Über Abmahner, Verbotsapostel, Korinthen-Kacker, Ordnungsfanatiker, Wächter, Aktenschieber und Autorisierungs-Kleingeister

In großen und kleinen Dingen des Lebens gibt es scheinbar die Sehnsucht nach Kontrollen, Grenzen, Sicherheit und autoritärem Gehabe. Diese Controlling-Geister gehen mir zunehmend auf den Keks. Nur keine Risiken eingehen, nur nicht zu viel Offenheit wagen und akzeptieren, dass man nicht der Mittelpunkt der Erde ist. So schlagen sie um sich, die Abmahner, Verbotsapostel, Bedenkenträger, Korinthen-Kacker, Ordnungsfanatiker, Wächter, Aufpasser, Knöllchenjäger, Aktenschieber und Autorisierungs-Kleingeister. Wer von den Regeln abweicht, wird als Störenfried eingestuft und bekämpft.

Mit den unterschiedlichsten Instrumenten der Drangsalierung. Im Internet manifestiert sich dieser Streit der „Kulturen“ wie in einem Brennglas. Das breite ich morgen in meiner The European-Kolumne aus. Musste heute mal etwas Dampf ablassen – zumindest in Schriftform.

Update:

Konferenz in Dubai: ICANN statt ILU – Warum man den Grenzwächtern des Netzes Paroli bieten sollte #wcit12

Grenzwächter des Internets.

Hüter der bigotten und repressiven Moral: Warum sich Zensoren verdünnisieren sollten

Auszug meiner heutigen Montagskolumne für das Debattenmagazin „The European“: Die schärfsten zensorischen Eingriffe kommen in Deutschland nicht von Wahrheitsministerien, sondern von Bürgern wie Du und ich. Das hat Werner Fuld in seinem lesenswerten Werk „Das Buch der verbotenen Bücher“ (Verlag Galiani Berlin) in dem Kapitel „Persönlich und privat“ eindrucksvoll dokumentiert. So sind die so genannten „freiwilligen Selbstkontrollen“ ein beliebtes Instrument, um unter dem Deckmantel des Jugendschutzes willkürlich die Moralkeule zu schwingen und die Medien- und Informationsfreiheit zu beschränken.

Auffällig ist mittlerweile die Tendenz zur Präventivzensur. Um sich Arger und Aufwand mit umstrittenen Publikationen zu ersparen, achten viele Buchhandlungen mittlerweile darauf, welche Neuerscheinungen ihnen Schwierigkeiten ins Haus bringen könnten und vermeiden beim Einkauf entweder brisante Themen oder boykottieren Autoren und Verlage, die auf kritische Dokumentationen spezialisiert sind: „Die Zensurpraxis generiert letzten Ende eine Gesellschaft, in der private Einzelinteressen über die Rechte der Allgemeinheit gestellt werden. Die grundgesetzlich garantierte Meinungs- und Informationsfreiheit wird damit zunichte gemacht“, klagt Werner Fuld und verweist auf eine um sich greifende Praxis, die europäische Literatur zur rauch- und alkoholfreien Zone zu degradieren. Wo noch vor zehn Jahren Whisky und Zigaretten eine Selbstverständlichkeit gewesen wären, werde jetzt exzessiv Kaffee getrunken. Das Anzünden einer Zigarette bedarf heute einer Legitimation – etwa, um eine Person als Soziopath zu charakterisieren.
Ein Lektor würde wohl einen bekennenden Drogenabhängigen wie Sherlock Holmes nicht mehr tolerieren. So entwickelt sich neben dem Persönlichkeits- und Jugendschutz die Gesundheitsvorsorge zur dritten Säule der Zensur – ein Totschlag-Argument, das selbst vor bayerischen Bierzelten nicht mehr haltmacht, wie die Anti-Raucherkampagne des liebwertesten Lederhosen-ÖDP-Gichtlings Sebastian Frankenberger unter Beweis stellt.

Die Nichtraucher-Dämlichkeit schreckt noch nicht einmal davor zurück, künstlerische Werke zu säubern: „Bei Fotografien wird sie bereits praktiziert: Sartre wurde in einer Ausstellung seiner obligaten Zigarette beraubt und das Cover für die Memoiren von Jacques Chirac musste zurückgezogen werden, weil es ihn mit Zigarette zeigte“, erklärt Fuld.

Irgendwann kommt auch hausgemachte Griebenwurst auf den Index, um den durchschnittlichen Cholesterin-Wert der Deutschen zu senken – im Sinne der Volkshygiene. Da mache ich mir doch gleich eine Schachtel Reyno White auf, um im blauen Nikotin-Dunst meines Schreibtisches ein neues T-Shirt zu kreieren mit einem Indianer-Spruch des Kolumnisten Harald Martenstein:

„Eines Tages, wenn erst der letzte Böller verknallt ist, die letzte Zigarette geraucht, das letzte Eisbein gegessen und der letzte Heizpilz gelöscht, wird der weiße Mann merken, dass man Verbote nicht essen kann“ (nachzulesen in den „Ansichten eines Hausschweins“, C.Bertelsmann-Verlag).

Verdünnisiert Euch, Ihr Hüter der bigotten und repressiven Moral.

Hier ist das komplette Opus zum Rosenmontag. Alaaf!

Mein Motto für 2012: Die Repression verdünnen – Plädoyer für fröhliche Anarchie

Was die Zensoren aktuell so umtreibt, hat ja der Schockwellenreiter in den vergangenen Wochen erlebt – mit einem glücklichen Ende. Stichwort Kinderficker-Sekte.

Google+Facebook=Stasi?

Um Datenmissbrauch zu bekämpfen, forderte Christian Nürnberger letzte Woche im SZ-Magazin: Facebook verstaatlichen, Google zerschlagen. Aber so einfach ist es nicht, kontert Sascha Lobo heute.

„Weil der Essayist spürt, dass diese anekdotische Evidenz irgendwie nicht reicht, setzt er das Mittel der Großbehauptung ein. Zum Beispiel vergleicht er das Quartett Google, Apple, Facebook, Amazon mit der Stasi und bezeichnet sie – ideologisch interessant über Kreuz konstruiert – gleichzeitig als Teil einer »neoliberalen Mafia«. Das sollte keinen Zweifel mehr daran lassen, wer hier die Welt schlechter macht und deshalb zu bekämpfen ist. Leider führen solche dahingeworfenen Großbehauptungen dazu, dass der Kern der Problematik in der digitalen Welt weder beschrieben noch für den Leser erkennbar wird. Hauptsache, das Publikum fühlt sich in seiner diffusen Ablehnung irgendwie bestätigt. Probleme, deren Komplexität über ein Bauchgefühl hinausgeht, kommen so gar nicht erst zur Sprache. Die Diskussion um Google Street View im Jahr 2010 verdeutlichte es mustergültig: Die Republik debattierte, ob ein Konzern Fotos von öffentlichen Fassaden veröffentlichen darf. So wurde der Volkszorn auf einen Nebenkriegsschauplatz gelenkt, wo er verpuffte und mit der Verpixelung von Häuserfronten besänftigt wurde – eine Farce angesichts der Daten, die etwa Google Earth über private Grundstücke preisgibt“, schreibt Lobo.

Die Forderung, europäische Versionen von Google und Facebook direkt über eine Mediensteuer zu finanzieren, sei schlicht gefährlich:

„Eine solche Konstruktion würde den unmittelbaren Einfluss der Politik auf die Internetplattformen zementieren. Es kann aber in niemandes Interesse sein, einen übergroßen Einfluss amerikanischer Konzerne auf die digitale Öffentlichkeit einzutauschen gegen einen übergroßen Einfluss des Staates. Dessen Apparate haben in jüngster Zeit oft genug gezeigt, dass sie der Verlockung, die Menschen digital auszuspähen, nicht besonders gut widerstehen können. Nach Ansicht vieler Experten hat der Staatstrojaner die Verfassung gebrochen. Und die Polizei in Dresden hat die Handydaten eines ganzen Stadtviertels heimlich ausgelesen, weil dort eine Demonstration gegen Rechtsradikalismus stattfand. Grundgesetz und Verfassungsgericht begrenzen – aus naheliegenden historischen Gründen – den Einfluss des Staates auf die Privatsphäre. Und dann soll die Privatsphäre der Zukunft auf staatlichen Servern stattfinden“, fragt sich Lobo.

Desinformierte Essays seien Teil des Problems, nicht Teil der Lösung. Wie die blödsinnige Kampagne der staatlichen Datenschützer gegen Social Plugins. Siehe auch: Wie Facebook unsere Daten verspeist: Zwingt man Zuckerberg mit Datenschutz in die Knie?

Sollte sich der Düsseldorfer Kreis mit seinen Attacken gegen Like-Button und Google+ durchsetzen, habe ich allerdings ein probates Gegenmittel auf meinem Schreibtisch. Den „Gefällt mir“-Stempel. Da kann ich dann weiter Liken, werter Herr Weichert.

Ich selbst habe mich heute mit Kundenservice in der App-Economy beschäftigt. Da gibt es in Deutschland ja auch noch nicht sonderlich viele gute Beispiele. Aber in anderen Ländern….

Der verpixelte Kindermädchenstaat

Jeff Jarvis ist zurecht über die Anti-Street-View-Hysterie empört. „Deutschland, Du hast Deine Städte entweiht. Du hast die Zahl Deiner öffentlichen Orte verringert und sie entwertet. Du hast Deine Öffentlichkeit beraubt. Und Du hast einen gefährlichen Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen“, so Jarvis in einem Beitrag für Zeit online. Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen einem digitalen und einem realen Rundgang durch eine Stadt? Ich laufe jeden Tag an einer Vielzahl von Häusern vorbei, kann mir die Vorgärten und auch die Architektur anschauen. Wer das verhindern möchte, könnte sich neben der digitalen Verpixelung ja noch eine Plastikfolie über das Haus ziehen, wie man sie von Toilettenfenstern kennt. Da kommt man dann ästhetisch auf eine Außenwirkung, über die sich Jarvis aus gutem Grund ärgert.

Woher kommt also dieser deutsche Verpixelungssonderweg? Jarvis hat die Klage gehört, dass Google mit seinen Bemühungen, das Straßennetz zu kartieren und zu fotografieren, nur Geld verdienen will. „Dabei fotografiert auch die deutsche Regierung das Land und verkauft die Daten (wie der Bundesinnenminister mir via Videobotschaft mitgeteilt hat, gs). Telefonbuch.de von T-Mobile listet nicht nur Namen und Telefonnummern der Bürger auf, sondern es zeigt auch Luftaufnahmen ihrer Häuser und Höfe – aus vier verschiedenen Perspektiven. Sightwalk.de tut dasselbe wie Google Street View. Wer protestiert dagegen? Liegt es daran, dass Google ein amerikanisches Unternehmen ist? Ich hoffe nicht“, schreibt Jarvis.

Vielleicht liegt es auch daran, dass es für die politischen Jägerzaun-Rebellen in Deutschland so schön risikolos ist, sich mit einem amerikanischen Technologie-Unternehmen anzulegen, um der Internetwelt zu zeigen, dass es man als Staat handlungsfähig bleibt. Können wir aber mit dieser Mentalität innovative Web-Technologien entwickeln, nutzen und veredeln? Wohl kaum. Wir können uns diese deppenhafte Rückwärtsgewandtheit einfach nicht mehr leisten. Aus Angst vor dem Unbekannten verschwenden unsere politischen Meinungsführer zuviel Energie, um jede Neuheit mit den Denkmustern von vorgestern abzuwehren. Als Beispiel benennt Jarvis die vorauseilende Ablehnung der staatlichen Hüter der Privatsphäre bei der Kombination von Geotechnologie und Gesichtserkennung.

„Aber womöglich können solche Technologien genutzt werden, um nach Katastrophen wie Katrina oder dem Erdbeben in Haiti Menschen wieder zu finden. Wie kann ein Politiker so voreilig verfügen, wie neue Technologien nicht genutzt werden dürfen“, fragt sich Jarvis. Und verdammt noch mal, wenn ich das als Privatperson nutzen möchte, brauche keine behördlichen Kindermädchen, die mir vorschreiben, was für mich gut oder schlecht sei. Wo fängt die fürsorgliche Umarmung des Staates an und wo hört sie auf? Offenbar halten Politiker wie Ilse Aigner die Bürger für Volltrottel, der ohne Anweisungen, Verbote und gesetzlichen Regeln in sein Verderben stolpert. Das Ganze ist ein rabulistischer Trick des Staates.

Mit den inflationären Präventionsmaßnahmen erteilt sich der Kindermädchen-Staat eine Blankovollmacht für Eingriffe ins Privatleben. Egal, ob es um Datenschutz, Rauchverbote, Ernährung, Energieverbrauch oder Bildung geht. Vielleicht bin ich schon ein Opfer der Social Media-Sucht und muss daher vor mir selber beschützt werden. Dann kommt die Ilse und sagt, wie ich das Internet gefälligst zu nutzen habe (bei den Netzsperren schwingt diese Geisteshaltung doch schon mit). Und die Probleme gehen niemals aus, um neue Regeln zu schaffen.

„Es können laufend neue hinzudefiniert werden. Irgendwann gehört jeder zu einer Problemgruppe. Was ist mit den Fernsehsüchtigen, den Autosüchtigen, den Kaufsüchtigen? Verdienen sie nicht ebenso Zuwendung, Beratung und Hilfe wie Raucher und Übergewichtige? Seit neuestem soll sogar die Raffgier, die sich in exzessiven Gehältern mancher Manager manifestiert, staatlich reguliert werden“, schreiben Dirk Maxeiner und Michael Miersch in dem Merkur-Sonderheft „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen – Über Freiheit und Paternalismus“.

Die Tendenz, Deutschland (und die EU) in einen Kindergarten zu verwandeln, „greift die Fähigkeit des Einzelnen an, Situationen richtig einzuschätzen und sich dementsprechend zu verhalten“, kritisiert die Schriftstellerin Thea Dorn. Das fängt bei der Beleuchtung meiner vier Wände an (Glühbirnen-Verbot – die kaufe ich allerdings weiter in Bosnien ein, hähä) und hört bei Sondersteuern auf, um den Konsum von Schokolade, Eis und süßer Limonade fiskalisch zu bestrafen. Immanuel Kant, so Maxeiner und Miersch, konnte von den Begründungsmöglichkeiten eines autoritären Fürsorgestaates noch nichts ahnen, aber den menschlichen Hang, sich vermeintlich höherer Einsicht zu beugen sah er klar: „Es ist so bequem unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger (oder Datenschützer, gs), der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurtheilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“ Typisch deutsch, ach nee, in Brüssel ist es ja ähnlich.

Man kann den Street View-Dienst aber auch ganz anders sehen:

Die reichen Erben der Glühbirne und warum Verbraucher ein Lichtdiplom erwerben sollten

GlühbirneÜber die Merkwürdigkeiten, die faktisch zum Verbot der Glühbirne geführt haben, habe ich hier ja schon einiges geschrieben. Der Geschäftsführer der ZVEI-Fachverbände meint doch allen Ernstes, es gebe gar kein Glühbirnen-Verbot. Es seien nur die „Mindestanforderungen an Leuchtmittel“ verschärft worden. Das ist wohl der Gipfel der Rabulistik. Faktisch dürfen Glühbirnen nicht mehr in Verkehr gebracht werden, wie es so schön im Bürokratendeutsch heißt. Nur die Altbestände dürfen noch verkauft werden. Das ist nichts anderes als ein Verbot. Denn wenn Händler gegen das Vertriebsverbot verstoßen, setzt es satte Strafen. Wir Verbraucher können allerdings Glühbirnen kaufen und müssen nicht mit der Einweisung in eine Glühbirnen-Umerziehungsanstalt rechnen, wie großzügig von der EU.

Was vielen Verbrauchern vielleicht nicht so klar ist, dass die so genannten Energiesparlampen, die in Testergebnissen teilweise miserabel abgeschnitten haben, keine Lampen für den universellen Einsatz mehr sind. Diese Dinger können nicht mit einem kontinuierlichen Spektrum dienen, sondern kommen mit drei hohen, relativ engen Farbspitzen von Rot, Grün und Blau daher, wie die vdi-nachrichten darlegen. Im Bad, fürs Lesen, Klavierspieln oder über dem Esstisch müsse man jetzt stärker auf die Lichtfarbe achten. Osram und Co. können doch frohlocken – das verheißt satte Neugeschäfte, denn der Handel sei jetzt gefragt, den Kunden eine entsprechende Auswahl zu bieten. Die Käufer müssen neben der Leistung in Watt auch die Lichtfarbe in Kelvin und die Lichtausbeute in Lumen pro Watt berücksichtigen. Im Physikunterricht nicht aufgepasst? Tja, Pech gehabt. Dann muss man wohl noch einen Lichtberater einschalten, der hier für die richtige Beleuchtung sorgt.
Das Ganze stinkt doch zum Himmel und der Verbraucher muss hier wohl eine berufliche Nachqualifikation als Lichtdesigner absolvieren. Geht Euch jetzt ein Licht auf????