Vom Fluch der Pareto-Verteilung – Feudalistische Machtverhältnisse in der Netzökonomie #NEO16

Zuckerberg

Der Medienphilosoph Norbert Bolz hat vor einigen Jahren mahnend den Finger gehoben und davor gewarnt, dass sich im Internet feudalistische Machtverhältnisse ausbreiten. Es bestätige sich das Pareto-Gesetz der 80/20-Verteilung.

„Das ist ein Effekt, der sich überall dort einstellt, wo Menschen aus einer Fülle von Möglichkeiten wählen können“, führt Bolz aus.

Vielfalt + Wahlfreiheit = Ungleichheit. 20 Prozent aller Knoten ziehen 80 Prozent aller Links auf sich. Wo sich Vielfalt, Ungleichheit und Abweichungsverstärkung verkoppeln, stellt sich die 1897 von Vilfredo Pareto entdeckte Verteilung ein, die man in einfachster Mathematik durch die Formel y = 1/x darstellen könne. Deshalb bekomme man auch im Web eine Wirtschaft der Stars. Der Soziologe Robert K. Merton nennt das den Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Oder wie es der Millionär Gunter Sachs etwas deftiger ausdrückte.

„Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“

Dieser Matthäus-Effekt prägt nach Meinung von Bolz auch im Netz die Machtverhältnisse:

„Dass das Internet Ungleichheit produziert und eine Wirtschaft der Stars begünstigt, stellt für alle radikaldemokratischen Utopisten der neuen Medienwelt natürlich eine tiefe narzisstische Kränkung dar“, so Bolz.

Albert-László Barabási spricht sogar von einer vollständigen Abwesenheit von Demokratie, Fairness und egalitären Werten im Internet. In den meisten Netzwerken herrsche die Pareto-Verteilung. 20 Prozent derer, die Einkommen haben, zahlten 80 Prozent der Einkommenssteuer; 20 Prozent der Produkte eines Supermarktes machten 80 Prozent des Umsatzes aus; 20 Prozent der Wissenschaftler bekommen 80 Prozent der Zitate ab; 20 Prozent der Wissenschaftler schreiben 80 Prozent der wissenschaftlichen Texte. Und eben: Selbst für Wikipedia gelte: 20 Prozent der Autoren liefern 80 Prozent der Beiträge. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales könne deshalb nicht als Champion des Internet-Egalitarismus gefeiert werden, ein Ideal der gleichen Stimme würde es nicht geben. Soweit Norbert Bolz.

Nun gibt es Experten, die von der Blockchain-Technologie einen Schub zur Dezentralisierung erwarten, um aus der Spirale aristokratischer Machtverteilungen, die wir bei Facebook und Google beobachten können, auszubrechen.

„Mit dieser Technik lassen sich die Netzwerkeffekte auf den großen Plattformen untergraben oder vielleicht sogar eliminieren. Alle Netzwerkeffekte in der digitalen Ökonomie beruhen darauf, dass eine Firma mehr Daten hat als eine andere. Die Daten in einer Blockchain gehören aber allen Beteiligten. Sie sind dezentral gespeichert, und alle haben gleichrangig Zugang. Damit werden die Machthebel und Wettbewerbsvorteile von großen Playern im Netz dramatisch reduziert. Blockchain könnte für die Daten werden, was das World Wide Web für den Zugang zu Information war: ein Durchbruch im Hinblick auf die Demokratisierung von Daten“, so der Tech-Experte Albert Wenger im Interview mit brandeins.

Die Intermediäre nehmen sich zur Zeit einen großen Teil der Wertschöpfung als Provision, zum Beispiel 10 Prozent, und sie bekommen alle Daten, zitiert Netzökonom Holger Schmidt den Buchautor Don Tapscott. Das führe zu einer Verlangsamung der Ökonomie.

„Überall auf der Welt gründen sich gerade Blockchain-Start-ups, die alte Intermediäre verdrängen wollen. Eine Milliarde Dollar sind in den vergangenen beiden Jahren in diese jungen Unternehmen geflossen; in diesem Jahr wird die Investition wohl noch einmal deutlich zulegen“, schreibt Schmidt.

Wie wirkt sich das insgesamt auf die Netzökonomie auf?

Das wollen wir morgen ab 11 Uhr in unserer netzökonomischen Käsekuchen-Runde im Kölner Startplatz besprechen.

Ihr könnt Euch über den Frage-Button auf der Google Plus-Seite an der Diskussion beteiligen. Findet man rechts oben am Webplayer. Oder via Twitter mit dem Hashtag #NEO16 – ist mobil die bessere Variante. Die Hangout-App ist dafür nicht zu gebrauchen.

Man hört, sieht und streamt sich 🙂

#SchlauerArbeiten ohne Ego-Manager

Ego

In seinem Opus “Leadership in der digitalen Welt” behandelt der Peter Paschek das Auseinanderklaffen von Innen- und Außensicht der Top-Leute im Management. In den vergangenen 25 Jahren seien vor allem narzisstische Führungskräfte herangezogen worden, die die Interessen anderer besonders wenig achten. In den USA erlangen narzisstische Persönlichkeiten mit viel höherer Wahrscheinlichkeit einen Vorstandsposten als ihre nicht-narzisstischen Kollegen. Das Internet macht diese Defizite im Führungsverhalten sichtbarer – es fungiert wie ein Vergrößerungsglas:

„Keine Institution, keine Autorität, kein Papst, kein Präsident, kein Heiliger, weder Frauen noch Männer können glaubhaft ein Edelmenschenkostüm tragen“, so Manfred Schneider in dem Buch „Transparenztraum“, erschienen im Matthes & Seitz-Verlag.

Und dennoch werden viele Unternehmen von Ego-Managern dirigiert, die sich abschotten, den Dialog auf Augenhöhe verweigern, ihre Organisationen mit Kennzahlen auf Effizienz trimmen und in Hinterzimmern ihre Karrieren absichern.

Als Schule der Intrigen mit Macho-Kultur bezeichnet der Ex-Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger im „Spiegel“-Interview die düstere Realität auf Chefetagen. Er muss es wissen. Deutsche Unternehmen seien viel stärker auf pure Effizienz fixiert als etwa angelsächsische oder skandinavische.

„Ertragsziele werden oft exzessiv bis auf die unterste Ebene durchgestellt. Da bleiben kaum Freiräume für die Mitarbeiter, neue Wege zu suchen. Ausländische Kollegen halten viele deutsche Topmanager oft für spröde, steif, humorlos und förmlich. Das ist ein Spiegelbild der kreativitätsarmen Unternehmenskultur“, erklärt Sattelberger.

Die meisten Führungskräfte machen sich in die Hosen, wenn sie ohne Sprachregelungen, ohne Powerpoint-Rhetorik und ohne Kontrollmöglichkeiten mit Kunden, Bloggern oder Journalisten sprechen müssten. Also glänzen sie vor allem im Netz durch Abwesenheit. Was die Vernetzung deutscher Firmen- und Konzernlenker in digitalen Medien angeht, sieht die Lage desolat aus, schreibt die PR-Beraterin Kerstin Hoffmann:

„Oft ist buchstäblich kaum jemand bereit, den Kopf hinzuhalten.“

Da bedient man die Öffentlichkeit lieber mit einem Stakkato aus positiven Floskeln. Das wirkt nicht nur extern lächerlich, sondern auch intern:

Wenn nur noch Zynismus hilft

„Das kann so mit der Realität einer Organisation nicht übereinstimmen. Keine Organisation der Welt ist nur positiv. Deshalb entsteht ein riesiger grauer oder gar schwarzer Bereich an nicht formulierten Negativeindrücken. Und die braucht ein Ventil und das ist der Zynismus“, erklärt der Soziologe Dirk Baecker im ichsagmal.com-Interview.

Zynismus sei eine Form der extrem intelligenten Beobachtung. Der zynische Kommentar ist in der Regel der letzte Kommentar zu einem Sachverhalt. Vorher schaltet man in den Modus „Dienst nach Vorschrift“, was nach Analysen von Gallup bei 70 Prozent der Beschäftigten der Fall sein soll.

„Der Zynismus ist die Form der Rede und die innere Kündigung ist die Form des Handelns“, konstatiert Baecker.

Um das zu verhindern, sollten Unternehmen ihre Betriebssysteme grundlegend ändern, fordert der Personalberater Heiko Fischer:

„Man muss an die grundlegende Mechanik rangehen, um die Wertschätzung von Mitarbeitern und Kunden zu verbessern. Mit einem reinen Anweisungsregime gelingt das nicht.“

Schlauer Arbeiten gelingt am besten in vernetzten und offenen Organisationen – ohne Kommando-Regime. Der Fokus auf Abgrenzung über Fächer, Disziplinen, Abteilungen, Hierarchien und Einzelleistungen wird der heutigen Lebenswelt nicht mehr gerecht. Es geht vor allem darum, Menschen zusammenzuführen, unterschiedliche Sichtweisen gleichberechtigt im Team zu erarbeiten und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, führt Ulrich Weinberg in seinem Buch „Network Thinking – Was kommt nach dem Brockhaus-Denken?, erschienen im Murmann-Verlag:

„Vernetztes Denken im Unternehmen heißt mehr, als Einstellungen zu überdenken, und mehr, als veraltet erscheinende Muster und Strukturen abzuschaffen. Damit verbunden sind radikale Schritte, die ein Unternehmen bereit sein muss, konsequent zu gehen.“

Es geht um Vernetzung, Enthierarchisierung, Entwickeln und Konzipieren im Team, Öffnen und Teilen von Wissen mit allem, was digitale Werkzeuge heute hergeben. Das gilt auch für den Einsatz von kognitiven Maschinen. Die können noch so sehr Höchstleister sein, wenn es um Erinnerung, Analyse, Erkennung, Kombinatorik und Schlussfolgerung geht. Im Ego-Management bleiben sie dumme Apparate.

Soweit mein Beitrag zur Blogparade mit dem Schwerpunkt #SchlauerArbeiten – auf dem letzten Drücker.

Siehe auch:
Wie Ego-Manager in geschlossenen Netzwerken scheitern.

Blogger Relations ohne Clickbaiting-Attacken und Reichweiten-Gedöns #NEO16

Sehr große Runde beim netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs
Sehr große Runde beim netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs

In der Blogosphäre gibt es unendlich viele Beiträge, die auch für Unternehmen interessant sein könnten. Und umgekehrt bieten Blogs viele Schnittmengen, die sich für Kooperationen mit der Wirtschaft eignen: Studien, Überlegungen zur Verbesserung des Kundenservice, How-to-Beiträge über Produkte, Hinweise auf Probleme beim Interface, Experten-Diskurse, Empfehlungen für den Einsatz von Technik und, und, und.

„Von Agenturen und Marketingabteilungen werden Blogs häufig nur als Werbeträger gesehen. Es wird über Reichweiten diskutiert. Dabei steckt in Blogger Relations ein ganz anderes Potenzial: Der persönliche Austausch mit digitalen Vorreitern und die dauerhafte Vernetzung mit Innovatoren“, so die Erfahrung Benjamin O’Daniel, Redakteur für Content Marketing-Projekte. Klickraten, Zielgruppen-Segmentierung, „Platzierungen“ von Werbebotschaften, Mediapläne oder gar bescheuerten Key Performance Indikatoren verseuchen das Verhältnis zu Blogs.

Es geht um thematische Anschlussmöglichkeiten, die nach der Matching- und Hashtag-Logik organsiert werden könnte. So bleiben die Conversion-Schwätzer außen vor und es ergeben sich dennoch neue Geschäftsmodelle für Bloggerinnen und Blogger. Es geht nach Ansicht des Soziologen Klaus Janowitz um vernetzten Individualismus und nicht um ferngesteuerte Clickbaiting-Attacken mit Überschriften, die den Vorgaben der Suchmaschinen-Optimierer folgen:

„Kennzeichnend für die Digitalisierung ist die individualisierte Ansprache: von einer Gesellschaft der Massenmedien zu einer der personalisierter Medien; von breitgestreuter Werbung zum personalisierten Marketing. Es ist das, was Michael Seemann als die Organisationsmacht der Query bezeichnet.“

Die Query ist die Abfrage an eine Datenbank, die Übereinstimmungen auswirft. So können Ressourcen verknüpft und koordiniert werden.

AirBnB-Modell für Blogs

„Etliche der neueren Geschäftsmodelle beruhen darauf: So funktionieren Uber und AirBnB, Dating Apps und unzählige andere. Diese Plattformen vermitteln standardisierte Transaktionen von Anbieter zu Abnehmer, jeder kann Sender und Empfänger, Verkäufer und Kunde sein. Ähnlich ist die Verknüpfung über gemeinsame Merkmale, Interessen, Leidenschaften – in der Sprache des Social Web ein gemeinsamer #Hashtag“, erklärt Janowitz.

Dieses Verbindungsglied fehlt bislang in der Blogosphäre.

„Der Markt für Blogger, Journalisten und alle die mit Content (auch) Geld verdienen möchten, wäre viel größer, wenn er transparenter und einfacher organisiert wird. Gerade weil die Szene so vielschichtig ist, braucht es, eine Plattform, auf der sich Anbieter und Käufer auf Augenhöhe begegnen. So etwas wie Parship für Blogger“, sagte Jan Steinbach vom Startup-Unternehmen Juptr beim netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs in Düsseldorf.

Für den Marketing-Spezialisten Babak Zand ist es wichtig, ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Parteien zu organisieren.

„Das ist natürlich etwas naiv zu glauben, dass das so hundertprozentig eintreffen wird. Aber es sollte wenigstens bei der Gestaltung von Plattformen darauf geachtet werden.“

Eine Zusammenarbeit funktioniert generell nur auf Augenhöhe, meint die Journalistin Sabine Hockling:

„Wer mir als Blogger, Plattformbetreiber oder Journalist die Arbeit abnimmt, ist mir im Zweifel egal. Hauptsache, beide Seiten haben die gleichen Vorstellungen von Professionalität, Qualität und Zuverlässigkeit. Auch ist es für mich eine Frage des Know-hows: Welche Möglichkeiten gibt es? Was ist rechtlich sinnvoll und notwendig? Wie sieht eine Bezahlung aus, die den Markt nicht ruiniert? Zudem ist es aber auch eine Frage der Zeit. Wer mit seinem ‚Geschäft’ gut zu tun hat, dem fehlt doch am Ende die Zeit, sich um die Vermarktung zu kümmern.“

Bislang konzentrieren sich Vermarkter nur auf große Blogs mit mehr als 1000 bis 2000 Besuchern pro Tag, weiß Sozial-PR-Berater Christian Müller: „

Alles, was unter diesem Wert liegt, ist für die Werbebranche irrelevant. So arbeiten zumindest Agenturen, die ich kennengelernt habe. Flattr und Co. funktionieren in Deutschland nur für eine Handvoll Menschen und das sind primär Podcaster. Für Blogger kenne ich kein funktionierendes Beispiel mit signifikanten Einnahmen. Höchstens in Kombination mit Podcasting.“

Auch Diensten wie LaterPay würde die Masse und Verbreitung fehlen. Und die Sponsored Post-Offerten der Agenturen sind meistens Schrott. Warum sich der Plattform-Gedanke, den man vom Autokauf bis zu Immobilien kennt, nicht auch in der Blogosphäre etabliert hat, ist mir schleierhaft. Ein gutes Feld für Gründer. Ausführlich nachzulesen in meiner Gichtlings-Kolumne für The European.

Damit das Bloggen auch endlich in der Bahn funktioniert: WLAN für alle im ICE muss 2016 kommen

Käsekuchen-Diskurs um 16 Uhr: Schnellboote der Netzökonomie #Solopreneure #NEO16 #LiveHangout

Solopreneure auf der Next Economy Open in Bonn: Miliana Romic und Benjamin O'Daniel
Solopreneure auf der Next Economy Open in Bonn: Miliana Romic und Benjamin O’Daniel

Wird über netzökonomische Aspekte in der Öffentlichkeit gesprochen, denkt man automatisch an die großen Kaliber des Silicon Valley und die neuen Zuckerbergs, die sich am Horizont abzeichnen. Es werden nur jene ernstgenommen, die das ganz große Rad drehen oder zumindest prahlerisch behaupten, irgendwann in der ersten Liga der Internet-Giganten mitzuspielen. Traditionell bekommt man als Gründer auch in Deutschland den Rat, ein komplettes Unternehmen zu planen mit Rechnungswesen, Controlling, Fragen des Gesellschaftsrechts, Finanzen, Gebäude und Mitarbeitern. Bei allem soll der Gründer einen Überblick haben. Am besten noch mit BWL-Expertise. Und immer wieder kommt die Empfehlung von schlauen Beratern, wie wichtig doch die Finanzierung sei – entweder mit Bankkrediten oder Risikokapital. Der Sprung in die Selbstständigkeit führt dann ganz schnell in eine neue Abhängigkeit von Kapitalgebern. Man wird zum Angestellten in seiner eigenen Firma.

Auch die Luftblase namens Venture Capital vernebelt die Sinne vieler Startups, die nicht wissen, worauf sie sich in den Verträgen mit hundert Seiten, geschrieben von Anwälten in noblen Kanzleien, einlassen. Zu schnell geraten Enthusiasten für eine neue Geschäftsidee in den Konflikt mit klassischen Aufgaben des Managements: Ordnung halten, Routinen konzipieren und Menschen kontrollieren.

Einzelkämpfer mehr beachten

Konzepte von Einzelkämpfern, die sich als Laptop-Unternehmer im Netz erfolgreich etablieren, finden nur wenig Beachtung. Benjamin O’Daniel, Redakteur für Content Marketing-Projekte, will das ändern. In einem eBook präsentiert er Digitalexperten, die sich nicht mehr von ihren Kunden und Geschäftspartnern antreiben lassen. „Sie wollen nicht mehr ständig im Zug, Auto und Flugzeug sitzen und quer durch Deutschland oder die Welt jetten. Sie wollen ihre Arbeitsprozesse und Einkommensquellen selbst steuern. Sie wollen raus aus dem System ‚Zeit gegen Geld‘. Sie wollen gutes Geld verdienen UND ein angenehmes Privatleben führen. Und das funktioniert mit digitalen Produkten ausgesprochen gut.“

Kein Personal, keine Gewerbemiete, keine hohen Betriebskosten, Steuern und Sozialabgaben. Es sind Solopreneure, weil diese Akteure sich alleine etwas aufbauen. „Sie setzen auf digitale, skalierbare Vertriebsformen. Es bedeutet keinen Mehraufwand, ob man ein eBook oder tausend eBooks verkauft“, so O’Daniel. Das Fachwissen der Solopreneure ist im Netz abrufbar und kann mit einfachen Mitteln vermarktet werden. Sie befreien sich aus dem Hamsterrad der klassischen Projektarbeit. Zu den Vorreitern zählt Ehrenfried Conta Gromberg http://www.contagromberg.de, der im Opus von Benjamin O’Daniel zu Wort kommt. Während viele Unternehmensberater sich auf Konzerne und mittelständische Unternehmen konzentrieren, interessiert sich Gromberg für die digitalen Vorreiter. Ausführlich nachzulesen in meiner Notiz-Amt-Kolumne für die Netzpiloten.

Darüber wollen wir heute in unserem netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs reden. Live-Hangout beginnt um 16 Uhr.

Man hört, sieht und streamt sich daher zum Thema: „Vom Blogger zum Solopreneur: Geschäftsmodelle für die Blogosphäre“.

Hashtag zum Mitdiskutieren #NEO16

Oder den Fragebutton auf dem Webplayer von Youtube auf der Google Plus-Seite verwenden.

Teuflischer Pakt: Machteliten und Maschinen #NEO15 Session

Machteliten-Hacking

Im Internet der Dinge infiltriert Software heute jede fast jede Maschine:

„Das Universum kommunizierender Objekte expandiert weiter. Und damit werden unehrliche Menschen und korrupte Organisationen mehr denn je versucht sein, ihre Produkte nach eigenen Wünschen zu impfen. Nennen wir das einfach mal ‘Lügen zweiter Ordnung’. Und Benutzer können das nicht mehr erkennen. Denn leider wächst den Maschinen keine lange Nase. So wird Wahrheit oder Lüge plötzlich ein Schlüsselfaktor in der Mensch-Maschine-Interaktion. Und es taucht schlagartig die Frage auf, ob und wie man Maschinen ethisches Verhalten beibringen könnte. Ein sehr verzwicktes Problem. Und es führt zu Verwicklungen, für die wir heute noch nicht mal Denkfiguren haben. Es wird Zeit, die zu entdecken”, so Brightone-Analyst Stefan Holtel im Gespräch mit dem Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach auf der Next Economy Open in Bonn.

Wenn Konzerne wie Psychopathen agieren

Beim VW-Skandal ist dieser Teufelspakt zwischen lügenden Maschinen und Maschinisten im Brennglas zu beobachten. Beim Wolfsburger Autogiganten ist es eine Kombination von autoritären Kommandostrukturen, Erfolgsdruck und Hörigkeit. Nur so können teuflische Effekte entstehen, die kaum noch unter Kontrolle zu bringen sind. Mit gesundem Menschenverstand könne man das Verhalten der VW-Topmanager nicht begründen, so Holtel. Bei VW handelt man total irrational, da es höchst naiv sei, bei Manipulationen in Millionen Fahrzeugen nicht mit der Aufdeckung zu rechnen. Jetzt ist der Schaden maximal.

Die Ursachen für den Diesel-Gate basieren auf den Organisationsstrukturen, die sich in fast allen Weltkonzernen finden lassen: Geschlossene und egozentrische Einheiten agieren wie ein Psychopath: Unberechenbar, unkontrolliert und beziehungsunfähig. Das Fundament sind autokratische Top-Manager, die mit emotionalen Ausbrüchen ihre Belegschaft zu Ja-Sagern degradieren. Ein Konzern sei nichts anderes als ein Psychopath, bemerkt Holtel in dem Fachgespräch im Rheinischen Landesmuseum. Diese Erkenntnis hilft vor allem dem gemobbten Mitarbeiter weiter, weil er Abstand finden kann zwischen sich und der Konzernstruktur.

„Mit Psychopathen zu interagieren ist schwierig. Man kann keine Vertrauensbasis aufbauen, man weiß nie, was im nächsten Augenblick passiert“, sagt der Brightone-Spezialist für Künstliche Intelligenz.

Mythos der Unfehlbarkeit: Maschinen als symbolisches Kapital

Für die Überlebensstrategie innerhalb des Konzerns mag diese Erkenntnis hilfreich sein, auch wenn eine Portion Fatalismus dabei herausspringt oder die innere Kündigung. In den Machtbeziehungen zur Außenwelt ist diese Konstellation äußerst problematisch. Patrick Breitenbach warnte vor einer Akkumulation von Macht, die von psychopathischen Organisationen ausgeht. Konzerne akkumulieren nicht nur ökonomisches Kapital, sondern soziales Kapital über Beziehungen, Netzwerke und Eliten, kulturelles Kapital über Informationsvorsprünge und symbolisches Kapitel über Expertentum und Maschinen. Gefährlich sei vor allem die Anhäufung von symbolischem Kapital über Maschinen, die wir für wahrhaftig und präzise halten.

Wir schreiben den Maschinen Fähigkeiten wie Rationalität und Unfehlbarkeit zu.

„Das speist sich unseren täglichen Erfahrungen. Niemand rechnet Excel-Tabellen. 2007 gab es im Intel-Prozessor einen Hardware-Fehler, der dazu führte, dass Excel falsch rechnete. Es gibt diese systemischen Fehler sehr häufig, aber Menschen sind kaum in der Lage, diese Risiken einzuschätzen“, erklärt Holtel.

Mit den Fähigkeiten von kognitiven Maschinen wie IBM Watson sei es für Menschen schwer, auf Augenhöhe zu interagieren. Das wertet der Brightons-Analyst als Bedrohung. IBM und Co. verkaufen uns das mit Narrativen der Weltverbesserung und stellen sich kaum den kritischen Fragen. Sie wollen neue Märkte erobern und damit Milliarden machen. Aus wirtschaftlichen Gründen sei das nachvollziehbar, aus politischer, gesellschaftlicher und psychologischer Sicht ist das hoch brisant.

Warum wir IBM-Watson und Co. dekonstruieren müssen

„Wir werden von Systemen ummantelt, die immer mehr Fähigkeiten haben, von denen wir nicht mehr wissen, was sie mit uns tun. Digitale Assistenten, wie die Spracherkennungs-Software Siri sind erst der stümperhafte Anfang von dem, was noch kommen wird“, warnt Holtel.

So werde IBM-Watson in einer verbesserten Version in sieben oder acht Jahren auf unseren Smartphones passen und uns durchs Leben dirigieren. Wir haben dem nichts entgegenzusetzen, weil uns schlichtweg die Fähigkeiten in Schulen und Hochschulen nicht vermittelt werden, um Big Data-Anwendungen und diskriminierende Algorithmen, die beispielsweise unsere Kreditwürdigkeit herunterstufen oder Prämien für Krankenversicherungen hoch stufen, forensisch unter die Lupe zu nehmen. Die Politik müsste ein Checks-and-Balance-Regelwerk schaffen, um zwischen Mensch und Maschine einen Machtausgleich herzustellen und den Machteliten einen Missbrauch der Maschinen-Intelligenz zu erschweren, fordert Breitenbach.

Wir sollten zudem die Übertreibungen von Extremisten der Künstlichen Intelligenz im öffentlichen Diskurs dekonstruieren. Mit der Verteufelung von Technik kommt man dabei nicht weit. Was denkbar ist, wird umgesetzt. Und Macht ist eine Konstante in unserem Leben. Wer das ignoriert, dem wird es schwerfallen, eine Rezeptur im politischen Diskurs hervorzuzaubern. Gefragt seien vor allem Gegen-Narrative zur Entlarvung der wahren Absichten der manipulativen Maschinisten.

Der entmündigte Bürger

Es sei völlig inakzeptabel, diese Technologien zum Entmündigen des Bürgers zu nutzen, proklamieren die Digital Manifest-Autoren in einem Beitrag für Spektrum Wissenschaft.

„Big Nudging und Citizen Scores missbrauchen zentral gesammelte persönliche Daten für eine Verhaltenskontrolle, die totalitäre Züge trägt. Dies ist nicht nur unvereinbar mit Menschenrechten und demokratischen Prinzipien, sondern auch ungeeignet, eine moderne, innovative Gesellschaft zu managen. Um die eigentlichen Probleme zu lösen, sind vielmehr bessere Informationen und Risikokompetenz gefragt.“

Für persönliche Daten, die über uns gesammelt werden, sollte es ein Recht auf Kopie geben, liebwerteste Gichtlinge von Schufa und Konsorten.

„Es sollte gesetzlich geregelt sein, dass diese Kopie in einem standardisierten Format automatisch an eine persönliche Datenmailbox gesandt wird, über die jeder Einzelne die Verwendung der Daten steuern kann. Für einen besseren Schutz der Privatsphäre und um Diskriminierung zu vermeiden, wäre eine unautorisierte Verwendung der Daten unter Strafe zu stellen. So könnte man selbst entscheiden, wer welche Informationen für welchen Zweck wie lange nutzen darf.“

Wenn der Bundesgerichtshof aber die Offenlegung dieser Daten und die undurchsichtigen Algorithmen als Geschäftsgeheimnis einstuft, wie beim Schufa-Urteil, wird es schwerfallen, auch nur annähernd für Klarheit zu sorgen, wenn Maschinen lügen, denunzieren und Existenzen ruinieren. Die juristischen Fakultäten sollten daher überlegen, Informatik und Big Data-Forensik als Pflichtfach einzuführen, damit solche Urteile bald der Vergangenheit angehören.