Die Schirrmacher-Google-Suchmaschinen-Debatte: Eure Meinung?

Auf Google+ wird seit gestern eine höchst unterhaltsame und niveauvolle Debatte über die Thesen von Frank Schirrmacher geführt (mit Beteiligung von Schirrmacher), die er am Montag in der FAZ publizierte: Digitales Gedächtnis – Wir brauchen eine europäische Suchmaschine.

Hier ein Beitrag, den ich gepostet habe: Eine Passage im Text von Schirrmacher ist doch höchst erfreulich: „Das Netz, das wird immer deutlicher, folgt den Regeln des talmudischen Kommentars, nicht denen des wissenschaftlichen. Offenbar nehmen wir Quellen, auch nachrichtliche, zunehmend als Glaubensinhalte wahr, nicht mehr als Fakten. Es könnte so sein, aber es könnte auch anders sein. Die alltägliche Wissenssozialisation beruht heute auf der Annahme: Die Fakten stimmen nicht mehr, jedenfalls stimmen sie nicht sehr lange – nicht deshalb, weil sie gelogen wären (auch das kommt vor), sondern weil sie schon in der nächsten Minute ganz anders sein können. Das Netz – in seinem gegenwärtigen Stadium – verhandelt deshalb vor allem das, was die Talmudisten ‚Lehrmeinungen‘ nannten – Meinungen, nicht Orthodoxien. Das führt allerdings oft dazu, dass sich auf den labyrinthischen Wegen der Deutungen, des unvollständigen Lesens (etwa der Pressemitteilung, wie im vorliegenden Fall, statt des Textes) die Ursprungsquelle bis zur Unkenntlichkeit entstellt.“ Die Schlussfolgerung im letzten Satz halte ich für falsch. Richtig beobachtet ist die sinkende Relevanz der Orthodoxien. Da braucht man nicht zum Talmud greifen. Niklas Luhmann reicht auch: Mit der Computerkommunikation, so Luhmann, wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch die Unbekanntheit der Quelle.

Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige Denker, Einpeitscher und Debatten-Dompteure an die Decke. Man braucht das Internet nicht überhöhen oder kultisch in Web 2.0-Ideologie gießen.

Man muss das Internet auch nicht heilig sprechen. Wo die kulturellen Katastrophen der Computer-Kommunikation enden werden, kann kaum jemand vorhersehen oder beeinflussen. Das macht das Ganze ja so reizvoll. Das Problem des unvollständigen oder kursorischen Lesens kann vom Luhmann-Szenario nicht abgeleitet werden. Das Problem hatte schon Herder. Jeder Leser ist eben auch ein Nicht-Leser. Herder beschreibt sich als trockener Gelehrter, als ein totes, künstliches System von Wissensbeständen. Er selbst sei „ein Tinenfaß von gelehrter Schriftstellerei“. Mit 24 ist Herder so angefüllt von Wissen, dass er dieses als Ballast beklagt.

Er entwickelt deshalb eine Kulturtechnik der kursorischen Lektüre. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es sei ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der so genannten „percursio“- im Durchlauf – darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Die Sylvae wird definiert als Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus. Seine Lektüre ist nicht mehr festgelegt auf einen ursprünglichen oder autoritätsfixierten Wortlaut. Herders Suchläufe kennen keinen Abschluss. Das Universalarchiv ist uneinholbar. Eine beständige Lektüre der Menschheitsschriften ist unmöglich. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Es reicht nur zu Verweisen und Fundorten. Entscheidend ist die Zirkulation der Daten, der Datenstrom, der keinen Anfang und kein Ende hat, der neue Routen und Entdeckungen zulässt. Kanonische Wissensbestände müssen durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden.

Und dann landen wir wieder bei Google und den Warnungen von Schirrmacher, die er schon in seinem Buch „Payback“ in etwas anderer Form artikuliert hat. Die Vernetzung von Maschinen und Menschen zu Bedingungen, die von der Maschine diktiert werden. Es ist die Unterwelt der Benutzeroberfläche, die den FAZ-Herausgeber wohl weiter umtreibt. Maschinenräume im Silicon Valley, die ein Nichtinformatiker niemals zu sehen bekommt. Dort würden unsere digitalen Doppelgänger gebaut. Am Ende mündet das Ganze in Maschinen-Paternalismus – das kann allerdings unter privater und auch staatlicher Regie eintreten. Selbst unter dem Regime einer europäischen Suchmaschine. Mich würde ein Blick in den Maschinenraum von Google auch brennend interessieren. Vielleicht eher eine Aufgabe für Wikileaks!

Darauf antwortete Schirrmacher: Gunnar Sohn et al, leider in Eile: 1. Wir wissen n i c h t was Google weiss. Oder finden Sie irgendwo im Netz die Ergebnisse der minütlichen Analytik und ihrer Hochrechnung, jenseits der meistgesuchten Suchbegriffe. Das aber ist das Wissen des 21.Jhrdts.

2. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen.“ Das ist ja gerade nicht das Neue! Das wussten ja gerade die Enzyklopädisten am besten. Das Neue ist doch umgekehrt, das der imaginäre Vertrag, an den alle glauben, besagt das „alles“ zu wissen ist, was ist und kommuniziert. Tertium non datur. Man exisitert nicht, wenn man nicht im Netz exisitert, hiess das ja mal so schön. Konsequent entstehen erstmals seit der Reformation wieder Institutionen der Allwissenheit, die ihre Priester in die Marketing- und Personalabteiungen entsenden.

Meine Replik: Zu. 1. Das ist doch profan. Natürlich wissen wir nicht, was die Mountain View-Boys wissen. Sonst könnten wir direkt morgen ein Google Plus Plus gründen. Die wären schön blöd, ihre Betriebsgeheimnisse zu lüften. Die Problematik entsteht in der Tat, wenn Menschen über Maschinen und Algorithmen anfangen, zwischen gut und böse, richtig und falsch zu befinden.

2. Ihre Gegenstrategie einer europäischen Suchmaschine kann genauso in die Hose gehen und zu Verwerfungen führen. Entscheidend ist die Vielfalt der Möglichkeiten, Wissen zu generieren und selber zu publizieren. Wenn Sie nun insinuieren, hier gäbe es nur drei amerikanische Konzerne, die das Netzgeschäft dominieren, dann müssen Sie aber auch erwähnen, dass die großen Drei sich bis auf das Messer bekämpfen. Da gibt es keinen Gleichklang. Im Social Web erschien bis vor drei Wochen Google noch als der große Verlierer und man sprach von der Dominanz des Social Graph, der wichtiger sei als die Maschinen-Intelligenz von Google. Zur Zeit schaut Zuckerberg ziemlich blöd aus der Wäsche. Alles kann sich sehr schnell drehen. Entscheidend ist wohl die Tatsache, dass sich im Netz dauerhaft kein Monolith etablieren kann.

Schirrmacher: Nein, nicht profan, sondern, um im Bild zu bleiben, sakral. Sie reden vom materiellen Geschäftsgeheimnis von Google. In der Tat: wie wichtig das ist zeigt der Patentthriller um die Erfindung des Telefons. In der Tat: das ist profan.

Das wirkliche Geheimnis ist nicht der Algorithmus, der uns füttert, sondern den wir füttern. Was wohl gewesen wäre, wenn Bells Erfindung alle Telefonate aufgezeichnet hätte, analysiert hätte, Stichwörte gefiltert hätte, Rückschlüsse auf Ort, Zeitpunkt und Stimmfärbung getroffen hätte und das ganze dann als sein Privateigentum weiterverkauft hätte. Wenn das:

http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704547604576263261679848814.html

schon möglich ist, ohne verbale Kommunikation und bei nur 2000 Menschen, was ist dann heute insgesamt möglich? Das wüsste ich gern, mehr nicht. Gegen das Sakrale hilft nur Aufklärung – das würde schon reichen, hat nämlich auch in der Vergangenheit schon geholfen.

Darauf antwortete ich: Was ist denn zur Zeit der Ausfluss dieser Analysen unserer digitalen Lebensspuren? Personalisierte Werbung und personalisierte Services, not more. Bislang also höchst profane Dinge.

Und da stoßen wir doch zum Kern der Debatte mit der Aussage von Schirrmacher: Das wirkliche Geheimnis ist nicht der Algorithmus, der uns füttert, sondern den wir füttern. Was wohl gewesen wäre, wenn Bells Erfindung alle Telefonate aufgezeichnet hätte, analysiert hätte, Stichwörte gefiltert hätte, Rückschlüsse auf Ort, Zeitpunkt und Stimmfärbung getroffen hätte und das ganze dann als sein Privateigentum weiterverkauft hätte.

Das würde ich gerne in meiner Montagskolumne für The European aufgreifen. Was haltet Ihr von den Schirrmacher-Thesen?

Frank Schirrmacher braucht eine europäische Suchmaschine: Der Chirac des Tages


Frank Schirrmacher von der FAZ macht sich Sorgen über europäische Gehirne. Unser Wissen wird zunehmend ausgelagert und zwar in die Hände amerikanischer Konzerne. „Nach dem Stand der Dinge liegt das wirkliche Wissen heute in der Hand von einem, mit Apple und Facebook maximal drei Mega-Konzernen. Was heißt es, dass wir von dem virtuellen Bibliotheksdirektor niemals erfahren, was eigentlich das relevante Wissen der Jetztzeit ist: welche Schlüsse er aus unseren Lektüren, unserem Verhalten, unserem Konsum, unserem Leben zieht? Was er weiß? Vielleicht müssen wir uns Gott als diesen Bibliothekdirektor vorstellen“, schreibt Schirrmacher.

Während die EU Milliarden ausgibt, um mit Galileo das GPS nocheinmal nachzubauen, sei die Entwicklung einer europäischen Suchmaschine schon im ersten Anlauf gescheitert (siehe unten, gs). „China, besorgt um seine Deutungshoheit, hat Baidu. Man muss das Werkzeug Google, mit dem wir heute alle arbeiten, nicht perhorreszieren. Aber eine europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine, die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt, ist vielleicht das wichtigste technologische Projekt der Gegenwart. Der Chaos Computer Club wäre ihr TÜV. Wenn wir diese Maschine nicht bauen, werden wir uns eines Tages vielleicht an uns selbst nur in einem einzigen Moment erinnern: wenn wir zum ersten Mal unser von der Videokamera aufgezeichnetes Bild auf dem Computerschirm sehen“, so die Sorgen des Neuro-Feuilletonisten. Hier endet der langamtige Exkurs, der so verheißungsvoll begonnen hatte. Was man nachschlagen kann, brauche man nicht im Gedächtnis zu behalten. Nach dieser alten Lehrerweisheit funktioniere auch Google. „Nur dass der Stoff von Google unser Leben ist“. Alles schön und gut. Wer in Europa soll diese Maschine bauen? Und der Chaos Computer Club soll als TÜV für ein europäisches Vorhaben fungieren – bezahlt mit Steuergeldern?

Die europäische Antwort auf Google sollte Quaero sein – doch das vollmundig rausposaunte deutsch-französische Prestigeprojekt ist kläglich in die Hose gegangen. Wie soll also etwas in Europa gelingen, was vor fünf Jahren schon nicht klappte? Übrig geblieben ist das deutsche Forschungsprogramm Theseus – auch da ist bislang der Durchbruch nicht gelungen.

Der frühere französische Staatspräsident Chirac startete 2006 das Projekt Quaero mit großem Getöse, um die erste „wahre multimediale Suchmaschine“ in Europa auf die Beine zu stellen. Es sollte nicht nur Texte, sondern auch Musik oder Bilder finden. Die Suchergebnisse sollten auf Computern, Mobiltelefonen und Fernsehen in mehreren Sprachen angezeigt werden können. In den Internetforen und Branchenkreisen wurde das Projekt von Anfang an skeptisch gesehen, denn bei Google arbeiten mehrere tausend Softwareentwickler an der stetigen Verbesserung der Suchmaschine. Schon damals war klar, dass man den Vorsprung von Google mit einem staatlich geförderten Projekt nicht einholen könne. Damals schrieb ich in einem Artikel:

Keine Gesellschaft verfügt über eine grössere Rechenleistung als Google mit seinem Netzwerk gewöhnlicher, doch aufgemotzter PCs. In einem Zeitalter der hoch spezialisierten Arbeit montiert Google jeden PC seines mächtigen Netzwerks in sicheren Anlagen, die kein Aussenseiter betreten darf, einschliesslich der Besucher des Googleplex, die glauben, alles gesehen zu haben. Der schiere Umfang der Rechenoperationen sorgt dafür, dass dieses Vorgehen kostengünstiger und qualitativ hochwertiger ist als der Kauf massgefertigter Computer bei einem anderen Hersteller. Die massgeschneiderten PCs arbeiten zusammen und führen Suchaktionen rasch durch, indem sie Anfragen in winzige Komponenten zerlegen. Diese Teile werden gleichzeitig verarbeitet, indem man sie mit im Voraus indizierten und aufbereiteten Kopien des Internet vergleicht.

Quaero plante Projekte, die sich die Google-Entwicklerteams schon längst auf die Fahnen geschrieben haben. Schon in naher Zukunft werde sich die ursprüngliche Suche im Web über den PC auf alle anderen Produkte ausbreiten.

Technologische Innovationen funktionieren eben nicht auf dem Niveau von Kommissionen, Räten oder Komitees. Sie entstehen auch nicht durch Proklamationen im Feuilleton.

Ähnlich erhellend sind die Schirrmacher-Mondphasen zur Rettung der Qualitätspresse: „Es könnte sein, dass Zeitungen und Zeitschriften und die seriösen Nachrichtensendungen eine ganz andere Zukunft haben. Sie wären das letzte verbliebene Kommunikationsmittel, die in einer elektronischen Welt die Zeit biologisch organisieren: gleichsam mit Aufgang und Untergang der Sonne. Oder mit den Mondphasen – wenn es um Wochenpublikationen geht -, die wir uns in den Begriff der ‚Woche‘ übersetzt haben. Der Markt für diese Exklusivität von Zeit wird wachsen, nicht schrumpfen, wenn die Zeit der Narkose vorbei ist.“ Alles klar?

Die zauberhaften Hexereien der Gelben Tonnen-Herrscher: Mystik des Grünen Punktes und parareligiöse Erscheinungen


An dieser Stelle habe ich mich ausführlich mit der Mülltonnen-Verschwörung auseinandergesetzt: „Warum kleine grüne Männchen Gelbe Tonnen durchwühlen und Gelbe Säcke aufschlitzen“. Nun legt der Bonner FAZ-Korrespondent Helmut Bünder nach und erweitert die Müllschwund-Forschung mit den Möglichkeiten von Zaubertricks der Müllmagier. „Fast 400.000 Tonnen Plastikabfall waren monatelang spurlos verschwunden. Jetzt sind sie wieder da“.

Eine kleine Korrektur sei an dieser Stelle erlaubt. Plastikabfall genießt ja nun nicht gerade den besten Ruf. Aber in dieser Müllschwundmenge sollen auch Weißblech, Alu und so genannte Verbundverpackungen mit im Spiel sein. Also all das, was wir so täglich in Gelbe Tonnen und Säcke werfen (sollen). Wenn also Müllmagier mit ihren Zaubertricks verantwortlich sind für das circensische Tonnen-Spektakel, bleibt noch die Frage zu beantworten, mit welchen Methoden die Abfall-Illusionisten vorgehen. Handelt es sich um den Bechertrick, das Kümmelblättchen, die vertauschten Glocken oder gar um die Svengaki-Wunderkarten?

Es könnte natürlich auch um spirituelle, metaphysische Bedürfnisse und parareligiöse Erscheinungen drehen: Telepathie, Materialisationsphänomene, Telekinese und Psi-Anomalien sind ja heutzutage keine Seltenheit. Bedrohlicher wäre ein Mephisto-Pakt beim Gelbe Tonne-Eroberungsplan. Dem wollten ja sechs Duale Systeme Einhalt gebieten über den Einsatz von Exorzisten. Im Abfalljargon heißen die Wirtschaftsprüfer. Siehe dazu auch den Beitrag: Der Müllschwund-Spuk und die Zertifikatsbürokratie der Entsorgungswirtschaft: Neue Hindernisse für Recyclingwettbewerb.

Neben der nun aufgeklärten Müllschwund-Verschwörung sollten die Wirtschaftsprüfer über Zertifikate gegen den Teufelspakt von Müllbetrügern vorgehen. Von der Wirkung der Teufelsaustreibung war der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) fest überzeugt: „Mit diesem Zertifikat haben wir ein Instrument entwickelt, das die Fähigkeit besitzt, für Stabilität und Nachhaltigkeit im Verpackungsmarkt zu sorgen“, so BDE-Präsident Peter Kurth. Und nun scheint sich die Branche in einem Teufelskreis zu bewegen. Denn nach dem zauberhaften Bericht der FAZ haben sich zwar sechs Gelbe Tonnen-Sammelunternehmen dem Regime der Müll-Exorzisten unterworfen.

Geholfen hat es nicht. „Wir sehen die Qualitätssicherungsinitiative des BDE als gescheitert an“, sagt Herwart Wilms, der Geschäftsführer von Ekopunkt, nach dem FAZ-Bericht. Denn gemogelt werde offensichtlich ausgerechnet von einigen der Unternehmen, die im BDE die Selbstverpflichtung unterschrieben haben. Aus ihrem Kreis stamme die „weit überwiegende Menge“ der Eigenrücknahme, kritisiert Wilms, der sich dabei auf eine Auswertung durch die BDO-Prüfer beruft. Ein weiteres Engagement in der Verbandsinitiative hält er deshalb für zwecklos. Unter den sechs geläuterten Systemen sollen sich also Abtrünnige bewegen.

Zur Auswahl stehen jetzt also folgende sechs Verdächtige: Duales System Deutschland, Eko-Punkt, Interseroh Dienstleistung, BellandVision, Zentek und Veolia Umweltservice Dual. Bei der Zahl Sechs kommen wir dann sehr schnell zur Hexerei. „Die Bezeichnung für die Zauberei einer Hexe hat eine lange Geschichte, die mit den Bedeutungen der Zahl Sechs – griechisch Hex, meist hexa-, lateinisch sex, verwandt mit dem ägyptischen sexen, ‚umarmen, begatten‘, – zusammenhängt. Die Zahl Sechs symbolisiert die Vereinigung der Dreifachen Göttin mit ihrem den Dreizack tragenden Gemahl und galt deshalb überall als die Zahl der geschlechtlichen Vereinigung. Aus diesem Grund bezeichnet die christliche Kirche die Sechs als ‚die Zahl der Sünde‘.“ Nachzulesen unter Hexenverfolgung und Inquisition.

Der Abfallexperte Sascha Schuh von der Bonner Beratungsfirma Ascon präsentiert im Interview erweitert den Müllschwund-Exkurs mit der Theorie „Die Kritiker der Elche sind selber welche“. Auch er umkreist dabei die Zahl Sechs. Die Diskussion über so genannte Branchenlösungen und Eigen-Rücknahmen, die den Gelben Tonnen das Innenleben aussaugen, sei bigott: 80 Prozent der Branchenlösungen werden von den Dualen System selber betrieben (siehe Interview ab der Minute 16:50). Einer dieser sechs dualen Systeme habe einen großen Anteil an Verkaufsverpackungen aus dem Müllstrom rausgenommen. Hier soll es sich um 125.000 Tonnen handeln.

So eine gigantische Menge könne nur ein Unternehmen bewältigen mit einem entsprechenden Marktanteil in der Entsorgungswirtschaft. Und jetzt sind wir beim Ich sag mal-Blog-Sommerrätsel. Welcher Entsorgungsgigant könnte das sein? Unter den sechs Dualen Systemen gibt es Unternehmen mit mächtigen Müttern, die im Müllsektor unterwegs sind. Für die Auflösung dieses Rätsels spendiere ich die Präsentation eines Münzen-Zaubertricks via Youtube, den ich mir bei meinem Papa abgeschaut habe.

Das gesprochene Wort via iPad: Applikation „WavePad“ im Praxistest @DrMichaelSpehr

Mit großem Interesse habe ich heute den FAZ-Beitrag von Michael Spehr gelesen: „Es gilt das gesprochene Wort“. Hier werden einige Geräte vorgestellt, die sich für unterschiedliche Audio-Einsatzzwecke eignen zu höchst unterschiedlichen Preisen. In ähnlicher Form stand das auch schon im Blog von Spehr. Auf die Geräte gehe ich in dem obigen Video nicht ein, dass sollte man in der FAZ oder im Blogpost nachlesen! Interessant ist die von Michael Spehr empfohlene Applikation „WavePad“. Es macht das iPad zur komfortablen Aufzeichungsmaschine und zählt zur Lieblingsapp des FAZ-Redakteurs.

„Das ultimative Extra dieser Gratis-Software ist jedoch der eingebaute Editor, der sogar das Bearbeiten und Schneiden der Aufnahmen am Tablet PC erlaubt.“ Das geht spielend einfach – siehe mein Praxistest im Video. Die Aufnahme habe ich vor einer roten Tapete gemacht, daher kommt die farbliche Komponente. Ausleuchten wollte ich nicht, da es ja diesmal um Audioaufzeichnungen geht.

Fazit: Audacity ist nicht mehr vonnöten. Das Programm nervt mich schon seit geraumer Zeit. Mit WavePad geht das sehr viel besser – so jedenfalls mein erster Eindruck.

„Der Kontrollverlust darf nicht hingenommen werden“: Äh ja, was wollen Sie dagegen tun, Frau Leutheusser-Schnarrenberger?


In meiner Kolumne für den Fachdienst MarketingIT der absatzwirtschaft beschäftige ich mit dem Ausspruch: „Der Kontrollverlust darf nicht hingenommen werden. “ Das proklamierte trotzig Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. „Als Marshall McLuhan ‚Das Medium ist die Botschaft‘ schrieb, meinte er damit, dass in jeder Technologie zum Ausdruck komme, wie sie den Intellekt der Menschen anregt, welche Sinne sie anspricht und welche Erwartungen sie vernachlässigt. Der Glaube an einen ohnehin nicht mehr aufzuhaltenden Kontrollverlust ist Selbstaufgabe. Der Post-Privacy-Ansatz gibt die falsche Antwort auf die neuen Herausforderungen, denn er setzt auf Gleichgültigkeit und damit letztlich auf intellektuelle Kapitulation. Datenschützer und Verbraucherorganisationen führen auch keineswegs letzte Rückzugsgefechte, sondern bremsen die Datensammelwut von Staaten und Großkonzernen“, führt die FDP-Politikerin aus. Sie seien unverzichtbare Helfer beim Schutz der Bürgerrechte, auch gegen eine vermeintliche technische Übermacht. „Gegen innovative Geschäftsmodelle ist selbstverständlich überhaupt nichts einzuwenden. Wenn aber einige wenige Konzerne wie Google oder Facebook unüberschaubare Datenberge und Informationen über Millionen Menschen anhäufen, aus denen sich Persönlichkeitsprofile erstellen lassen und die tiefe Einblicke in Privates ermöglichen, dann ist das beunruhigend. Die damit verbundene Machtfülle droht sich auf wenige private Großunternehmen zu konzentrieren, die sich grenzüberschreitend betätigen, was eine demokratisch legitimierte Kontrolle immer schwieriger macht“, meint die Ministerin.

Mal abgesehen von den üblichen Plattitüden über vermeintliche Datenkraken aus Übersee, bewegt sich die trotzige Haltung der liberalen Dame zum Kontrollverlust auf Sandkastenniveau. Hinter diesem Wort stecken kein Ziel, keine Programmatik und auch keine Utopie. Es beschreibt schlichtweg die normative Kraft des Faktischen. Die Justizministerin sollte nicht nur Marshall McLuhan lesen, sondern auch die Werke der Systemtheoretiker um den Soziologen Niklas Luhmann. Morgen ab 9 Uhr weiterlesen unter: http://www.marketingit.de/content/news/datenschuetzer-sollten-luhmann-lesen-von-der-trotzigen-verweigerung-des-kontrollverlustes;73956

Guttenberg und das dreifache Meinungsklima

Mit dem Guttenwahn-Drama werden sich die liebwertesten Gichtlinge des Journalismus, der Politikwissenschaft und Demoskopie noch lange beschäftigen. In meiner morgigen Kolumne für „The European“ werde ich mich damit ausführlicher auseinandersetzen. Hier nur ein kleiner Auszug: Eingeübte Politikrituale, wie man sie in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten kennt, funktionieren nicht mehr. Man braucht zum Regieren mittlerweile nicht nur Bild, BamS und Glotze – im Fall Guttenberg müsste man noch Meinungsumfragen hinzufügen. So funktionierten noch die Leitplanken von Altkanzler Gerhard Schröder. Die politische Willensbildung ist durch das Internet schwieriger und unübersichtlicher geworden. „Wir erleben ein Ende der Leitmedien“, so der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im Interview mit WDR 2.

Ein Medium wie Bild könne einen Politiker wie Guttenberg in einer linearen Weise nicht mehr durchsetzen oder halten. Die massive Positivkampagne des größten Boulevardblattes für den baronesken Welterlöser war nicht von Erfolg gekrönt, da man die sich selbst organisierende Web-Öffentlichkeit nicht mehr unter Kontrolle bringt.

„Die Schwarmintelligenz im Netz benötigte gut zwei Tage, um Guttenbergs Dissertation bis auf die Knochen abzunagen. Wie Piranhas“, schreibt Volker Zastrow in einem opulenten und höchst lesenswerten Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Die blitzschnelle Recherche des GuttenPlag Wikis habe auch die Qualitätsmedien des Landes beeindruckt, sie mit Material und der nötigen Entschiedenheit versorgt, meint Pörksen. Und nicht zuletzt die Wissenschaftscommunity auf die Barrikaden gebracht.

Die Netzöffentlichkeit positionierte sich sofort gegen den freiherrlichen Plagiator, erst danach setzten die klassischen Medien nach und zerbröselten die bizarren Scheinwelten des ehemaligen Selbstverteidigungsministers. Insofern hinkt die Verschwörungstheorie der Guttenberg-Fans, die von einer Kampagne der Massenmedien sprechen.

Was erleben wir aber beim Aufstieg und Untergang des adligen Polit-Shootingstars? Bild und BamS scheitern beim Versuch, den erlauchten Minister im Amt zu halten. Die Mehrheit der Deutschen trauert um den Abgang eines Heilsbringers und die Schwarmintelligenz des Netzes entzauberte den Meister der Camouflage. Da müsste man wohl von einem dreifachen oder vielfachen Meinungsklima sprechen. Mehr dazu bitte morgen im Debatten-Magazin „The European“ lesen.

Kopist bleibt Kopist, Herr Minister!

„Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat die Einleitung seiner 2007 veröffentlichten Dissertation aus einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgeschrieben. Der einleitende Absatz der Arbeit deckt sich fast wortwörtlich mit einem am 27. November 1997 in der F.A.Z. erschienenen Text der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig über das Vorbild Amerikas für die Zukunft Europas. Das Zitat ist bei zu Guttenberg weder im Text als solches kenntlich gemacht noch ist Zehnpfennig in der Einleitung als Quelle angegeben. Lediglich im Literaturverzeichnis ist Zehnpfennigs Text aufgeführt. ‚Das ist eindeutig ein bewusstes Plagiat‘, sagte der Dresdner Medienwissenschaftler Stefan Weber im Gespräch mit FAZ.NET“, berichtet FAZ.NET.

Lediglich die Jahreszahl und den Nebensatz am Anfang des Artikels änderte das Doktorchen. Bei Frau Dr. Barbara Zehnpfennig heißt in ihrem Gastbeitrag vom 27. November 1997:

„E pluribus unum“, „Aus vielem eines“ – so lautete das Motto, unter dem vor rund 200 Jahren die amerikanischen Staaten zur Union zusammenfanden, und dieses Motto ist programmatisch zu verstehen.

Hier änderte der summa cum laude-Jurist die Jahreszahl, da er seine Arbeit ein paar Jahre später schrieb. In der Einleitung der Dissertation heißt es im Jahr 2007:

„E pluribus unum“, „Aus vielem eines“ – so lautete das Motto, unter dem vor über 215 Jahren die amerikanischen Staaten zur Union zusammenfanden. Ein Motto, das programmatisch zu verstehen ist.

Das ist doch ein Beweis, dass er den FAZ-Artikel bewusst übernommen hat. Ansonsten hat er in der von der FAZ dokumentierten Einleitung nichts verändert. Er hat diese Passage weder als Zitat noch in indirekter Rede ausgewiesen, oder entsprechende Hinweise auf die Autorin im Text vermerkt. Die Rechtfertigung des Verteidigungsminister geht an den Tatsachen vorbei: „Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus“, sagte er, fügte aber hinzu, er sei aber gern bereit zu prüfen, „ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten“. Dies würde bei einer Neuauflage auch berücksichtigt werden. Wo hätte er denn die Fußnote gesetzt? Er hat ja nicht zitiert, sondern schlichtweg abgeschrieben.

Vielleicht steckt in der Transkription aber auch eine geheime Botschaft, so wie es Botho Strauß in seinem Buch „Die Fehler des Kopisten“ ausdrückte:

„Er habe nichts sagen können außerhalb der Versuche zu verstehen, was vor ihm gesagt (oder geschrieben, gs) wurde.“

Nachtrag: Aus der NZZ am Sonntag soll Gutti sich auch bedient haben.

Die Juristen Hanschmann und Fischer-Lescano werden sich im Fachblatt „Kritische Justiz“ ausführlich zum Opus von Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg äußern. Bleibt spannend.

Die SZ hat das Kopistentum sehr schön interaktiv in Szene gesetzt.

Sehr praktisch, der Plagiatsschieber!

Die besten Tweets zum Thema (hier bewahrheitet sich wieder einmal die Aussage: Gute Twitter-Streams seien wie Lyrik lesbar. Das, was andere Medien überflüssig gemacht haben, kehre also wieder):

http://twitter.com/#!/dasgesetzbinich/statuses/37810088718630912

http://twitter.com/#!/ThomasRHart/statuses/37908397038772224

http://twitter.com/#!/FrogmasterL/statuses/37906969327185920

http://twitter.com/#!/ThomasRHart/statuses/37906921969295360

http://twitter.com/#!/siggibecker/statuses/37906788917583872

http://twitter.com/#!/sascha242/statuses/37939847414947840

http://twitter.com/#!/UliWickert/statuses/37828989766746113

http://twitter.com/#!/Terror_Ticker/statuses/37940839405592576

http://twitter.com/#!/Herr_Schinka/statuses/37940755729358849

http://twitter.com/#!/catapult22/statuses/37940404737286144

http://twitter.com/#!/Uebelkraeh/statuses/37986365350092800

Facebook plant keinen E-Mail-Killer: Zuckerberg will die Aufmerksamkeit der Kunden besitzen

Mangelt es der Berichterstattung über die inszenierten Events von Apple, Google oder Facebook an kritischer Distanz, wie es der Blogger Daniel Fiene vermutet? „Viele spekulierten, ob Facebook ein Googlemail entwickelt. Einige hielten ihren Artikeln zumindest ein Seriösitäts-Feigenblatt vor und berichteten über die Spekulationen rund um den vermeintlichen Googlemail-Killer. Schon in diesen Ankündigungen zeigt sich die verlorene Distanz vieler Journalisten! Wenn der örtliche Verkehrsbetrieb eine neue Buslinie oder neue Fahrzeuge ankündigen will, dann kündige ich diese Pressekonferenz nicht in meinen Nachrichten an. Für Fachblogs ist so etwas nachvollziehbar, aber warum machen das durch die Bank Journalisten von Mainstream-Medien, die sich mit dem Netz beschäftigen? Das ist Hörigkeit und kein Qualitätsjournalismus“, so Fiene. Nun sind aber Gerüchte, Spekulationen oder Vermutungen im Vorfeld von Pressekonferenzen, Produktpräsentationen oder Personalentscheidungen das Salz in der medialen Suppe. Und so unkritisch gehen einige Medien damit gar nicht um. Siehe den FAZ-Kommentar von Carsten Knop „Rote Karte für Facebook“.

Ich selbst habe eine Story für den Fachdienst Service Insiders geschrieben und mich auf die „wahren Ziele“ von Facebook-Chef Mark Zuckerberg konzentriert: Mit dem Projekt „Messages“ will Zuckerberg keinen E-Mail-Killer etablieren, sondern ein Imperium der Aufmerksamkeitsverteilung schaffen, berichtet der Düsseldorfer Fachdienst Service Inside in einer Vorabmeldung. Bereits jetzt verlassen viele Nutzer den Facebook-Mikrokosmos nicht mehr. Der Blogger und Werbeberater Sascha Lobo spekulierte schon Anfang 2009 über den nächsten logischen Schritt von Facebook: Die Entwicklung eines echten eigenen Browsers, „der ganz nebenbei dazu führen würde, dass man die Community überhaupt nicht mehr verlässt”, erklärte Lobo damals.

Aktuell sieht er Google und Facebook als Antipoden: „Google erobert das Internet technisch, also von außen – sie setzen immer neue Features auf und umzingeln damit den Nutzer. Facebook probiert das Gleiche von innen, will das Netz also sozial beherrschen. Der strategische Unterschied: Mit den Produkten von Google kommt man früher oder später auf andere Websites. Die Produkte von Facebook dringen in die Websites von innen ein – wie mit dem Like-Button – und führen hin zu Facebook. Damit es für die Seitenbetreiber attraktiv ist, Facebook in die eigene Seite einzubinden, müssen so viele Menschen wie möglich so oft wie möglich auf und in Facebook sein. So erklärt sich, warum Zuckerberg versucht, die Kommunikation insgesamt auf die eigenen Seiten zu bringen“, sagt Sascha Lobo. Für die logischen nächsten Schritte müsse man identifizieren, was die Nutzer machen, wenn sie nicht auf Facebook sind. „Diese Funktionen werden Schritt für Schritt integriert. Meine Vermutung: ein Bewertungssystem für buchstäblich alles, was im Netz ist – um gleichzeitig die Funktionen von Qype, Yelp und den vielen Bewertungscommunitys à la Holiday Check aufzusaugen“, so der Ausblick von Lobo.

Entscheidend an dem Facebook-Projekt sei nach Ansicht von Bitronic-Chairman Peter B. Záboji nicht die E-Mail-Killer-Funktion. „Zuckerberg möchte sich dauerhaft als Internet im Internet etablieren. Für die Wirtschaft ist das ein sehr attraktives Betätigungsfeld. Denn mit den persönlichen Empfehlungen der Nutzer über die Gefällt mir-Funktion, mit den Fanseiten, die Einfachheit der Benutzerführung und den Netzwerkeffekten kann man auch mit kleinen Marketingbudgets eine Menge Aufmerksamkeit erreichen“, so Záboji. Und wer die wer die Aufmerksamkeit der Kunden besitzt, besitzt den Markt, bestätigt Marketing Resultant-Geschäftsführer Harald Henn: „Facebook ist auf dem besten Weg, Marktführer der Aufmerksamkeit zu werden. Und die Unternehmen müssen radikal ihre Kommunikations-Strategie überdenken, wenn sie nicht von den Kunden entkoppelt werden wollen.“

Wem es gelinge, die immer stärker divergierenden Mediengewohnheiten der Menschen unter einen Hut zu bekommen, wird als Sieger vom Platz gehen, so die Einschätzung von Bernhard Steimel, Sprecher der Smart Service-Initiative. „Ein Werkzeug, das mir die Koordination abnimmt, wen ich wann wie am besten erreichen kann, trifft sicher auf den Bedarf vieler Menschen, die sich von liebgewonnen Kommunikationsmedien nicht verabschieden wollen. Facebook-Messages muss jedoch als das betrachtet werden was es ist: ein weiterer Köder, um die Nutzer noch tiefer in den ‚geschlossenen‘ Facebook-Garten zu locken. Ich glaube nicht, dass dieser Ansatz langfristig von Erfolg gekrönt sein wird. Auch AOL ist es nicht gelungen, ihre Nutzer in der Community zu verhaften, dazu ist das Leben draußen im Internet einfach zu spannend“, resümiert Steimel.

Zu einem ähnlichen Befund kommt ja auch die FAZ: „Facebook startet eigenen Maildienst“, „Facebook will E-Mail neu erfinden“, „Facebook arbeitet an der Ablösung von E-Mail“, so lauteten die Schlagzeilen der meisten Medien. Und die FAZ schreibt dazu: „Entscheidend aber ist: Facebook will die Kommunikation im Internet noch stärker auf sich ziehen, als es das mit seinen mehr als 500 Millionen Nutzern jetzt schon tut.“

Und die Schlussfolgerung im FAZ-Kommentar: „Die Internetgemeinde sollte Facebook für sein neues Angebot die Rote Karte zeigen.“ So unkritisch ist das also nicht – auch wenn diese Meinung nicht teile. Was Zuckerberg anstreb, ist nachvollziehbar. Es liegt an den Konkurrenten, mit besseren Diensten für mehr Wettbewerb zu sorgen und eine Monopolisierung zu verhindern. Google ist mit diesem Ansinnen letztlich auch gescheitert. Also können wir in der nächsten Zeit höchst spannende Feldschlachten der Internet-Giganten erwarten und das ist für die Berichterstattung doch höchst erfreulich.

Eine trollige Verlagsgeschichte

„Ist es denkbar, dass einer der wichtigsten Medienmanager Deutschlands über Monate in diesem Blog unter einer Vielzahl wechselnder Pseudonyme eine dreistellige Zahl von teils irren Kommentaren abgibt, in denen er auf eigene Beiträge verweist, mich und seine Konkurrenz beschimpft, wüste Verschwörungstheorien strickt und seine verschiedenen Identitäten miteinander diskutieren lässt“, fragt sich der Blogger Stefan Niggemeier („Eine systematische Störung“). Es geht immerhin um das Verlegersöhnchen Konstantin Neven DuMont, der im Vorstand der Mediengruppe DuMont sitzt, der unter anderem „Frankfurter Rundschau”, „Berliner Zeitung”, „Kölner Stadtanzeiger” und „Hamburger Morgenpost”, Buchverlage und Radiobeteiligungen gehören. „Es gilt als ausgemacht, dass er das publizistische Erbe seines mächtigen Vaters Alfred antreten soll“, schreibt Niggemeier.

Den Jahreswechsel verbrachte Konstantin Neven DuMont damit, Dutzende Kommentare im Blog von Niggemeier abzugeben, in denen er unter anderem von gefiltertem Brunnenwasser schwärmte, sich vornahm, CO2-Emissionen zu reduzieren und Liebe stärker zuzulassen, und ein Videoblog ankündigte, in dem er politische Lieder und Liebeslieder singt. (Was soll aus diesem Verlag bloß noch werden? gs).

„Nachdem sein Kommunikationsverhalten auch verlagsintern Aufmerksamkeit erregt hatte, war plötzlich Schluss. Am 10. Januar abends erschien noch ein versöhnlicher Kommentar. Es war der letzte, der den Namen ‚Konstantin Neven DuMont‘ trug. Doch auch danach wurden Kommentare abgegeben, bei denen als Absender seine E-Mail-Adresse eingetragen war — keine leicht zu erratende Verlagsadresse, wohlgemerkt. Es spricht viel dafür, dass diese Kommentare auch von seinem Internetanschluss abgegeben wurden“, führt Niggemeier weiter aus.

Im September eskalierte dann die Situation. Der Unbekannte erhöhte dramatisch seine Kommentarfrequenz. „Teilweise gab er an einem einzigen Tag 33 Kommentare ab. Auch die Zahl der verwendeten Pseudonyme nahm dramatisch zu“, so Niggemeier. Allein in den vergangenen sechs Wochen kommentierte er unter über 100 (!) Pseudonymen, die im Blogpost von Niggemeier nachzulesen sind. Teilweise simulierte der Kommentator ganze Dialoge, in denen sich seine verschiedenen Identitäten miteinander unterhielten und gegenseitig bestätigten. Er kündigte drohend an, dass „zahlreiche investigative Recherchen” den „Machenschaften” von Niggemeier auf der Schliche seien.

Noch interessanter ist die Reaktion des Verlagssohnes in einem Interview mit dem Dienst Meedia.

Auf die Frage „Wie ist es Ihnen gelungen, die anonymen Kommentatoren zu überführen?“ antwortet Konstantin Neven DuMont:

„Dank Stefan Niggemeier ist mir das gelungen. Er hat mich auf dieses Problem aufmerksam gemacht.“ Zwei Personen aus seinem Umfeld hätten die Kommentare abgegeben. Er hat sie darum gebeten, keine weiteren Einträge unter seiner Mailadresse zu veröffentlichen.
Sie hatten Zugang zu seinem Rechner. „Im Nachhinein war das natürlich ein Fehler“, so Neben DuMont. Rechtliche Schritte erwägt er nicht.
Er habe noch nie jemanden persönlich angezeigt. Nichtsdestotrotz findet er die Methoden von Stefan Niggemeier bedenklich. Soweit die Antworten.

Ich nehme mal an, dass der Rechner in der Regel im Büro des Verlegers steht. Zwei Personen haben Zugang zu diesem Rechner und können sich dort austoben und fast täglich eine Vielzahl von Kommentaren unter Verwendung von über 100 Pseudonymen im Blog von Niggemeier plazieren und mit sich selbst über Niggemeier diskutieren? Was macht der Verleger in dieser Zeit? Ist er auf dem Klo, in der Kantine, arbeitet er virtuell in seinem Büro, gibt es kein Vorzimmer, kommt jedermann an den Computer des Verlegers, hat er kein Passwort und, und, und? Waren es nur zwei Personen? Waren es enge Mitarbeiter oder Menschen, die einfach zufällig mal hineinspazieren in die heiligen Hallen des Verlages und ein wenig im Netz herumsurfen? Die Replik ist jedenfalls urkomisch. Übrigens auch die direkte Antwort von Neben DuMont an Niggemeier:

„Ulrike Langers These, dass dieser Beitrag Tagesgespräch beim DuMont Verlag werden wird, teile ich ich nicht. Wie gesagt, anonyme Kommentare werden dort nicht ernst genommen.“ Ja aber anonym können diese Kommentatoren doch jetzt nicht mehr sein. Er weiß jetzt, dass es sich um zwei Personen (des Verlages?) handelt, die an seinem Computer fleißig Blogkommentare schreiben. Beispielsweise zum Beitrag „Ein Sandkasten für Konstantin Neven DuMont“. Für den Verlagsflurfunk gibt es also reichlich Diskussionsstoff, da hat Ulrike Lange recht!

Wer bin ich und wenn ja, warum nicht Goethe oder Schiller? ichsagmal.com-Autor schwankt zwischen Goetz, Mayröcker und Freud

Die FAZ hatte mal ein hübsches Tool auf der eigenen Website, um herzufinden, welche Schriftsteller-Persönlichkeit in einem schlummert. Der Möglichermacher-Blogger Andreas Frank hatet mich darauf hingewiesen und einen Text von mir eingegeben. Danach bin ich Rainald Goetz, was mich sehr erfreut. Denn ich schätze sein Werk, vor allem die kritischen und ironischen Tagebuch-Passagen zum FAZ-Herausgeber Fränkieboy Schirrmacher.

Zur Wiederholung der Identitätsprüfung hatte ich zwei Texte ausgewählt, die sich mit dem Neuro-Feuilleton der FAZ beschäftigen.

Erster Text:
Zwischen Luftgitarren und Zauberberg: FAZ-Ostfriese Reents zerstückelt den Netzwerk-Experten Professor Kruse.

Ergebnis:

Rainald Goetz

Zweiter Text:

Netznavigator: Herder statt Schirrmacher.

Ergebnis:

Friederike Mayröcker

Und zur Kontrolle noch einen.

Pöppel pöbelt gegen Facebook: Die ewige Wiederkehr der Schirrmacher-Theoreme im FAZ-Feuilleton.

Ergebnis:

Sigmund Freud

Bin ich jetzt eine multiple Persönlichkeit? Muss ich mir sorgen machen? Eigentlich nicht. Wenn mein publizistisches Werk zwischen Goetz, Mayröcker und Freud schwankt, ist das für den Leser doch wohl immer mit Überraschungen verbunden. Hoffe ich jedenfalls.