Sind CIOs Social Media-Blockierer? Es ist wohl eher das Personalmanagement

Regeln

Nach wie vor schwirren Meldungen im Internet herum, wonach 90 Prozent aller CIOs den Einsatz von Facebook und Co. im Unternehmen unterbinden. „Völliger Quatsch“, meint Computerwoche-Autor Dietmar Müller in einem Beitrag, der im vergangenen Jahr erschien.

„Mittlerweile nutzen fast alle Angestellten in der einen oder anderen Form Social Media. Die Uni St. Gallen – eine der Eliteinstitute in Europa – prognostizierte nun, dass wir erst die Spitze des Eisberges gesehen haben.“

Die Uni stützt sich dabei auf eine Studie mit dem Titel „Social Media Excellence“, die man im Auftrag von Conrad Caine durchgeführt hat. Dafür wurden rund 100 Executives aus den 500 größten und umsatzstärksten Unternehmen in persönlichen Interviews befragt.

Nun ja, aber dann kommen in den Ergebnissen der „Elite-Universität“ zugleich eine Reihe von Einschränkungen.

Social Media werde überwiegend für Marketing- und Unternehmenskommunikation eingesetzt. Mögliche Wertschöpfungspotenziale in Customer Relationship Management, Personalwesen sowie Innovations- und Vertriebsprozessen werden bisher kaum ausgeschöpft.

Dann folgt etwas, was man als Kunde jeden Tag im Netz beobachten kann:

„Die Integration von Social Media in Geschäftsprozesse findet meist nur durch Insellösungen statt. Insbesondere in der Marken- (82%) und der Produktkommunikation (62 Prozent) sind Prozessverzahnungen vorhanden. Allerdings meist zur ‚Verlängerung‘ bestehender Kommunikationsprozesse, die in ihrer nicht dialogischen Ausrichtung häufig an der Interessenlage der externen Zielgruppen (also och icke als Kunde, gs) vorbei gehen oder teilweise sogar als Störung empfunden werden.“

Die Kommunikation der Unternehmen im Kontext „Social Media“ sei vielfach noch nicht auf Interaktion ausgelegt.

„Ein ‚echter‘ nachhaltiger Dialog ist nur in Einzelfällen etabliert. Gefordert ist eine Anpassung der Kommunikationslogik an den neuen Mediencharakter“, heißt es etwas gestelzt.

Und genau das ist ja ein klarer Indikator für die Social Media-Verweigerung der Unternehmensorganisationen. Ob jetzt die Nutzung von sozialen Netzwerken ausdrücklich verboten wird oder nicht. Häufig entsprechen die Bekenntnisse in den Umfragen nur dem sozial Erwünschten. Jedes Verbot von Facebook, Twitter oder Youtube am Arbeitsplatz gehe durch die Autarkie bei der Nutzung der eigenen mobilen Geräte sowieso ins Leere, sagt IT-Fachmann Udo Nadolski vom Beratungshaus Harvey Nash in Düsseldorf.

Die weltweite CIO-Umfrage von Harvey Nash aus dem vergangenen Jahr bestätigt übrigens die Eingangsbemerkung des Computerwoche-Autors, dass es kaum Verbote beim Einsatz von Social Media gibt. 82 Prozent der IT-Chefs gewähren ihren Mitarbeitern Zugriff auf Facebook, Twitter, Youtube und Linkedln. Aber dann kommt eben wieder die kleine aber bedeutsame Einschränkung: Fast ebenso viele sind davon überzeugt, soziale Netzwerke in gewissem Maße kontrollieren zu können. Letzteres dürfte sich ebenfalls als Illusion herausstellen:

„Auch die Kontrolle von Social Media ist absoluter Schwachsinn, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich verstehe den Wunsch der Kontrolle. Das ist gezielt aber schon technologisch nicht möglich. Die Antwort im Umgang mit Social Media liegt in der Unternehmenskultur. Wir zum Beispiel haben die Nutzung unbeschränkt freigegeben. Der von uns konzipierte Leitfaden ist nur eine Orientierungshilfe. Eine Law & Order-Orientierung ist zum Scheitern verurteilt“, betont Nadolski.

Der Einsatz von sozialen Netzwerken dürfe nicht auf irgendwelche Inseln im Unternehmen beschränkt werden.

„Die gesamte Unternehmensorganisation vom Vorstandschef, über den CIO bis zum Mitarbeiter muss lernen, nach den Prinzipien des Social Web zu arbeiten. Wer heute die sozialen Effekte des Netzes geringschätzt oder als irrelevant bezeichnet, der wird schon morgen oder übermorgen nicht mehr zu den innovativen Mitspielern zählen“, resümiert Nadolski.

Oder in Anlehnung an das Interview mit Professor Wippermann vom Trendbüro in Hamburg: Den Lippenbekenntnissen müssen nun mal so langsam Taten folgen. Es reicht eben nicht aus, Social Media-Silos in der IT-Abteilung, Kommunikation, im Vertrieb oder Marketing zu errichten. Das Personalmanagement ist gefragt, um die gesamte Unternehmensorganisation auf die Netzwerkökonomie auszurichten. Und genau an dieser Stelle gibt es die größten Widerstände. Und das könnte nach den Erfahrungen von Wippermann noch bis zu 20 Jahren dauern.

Harvey Nash hat übrigens die CIO-Umfrage 2013 schon gestartet. IT-Führungskräfte können also dort wieder ihre Meinung kundtun zur Themen-Agenda ihres Fachbereichs.

Siehe auch:

Schein und Sein der vernetzten Ökonomie: Deutschland braucht noch 20 Jahre – Interview mit Professor Peter Wippermann vom Trendbüro in Hamburg.

Denn sie wissen nicht, was sie tun: Call Center im Blindflug

Call Center im Blindflug

Harald Henn hatte wohl das gleiche Magazin im Briefkasten wie ich. Denn auf Facebook schreibt er:

„Sink oder swim? Die Zeitschrift Teletalk beschreibt in ihrer neuen Ausgabe die Versäumnisse der Call Center-Betreiber – Basis eine Studie von Dimension Data. So, nun sagt es dann auch mal einer offiziell, was schon seit einem Jahr von Zeitgenossen wie Sascha Lobo, Gunnar Sohn und meiner Wenigkeit propagiert wird (ich sage dat doch schon viel länger…gs). Die heutigen Call Center sind vielfach nicht mehr zeitgemäss aufgestellt. Die Vernetzung mit Self Service, Apps, Social Media, Communities ist verschlafen worden, eine Positionierung zu ‚Mehr Wert Schaffen für die Kunden‘ ebenfalls. Na ja, vieleicht hilft die Studie ja beim wachrütteln.“

Da bin ich weniger optimistisch. Besonders erschreckend an dem Zahlenwerk aus der weltweiten Dimension Data-Befragung ist die Tatsache, dass die Telefon-Junkies gar nicht wissen, was sie tun. Die Stimme des Kunden stehe nicht im Fokus, sondern Effizienz (was immer das zu bedeuten hat) und Kostenreduktion. Im Großen und Ganzen befinden sich die Anbieter im Blindflug. Für Kontakte im Internet, Webchat und in sozialen Netzwerken werden kaum Informationen gesammelt. Ist ja auch schwieriger als diese merkwürdigen Aufzeichnungen von Telefonaten.

Siehe auch:

Communities als Servicekanal der Zukunft.

Sascha Lobo, Call Center und der Nutzen von Open Service-Strategien.

Wo ist die Service Intelligence? Über Vernetzungstrends im Kundendienst.

Ich sag mal so am Rande: Der TeleTalk-Artikel ist überflutet von überflüssigen Wortwiederholungen. Etwas mehr literarische Begeisterung beim Schreiben täte auch Beiträgen in Fachzeitschriften gut. Wenn Call Center befragt werden, sollte dem Leser klar sein, dass sich die Umfrage um Call Center dreht. Man muss also nicht in jedem dritten Satz den Begriff „Call Center“ wiederholen. Genauso blöd ist das Wort „Kanal“. Kommt auch x-fach in diesem Opus vor.

Regierungschefs sind übrigens schon etwas weiter als die Hotline-Gichtlinge.

Digitales Mittelmaß: Deutschland leidet wie eine Großbuchhandlung unter der neuen Zeit

Mehr Vernetzung bitte

Eine aktuelle Studie belegt erneut:

„Die Ablehnung von Facebook, Twitter & Co. ist in Deutschland höher als in allen anderen Industrienationen“, schreibt Michael Kroker in seinem Wiwo-Blog.

Die weltweite Nummer eins mit einem Online-Netzwerker-Anteil von 52 Prozent aller Erwachsenen sei Großbritannien – noch vor den USA und Russland, wo jeweils die Hälfte der Befragten soziale Netzwerke nutzen.

„Deutschland rangiert dagegen am unteren Ende der Skala. Zwar ist der Nutzungsgrad von 34 Prozent aller Erwachsener noch im unteren Mittelfeld. Doch der Anteil der Verweigerer von sozialen Netzwerken ist mit 46 Prozent der Befragten der höchste unter allen betrachteten Staaten. Damit erweist sich einmal mehr: Bei der Nutzung neuer Technologien ist Deutschland weiterhin ein Entwicklungsland, insbesondere im Vergleich mit anderen Industrienationen“, so Kroker.

Dann darf man sich natürlich auch nicht wundern, dass wir auch mit dem Breitbandausbau nicht vorankommen. Außer Lippenbekenntnissen der Deutschland AG und gegenseitiges Schulterklopfen auf den IT-Gipfeln gibt es kein entschlossenes Engagement für schnelles Internet. Auch wird die Notwendigkeit nicht gesehen, die vernetzte Ökonomie auf die Themen-Agenda zu setzen.

Darüber diskutierten wir ja am Montag in der ersten Session unseres Blogger Camps.

Das dürfte sich irgendwann rächen. Deutschland habe ein Problem mit der Neuerfindung, schreibt Gunter Dueck in seiner aktuellen Informatik Spektrum-Kolumne:

„Staaten wie Singapur oder Südkorea streben auf, China, Indien und Brasilien ebenfalls. Sie erfinden wie Neugründungen, aber wir hier müssen uns neuerfunden. Wir sind vermeintlich noch ‚Made in Germany‘, wir sind im Traum noch ’soziale Marktwirtschaft‘ und nach Ansicht anderer das ‚Land der Dichter und Denker‘. Das sind wir alles nicht mehr, aber wir erinnern uns noch daran, also scheint es noch so zu sein“, erklärt Dueck.

Und wir geben 163 000 Euro für sinnlose Gutachten aus, die von einer Renaissance der Industrie fabulieren – in Auftrag gegeben vom Bundeswirtschaftsministerium. Als digitale und vernetzte Ökonomie wird uns aber nur noch Mittelmäßigkeit bescheinigt. Das würden wir leider ignorieren, so Dueck, „solange der mehr süddeutsche Maschinenbau uns alle über Wasser hält“. Deutschland als Ganzes leide wie eine Großbuchhandlung oder ein Riesen-Elektronikmarkt unter der neuen Zeit – und wagt sich immer noch nicht wirklich hinein. Warum erklären wir uns nicht als Land der Innovationen für neue Technologien – Bio, Solar, Medizin, Nano, IT, Spezialmaschinen mit den entsprechenden Konsequenzen für den Ausbau der Vernetzung. Die Projekte müssen ehrgeiziger werden!

Einen kleinen Anfang wollen wir bis zum Mai realisieren:

Masterplan für schnelles Internet: Kanzleramt, wir kommen! #BloggerCamp

Alte Eisen glühen noch – Bekenntnisse eines C 64-Veteranen

Für den Arbeitsmarkt zähle ich ja mit meinen 51 Lenzen schon längst zum alten Eisen – zumindest in der Welt der Angestellten. Vor einigen Jahren gab es ja den Trend, die über 50jährigen mehr oder weniger aus den Betrieben rauszudrängen. Das Phänomen machte bekanntlich auch vor Zeitungsredaktionen nicht halt. Folge: Es fehlen erfahrene Redakteure, die den Jüngeren mit Rat und Tat zur Seite stehen. Gott-sei-Dank bin ich seit gut 13 Jahren freiberuflich tätig und muss mich nicht mehr um die merkwürdige Personalpolitik in der Wirtschaft scheren. Mit der Überalterung der Gesellschaft wird sich auch bei der Rekrutierung in Zukunft einiges ändern – auch wenn das in den Köpfen von Führungskräften noch nicht so ganz angekommen ist.

Laut forsa-Umfrage meinen 77 Prozent der Jungen, dass Ältere im Beruf Probleme mit neuen Technologien und Kommunikationsformen haben. Das bestätigen aber nur 54 Prozent der Alten. Die sogenannten Silver Surfer sind derzeit die am schnellsten wachsende Gruppe im Internet – schon das untermauert, dass Ältere durchaus technikaffin sind.

„Ob Chinesisch oder die neue Buchhaltungssoftware: Alte können sich alles zutrauen“, erklärt Margaret Heckel, Autorin des Buches „Midlife-Boomer“

Leider bleiben ältere Bewerber in den Technologie-Berufen auf der Strecke, kritisiert Maxiilian Nobis von IT-Personaldienstleister Harvey Nash: „Eine vertane Chance für die Unternehmen. Die Vorteile dagegen werden kaum gesehen.“

Die Älteren schaffen es oft nicht einmal bis zum Bewerbungsgespräch.

„Der passt nicht ins Team“ heiße es dann, berichtet Nobis. Gemeint ist: Der jeweilige Chef – selbst Mitte 30 – will keinen Mitarbeiter, der mehr Erfahrung hat, ihn womöglich nicht akzeptiert und damit nicht steuerbar ist. „Ein älterer Mitarbeiter hat größere Auswirkungen auf ein Team als eine Nachwuchskraft. Er findet schneller Gehör und ist in der Regel sehr präsent“, sagt der IT-Personalexperte. Natürlich sei es eine berechtigte Frage, wie gut sich ein Bewerber integrieren kann. „Aber das ist letztlich nicht vom Alter abhängig, sondern vom Charakter.“

Das Thema habe ich etwas ausführlicher in einer Meldung für NeueNachricht aufgegriffen:

Midlife-Boomer auf dem Arbeitsmarkt nicht abschreiben – Ältere Arbeitnehmer bieten großes Potenzial.

Und zur nächsten republica werde ich auch wieder erscheinen, trotz meines hohen Alters 🙂

Findet diesmal vom 6. bis 8. Mai statt – da hat ja meine Mutter Geburtstag. Kann ich ja mit einem Besuch kombinieren. Meine Mutti ist übrigens mit ihren 82 Jahren auch noch sehr rüstig.

Gesprengte Hierarchien: Wie Social Media die Unternehmenswelt verändern könnte

Mikroblogging-Dienst Twitter entwickelt sich zur 7/24 Pressekonferenz für VIP´s. Darauf verweist Ityx-Manager Andreas Klug in einem Blogpost.

„Der noch vor 2 Jahren als ‚Wackelkandidat des Social Media Hypes’ gehandelte Echtzeit-Ticker wächst. Die CEO´s der Fortune 500 Unternehmen hingegen sind äußerst zurückhaltend mit der Nutzung von Twitter. Gerade neun von ihnen twittern aktiv. 19 sind überhaupt nur angemeldet. So die Erkenntnisse aus dem Fortune 500 Social CEO Index Report.“

Holger Schmidt hat in seinem Beitrag „Twittern für die Karriere“ aber genauer hingeschaut. Der Blick ins mittlere Management – in der Regel mit den sechsstelligen Jahresgehältern – offenbare ein ganz anderes Bild.

„Vier von fünf Managern in deutschen Unternehmen nutzen regelmäßig soziale Netzwerke.“

Die Social Media-Inaktivität der Unternehmenschefs, die aus dem Fortune-Report hervorgeht, steht im Widerspruch zu einer Studie von IBM (kann man nach einer Registrierung kostenlos herunterladen). Demnach ist den meisten CEOs schon klar, dass die sozialen Technologien zu einer grundlegenden Veränderung im Zusammenspiel mit Mitarbeitern, Kunden und Konkurrenten führen.

Notwendig werde auch mehr Offenheit. Vorstandschef rechnen damit, dass künftig noch größere Transparenz nötig ist und sie ihr Unternehmen für die stärkere interne und externe Zusammenarbeit öffnen müssen:

„Sie erwarten Innovation durch die Vielfältigkeit der Ideen und den ungehinderten Austausch der Gedanken. Sie wollen ihre Mitarbeiter als ‚Marktforscher‘ vernetzen, um Veränderungen besser wahrnehmen und schnell darauf reagieren zu können. Indem sie ihre Mitarbeiter in die Lage versetzen, ihre eigenen Ideen in die Tat umzusetzen, stärken sie deren Eigenverantwortung, Eigeninitiative und Bindung an das Unternehmen. Durch die Vorbereitung und Ausrüstung der Mitarbeiter auf das Arbeiten in einer offenen Umgebung rüsten sie die Multiplikatoren, die das Unternehmen nach außen repräsentieren“, so die IBM-Studie.

Generation E-Mail

Da heute immer mehr Mitarbeiter in ihrer Freizeit Social Media nutzen, erscheinen den Top-Managern traditionelle Werkzeuge für die Zusammenarbeit im Unternehmen veraltet und unzulänglich.

„Um die neue Generation von Mitarbeitern anzusprechen, müssen wir unsere Kommunikationsmethoden ändern“, so der CEO einer Bank aus Argentinien. „Wir sind die ‚Generation E-Mail‘ – sie sind die ‚Generation soziale Netzwerke‘.“

Diese Befunde liegen auf der gleichen Linie wie die weltweite CIO-Umfrage von Harvey Nash.

„Es ist zwar ein Buzzword, aber wir dürfen uns davor nicht verschließen. Wir leben in einer Welt, die zunehmend von der so genannten Generation Y geprägt wird. Und die findet man nicht in der Telefonzelle, sondern auf Twitter oder Facebook. Das gilt für die Beziehungen zu Kunden, wie für die Unternehmenskultur. Im Büro fragen sich die Mitarbeiter, warum sie Social Media nicht auch hier nutzen können. Daraus entsteht für die Unternehmen ein ganz großer Zwang, das privat Nutzungsverhalten im Social Web in die berufliche Welt zu transferieren. Und das hört am Arbeitsplatz nicht auf. Wir erleben eine soziale Orientierung fast aller Geschäftsmodelle“, erläutert Udo Nadolski, Deutschlandchef von Harvey Nash.

Gleiches gelte gesamtwirtschaftlich. Wer heute die sozialen Effekte des Netzes geringschätzt oder als irrelevant bezeichne, der werde schon morgen oder übermorgen nicht mehr zu den innovativen Mitspielern zählen. Die Netzwerk-Ökonomie sei bereits vor Jahrzehnten vorgezeichnet worden und wurde müde belächelt.

„Jetzt sollten sich die konservativen Köpfe der Wirtschaft eher schräge Gedanken über neue Wege und Methoden im Geschäftsleben machen. Sonst werden sie von der nächsten Bugwelle weggespült. In der Energiewirtschaft ist das spürbar. Wenn wir in eine soziale Orientierung gehen, bedeutet das eine Kundenbindung auf beiden Seiten. Die Kundenbindung erzeuge ich durch Wertschätzung, Echtheit und Transparenz. Das muss ich als Unternehmen in der Informations- und Kommunikationspolitik berücksichtigen. Die Generation Y glaubt uns sowieso nicht, was in unseren Hochglanzbroschüren steht“, so Nadolski.

Nach der CIO-Umfrage von Harvey Nash gewähren 82 Prozent der IT-Chefs ihren Mitarbeitern Zugriff auf Facebook, Twitter, Youtube und Linkedln. Fast ebenso viele sind davon überzeugt, soziale Netzwerke in gewissem Maße kontrollieren zu können. Letzteres dürfte sich als Illussion herausstellen:

Kontrolle von Social Media absoluter Schwachsinn

„Die Kontrolle von Social Media ist absoluter Schwachsinn, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich verstehe den Wunsch der Kontrolle. Das ist gezielt aber schon technologisch nicht möglich. Die Antwort im Umgang mit Social Media liegt in der Unternehmenskultur. Wir zum Beispiel haben die Nutzung unbeschränkt freigegeben. Der von uns konzipierte Leitfaden ist nur eine Orientierungshilfe. Eine Law & Order-Orientierung ist zum Scheitern verurteilt“, betont Nadolski.

Diese Erkenntnisse sind auch auf den Chefetagen angekommen. Fragt sich nur, ob auch Taten folgen. Nach der IBM-Studie denken CEOs über grundlegende Veränderungen der Organisationsstrukturen nach.

„In einer Welt des raschen Wandels müssen wir die ungehinderte Kommunikation fördern und Hierarchieebenen abschaffen, um schnell agieren zu können“, erklärte der CEO eines japanischen Anbieters von Professional Services. Der CEO eines Versicherungsunternehmens aus der Karibik formulierte es noch unverblümter: „Wir müssen die Hierarchie sprengen, damit Ideen einfacher entstehen können.“

Angeblich planen 52 Prozent der von IBM befragten CEOs erhebliche Änderungen in ihrem Unternehmen, um die interne Zusammenarbeit zu verbessern. In einigen Branchen sind es sogar noch mehr: 63 Prozent bei Professional Services, 60 Prozent im Gesundheitswesen und jeweils 59 Prozent im Bildungswesen und in der Automobilindustrie. Die Führungskräfte gehen davon aus, dass soziale Netzwerke in den nächsten fünf Jahren Websites, Call Center und Vertriebspartner überholen und nach der persönlichen Ansprache durch den Vertrieb der zweitwichtigste Kommunikationsweg werden.

Wunsch und Wirklichkeit

Soweit das Wunschdenken der Vorstandschef. Die Realität sieht anders aus. Erst 43 Prozent der weltweit im Auftrag von Genesys befragten Unternehmen hat im vergangenen Jahr mit der Nutzung von Social Media begonnen. Nur elf Prozent nutzen soziale Netzwerke seit drei Jahren oder länger für die Kommunikation mit Kunden. Angesichts der allgegenwärtigen Nutzung von Mobilgeräten und Social Media wie Facebook und Twitter sei es alarmierend, dass viele Unternehmen die Relevanz der neuen Kommunikationsformen zu spät erkennen und die Zuständigkeiten nicht geklärt haben, so der Genesys-Vorstandschef Paul Segre.

Führungskräfte seien wohl noch immer der Ansicht, dass sie die Kommunikation im Social Web kontrollieren können, spekuliert die Marketing-Professorin Donna Hoffman von der University of California Riverside.

„Viele gehen so vor, dass sie ein kleines Team für Social Media ernennen und die Situation damit als erledigt betrachten. So ist es nicht.”

Insofern ist die IBM-Studie wohl etwas zu optimistisch, wenn man sich den Veränderungswillen der Vorstandschef im Alltagsgeschäft anschaut.

Siehe auch:

Mehr als die Summe der Teile – Social Media als fester Bestandteil der Unternehmenskommunikation.

Passend dazu: „Die Generation Y ändert die Unternehmen“. Interview mit Thomas Sigi, Personalvorstand bei Audi. Seine Aussagen:

„Insgesamt sind die Jungen eben sehr pragmatisch und kooperativ, sie denken in Netzwerken. Jemand, der oben sitzt und Befehle erteilt, passt da nicht ins Bild. Sie suchen Lösungen lieber in einer Community, nicht bei den Autoritäten. In einer großen internationalen Studie zur Generation Y gab es deutlich über 40 Prozent Zustimmung zu der Aussage ‚Ich frage denjenigen, der mir helfen kann, ansatzweise werden die formellen Strukturen beachtet‘. Das ist ziemlich charakteristisch.“

Oder:

„Beide Seiten werden sich anpassen müssen – deshalb ist es ja so entscheidend zu wissen, was diese Generation antreibt. Sie will flache Hierarchien, wenig Autoritäten, im Mittelpunkt soll die inhaltliche Aufgabe und nicht die Arbeitszeit stehen. Daneben sind ihnen selbständiges Arbeiten, Selbstverwirklichung und Gestaltungsspielräume wichtig – allerdings eher im Rahmen konkreter Projekte, nicht prinzipieller gesellschaftlicher Veränderungen. Diese Generation will nicht mehr die Welt verändern, sondern ein kleines bisschen besser machen. So wie ein Update für eine Software, die im Grunde gut funktioniert.“