Überwacht die Überwacher!

Tatort Geheimdienst
Tatort Geheimdienst

Patrick Breitenbach hat auf eine coole Aktion der Schweizer Wochenzeitung WOZ hingewiesen. Die Redaktion drehte den Spieß einfach mal um und spionierte das Privatleben von Markus Seiler, Chef des Nachrichtendiensts des Bundes (NDB), aus.

„Wir wollen wissen, was man über einen Menschen herausfinden kann, ohne dass man ihn wissen lässt, dass man etwas über ihn herausfinden will. Dies ist die Methode der Geheimdienste mit ihrer flächendeckenden, präventiven Überwachung, und wir wollen sie auf ihre Nummer eins in der Schweiz selbst anwenden.“

Also die Anwendung des verdachtsfreien Verdachtstotalitarismus staatlicher Überwachungs-Wichtigtuer. Was die drei Redakteure mit recht einfachen Mitteln herausfinden ist erstaunlich. Selbst bei der ehemaligen Klassenlehrerin von Seiler werden sie fündig. Gemeindemitglieder, in der die Familie Seiler regelmäßig zum Gottesdienst geht, erweisen sich als auskunftsfreudig. Nachbarn machen Angaben über den obersten Schweizer Schlapphut-Beamten. Ist das eine verwerfliche Aktion? Ganz und gar nicht.

Man erkennt eher, welche Kleingeister sich in den Sicherheitsdiensten tummeln und ihre anerzogene Paranoia ausleben. Es gibt in den Geheimdiensten übrigens nicht nur äußere Feinde – also wir, die nicht in Sicherheitsbehörden tätig sind. Es gibt auch innere Feinde, die man in diesen Institutionen als viel gefährlicher einstuft. Ergebnis: Die Schlapphüte bespitzeln sich alle gegenseitig – sozusagen unter einem Dach. Da könnte man doch kräftig Sand ins Getriebe streuen mit den recht einfach umzusetzenden Recherchen der WOZ. Man gibt den inneren Feinden einfach nur ein wenig Nahrung, so dass die Schnüffler nicht mehr wissen, wo vorne und wo hinten ist.

Michael Seemann gab in seinem Beitrag für SPEX die richtigen Empfehlungen:

“Der Kontrollverlust hat nicht nur uns gegenüber den Geheimdiensten transparent gemacht, sondern auch die Geheimdienste gegenüber uns. Der Kontrollverlust macht alles und jeden transparent. Fragt sich also, wer dadurch mehr zu verlieren hat. Es kann in diesem Spiel nicht mehr darum gehen, Leute davon abzuhalten, Daten zu sammeln. Es muss darum gehen, den Geheimdiensten kein Monopol auf Daten zu gewähren. Ihre eigenen klandestinen Strukturen, die Deutungsmacht über die Realität, der Informationsvorsprung gegenüber der Restgesellschaft sind der Stoff, aus dem die Dienste ihre Macht beziehen. Ihre Macht zu brechen, heißt, sie ins Licht zu zerren, ihre Datenbanken zu öffnen und allen Zugang zu gewähren.”

Anti-Geheimdienst-Equipment
Anti-Geheimdienst-Equipment

Das Establishment hat viel mehr zu verlieren als jeder einzelne Internet-Nutzer. Die Zivilgesellschaft muss sich ihrer eigenen Macht nur bewusst werden.

“Nie war es so leicht, sich zu finden, sich auszutauschen, sich zu organisieren und sich zu vernetzen. Nie wurde die Kraft der Massen schneller und effektiver auf die Straße gebracht als heutzutage”, so Seemann.

Und selbst wenn man die Finanzkraft von Sicherheitsbehörden mit der Crowd vergleicht, können die staatlichen Schnüffler das Überwachungsspiel nicht gewinnen, wie Michael am Beispiel der NSA verdeutlicht:

„Die NSA hat jährlich ca. 10 Milliarden Dollar Budget zur Verfügung, um uns zu überwachen. Doch wir, die Restweltgesellschaft, geben allein dieses Jahr 3,7 Billionen Euro für Informationstechnologie aus. Im neuen Spiel haben wir mehr Köpfe, mehr Rechenpower, mehr Daten zur Verfügung, als die NSA je haben könnte, und mit dem Internet haben wir ein Instrument, all diese Kräfte zu organisieren. Die Zivilgesellschaft hat allen Grund für ein völlig neues Selbstbewusstsein. Eines, das sich nicht mehr durch alle vier Jahre angekreuzte Zettel ausdrückt, sondern unvermittelt, disruptiv und unkontrollierbar.“

Es gibt ja schon alle erdenklichen Watch-Dienste für Google, für Abgeordnete, für Politiker mit Promo-Viren-Syndrom. Warum nicht so etwas wie Spionage-Watch aufziehen?

Oder gibt es das schon? Habt Ihr weitere Ideen? Das würde ich gerne mit Euch in Live-Interviews via Hangout on Air diskutieren. Hinterlasst hier einen Kommentar oder kontaktiert mich per E-Mail: gunnareriksohn@gmail.com.

Die Aktionen von Richard Gutjahr gegen die Vorratsdatenspeicherung sind natürlich auch eine gute Sache.

Lesenswert auch:

Globale Vorratsdatenspeicherung: NSA sammelt global 5 Milliarden Funkzellendaten pro Tag.

taz-Bericht zur WOZ-Aktion.

Abschied von der Selbstverliebtheit – Mein Elaborat in der März-Ausgabe der absatzwirtschaft

Während Hardwareanbieter immer noch gerne die Leistungsdaten ihrer Produkte zur Schau stellen, verstehen die Software-Marketer mehr und mehr, wie wenig Sinn das macht. Selbst Microsoft hat diese Lernkurve mittlerweile durchlaufen.

Steve Wozniak ist ein begnadeter Mathematiker und zählt zu den legendärsten Computeringenieuren aller Zeiten. So stilisiert sich zumindest der frühere Weggefährte von Steve Jobs und Erfinder des Apple I in seiner eigenen Biografie. Was Wozniak nicht ist: ein Marketinggenie. Das wollte er nie sein und äußert sich dementsprechend enttäuscht, dass sein alter Kumpel Jobs nicht den Ingenieur in den Mittelpunkt des Unternehmens stellte.

Von Anfang an war Apple als Marketingunternehmen konzipiert: „Das Produkt wird sich mit anderen Worten danach richten, welche Wünsche und Anforderungen die Marketingabteilung bei den Kunden finden wird. Das ist das genaue Gegenteil von einem Ort, wo Ingenieure einfach das konstruieren, was ihnen Spaß macht, und das Marketing anschließend Wege findet, um das Produkt zu vermarkten“, sagt Wozniak. Genau das sei der Grund, warum „Woz“ nur noch über alte Zeiten sinniert und Steve Jobs zu den erfolgreichsten IT-Unternehmern der Welt zählt, meint Peter B. Zaboji, Chairman des Frankfurter After-Sales-Spezialisten Bitronic: „Obsessionen für technische Perfektion sind ja schön und gut. Am Ende des Tages ist der Markterfolg entscheidend und nicht die Selbstverliebtheit von Ingenieuren. In vielen IT-Unternehmen sind Marketing, Management und Führung immer noch viel zu herstellerorientiert.“

Wenn sich Bastler, Ingenieure oder Programmierer etwas ausdenken, seien sie ausschließlich an den Eigenschaften ihrer Spielzeuge interessiert. „Der mögliche Benutzer ist für sie nur ein störender Ignorant“, lautet die Erkenntnis des keinesfalls technikfeindlichen Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger. Was sich in Büros und Wohnzimmern abspiele, sei grotesk. Rechner, Drucker, Netzgeräte, Scanner und Brenner würden jeweils das Studium einer hundertseitigen Betriebsanleitung erfordern. Vielleicht liege es an den berufsbedingten Scheuklappen nach dem Motto: Chacun devient idiot à sa façon – jeder macht sich auf seine Weise zum Idioten. Komplette Story gibt es in jedem gut sortierten Kiosk 🙂