Abschied von der Agora? Warum die Web-Monopolisten nach Zensursula stinken

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Das Netz ist wohl das komplexeste Gebilde in der Geschichte der Menschheit, eine Kraft der Veränderung, die es mit dem Buchdruck mindestens aufnehmen kann. Aber was dominiert die sozialen Netzwerke? Semantischer Dünnpfiff. Täglich liest man Postings über Empfehlungsmarketing, Guideline-Bullshit-Points, Tools, kanalübergreifendes Berater-Latein und So-werden-Sie-ein-Social-Media-Sieger-habe-leider-aber-nur-100-Follower-Weisheiten.

Dabei gibt es netzpolitisch einiges zu disputieren, fernab von den aseptischen Dampfplaudereiern der Beraterindustrie. Etwa die Frage von Wau Holland, Mitbegründer des Chaos Computer Clubs:

„Wem gehören unsere Daten?“

Und können Konzerne wie Facebook, Google, Apple oder Microsoft damit machen, was sie wollen? Können mich die Web-Giganten wie Daten-Vieh herumschupsen, mir sittenwidrige Nutzungsbedingungen aufdrücken und mich willkürlich mit der Sperrung meiner Accounts bestrafen? In meinem Beitrag „Stand-by geschaltetes Kontrollgremium des Kleingedruckten: Microsoft und die Cloud-Zensur“ bin ich auf einen aktuellen Fall ausführlich eingegangen. .

Das riecht nach Zensursula. Das stinkt nach Staat im Staate. Das müffelt nach Selbstjustiz und Willkür. Es wird Zeit, dass sich das Verfassungsgericht, der EuGH und von mir aus die UNO damit beschäftigen und diesem arroganten Treiben der Technologie-Konzerne ein Ende bereiten. In etwas anderer Deutung verlaufen sonst Entscheidungen über das Ende einer virtuellen Existenz nach dem Motto: Legal, illegal, scheißegal. Deshalb wiederhole ich mein Plädoyer aus dem vergangenen Jahr: Die digitale Existenz wird immer mehr zum Menschenrecht, das es zu schützen gilt.

Notwendig wäre wohl auch eine breitere Debatte über die politische Netzneutralität von Infrastrukturanbietern wie Google, Apple, Facebook oder eben Microsoft – denn auch Cloud-Dienste zähle ich zur Infrastruktur des Netzes. Es geht dabei nicht um die Frage nach dem gleichberechtigten Transport von Datenpaketen, sondern um die Zurückhaltung von Konzernen in politischen, moralischen und ethischen Angelegenheiten.

„Von der kalifornischen Idee der elektronischen Agora und der Befreiung von staatlichen Hierarchien und privaten Monopolen verabschieden wir uns gerade“, kritisiert Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies.

Und auch Stahl wundert sich, dass dieses Thema nicht ganz oben auf der Netzpolitik-Agenda steht.

Dabei hatte 1994 Keven Kelly in seinem Buch „Out of Control“ postuliert, dass wir eine Ära der dezentralen Organisationen erleben werden. Auch der Futurologe Toffler irrte. Im Cyberspace werde ein Markt nach dem anderen von einem natürlichen Monopol in einen verwandelt, in dem Wettbewerb die Regel ist.

„Das Internet hat bis jetzt aber nur einen dominanten Einzelhändler: Amazon. Einen dominanten Markt für Musik und Filme: iTunes. Ein dominantes Auktionshaus: Ebay. Ein dominantes Social Network: Facebook. Und eine dominante Suchmaschine: Google. Und nicht zu vergessen die Tochter Youtube als dominante Plattform für Videos. Ein freies und offenes Netz sieht anders aus“, schreibt Stöcker in seinem Buch „Nerd Attack“.

Mit einer Verstaatlichung werden wir das Problem allerdings nicht lösen:

„Ein privates Monopol durch ein staatliches zu ersetzen, ändert nichts an der Tendenz zu Machtmissbrauch, Anmaßung und Kunden-Missachtung. Das dürfte jedem noch bekannt sein aus den Zeiten des Telefonmonopols der Deutschen Post mit dem legendären Werbespruch ‚Fasse Dich kurz‘. Auch ist der Staat als Hüter des Datenschutzes nicht gerade ein verlässlicher Partner. In der Telekommunikation hat man die Monopole mit so genannten Peering-Technologien gebrochen. Ähnliches muss jetzt auch im Internet geschehen – beispielsweise über semantische Portale. Wir müssen wieder für eine multipolare Welt des Wettbewerbs und der Ideen im Netz sorgen”, erläutert Stahl.

Ansonsten bekommen wir eine keimfreie, schöne, saubere digitale Shopping-Mall, mit Sicherheitsexperten, Moralwächtern und klaren Regeln, die uns irgendwelche Konzern-Hohepriester vorschreiben und dabei mit den staatlichen Überwachungsbehörden Schulter an Schulter zusammenarbeiten.

Zuckiboy und Co. sollten aber einen kleinen Punkt nicht vergessen: Meine Daten gehören mir und wenn diese Bubis so weitermachen, werde ich bissiger.

In meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin “The European” möchte ich das noch einmal aufgreifen. Anregungen sind wieder hoch willkommen. Entweder hier als Kommentar posten oder per Mail an: gunnareriksohn@gmail.com

Und natürlich ist es Schwachsinn, dass man psychisch krank sei und keinen Job bekomme, wenn man ohne Facebook-Profil auskommt. In solchen Studien geht es selten um Ursache und Wirkung. Auch diese “Forscher” sehen die Bäume vor lauter Wald nicht.

Siehe auch:
PORNO-VERBOT IN MICROSOFT-CLOUD.

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2 Gedanken zu “Abschied von der Agora? Warum die Web-Monopolisten nach Zensursula stinken

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