset-Taste

Viele der Visionen des Chaos Computer Clubs (CCC) sind inzwischen nicht nur Realität, sondern Selbstverständlichkeiten in der Mitte der Gesellschaft geworden: „Der Einzug des Internets in den Alltag fast der gesamten Bevölkerung hat uns Datenschutzsorgen gebracht, aber auch zu einer Demokratisierung, einer Bereicherung aus wissenschaftlicher, sozialer und künstlerischer Sicht geführt. Die Selbstheilungskräfte des Internets haben dabei viele befürchtete dystopische Auswüchse ohne staatliches Eingreifen verhindern können. Aus unserer Sicht liegt der aktuellen Diskussion eine Fehleinschätzung zugrunde, an welchen Stellen Regulierungsbedarf notwendig ist und an welchen nicht“, schreibt der CCC in einem elf Thesen umfassenden Beitrag mit Forderungen für ein lebenswertes Netz.

„Wir haben daher in klare Worte gefaßt, welche Errungenschaften erhalten und welche aktuellen Mißstände unserer Meinung nach angepackt werden müssen, welche Risiken für die Zukunft einer wettbewerbs- und lebensfähigen Gesellschaft im Netz wir sehen und wohin die Reise gehen soll. Diese Reise kann natürlich nur unter Mitnahme aller Bürger, die ausreichend schnell, unzensiert und unbevormundet an ein interaktives Netz angeschlossen sind, Fahrt aufnehmen“, so der CCC. Sympathisch finde ich die Forderung, auf die Selbstheilungskräfte des Netzes zu setzen.

Ganz anders, als es etwa heute die NZZ in einem Meinungsbeitrag ausführt. „Mehr Mut zur Zensur“ fordert der Autor. Er findet es richtig, wenn eine US-Zeitung eine Eintrittsgebühr verlangt, wenn jemand auf ihrer Online-Ausgabe seine Meinung hinterlassen will. Der NZZ-Kommentator glaubt nicht an die Selbstregulierung des Internets. „Schön wär’s. Spinner und Fanatiker machen den Vernünftigen das diskursive Leben schwer. Etliche Internet-Medien sahen sich bereits gezwungen, wieder Barrieren aufzurichten, um Drohungen, unflätige Äußerungen oder faktenfreie Behauptungen abzuwehren.“

Was waren das noch für Zeiten, als die Leserbrief-Redaktion noch die Zuschriften von pensionierten Studienräten, bildungsbeflissenen Zeitungslesern und Schlaumeiern auswählen konnte, um dann wenigen Auserwählten im gedruckten Blatt ein kleines Fleckchen einzuräumen. Welch eine Errungenschaft des Dialoges mit der Printkundschaft. Sinnigerweise erscheinen die NZZ-Leserbriefe direkt neben den Todesanzeigen, die allerdings den dreifachen Umfang haben….Liebe NZZ, die Zeiten, in denen eine saturierte Abonnementszeitung durch journalistische Langeweile gar nicht ruiniert werden konnte, sind vorbei.

Eure Leserbriefe sind im Vergleich zu den millionenfachen Content, den die „Ich-Sender“ im Netz kreieren, eine Lachnummer. Sicherlich gibt es einige Hardcore-Pöbler, die sich kräftig in Foren austoben. Wie hoch ist der Prozentsatz? Akzeptanz in der Social Media-Welt haben die Meckerer vom Dienst sicherlich nicht. Das Web 2.0-Prinzip hat wohl der NZZ-Autor immer noch nicht kapiert. Die digitale Öffentlichkeit kennt keine Leser, Hörer oder Zuschauer, die von ihr zu unterscheiden wären – siehe das sehr lesenswerte Büchlein von Stefan Münker: Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Hier sind die Medien, dort die Menschen – diese Differenz kann man nicht mehr ziehen. Die NZZ wird wohl sagen: „Leider“. „Die Angebote im Web 2.0 sind digitale Netzmedien, deren gemeinschaftlicher Gebrauch sie als brauchbare Medien erst erzeugt“, so Münker. Die Inhalte werden von vielen Millionen Nutzern in der ganzen Welt zusammengetragen, bewertet und geordnet – eine Leserbrief-Redaktion hat da eben nichts mehr zu melden. Das Internet ist eben das, was seine Nutzer aus ihm machen. Mit Egalitätswahn und digitalem Maoismus hat das nichts zu tun. Es ist ein ständiger demokratischer Abstimmungsvorgang. Klassische Medien produzieren etwas, ohne die Rezipienten zu fragen. Sie senden und drucken, egal ob wir uns das anschauen oder lesen. Youtube sendet nur, wenn ich klicke und auch nur das, womit Nutze die Seite bestücken. „Wie im berühmten Schachautomaten des 18. Jahrhundert (Kempelen!) ist die Schaltzentrale des Web 2.0 der Mensch“. Schöne Analogie von Stefan Münker!

Der NZZ-Autor sieht sich hingegen umgeben von kniehohen Wortmüll (den man allerdings auch in der NZZ findet). „So drohen unterhalb der offiziellen Medienangebote bizarre Parallelgesellschaften zu entstehen“. Ich weiß ja nicht, auf welchen Plattformen sich der Redakteur tummelt. Er leidet wohl unter einer um sich greifenden Krankheit in Massenmedien: Kontrollverlust. Er will wieder die Kontrolle zurückhaben – ist ja schlimm, dass wir ihm das Sandförmchen geklaut haben. Gebühren für Kommentare reichen dem NZZler übrigens nicht. „Ergiebiger scheint mir jedoch die gelenkte Demokratie: ein Forum, wo jemand das letzte Wort hat und die Spreu vom Weizen trennt“. Man brauche mehr Mut zur Zensur. Zum Nutzen der Allgemeinheit. Ok. Ich drücke die NZZ-Reset-Taste 🙁

Oder lese lieber die NZZ-Blogs: Da könnte auch der Medien-Redakteur der NZZ was lernen.

Welt Kompakt: Eine Zeitung von gestern oder vorgestern?

Die Definition von Altpapier bekommt bei der heutigen Lektüre der „Welt Kompakt“ eine ganz neue Bedeutung. Überrascht uns doch das Springer-Blatt mit einer Story von Benjamin von Stuckrad-Barre. Er „mag im Urlaub die Nachrichten von gestern, deshalb liest er Zeitung.“ So überraschend ist die Erkenntnis nun allerdings doch nicht. Denn Zeitungen sind per se „Gestern-Medien“ – anders geht es wegen der technischen Abläufe nicht. Es sei denn, die Verlage entschließen sich, wieder Abendzeitungen auf den Markt zu schmeißen – wäre eigentlich eine ganz gute Überlegung. Die Kopisten der „Welt Kompakt“ haben allerdings einen kleinen Fehler in die Stuckrad-Barre-Story eingebaut. Sie hätten das Stück in ihrem Mutterblatt vom Samstag besser lesen sollen. Dort heißt es korrekter: „Wer in der Zeitung von heute die Neuigkeiten von vorgestern liest, der ist im Urlaub – Benjamin von Stuckrad-Barre über seinen letzten Sommer ohne iPad“.

Ansonsten ist das Stück natürlich wieder höchst amüsant geschrieben und ich möchte die Vorfreude nicht schmälern. Blöd ist nur, dass die „Welt Kompakt“ das Plädoyer für die Unschuld des Spätinformierten arg gekürzt hat. Das ist halt jetzt nicht mehr zu ändern. Wer zu spät Printmedien kauft, wird nur halb informiert. Wer wissen will, was vorgestern in der Zeitung stand, darf halt keine Gestern-Zeitungen erwerben. Vielleicht gibt es noch Chancen beim Fischverkäufer, der ja ein Herz für Altpapier haben soll.

Für Stuckrad-Barre hoffe ich, dass es zumindest ein doppeltes Honorar gab.

Wider die Hausmeister des öffentlichen Diskurses – Zur Zeit-Debatte über das Internet

Stoppschild-Rhetoriker versus Internet-Freigeister
Stoppschild-Rhetoriker versus Internet-Freigeister
Zeit-Autor Heinrich Wefing plädiert in seinem Beitrag unter dem Titel „Wider die Ideologen des Internets“ für ein Ende der Rechtlosgkeit im Internet – fürsorglich pädagogisch fügt er noch an „schon im Interesse der Netzgemeinde“. Die Freiheit im Netz sei zwar wichtig, wie großzügig, und doch müsse das Internet endlich allen Regeln des Rechtsstaats unterworfen werden, fordert der Hohepriester Wefing. Die Aktionen gegen Internetsperren, gegen Zensur, gegen Onlinedurchsuchungen, gegen virtuelle Verbotsschilder – das alles ist nach Ansicht von Wefing wohl eher Ausfluss einer Web-Heilslehre, einer Ideologie vom wilden, freien, unabhängigen Internet, in dem keine Regeln gelten. „Und keine Regeln gelten sollen“, so der Internet-Skeptiker.

Libertäre Bombenleger des Internets?
Libertäre Bombenleger des Internets?
Als Beleg für die anmaßende und suggestive Cyberspace-Wurschtigkeit zieht Wefing den Grateful Dead-Songschreiber John Perry Barlow heran, der es wagte, sich von Regierungen und der industriellen Welt abzugrenzen mit den Worten: „Im Namen der Zukunft bitte ich euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr sei bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt ihr keine Macht mehr. Wir besitzen keine gewählte Regierung, und wir werden wohl auch nie eine bekommen….Ihr habt hier kein moralische Recht zu regieren, noch besitzt ihr Methoden, es zu erzwingen, die wir zu fürchten hätten.“ Ja wie schlimm, Herr Wefing, ist das jetzt ein Beleg für Regellosigkeit und grenzenlose Anarchie? Oder vielleicht eher ein Bekenntnis zur Förderung der Meinungsfreiheit im Internet, wie es Barlow eigentlich meinte (BlueRibbon, FSO)? Innnerhalb der Internet-Gemeinde „the Well“ gab es Tausende von Deadheads, die miteinander tratschten, sich beschwerten, einander Trost spendeten oder sich auf die Nerven gingen, Tauschgeschäfte tätigten, Religion betrieben, Liebesaffären anfingen oder beendeten und gegenseitig für ihre kranken Kinder beteten. Sie suchten Lebensglück in der Selbstorganisation – was für ein Verbrechen….Ist man deshalb schon der Apologet einer radikalen Internetsekte, die keine Schranken kennt? Sind die Gegner von Internetsperren automatisch unverbesserliche Pädophile? Man sollte vielleicht zur Kenntnis nehmen, dass man sich gegen staatliche Repression zur Wehr setzt, die Web-Nutzer unter Generalverdacht stellt. Gegen Kinderpornographie muss mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen die Verursacher vorgegangen werden. Täter müssen von einem ordentlichen Gericht verurteilt und ins Gefängnis gesteckt werden, dafür brauchen wir keine „Zensursula“ als moralische Instanz.

Ich habe selbst vier Kinder und weiß, wie wichtig es ist, solche Kriminellen hinter Gitter zu stecken. Hausmeister-Verbotsschilder im Internet sind dafür nicht nötig. Sind Freigeister auf eine Stufe zu stellen mit den Finanzjongleuren und Heuschrecken, die sich jede Einmischung ahnungsloser Politiker verbitten? Gab es denn keine Einmischung des Staates in Finanzgeschäfte, Herr Wefing? Fragen Sie doch mal die Vorstände der Landeszentralbanken, der KfW, der FED. Fragen Sie die Herren Clinton und Schröder, welche Maßnahmen zur Ausbreitung fauler Kredite und zu den Heuschrecken-Attacken in Deutschland führten.

Sie können ja schreiben und denken was Sie wollen. Das Internet bekommen Sie nicht mehr in den Griff mit Kontrollen, Hierarchie, Befehlsfluss, Plänen und Regeln. Was können Sie tun gegen einen Lebenssinn, der sich an Bartleby, einer Romanfigur von Hermann Melville anlehnt: „I would prefer not to.“ Oder wenn man die Lebensweisheit des Dadaisten Walter Serner im Kopf hat: „Tüchtig ist, wer nicht gegen die Gesetze sich vergeht. Tüchtiger, wer sich nicht auf sie verlässt. Am Tüchtigsten, wer immer wieder daran sich erinnert, dass nur staatliche Funktionäre sie ungestraft übertreten dürfen“.

Hinter dem Internet steht keine Ideologie und auch kein Masterplan. „Das Internet ist nicht mehr und nicht weniger als das Internet. Aber es hat den Menschen ein außergewöhnlich effizientes Kommunikationsinstrument in die Hand gegeben, Menschen, die so lange ignoriert wurden und unsichtbar waren, dass sie erst einmal ausprobieren, was sie damit anfangen können. Sehr amüsant: Ohne Gesetz, ohne Plan, ohne Management finden sie viel schneller als Regierungsbehörden, wissenschaftliche Institute, Medienkonglomerate und Erfolgsunternehmen heraus, welche Möglichkeiten das Internet bietet“, so die Autoren des Cluetrain Manifestes Rick Levine, Christopher Locke, Doc Searls und David Weinberger. Und genau das macht die Wefings und Co. so nervös. Entspannt Euch doch einfach, lehnt Euch zurück, ändern könnt Ihr sowieso nichts.

Philosoph ohne missionarischen Eifer
Philosoph ohne missionarischen Eifer

Blättert doch einfach mal die Schriften des Philosophen Odo Marquard durch. Er wählt einen sehr pragmatischen Pfad, den eines ironischen, entzauberten und durch und durch skeptischen Liberalismus, der die Moderne annahm und bekräftigte, ohne sonderlich viel von ihr zu erwarten.