Wie unschuldig sind Algorithmen? #D2030 #FutureHubs @FuturICT

Sind Algorithmen unschuldig und neutral, fragen sich Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski in einem Gastbeitrag für die NZZ und zitieren Mark Zuckerberg, der bei der Debatte über die Verbreitung von Fake News erklärte, es sei schlicht „verrückt“ anzunehmen, seine Firma Facebook habe die US-Wahl beeinflusst, sie stelle nur eine „neutrale Plattform“ dar:

„Auch der CEO der britischen Datenfirma Cambridge Analytica (CA), Alexander Nix, betont die Vorurteilslosigkeit der Technik – zuletzt in seinem Vortrag ‚From Mad Men to Math Men'“, schreiben die Autoren.

Erwähnt wird die These der Mathematikerin Cathy O’Neil: Algorithmen seien „in Code eingebettete Meinungen“. Sie repräsentierten die Werte ihrer Programmierer, operierten per se nicht neutral, würden daher häufig Vorurteile reproduzieren – schliesslich werden die ‚Problemlöser‘ selbst zum Problem.

Ähnlich sieht es der KI-Experte Stefan Holtel.

„Nicht die Algorithmen werden in der KI zu vielen Problemen führen, sondern die Vorurteile, die in den Daten stecken.“

Also Vorurteile, die wir alle in die Daten stecken.

Wenn auf dieser Basis die KI-Systeme ihre unermüdliche Arbeit aufnehmen und Entscheidungen vorbereiten oder sogar selbst treffen, kommt ziemlicher Mist dabei heraus. Kunden, die keinen Kredit mehr bekommen, Versicherte, die Prämienerhöhungen hinnehmen müssen oder gar Netzaktivisten, die als potenzielle Störenfriede der Gesellschaft aussortiert werden. Fast alle Daten, die von Black Box-Maschinen verarbeitet werden, sind von Menschen annotiert worden.

„Wir reichern vermeintlich objektive Daten mit unseren Weltmodellen an. Das wird von keinem Algorithmus hinterfragt“, so Holtel.

Konsequenz: Es fällt uns immer schwerer, die Richtigkeit von Datenberechnungen zu erkennen. Das Ganze ist sogar ein paradiesisches Feld für Trickser, Agitatoren, Autokraten und Machtgierige, sich hinter den Ergebnissen der KI-Maschine zu verstecken und die schmutzigen Entscheidungen auf die Algorithmen zu schieben. Etwa beim Scoring aller Bürgerinnen und Bürger in China. Die Führung der Kommunistischen Partei in Peking installiert „korrekte“ Maschinen als Hausmeister für politische Hygiene. Sozusagen eine Beseelung von toten Apparaten: KI-Maschinen sind wie wir, nur perfekter und unfehlbarer. Der manipulierende Maschinist bleibt dabei unerkannt. Die Drecksarbeit übernehmen Algorithmen – vergleichbar mit der unsauberen Arbeit von Consulting-Firmen, die als Alibi für den Rausschmiss von Mitarbeitern in Unternehmen engagiert werden.

„Wir müssen unser Konzept von Vertrauen in Maschinen überdenken und neu bewerten. Das ist keine technische Frage, sondern eine techniksoziologische und gesellschaftliche, die keine objektive Antwort haben wird, sondern in einem normativen Diskurs entwickelt werden muss“, fordert Holtel.

Sonst entsteht so eine Art Maschinen-Paternalismus. Vergleichbar mit der Einführung der Tabellen-Kalkulation.

„Wie haben uns den Ergebnissen ausgeliefert, die von Excel und Co. ausgespuckt werden. Dabei gibt es eine Vielzahl von Studien, die die Fehlerhaftigkeit von Excel-Tabellen belegen. Wenn wir die einfache Konstruktion einer Tabelle schon nicht verstehen oder kritiklos darauf reagieren, werden wir erst recht nicht verstehen, was in der Interaktion mit Algorithmen abgeht“, mahnt Holtel.

Das berühmteste Beispiel ist das Excel-Chaos der Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, die ein Optimum für die Höhe von Staatsschulden als finanzpolitischen Leitfaden den Staatsregierungen ins Ohr gemauschelt haben. Es sei ein großer Fehler, den Maschinen Fähigkeiten wie Rationalität und Unfehlbarkeit zuzuschreiben, bemerkt Holtel:

„Das speist sich aus unseren täglichen Erfahrungen. Niemand rechnet Excel-Tabellen nach. 2007 gab es im Intel-Prozessor einen Hardware-Fehler, der dazu führte, dass Excel falsch rechnete. Es gibt diese systemischen Fehler sehr häufig, aber Menschen sind kaum in der Lage, diese Risiken einzuschätzen.“

Der Diskurs über Künstliche Intelligenz müsse differenzierter geführt werden.

„Wir sollten durch Aufklärung oder Machteliten-Hacking Verantwortung übernehmen, um diesen Diskurs adäquat zu begleiten“, resümiert Holtel.

Auf der Berliner D2030 Zukunftskonferenz am 6. und 7. Juli wird dieser Aspekt sicherlich zur Sprache kommen.

Siehe auch: Sozialingenieure und ihre Steuerungsinstrumente für eine „wohlwollende“ Diktatur

@DirkHelbing über Datendiktatur oder Mitmachgesellschaft?

Sag es einfach: Im Journalismus und auch anderswo

Einfachheit klingt einfach, ist in Wahrheit aber ein schwerer Brocken des Alltags. Das fängt beim Umgang mit Produkten sowie Diensten an und hört im Journalismus nicht auf. Etwa bei der Vermittlung von sperrigen Themen. Das gemeinnützige New Yorker Recherchebüro Pro Publica experimentiert mit Songs, Musikvideos und Comics, um das zu ändern, berichtet die NZZ heute in ihrem Medienteil („What the frack is going on?“) der manchmal auch etwas sperrig rüberkommt, von mir aber jeden Dienstag zur wöchentlichen Lektüre zählt. Ich mag den Stil der NZZ. Zurück zur NZZ-Story:

„Für Pro Publica liegt das Kriterium für eine gute Geschichte in der Wirkung, die sie erzielt. Hat die Veröffentlichung Aufmerksamkeit für ein Problem geschaffen? Kann investigativer Journalismus das Leben verbessern?“

Der Journalist Paul Williams habe das Problem bereits vor dreissig Jahren in seinem Buch „Investigative Reporting and Editing“ thematisiert: Wenn eine Enthüllung folgenlos bleibe, dann liege das oft nicht an der Apathie der Leser, sondern am Versagen des Reporters. Eine Investigation sei gescheitert, wenn es der Journalist nicht verstehe, den Bürgern klarzumachen, worum es eigentlich gehe, schrieb Williams 1978.

„Pro Publica hat deshalb 2010 eine Kooperation mit der New York University (NYU) begonnen. Die Studenten sollten erkunden, wie Pro Publica vor allem junge Leute auf komplexe Geschichten aufmerksam machen kann. So kamen sie auf die Darstellung in Broadway-Songs, Musikvideos und Comics. ‚Time‘ bezeichnete das Musikvideo als eines der kreativsten des Jahres 2011″, schreibt der NZZ-Redaktor 🙂 Thomas Schuler.

Die besten Erklärstücke seien direkt, knapp und einfach zu verstehen, betonten die Studenten in einem Statement.

„Auf investigativen Journalismus trifft selten eine dieser Beschreibungen zu. Stattdessen spiegelt er die Unordnung des wahren Lebens wider. Deshalb stellt das Erklärstück nur den Beginn dar, ein Tor in die Tiefe, für die man Pro Publica schätzt und respektiert. Der Song verstehe sich nicht als Ersatz für die Enthüllungen. Er sei als Anreiz gedacht, tiefer einzusteigen“, so Schuler.

Pro Publica vereinfacht die Themen auf wenige Zeilen, die zudem gesungen sind. Etwa der Refrain: „What the frack is going on?“ und „My water is on fire tonight“.

Ein Broadway-Song und ein Comic über toxische Finanzpapiere seien weitere ungewöhnliche Beispiele dafür, wie investigative Journalisten mit ihren Enthüllungen Aufmerksamkeit suchen. Angeboten wird das Ganze kostenlos.

„Fast 50 Millionen Dollar (!) hat Pro Publica bisher ausgegeben – das meiste Geld kam vom kalifornischen Unternehmerpaar Herbert und Marion Sandler, ohne das es Pro Publica nicht gäbe. Von Beginn an begleitete Pro Publica die Sorge, vom Geld der Sandlers abhängig zu sein. 2009 konnte Pro Publica eine Million Dollar von 1000 Spendern einwerben, 2010 immerhin 3,5 Millionen von 1300 Spendern und 2011 5 Millionen Dollar von 2600 Spendern. In diesem Jahr will Pro Publica 6 der 10 Millionen Dollar des Jahresbudgets von anderen Stiftungen (Gates, Ford, Knight, Open Society und andere) und Privatleuten einwerben, so dass die Sandlers nurmehr 4 Millionen Dollar dazugeben“, führt Schuler weiter aus.

Cooles Modell. Vielleicht auch ein geeigneter Weg, um für Frische in den bildungsbürgerlichen Feuilleton-Stuben zu sorgen. Christoph Kappes hat in einem Beitrag für das Debattenmagazin „The European“ ein paar Ideen zusammengetragen – aber bestimmt nicht an Comics und lustige Filmchen gedacht. Das Feuilleton habe aber nicht zu unterschätzendes Privileg:

„Es muss seine Beobachtungen nicht wie seine Schwester-Ressorts an den Zielen Macht und Geld messen (und ihren heutigen Vorbedingungen Meinung und Leistungsaustausch). Kultur hat kein eindeutiges Referenzsystem zum Maß der Antworten, sie hält sich an sich selbst. Die Chance: Vielfalt der Positionen, Blickwinkel und Perspektiven. Erlaubt ist, was Resonanz findet. Glänzend auch die Zufallsfunde, die man wie Kastanien horten und nach Hause tragen kann.“

Denn die guten Fragen sterben nicht aus, da gebe ich Christoph recht.

„Wie wollen wir leben? Wo finden wir Sinn? Was sich hingegen ändern kann, ist der Antwort-Modus: Statt in Weihrauch herabgelassene Dekaloge und kraftstrotzende Paukenschläge (wen er da wohl meint….,gs), befördert der Frage-und-Tast-Modus einen Anschluss-Prozess, für den das Internet als Prozessmaschine die neuen Formen gerade gebiert. Vielleicht macht ja nicht die Publikation allein, sondern der Prozess (aus Publikationen) unseren Fortschritt. Das Feuilleton kann auch mit der Form spielen, intervenierend, flüssig bis zur Trollerei. Der fließende Prozess der vielen Formen als Gegenstück zum Buch als leuchtender Diskurs-Solitär.“

Sei Denglisch auf Facebook okayer als sonst? Was bedeutet queer?

„Wo Institutionen ihre Leitwirkung verlieren – von Brockhaus, Knigge, Kirche bis Schule – muss das Feuilleton ins Leben herabsteigen. Wir brauchen die Verhandlung der richtigen sozialen Praxis, weil es knirscht und kracht, wenn sich Menschen in beschleunigten Zeiten orientierungslos auf die Füße treten. Das Feuilleton ist dann der Ort, an dem Menschen das Verhandeln lernen und so ihre Positionen finden können. Dies kann nur im Netz erfolgen, wo Redaktionen auch den Pluralismus moderieren können“, erläutert Kappes.

Das Feuilleton müsse Information viel stärker als bisher ordnen und Ankerpunkte bieten, weil die alte Ordnung von Hierarchien in Bibliotheken, Büchern und Alphabet durch mehrdimensionale digitale Zugangswege abgelöst werden.

„Es muss Muster sozialer Interaktion dort aufdecken, wo viele Akteure in unübersichtlichen Formationen wirken. Es muss diesen folgen, sie kommentiert retweeten und sie entfolgen“, meint Kappes.

Ein einzelner Feuilleton-Gott kann da wohl nicht mehr den Takt vorgeben – auch nicht in Frankfurt am Main 😉

Oder wie Per Johansson (oder SZ-Feuilletonchef Thomas Steinfeld als Co-Autor) in dem Roman „Der Sturm“ schreibt: „Christian Meier sei auf der Flucht gewesen, lautete ein in Deutschland offenbar immer populärer werdendes Gerücht. In der Vergangenheit habe er so viele große Theorien in die Welt gesetzt, so viele weltumspannende Phantasien über die Macht der Netzwerke, die Zukunft der Roboter und die Allmacht der Gentechnik.“  

Letztlich ging es immer nur um die nächste große Verschwörungstheorie. Die Leute hörten dem Meier aber nicht mehr so gebannt zu. Er schien an die Seite zu rutschen, und es wirkte fast komisch, wenn er wieder einmal den Untergang der Welt beschwor. Eine Prognose, die auch wirklich schwer zu erfüllen ist. Von der Unmöglichkeit eines Berichtes über den eingetretenen Untergang mal ganz abgesehen.

Jetzt wird mein Blogpost aber wieder sehr sperrig. Deshalb will ich künftig stärker der Recherche- und Lektüre-Methode des Religionsphilosophen Jakob Taubes folgen, der ein wichtiges Werk und eine zentrale Botschaft schon durch Handauflegen erkannte. Es war seine Art, die für ihn wichtigen Werke zu lesen. Er war ein Jäger des einen Satzes oder Wortes, in dem sich das Wesentliche des Geschriebenen kondensierte. Überhaupt nicht einfach. Da mache ich jetzt einfach mal eine Lektüreempfehlung:

Für den Comic-Band „Showman-Killer“ von Jodorowsky und Fructus, der mich auch fotografisch inspirierte.

Und dann noch ein Hinweis auf das Blogger Camp „Einfachheit“ am Mittwoch, den 28. November, die erste Session von 18,30 bis 19,00 Uhr.

Oder wir sehen und hören uns einfach schon morgen, beim Blogger Camp über Auto-Apps und der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption.

Update:

Als Einstieg in meine sperrigen Storys über die vernetzte Service-Ökonomie verweise ich auf den Buchbinder-Wanninger-feat.-Chuck-Norris-Der Hotline-Digitale-Demenz-Song.

Kopist bleibt Kopist, Herr Minister!

„Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat die Einleitung seiner 2007 veröffentlichten Dissertation aus einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgeschrieben. Der einleitende Absatz der Arbeit deckt sich fast wortwörtlich mit einem am 27. November 1997 in der F.A.Z. erschienenen Text der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig über das Vorbild Amerikas für die Zukunft Europas. Das Zitat ist bei zu Guttenberg weder im Text als solches kenntlich gemacht noch ist Zehnpfennig in der Einleitung als Quelle angegeben. Lediglich im Literaturverzeichnis ist Zehnpfennigs Text aufgeführt. ‚Das ist eindeutig ein bewusstes Plagiat‘, sagte der Dresdner Medienwissenschaftler Stefan Weber im Gespräch mit FAZ.NET“, berichtet FAZ.NET.

Lediglich die Jahreszahl und den Nebensatz am Anfang des Artikels änderte das Doktorchen. Bei Frau Dr. Barbara Zehnpfennig heißt in ihrem Gastbeitrag vom 27. November 1997:

„E pluribus unum“, „Aus vielem eines“ – so lautete das Motto, unter dem vor rund 200 Jahren die amerikanischen Staaten zur Union zusammenfanden, und dieses Motto ist programmatisch zu verstehen.

Hier änderte der summa cum laude-Jurist die Jahreszahl, da er seine Arbeit ein paar Jahre später schrieb. In der Einleitung der Dissertation heißt es im Jahr 2007:

„E pluribus unum“, „Aus vielem eines“ – so lautete das Motto, unter dem vor über 215 Jahren die amerikanischen Staaten zur Union zusammenfanden. Ein Motto, das programmatisch zu verstehen ist.

Das ist doch ein Beweis, dass er den FAZ-Artikel bewusst übernommen hat. Ansonsten hat er in der von der FAZ dokumentierten Einleitung nichts verändert. Er hat diese Passage weder als Zitat noch in indirekter Rede ausgewiesen, oder entsprechende Hinweise auf die Autorin im Text vermerkt. Die Rechtfertigung des Verteidigungsminister geht an den Tatsachen vorbei: „Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus“, sagte er, fügte aber hinzu, er sei aber gern bereit zu prüfen, „ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten“. Dies würde bei einer Neuauflage auch berücksichtigt werden. Wo hätte er denn die Fußnote gesetzt? Er hat ja nicht zitiert, sondern schlichtweg abgeschrieben.

Vielleicht steckt in der Transkription aber auch eine geheime Botschaft, so wie es Botho Strauß in seinem Buch „Die Fehler des Kopisten“ ausdrückte:

„Er habe nichts sagen können außerhalb der Versuche zu verstehen, was vor ihm gesagt (oder geschrieben, gs) wurde.“

Nachtrag: Aus der NZZ am Sonntag soll Gutti sich auch bedient haben.

Die Juristen Hanschmann und Fischer-Lescano werden sich im Fachblatt „Kritische Justiz“ ausführlich zum Opus von Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg äußern. Bleibt spannend.

Die SZ hat das Kopistentum sehr schön interaktiv in Szene gesetzt.

Sehr praktisch, der Plagiatsschieber!

Die besten Tweets zum Thema (hier bewahrheitet sich wieder einmal die Aussage: Gute Twitter-Streams seien wie Lyrik lesbar. Das, was andere Medien überflüssig gemacht haben, kehre also wieder):

http://twitter.com/#!/dasgesetzbinich/statuses/37810088718630912

http://twitter.com/#!/ThomasRHart/statuses/37908397038772224

http://twitter.com/#!/FrogmasterL/statuses/37906969327185920

http://twitter.com/#!/ThomasRHart/statuses/37906921969295360

http://twitter.com/#!/siggibecker/statuses/37906788917583872

http://twitter.com/#!/sascha242/statuses/37939847414947840

http://twitter.com/#!/UliWickert/statuses/37828989766746113

http://twitter.com/#!/Terror_Ticker/statuses/37940839405592576

http://twitter.com/#!/Herr_Schinka/statuses/37940755729358849

http://twitter.com/#!/catapult22/statuses/37940404737286144

http://twitter.com/#!/Uebelkraeh/statuses/37986365350092800

Immanuel Kant und die vergangene Zukunft der Verleger #Leistungsschutzrecht

Der NZZ ist es hoch anzurechnen, dass sie den Kritikern des so genannten Leistungsschutzrechtes in regelmäßigen Abständen eine Plattform bietet. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wie heute Philipp Otto, Redakteur von iRights.info und Mitbegründer der Initiative gegen das Leistungsschutzrecht (IGEL), in einem NZZ-Gastbeitrag schreibt. Denn es sei möglicherweise kein Zufall, „dass der breite Widerstand gegen das Leistungsschutzrecht bisher kaum Niederschlag in der deutschen Presse fand. Das betriebswirtschaftliche Eigeninteresse der Verleger scheint hier eine ausgewogene Berichterstattung zu verhindern. Die Unabhängigkeit der Redaktionen ist durch diesen Interessenkonflikt offenkundig gefährdet.“

Um die Argumente pro und contra Leistungsschutzrecht darzustellen und auch den Gegnern eine Stimme in dieser wichtigen Debatte zu geben, formierte sich vor wenigen Wochen die Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht oder kurz IGEL – unterstützt von einer Koalition von bisher fast 40 Organisationen, Blogs und Unternehmen. Nur dem Engagement des Urheberrechtsportals iRights.info ist es übrigens zu verdanken, dass der von den Verlegern ausformulierte Gesetzentwurf im Mai 2010 ans Tageslicht gebracht wurde. Die Argumente, die gegen das Leistungsschutzrecht sprechen, möchte ich hier an dieser Stelle nicht wiederholen.

Mich würde interessieren, ob es schon Pläne gibt, einen neuen Abmahnverein zu gründen, der die Verstöße gegen das Leistungsschutzrecht ahndet. News-Aggregatoren wie Google, öffentliche Einrichtungen, Unternehmen, Verbände und Freiberufler, Rechtsanwälte, Steuerberater oder freie Journalisten sollen ja zur Kasse gebeten werden. Wenn für Texte, die Verlage gratis online veröffentlichen und die dann „gewerblich genutzt“ werden und die Verleger selbst für kleinste Textbausteine wie Überschriften Abgaben verlangen, entsteht hier ein neues Biotop für professionelle Abmahner. Im Fadenkreuz der Verleger stehen ja vor allen Dingen die Google und Google News, die automatisiert laufen. Wie steht es denn mit Facebook? Soziale Netzwerke haben Google als Quelle der Aufmerksamkeit schon längst überholt. Nur sind es keine Algorithmen, sondern Menschen, die Empfehlungen für interessante Artikel posten und entsprechende Links setzten. Werden die dann auch zur Kasse gebeten oder Facebook oder Twitter.

Dass sich die Verleger mit der Gebühren-Gier selbst ins Abseits schießen, habe ich in dem Beitrag „Warum ‚Frankenstein‘ kein Bestseller wurde und die Printjünger ins Abseits marschieren“ ausführlich dargelegt.

Philipp Otto kommt zu einem ähnlichen Befund: „Die deutschen Presseverlage hätten ein Leistungsschutzrecht gar nicht nötig. Gerade sie verfügen über Kompetenzen und Mittel, zukunftsfähige Geschäftsmodelle im Internet zu etablieren und so den vielzitierten Qualitätsjournalismus zu erhalten. Allein, viele von ihnen tun es nicht, zumindest nicht mit der erforderlichen Konsequenz und Kreativität. Nun den Gesetzgeber zu Hilfe zu rufen, ist tragisch und komisch zugleich. Immanuel Kant hätte seine wahre Freude gehabt. Nimmt man die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit als Kerngedanken der Aufklärung, so müssen sich die Presseverlage grundsätzlich fragen lassen, warum sie mit der Forderung nach einem Leistungsschutzrecht die Vergangenheit in die Zukunft holen wollen.“

Don Alphonso, WikiLeaks als globale Medienmarke und die feuchten Träume der Verleger

Blogger Don Alphonso hat in einem Gastbeitrag für Meedia darauf hingewiesen, WikiLeaks nicht als hackende Skandalnudel mit dem eingesperrten Graf von Monte Christo des 21. Jahrhunderts an der Spitze zu betrachten, sondern als das, was es grundsätzlich ist: eine global agierende Medienmarke, die in mehreren Sprachen erscheint und theoretisch relevante Nachrichten für die ganze Welt und jedes Land bereitstellen kann. „Während also Herr Leyendecker (von der Süddeutschen Zeitungen, gs) vielleicht eine Gefahr für einen bayerischen Staatsminister werden kann, umfasst der Markt von Wikileaks alle – jeden einzelnen Internetnutzer und alle, denen er davon erzählen kann. Leute wie meine Mutter, die kein Internet wollen, aber sich von mir vorlesen lassen, was bei WikiLeaks über den Verteidigungsminister steht. Zwar versuchen die USA gerade, den heimischen Markt zu beschränken, aber so richtig will das nicht gelingen. Das ist ein ziemlich großer Markt, auf dem es wenige Konkurrenten gibt. Die BBC vielleicht. Eventuell, in manchen Kreisen, noch die New York Times. Danach wird es schon mau: Fox News, CNN, Al Jazeera, das chinesische Staatsfernsehen, sie alle haben – global gesehen – Anteile an Regionalmärkten. Wikileaks hat, nicht zuletzt dank der globalen Botschaftsdepeschen, alles“, schreibt Alphonso.

Diese globale Marke habe etwas, von dem die Verleger von Herrn Leyendecker feucht träumen: ein funktionierendes Geschäftsmodell im Internet auf Basis der Einnahmen von Lesern. „Und das ohne jede Abhängigkeit von Werbung. Während deutsche Manager wie Herr Döpfner noch von Kostenpflicht für Apps träumen, verzichten die Nutzer von Wikileaks freiwillig auf die Kostenloskultur der Organisation und zahlen, ohne dass man sie dazu verpflichten müsste. Wie man an Wikileaks sehr schön zeigen kann, sind Nutzer im Internet jederzeit bereit, den Gegenwert eines Bild-Abos zu spenden, wenn sie nur den Eindruck haben, dass es sich lohnt. Weiterführend könnte man überlegen, warum sich diese vorbildliche Mediennutzerhaltung bei Döpfners Angeboten nicht einstellen will. Aber vielleicht wären Herrn Döpfner auch Nutzer zu viel, die ihr Lieblingsmedium spiegeln, und damit natürlich im Gegensatz zum so sehnlichst gewünschten Leistungsschutzrecht stehen“, so Alphonso.

Vielleicht habe der bei Springer offenkundig grassierende Unmut über Julian Assange auch etwas damit zu tun, dass dem deutschen Unterschichtenleitmedium Bild vorgeführt wird, wie echte Leitmedien aussehen: Eine Bemerkung von Assange über den Besitz einer Festplatte einer amerikanischen Bank und die Kurse stürzen ab. Das sei der Impact, den Medienmanager gerne hätten. Und das ist wohl auch die Motivation für den Rundumschlag des Vize-Politikchefs der Welt-Gruppe Claus Christian Malzahn gegen Assange und WikiLeaks.

„Medienhaus“ sei WikiLeaks nicht zum Selbstzweck, sondern nur aus der Notwenigkeit heraus, Regierungen und Firmen „offen zu halten“ und vielleicht ist genau diese Irrelevanz klassischer Medienbedeutungsillusion im Sinne von Döpfner und Leyendecker das ganze Geheimnis des Erfolgs: eine globale Medienmarke, ein weltberühmter Chef, wirklich relevante Informationen, ein funktionierendes Geschäftsmodell im Internet, Leser, die für ihr Medium auf die Straße gehen und Banken aus dem Netz hacken, ein einzigartiger Vorrat an Nachrichten, keine Konkurrenz und obendrein die absolute Marktführerschaft. „Würde WikiLeaks jetzt noch in jedem Land zehn wirklich unabhängige Journalisten zur Einordnung bezahlen, wäre Herr Leyendecker sicher noch weniger angetan“, so Don Alphonso.

Und natürlich verlieren Medien ihre zentrale Rolle als Drehscheibe für Informationen, liebe NZZ. Auch als Organisatoren von „massentauglicher“ Aufmerksamkeit sind sie weniger wichtig. In einem Punkt stimme ich der NZZ zu. Staat, Gesellschaft und Wirtschaft geraten durch WikiLeaks in einen Transparenz-Stress – und das ist gut so!

Warum „Frankenstein“ kein Bestseller wurde und die Printjünger ins Abseits marschieren

Das Handelsblatt versucht sich als Orakel von Delphi und verkündet „das Ende der Gratiskultur im Internet“. Zwanzig Jahre nach der Erfindung des Internets würde jetzt eine neue Epoche anbrechen: „Inhalte gibt es künftig nicht mehr umsonst. Medienunternehmen führen weltweit immer mehr Bezahlangebote im Web und in der Mobiltelefonie ein und haben damit großen Erfolg“, so die frohe Botschaft der Printjünger, die fast schon sakrale Töne trägt. Man könnte es auch als Pfeifen im Walde bezeichnen oder als Durchhalteparolen im Grabenkampf wie bei der Schlacht von Verdun.

Der ehemalige Handelblatt-Redakteur Thomas Knüwer ordnet das Elaborat in die psychologische Kategorie der Autosuggestion ein. Sie wird bekanntlich durch Selbsthypnose oder wiederholte Selbst-Affirmationen erreicht, und kann als eine Form von selbstinduzierter „Gehirnwäsche“ angesehen werden. Die Wirksamkeit der autosuggestiven Gedankenformeln kann durch mentale Visualisierungen des erwünschten Ziels erhöht werden. Der Erfolg der Autosuggestion wird umso wahrscheinlicher, je konsistenter und öfter sie angewendet wird. Doch dann ist Schluss mit dem esoterischen Schabernack und Knüwer kommt zur Sache: Die Rückkehr-zur-Normalität-Strecke des Handelsblattes sein eine Anhäufung von Halb- und Unwahrheiten, von unkritischem Widerkäuen falscher Floskeln und schließlich mündet all dies in einem Interview mit Matthias Döpfner, der anscheinend zur Lichtgestalt der Gedrucktbranche mutiert.

So behaupten die Handelsblatt-Autoren, dass der Wired-Chefredakteur Chris Anderson in seinem Buch „Free“ die Vision von der neuen, schönen Medienwelt mit dem „Umsonst-Journalismus“ vertreten würden. Das tue Anderson aber überhaupt nicht, so Knüwer. Er sage ganz klar, dass die Leser für gewisse Inhalte nicht mit Geld zahlen – dass aber eine Finanzierung möglich ist. Nur die alten Geschäftsmodelle der Verlage aus den alten Zeiten des Printmonopols sind eben nicht mehr tragfähig. Wer ist denn noch so dumm, Anzeigen in Printmedien zu schalten, wenn über Portale für Immobilien, Jobs oder Bekanntschaften bessere Trefferquoten erzielt werden und klassische Anzeigen über AdWords zu einer Form der personalisierten Werbung führen – weg von der unspezifischen Reklame-Berieselung.

Man muss halt mit neuen Modellen experimentieren. Und wenn die Handelsblatt-Printjünger mal in ihr Archiv schauen würden, könnten sie sogar Anregungen finden:

Godin äußert sich zum Niedergang des traditionelles Marketings. Einen Test für neue Wege hat er vor zehn Jahren mit seinem „Unleashing the I-dea-Virus“ gewagt. Zum Start hat er es einfach verschenkt und trotzdem Geld verdient. „Mein Buch handelt davon, wie sich Ideen verbreiten. Ideen sind ansteckend wie ein Virus. Und je mehr Leute einer Idee ausgesetzt sind, desto schneller verbreitet sie sich. Genau das wollte ich zeigen, als ich das Buch kostenlos ins Internet stellte. Und die Zahlen zeigen: Es funktioniert. Seit Mitte Juli haben sich 200 000 Leute den Text heruntergeladen. Für Wirtschaftsbücher gilt schon eine Auflage von 20 000 bis 30 000 als Riesenerfolg.“

In gebundener Form hat er das Buch für 40 Dollar verkauft. „Wer das Buch nur lesen will, kann das im Internet gratis tun. Wer aber eine gedruckte Ausgabe als Souvenir will, kann es kaufen. Das ist wie mit T-Shirts: Die gibt es im Kaufhaus für ein paar Dollar im Zehnerpack. Wer aber eins mit dem Aufdruck der Freiheitsstatue haben will, muss dafür 40 Dollar hinblättern. Inzwischen habe ich mit dem Buch innerhalb von fünf Wochen mehr Geld verdient als mit meinem ersten Buch in eineinhalb Jahren“, erklärte Godin.

Unverständlich sei der Aktivismus der Industrie gegen die Musiktauschbörse Napster gewesen: „Ich verstehe überhaupt nicht, warum die Musik-Industrie so dagegen ist. Je mehr Leute einen Song hören, desto mehr werden später auch die Platte kaufen. Deshalb bemühen sich die Plattenfirmen ja auch so, die Songs ihrer Künstler ins Radio oder auf MTV zu bekommen. Da akzeptieren sie ein Prinzip, das sie bei Napster ablehen“, erläuterte Godin. Genau um diese Effekte geht es auch dem Wired-Chefredakteur. Free heißt eben nicht kostenlos. Wenn ein Dienst in einer Grundversion nichts kostet und bei den Kunden einschlägt wie eine Bombe, wollen die Anwender mehr davon haben und sind auch bereit, für die Upgrades zu zahlen. Das habe ich beispielsweise bei WordPress auch getan, um Audio-Dateien in meinem Blog zu präsentieren. Mit dem kostenlosen Content Management System bin ich seit Jahren sehr zufrieden und war daher auch bereit, in sinnvolle Erweiterungen zu investieren. Also muss das Pflichtprogramm die Nutzer überzeugen, um dann in der Kür entsprechend Geld zu verlangen, liebe Verleger. Ihr seid ja noch nicht mal in der Lage, vernünftige Micropayment-Dienste zu entwickeln. So kosten die zwei Autosuggestion-Artikelchen über die Weltrettung des Printimperiums schlappe 6.90 Euro – eine Frechheit. Siehe auch: Das Schlafen der Verlage: Warum die E-Commerce-Modelle der Massenmedien Schrott sind.

Die Verlage könnten doch etwas anderes ausprobieren. Lasst die Leser entscheiden, was ihnen die Online-Artikel wert sind. In der Masse würden die Zeitungen dann jedenfalls mehr einnehmen als mit den Genios-Apothekenpreisen.

Wenn jetzt noch weitere Bezahlschranken errichtet werden, werden die Printverlage endgültig in die Knie gehen. Mit merkantilistischen Schutzzöllen, Schutzgebühren, Abmahn-Gefechten und mit dem von Döpfner und seinen Printjüngern so sehr herbeigesehnten Leistungsschutzrecht werden sich die Verlage ihr eigenes Grab schaufeln. „Die Verlage zeigen ihr Unvermögen, auf die Abwanderung der Konsumenten und damit auch der Werbung ins Internet sinnvoll zu reagieren. Sie versuchen dieses mit einem Abgabengesetz zu kompensieren und ihre Kosten über Subventionen zu sozialisieren. Die Ausrede, wonach die Gratiskultur im Internet dies erfordere, ist doppelt falsch: Erstens machen die Verlage ihre Inhalte freiwillig im Internet zugänglich, und zweitens zeigen Firmen wie Amazon, Apple, Ebay, Google oder auch Facebook eindeutig, dass man im Internet Geld verdienen kann“, schreibt Cognita-Geschäftsführer Denis Nordmann in einem Gastbeitrag für die NZZ.

Eine Zwangsabgabe zugunsten der Verlage würde den Wettbewerb verzerren und Innovationen lähmen. Genau das hat der Wissenschaftler Eckhard Höffner akribisch in seinem zweibändigen Werk „Geschichte und Wesen des Urheberrechts“ (Verlag Europäische Wirtschaft) nachgewiesen. Im 19. Jahrhundert gab es in Deutschland – im Gegensatz zu England und Frankreich – eine Explosion des Wissens. Den Grund sieht Höffner im Urheberrecht. Das strenge Copyright im Vereinten Königreich wurde bereits 1710 eingeführt und würgte die Buchproduktion ab. In Deutschland hingegen scherte sich lange Zeit niemand um Autorenrecht. Preußen führte das Urheberrecht zwar 1837 ein. Doch wegen der Kleinstaaterei bis 1871 war das Gesetz deutschlandweit ohne große Wirkung. So wurden die Werke der vor dem 9. November 1837 verstorbenen Klassiker am 9. November 1867 gemeinfrei. „Kaum lief der Schutz aus, wurden hunderttausende von günstigen Büchern verkauft. Reclam beispielsweise brachte Faust unter Ausnutzung der modernen Drucktechniken zum Preis von zwei Groschen – ein Bruchteil des Preises der Ausgabe Cottas – auf den Markt und verkaufte innerhalb weniger Monate zwanzigtausend Exemplare. Zugleich bot Hempel in Berlin die Gedichte Bürgers an; 150.000 Subskribenten und offenbar innerhalb von einigen Monaten insgesamt 300.000 verkaufte Exemplare sprechen eine deutliche Sprache.“ Es gab eine riesige Nachfrage, die infolge des Urheberrechts unbefriedigt blieb.

Wer neue Schutzwälle errichten will, strebt monopolistische Marktstrukturen an. Dieses Konzept geht im Internet aber nicht auf, liebes Handelsblatt. Eure Stellung kann mittlerweile von jedermann angegriffen werden. Ihr kapiert es einfach nicht. So erzielte 1806 der Chemie-Professor Sigismund Hermbstädt mit seinem drögen Werk „Grundsätze der Ledergerberei“ in Deutschland ohne urheberrechtliche Flankierung ein höheres Honorar als die britische Autorin Mary Shelley mit ihrem bis heute berühmten Horrorstück „Frankenstein“.

Und auch mit dem Google-Bashing kommt ihr nicht weiter: „Natürlich darf auch die meistverbreitete Lüge der deutschen Zeitungslandschaft im ‚Handelsblatt‘ nicht fehlen: ‚Viele Jahre haben Suchmaschinen wie Google und Yahoo, Social Communities wie Facebook oder unzählige Blogs viel Geld mit den Inhalten von Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendern verdient'“, führt Knüwer aus und kontert:

„Viele Jahre haben Suchmaschinen den Verlagen Leser online herbeigespült, mit denen die Medienhäuser nichts anzufangen wissen. Und das mit Facebook und Blogs ist geistesgestörter Schwachsinn von unfassbar tiefem Niveau. Die Verlage könnten den angeblichen Diebstahl innerhalb von Minuten unterbinden – wollen sie aber nicht. Denn mit Suchmaschinen geht es ihnen besser als ohne. Eine Situation, die man gemeinhin nur vom Versicherungsbetrug kennt.“ Man könnte sich auch die Frage stellen, warum die Redakteure von ihren Heeresleitungen angehalten werden, “Google-optimiert” zu schreiben, also die richtigen Schlagworte in der richtigen Häufigkeit einzusetzen. Denn auch Verlage wissen längst: Zugriffe auf Artikel, die auf Google News oben stehen, schnellen sofort hoch.

Wessen Artikel nur unter einer Sammeladresse wie “und 856 ähnliche Artikel” aufgeführt ist, hat es schwer, die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen. Und hat nicht Springer gerade eine Mehrheitsbeteiligung bei SOHOMINT erworben – einem Dienstleister für Suchmaschinen-Optimierung und Keyword-Management? Die Attacken gegen Google sind also nur ein Ablenkungsmanöver der Printjünger. Man könnte es auch Futter-Neid nennen.

Sehr lesenswert zum Thema ist auch „Verdi: Gewerkschaft an der Sperr-Spitze“.

Nicholas Carr und Co. im Neuro-Stress – Internetskeptiker blicken ins Gehirn

Zwei Drittel der Berufstätigen sind nach einem Bericht des Deutschlandfunks inzwischen außerhalb ihrer regulären Arbeitszeiten für Kunden, Kollegen oder Vorgesetzte per Internet oder Handy erreichbar. Ein Drittel der Erwerbstätigen ist sogar jederzeit erreichbar, also auch am Abend oder am Wochenende. Nur 32 Prozent der Berufstätigen sind in ihrer Freizeit nur in Ausnahmefällen oder gar nicht per Internet oder Handy erreichbar. „Das Thema hat inzwischen nicht nur die Arztpraxen, sondern auch die Medien erreicht“, so der DLF.
Bei vielen Berufstätigen würde es auch am Feierabend und am Wochenende piepen – ob sich eine SMS ankündigt, das Telefon klingelt oder die E-Mail im Postfach ankommt -, ständige Erreichbarkeit gilt heute häufig als normal. Christian Fron, Geschäftsführer des Aastra-Tochterunternehmens DeTeWe erinnert an ein Zitat des amerikanischen Zukunftsforschers John Naisbitt. Er habe bereits vor 50 Jahren gesagt, es hänge vom Menschen ab, ob er die Technologie beherrscht oder sich von der Technologie beherrschen lässt. Wenn von einer Informationsflut die Rede sei, liege einiges auch am Nutzerverhalten. So werden täglich in Unternehmen rund 70 Milliarden E-Mails intern verschickt: „Jetzt muss man sich die Frage stellen, ob so viel Informationen zielgerichtet sind oder ob die eigentlichen Nutzer dieses Medium vielleicht nicht überstrapazieren“, erläutert Fron gegenüber dem DLF.

Die Klage über den Überfluss an Informationen sei kein Phänomen des Internetzeitalters und der mobilen Arbeitswelt, so Peter B. Záboji, Chairman des Afters Sales-Spezialisten Bitronic. Man müsse wie früher genau selektieren, welche Informationen durchkommen dürfen und welche nicht. „Beim traditionellen Briefverkehr waren es die Vorzimmer im Unternehmen, die eine Auswahl vorgenommen haben. Heute sind es elektronische Filter und virtuelle Assistenzsysteme. Man sollte die Technik nur geschickt einsetzen und darf sich nicht von ihr dominieren lassen“.

Die Folgen der informationellen Unzulänglichkeit des Menschen habe der Informatiker Professor Karl Steinbuch vor über 30 Jahren treffend beschrieben. Ein Wissenschaftler stehe beispielsweise ständig vor dem Dilemma, ob er seine Zeit der Forschung widmen soll oder der Suche nach Ergebnissen, die andere schon gefunden haben. Versuche er, fremde Publikationen erschöpfend auszuwerten, dann bleibe ihm kaum Zeit zu eigener Forschung. Forsche der Wissenschaftler jedoch ohne Beachtung fremder Ergebnisse, dann arbeitet er möglicherweise an Erkenntnissen, die andere schon gefunden haben. „Mit den Recherchemöglichkeiten, die das Internet heute bietet, reduziert sich allerdings der Aufwand für das erste Szenario erheblich“, sagt Záboji. Wichtig sei es nach Ansicht des ITK-Branchenexperten Fron, dass Informationen nur da hinkommen, wo sie wirklich hin sollen „Ich habe jederzeit die Möglichkeit, die Informationen komplett umzulenken, so dass nur in dringenden Fällen Nachrichten an mich herangetragen werden.“

Grundsätzlich biete sich nicht für jedes Unternehmen immer jede Technik an. „Ein Blackberry ist für einen Geschäftsführer sinnvoll, der viel unterwegs ist. Ein Innendienstmitarbeiter braucht ihn dagegen nicht. Videokonferenzen sind für internationale Konzerne mit vielen Niederlassungen äußerst praktisch. Man kann den Kollegen oder Geschäftspartnern gegenübersitzen, ohne dass man einen Schritt aus dem Büro gemacht hat. Reisen entfallen. Das spart Zeit und Geld. Man muss bei all den Anschaffungen vor allen Dingen sein Gehirn einschalten und prüfen, welche technischen Innovationen zur eigenen Firma passen“, so der Ratschlag von Záboji.

Neuronaler Kulturpessimismus

Unangemessen sei die fundamentale Technologiekritik, die sich gegen das Internet wendet. Auf diesen Zug würden zwar immer mehr Debattenkünstler wie Nicholas Carr oder Jaron Lanier (sein Büchlein heißt: Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht) aufspringen. Besonders originell seien die Positionen dieser Nörgler nicht. NZZ-Blogger Nico Luchsinger hat dazu ein schönes Stück geschrieben. Er beschäftigt sich mit dem neuen Buch von Nicholas Carr „The Shallows“ (die deutsche Übersetzung hat den umständlichen Titel: Wer bin ich, wenn ich online bin…: und was macht mein Gehirn solange? – Wie das Internet unser Denken verändert). Carr habe wie der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher das Gefühl, dass jemand oder etwas sein Gehirn beeinflusse. Auch der Tech-Autor habe als Hauptschuldigen das Internet ausgemacht. Es führe zur Ablenkung und zum oberflächlichen Lernen.

„Dutzende Studien, die Carr zusammengetragen hat, sollen beweisen, dass das Internet tatsächlich unsere Synapsen neu verknüpft. So sei nämlich erwiesen, dass das Internet schnelles kursorisches Lesen fördere; ständig werde unsere Aufmerksamkeit von Links auf andere Inhalte abgelenkt; die kontemplative Auseinandersetzung mit einem Text sei deshalb eine aussterbende Kulturtechnik“, so Luchsinger. „Der lineare, literarische Verstand war für fünf Jahrhunderte das Zentrum von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Aber er könnte schon bald der Vergangenheit angehören“, meint Carr.

Entsprechend pessimistisch beurteilt er das Projekt von Google, möglichst viele Bücher zu digitalisieren: Indem man die Buchtexte nach Stichworten durchsuchbar mache, werde die eigentliche Effizienz des Buches für eine tiefe Wissens- und Meinungsbildung zerstört. Nicht nur bei solchen Aussagen erkenne man bei Carr einen verstörend naiven und ideologisch aufgeladenen Kulturpessimismus, kommentiert Luchsinger. An einer Stelle etwa beklage Carr die Veränderung in den Bibliotheken, die noch vor wenigen Jahren „Oasen der Ruhe“ waren, nun aber fast alle mit Internet-Zugang ausgerüstet sind: „Das vorherrschende Geräusch in der modernen Bibliothek ist nicht mehr das Blättern von Seiten, sondern das Klappern der Tastaturen.“

Dass Bibliotheken – schon immer – Orte des Wissenszugangs waren und dass dazu im 21. Jahrhundert nun mal ein internetfähiger Computer gehört, scheine Carr in seiner elitären bibliophilen Verblendung nicht in den Sinn zu kommen. Nun ist diese Position nicht nur elitär, sondern historisch gesehen Unfug. Herder hatte ich ja schon erwähnt, der mit der Flut an Buchneuerscheinungen nicht mehr fertig wurde, obwohl die Lage im Vergleich zu heute noch überschaubar war. Der Zuwachs einer deutschen Hochschulbibliothek bewegt sich jährlich zwischen 30.000 bis 50.000 Bände, während der Gesamtbestand einer Hochschulbibliothek Ende des 18. Jahrhunderts bei rund 20.000 Büchern und Schriften lag. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts lag man bei 130.000 Büchern. Eine Uni-Bibliothek abonniert heute mehr als 8.000 Periodika. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es erst 100 wissenschaftliche Zeitschriften. Die Library of Congress beziffert ihre Bestände auf weiter über 130 Millionen Einheiten.

„In einer Kritik von ‚The Shallows‘ hat der Psychologe Steven Pinker erklärt, Neurowissenschaftler würden bei den Aussagen Carrs nur mit den Augen rollen. Denn natürlich beeinflusse die Internet-Nutzung das Gehirn – genauso wie Fahrradfahren und alle anderen menschlichen Tätigkeiten und Erfahrungen auch. Und die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf, die in ihrem Buch ebenfalls vor den Gefahren des digitalen Lesens warnt, gestand im Interview mit der ‚Süddeutschen Zeitung‘ ein, dass es bis jetzt kaum harte Fakten zu den Auswirkungen des Lesens an einem Bildschirm gibt. Das soll nicht heißen, dass es keine Unterschiede zwischen dem Lesen eines Buches und dem Lesen eines Blogposts gibt, und auch nicht, dass letzteres keinen Einfluss auf unser Gehirn hat. Aber die Faktenlage lässt Carrs einigermaßen apokalyptische Prophezeiungen völlig übertrieben erscheinen“, resümiert der NZZ-Blogger.

Döpfner und der Nutzen des Parasiten

„Wer liberal ist, verteidigt geistiges Eigentum“, mit diesem Credo eröffnet Springer-Chef Mathias Döpfner in einem Gastbeitrag für die NZZ ein wahres Zitaten-Panoptikum, um die Verteidigungslinie gegen die bösen Web-Kommunisten, die Kostenlos-Parasiten im Netz und die Aufmerksamkeit-statt-Geld-Prediger aufzubauen. Letztlich geht es doch nur um die Bewahrung der Verlagsmonopol-Renditen, die man über Jahrzehnte eingefahren hat. Die Web-Kommunisten sind nicht verantwortlich für den Niedergang der alten Geschäftsmodelle der Verlage. Das hat der Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl sehr gut beschrieben:

„Die Verlagsmanager haben sich an entscheidenden Stellen verkalkuliert. In der ‘guten, alten’ Zeit hatten die meisten Blätter regionale oder lokale Oligopole oder Monopole, also eine marktbeherrschende Stellung. Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl.

Für die Werbetreibenden seien das paradiesische Zustände. Sie könnten ihre Zielgruppen ohne allzu große Streuverluste über das Internet sehr viel besser erreichen und müssten das Geld nicht mehr zum Fenster rausfeuern. Und noch ein Trend schröpft die Verlage: Wer nach einer neuen Freundin Ausschau hält oder sein Auto zum Verkauf anbietet, kann online inzwischen gratis oder für wenig Geld seine Ziele erreichen. Hier hilft die Silo-Taktik der Verlagsmanager nicht weiter. Die entsprechenden Portale laufen auch ohne Nachrichten-Content! Da wird auch das Leistungsschutzrecht, Verwertungsgesellschaft, Abmahnterror, Gebühren-Abzocke und sündhaft teure Payment-Strategien nicht weiterhelfen. Für die auswechselbaren Tagesnachrichten der Gesternmedien helfen die Schutzwälle nicht weiter, sie werden zu einer Innovationsstarre der Verlage führen und sie zu Dinosauriern der Medienwelt degradieren.

Parasiten, Hacker, Daten-Piraten, Wissensdiebe, Kopisten und Collage-Künstler sind in diesem Spiel höchst nützliche Zeitgenossen. Sie stören die Monopolisten – das liberale Mimikry von Herrn Döpfner ist dabei nur ein Ablenkungsmanöver: „Die Macht suchte und sucht das Zentrum einzunehmen. Wenn sie von diesem Zentrum aus wirken, ihre Wirksamkeit bis an die Grenzen des Raumes entfalten, wenn sie bis an die Peripherie reichen soll, so ist es notwendig, dass es kein Hindernis gibt (Web-Kommunisten, Herr Döpfner), dass der Raum um ihre Aktion homogen ist. Kurz, der Raum muss frei von Rauschen, von Parasiten sein. Um Gehorsam zu finden, muss man gehört, muss man verstanden werden, muss die Ordnungsbotschaft Stille vorfinden. Man muss Stille schaffen (mit dem Leistungsschutzrecht, gs). Man muss die Parasiten vertreiben (um wieder die alten Monopolrenditen zu verdienen, gs)“, schreibt der Philosoph Michel Serres in seiner Abhandlung „Der Parasit“.

Das Verbrechen der Wissensmonopolisierung in allen seinen Varianten verlangt nach Wiedergutmachung, so Serres; diese funktioniert jedoch nicht nach dem traditionellen paternalistischen Modell (Lehrer-Schüler Verhältnis), sondern komme von der Peripherie; von jenen also, die bislang vom Wissen ausgeschlossen wurden. Die Zirkulation des Wissens könne man nicht durch Copyrights bändigen. Das technische Potenzial provoziert immer auch seine uneingeschränkte Nutzung – und sei es durch die parasitäre Piraterie. Der Parasit als Störfaktor kann seinen Wirt veredeln aber auch töten, Herr Döpfner. Wenn er nutzlos wird, sucht sich der Parasit einen neuen Wirt.

Siehe auch: Döpfners Klage über die Gratis-Kultur und was der Springer-Chef vom Götterboten Hermes lernen könnte.

Google Street View und der Kontrollverlust für Internet-Nicht-Nutzer, Verleger, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik

Michael Seemann hat in einem interessanten Beitrag verdeutlicht, dass der Kontrollverlust, den Unternehmen, Gesellschaft und Politik durch die Dezentralisierung der Kommunikationsströme im Internet erleben, auch vor Internet-Nicht-Nutzern nicht halt macht: „Im Netz existiert bald eine Repräsentation von jedem, ob wir wollen, oder nicht. Man kann das ignorieren. Verschwinden aber wird das virtuelle Profil dadurch nicht. Es wird wachsen und immer wichtiger werden, auch für das Offline-Leben. Man kann versuchen, mit Anwälten und vielen Briefen dagegen anzukämpfen, aber diesen Kampf wird man auf lange Frist verlieren. Wer Teil der Welt ist, wird Teil des Internets sein.“

Es bleibe nur eine Chance: es beeinflussen. Es gibt effektivere und bessere Möglichkeiten, Einfluss auf das eigene Bild zu nehmen, als es verpixeln zu lassen. Man sollte seine Daten selber in die Hand nehmen, an seinem öffentlichen Bild arbeiten. In der stofflichen Welt überlegen wir auch, was wir wem erzählen und was besser nicht – wir gehen bewusst mit unserem Wissen und unserem Selbst um.

Und ganz entscheidend: „Je mehr Menschen sich an der Kommunikation im Netz beteiligen, desto engmaschiger wird die Informationsabdeckung, desto ‚unverpixelter‘ wird diese eins-zu-eins-Weltkarte, die längst aus viel mehr besteht als aus Hausfassaden“, so Seemann. Da können die Hausmeister, Abmahnheinis und Urheberrechts-Keulenschwinger machen was sie wollen, den Kontrollverlust über ihre Hoheitsgebiete können sie nicht mehr zurückerobern. Das musste heute auch die Medienredaktion der NZZ einräumen. Vor zwei Wochen war ein Namensbeitrag des Verlegers Norbert Neininger erschienen, der sich vehement für das Leistungsschutzrecht einsetzte. Sein Plädoyer hat etliche Reaktionen provoziert: „Allerdings nur ablehnende“, so die NZZ. Der Gastbeitrag würde nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben. Hinter einem Leistungsschutzrecht würde mehr oder weniger versteckt die Forderung nach einem Gebühren-Erhebungssystem lauern. Ein grenzüberschreitendes bürokratisches Monster wäre die Folge. „Das Internet wirbelt nicht nur die alte Medienordnung durcheinander, es verändert auch die Meinungslage“, schreibt die NZZ. Eine breite libertäre Grundstimmung sei aufgekommen. „Das Vorhaben der Verleger wird als rückwärtsgewandt und protektionistisch wahrgenommen“, resümiert das Schweizer Blatt.

Im Vergleich mit der technologisch ausgelösten libertären Welle im Netz wirken die Erbauer von neuen Barrieren wie Museumswärter.

Sind wir Sklaven des Internets und neuer Technologien?

Zwei Drittel der Berufstätigen sind nach einem Bericht des Deutschlandfunks inzwischen außerhalb ihrer regulären Arbeitszeiten für Kunden, Kollegen oder Vorgesetzte per Internet oder Handy erreichbar. Ein Drittel der Erwerbstätigen ist sogar jederzeit erreichbar, also auch am Abend oder am Wochenende. Nur 32 Prozent der Berufstätigen sind in ihrer Freizeit nur in Ausnahmefällen oder gar nicht per Internet oder Handy erreichbar. „Das Thema hat inzwischen nicht nur die Arztpraxen, sondern auch die Medien erreicht“, so der DLF.

Bei vielen Berufstätigen würde es auch am Feierabend und am Wochenende piepen – ob sich eine SMS ankündigt, das Telefon klingelt oder die E-Mail im Postfach ankommt -, ständige Erreichbarkeit gilt heute häufig als normal. Christian Fron, Geschäftsführer des Aastra-Tochterunternehmens DeTeWe erinnert an ein Zitat des amerikanischen Zukunftsforschers John Naisbitt. Er habe bereits vor 50 Jahren gesagt, es hänge vom Menschen ab, ob er die Technologie beherrscht oder sich von der Technologie beherrschen lässt. Wenn von einer Informationsflut die Rede sei, liege einiges auch am Nutzerverhalten. So werden täglich in Unternehmen rund 70 Milliarden E-Mails intern verschickt: „Jetzt muss man sich die Frage stellen, ob so viel Informationen zielgerichtet sind oder ob die eigentlichen Nutzer dieses Medium vielleicht nicht überstrapazieren“, erläutert Fron gegenüber dem DLF.

„Wir sind alle dauernd online, und das zerfasert unser Leben. Und sehr viele klagen gelegentlich darüber. Aber nur kurz. Dann schauen sie in ihr E-Mail-Postfach, damit sie nichts versäumen”, philosophiert er und erklärt: “Aber der Traum vom Offline sein, vom guten Buch, das man ungestört liest, ohne zwischendurch durch dies und das abgelenkt zu sein, dieser Traum ist das Next Big Thing, das kann man jetzt schon sagen“, klagt Robert Misik vom österreichischen “Standard” in seinem Videocast.

Er verweist auf das Buch von SZ-Redakteur Alex Rühle „Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline“ und auf den Band „Ich bin dann mal Offline. Ein Selbstversuch“ von Christoph Koch. Beide könne man schon ganz leicht bestellen. Im Internet! „Und am amerikanischen Buchmarkt stapeln sich ohnehin schon die Wälzer, in denen beschrieben wird, wie furchtbar das Internet ist, wie es uns immer dümmer macht, wie es unser Gehirn in Unordnung bringt, indem es unsere Synapsen zu einem wirren Knäuel verstrickt. Und ich geb zu: Mich macht das Internet auch nervös. Am meisten nervös macht es mich, wenn es nicht funktioniert“, führt Misik aus.

Die Klage über den Überfluss an Informationen sei kein Phänomen des Internetzeitalters und der mobilen Arbeitswelt, so Peter B. Záboji, Chairman des Afters Sales-Spezialisten Bitronic. Man müsse wie früher genau selektieren, welche Informationen durchkommen dürfen und welche nicht. „Beim traditionellen Briefverkehr waren es die Vorzimmer im Unternehmen, die eine Auswahl vorgenommen haben. Heute sind es elektronische Filter und virtuelle Assistenzsysteme. Man sollte die Technik nur geschickt einsetzen und darf sich nicht von ihr dominieren lassen“. Die Folgen der informationellen Unzulänglichkeit des Menschen habe der Informatiker Professor Karl Steinbuch vor über 30 Jahren treffend beschrieben. Ein Wissenschaftler stehe beispielsweise ständig vor dem Dilemma, ob er seine Zeit der Forschung widmen soll oder der Suche nach Ergebnissen, die andere schon gefunden haben. Versuche er, fremde Publikationen erschöpfend auszuwerten, dann bleibe ihm kaum Zeit zu eigener Forschung. Forsche der Wissenschaftler jedoch ohne Beachtung fremder Ergebnisse, dann arbeitet er möglicherweise an Erkenntnissen, die andere schon gefunden haben. „Mit den Recherchemöglichkeiten, die das Internet heute bietet, reduziert sich allerdings der Aufwand für das erste Szenario erheblich“, sagt Záboji.

Wichtig sei es nach Ansicht des ITK-Branchenexperten Fron, dass Informationen nur da hinkommen, wo sie wirklich hin sollen „Ich habe jederzeit die Möglichkeit, die Informationen komplett umzulenken, so dass nur in dringenden Fällen Nachrichten an mich herangetragen werden.“ Grundsätzlich biete sich nicht für jedes Unternehmen immer jede Technik an. „Ein Blackberry ist für einen Geschäftsführer sinnvoll, der viel unterwegs ist. Ein Innendienstmitarbeiter braucht ihn dagegen nicht. Videokonferenzen sind für internationale Konzerne mit vielen Niederlassungen äußerst praktisch. Man kann den Kollegen oder Geschäftspartnern gegenübersitzen, ohne dass man einen Schritt aus dem Büro gemacht hat. Reisen entfallen. Das spart Zeit und Geld. Man muss bei all den Anschaffungen vor allen Dingen sein Gehirn einschalten und prüfen, welche technischen Innovationen zur eigenen Firma passen“, so der Ratschlag von Záboji. Unangemessen sei die fundamentale Technologiekritik, die sich gegen das Internet wendet. Auf diesen Zug würden zwar immer mehr Debattenkünstler wie Nicholas Carr oder Jaron Lanier aufspringen. Besonders originell seien die Positionen dieser Nörgler nicht.

NZZ-Blogger Nico Luchsinger hat dazu ein schönes Stück geschrieben. Er beschäftigt sich mit dem neuen Buch von Nicholas Carr „The Shallows“. Carr habe wie der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher das Gefühl, dass jemand oder etwas sein Gehirn beeinflusse (hoffentlich ist diese Krankheit nicht anstecken, gs). Auch der Tech-Autor habe als Hauptschuldigen das Internet ausgemacht. Es führe zur Ablenkung und zum oberflächlichen Lernen.

„Dutzende Studien, die Carr zusammengetragen hat, sollen beweisen, dass das Internet tatsächlich unsere Synapsen neu verknüpft. So sei nämlich erwiesen, dass das Internet schnelles kursorisches Lesen fördere; ständig werde unsere Aufmerksamkeit von Links auf andere Inhalte abgelenkt; die kontemplative Auseinandersetzung mit einem Text sei deshalb eine aussterbende Kulturtechnik“, so Luchsinger. Carr sollte sich mit Herder auseinandersetzen, der das kursorische Lesen als Recherchetechnik im 18. Jahrhundert empfohlen hat, um mit der Flut von neuen Büchern fertig zu werden.

„Der lineare, literarische Verstand war für fünf Jahrhunderte das Zentrum von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Aber er könnte schon bald der Vergangenheit angehören“, meint Carr. Entsprechend pessimistisch beurteilt er das Projekt von Google, möglichst viele Bücher zu digitalisieren: Indem man die Buchtexte nach Stichworten durchsuchbar mache, werde die eigentliche Effizienz des Buches für eine tiefe Wissens- und Meinungsbildung zerstört.

Nicht nur bei solchen Aussagen drücke bei Carr ein verstörend naiver und ideologisch aufgeladener Kulturpessimismus durch, kommentiert Luchsinger. An einer Stelle etwa beklage Carr die Veränderung in den Bibliotheken, die noch vor wenigen Jahren „Oasen der Ruhe“ waren, nun aber fast alle mit Internet-Zugang ausgerüstet sind: „Das vorherrschende Geräusch in der modernen Bibliothek ist nicht mehr das Blättern von Seiten, sondern das Klappern der Tastaturen.“

Dass Bibliotheken – schon immer – Orte des Wissenszugangs waren und dass dazu im 21. Jahrhundert nun mal ein internetfähiger Computer gehört, scheine Carr in seiner elitären bibliophilen Verblendung nicht in den Sinn zu kommen. Nun ist diese Position nicht nur elitär, sondern historisch gesehen Unfug. Herder hatte ich ja schon erwähnt, der mit der Flut an Buchneuerscheinungen nicht mehr fertig wurde, obwohl die Lage im Vergleich zu heute noch überschaubar war. Der Zuwachs einer deutschen Hochschulbibliothek bewegt sich jährlich zwischen 30.000 bis 50.000 Bände, während der Gesamtbestand einer Hochschulbibliothek Ende des 18. Jahrhunderts bei rund 20.000 Büchern und Schriften lag. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts lag man bei 130.000 Büchern. Eine Uni-Bibliothek abonniert heute mehr als 8.000 Periodika. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es erst 100 wissenschaftliche Zeitschriften. Die Library of Congress beziffert ihre Bestände auf weiter über 130 Millionen Einheiten. Ohne Digitaltechnik gäbe es keine Orientierung mehr.

„In einer Kritik von ‚The Shallows‘ hat der Psychologe Steven Pinker erklärt, Neurowissenschaftler würden bei den Aussagen Carrs nur mit den Augen rollen. Denn natürlich beeinflusse die Internet-Nutzung das Gehirn – genauso wie Fahrradfahren und alle anderen menschlichen Tätigkeiten und Erfahrungen auch. Und die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf, die in ihrem Buch ebenfalls vor den Gefahren des digitalen Lesens warnt, gestand im Interview mit der ‚Süddeutschen Zeitung‘ ein, dass es bis jetzt kaum harte Fakten zu den Auswirkungen des Lesens an einem Bildschirm gibt. Das soll nicht heißen, dass es keine Unterschiede zwischen dem Lesen eines Buches und dem Lesen eines Blogposts gibt, und auch nicht, dass letzteres keinen Einfluss auf unser Gehirn hat. Aber die Faktenlage lässt Carrs einigermaßen apokalyptische Prophezeiungen völlig übertrieben erscheinen“, resümiert der NZZ-Blogger.