Schumpeter und der Strukturwandel zur digitalen Ökonomie

Kurzfassung: Wir ergehen uns in industriepolitisch motivierten Abwehrschlachten und vergeuden damit eine Menge Zeit beim Umbau der Arbeitswelt. Wenn wir uns mit Konjunkturprogrammen und Abwrackprämien beschäftigen, sollten wir das noch einmal genauer reflektieren: Ein Phänomen, das Joseph Schumpeter schon den 1920er Jahren feststellte. Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten? Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Prozesse beruhte.

Welchen wirtschaftlichen Strukturwandel erleben wir in Deutschland und wie wirkt sich das auf die Zukunft der Arbeit aus? Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte ist dabei hilfreich. Etwa die Abhandlung des Nationalökonomen Joseph A. Schumpeter„Die Tendenzen unserer sozialen Struktur“ aus dem Jahr 1928 (Schumpeter 1993, S. 177–193). 

Hier untersucht Schumpeter die Diskrepanz zwischen der Wirtschaftsordnung Deutschlands und der Sozialstruktur. Die Wirtschaftsorganisation war kapitalistisch, die deutsche Gesellschaft war aber in ihren Gebräuchen und Gewohnheiten nach wie vor in ländlichen, ja sogar feudalen Denkweisen gefangen – heute sind es industriekapitalistische Rezepte in einer digitalisierten Ökonomie. 

Zur Reichsgründung 1871 haben nahezu zwei Drittel der Bevölkerung auf Gütern oder Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern gelebt, noch nicht einmal 5 Prozent in Großstädten von mehr als 100.000 Einwohnern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadtbewohner verfünffacht, während der Anteil der Landbevölkerung um die Hälfte zurückgegangen ist. Ursache war vor allem ein sprunghafter Anstieg der Agrarproduktivität. Während 1882 in Deutschland nur 4 Prozent der kleinen Landwirtschaftsbetriebe Maschinen einsetzten, waren es 1925 schon über 66 Prozent. Die Mechanisierung löste eine Landflucht aus und trieb die Landarbeiter in die Städte.

1927 erschien „Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu“: Ein wegweisender Beitrag zur noch jungen Disziplin der Soziologie (Schumpeter 1927). Schumpeter selbst zählte den Aufsatz zu den wichtigsten Werken, was aus Notizen hervorgeht, die er gegen Ende seiner Forschungstätigkeiten schrieb. Grundthese: Der Klassenstatus ist das Ergebnis vorhergegangener Ereignisse und daher anachronistisch. Er weist daraufhin, dass die meisten reichen Familien, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts an der Spitze der Gesellschaft gestanden haben, drei Generationen später dort nicht mehr zu finden waren.

1. Die Kunst der Kombinatorik

Man könnte annehmen, dass nach der protestantischen Ethik von Max Weber vernünftige Sparsamkeit, eine bescheidene Lebensweise und der Erhalt einer soliden Grundlage für Unternehmen ausreichend seien, um an der Spitze zu bleiben. Schumpeter vertritt jedoch die These, jede Firma, die sich auf eine derartige Routine beschränkt, werde schon bald von offensiver agierenden, risikofreudigeren, wettbewerbsorientierten Unternehmen verdrängt werden.

Die Einführung neuer Produktionsmethoden, die Erschließung neuer Märkte, überhaupt die erfolgreiche Durchsetzung neuer geschäftlicher Kombinationen hat Fehlerquellen, Risiken und begegnet Widerständen, die in der Bahn der Routine fehlen.

In seinem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ schreibt Schumpeter: Erfolge habe in erster Linie jener, der das Neue am besten organisiert. Die Deutschen verstanden es im 19. Jahrhundert besser als die Briten, die Textilindustrie zu organisieren, selbst wenn sie wenig zu deren maschineller Technologie beitrugen.

Ein Innovator zeichnet sich vor allen Dingen durch die Kunst der Kombinatorik aus. Innovationen entstehen eben nicht nur durch Erfindungen: 

„Nur dann erfüllt er [der Unternehmer; GS] die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt.“ (Schumpeter 2006, S. 174)

2. Konzepte für die postindustrielle Epoche 

Wer die ökonomische Welt nur in Aggregatzuständen betrachtet, verliert die wesentlichen Quellen wirtschaftlicher Kreativität und technologischer Entwicklungssprünge aus dem Auge. Das ist das Manko von Makroökonomen. Sie unterschätzen die tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle von unvorhersehbaren Innovationen, die zu nachhaltigen Veränderungen einer Volkswirtschaft beitragen. 

Wir setzen keine Akzente in der Wirtschaftspolitik, um uns von den Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser ausdrückt (Abelshauser 2004, S. 453).

Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten? Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, „dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierten Stoffumwandlungsprozessen beruhte“, schreibt Abelshauser. 

1980 zählte der Industriesektor das erste Mal nicht mehr zur dominanten Branche in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Den Gipfelpunkt hatte das produzierende Gewerbe 1960 erreicht, seitdem geht es stetig bergab. Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. 

„Die Re-Industrialisierung hat vom Ton her etwas reaktionäres und gehört zur Vorstellungswelt der Volksparteien, die sich hier sehr einig sind. Sie sind in der Industriegesellschaft geboren worden und sind mit der Kultur der Industriegesellschaft eng verhaftet. Sie haben ein mechanistisches Menschenbild und gehen davon aus, dass Fabriken leichter zu kontrollieren sind. Mit der neuen Welt der Wissensgesellschaft können sie sich nicht anfreunden“, kritisiert brandeins-Autor Wolf Lotter.

Warum transportieren eigentlich Organisationen wie das Institut der deutschen Wirtschaft dann immer noch das Märchen von der heilsamen Wirkung der Re-Industrialisierung? Warum ist das so? Nach Ansicht von Schumpeter liegt es an Wirtschaftswissenschaftlern, die sich in erster Linie mit Aggregaten beschäftigen, also mit der Gesamtsumme der Mittel, die Volkswirtschaften für den Konsum und für Investitionen aufwenden. Einzelne Unternehmer, Firmen, Branchen, Konsumenten, die Rolle von staatlichen Institutionen und die Wirkung von Gesetzen verschwinden aus dem Blickfeld. Vor allem die Rolle von Innovationen werde heruntergespielt. 

Wir brauchen aber mehr Unternehmer, die das Neue organisieren und durchsetzen. Die Neukombination beruht nur wenig auf Faktoren, die von außen einwirken. Das Ganze ist primär auch kein Preisproblem. Es liegt am unternehmerischen Können und Wollen. Das Problem liegt auch in der klassischen Sichtweise von Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspolitik und Managementdenken: Ohne Neuerungen lassen sich zwar mit den klassischen makroökonomischen Instrumenten kurzfristig Wachstum und Beschäftigung erzeugen. Die Konsequenzen sind nach der Logik von Schumpeter für eine Volkswirtschaft allerdings fatal: Innovationsarmut erzeugt Einkommensarmut.

3. Perspektiven für den Homo Digitalis

Wenn es um die Netzökonomie geht, kommen wir mit dem geistigen Fundus der traditionellen Ökonomik nicht weiter: Wir sollten uns mit der Frage auseinandersetzen, ob wir in Deutschland mit der Digitalisierung wirklich nur Effizienz können und bei Innovationen versagen, wie es Detecon-Analyst Marc Wagner ausdrückt: „Beim Aufsetzen von Effizienzprogrammen und bei inkrementellen Verbesserungen sind wir in Deutschland total gut. Darauf sind wir konditioniert. Da werden die letzten fünf Prozent an Effizienz herausgeschwitzt. Was Unternehmer wie Robert Bosch gut konnten, das haben wir verlernt.“ Als aktionistische Ausweichaktion gründet so ziemlich jedes Unternehmen etwas und dem Stichwort ‚Lab‘ oder ‚Garage‘. Davor steht dann meistens ‚Digital‘. Beheimatet sind die Zukäufe oder Neugründungen meistens in San Francisco, Tel Aviv oder Berlin. „Man erhofft sich in einem fancy Umfeld tolle radikale Innovationen. Ausgestattet mit einem dicken Budget soll der Anschluss an Unternehmen in den USA, in Asien und Israel gelingen. Es geht aber in diesen Labs primär nur um den Anfang von Innovationen. Es geht um die Frage, mit welchen Ideen die Firmen antreten könnten. Die Umsetzung ist häufig ausgeklammert“, bemerkt Wagner. 

Das sei abhängig vom ‚Rest‘ der Organisation, und die beäugt das Lab-Spektakel kritisch. Im Brot-und-Butter-Geschäft werden Gehälter gekürzt, Konstrukte zur Kostensenkung in Gang gesetzt und Rationalisierung im Kundenservice durchgesetzt.  „In den Labs ballert man das Geld raus, pumpt den Kollegen die Finanzmittel in den Hintern, scheut keine Kosten und Mühen, wenn es um die Gestaltung des Arbeitsumfeldes und in der Stamm-Organisation geht, sitzen alle wie die Hühner auf der Stange. Solche Diskrepanzen motivieren nicht zur Umsetzung neuer Ideen.“ Einen weiteren Grund für die mangelhafte Innovationskultur sieht Wagner im klassischen Management, die er vor allen Dingen in Konzernen feststellt. Da werde viel von Innovationen und visionären Ideen gesprochen. In Wirklichkeit gehe es um eine gnadenlose Kapitalmarktorientierung und kurzfristige Optimierungen von KPIs – also Leistungskennzahlen, mit denen Mitarbeiter gegängelt werden. Da sei kein Platz für innovative Ideen. Die Hipster in den Labs sind eher Feigenblatt-Einheiten, die beim nächsten Vorstandswechsel wieder rausfliegen.

Irgendwann schlägt der Chef-Controller zu und macht die digitalen Ableger dicht. In deutschen Unternehmen gibt es extrem viele Manager, die dafür exzellent ausgebildet sind. Wir finden viele Controller, Finanzexperten und Juristen, die mit dem Kapitalmarkt umgehen können und die am Reißbrett von einer Restrukturierung zur nächsten jagen. Unternehmerischer Sachverstand ist im Top-Management aber Mangelware (Wagner/Sohn 2017).

Was macht also einen Unternehmer konkret aus, der es vermag, die Wirtschaft in neue Bahnen zu lenken? Heute müsste man fragen, wer ist wirklich ein Homo Digitalis, der im 21. Jahrhundert Akzente setzen kann? Es geht dabei um das schöpferische Gestalten und nicht um das passive Konsequenzen ziehen. Professor Reinhard Pfriem bringt Neugründungen ins Spiel, die die Welt wirklich besser machen. Nicht nur marktschreierisch, wie es Google & Co. im Gebetsmühlen-Jargon betonen. Pfriem setzt auf Social und Sustainable Entrepreneurship. Transformative Unternehmen sollten nicht-nachhaltiges Wirtschaften aus der Welt schaffen. Automobilindustrie, Energiewirtschaft und auch die Ernährungs- und Landwirtschaft verweigern sich, hier die nötigen schöpferischen Zerstörungen durchzuführen. „Das Zerstörerische muss zerstört werden, bessere additive Technologien reichen nicht aus“, kritisiert Pfriem (Sohn 2019). 

Literatur

Abelshauser, Werner (2004): Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart. München. C.H. Beck. 

Andersen, Esben Sloth (2015): Joseph A. Schumpeter – Eine Theorie der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Evolution. Berlin. Duncker & Humblot. 

Dahlmann, Jesko (2017): Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters: Theorie und Wirtschaftsgeschichte. Marburg. Metropolis.

Hedtke, Ulrich (1997): Desiderata der deutschen Schumpeter-Edition – Zur Neuveröffentlichung der nachfolgenden Reden Schumpeters. In: Berliner Debatte Initial 8, S. 57-92.

Lotter, Wolf/Sohn, Gunnar (2012): Gunnar Sohn im Interview mit Wolf Lotter. In: Sohn, Gunnar, Wolf Lotter und die Dampfmaschinen- Ideologie https://ichsagmal.com/2012/10/24/wolf-lotter-und-die-dampfmaschinen-ideologie-der-liebwertesten-industrie-gichtlinge/ (24.10.2012)

McCraw, Thomas K. (2008): Joseph A. Schumpeter – Eine Biographie. Hamburg. Murmann. 

Schneider, Erich (1970): Joseph A. Schumpeter – Leben und Werk eines großen Sozialökonomen. Tübingen. J.C.B Mohr. 

Schumpeter, Joseph A. (1927): Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. Mohr. 

Schumpeter, Joseph A. (1993): Aufsätze zur Tagespolitik. Hrsg. und kommentiert von Christian Seidl und Wolfgang F. Stolper. Tübingen. J.C.B. Mohr. 

Schumpeter, Joseph A. (1994, orig. 1942): Capitalism, Socialism and Democracy. London/New York: Routledge.

Schumpeter, Joseph A. (2006, orig. 1912): Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung: Nachdruck der 1. Auflage von 1912. Hrsg. und erg. um eine Einführung von Jochen Röpke und Olaf Stiller. Berlin: Duncker & Humblot.

Sohn, Gunnar (2019): Das Zerstörerische kreativ zerstören – Wünsche an den Gründungsdirektor der Agentur für Sprunginnovationen @rafbuff. Berlin: Netzpiloten-Magazin https://www.netzpiloten.de/agentur-fuer-sprunginnovationen/ (24.10.2019)

Swedberg, Richard (1994): Joseph A. Schumpeter. Eine Biographie. Stuttgart: Klett-Cotta.

Wagner, Marc/Sohn, Gunnar (2017). Gunnar Sohn im Interview mit Marc Wagner. In: Wenn in Unternehmen nur noch Effizienz ausgeschwitzt wird. https://www.netzpiloten.de/unternehmen-effizienz-labs/ (25.08.2017)

Eco-Systeme in der Netzökonomie und die Frage, warum Chinesen ohne die Spieltheorie auskommen @WinfriedFelser @Haufe_NMP

Wir brauchen einen meta-disruptiven Wandel unserer Vorstellungen und Theorien von Wertschöpfung, Organisationen und Ökonomie in Richtung ko-kreativer Ecosysteme. Das fordert Next Act-Impressario Winfried Felser in einem Beitrag für New Management. Mit diesem Wandel seien enorme ökonomische Potenziale verbunden. Zugleich werde eine solche neue Logik unsere Management-Modelle, Plattformen, Forschung und Lehre fundamental verändern.

„Lange Zeit wurde die Digitalisierung in Deutschland als ein technologisches Problem missverstanden. Digitale Cargo-Kulte wie eine reine Effizienzoptimierung der alten Prozesse durch Technologie oder digitale Labs waren die Ikonen einer Zeit der digitalen Irrwege des Mainstreams, oft getrieben von den Eigeninteressen von Technologie- und Beratungsanbietern sowie externen wie internen Evangelisten“, erklärt Felser. Das ist doch noch heute so.

Produkte, starre Märkte und Organisationen werden zu Ko-Kreationen und fluiden Ecosystemen, hofft der Autor.

Was Jahrhunderte seit Smith, Taylor & Co unser Denken und Handeln geprägt habe, kann so langsam zu den Akten gelegt werden. Also die einseitige Orientierung auf Masseneffekte, skalierbare Effizienz durch Arbeitsteilung und Komplexitäts-Entkopplung.

„Die materielle Transformation ist im Zeitalter von Daten-Ökonomie und 3D-Druck nur noch der Wurmfortsatz des Ökonomischen und die materialistische Koordination durch alte Ego-Logiken sind in der Regel die schlechteste spieltheoretische Alternative“, schreibt Felser, wobei mir nicht ganz klar ist, welche Rolle hier die Spieltheorie spielen soll.

Seine Leidenschaft für Ecosystem-Plattformen und fluiden Formationen ist da schon nachvollziehbarer. Vergleichbar mit den Aussagen von Silke Lehnhardt von der DigitalLoge – dort sammeln sich ja Führungskräfte mit CIO- und CTO-Erfahrungen. Für Lehnhardt sind Eco-Systeme die richtigen Plattformbausteine für Mittelständler.

„Es sollte ein System geben, wo unterschiedliche Player gemeinsam wirken müssen. Dafür braucht man dann auch eine Plattform, um so etwas zu organisieren.“

Es gehe um eine intelligente Verknüpfung oder Vernetzung unterschiedlicher Kompetenzen, um gemeinsam neue Geschäftsmodelle zu entwicklen. 

Winfried Felser ist davon überzeugt, dass die heutige Mathematik zur Beschreibung von Preis-, Umsatz- oder Kostenkurven den strukturellen Komplexitäten von ko-kreativen Ecosystemen nicht gerecht wird.

„Am Ende werden BWL-Studenten an Netzwerk- und mehr Spiel-Theorie nicht vorbeikommen (die Spieltheorie wird doch hoch und runter gelehrt, lieber Winfried – gs).“

KP-China lehnt Spieltheorie ab

Von der Spieltheorie bin ich nicht überzeugt. Das eint mich mit der Kommunistischen Partei in China. Ich verweise auf die Ausführungen des Sinologen Harro von Senger in der aktualisierten Neuauflage seines Buches Supraplanung (Hanser Verlag):

Die chinesischen Supraplaner sehen die westliche Spieltheorie kritisch. Die Spieltheorie gehe von Konstellationen aus, die man mathematisch erfassen kann, erläutert der Begründer der militärischen Moulüe’-Kunde Li Bingyan. Moulüe bewegt sich hingegen außerhalb des Berechenbaren, im nicht quantifizierbaren Bereich jenseits der herkömmlichen Routinerationalität. Schöpferische Leistung lässt sich nur schwer mathematisch modellieren.

Während die Spieltheorie Probleme innerhalb des Spielgeheges nach feststehenden Regeln zu lösen trachte, verlasse der Anwender von Moulüe die Spielwiese und löse den Widerspruch außerhalb des Widerspruchs. Der Moulüe-Anwender beobachte in erster Linie das Gegenüber und versuche zu ergründen, was dieses im Schilde führe. Habe er die Agenda des Gegenübers erfasst, dann versuche der Moulüe-Anwender, die sich durch die Vorhaben des Gegenübers ergebende Konstellation auszunutzen und das Gegenüber, ohne dass es diesem bewusst werde, zu Schrittfolgen zu verleiten, die dem Moulüe-Anwender den größtmöglichen Nutzen einbringen. Die Spieltheorie gehe von blutleeren Abstraktpersonen aus, wogegen sich die Moulüe-Kunde geistig regsamen Menschen mit ihren Gefühlen und individuellen Besonderheiten zuwende.

Vorteilhafte Konstellationen herbeiführen

Bei der Spieltheorie sei, so Li Bingyan, die Konstellation vorgegeben und bekannt. Auch die Mitspieler und die Spielregeln seien fixiert. Die Spieler dürfen Handlungsoptionen nur unter den ihnen zur Verfügung gestellten Wahlmöglichkeiten aussuchen. Eine Quintessenz der Supraplanung aber sei die Konstellationskreation (zuoju, auch zaoshi genannt). „Auf eine vorteilhafte Konstellation wird also nicht unbedingt passiv gewartet, sondern sie wird oft aktiv herbeigeführt, indem man ‚Faktoren günstig macht‘. Eine vorteilhafte Konstellation entsteht nicht nach vorgegebenen Regeln und gemäß einer von den in die Konstellation ein- gebundenen Personen getroffenen Vereinbarung, sondern einseitig durch das Konstellationsdesign des Supraplaners. Je weiter die von ihm geschaffene Konstellation von den Erwartungen der anderen Konstellationsbeteiligten abweiche, umso besser. So gesehen beschäftigt sich die Supraplanungskunde mit der Erforschung irregulärer, regelloser, vorvertraglicher menschlicher Auseinandersetzungen“, sagt von Senger.

Also raus aus dem Sandkasten der Spieltheorie und die Ansätze der Eco-Systeme mit der chinesischen Supraplanung kombinieren, lieber Winfried Felser.

Lust auf Käsekuchen? Dann vorbeikommen zum Netzökonomie-Campus an der @hs_fresenius in Köln – Diskussion mit @LarsHochmann

Debattenstoff

Netzökonomischer Käsekuchen-Diskurs über die Zukunftsfähigkeit der Ökonomik an der Hochschule Fresenius Köln. MediaPark 4b, Open Space-Format – jeder kann kommen 🙂 – OG 04 Konferenzraum 2. Pünktlich um 11 Uhr starten wir den Livestream. Interviewgast Lars Hochmann (also ein paar Minuten vorher eintreffen – bitte).

Für Abwesende: Mitdiskutieren über die Youtube-Chatfunktion.

Die @realDonaldTrump Ideologie im #SiliconValley

trump-ideologie

Die Valley-Ikonen und Donald Trump stehen sich näher, als es sich das Valley gern eingesteht, schreibt Britta Weddeling vom Handelsblatt und verweist auf Vulgär-Kapitalisten wie Peter Thiel, der öffentlich für den Republikaner war.

Zudem stehen die Vordenker im Tal der Technologie für viele Positionen, die auch Trump trompetet:

„Das Recht des Stärkeren, des Schnelleren, des Besseren. Lieber später um Vergebung bitten, als vorher um Erlaubnis. Das bewusste Überschreiten von Grenzen – dieser Strategie folgen sowohl der Politiker als auch die Start-ups in Silicon Valley.“

Das passt gut zu meiner aktuellen Netzpiloten-Kolumne: Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade im Silicon Valley.

Das Silicon Valley sei weniger unabhängig, als es uns gern glauben machen möchte. Wir sollten uns von diesem digitalen Tschakka-Gebrüll so langsam lossagen und die netzökonomische Debatte nach ethischen Maßstäben führen. Es sind qualitative Bedingungen, die auch ganz anders gestaltet werden können, meint der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch in der Philosophie-Sendung von Richard David Precht.

Wir sollten uns von dem mechanistischen Verständnis des Wirtschaftsgeschehens verabschieden. Die netzökonomischen Entwicklungen bedürfen der zivilisierenden politischen Gestaltung.

Es geht um Werte, da war sich die Netzökonomie-Campus-Runde einig. Das werden wir in diesem Jahr in den Vordergrund stellen bei den Käsekuchen-Diskursen.

Leider wird die Digitalisierung auch in Deutschland zu sehr auf Technokraten-Niveau geführt.

Auch das sollten wir intensiver thematisieren, statt jedes Gadget, jede App oder jedes Silicon Valley-Gerücht hochzujubeln: Freedom of the World Report 2017: Seit elf Jahren in Folge wird die Welt autoritärer

SAPler die neue Avantgarde der Deutschland AG – Was leisten die digitalen Einflüsterer? #iw7

Das mentale Dilemma der Deutschland AG
Das mentale Dilemma der Deutschland AG

In der Oktober-Ausgabe des Manager Magazins wird ein großes Faß aufgemacht, wenn es um die neuen Einflüsterer der Deutschland AG geht. Es soll die „SAP-Clique“ sein, die Deutsch Banker und Industrielle abgelöst hat. Die SAPler – die ehemaligen und aktiven Top-Leute – sollen uns gar aus dem digitalen Tal der Tränen führen.

Ist das so?

Werde ich in meiner Freitagskolumne für die Netzpiloten aufgreifen.

Sind die SAPler nun die digitale Avantgarde in Deutschland, wie das Manager Magazin in der Oktober-Ausgabe schreibt? Als Wegbereiter des jährlichen IT-Gipfels der Bundesregierung (lächerlich, gs)? Als Erfinder des Begriffes “Industrie 4.0” (jämmerlich, gs)? Mit ihren Aufsichtsratsmandaten in DAX-Konzernen (warum merkt man da nichts von Digitalkompetenz? gs)? Mit dem Hasso-Plattner-Institut in Potsdam? Siehe auch: Digitale Navigatoren müssen sich die Füße naß machen

Eure Meinung interessiert mich?

Bis Donnerstag brauche ich knackige Statements.

Nächste Woche können wir das dann auf der Internetwoche Köln am 25. Oktober in meiner Session vertiefen.