Über das Wesen der Zeitung: Eine Utopie

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Der IT-Unternehmer Jörg Friedrich hat sich für die Zeitung in Printform ins Zeug gelegt. Am Wochenende in einem Gastbeitrag für die FAZ und in seiner The European-Kolumne. Sehr löblich, würde er nicht ein Ideal kommunizieren, dass es so schon Ewigkeiten nicht mehr gibt und vielleicht in seiner Reinform nie gab. Die Krise der Zeitung beruhe darauf, dass das Internet das Medium Papier überflüssig mache. Aber wer Zeitung mit Printmedium gleichsetzt, habe das Wesen der Zeitung nicht verstanden, meint Friedrich:

„Viele Menschen, die eine Zeitung lesen wollen, tun dies zu einem bestimmten Zeitpunkt im Tagesablauf, und zu diesem wünschen sie sich das Paket der Informationen, Hintergrundanalysen und Kommentare. Durch den Verzicht auf zeitintensive Produktions- und Verteilungsprozesse einer Papier-Zeitung gewinnt die Zeitung in Zukunft zwar Zeit, so dass der Zeitpunkt des Redaktionsschlusses mit dem des Erscheinens dichter zusammenrücken kann, aber das Besondere der Zeitung wird immer eben dieser Redaktionsschluss sein und die Tatsache, dass er für das ganze Paket gilt, der – wie effektiv auch immer die Produktion einer Online-Zeitung einmal sein wird – einen gewissen Abstand zum Erscheinen der Zeitungsausgabe haben wird, ein Zeitraum, der Abstand schafft zwischen Ereignis und Bericht“, so Friedrich in der FAZ.

Das eigentliche Produkt einer Zeitungsredaktion sei die Ausgabe, die regelmäßig erscheint.

„Regelmäßig heißt, dass der Erscheinungstermin einer Regel folgt, auf welche die Leser sich mit ihrem Lebensrhythmus einstellen können, und dass der Produktionsprozess selbst, der im Erscheinen der Ausgabe mündet, bestimmten Regeln unterworfen ist. Dadurch werden die Qualität und die Individualität jeder Zeitung sichergestellt. Und das macht ihren eigenständigen Wert überhaupt nur möglich“, führt Friedrich weiter aus.

Wie wertet der Autor Zeitungen, die schon seit Jahren und auch vor der Popularisierung des Internets die abgestandene Nachrichtenbrühe der Tagesschau vom Vorabend servieren? Und Redaktionen für den Politik- und Wirtschaftsteil, die sich mit Agenturmeldungen über Wasser halten, die am Vortrag schon von morgens bis abends über Internet, Fernsehen und Radio runter genuldet wurden? Wie viele Artikel beruhen auf Primärquellen? Wie viele Nachrichten wurden von den Redaktionen recherchiert und nicht irgendwo kopiert? Mit Wirtschaftsbloggern war ich mir einig, dass es keinen großen Aufwand macht, Meldungen über Wirtschaftswachstum oder Eurokrise über die jeweiligen Primärquellen zu bekommen. Da muss man sich nur etwas von seiner eigenen Bequemlichkeit verabschieden und den direkten Draht zu Bundesbank, Statistischem Bundesamt, Instituten, Regierungsstellen und sonstigen Institutionen aufbauen.

Wie das Ideal einer Zeitung aussehen soll, hat WAZ-Verlagschef Bodo Hombach skizziert: Die klassischen Medien müssten Gelenkstelle zwischen allen Räumen des öffentlichen Lebens sein, Drehscheibe für Ideen, Arena, Forum, Nische und Nest, Rumpelkammer für Exkurse ins Fantastische, frech, präzise, zivil, Sendbote zwischen Ein- und Ausgeschlossenen, Dolmetscher zwischen oben und unten, Gestern und Morgen, Rand und Mitte, Vor- und Nachdenker, Instrument der Auseinandersetzung und des Zusammengehens, aktuell, flexibel, empfindsam und hart, mit Leidenschaft und Kühle, Katheter für sozialen Problemstau, Kompostecke für Kulturabfall, Schredder für Abgelegtes, Abgenutztes, Abgestandenes, Seismograf für feinste Beben auf der nach oben offenen “Richter-Skala” des Geistes, offen für jede Bitte, aber verschlossen für jeden Befehl.

Also all das, was man in der Blogosphäre schon wahrnehmen kann durch die Vielfalt, durch das kreative Chaos und der Inspiration der Basis. Kein Territorialverhalten, keine selektive Nachrichtenauslese, kein Auflagendruck, kein Bestreben nach dem absoluten Medienscoop.

Die klassischen Medien “jagen im Rudel”, so Hombach”.

“Kampagnenjournalismus muss nicht mehr organisiert werden. Es ergibt sich wie von selbst. Die Neidhammel umkreisen den Sündenbock.“

In vielen Blättern und Sendern werden Agenturberichte ungeprüft übernommen.

“Man hört und sieht und liest denselben Bericht. Das empfinden die meisten als Bestätigung. Mancher glaubt sogar dem selbst erfundenen Gerücht, wenn es zu ihm zurückkehrt.“

Was Zeitungen permanent als Aufmacher ins Blatt nehmen, ist eine bloße Erinnerung an den Fernsehabend zuvor. Nur noch halb so groß sollten die Tageszeitungen berichten über die Reden von Politikern und die Verlautbarungen von Parteien und Verbänden, forderte der große Journalistenausbilder schon vor einigen Jahren, als das Wort „Zeitungskrise“ noch gar nicht so richtig diskutiert wurde.

“Es gibt weder eine Journalistenpflicht noch ein heißes Leserinteresse, täglich groß gedruckt zu sehen, was da an Versprechungen und Verunglimpfungen abgelassen wird, an Retourkutschen, unseriösen Prognosen und durchschaubaren Lügen. Über politische Sprechblasen wahrheitsgemäß berichten heißt ja: In redlicher Absicht die Zeitung mit Schönfärbereien und Irreführungen füllen; je weniger sie davon druckt, desto höher steigt also ihr Wahrheitsgehalt”, erklärt Wolf Schneider.

Halbiert würde dabei auch die schiere Langeweile. Die Zeiten, in denen eine saturierte Abonnementszeitung durch journalistische Langeweile gar nicht ruiniert werden konnte, seien vorbei: “Omas Zeitung liegt im Sterben”. Wie gesagt, Wolf Schneider ist kein Nerd, sondern ein erfahrener Journalist, der das wohl ganz gut beurteilen kann, was in den Redaktionen abläuft. Mit Häme über den Niedergang des Zeitungsjournalismus hat das nichts zu tun – eher mit Trauer.

Selbst die FAZ kommt finanziell in eine Schieflage. Mit Google hat das übrigens nichts zu tun, wie turi2.de berichtet:

„Das Blatt fährt in diesem Jahr offenbar einen Verlust im zweistelligen Millionen-Bereich ein. Medien-Insider Kai-Heinrich Renner schreibt in seiner Abendblatt-Kolumne von 10 bis 20 Millionen Euro, die am Ende fehlen werden. Grund für den Verlust ist hauptsächlich der Einbruch im Stellenmarkt der FAZ, der für Umsatz und Gewinn des Blattes von immenser Bedeutung ist.

Plädieren jetzt die FAZ-Herausheber für ein Schutzgesetz, um bei Monster & Co. abzukassieren?

Buchpiraterie ignorieren? Ein neuer Kopisten-Fall erregt die Gemüter #Gut-Raub

„Zum Auftakt der AKEP-Konferenz in Berlin hat Sascha Lobo der Branche Ratschläge zum „Buchstabenverkauf“ der Zukunft mit auf den Weg gegeben und diese historisch fundiert – um am Ende die Zuhörer mit der Ankündigung zu überraschen, selbst einen Verlag zu gründen“, schreibt der Buchreport in seinem Bericht „Ignoriert Piraterie“:

Verleger müssten ihr Geschäft vom Produkt zum Service entwickeln, mit der Tendenz, am Ende einen Produktpreis von 0 Euro anzusetzen. Dieses Prinzip habe es schon im 17. Jahrhundert bei Lesezirkeln, der Vermietung von Zeitschriften, gegeben, einem kostenpflichtigen temporären Zugang zur Lektüre.

„Die wohl knackigste – und unter den Zuhörern besonders umstrittene – These: Verlage sollten Piraterie ignorieren. Es werde immer Leute (’15 bis 20% der Menschen sind Arschlöcher‘) geben, die kopiergeschützte Bücher knacken. Diese gezielt zu ignorieren, verschaffe den Verlegern einen besseren Schlaf und weniger Feinde. Wenn Bücher zunehmend zu Services ausgebaut würden, seien diese ohnehin nicht mehr kopierbar – und bei einem Preis von 0 Euro für das Buch an sich sei Piraterie dann nicht mehr umsatzrelevant.“

Sinnvolle Vorschläge. Aber meine aktuellen Recherchen stimmen mich nachdenklich. Die Buchbranche hat nach den folgenden Fakten wohl die Schlacht gegen Buchpiraten bereits verloren. Aufgedeckt wurde dieses schamlose Kopistentum von einem renommierten Schriftsteller. Folgendes ist mir zugespielt worden.

Auch Professoren zählen zur Kopisten-Mafia!

„Heutzutage verführt die Leichtigkeit der Vervielfältigung zu allen möglichen Dingen.“

Selbst Wissenschaftler an deutschen Hochschulen seien in diesem Kopisten-Netzwerk verstrickt. Da werde dann schnell von der Aufzeichnung einer Zweistundensendung im Hörfunk ein Plagiat erstellt. Das habe einer kopiert und in hoher Stückzahl an seine Freunde verschenkt. Der Schriftsteller erwähne das nur als Spitze des Eisberges, um zu dokumentieren, wie das simple Gefühl für Recht und Unrecht schon aufgeweicht ist, wenn so etwas an dürrem Professorenholze schon geschieht.

Auch Hörfunksender sind Teil des Kopisten-Netzwerks

Selbst Hörfunksender würden das machen und entsprechende Exemplare seiner Vorträge an Zeitschriften verschicken, die das seitenlang abdrucken – ohne das Ganze autorisieren zu lassen oder zu entlohnen. Erst auf Druck des Verlage sei eine Zeitschrift dann bereit gewesen, wenigstens einen kleinen Betrag zu bezahlen. Freiwillig waren die nicht dazu bereit. Autoren sind ständig solchen Nötigungen und Vergewaltigungen ausgesetzt. Hier schlage eine zweifelhafte Denkweise und Gesinnung durch. Der Schriftsteller lasse sich seitdem vom Hörfunk grundsätzlich erstmal schriftlich geben, dass die keine Exemplare von seinen Ein- oder Zweistundensendungen erstellen. Erlauben würde er nur fünf oder sechs Exemplare für die Sprecher und eins fürs Archiv, „damit ist wenigstens ein legales Löchlein verstopft…“. Das sei eine erste Maßnahme, aus der zumindest sein Protest hervorgeht gegen dergleichen. Denn wie und wo zu ein in korrigierter Form erscheinen soll, würde gerne der Schriftsteller bestimmen. Völlig verantwortungslos sei auch das Verhalten der Zeitungen im Umgang mit diesen Raubkopien, die das ohne Gegenprüfung übernehmen und sogar im Literaturteil besprechen würden. Teilweise würden die Diebe den gestohlenen Mantel mit einer solchen Eleganz tragen, dass Fragen zum eigentlichen Besitzer gar nicht mehr aufkommen.

Sättigung durch Schwarzmarkt-Angebote macht zweite Auflagen fast unmöglich!

In dieses Regime der Raubkopien sind also vielfältige Kreise verstrickt. Völlig unmöglich sei es, eine wirklich gute zweite Auflage von den eigenen Werken auf den Markt zu bringen.

„Was soll jetzt werden, können wir noch eine zweite Auflage machen, wenn der Markt gesättigt wird auf unrechtmäßige Weise.“

So viel Kopisten-Dreistigkeit gegen die kreativen Leistungen eines Autors lassen einen sprachlos zurück. Ich habe nur ein Bruchteil der Beweise über das Kopisten-Netzwerk in Deutschland dokumentiert.

Empörte sollten gar nicht mehr weiterlesen!

Aber auch ich bin ein übles Collage-Ferkel. Die Dokumentation stammt aus dem Jahr 1970 und betrifft die analoge Kopisten-Mafia unter den Raubdruckern. Die stark abgewandelten Aussagen habe ich den Gesprächen von Gunar Ortlepp mit dem Schriftsteller Arno Schmidt entnommen. Sie waren dann Basis für den Spiegel-Artikel „Gut Raub“, der auch 1970 erschien (Nr. 37, S. 216 bis 217). Vielleicht liest ja der Eine oder Andere nicht bis zum Schluss und entwickelt daraus eine neue Skandalgeschichte über das digitale Piratentum – das würde mir sehr gefallen 🙂

Bernd, der blöde Blogger und die seriösen Zeitungsnachrichten: Bayerische Grundschüler lernen Medieninkompetenz

Stefan Niggermeier hat wieder einmal einen medialen Goldschatz gehoben. Es geht um ein Projekt der bayerischen StaatsLandesregierung. Grundschüler der dritten und vierten Klasse sollen Medienkompetenz lernen. Über einen Medienkompetenzführerschein können die lieben Kleinen unter Beweis stellen, wie man sich in der bösen Medienwelt zurechtfindet. Als Unterrichtsmaterial steht eine Broschüre zur Verfügung mit dem Titel „Schau genau hin“. Niggemeier hat genau hingeschaut und Erstaunliches entdeckt: Da gibt es den blöden (sorry, steht so nicht in der Broschüre) Blogger Bernd, der bei einem Fallbeispiel praktisch alle Fakten verdreht und nichts auf die Reihe bekommt.
„Das ist kein Wunder, denn im Internet werden ja, anders als bei der Zeitung, die Informationen vor der Veröffentlichung nicht überprüft. Oder wie es im Begleitmaterial für die Lehrer heißt:
Die Kinder sortieren die einzelnen Schritte der vorgeschlagenen Nachrichtenwege. Danach vergleichen sie: Einmal sind es drei, einmal vier Schritte. Welcher Schritt fehlt bei dem Nachrichtenweg ins Internet im Vergleich zum Weg in die Zeitung? Antwort: Es ist die Überprüfung der Information. Der Journalist hat bei der Polizei nachgefragt, die Fakten gesammelt und erst dann veröffentlicht.
(…)
Beim Blog-Text werden die Informationen ungeprüft ins Netz gestellt. Vielleicht hat Bernd einiges missverstanden oder erinnert sich nicht mehr genau. Fakt aber ist, dass seine Informationen nicht geprüft sind. An dieser Stelle bietet sich auch der Vergleich zu dem Spiel ‚Stille Post‘ an. Auch da gehen Informationen auf dem Weg der Übermittlung verloren. Natürlich können auch Journalisten etwas falsch verstehen. Deshalb können in einer Zeitung ebenfalls fehlerhafte Informationen stehen. Sollte dies vorkommen, werden dort in der Regel aber Falschmeldungen korrigiert.“

Wer also zufällig seine Elaborate auf den Produkten der Holzindustrie veröffentlichen kann, ist ein seriös und gewissenhaft recherchierender Journalist. Wer im Netz publiziert, leidet unter Alzheimer und spielt „Stille Post“.

„Schau genau hin!” heißt die Lerneinheit. „Zu ihren ehrenwerten Zielen gehört es, dass die Kinder (jedenfalls im Internet) auf den Urheber einer Nachricht achten sollen, um die Glaubwürdigkeit von Informationen bewerten zu können. ‚Firmen verfolgen eigene Interessen‘, warnt das Begleitmaterial, ‚und werden vor allem sich selbst oder ihre Produkte ins rechte Licht rücken.‘
In der Tat. Herausgeber der Unterrichtseinheit ist übrigens zufällig der Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV)„, schreibt Niggemeier.

Beim VBZV war übrigens die verantwortliche Dame nicht zu erreichen – sie ist erst am Donnerstag zu sprechen. Auch die Pressestelle des bayerischen Kultusministeriums hat mich noch nicht zurückgerufen (kein Vorwurf). Einige Fragen habe ich noch:
Wer finanziert diesen Spaß, der nicht nur als vbzv_presse abrufbar ist, sondern auch in gedruckter Form an die Grundschüler in Bayern verteilt wird? Wer hat das Blättchen mit dem Märchen von der heilen Printwelt politisch abgesegnet? Wer hat das Ganze redaktionell begleitet?
Im Impressum steht lediglich folgende Info:
Impressum:
© 2010 mct media consulting team, Dortmund
Konzeption: Prof. Dr. Günther Rager, Anke Pidun
Inhalt: Anke Pidun
Gestaltung: Rosalie Schnell, Miriam Schmikowski
Zeichnungen: Laura Martin
Pädagogische Fachberatung: Claudia Pidun-Martin

Und dann noch abschließend: Wie hoch sind die Kosten und wer hat die Kosten getragen?

Nachtrag: Ein Ministeriumssprecher hat mich gerade angerufen und will mir im Laufe des Tages die Fragen beantworten.

Zweiter Nachtrag: Der Ministeriumssprecher hat noch einmal angerufen und mich an die Staatskanzlei verwiesen.

Dritter Nachtrag: Habe gerade die Staatskanzlei angerufen. Heute ist Kabinettssitzung. Werde wohl erst so gegen 15 Uhr zurückgerufen.

Vierter Nachtrag: Nun der Schlusspunkt meiner bayerischen Recherche-Reise. Einen Rückruf der Staatskanzlei habe ich nicht erhalten. Stattdessen wurde meine Anfrage wieder an den Verband Bayerischer Zeitungsverleger weitergeleitet. Um 17,30 Uhr rief mich der VBZV-Geschäftsführer Dr. Markus Rick an. Die Printlastigkeit der Broschüre könne nicht überraschen, da ja der VBZV der Herausgeber sei. Das ist nachvollziehbar. Da das Projekt aber modular aufgebaut sei, würden auch die anderen Medienformate nicht zu kurz kommen. Die Staatskanzlei hatte die Initiative für einen Medienführerschein wegen mehrerer Vorkommnisse gestartet. Dazu zählt auch der Amoklauf von Winnenden. Hier sah die Landesregierung politischen Handlungsbedarf. Mittlerweile lägen Erfahrungen mit dem Medienführerschein in 30 Pilotschulen vor und man werde das Projekt auf freiwilliger Basis ausweiten. Steuergelder wurden dafür nach Angaben von Rick nicht in Anspruch genommen. Das wird über die Zeitungsverlage finanziert. Das Printmodul sei dem Kultusministerium vorgelegt und geprüft worden. Es würde den Lehrplänen der dritten und vierten Klasse entsprechen. Die Darstellung der Bloggerwelt hält Rick für eine pointierte Verkürzung. Als zentrale Botschaft soll vermittelt werden, dass es sich bei der Zeitung um ein geprüftes Produkt handeln würde.

Ende der Durchsage. Ich werde das jetzt mal nicht weiter kommentieren.

Unterstützen! Appell gegen die Angriffe auf WikiLeaks

Die tageszeitung und andere Medien veröffentlichen einen Appell gegen die Angriffe auf Wikileaks.

 Das findet natürlich auch meine Unterstützung!

1. Die Angriffe auf Wikileaks sind unangebracht

Die Internetveröffentlichungsplattform Wikileaks steht seit der Veröffentlichung der geheimen Botschaftsdepeschen der USA unter großem Druck. In den USA werden die Wikileaks-Verantwortlichen als „Terroristen“ bezeichnet, es wird sogar ihr Tod gefordert. Große internationale Unternehmen wie Mastercard, Paypal und Amazon beenden ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks – ohne dass eine Anklage gegen die Organisation vorliegt, geschweige denn eine Verurteilung. Gleichzeitig wird die technische Infrastruktur von Wikileaks anonym über das Internet attackiert.

Dies sind Angriffe auf ein journalistisches Medium als Reaktion auf seine Veröffentlichungen. Man kann diese Veröffentlichungen mit gutem Grund kritisieren, ebenso die mangelnde Transparenz, welche die Arbeit der Plattform kennzeichnet. Aber hier geht es um Grundsätzliches: die Zensur eines Mediums durch staatliche oder private Stellen. Und dagegen wenden wir uns. Wenn Internetunternehmen ihre Marktmacht nutzen, um ein Presseorgan zu behindern, kommt das einem Sieg der ökonomischen Mittel über die Demokratie gleich. Diese Angriffe zeigen ein erschreckendes Verständnis von Demokratie, nach dem die Informationsfreiheit nur so lange gilt, wie sie niemandem wehtut. 


2. Publikationsfreiheit gilt auch für Wikileaks

Die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbriefte Publikationsfreiheit ist eine Grundlage der demokratischen Gesellschaften. Sie gilt nicht nur für klassische Medien wie Zeitungen oder Fernsehanstalten. Das Internet ist eine neue Form der Informationsverbreitung. Es muss den gleichen Schutz genießen wie die klassischen Medien. Längst hätte es einen weltweiten Aufschrei gegeben, wenn die USA ein Spionageverfahren gegen die New York Times, einen finanziellen Kreuzzug gegen den Spiegel oder einen Angriff auf die Server des Guardian führen würden.

3. Recht auf Kontrolle des Staates

Die Kriminalisierung und Verfolgung von Wikileaks geht über den Einzelfall hinaus. Die Veröffentlichung als vertraulich eingestufter Informationen in solchen Mengen soll verhindert werden. Denn die Menge an Dokumenten liefert der Öffentlichkeit einen weit tieferen Einblick in staatliches Handeln als bisherige Veröffentlichungen in klassischen Medien. Der Journalismus hat nicht nur das Recht, sondern die Aufgabe, den Staat zu kontrollieren und über die Mechanismen des Regierungshandelns aufzuklären. Er stellt Öffentlichkeit her. Ohne Öffentlichkeit gibt es keine Demokratie. Der Staat ist kein Selbstzweck und muss eine Konfrontation mit den eigenen Geheimnissen aushalten.
Wir fordern alle Staaten und auch alle Unternehmen auf, sich diesem Feldzug gegen die bürgerlichen Rechte zu widersetzen. Wir fordern alle Bürger, bekannt oder unbekannt, in politischen Positionen oder als Privatpersonen, auf, für die Einstellung der Kampagne gegen die Meinungs- und Informationsfreiheit aktiv zu werden. Wir laden alle ein, sich an dem Appell für die Medienfreiheit zu beteiligen.

Döpfner und der Nutzen des Parasiten

„Wer liberal ist, verteidigt geistiges Eigentum“, mit diesem Credo eröffnet Springer-Chef Mathias Döpfner in einem Gastbeitrag für die NZZ ein wahres Zitaten-Panoptikum, um die Verteidigungslinie gegen die bösen Web-Kommunisten, die Kostenlos-Parasiten im Netz und die Aufmerksamkeit-statt-Geld-Prediger aufzubauen. Letztlich geht es doch nur um die Bewahrung der Verlagsmonopol-Renditen, die man über Jahrzehnte eingefahren hat. Die Web-Kommunisten sind nicht verantwortlich für den Niedergang der alten Geschäftsmodelle der Verlage. Das hat der Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl sehr gut beschrieben:

„Die Verlagsmanager haben sich an entscheidenden Stellen verkalkuliert. In der ‘guten, alten’ Zeit hatten die meisten Blätter regionale oder lokale Oligopole oder Monopole, also eine marktbeherrschende Stellung. Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl.

Für die Werbetreibenden seien das paradiesische Zustände. Sie könnten ihre Zielgruppen ohne allzu große Streuverluste über das Internet sehr viel besser erreichen und müssten das Geld nicht mehr zum Fenster rausfeuern. Und noch ein Trend schröpft die Verlage: Wer nach einer neuen Freundin Ausschau hält oder sein Auto zum Verkauf anbietet, kann online inzwischen gratis oder für wenig Geld seine Ziele erreichen. Hier hilft die Silo-Taktik der Verlagsmanager nicht weiter. Die entsprechenden Portale laufen auch ohne Nachrichten-Content! Da wird auch das Leistungsschutzrecht, Verwertungsgesellschaft, Abmahnterror, Gebühren-Abzocke und sündhaft teure Payment-Strategien nicht weiterhelfen. Für die auswechselbaren Tagesnachrichten der Gesternmedien helfen die Schutzwälle nicht weiter, sie werden zu einer Innovationsstarre der Verlage führen und sie zu Dinosauriern der Medienwelt degradieren.

Parasiten, Hacker, Daten-Piraten, Wissensdiebe, Kopisten und Collage-Künstler sind in diesem Spiel höchst nützliche Zeitgenossen. Sie stören die Monopolisten – das liberale Mimikry von Herrn Döpfner ist dabei nur ein Ablenkungsmanöver: „Die Macht suchte und sucht das Zentrum einzunehmen. Wenn sie von diesem Zentrum aus wirken, ihre Wirksamkeit bis an die Grenzen des Raumes entfalten, wenn sie bis an die Peripherie reichen soll, so ist es notwendig, dass es kein Hindernis gibt (Web-Kommunisten, Herr Döpfner), dass der Raum um ihre Aktion homogen ist. Kurz, der Raum muss frei von Rauschen, von Parasiten sein. Um Gehorsam zu finden, muss man gehört, muss man verstanden werden, muss die Ordnungsbotschaft Stille vorfinden. Man muss Stille schaffen (mit dem Leistungsschutzrecht, gs). Man muss die Parasiten vertreiben (um wieder die alten Monopolrenditen zu verdienen, gs)“, schreibt der Philosoph Michel Serres in seiner Abhandlung „Der Parasit“.

Das Verbrechen der Wissensmonopolisierung in allen seinen Varianten verlangt nach Wiedergutmachung, so Serres; diese funktioniert jedoch nicht nach dem traditionellen paternalistischen Modell (Lehrer-Schüler Verhältnis), sondern komme von der Peripherie; von jenen also, die bislang vom Wissen ausgeschlossen wurden. Die Zirkulation des Wissens könne man nicht durch Copyrights bändigen. Das technische Potenzial provoziert immer auch seine uneingeschränkte Nutzung – und sei es durch die parasitäre Piraterie. Der Parasit als Störfaktor kann seinen Wirt veredeln aber auch töten, Herr Döpfner. Wenn er nutzlos wird, sucht sich der Parasit einen neuen Wirt.

Siehe auch: Döpfners Klage über die Gratis-Kultur und was der Springer-Chef vom Götterboten Hermes lernen könnte.