Warum „Frankenstein“ kein Bestseller wurde und die Printjünger ins Abseits marschieren

Das Handelsblatt versucht sich als Orakel von Delphi und verkündet „das Ende der Gratiskultur im Internet“. Zwanzig Jahre nach der Erfindung des Internets würde jetzt eine neue Epoche anbrechen: „Inhalte gibt es künftig nicht mehr umsonst. Medienunternehmen führen weltweit immer mehr Bezahlangebote im Web und in der Mobiltelefonie ein und haben damit großen Erfolg“, so die frohe Botschaft der Printjünger, die fast schon sakrale Töne trägt. Man könnte es auch als Pfeifen im Walde bezeichnen oder als Durchhalteparolen im Grabenkampf wie bei der Schlacht von Verdun.

Der ehemalige Handelblatt-Redakteur Thomas Knüwer ordnet das Elaborat in die psychologische Kategorie der Autosuggestion ein. Sie wird bekanntlich durch Selbsthypnose oder wiederholte Selbst-Affirmationen erreicht, und kann als eine Form von selbstinduzierter „Gehirnwäsche“ angesehen werden. Die Wirksamkeit der autosuggestiven Gedankenformeln kann durch mentale Visualisierungen des erwünschten Ziels erhöht werden. Der Erfolg der Autosuggestion wird umso wahrscheinlicher, je konsistenter und öfter sie angewendet wird. Doch dann ist Schluss mit dem esoterischen Schabernack und Knüwer kommt zur Sache: Die Rückkehr-zur-Normalität-Strecke des Handelsblattes sein eine Anhäufung von Halb- und Unwahrheiten, von unkritischem Widerkäuen falscher Floskeln und schließlich mündet all dies in einem Interview mit Matthias Döpfner, der anscheinend zur Lichtgestalt der Gedrucktbranche mutiert.

So behaupten die Handelsblatt-Autoren, dass der Wired-Chefredakteur Chris Anderson in seinem Buch „Free“ die Vision von der neuen, schönen Medienwelt mit dem „Umsonst-Journalismus“ vertreten würden. Das tue Anderson aber überhaupt nicht, so Knüwer. Er sage ganz klar, dass die Leser für gewisse Inhalte nicht mit Geld zahlen – dass aber eine Finanzierung möglich ist. Nur die alten Geschäftsmodelle der Verlage aus den alten Zeiten des Printmonopols sind eben nicht mehr tragfähig. Wer ist denn noch so dumm, Anzeigen in Printmedien zu schalten, wenn über Portale für Immobilien, Jobs oder Bekanntschaften bessere Trefferquoten erzielt werden und klassische Anzeigen über AdWords zu einer Form der personalisierten Werbung führen – weg von der unspezifischen Reklame-Berieselung.

Man muss halt mit neuen Modellen experimentieren. Und wenn die Handelsblatt-Printjünger mal in ihr Archiv schauen würden, könnten sie sogar Anregungen finden:

Godin äußert sich zum Niedergang des traditionelles Marketings. Einen Test für neue Wege hat er vor zehn Jahren mit seinem „Unleashing the I-dea-Virus“ gewagt. Zum Start hat er es einfach verschenkt und trotzdem Geld verdient. „Mein Buch handelt davon, wie sich Ideen verbreiten. Ideen sind ansteckend wie ein Virus. Und je mehr Leute einer Idee ausgesetzt sind, desto schneller verbreitet sie sich. Genau das wollte ich zeigen, als ich das Buch kostenlos ins Internet stellte. Und die Zahlen zeigen: Es funktioniert. Seit Mitte Juli haben sich 200 000 Leute den Text heruntergeladen. Für Wirtschaftsbücher gilt schon eine Auflage von 20 000 bis 30 000 als Riesenerfolg.“

In gebundener Form hat er das Buch für 40 Dollar verkauft. „Wer das Buch nur lesen will, kann das im Internet gratis tun. Wer aber eine gedruckte Ausgabe als Souvenir will, kann es kaufen. Das ist wie mit T-Shirts: Die gibt es im Kaufhaus für ein paar Dollar im Zehnerpack. Wer aber eins mit dem Aufdruck der Freiheitsstatue haben will, muss dafür 40 Dollar hinblättern. Inzwischen habe ich mit dem Buch innerhalb von fünf Wochen mehr Geld verdient als mit meinem ersten Buch in eineinhalb Jahren“, erklärte Godin.

Unverständlich sei der Aktivismus der Industrie gegen die Musiktauschbörse Napster gewesen: „Ich verstehe überhaupt nicht, warum die Musik-Industrie so dagegen ist. Je mehr Leute einen Song hören, desto mehr werden später auch die Platte kaufen. Deshalb bemühen sich die Plattenfirmen ja auch so, die Songs ihrer Künstler ins Radio oder auf MTV zu bekommen. Da akzeptieren sie ein Prinzip, das sie bei Napster ablehen“, erläuterte Godin. Genau um diese Effekte geht es auch dem Wired-Chefredakteur. Free heißt eben nicht kostenlos. Wenn ein Dienst in einer Grundversion nichts kostet und bei den Kunden einschlägt wie eine Bombe, wollen die Anwender mehr davon haben und sind auch bereit, für die Upgrades zu zahlen. Das habe ich beispielsweise bei WordPress auch getan, um Audio-Dateien in meinem Blog zu präsentieren. Mit dem kostenlosen Content Management System bin ich seit Jahren sehr zufrieden und war daher auch bereit, in sinnvolle Erweiterungen zu investieren. Also muss das Pflichtprogramm die Nutzer überzeugen, um dann in der Kür entsprechend Geld zu verlangen, liebe Verleger. Ihr seid ja noch nicht mal in der Lage, vernünftige Micropayment-Dienste zu entwickeln. So kosten die zwei Autosuggestion-Artikelchen über die Weltrettung des Printimperiums schlappe 6.90 Euro – eine Frechheit. Siehe auch: Das Schlafen der Verlage: Warum die E-Commerce-Modelle der Massenmedien Schrott sind.

Die Verlage könnten doch etwas anderes ausprobieren. Lasst die Leser entscheiden, was ihnen die Online-Artikel wert sind. In der Masse würden die Zeitungen dann jedenfalls mehr einnehmen als mit den Genios-Apothekenpreisen.

Wenn jetzt noch weitere Bezahlschranken errichtet werden, werden die Printverlage endgültig in die Knie gehen. Mit merkantilistischen Schutzzöllen, Schutzgebühren, Abmahn-Gefechten und mit dem von Döpfner und seinen Printjüngern so sehr herbeigesehnten Leistungsschutzrecht werden sich die Verlage ihr eigenes Grab schaufeln. „Die Verlage zeigen ihr Unvermögen, auf die Abwanderung der Konsumenten und damit auch der Werbung ins Internet sinnvoll zu reagieren. Sie versuchen dieses mit einem Abgabengesetz zu kompensieren und ihre Kosten über Subventionen zu sozialisieren. Die Ausrede, wonach die Gratiskultur im Internet dies erfordere, ist doppelt falsch: Erstens machen die Verlage ihre Inhalte freiwillig im Internet zugänglich, und zweitens zeigen Firmen wie Amazon, Apple, Ebay, Google oder auch Facebook eindeutig, dass man im Internet Geld verdienen kann“, schreibt Cognita-Geschäftsführer Denis Nordmann in einem Gastbeitrag für die NZZ.

Eine Zwangsabgabe zugunsten der Verlage würde den Wettbewerb verzerren und Innovationen lähmen. Genau das hat der Wissenschaftler Eckhard Höffner akribisch in seinem zweibändigen Werk „Geschichte und Wesen des Urheberrechts“ (Verlag Europäische Wirtschaft) nachgewiesen. Im 19. Jahrhundert gab es in Deutschland – im Gegensatz zu England und Frankreich – eine Explosion des Wissens. Den Grund sieht Höffner im Urheberrecht. Das strenge Copyright im Vereinten Königreich wurde bereits 1710 eingeführt und würgte die Buchproduktion ab. In Deutschland hingegen scherte sich lange Zeit niemand um Autorenrecht. Preußen führte das Urheberrecht zwar 1837 ein. Doch wegen der Kleinstaaterei bis 1871 war das Gesetz deutschlandweit ohne große Wirkung. So wurden die Werke der vor dem 9. November 1837 verstorbenen Klassiker am 9. November 1867 gemeinfrei. „Kaum lief der Schutz aus, wurden hunderttausende von günstigen Büchern verkauft. Reclam beispielsweise brachte Faust unter Ausnutzung der modernen Drucktechniken zum Preis von zwei Groschen – ein Bruchteil des Preises der Ausgabe Cottas – auf den Markt und verkaufte innerhalb weniger Monate zwanzigtausend Exemplare. Zugleich bot Hempel in Berlin die Gedichte Bürgers an; 150.000 Subskribenten und offenbar innerhalb von einigen Monaten insgesamt 300.000 verkaufte Exemplare sprechen eine deutliche Sprache.“ Es gab eine riesige Nachfrage, die infolge des Urheberrechts unbefriedigt blieb.

Wer neue Schutzwälle errichten will, strebt monopolistische Marktstrukturen an. Dieses Konzept geht im Internet aber nicht auf, liebes Handelsblatt. Eure Stellung kann mittlerweile von jedermann angegriffen werden. Ihr kapiert es einfach nicht. So erzielte 1806 der Chemie-Professor Sigismund Hermbstädt mit seinem drögen Werk „Grundsätze der Ledergerberei“ in Deutschland ohne urheberrechtliche Flankierung ein höheres Honorar als die britische Autorin Mary Shelley mit ihrem bis heute berühmten Horrorstück „Frankenstein“.

Und auch mit dem Google-Bashing kommt ihr nicht weiter: „Natürlich darf auch die meistverbreitete Lüge der deutschen Zeitungslandschaft im ‚Handelsblatt‘ nicht fehlen: ‚Viele Jahre haben Suchmaschinen wie Google und Yahoo, Social Communities wie Facebook oder unzählige Blogs viel Geld mit den Inhalten von Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendern verdient'“, führt Knüwer aus und kontert:

„Viele Jahre haben Suchmaschinen den Verlagen Leser online herbeigespült, mit denen die Medienhäuser nichts anzufangen wissen. Und das mit Facebook und Blogs ist geistesgestörter Schwachsinn von unfassbar tiefem Niveau. Die Verlage könnten den angeblichen Diebstahl innerhalb von Minuten unterbinden – wollen sie aber nicht. Denn mit Suchmaschinen geht es ihnen besser als ohne. Eine Situation, die man gemeinhin nur vom Versicherungsbetrug kennt.“ Man könnte sich auch die Frage stellen, warum die Redakteure von ihren Heeresleitungen angehalten werden, “Google-optimiert” zu schreiben, also die richtigen Schlagworte in der richtigen Häufigkeit einzusetzen. Denn auch Verlage wissen längst: Zugriffe auf Artikel, die auf Google News oben stehen, schnellen sofort hoch.

Wessen Artikel nur unter einer Sammeladresse wie “und 856 ähnliche Artikel” aufgeführt ist, hat es schwer, die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen. Und hat nicht Springer gerade eine Mehrheitsbeteiligung bei SOHOMINT erworben – einem Dienstleister für Suchmaschinen-Optimierung und Keyword-Management? Die Attacken gegen Google sind also nur ein Ablenkungsmanöver der Printjünger. Man könnte es auch Futter-Neid nennen.

Sehr lesenswert zum Thema ist auch „Verdi: Gewerkschaft an der Sperr-Spitze“.

Nicholas Carr und Co. im Neuro-Stress – Internetskeptiker blicken ins Gehirn

Zwei Drittel der Berufstätigen sind nach einem Bericht des Deutschlandfunks inzwischen außerhalb ihrer regulären Arbeitszeiten für Kunden, Kollegen oder Vorgesetzte per Internet oder Handy erreichbar. Ein Drittel der Erwerbstätigen ist sogar jederzeit erreichbar, also auch am Abend oder am Wochenende. Nur 32 Prozent der Berufstätigen sind in ihrer Freizeit nur in Ausnahmefällen oder gar nicht per Internet oder Handy erreichbar. „Das Thema hat inzwischen nicht nur die Arztpraxen, sondern auch die Medien erreicht“, so der DLF.
Bei vielen Berufstätigen würde es auch am Feierabend und am Wochenende piepen – ob sich eine SMS ankündigt, das Telefon klingelt oder die E-Mail im Postfach ankommt -, ständige Erreichbarkeit gilt heute häufig als normal. Christian Fron, Geschäftsführer des Aastra-Tochterunternehmens DeTeWe erinnert an ein Zitat des amerikanischen Zukunftsforschers John Naisbitt. Er habe bereits vor 50 Jahren gesagt, es hänge vom Menschen ab, ob er die Technologie beherrscht oder sich von der Technologie beherrschen lässt. Wenn von einer Informationsflut die Rede sei, liege einiges auch am Nutzerverhalten. So werden täglich in Unternehmen rund 70 Milliarden E-Mails intern verschickt: „Jetzt muss man sich die Frage stellen, ob so viel Informationen zielgerichtet sind oder ob die eigentlichen Nutzer dieses Medium vielleicht nicht überstrapazieren“, erläutert Fron gegenüber dem DLF.

Die Klage über den Überfluss an Informationen sei kein Phänomen des Internetzeitalters und der mobilen Arbeitswelt, so Peter B. Záboji, Chairman des Afters Sales-Spezialisten Bitronic. Man müsse wie früher genau selektieren, welche Informationen durchkommen dürfen und welche nicht. „Beim traditionellen Briefverkehr waren es die Vorzimmer im Unternehmen, die eine Auswahl vorgenommen haben. Heute sind es elektronische Filter und virtuelle Assistenzsysteme. Man sollte die Technik nur geschickt einsetzen und darf sich nicht von ihr dominieren lassen“.

Die Folgen der informationellen Unzulänglichkeit des Menschen habe der Informatiker Professor Karl Steinbuch vor über 30 Jahren treffend beschrieben. Ein Wissenschaftler stehe beispielsweise ständig vor dem Dilemma, ob er seine Zeit der Forschung widmen soll oder der Suche nach Ergebnissen, die andere schon gefunden haben. Versuche er, fremde Publikationen erschöpfend auszuwerten, dann bleibe ihm kaum Zeit zu eigener Forschung. Forsche der Wissenschaftler jedoch ohne Beachtung fremder Ergebnisse, dann arbeitet er möglicherweise an Erkenntnissen, die andere schon gefunden haben. „Mit den Recherchemöglichkeiten, die das Internet heute bietet, reduziert sich allerdings der Aufwand für das erste Szenario erheblich“, sagt Záboji. Wichtig sei es nach Ansicht des ITK-Branchenexperten Fron, dass Informationen nur da hinkommen, wo sie wirklich hin sollen „Ich habe jederzeit die Möglichkeit, die Informationen komplett umzulenken, so dass nur in dringenden Fällen Nachrichten an mich herangetragen werden.“

Grundsätzlich biete sich nicht für jedes Unternehmen immer jede Technik an. „Ein Blackberry ist für einen Geschäftsführer sinnvoll, der viel unterwegs ist. Ein Innendienstmitarbeiter braucht ihn dagegen nicht. Videokonferenzen sind für internationale Konzerne mit vielen Niederlassungen äußerst praktisch. Man kann den Kollegen oder Geschäftspartnern gegenübersitzen, ohne dass man einen Schritt aus dem Büro gemacht hat. Reisen entfallen. Das spart Zeit und Geld. Man muss bei all den Anschaffungen vor allen Dingen sein Gehirn einschalten und prüfen, welche technischen Innovationen zur eigenen Firma passen“, so der Ratschlag von Záboji.

Neuronaler Kulturpessimismus

Unangemessen sei die fundamentale Technologiekritik, die sich gegen das Internet wendet. Auf diesen Zug würden zwar immer mehr Debattenkünstler wie Nicholas Carr oder Jaron Lanier (sein Büchlein heißt: Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht) aufspringen. Besonders originell seien die Positionen dieser Nörgler nicht. NZZ-Blogger Nico Luchsinger hat dazu ein schönes Stück geschrieben. Er beschäftigt sich mit dem neuen Buch von Nicholas Carr „The Shallows“ (die deutsche Übersetzung hat den umständlichen Titel: Wer bin ich, wenn ich online bin…: und was macht mein Gehirn solange? – Wie das Internet unser Denken verändert). Carr habe wie der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher das Gefühl, dass jemand oder etwas sein Gehirn beeinflusse. Auch der Tech-Autor habe als Hauptschuldigen das Internet ausgemacht. Es führe zur Ablenkung und zum oberflächlichen Lernen.

„Dutzende Studien, die Carr zusammengetragen hat, sollen beweisen, dass das Internet tatsächlich unsere Synapsen neu verknüpft. So sei nämlich erwiesen, dass das Internet schnelles kursorisches Lesen fördere; ständig werde unsere Aufmerksamkeit von Links auf andere Inhalte abgelenkt; die kontemplative Auseinandersetzung mit einem Text sei deshalb eine aussterbende Kulturtechnik“, so Luchsinger. „Der lineare, literarische Verstand war für fünf Jahrhunderte das Zentrum von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Aber er könnte schon bald der Vergangenheit angehören“, meint Carr.

Entsprechend pessimistisch beurteilt er das Projekt von Google, möglichst viele Bücher zu digitalisieren: Indem man die Buchtexte nach Stichworten durchsuchbar mache, werde die eigentliche Effizienz des Buches für eine tiefe Wissens- und Meinungsbildung zerstört. Nicht nur bei solchen Aussagen erkenne man bei Carr einen verstörend naiven und ideologisch aufgeladenen Kulturpessimismus, kommentiert Luchsinger. An einer Stelle etwa beklage Carr die Veränderung in den Bibliotheken, die noch vor wenigen Jahren „Oasen der Ruhe“ waren, nun aber fast alle mit Internet-Zugang ausgerüstet sind: „Das vorherrschende Geräusch in der modernen Bibliothek ist nicht mehr das Blättern von Seiten, sondern das Klappern der Tastaturen.“

Dass Bibliotheken – schon immer – Orte des Wissenszugangs waren und dass dazu im 21. Jahrhundert nun mal ein internetfähiger Computer gehört, scheine Carr in seiner elitären bibliophilen Verblendung nicht in den Sinn zu kommen. Nun ist diese Position nicht nur elitär, sondern historisch gesehen Unfug. Herder hatte ich ja schon erwähnt, der mit der Flut an Buchneuerscheinungen nicht mehr fertig wurde, obwohl die Lage im Vergleich zu heute noch überschaubar war. Der Zuwachs einer deutschen Hochschulbibliothek bewegt sich jährlich zwischen 30.000 bis 50.000 Bände, während der Gesamtbestand einer Hochschulbibliothek Ende des 18. Jahrhunderts bei rund 20.000 Büchern und Schriften lag. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts lag man bei 130.000 Büchern. Eine Uni-Bibliothek abonniert heute mehr als 8.000 Periodika. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es erst 100 wissenschaftliche Zeitschriften. Die Library of Congress beziffert ihre Bestände auf weiter über 130 Millionen Einheiten.

„In einer Kritik von ‚The Shallows‘ hat der Psychologe Steven Pinker erklärt, Neurowissenschaftler würden bei den Aussagen Carrs nur mit den Augen rollen. Denn natürlich beeinflusse die Internet-Nutzung das Gehirn – genauso wie Fahrradfahren und alle anderen menschlichen Tätigkeiten und Erfahrungen auch. Und die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf, die in ihrem Buch ebenfalls vor den Gefahren des digitalen Lesens warnt, gestand im Interview mit der ‚Süddeutschen Zeitung‘ ein, dass es bis jetzt kaum harte Fakten zu den Auswirkungen des Lesens an einem Bildschirm gibt. Das soll nicht heißen, dass es keine Unterschiede zwischen dem Lesen eines Buches und dem Lesen eines Blogposts gibt, und auch nicht, dass letzteres keinen Einfluss auf unser Gehirn hat. Aber die Faktenlage lässt Carrs einigermaßen apokalyptische Prophezeiungen völlig übertrieben erscheinen“, resümiert der NZZ-Blogger.

Döpfner und der Nutzen des Parasiten

„Wer liberal ist, verteidigt geistiges Eigentum“, mit diesem Credo eröffnet Springer-Chef Mathias Döpfner in einem Gastbeitrag für die NZZ ein wahres Zitaten-Panoptikum, um die Verteidigungslinie gegen die bösen Web-Kommunisten, die Kostenlos-Parasiten im Netz und die Aufmerksamkeit-statt-Geld-Prediger aufzubauen. Letztlich geht es doch nur um die Bewahrung der Verlagsmonopol-Renditen, die man über Jahrzehnte eingefahren hat. Die Web-Kommunisten sind nicht verantwortlich für den Niedergang der alten Geschäftsmodelle der Verlage. Das hat der Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl sehr gut beschrieben:

„Die Verlagsmanager haben sich an entscheidenden Stellen verkalkuliert. In der ‘guten, alten’ Zeit hatten die meisten Blätter regionale oder lokale Oligopole oder Monopole, also eine marktbeherrschende Stellung. Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl.

Für die Werbetreibenden seien das paradiesische Zustände. Sie könnten ihre Zielgruppen ohne allzu große Streuverluste über das Internet sehr viel besser erreichen und müssten das Geld nicht mehr zum Fenster rausfeuern. Und noch ein Trend schröpft die Verlage: Wer nach einer neuen Freundin Ausschau hält oder sein Auto zum Verkauf anbietet, kann online inzwischen gratis oder für wenig Geld seine Ziele erreichen. Hier hilft die Silo-Taktik der Verlagsmanager nicht weiter. Die entsprechenden Portale laufen auch ohne Nachrichten-Content! Da wird auch das Leistungsschutzrecht, Verwertungsgesellschaft, Abmahnterror, Gebühren-Abzocke und sündhaft teure Payment-Strategien nicht weiterhelfen. Für die auswechselbaren Tagesnachrichten der Gesternmedien helfen die Schutzwälle nicht weiter, sie werden zu einer Innovationsstarre der Verlage führen und sie zu Dinosauriern der Medienwelt degradieren.

Parasiten, Hacker, Daten-Piraten, Wissensdiebe, Kopisten und Collage-Künstler sind in diesem Spiel höchst nützliche Zeitgenossen. Sie stören die Monopolisten – das liberale Mimikry von Herrn Döpfner ist dabei nur ein Ablenkungsmanöver: „Die Macht suchte und sucht das Zentrum einzunehmen. Wenn sie von diesem Zentrum aus wirken, ihre Wirksamkeit bis an die Grenzen des Raumes entfalten, wenn sie bis an die Peripherie reichen soll, so ist es notwendig, dass es kein Hindernis gibt (Web-Kommunisten, Herr Döpfner), dass der Raum um ihre Aktion homogen ist. Kurz, der Raum muss frei von Rauschen, von Parasiten sein. Um Gehorsam zu finden, muss man gehört, muss man verstanden werden, muss die Ordnungsbotschaft Stille vorfinden. Man muss Stille schaffen (mit dem Leistungsschutzrecht, gs). Man muss die Parasiten vertreiben (um wieder die alten Monopolrenditen zu verdienen, gs)“, schreibt der Philosoph Michel Serres in seiner Abhandlung „Der Parasit“.

Das Verbrechen der Wissensmonopolisierung in allen seinen Varianten verlangt nach Wiedergutmachung, so Serres; diese funktioniert jedoch nicht nach dem traditionellen paternalistischen Modell (Lehrer-Schüler Verhältnis), sondern komme von der Peripherie; von jenen also, die bislang vom Wissen ausgeschlossen wurden. Die Zirkulation des Wissens könne man nicht durch Copyrights bändigen. Das technische Potenzial provoziert immer auch seine uneingeschränkte Nutzung – und sei es durch die parasitäre Piraterie. Der Parasit als Störfaktor kann seinen Wirt veredeln aber auch töten, Herr Döpfner. Wenn er nutzlos wird, sucht sich der Parasit einen neuen Wirt.

Siehe auch: Döpfners Klage über die Gratis-Kultur und was der Springer-Chef vom Götterboten Hermes lernen könnte.

Google Street View und der Kontrollverlust für Internet-Nicht-Nutzer, Verleger, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik

Michael Seemann hat in einem interessanten Beitrag verdeutlicht, dass der Kontrollverlust, den Unternehmen, Gesellschaft und Politik durch die Dezentralisierung der Kommunikationsströme im Internet erleben, auch vor Internet-Nicht-Nutzern nicht halt macht: „Im Netz existiert bald eine Repräsentation von jedem, ob wir wollen, oder nicht. Man kann das ignorieren. Verschwinden aber wird das virtuelle Profil dadurch nicht. Es wird wachsen und immer wichtiger werden, auch für das Offline-Leben. Man kann versuchen, mit Anwälten und vielen Briefen dagegen anzukämpfen, aber diesen Kampf wird man auf lange Frist verlieren. Wer Teil der Welt ist, wird Teil des Internets sein.“

Es bleibe nur eine Chance: es beeinflussen. Es gibt effektivere und bessere Möglichkeiten, Einfluss auf das eigene Bild zu nehmen, als es verpixeln zu lassen. Man sollte seine Daten selber in die Hand nehmen, an seinem öffentlichen Bild arbeiten. In der stofflichen Welt überlegen wir auch, was wir wem erzählen und was besser nicht – wir gehen bewusst mit unserem Wissen und unserem Selbst um.

Und ganz entscheidend: „Je mehr Menschen sich an der Kommunikation im Netz beteiligen, desto engmaschiger wird die Informationsabdeckung, desto ‚unverpixelter‘ wird diese eins-zu-eins-Weltkarte, die längst aus viel mehr besteht als aus Hausfassaden“, so Seemann. Da können die Hausmeister, Abmahnheinis und Urheberrechts-Keulenschwinger machen was sie wollen, den Kontrollverlust über ihre Hoheitsgebiete können sie nicht mehr zurückerobern. Das musste heute auch die Medienredaktion der NZZ einräumen. Vor zwei Wochen war ein Namensbeitrag des Verlegers Norbert Neininger erschienen, der sich vehement für das Leistungsschutzrecht einsetzte. Sein Plädoyer hat etliche Reaktionen provoziert: „Allerdings nur ablehnende“, so die NZZ. Der Gastbeitrag würde nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben. Hinter einem Leistungsschutzrecht würde mehr oder weniger versteckt die Forderung nach einem Gebühren-Erhebungssystem lauern. Ein grenzüberschreitendes bürokratisches Monster wäre die Folge. „Das Internet wirbelt nicht nur die alte Medienordnung durcheinander, es verändert auch die Meinungslage“, schreibt die NZZ. Eine breite libertäre Grundstimmung sei aufgekommen. „Das Vorhaben der Verleger wird als rückwärtsgewandt und protektionistisch wahrgenommen“, resümiert das Schweizer Blatt.

Im Vergleich mit der technologisch ausgelösten libertären Welle im Netz wirken die Erbauer von neuen Barrieren wie Museumswärter.

Sind wir Sklaven des Internets und neuer Technologien?

Zwei Drittel der Berufstätigen sind nach einem Bericht des Deutschlandfunks inzwischen außerhalb ihrer regulären Arbeitszeiten für Kunden, Kollegen oder Vorgesetzte per Internet oder Handy erreichbar. Ein Drittel der Erwerbstätigen ist sogar jederzeit erreichbar, also auch am Abend oder am Wochenende. Nur 32 Prozent der Berufstätigen sind in ihrer Freizeit nur in Ausnahmefällen oder gar nicht per Internet oder Handy erreichbar. „Das Thema hat inzwischen nicht nur die Arztpraxen, sondern auch die Medien erreicht“, so der DLF.

Bei vielen Berufstätigen würde es auch am Feierabend und am Wochenende piepen – ob sich eine SMS ankündigt, das Telefon klingelt oder die E-Mail im Postfach ankommt -, ständige Erreichbarkeit gilt heute häufig als normal. Christian Fron, Geschäftsführer des Aastra-Tochterunternehmens DeTeWe erinnert an ein Zitat des amerikanischen Zukunftsforschers John Naisbitt. Er habe bereits vor 50 Jahren gesagt, es hänge vom Menschen ab, ob er die Technologie beherrscht oder sich von der Technologie beherrschen lässt. Wenn von einer Informationsflut die Rede sei, liege einiges auch am Nutzerverhalten. So werden täglich in Unternehmen rund 70 Milliarden E-Mails intern verschickt: „Jetzt muss man sich die Frage stellen, ob so viel Informationen zielgerichtet sind oder ob die eigentlichen Nutzer dieses Medium vielleicht nicht überstrapazieren“, erläutert Fron gegenüber dem DLF.

„Wir sind alle dauernd online, und das zerfasert unser Leben. Und sehr viele klagen gelegentlich darüber. Aber nur kurz. Dann schauen sie in ihr E-Mail-Postfach, damit sie nichts versäumen”, philosophiert er und erklärt: “Aber der Traum vom Offline sein, vom guten Buch, das man ungestört liest, ohne zwischendurch durch dies und das abgelenkt zu sein, dieser Traum ist das Next Big Thing, das kann man jetzt schon sagen“, klagt Robert Misik vom österreichischen “Standard” in seinem Videocast.

Er verweist auf das Buch von SZ-Redakteur Alex Rühle „Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline“ und auf den Band „Ich bin dann mal Offline. Ein Selbstversuch“ von Christoph Koch. Beide könne man schon ganz leicht bestellen. Im Internet! „Und am amerikanischen Buchmarkt stapeln sich ohnehin schon die Wälzer, in denen beschrieben wird, wie furchtbar das Internet ist, wie es uns immer dümmer macht, wie es unser Gehirn in Unordnung bringt, indem es unsere Synapsen zu einem wirren Knäuel verstrickt. Und ich geb zu: Mich macht das Internet auch nervös. Am meisten nervös macht es mich, wenn es nicht funktioniert“, führt Misik aus.

Die Klage über den Überfluss an Informationen sei kein Phänomen des Internetzeitalters und der mobilen Arbeitswelt, so Peter B. Záboji, Chairman des Afters Sales-Spezialisten Bitronic. Man müsse wie früher genau selektieren, welche Informationen durchkommen dürfen und welche nicht. „Beim traditionellen Briefverkehr waren es die Vorzimmer im Unternehmen, die eine Auswahl vorgenommen haben. Heute sind es elektronische Filter und virtuelle Assistenzsysteme. Man sollte die Technik nur geschickt einsetzen und darf sich nicht von ihr dominieren lassen“. Die Folgen der informationellen Unzulänglichkeit des Menschen habe der Informatiker Professor Karl Steinbuch vor über 30 Jahren treffend beschrieben. Ein Wissenschaftler stehe beispielsweise ständig vor dem Dilemma, ob er seine Zeit der Forschung widmen soll oder der Suche nach Ergebnissen, die andere schon gefunden haben. Versuche er, fremde Publikationen erschöpfend auszuwerten, dann bleibe ihm kaum Zeit zu eigener Forschung. Forsche der Wissenschaftler jedoch ohne Beachtung fremder Ergebnisse, dann arbeitet er möglicherweise an Erkenntnissen, die andere schon gefunden haben. „Mit den Recherchemöglichkeiten, die das Internet heute bietet, reduziert sich allerdings der Aufwand für das erste Szenario erheblich“, sagt Záboji.

Wichtig sei es nach Ansicht des ITK-Branchenexperten Fron, dass Informationen nur da hinkommen, wo sie wirklich hin sollen „Ich habe jederzeit die Möglichkeit, die Informationen komplett umzulenken, so dass nur in dringenden Fällen Nachrichten an mich herangetragen werden.“ Grundsätzlich biete sich nicht für jedes Unternehmen immer jede Technik an. „Ein Blackberry ist für einen Geschäftsführer sinnvoll, der viel unterwegs ist. Ein Innendienstmitarbeiter braucht ihn dagegen nicht. Videokonferenzen sind für internationale Konzerne mit vielen Niederlassungen äußerst praktisch. Man kann den Kollegen oder Geschäftspartnern gegenübersitzen, ohne dass man einen Schritt aus dem Büro gemacht hat. Reisen entfallen. Das spart Zeit und Geld. Man muss bei all den Anschaffungen vor allen Dingen sein Gehirn einschalten und prüfen, welche technischen Innovationen zur eigenen Firma passen“, so der Ratschlag von Záboji. Unangemessen sei die fundamentale Technologiekritik, die sich gegen das Internet wendet. Auf diesen Zug würden zwar immer mehr Debattenkünstler wie Nicholas Carr oder Jaron Lanier aufspringen. Besonders originell seien die Positionen dieser Nörgler nicht.

NZZ-Blogger Nico Luchsinger hat dazu ein schönes Stück geschrieben. Er beschäftigt sich mit dem neuen Buch von Nicholas Carr „The Shallows“. Carr habe wie der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher das Gefühl, dass jemand oder etwas sein Gehirn beeinflusse (hoffentlich ist diese Krankheit nicht anstecken, gs). Auch der Tech-Autor habe als Hauptschuldigen das Internet ausgemacht. Es führe zur Ablenkung und zum oberflächlichen Lernen.

„Dutzende Studien, die Carr zusammengetragen hat, sollen beweisen, dass das Internet tatsächlich unsere Synapsen neu verknüpft. So sei nämlich erwiesen, dass das Internet schnelles kursorisches Lesen fördere; ständig werde unsere Aufmerksamkeit von Links auf andere Inhalte abgelenkt; die kontemplative Auseinandersetzung mit einem Text sei deshalb eine aussterbende Kulturtechnik“, so Luchsinger. Carr sollte sich mit Herder auseinandersetzen, der das kursorische Lesen als Recherchetechnik im 18. Jahrhundert empfohlen hat, um mit der Flut von neuen Büchern fertig zu werden.

„Der lineare, literarische Verstand war für fünf Jahrhunderte das Zentrum von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Aber er könnte schon bald der Vergangenheit angehören“, meint Carr. Entsprechend pessimistisch beurteilt er das Projekt von Google, möglichst viele Bücher zu digitalisieren: Indem man die Buchtexte nach Stichworten durchsuchbar mache, werde die eigentliche Effizienz des Buches für eine tiefe Wissens- und Meinungsbildung zerstört.

Nicht nur bei solchen Aussagen drücke bei Carr ein verstörend naiver und ideologisch aufgeladener Kulturpessimismus durch, kommentiert Luchsinger. An einer Stelle etwa beklage Carr die Veränderung in den Bibliotheken, die noch vor wenigen Jahren „Oasen der Ruhe“ waren, nun aber fast alle mit Internet-Zugang ausgerüstet sind: „Das vorherrschende Geräusch in der modernen Bibliothek ist nicht mehr das Blättern von Seiten, sondern das Klappern der Tastaturen.“

Dass Bibliotheken – schon immer – Orte des Wissenszugangs waren und dass dazu im 21. Jahrhundert nun mal ein internetfähiger Computer gehört, scheine Carr in seiner elitären bibliophilen Verblendung nicht in den Sinn zu kommen. Nun ist diese Position nicht nur elitär, sondern historisch gesehen Unfug. Herder hatte ich ja schon erwähnt, der mit der Flut an Buchneuerscheinungen nicht mehr fertig wurde, obwohl die Lage im Vergleich zu heute noch überschaubar war. Der Zuwachs einer deutschen Hochschulbibliothek bewegt sich jährlich zwischen 30.000 bis 50.000 Bände, während der Gesamtbestand einer Hochschulbibliothek Ende des 18. Jahrhunderts bei rund 20.000 Büchern und Schriften lag. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts lag man bei 130.000 Büchern. Eine Uni-Bibliothek abonniert heute mehr als 8.000 Periodika. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es erst 100 wissenschaftliche Zeitschriften. Die Library of Congress beziffert ihre Bestände auf weiter über 130 Millionen Einheiten. Ohne Digitaltechnik gäbe es keine Orientierung mehr.

„In einer Kritik von ‚The Shallows‘ hat der Psychologe Steven Pinker erklärt, Neurowissenschaftler würden bei den Aussagen Carrs nur mit den Augen rollen. Denn natürlich beeinflusse die Internet-Nutzung das Gehirn – genauso wie Fahrradfahren und alle anderen menschlichen Tätigkeiten und Erfahrungen auch. Und die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf, die in ihrem Buch ebenfalls vor den Gefahren des digitalen Lesens warnt, gestand im Interview mit der ‚Süddeutschen Zeitung‘ ein, dass es bis jetzt kaum harte Fakten zu den Auswirkungen des Lesens an einem Bildschirm gibt. Das soll nicht heißen, dass es keine Unterschiede zwischen dem Lesen eines Buches und dem Lesen eines Blogposts gibt, und auch nicht, dass letzteres keinen Einfluss auf unser Gehirn hat. Aber die Faktenlage lässt Carrs einigermaßen apokalyptische Prophezeiungen völlig übertrieben erscheinen“, resümiert der NZZ-Blogger.