Zwölfstündige #StreamingKonferenz zur politischen Bildung am Donnerstag, den 7. Juni! #AktionstageNetzpolitik

Zum Auftakt der „Aktionstage Netzpolitik und Demokratie“ www.netzpolitische-bildung.de am 7. Juni 2018 veranstaltet die Bundeszentrale für politische Bildung von 10:00 bis 22:00 Uhr eine Streaming-Konferenz. Alle Events, Talks und Veranstaltungen an diesem Tag werden live gestreamt und auf einer zentralen Seite gebündelt werden. Zwölf Stunden Interviews, Workshops, Diskussionen und Aktionen zu netzpolitischen Themen bundesweit.

In der Konferenzzentrale im bpb:medienzentrum Bonn (Adenauerallee 86) gibt es während des ganzen Tages starken Kaffee und analogen Austausch. Von dort „schalten“ die beiden Konferenzmoderatoren, der Blogger Gunnar Sohn und bpb-Pressesprecher Daniel Kraft, zu den verschiedenen Veranstaltungen und Workshops im gesamten Bundesgebiet. Es gibt Einspieler, Interviews, Außenreportagen und Kommentierungen. 12 Stunden Livestreaming-Marathon.

Konferenzprogramm (vorläufig)
Am 8. Juni finden Sie an dieser Stelle die Live-Streams der Veranstaltungen bzw. die direkte Verlinkung zu den Übertragungen an anderer Stelle.

10:00 UhrEröffnungBlogger Gunnar Sohn und bpb-Pressesprecher Daniel Kraft 10:10 UhrWas sind die Aktionstage?Talk mit dem Bundeskoordinator der Aktionstage Thomas Erling (Landeszentrale für politische Bildung Sachsen Anhalt) 10:20 UhrSchalte ins Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)Außenreporterin Anna Hoff, bpb 10:30 UhrNetzpolitik und politische BildungMarkus Beckedahl, netzpolitik.org 10:45 UhrJournalismus im Netz – Content Marketing als Herausforderung für JournalismusLutz Frühbrodt, Prof. für Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Uni Würzburg-Schweinfurt 11:00 UhrKI als Hype-Thema für die PolitikChristoph Bieber, Prof. für Politikwissenschaft, Uni Duisburg-Essen

11:30 UhrNetzpolitik und Digitale Bildungwerkstatt.bpb.de 12:00 UhrZwischenrufThomas Krüger, bpb-Präsident

12:15 Uhrbpb:analyse-lunch: Europa, Netzpolitik und DemokratieSabria David (Colloquium European Societies in die digitale Age)Michael Münz, Projektleitung Vorstand beim Gustav-Stresemann-Institut e.V. (GSI) 12:30 UhrWie wird das Thema Netzpolitik und Demokratie in den Medien diskutiert?Andreas Bock und Estland-Korrespondetin, euro|topics 12:45 UhrEuropäische Perspektiven auf DigitialisierungChristian Katzenbach, Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

13:30 UhrHomo Digitalis (BR)Christiane Miethge 14:45 UhrSchalte ins Telekom Cyber Defense ZentrumAnna Hoff, bpb

15:00 Uhr Hate Speech, Troll und Co.: Hass im Netz

16:45 UhrWas ist digitale Beteiligung und wiese sollten wir uns diesem Thema widmen?Jürgen Ertelt

17:45 UhrÜbertragungen aus dem bundesweiten Programm der Aktionstage Netzpolitik und Demokratie
Externe Streams

18:00 Uhr
Internet und DemokratieUniversität Göttingen

18:00 Uhr
Brauchen wir eine Ethik für die digitale Gesellschaft?Tobias Thiel, Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt

18:00 Uhr
Bitcoin & Co. Die Bedeutung von Kryptowährungen für Politik und Banken
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

18:30 Uhr
Netzpolitik und DemokratieLandesbauftrager für politische Bildung Schleswig-Holstein, Referent Markus Beckedahl

18:30 Uhr
TEDxMagdeburg Salon „Bildung im Netz“, TEDxMagdeburg

19:00 Uhr
Wieviel Digitales braucht die Bildung?Johannes Smettan, Arbeit und Leben in Thüringen

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Finale.

Wie unschuldig sind Algorithmen? #D2030 #FutureHubs @FuturICT

Sind Algorithmen unschuldig und neutral, fragen sich Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski in einem Gastbeitrag für die NZZ und zitieren Mark Zuckerberg, der bei der Debatte über die Verbreitung von Fake News erklärte, es sei schlicht „verrückt“ anzunehmen, seine Firma Facebook habe die US-Wahl beeinflusst, sie stelle nur eine „neutrale Plattform“ dar:

„Auch der CEO der britischen Datenfirma Cambridge Analytica (CA), Alexander Nix, betont die Vorurteilslosigkeit der Technik – zuletzt in seinem Vortrag ‚From Mad Men to Math Men'“, schreiben die Autoren.

Erwähnt wird die These der Mathematikerin Cathy O’Neil: Algorithmen seien „in Code eingebettete Meinungen“. Sie repräsentierten die Werte ihrer Programmierer, operierten per se nicht neutral, würden daher häufig Vorurteile reproduzieren – schliesslich werden die ‚Problemlöser‘ selbst zum Problem.

Ähnlich sieht es der KI-Experte Stefan Holtel.

„Nicht die Algorithmen werden in der KI zu vielen Problemen führen, sondern die Vorurteile, die in den Daten stecken.“

Also Vorurteile, die wir alle in die Daten stecken.

Wenn auf dieser Basis die KI-Systeme ihre unermüdliche Arbeit aufnehmen und Entscheidungen vorbereiten oder sogar selbst treffen, kommt ziemlicher Mist dabei heraus. Kunden, die keinen Kredit mehr bekommen, Versicherte, die Prämienerhöhungen hinnehmen müssen oder gar Netzaktivisten, die als potenzielle Störenfriede der Gesellschaft aussortiert werden. Fast alle Daten, die von Black Box-Maschinen verarbeitet werden, sind von Menschen annotiert worden.

„Wir reichern vermeintlich objektive Daten mit unseren Weltmodellen an. Das wird von keinem Algorithmus hinterfragt“, so Holtel.

Konsequenz: Es fällt uns immer schwerer, die Richtigkeit von Datenberechnungen zu erkennen. Das Ganze ist sogar ein paradiesisches Feld für Trickser, Agitatoren, Autokraten und Machtgierige, sich hinter den Ergebnissen der KI-Maschine zu verstecken und die schmutzigen Entscheidungen auf die Algorithmen zu schieben. Etwa beim Scoring aller Bürgerinnen und Bürger in China. Die Führung der Kommunistischen Partei in Peking installiert „korrekte“ Maschinen als Hausmeister für politische Hygiene. Sozusagen eine Beseelung von toten Apparaten: KI-Maschinen sind wie wir, nur perfekter und unfehlbarer. Der manipulierende Maschinist bleibt dabei unerkannt. Die Drecksarbeit übernehmen Algorithmen – vergleichbar mit der unsauberen Arbeit von Consulting-Firmen, die als Alibi für den Rausschmiss von Mitarbeitern in Unternehmen engagiert werden.

„Wir müssen unser Konzept von Vertrauen in Maschinen überdenken und neu bewerten. Das ist keine technische Frage, sondern eine techniksoziologische und gesellschaftliche, die keine objektive Antwort haben wird, sondern in einem normativen Diskurs entwickelt werden muss“, fordert Holtel.

Sonst entsteht so eine Art Maschinen-Paternalismus. Vergleichbar mit der Einführung der Tabellen-Kalkulation.

„Wie haben uns den Ergebnissen ausgeliefert, die von Excel und Co. ausgespuckt werden. Dabei gibt es eine Vielzahl von Studien, die die Fehlerhaftigkeit von Excel-Tabellen belegen. Wenn wir die einfache Konstruktion einer Tabelle schon nicht verstehen oder kritiklos darauf reagieren, werden wir erst recht nicht verstehen, was in der Interaktion mit Algorithmen abgeht“, mahnt Holtel.

Das berühmteste Beispiel ist das Excel-Chaos der Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, die ein Optimum für die Höhe von Staatsschulden als finanzpolitischen Leitfaden den Staatsregierungen ins Ohr gemauschelt haben. Es sei ein großer Fehler, den Maschinen Fähigkeiten wie Rationalität und Unfehlbarkeit zuzuschreiben, bemerkt Holtel:

„Das speist sich aus unseren täglichen Erfahrungen. Niemand rechnet Excel-Tabellen nach. 2007 gab es im Intel-Prozessor einen Hardware-Fehler, der dazu führte, dass Excel falsch rechnete. Es gibt diese systemischen Fehler sehr häufig, aber Menschen sind kaum in der Lage, diese Risiken einzuschätzen.“

Der Diskurs über Künstliche Intelligenz müsse differenzierter geführt werden.

„Wir sollten durch Aufklärung oder Machteliten-Hacking Verantwortung übernehmen, um diesen Diskurs adäquat zu begleiten“, resümiert Holtel.

Auf der Berliner D2030 Zukunftskonferenz am 6. und 7. Juli wird dieser Aspekt sicherlich zur Sprache kommen.

Siehe auch: Sozialingenieure und ihre Steuerungsinstrumente für eine „wohlwollende“ Diktatur

@DirkHelbing über Datendiktatur oder Mitmachgesellschaft?

Peter Thiel, der Politik- und Demokratie-Aussteiger #D2030 #KönigvonDeutschland

Die vornehmste Aufgabe der Libertären besteht nach Ansicht des Vulgärkapitalisten und Trump-Freundes Peter Thiel darin, einen „Ausstieg aus der Politik in allen Formen zu finden“.

„Was nach hehrem Ideal klingt, ist bei Lichte betrachtet nichts anderes als ein Freibrief für Steuerflucht und Verantwortungslosigkeit. Auch der konstruierte Antagonismus zwischen Politik und Technologie, der suggeriert, im Internet herrsche die große Freiheit, trägt zur Verkennung der Lage bei. Die Kommunikationsströme im Netz sind vermachtet, und die großen Player Google, Amazon, Facebook und Apple bestellen das Feld, sie schränken genau jene Wahlfreiheit ein, die Thiel beschwört. Er redet letztlich der Demontage der Demokratie das Wort, die Trump auf seine Weise bearbeitet: Für Gewaltenteilung hat er nichts übrig, die Presse betrachtet er als Feind, er spricht per Twitter zu seiner Gefolgschaft. In Peter Thiel hat er offenbar einen Geistesverwandten gefunden“, resümiert die FAZ.

Die Politik sollte da nicht zur Tagesordnung übergehen.

„Sie muss die Banker und Manager mit der politischen Macht konfrontieren, muss sie als scheinbar Allmächtige entzaubern. Sie muss sie entlarven als jämmerliche Söldner“, fordert der Schweizer Publizist Frank A. Meyer.

Aber wird das reichen? Professor Reinhard Pfriem hat das im Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland verneint. Die Ökonomie sei ein Ausdruck kultureller Verhältnisse, auch was in ihr für wichtig gehalten und wert geschätzt wird.

„Die gleichen kulturellen Strömungen wirken auch auf die Konstellationen der politischen Kräfte ein. Gerade in einem repräsentativen Parteiensystem. Es war die Vorstellung schon immer naiv, daran zu glauben, dass auf dem Weg des Politischen die Akteure zu Maßnahmen gezwungen werden, die sie selbst nicht machen wollen. Das funktioniert nicht. Wenn man sich das Parteiensystem anschaut sowie das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger.“

Man sei vielleicht gattungsgeschichtlich überfordert, die Gratwanderung zwischen Einheit und gemeinsamen Vorgehen sowie Konflikt- und Streitkultur zu bewältigen. Pfriem ist sehr angetan von den theoretischen Arbeiten der belgischen Wissenschaftlerin Chantal Mouffe. „Sie hat den Begriff der Agonistik geprägt. Damit meint Mouffe, dass es möglich sein muss, in der Gesellschaft Streitkultur zu pflegen und sich vom Einheitsbrei zu verabschieden. Konflikte sollten Konflikte zischen Kontrahenten bleiben und nicht Gegenstand von feindlichen Auseinandersetzungen sein. Das scheint extrem schwierig zu sein.“

Ausführlich nachzulesen in meiner Netzpiloten-Kolumne.

Wohlstand für alle, Verteilungsgerechtigkeit und die Zufriedenheit mit dem demokratischen System: Eine Trendanalyse

Wie spielen wirtschaftlicher Wohlstand und die Zustimmung zur Demokratie zusammen?

„Dieser Zusammenhang scheint zwar offensichtlich – die meisten reichen Länder sind Demokratien, die meisten armen Länder nicht –, fraglich blieb aber die Richtung der Kausalität. Der amerikanische Soziologe und Politikwissenschaftler Seymour Martin Lipset erinnerte 1959 an die alte aristotelische Hypothese, nach der Wohlstand die Voraussetzung für den Erhalt der Demokratie ist. Dem gegenüber steht die alternative Sichtweise, dass Wohlstand nicht die Voraussetzung, sondern die Folge von Demokratie und guten Institutionen ist“, so Professor Uwe Sunde, Lehrstuhlinhaber am Seminar für Bevölkerungsökonomie der Uni München, in einem Gastbeitrag für die FAZ.

Die neuere Forschung habe auf Basis statistischer Methoden glaubhafte Evidenz für die zweite Sichtweise gesammelt, die Ursächlichkeit von Demokratie und guten Institutionen.

„So gilt als gesichert, dass ein Haupthindernis für die wirtschaftliche Entwicklung vieler afrikanischer Länder deren mangelhafte Institutionen sind, sprich, dass sie von korrupten Autokraten und Eliten regiert werden“, schreibt Sunde.

Gleichzeitig würden neuere empirische Befunde die bislang herrschende Meinung in Frage stellen, dass eine positive Wirtschaftsentwicklung die Demokratie fördert.

„Überraschenderweise konzentrierte sich diese empirische Debatte jedoch fast ausschließlich auf den Zusammenhang zwischen dem Durchschnittseinkommen und der Qualität der politischen Institutionen, während die Verteilung von Einkommen und Vermögen meist komplett ausgeblendet wurde“, führt Sunde weiter aus und verweist auf den amerikanischen Soziologen Seymour Martin Lipset, der darlegte, dass die Spaltung der Gesellschaft in eine große verarmte Masse und in eine kleine bevorzugte Elite unweigerlich in einer Oligarchie oder Tyrannei enden.

Je größer das Einkommens- und Vermögensgefälle, desto größer seien die Anreize der benachteiligten Gruppen, Politikmaßnahmen für mehr Umverteilung zu ergreifen.

„Gleichzeitig haben die wirtschaftlichen Eliten stärkere Veranlassung, ihr Vermögen durch politische Einflussnahme vor Versuchen der Umverteilung zu schützen. Es liegt also nahe – unter dem Vorwand, dem Land die gebührende Größe wiederzugeben, Unternehmen zu stärken und Arbeitsplätze zu schaffen –, an die politische Macht zu streben, um dort tatsächlich die eigenen Pfründen vor Umverteilung zu schützen und gegebenenfalls (etwa durch Kaufempfehlungen für die Produkte von Unternehmen im Familienbesitz) noch zu mehren, ohne Rücksicht auf die bestehenden Institutionen“, erläutert Sunde.

Höhere Ungleichheit kann sich also negativ auf die bürgerlichen Freiheiten auswirken, und zwar unabhängig von der (demokratischen oder nichtdemokratischen) Regierungsform. Mehr noch, der positive Einfluss der Demokratie auf die individuelle Freiheit werde durch die Ungleichheit verringert und beschnitten.

„Überprüft man diese Hypothese auf Basis der weltweit verfügbaren Daten zu Volkseinkommen, Ungleichheit und institutioneller Qualität (gemessen anhand verschiedener Indizes für wirtschaftliche und bürgerliche Freiheiten) für die vergangenen sechzig Jahre, so findet man in der Tat, dass die Demokratie die individuellen bürgerlichen Freiheiten und die Qualität der wirtschaftsrelevanten Institutionen fördert (vergleiche dazu den eben erschienenen Aufsatz von Kotschy und Sunde: „Democracy, Inequality, and Institutional Quality“, in der European Economic Review 2017). Eine höhere Ungleichheit wirkt sich dagegen negativ aus“, so Sunde. Selbst in Demokratien werde somit die Qualität der Institutionen durch exzessive Ungleichheit erodiert.

Nun muss Sunde gar nicht so sehr in die Ferne schweifen, da es exzellente empirische Befunde über die deutsche Nachkriegszeit gibt. Und es ist dabei wohl ein Glücksfall, dass noch vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (23. Mai 1949) das Institut für Demoskopie Allensbach entstand, nämlich am 16. Juni 1948. Entsprechend reichhaltig ist das Material für politische Trendanalysen. Etwa der Zusammenhang von Demokratie, Marktwirtschaft und Verteilungsgerechtigkeit. Letzteres würde ich unter die Formel des ersten bundesdeutschen Wirtschaftsministers Ludwig Erhard subsumieren: WOHLSTAND FÜR ALLE. So beschrieb es Erhard in einem Tagesspiegel-Artikel im April 1949 noch vor dem Gründungsakt der Bundesrepublik:

„Das Ziel der Sozialen Marktwirtschaft ist abseits von Interessen- und Gruppenwünschen aller Art die gesunde Wirtschaft, die die Existenz des gesamten Volks sichert und jeden nach Maßgabe seiner Leistung am Sozialprodukt der Nation teilhaben lässt.”

Bei der Ausgestaltung dieser Prinzipien in der politischen Praxis ist Ludwig Erhard wohl durch seinen Doktorvater Franz Oppenheimer sehr stark geprägt worden, der eine Professur für Soziologie und Nationalökonomie innehatte. Oppenheimers Vision war, einen „Dritten Weg” zwischen den beiden extremen Positionen des ungebändigten Kapitalismus und dem Sozialismus zu eröffnen. Er entwickelte dazu das Modell des „liberalen Sozialismus”. In der bundesdeutschen Variante war es dann das ordnungspolitische Konzept der Sozialen Marktwirtschaft. Dieser Befund ist wichtig, um die Unterschiede zum Marktradikalismus unserer Zeit und die politischen Folgen für das Demokratie-System zu verorten.

Jedenfalls war der Erfolg der bundesdeutschen Demokratie nicht selbstverständlich. Politikwissenschaftler sprachen sogar von einer „Demokratie ohne Demokraten“. Die Trendreihen von Allensbach untermauern den Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft und ihre Auswirkungen auf die Zustimmung zum demokratischen System der Bundesrepublik Deutschland.

Im Oktober 1948 fragte Allensbach einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung, ob die Befragten der Ansicht seien, dass der Nationalsozialismus eine gute Idee war, die lediglich schlecht ausgeführt wurde. Satte 57 Prozent teilten diese Meinung drei Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes, das ein verwüstetes Land, ein zerstörtes Staatswesen, Tod und Hunger hinterließ. Nur 28 Prozent widersprachen dieser These, 15 Prozent äußerten sich indifferent.

Zwischen Mai 1955 und Mai 1964 wurde von Allensbach gefragt, ob Hitler, hätte der Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden, als einer der größten deutschen Staatsmänner anzusehen sei. 1955 bejahten diese Frage 48 Prozent (!) der Befragten – also fast jeder Zweite, 1961 waren es 30 Prozent und 1964 29 Prozent.

Noch eindeutiger wird die Korrelation zwischen Wohlstand und Zustimmung zum politischen System der Bundesrepublik, wenn man sich die Allensbach-Frage aus dem Herbst 1951 anschaut. Damals gaben 45 Prozent zu Protokoll, dass es nach ihrem Gefühl Deutschland im Kaiserreich vor 1914 am besten gegangen sei. 42 Prozent der Nennungen entfielen auf die Zweit zwischen 1933 und 1939 und nur magere 2 Prozent nannten die Gegenwart, also die damals noch junge Bundesrepublik. Im Dezember 1963 war dieser Wert von 2 auf 62 Prozent angewachsen. Nur noch 10 Prozent entfielen auf die kriegslose Zeit des Nazi-Regimes und 16 Prozent auf das Kaiserreich. Entsprechende Befunde gibt es, wenn nach der Akzeptanz der Sozialen Marktwirtschaft oder der Wirtschaftspolitik von Ludwig Erhard gefragt wurde.

Ganz anders fallen die Ergebnisse der jüngeren Zeit aus. Nach Angaben von Allensbach stieg der Anteil derjenigen, die mehr Risiken als Chancen in der Globalisierung sehen, im Zeitraum der Jahre 1998 bis 2006 von 25 Prozent auf 47 Prozent. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch internationale Umfragen der „British American Tobacco” Stiftung für Zukunftsfragen im Herbst 2007. So bezeichneten sich in Deutschland nur 19 Prozent der befragten Personen als Gewinner der Globalisierung.

Sogar noch vor dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahre 2007 sagte nur noch ein knappes Sechstel der deutschen Bevölkerung, die wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande seien gerecht – so wenig wie nie zuvor in einer Allensbach-Umfrage, die seit 1948 gestellt wurde.

Was sind die Konsequenzen für die Stabilität des demokratischen Systems, wenn man sich Banker, Manager und Silicon Valley-Schnösel wie Uber-Chef Travis Kalanick betrachtet. Ein deftige und diskussionswürdige Antwort liefert der Schweizer Publizist Frank A. Meyer:

„Funktional bildet die Wirtschaft im Grunde genommen einen Gegenpol zur Demokratie.“

Deshalb sei die Politik gefordert. Sie müsse Banker und Manager entlarven: als jämmerliche Söldner.

„Das neoliberale Dogma, wonach es allen gut geht, wenn man alles dem Markt überlässt, ist die Vorstellung vom Abendmahl der Superreichen: Sie setzen sich am üppig gedeckten Tisch. Und je mehr sie haben, desto mehr Brosamen fallen unter den Tisch“, so Meyer.

Das sei die Religion, die uns in den vergangenen Jahrzehnten von Theoretikern wie F. A. Hayek oder Milton Friedman eingehämmert wurde. Vulgärdarwinistisch werde hier für das Recht des Stärkeren plädiert, wie es schon der Faschismus getan habe. Das Fatale sei dieser pseudo-religiöse Glaube, der selbst von jenen hochgehalten wird, die zu den Verlierern dieses Ausleseprozesses zählen – man kann es am Wahlerfolg von Trump ablesen. Es finden mehr Leute die Prinzipien des Marktradikalismus gut, als von ihm ökonomisch begünstigt werden. Das liege nach Ansicht von Meyer an seinen Heilsversprechen. Jeder kann es schaffen. Also das Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär. In Wahrheit will die neureiche Elite unter sich bleiben. Das gilt auch für Donald Trump, dem man das Märchen von dem Ozean der ungeahnten Möglichkeiten in einem abgespeckten Staat anscheinend abnimmt.

„Die Demokratie ist das Gegenteil eines Heilsversprechens. Sie relativiert die Heilsversprechen, indem sie diese in Beziehung setzt zu anderen Heilsversprechen – indem sie den Konflikt der Heilsversprechen untereinander erzwingt, sie unter das Maß der Vielheit, des Pluralismus zwingt“, erklärt Meyer.

Für den anschwellenden Reichtum im entfesselten Kapitalismus ist die res publica eine Gefahr für die auf Kosten der Allgemeinheit erworbenen Privilegien. Entsprechend steigt die Sympathie für autokratische Verhältnisse – man braucht sich nur die Unterstützer von Donald Trump anschauen.

In meiner Freitagskolumne für die Netzpiloten werde ich das vertiefen.

Und dann natürlich auch in der März-Käsekuchen-Runde des Netzökonomie-Campus, die am Freitag, den 24. März in meiner Bibliothek in Bonn-Duisdorf stattfindet.

Jeder kann mitmachen – Open-Space-Prinzip. Anmeldungen via Facebook-Eventseite.

Siehe auch:

Interview mit dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger: „Das hat sich für die Breite der Menschen nicht ausgezahlt“

Blender im Management werden keine Social-CEOs – sie bleiben unter sich

Niedergang der Demokratie – Warum Populismus nicht die Ursache ist