Proaktive weiße Schwäne implementieren alternativlos semantische Nebelkerzen zur Optimierung von Prozessen


Da stellt man sich jeden Tag gut oder neu auf, optimiert Prozesse, reduziert Kosten, implementiert semantische Nebelkerzen: Was Politiker von der antiken Lehre der Rhetorik auch heute noch lernen können, ist bei Lord Chesterfield nachzulesen. Eine Ode an die Zeiten vor Powerpoint und Co. Gestern hatte ich mich ja mit den fünf Typologien der Powerpoint-Sabbler beschäftigt. Heute nun ein etwas längeres Opus auf den Spuren von Philip Dormer Stanhope – erschienen im Debattenmagazin „The European“.

Das zweibändige Werk „Briefe an seinen Sohn“ von Lord Chesterfield gibt es übrigens in einer vorzüglichen Ausgabe im legendären Georg Müller Verlag. Und selbstredend ist das Wer in der von Otto Julius Bierbaum gegründeten Reihe „Die Bücherei der Abtei Thelem“ erschienen – im Jahr 1912. Abtei Thelem? Da war doch was? Für den Thelemiten-Geheimorden anarchischer Literatur sind das jetzt genügend Hinweise, liebwerteste Gichtlinge. Tipps kann man auch den Tags entnehmen 😉

Chief Guerilla Officer statt Schreihälse

Meine Montagskolumne für „The European“ beschäftigt sich mit Schreihälsen, neurotischen Diktatoren, Brüllern und Borderliner:
In vielen Organisationen herrscht eine cholerische Macht- und Positionselite. Politik und Wirtschaft versäumen es so, sich auf die neuen Chancen digitaler Kommunikation einzulassen – und die würde Märkte schaffen.

Und nicht nur das. Sie würde die Motivation der Belegschaft steigern. Ein probates Mittel gegen die innere Kündigung und den Dienst nach Vorschrift. Führungskräfte sollten sich am liebwertesten Gichtling Rabelais orientieren oder einen „Chief Guerilla Officer“ einführen. Man braucht in jedem Unternehmen einen Spinner, der für frischen Wind sorgt, ohne sofort eine Abmahnung zu kassieren. Man kann es auch Antihierarchie, Infragestellen der Autorität, Offenheit, fröhliche Anarchie oder Verspottung aller Dogmen nennen.

Liebwerteste Gichtlinge, am Freitag startet meine Rabelais-Kolumne

Am Freitag startet meine Rabelais-Kolumne für das Debattenmagazin „The European“. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik brauchen eine neue Innovationskultur im Sinne des Renaissance-Denkers Francois Rabelais. Wir brauchen freche Spinner, die für frischen Wind sorgen, ohne sofort eine Abmahnung zu kassieren. Man kann es auch Antihierarchie, infrage stellen der Autorität, Offenheit, fröhliche Anarchie oder Verspottung aller Dogmen nennen. Rabelais hatte ein ausgeprägtes Gespür für das Neue, nicht einfach für Neuheiten und Moden, sondern für das wesentlich Neue, das tatsächlich aus dem Tod des Alten geboren wurde und dem die Zukunft gehört. Rabelais konnte das wirklich Neue aufspüren, auswählen und zeigen. Er war ein schillernder und frecher Impulsgeber seiner Zeit. So begann er eine Rede mit folgender Begrüßung: Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen? In meinem ersten Beitag werde ich mich mit dem „Paternalismus und die deutsche Internet-Provinz“ beschäftigen.

Bedrohen die Dienste von Google und Facebook wirklich die Privatsphäre der Menschen und rechtfertigen staatliche Interventionen, die von Politikern wie der CSU-Bundesministerin Ilse Aigner in steter Regelmäßigkeit gefordert werden? Woher kommen der deutsche Verpixelungs-Sonderweg, die Sehnsucht nach technologisch sinnlosen digitalen Radiergummis und die Angst vor einer harmlosen Tracking-Software wie Google Analytics? Vielleicht liegt es daran, dass es für die politischen Jägerzaun-Regulierer in Deutschland so schön risikolos ist, sich mit Technologie-Giganten in den USA anzulegen, um der Internetwelt zu zeigen, dass man als Staat netzpolitisch handlungsfähig bleibt. In Wahrheit verdeckt die politische Klasse ihre technologische Ahnungslosigkeit. Oder wie es der Wirtschaftswoche-Chefredakteur Roland Tichy in seinem Editorial heute ausdrückte: „Eine kleinmütige Debatte blockiert die Internet-Medien in Deutschland. Es fehlt das Verständnis für die digitale Ökonomie…Wer die Entwicklung der digitalen Kommunikation auf die Frage des Datenschutzes reduziert, darf sich nicht wundern, wenn Deutschland allenfalls die Rolle einer digitalen Kolonie zufällt, ferngesteuert aus dem Silicon Valley.“

Was macht die politische Klasse falsch und wie können wir das ändern? Eure Meinung interessiert mich. Ich werde das am Freitag in der Kolumne gerne aufgreifen.

Liebwerteste Gichtlinge: Rabelais und der Nutzen von Hofnarren für die Wirtschaft

DIE ABTEI THELEM - WIE SIE GARGANTUA FÜR DEN MÖNCH ERBAUEN LIESS IM LAND UTOPIA

Ich bin von der Bonner Marketing-Guerilla interviewt worden. Hier das Ergebnis:

MG: Herr Sohn, haben Strategen und „kontrollierte Manager“ im 21.Jahrhundert ausgedient?

GS: Strategen haben nicht ausgedient. Sie dürfen nur nicht den Regeln von mechanistischen Modellen folgen. Das war schon immer ein Fehler. Erfolgreiche Unternehmer haben das zu allen Zeiten unkonventionell gehandelt. Schnelligkeit, Stärken nutzen, Erfahrung, Urteilskraft, siebter Sinn und Intuition kann man nicht planen. Unternehmerisches Handeln ist nur schwer zu systematisieren. Wie gute Unternehmer handeln und entscheiden, ist häufig von Zufällen abhängig und widerspricht dem ideologischen Weltbild von Planungsfanatikern.

MG: In Ihrem Aufsatz „Narren, Chaoten und Regelbrecher…“ raten Sie Unternehmen unter anderem zu „Drop your Tools“ oder zu einer weniger mechanistischen Sicht- und Handlungsweise. Was sollen Unternehmen damit bezwecken?

GS: Am völligen Versagen der Wirtschaftsforschungsinstitute bei der Vorhersage der Finanzkrise können Sie doch erkennen, wie wenig formelhafte Theorien für das Wirtschaftsleben taugen. Die Dynamisierung der Welt kann man nicht mehr mit den bestehenden Regeln und alten Strukturen im Unternehmen aufhalten. Wer das versucht, landet in der Bürokratiefalle. Notwendig ist vor allen Dingen eine Auflösung der Informations- und Interpretationsmonopole, sonst suchen sich Mitarbeiter andere Wege der Wissensvermittlung. Die Wirtschaft ist kein Feld mehr für neurotische Diktatoren, es ist kein Terrain für Brüller und Schreihälse. Mitarbeiter kann man nicht mehr für dumm verkaufen und zentralistisch von oben nach unten steuern, wie es in Deutschland leider häufig der Fall ist.

MG: Und Sie plädieren ebenfalls dafür, die Funktion des „Narren“ in Unternehmen einzuführen – ähnlich der Funktion des früheren Hofnarren. Nur diese könnten angstfrei die „Außen- und die Innensicht des Unternehmens kritisch beleuchten.“ Mal ehrlich: Ist das für Unternehmen hierzulande wirklich durchführbar, und wenn, ja wie?

GS: Sie müssen sich nicht so sehr an Begriffen wie „Narr“ oder „Hofnarr“ reiben. Sie können ja auch einen „Chief Guerilla Officer“ einführen, was natürlich Blödsinn wäre. Ich meine das metaphorisch. Unternehmen sollten sich eine neue Innovationskultur zulegen und die beruht nun mal auch auf ein wenig Provokation. Sie brauchen in jedem Unternehmen einen geistigen Spinner, der für frischen Wind sorgt, ohne sofort eine Abmahnung zu kassieren. Sie können es auch Antihierarchie, Infragestellen der Autorität, Offenheit, fröhliche Anarchie oder Verspottung aller Dogmen nennen. Sie können sich auch regelmäßig Quälgeister ins Unternehmen einladen. Sie brauchen Persönlichkeiten wie Rabelais, der ein ausgeprägtes Gespür für das Neue hatte, nicht einfach für Neuheiten und Moden, sondern für das wesentlich Neue, das tatsächlich aus dem Tod des Alten geboren wurde und dem die Zukunft gehörte. Rabelais konnte das wirklich Neue aufspüren, auswählen und zeigen. Er war ein schillernder und frecher Impulsgeber der Renaissance. So begann er eine seiner Reden mit folgender Begrüßung: „Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?“. Das sollten Sie bei der nächsten Besprechung mit ihren Chefs mal ausprobieren. Wortspiele, rhetorische Brillanz und sprachliche Experimente werden von Managern viel zu wenig oder gar nicht gewagt. Was folgt ist Langeweile und die ist der Tod der Innovation.